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Archiv für Februar 10th, 2009

The Guard Post – Der Feind ist die Dunkelheit

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Februar 2009

The Guard Post – Der Feind ist die Dunkelheit

Originaltitel: GP 506 (Südkorea 2008)
Regie: Kong Su-chang
Drehbuch: Kong Su-chang u. Pil Yeong-woo
Kamera: Kim Seong-hwan
Schnitt: Shin Min-kyung
Musik: Choi Seung-hyun
Darsteller: Chun Ho-jin (Sergeant Major Noh Seong-gyu), Cho Hyun-jae (Lieutenant Yoo Jeong-woo), Lee Young-hoon (Doktor), Lee Jeong-heon (Corporal Kang Jin-won), Do Byeong-Cheol, Choi Kyoo-Hwan, Jo Jin-woong, Kim Byeong-cheol, Koo Seong-Hwan, Lee Cheol-hee, Moon Jae-won, Park Hyeong-jae, Park Won-sang, Shin Hyeong-tak, Son Byung-ho, Yang Gi-won, Yeo Min-gyu  u. a.
Label: I-On Media (www.ionnewmedia.de)
Vertrieb: Splendid Entertainment (www.splendid-entertainment.de)
Erscheinungsdatum: 22.12.2008 (Leih-DVD) bzw. 30.01.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 7321925017892 (Leih-DVD) bzw. 4260034632127 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 120 min.
FSK: Keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Die entmilitarisierte Zone zwischen den beiden verfeindeten koreanischen Staaten wird auf beiden Seiten durch schwer befestigte Grenzforts gesichert. Jeweils drei Monate leisten dort Soldaten ihren Wachdienst; eine öde Aufgabe, denn die Posten liegen von allen zivilisatorischen Annehmlichkeiten weit entfernt in der Wildnis.

Als Grenzfort GP 506 sich nicht mehr über Funk meldet, schickt das Hauptquartier einen Sicherungstrupp. Die Männer entdecken 19 verstümmelte Leichen – und mit einer blutigen Axt in den Händen den offenbar geistig verwirrten und stummen Corporal Kang, der seine Überwältigung nur kurz überlebt.

Da GP 506 vom Sohn eines Generals kommandiert wurde, soll die Tragödie aufgeklärt werden, damit man sie anschießend besser vertuschen kann. Die Armee setzt Sergeant Major Noh Seong-gyu als Ermittler in Marsch. Er hat eine Nacht Zeit, das Rätsel zu lösen.

Noh ist ein gründlicher, der Wahrheit verpflichteter Mann. Protokolle, Tagebücher und Filmaufnahmen liefern ihm Indizien, aus denen er das Geschehen zu rekonstruieren versucht. Offensichtlich haben einige Grenzposten den Verstand verloren und sind über ihre Kameraden hergefallen. Als Noh entdeckt, dass die Mannschaftsstärke von GP 506 eigentlich 21 Männer betrug und demnach eine Leiche fehlt, lässt er den riesigen Festungskomplex noch einmal gründlich durchsuchen. In einem Versteck wird ein Soldat entdeckt, der sich als Kommandant Yoo Jeong-woo zu erkennen gibt. Er weigert sich zu reden, obwohl er eindeutig weiß, was in GP 506 vorgeht.

Als erste Soldaten der Sicherungstruppe Zeichen einer unbekannten Krankheit zeigen und sich irrational benehmen, erfasst Noh, dass auch er und seine Begleiter in die Falle gegangen sind. Aus Besorgnis wird nackte Panik, grausige Morde werden begangen. In ihrer Angst wollen die Soldaten flüchten, doch genau das muss Noh notfalls mit Gewalt verhindern, damit das Verhängnis sich nicht weiter ausbreiten kann …

Der Spuk-Bunker im Geister-Dschungel

„The Guard Post“ ist eine klassische Geistergeschichte im modernen Ambiente. Geschickt wählte der Regisseur und Drehbuchautor einen Schauplatz, der sich dafür förmlich anbietet – eine einsam gelegene, streng isolierte Festung mit unzähligen Gängen und Kavernen: die logische Jetztzeit-Inkarnation des alten Spukschlosses. Flucht ist unmöglich, Hilfe wird nicht rechtzeitig eintreffen. Die Insassen von GP 506 schmoren buchstäblich im eigenen Saft. Das klingt aussichtsreich, doch da gibt es eine Klippe.

Asiatische Filme sind für den westlichen Zuschauer nicht immer eine Freude. Zwar inhaltlich und formal oft innovativ, irritieren sie durch spezielle Darstellungsweisen, die u. a. von den Schauspielern in emotionalen Szenen eine stilisierte, das Gefühl dramatisch und drastisch übertreibende Darbietung fordert. Dies wird durch pathetische Musik gefördert und erzeugt einen Gesamteindruck, der – wieder aus westlicher Sicht – vor allem für einen Horrorfilm tödlich ist: Was das asiatische Publikum ergriffen schlucken lässt, wirkt auf die europäischen Zuschauer lächerlich.

Dass dieser Aspekt zum grundsätzlichen Problem werden kann, bewies beispielsweise der ebenfalls in Südkorea entstandene Horrorstreifen „Gwoemul“ (2006; ‚dt.‘ „The Host“), dessen an sich effektvoll erzählten Geschichte auf diese Weise ein dicker Knüppel ins Getriebe geworfen wurde. Auch Kong Su-chang kann in diesem Punkt seine kulturellen Wurzeln nicht verhehlen, doch er macht es – soviel sei vorgeschickt – besser.

Die doppelte Geistergeschichte

Alfred Hitchcock hätte „The Guard Post“ nicht gefallen. Mit „Stage Fright” (1950; dt. „Die rote Lola“) hatte er es gewagt, die Zuschauer mit einer Rückblende zu konfrontieren, die sich als Lüge erwies – und war auf die Nase gefallen. Das ist kaum verwunderlich, denn es ist so einfach, das Publikum auf diese Weise zu täuschen, dass es sich stillschweigend darauf verlässt, von einem zuverlässigen Regisseur nicht mit einem solchen Trick abgespeist zu werden.

Kong Su-chang muss diese Lektion erst lernen. Die Hälfte der Filmhandlung besteht aus Rückblenden. Sie reflektieren, was Ermittler Noh nach und nach in Erfahrung bringt. Auf diesem Niveau funktionieren die Bilder aus der Vergangenheit gut; der Zuschauer akzeptiert, dass „The Guard Post“ ein Puzzle ist, das erst allmählich zusammengesetzt wird. Vergangenheit und Gegenwart gehen unmerklich ineinander über.

Wäre da nicht die Tatsache, dass Kong ‚lügt‘: Viele Szenen zeigen eine Vergangenheit, die auf falschen Aussagen beruht. Jetzt wird es verwirrend, denn der Regisseur öffnet eine dritte Erzählebene: Die ‚falsche‘ Vergangenheit wird korrigiert und läuft noch einmal ab. Hier heißt es sehr aufmerksam zu bleiben, um den Faden nicht zu verlieren. Der Einsatz lohnt nur bedingt, denn diese Passagen sind es, die dem Film sein Tempo rauben und die Geschehnisse unnötig in die Länge ziehen.

Die Methoden der Schreckens

Obwohl „The Guard Post“ ein Film mit niedrigem Budget ist, macht sich dies nie negativ bemerkbar. Kong ist ein Profi, der weiß, wie er im Rahmen seiner Möglichkeiten das Optimale erreicht. Seine Regie ist nicht innovativ aber effektiv. Licht und Schatten werden einfallsreich eingesetzt; sie unterstützen ein Grauen, das ganz klassisch die Dunkelheit vorzieht. Was man nicht oder nur schlecht sehen kann, wirkt erst recht erschreckend. Im Labyrinth der Grenzstation erweist sich einmal mehr, wie eindrucksvoll diese Erkenntnis umgesetzt werden kann.

Was die Spezialeffekte angeht, verdient Regisseur Kong ein weiteres Lob. Obwohl er mit Blut, Eiter und Hirnmasse nie geizt, ist „The Guard Post“ kein Splatter. Kong ist konsequent; eine Haltung, die das Mainstream-Kino oft vernachlässigt: Die Geschichte, die hier erzählt wird, benötigt drastische Effekte. Also werden sie geliefert, ihre Qualität ist makellos, aber sie wirken nie übertrieben. Wenn Menschen mit Lastwagen überfahren oder mit Schnellfeuergewehren beschossen werden, hat das auf Köpfe und Leiber gewisse Auswirkungen …

Die Ruhe vor dem Sturm

Beglückwünschen darf sich Kong für die Wahl des Schauspielers Chun Ho-jin. Er ist rundum überzeugend in der Hauptrolle des Noh Seong-gyu. Nicht nur äußerlich fällt die Ähnlichkeit zum US-Kollegen William Petersen auf. Auch in seiner ruhigen oder besser beherrschten, einen vielschichtigen Charakter verbergenden Darstellung wirkt Chun wie der koreanische Bruder von Gil Grissom. Wie dieser ist er ein Eigenbrötler und Querdenker, was in einem militärischen Umfeld für gefährliche Spannungen sorgt, die Noh um der Wahrheitsfindung willen jedoch in Kauf nimmt.

Auf die Supertechnik des „CSI“-Labors muss Noh freilich verzichten. Er habe einige gerichtsmedizinische Seminare besucht, teilt er dem Doktor mit, der ihn aber dennoch zum Tragen von Gummihandschuhen überreden muss, nachdem er Noh dabei entdeckt, wie er blutige und verwesende Leichen mit bloßen Händen untersucht. Mit Nachdenken und Geduld nähert sich Noh der Lösung; ein deutlicher Kontrast zu den Soldaten, in deren Gesellschaft er sich bewegt und zu denen er nominell gehört. Sie wurden gedrillt zu agieren, was in der Ausnahmesituation, in der sie sich in GP 506 wiederfinden, in blinden und selbstmörderischen Aktionismus ausartet.

Das verhängnisvolle letzte Drittel

Das Soldatenleben ist nirgendwo auf der Welt ein Zuckerschlecken. In der südkoreanischen Armee ist es offensichtlich besonders hart. Regisseur Kong ist kein Freund des Militärs. Kameradschaft lebt in GP 506 nur so lange, wie der Dienst Routine bleibt. Die Disziplin ist streng, die interne Hackordnung brutal. Was eine kampfstarke Gemeinschaft hervorbringen soll, erweist sich in der Krise als nutzlos. Blindlings schießen die Männer in die Schatten, aber noch lieber wollen sie flüchten.

Unter ihren Vorgesetzen finden die Soldaten keine Vorbilder. Der Kommandant des Grenzpostens entpuppt sich als vom Generalsvater protegierter, konfliktscheuer Jasager, dem die Karriere über das Wohl seiner Männer geht. Aus dem Hauptquartier hört man nur Funksprüche, die das Funktionieren von GP 506 fordern. Der Doktor, ein Intellektueller, hat innerlich längst gekündigt und verhält sich entsprechend lustlos.

Leider hält Kong diesen Wirklichkeitsnähe nicht bis ins Finale durch. Im letzten Drittel wird es doch pathetisch. Nachdem das Rätsel hinter den grausigen Toden gelöst ist, hört „The Guard Post“ noch längst nicht auf. Aus dem Gruselfilm wird ein Soldatendrama um Pflicht und Verrat. Entsprechende Reden werden gehalten, und als das nicht fruchtet, schießen Helden und Feiglinge in Zeitlupe und musikalisch untermalt aufeinander, bis Blut und Fleischfetzen in aller Richtungen spritzen, und halten dennoch die Abzüge wacker weiter durchgedrückt.

Das Ende selbst hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, weil die asiatische Mentalität hier eine unschöne Nähe zu einem angeblich typisch deutschen Wesenszug aufweist: Es nicht darum, das Problem GP 506 zu lösen und die Überlebenden in Sicherheit zu bringen. Noh will nur das Problem lösen und sieht Überlebende dabei ausdrücklich nicht vor: Der vordergründig heldenhafte Tod im Dienst des Volkes sorgt für das Ende der Bedrohung. Dass die vom Grauen infizierten Menschen nicht sterben wollten, disqualifiziert sie noch im Tod als Feiglinge ab.

Dieses letzte Drittel fügt dem ansonsten günstigen Gesamteindruck großen Schaden zu, wobei man diese Aussage vor der Prämisse sehen muss, dass „The Guard Post“ ein Film ist, der anfangs sehr viel verspricht und dies zunächst erfüllt. Ungeachtet der  Fehler ist dies trotzdem ein interessanter und unterhaltsamer Film. Er reicht nicht an „R-Point“ heran, mit dem Kong Su-chang 2004 schon einmal einen Horrorfilm im Militärmilieu inszenierte. Das Anschauen lohnt sich dennoch, bevor uns Hollywood erneut unter einer Flut drittklassiger Fortsetzungen und Remakes begräbt …

DVD-Features

Gleich 3 Trailer stimmen auf den Hauptfilm ein. Verheißungsvoller sind die Features, die fast eine Stunde laufen und über verschiedene Aspekte der Dreharbeiten in und um Seoul informieren. Zu einem „Making Of”, das primär Impressionen von den Arbeiten vor und hinter der Kamera zeigt, kommen Kurzberichte über den Aufbau der Wachstation GP 506 (deren überirdische Bauten im Maßstab 1 : 1 als Komplettkulisse errichtet wurden, während die ausgedehnten inneren und unterirdischen Einrichtungen mit bemerkenswerter Detailtreue im Studio entstanden) sowie die Entstehung der Spezialeffekte; bei der Sichtung dieser Featurette würden US-amerikanische Filmemacher vermutlich in helles Entsetzen ausbrechen, da sich die koreanischen Schauspieler unerschrocken ins explosive Getümmel stürzen und dabei nicht ohne Blessuren bleiben.

Die Freude über solche Hintergrundinfos hält sich indes in Grenzen, da die Features weder übersetzt noch untertitelt wurden. Der koreanischen Sprache dürften nur wenige deutsche Zuschauer mächtig sein. So muss man sich zusammenreimen, was einem da gerade vermittelt werden könnte. In der Regel klappt das, doch wenn sich Crewmitglieder und Darsteller im Interview äußern, muss man passen … [MD]

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The Guard Post – Der Feind ist die Dunkelheit

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Verband der deutschen Filmkritik kooperiert mit der Filmempfehlungs-Community moviepilot.de

Erstellt von Detlef Hedderich am 10. Februar 2009

Verband der deutschen Filmkritik kooperiert mit der Filmempfehlungs-Community moviepilot.de

- Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) unterstützt im Internet das Angebot der Filmempfehlungs-Community moviepilot
- VdFk verleiht am 10. Februar in Berlin den Preis der deutschen Filmkritik

Berlin, 10. Februar 2009 – Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFK) und die Filmempfehlungs-Community moviepilot.de machen in Zukunft gemeinsame Sache. Im Rahmen der Kooperation bietet moviepilot den Mitgliedern des Kritikerverbandes eine Online-Plattform, um Auszüge ihrer Rezensionen einer noch breiteren Leserschaft zugänglich zu machen und strukturiert zu archivieren. Moviepilot reichert seine Filmdatenbank im Gegenzug um Empfehlungen und Bewertungen einiger der einflussreichsten Filmkritiker an.

Moviepilot versammelt bislang über 60.000 Filmkritiken und 3.5 Mio. Filmbewertungen im Netz – zu aktuellen Filmen, wie auch zu Klassikern und Arthouse-Perlen. Durch die Kooperation mit dem VdFk und das Engagement seiner Mitglieder wird diese Zahl nun noch weiter steigen. Mitglieder der Community können auf einen Blick sehen, welchem Kritiker ihr Filmgeschmack am ähnlichsten ist. Neben diesem umfangreichen Kritikerspiegel gibt es auch die Möglichkeit, auf Basis des eigenen Geschmacks personalisierte Empfehlungen zu erhalten, die genau auf die eigenen cineastischen Vorlieben zugeschnitten sind.

Karsten Kastelan, stellvertretender Geschäftsführer vom Verband der deutschen Filmkritik: „Ich freue mich, dass wir mit moviepilot zusammenarbeiten, denn auch jenseits der direkten Kooperation finden sich viele Berührungspunkte zwischen uns und dem Angebot von moviepilot. Die professionelle Filmkritik findet dort eine wichtige Plattform, um ein breit gefächertes Publikum zu erreichen. Auch für viele Kritiker ist die Seite ein gern genutztes Werkzeug, um sich schnell über Filme und Rezensionen zu informieren.”

Tobias Bauckhage, Geschäftsführer der moviepilot GmbH in Berlin, ergänzt: „Wir verfolgen mit moviepilot das Ziel, das Filmwissen von vielen Filmbegeisterten an einem Ort zu sammeln und es jedem Mitglied der Community über unsere Empfehlungsfunktionen wieder zugänglich zu machen. So kann jeder Filmfan auf Basis seines ganz persönlichen Geschmacks Filme für sich entdecken, die ihm gefallen werden. Das gebündelte Filmwissen der Filmkritiker ist für unsere User daher natürlich besonders wertvoll.”

Über moviepilot:
moviepilot.de ist eine kostenlose Filmempfehlungs-Community, bei der Filmfans Filme bewerten können und daraufhin persönliche Filmtipps für ihr Kino-, DVD- und TV-Programm erhalten. Auch eine ganze Reihe prominenter Filmbegeisterter sind bereits Mitglied der Community: Filmschauspielerin Heike Makatsch (“Hildegard Knef”), Robert Stadlober (“Krabat”) oder Til Schweiger (“Keinohrhasen”) genau wie namhafte Filmkritiker wie Knut Elstermann (Radio Eins), Rüdiger Suchsland (u.a. FAZ) oder Hanns-Georg Rodek (Die Welt). Interessenten an einem Kritikerprofil bei moviepilot können sich gern an Ines Walk (ines@moviepilot.de) wenden.

Über VdFk:
Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) ist ein Interessenverband von Filmjournalisten, Filmwissenschaftlern und Filmhistorikern, die in Presse, Funk und/oder Fernsehen tätig sind. Seit 1954 vertritt er die Interessen deutscher Filmkritiker und ist mit seinen mehr als 250 Mitgliedern die größte nationale Sektion innerhalb der internationalen Filmkritiker-Vereinigung Fipresci. Die Mitglieder des VdFk entscheiden jährlich über den „Preis der deutschen Filmkritik”, den der VdFk in den Sparten Regie, Debütfilm, Darsteller, Darstellerin, Buch, Bildgestaltung, Kamera und Musik sowie Kurz-, Dokumentar- und Experimentalfilm vergibt. Die diesjährige Preisverleihung findet im Rahmen der Berlinale am 10. Februar statt. Alle Informationen zu den Gewinnern und Bildmaterial zur Preisverleihung werden am 11. Februar auf veröffentlicht.

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All the Boys Love Mandy Lane

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Februar 2009

All the Boys Love Mandy Lane

Originaltitel: All the Boys Love Mandy Lane (USA 2006)
Regie: Jonathan Levine
Drehbuch: Jacob Forman
Kamera: Darren Genet
Schnitt: Josh Noyes
Musik: Mark Schulz
Darsteller: Amber Heard (Mandy Lane), Anson Mount (Garth), Whitney Able (Chloe), Michael Welch (Emmet), Edwin Hodge (Bird), Aaron Himelstein (Red), Luke Grimes (Jake), Melissa Price (Marlin), Adam Powell (Dylan), Peyton Hayslip (Tante Jo), Brooke Bloom (Jen), Robert Earl Keen (hilfsbereiter Trottel) u. a.
Label: Senator Home Entertainment (www.dvd.senator.de)
Vertrieb: Universum Film (www.universumfilm.de)
Erscheinungsdatum: 07.01.2009 (Leih-DVD) bzw. 09.02.2009 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4013575541294 (Leih-DVD) bzw. 0886971661095 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Irgendwo an einer Highschool in Texas: Ausgerechnet Emmett, der allseits unbeliebte und gemobbte Schul-Freak, hat sich mit der wunderschönen Mandy Lane angefreundet. Sie ist das Ziel der sexuellen Sehnsüchte aller männlichen Schüler. Doch bisher konnte noch niemand Mandy erobern, und die Freundschaft mit Emmett endet, nachdem dieser den angetrunkenen Football-Hengst Dylan in eine schlau gestellte und tödliche Falle tappen ließ, als dieser ihn wieder einmal öffentlich demütigte.

Neun Monate später versucht Mandy offenbar Anschluss an die angesagte Clique ihrer Schule zu bekommen. Dort hat man schon auf sie gewartet. Kiffer Red, Sohn reicher Eltern, lädt sie und seine Freunde Chloe, Bird, Jake und Marlin auf die elterliche Farm im texanischen Hinterland ein. Dort will er sie endlich „knacken“. Auch Bird und Jake hegen entsprechende Pläne, die von Chloe und Marlin – denen es ebenso erging – gebilligt und unterstützt werden.

Aber Mandy ziert sich weiterhin, was ihre Bewunderer allmählich wütend werden lässt. Bevor sie drastische Maßnahmen ergreifen können, taucht in der Nacht indes ein Killer auf: Es ist Emmett, der die Trennung von Mandy nicht ertragen kann. Er läuft Amok und plant Red und seine verhasste Clique auszurotten, um sich anschließend selbst umzubringen.

Einige Leichen später werden die jungen Leute auf die Bedrohung aufmerksam. Ihnen zur Seite steht Verwalter Garth, ein Ex-Marine, der freilich dem listigen Emmett nicht gewachsen ist. Die rapide an Zahl abnehmende Clique muss sich ihrem irren Verfolger stellen, der mit Flinte, Machete und anderen Mordinstrumenten in der Dunkelheit lauert …

Die Schöne und die Biester

Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, so ist dies womöglich die Highschool US-amerikanischer Prägung. Zumindest im Hollywood-Film erweist sie sich als Stätte einer erbarmungslosen sozialdarwinistischen Auslese, auf deren Gewinner quasi königliche Privilegien warten, während die Verlierer im gesellschaftlichen Abseits enden – oder im Wahnsinn, was aufgrund der laxen Waffen-‚Gesetze‘ im „land of the free“ katastrophal enden kann.

„All the Boys Love Mandy Lane“ stellt zeitgemäß keinen überlebensgroßen, unbesiegbaren, grotesk maskierten Schlitzer vom Schlage eines Jason Vorhees oder Michael Myers in die Schurkenrolle. Schon nach kurzer Zeit enthüllt Regisseur Jonathan Levine das Gesicht des Mörders: Zum Vorschein kommt keine Fratze, sondern ein junger Mann – Emmett, der sich in einen jener Amokläufer verwandelt hat, die spätestens seit dem Columbine-Massaker von 1999 nicht nur in den USA den realen Schrecken des modernen Alltags zugesellt haben.

Als solcher tötet Emmett nicht, weil ihm eine jenseitige Macht dies gebietet. Der Ursprung seines Ingrimms ist überaus irdisch: Er konnte dem höllischen Druck seines Milieus nicht standhalten. Wie sollte ihm dies auch gelingen, wo selbst diejenigen, die an der Spitze der Highschool-Nahrungskette stehen, ihren Preis zahlen müssen?

In diesem Punkt verlässt Levine endlich einmal ausgefahrene Geleise. Red und seine Clique sind alles andere als eine harmonische Gruppe. Sie, die Schönen und Reichen, herrschen über ‚ihre‘ Highschool, was ihnen jedoch genug Zeit lässt sich selbst zu zerfleischen. Dabei geht es erbarmungslos zu; jeder kommt an die Reihe. Freundschaft geht nahtlos in Konkurrenzkampf über. Sex ist kein Vergnügen, sondern Mittel zum Zweck und Waffe. Chloe und Mandy sind sich nicht zu schade, sich bei der Jagd auf Mandy instrumentalisieren zu lassen; die Anwesenheit der ‚Freundinnen‘ soll sie in Sicherheit wiegen, während ihre Entjungferung längst beschlossene Sache ist und Mandy, die Überirdische, endlich zu einer von ihnen herabwürdigen soll. Das Spiel um Macht, das sie am Leben halten, hat die Clique ganz und gar vereinnahmt. Manchmal lässt Levine die Maske verrutschen. Dahinter kommt echtes Elend zum Vorschein: Nicht grundlos flüchten sich Red und Chloe in Drogenkonsum oder nehmen Beruhigungsmittel, während die anderen Mitglieder der Clique Alkohol vorziehen.

Fast eine Dreiviertelstunde nimmt der Film sich Zeit, diese Konstellationen vorzustellen und durchzuspielen. Das ist viel Aufwand, der sich nur bedingt lohnt: Was Levine deutlich machen möchte, hat der Zuschauer bald begriffen, und dann wird’s langweilig, weil es sich zu wiederholen beginnt. Endlich beginnt das Morden, das als überfällige Abwechslung begrüßt wird. Leider fällt Levine in Sachen Splatter rein gar nichts Neues ein. Halbherzige Brutalitäten werden die Freunde des plakativen Meuchelns enttäuschen, während es für die Vertreter der psychologischen Spielart des Grauens, das sich eher im Kopf abspielt, zu rabiat zugehen dürfte.

Das reine Objekt der Begierde

„All the Boys Love Mandy Lane“ steht und fällt mit der Titelrolle, um sie kreist das Figurensystem dieses Films. Mandy Lane muss als perfekte Highschool-Schönheit ‚funktionieren‘, die glaubhaft die Gedankenwelt ihrer Mitschüler – und zwar die beiderlei Geschlechts – dominiert. Mit Amber Heard fand Regisseur Levine glücklicherweise eine Darstellerin, die diesbezüglich überzeugt: Mandy Lane ist süß und liebenswert aber gleichzeitig zurückhaltend, ohne deshalb als frigide Spielverderberin abgestempelt zu werden. Ihre reservierte, dabei freundliche Art macht zu nur beliebter bzw. begehrenswerter.

Dabei bleibt den Mitschülern das wahre Wesen der Mandy Lane verborgen, weil sie, gefangen in ihren Rollen und auf sich selbst fixiert, außerstande sind ihren Charakter zu erfassen: Mandy will gar nicht ‚mitspielen‘ im Highschool-Theater, dem sie sich aber nicht entziehen kann, weil so viele Interessenten um sie buhlen. In jungen Jahren hat sie beide Eltern verloren und wächst bei einer Tante auf. Welche seelischen Spuren dies hinterlassen hat, verbirgt Mandy sorgfältig. In der Highschool will davon ohnehin niemand etwas wissen. Würde man sie in Ruhe lassen, wäre Mandy zufrieden. Das allerdings ist unmöglich: Die soziale Maschine Highschool hat sich längst verselbstständigt. Wer in ihr Mahlwerk gerät, muss die ihm zugewiesene Rolle spielen. Mandy soll die Königin sein. Dass sie diesen Rang ablehnt, muss sie auf drastische Weise verdeutlichen.

Amber Heard vermag beide Seiten der Mandy Lane darzustellen. Groß ist die Herausforderung eigentlich nicht, denn das eindimensionale Drehbuch lässt die Fassade im Finale allzu abrupt bröckeln. Das sorgfältig austarierte Spiel geht in ungelenk inszenierter Action verloren. Ohnehin ist Mandys „Outing“ für die Handlung eher kontraproduktiv. Als Katalysator für den alltäglichen Wahnsinn, dem sie sich ausgesetzt sieht, war sie weitaus überzeugender.

Stimmung kontra Spannungsbogen

Anfang des 21. Jahrhunderts steht der Horrorfilm wieder einmal ratlos da. Die Geschichten, die das Genre zu bieten hat, sind schon lange erzählt. Sie können höchstens entstaubt und auf den aktuellen Stand gebracht werden. Levine versucht sich an einer Erneuerung des Splatters, wie er in den 1980er Jahren seine große Zeit mit „Freitag, der 13te“, „Halloween“ oder „Nightmare on Elm Street“ hatte (bevor ihm die Zeit und Wes Craven mit „Scream“ den Garaus machten bzw. eine neue Richtung vorgaben: den ironisch selbstreflexiven Horrorfilm).

Retro mit den Mitteln der Gegenwart: Neu ist das nicht. Die Remakes von „Texas Chainsaw Massacre“ (2003) oder „The Hills Have Eyes“ (2006) zeigen, dass es geht, oder besser: dass es gehen kann. Levine möchte dem eins draufsetzen. Er verlässt sich weder auf seine Geschichte noch auf seine Darsteller, sondern arbeitet intensiv mit dem Filmmaterial selbst. Es wird künstlich entfärbt, das Licht gefiltert. Künstlich grobkörnige Bilder wechseln mit digital kontrastreich gezeichneten Aufnahmen. Levine manipuliert den Zeitfluss, er bricht mit der Illusion der Realität, der er die Videoclip-Ästhetik im scheinbar jugendlichen MTV-Stil eindeutig vorzieht (aber ohne deren stroboskophafte Schnitt-Hektik zu übernehmen). Dies kann ebenso gut funktionieren wie anbiedernd wirken. Hier lässt es sich in der Regel ertragen oder als ironisches Stilmittel interpretieren, zumal der Zuschauer nie mit jener handwerklichen Unbedarfheit gestraft wird, die so viele Horrorfilme mit niedrigem Budget („All the Boys …“ wurde für 750.000 Dollar realisiert) ‚auszeichnet‘.

Positiv hervorzuheben ist der für einen Horrorfilm zurückhaltende und ausgefeilte Soundtrack. Die übliche Billig-Musik, die den gezeigten Schrecken akustisch untermalen soll oder überhaupt erst wecken muss, glänzt durch angenehme Abwesenheit. Vor allem der Titelsong – die Gruppe „Bedroom Walls“ spielt „In Anticipation of Your Suicide“ – passt nicht nur perfekt zur träumerischen aber trügerischen Atmosphäre des Films, sondern ist darüber hinaus ein echter Ohrwurm.

Fehlstart mit Hindernissen

Dass ein Film, der bereits 2006 entstand, erst jetzt veröffentlicht wird, weist auf Probleme hin. An der Qualität lag es nicht, wie die schauerliche ‚Qualität‘ anderer Gruselfilme belegt, die es bis ins Kino schafften. „All the Boys …“ geriet in den Strudel des „Grindhouse“-Desasters: Quentin Tarantino und Robert Rodriguez planten 2007 ein „Double-Feature“ aus zwei B-Movies, wie sie einst in den US-Autokinos gezeigt wurden. Das ehrgeizige Projekt wurde ein Misserfolg, „Grindhouse“ in seine ‚Einzelfilme‘ „Death Proof“ und „Planet Terror“ zerlegt, und die „Weinstein Company“, die auch „All the Boys …“ finanziert hatte, verzichtete tunlichst darauf, einen weiteren, womöglich ebenfalls erfolglosen Horrorfilm ins Kino zu bringen. Levine tourte mit seinem Film recht erfolgreich über diverse Film-Festivals. 2007 wurde „All the Boys …“ an „Senator Entertainment“ verkauft. Nachdem der Film sich einen gewissen Ruf erspielt hat, wurde er nicht nur als DVD und Blu-ray vermarktet, sondern kam zuvor (d. h. 2008) doch noch zum (kurzen) Kinoeinsatz.

DVD-Features

Das aufgespielte Zusatzmaterial ist – in jeder Hinsicht – überschaubar. Es besteht aus dem Kinotrailer, einem halbstündigen Interview mit der Hauptdarstellerin Amber Heard sowie einem Musikvideo: „Bedroom Walls“ spielt den Titelsong („In Anticipation of Your Suicide“) zum Film.

Einen Audiokommentar von Jonathan Levine gibt es leider nicht. Dabei wäre es interessant geworden zu erfahren, was er sich mit seinem Werk gedacht hat. Amber Heard gibt sich redlich Mühe, für ihren Regisseur zu sprechen, doch muss leider festgestellt werden, dass sie ihr (unsichtbar und unhörbar bleibender) Interview-Partner ein wenig zu lange bemüht hat.

Offenbar ging es ihm wie den Bewunderern von Mandy Lane: Er  verliebte sich anscheinend ein wenig in Amber Heard. Sie ist in der Tat eine Augenweide, die man gern betrachtet und der man gern zuhört, weil sie sich auszudrücken versteht, bis sie zunehmend zu faseln beginnt. Die Gelegenheit, sich über diesen Film, ihre Karriere überhaupt sowie über ihr Leben zu äußern, nutzt Heard mit einer Begeisterung, der eine nachträgliche Bearbeitung (= Kürzung) gut getan hätte.

Heards Interpretation des „Mandy“-Films ist verständlicherweise von einseitiger Begeisterung geprägt. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft ein Spalt, den sie entweder ignoriert oder nicht erkennt. Ihre Begeisterung ist freilich ansteckend, zumal sie mit Fortschreiten des Interviews die sorgfältig antrainierte Reserviertheit des Hollywood-Profis verliert und ‚authentischer‘ wirkt.

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All the Boys Love Mandy Lane

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Crazy Eights

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Februar 2009

Crazy Eights

Originaltitel: Crazy Eights (USA 2006)
Regie: James K. Jones
Drehbuch: Dan DeLuca, James K. Jones u. Ji-un Kwon
Kamera: Stephen Lyons
Schnitt: James K. Jones u. Ji-un Kwon
Musik: Olivier Glissant, Chuck Hammer u. Nick Nolan
Darsteller: Dina Meyer (Jennifer Jones), George Newbern (Lyle Dey), Traci Lords (Gina Conte), Dan DeLuca (Wayne Morrison), Frank Whaley (Brent Sykes), Gabrielle Anwar (Beth Patterson), Michael Gabel (Dr. Pike), Karen Beriss (Karen) u. a.
Label u. Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment (www.ascot-elite.de)
Erscheinungsdatum: 04.12.2008 (Leih-DVD) bzw. 11.12.2008 (Kauf-DVD)
EAN: 4048317351411 (Leih- u. Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Seit sie vor zwanzig Jahren an einem fragwürdigen medizinischen Experiment teilnehmen mussten, werden sieben Freunde von Erinnerungslücken und seltsamen Visionen heimgesucht. Aus der Flut erschreckender Bilder kristallisiert sich der Geist eines kleinen Mädchens heraus, das die „Crazy Eights“, wie sie sich nennen, wütend zu verfolgen scheint. Alle Freunde sind psychisch angeschlagen oder in ärztlicher Behandlung. Nun hat sich Rex sogar umgebracht – er hatte nach dem Rätsel ihrer verlorenen Kindheit geforscht und mehr herausgefunden, als er verkraften konnte.

In der Hoffnung, dass seine Freunde stärker sind, hat er ihnen eine Landkarte hinterlassen, die sie in das US-Südstaatennest Entonburg führt. Dort wartet in einer alten Scheune die „Zeitkapsel“, eine Truhe, in der die „Crazy Eights“ einst ihnen wichtige Besitztümer aufbewahrten. Gerührt betrachten die Sechs den Inhalt, unter dem allerdings das Skelett eines kleinen Mädchens zum Vorschein kommt: Karen gehörte ebenfalls zu den „Crazy Eight“, doch hatten ihre Freunde bis jetzt die Erinnerung an sie verloren.

Verloren oder verdrängt? Wie starb Karen? Schreckerfüllt flüchten die Freunde. Sie verfahren sich und stranden in der Wildnis. In einem großen Haus suchen sie nach Hilfe. Es entpuppt sich als leerstehende Nervenheilanstalt. Als die Sechs das Gebäude betreten, schließt sich die Tür hinter ihnen. Sämtliche Fenstern sind durch Stahlgitter gesichert. Im Labyrinth vermodernder Räume hat man sich schnell verlaufen. Aus Ärger wird Nervosität und dann Angst, als die Eingeschlossenen erkennen, dass sie nicht allein in dem riesigen Bau sind: Man hat sie absichtlich hierhergelockt und isoliert. Jemand hat noch eine alte Rechnung zu begleichen. Der Schlüssel zur Lösung dieses Dramas liegt in der Vergangenheit, an die sich die Sechs aus gutem Grund nicht erinnern möchten. Nun müssen sie es, und das schnell, denn ihr Verfolger ist mörderisch zornig …

Viel Atmosphäre aber wenig Spannung

Das Fundament für einen kleinen aber feinen, d. h. fiesen und unterhaltsamen Grusel-Thriller ist durchaus vorhanden: Der Plot rankt sich endlich einmal nicht um eine Gruppe hollywoodhübscher aber grenzdebiler Teenys, denen ein maskierter Schlächter mit Axt & Kettensäger hinterher ist, sondern erzählt eine düstere und doppelschichtige Geschichte um ein Rätsel der Vergangenheit, dessen Auflösung mit unerwarteten Nebeneffekten einhergeht.

Die Prämisse wird dem Zuschauer in einem Prolog vermittelt: Angeblich wurden in diversen Instituten in den Südstaaten der USA zwischen 1954 und 1976 illegale Verhaltensforschungen an mehr als 600 Kindern vorgenommen. Die ‚Untersuchungen‘ schlossen Gehirnwäsche und operative Eingriffe ein und generierten dauerhaft traumatisierte Menschen; ein Skandal, der sorgfältig vertuscht wurde.

Die Handlung konzentriert sich auf sechs Männer und Frauen, die von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, welche – und dies ist der Haken – einen dunklen Fleck aufweist, der sie von Opfern zu Tätern werden ließ. Dafür wird ihnen nun die Rechnung präsentiert – oder leiden sie ‚nur‘ unter andressierten Störungen, die sich als Visionen und Flashbacks manifestieren?

Wirklichkeit oder Wahn? Diese Ambivalenz teilt sich dem Zuschauer zunächst mit und lässt die Frage aufkommen, ob es in der alten Irrenanstalt wirklich spukt oder ob jemand aus dem Sextett der Besucher hinter den – womöglich ebenfalls eingebildeten – Attacken steckt. Die Antwort ist leider die falsche: Der Geist ist echt, hässlich und böse, das alte Spiel von den 10 kleinen Negerlein (oder Jägermeistern, falls dies politisch korrekter klingt) kann beginnen.

Drehbuch als Sammlung logischer Löcher

Was uns zu den unerfreulichen Aspekten dieses Films bringt, die allzu deutlich überwiegen. Nachdem Regisseur James K. Jones seinen Drehort gefunden hatte, meinte der Autor James K. Jones offenbar auf ein schlüssiges Drehbuch verzichten zu können. Die phasenweisen Leerläufe der Handlung lassen dem Zuschauer viel zu viel Zeit, sich dessen nur zu bewusst zu werden. Horrorfilme sind nicht für ihre logische Handlung bekannt. Für allzu dumm sollte das Publikum freilich auch nicht verkauft werden:

- Geister können bösartig sein, was normalerweise begründet ist. In unserem Fall hat die arme Karen keinen echten Grund für ihren Zorn. Sie wurde nicht absichtlich getötet, und ihre Freunde sind nicht die für ihr Ende eigentlich Verantwortlichen. Wieso ist sie trotzdem so sauer – und uneinsichtig?

- Wie ist es möglich, dass die „Crazy Eights“ Freunde sind, obwohl sie sich an ihre Jugendjahre, in der diese Freundschaft entstand, überhaupt nicht erinnern? In diesem Zusammenhang: Sie nennen sich die „Crazy Eights“, obwohl sie sich als Erwachsene stets nur zu siebt trafen. Kam da niemand jemals ins Grübeln? (Oder spielt der Titel auf das Kartenspiel „Crazy Eights“ an, das von höchstens sieben Personen gespielt werden kann?)

- Was sind das eigentlich für „Versuche“, die an den Kindern vorgenommen wurden? Keine Eltern dieser Welt hätten ihre Sprösslinge einem Mann wie Dr. Pike überlassen, dem das Prädikat „mad scientist“ quasi ins Gesicht gestempelt steht und dessen ‚Pfleger‘ die Vertrauenswürdigkeit mittelalterlicher Folterknechte ausströmen.

- Was soll das abrupte Ende? Eine logische (oder wenigstens zufriedenstellende) Auflösung gibt es nicht, was in der Regel künstlerisch gemeint ist. In diesem Fall scheint einfach das Geld ausgegangen zu sein. (Ein nachsichtiger Kritiker mag andererseits loben, dass Jones seine lendenlahme Mär nicht noch weiter auswalzte.)

Diese Liste kann problemlos fortgesetzt werden. obwohl sie schon in ihrer Kurzfassung das Scheitern dieses Films erklärt. Als sich Jones zwischen Schein und Realität entscheidet, verwandelt sich „Crazy Eights“ in einen dilettantischen Splatter. Jetzt geht es nur noch um die Frage, wie es die Mitglieder der schmelzenden Schar erwischen wird. Das geschieht denkbar unspektakulär, wozu die Zensur wieder einmal ihr Scherflein beiträgt: Obwohl „Crazy Eights“ keine Jugendfreigabe besitzt, wurde an den schon ursprünglich recht milden Gewaltszenen offensichtlich herumgeschnitten. Das Ergebnis könnte problemlos ab 16 Jahren freigegeben werden, was einen zusätzlichen pädagogischen Effekt mit sich brächte: Jugendliches Publikum würde erzürnt Filme wie diesen zukünftig meiden. Schade, dass Zensoren ausschließlich mit der Schere arbeiten, während ihnen für feingeistige Menschenmanipulation jegliches Gespür fehlt …

Sie brauchten das Geld …

„Crazy Eights“ ist ein ‚ernsthafter‘ Thriller. Das zeigt sich u. a. an der Tatsache, dass seine 77 Minuten absolut blankbusenfreie Zone bleiben. Auch sonst können die Darsteller sich nicht nur ertragen, sondern sehen lassen. Jones engagierte keine hoffnungsvollen Jungstars oder gar Amateure, sondern griff auf Kino- und TV-Profis zurück, die trotz noch jugendlichen Alters auf lange Filmografien auch außerhalb der Phantastik und schauspielerisches Vermögen verweisen können. Wenn sie oft statisch wirken oder irritierendes Verhalten an den Tag legen, liegt das eher am Drehbuch, das ihnen wenig Stütze bietet.

Aus dem Ensemble ragt niemand positiv oder negativ heraus; man liefert Dienst nach Vorschrift. Insgesamt wirken die Schauspieler (und hier primär Tracy Lords) zu alt für ihre Rollen; Jones hätte die Ereignisse in Entonburg besser dreißig Jahre in die Vergangenheit zurückverlegt.

Soliden Durchschnitt bietet auch das Team hinter der Kamera. Stephen Lyons richtete das Objektiv nicht einfach grob in die Richtung der Darsteller, sondern bemühte sich um Atmosphäre, indem er die Bilder ihrer Farbe beraubt, für dramatische Licht- und Schatteneffekte sorgt oder mit der Körnigkeit des Filmmaterials arbeitet. Das wirkt jedoch oft nur bemüht, verfehlt den gewünschten Effekt und sorgt für Verdruss und Kopfweh beim Betrachter.

Die mumienhafte Karen – sei sie nur ‚echt‘ oder ein Produkt der Einbildung – verdient eine lobende Erwähnung: Sie bleibt im Schatten und wird nur andeutungsweise gezeigt, was ihrer schrecklichen Erscheinung zuträglich ist.

Ein Ort realen Schreckens

Das überaus niedrige Budget wird durch die grandiosen Kulissen zumindest optisch ausgeglichen: „Crazy Eights“ entstand an einem Ort, der auch ohne Geister Furcht einflößt. Das „Crownsville State Hospital“ wurde 1910 unter dem Namen „Hospital for the Negro Insane“ im US-Staat Maryland gegründet; die braven Bürger von Baltimore wünschten eine solche Einrichtung nicht in ihrer schönen Stadt zu sehen. Auch die spätere Geschichte blieb unerfreulich. Die Sterblichkeitsrate der Patienten war hoch, der medizinische Standard niedrig. In den 1950er Jahren galt die Lobotomie als besonders geeignete ‚Behandlungsmethode‘.

Ab 1962 praktizierte das „State Hospital“ keine Rassentrennung bei der Aufnahme von Patienten mehr. Die Einrichtung erwies sich allmählich als nicht mehr zeitgemäß, eine Sanierung war zu teuer. Der gewaltige Gebäudekomplex wurde nach und nach aufgegeben, das Hospital 2004 endgültig geschlossen. Seitdem steht es leer – das ideale Ambiente für Filme wie „Crazy Eights“. (Wer sich selbst davon überzeugen möchte, sei auf die Website http://www.forgottenphotography.com/crownsville hingewiesen; hier lassen sich viele Außen- und Innenfotos des Hospitals anschauen, die der Zuschauer oft wiedererkennen wird.)

DVD-Features

Filme wie dieser müssen hierzulande quasi unbeworben laufen. Sie sind nicht teuer in Einkauf und Bearbeitung (wie die unterirdische Synchronisation beweist), und damit dies so bleibt, werden keine Extras außer den unvermeidlichen Werbetrailern für andere DVD-Filme (die hier ob der Verheißung eines everesthohen Trash-Faktors aber das Anschauen lohnen) aufgespielt.

Verzichtet wird in Deutschland außerdem auf den Hinweis, dass „Crazy Eights“ zu den „8 Films to Die for“ des „After Dark Horrorfest“ 2007 gehörte – ein ohnehin fragwürdiges Prädikat, da sich diese Streifen nur selten durch Originalität oder wenigstens Qualität auszeichnen.

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Crazy Eights

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