Abner Cray hat es als Fotograf zu bescheidenem Ruhm gebracht, der bis nach New York City gedrungen ist. Dort bietet ein Verlag ihm ein Buchprojekt an, für das Cray seine Heimatstadt Bangor im US-Staat Maine verlassen und nach New York kommen soll. Da er im „Big Apple“ niemanden kennt, ist Cray froh, die lange eingeschlafenen Kontakte zu einem Jugendfreund wieder aufnehmen zu können. Art DeGraff lebt in New York und plant eine Europareise. In seiner Abwesenheit kann Cray die Wohnung nutzen. Während er sich allmählich einlebt, macht Cray die Bekanntschaft der ebenso faszinierenden wie mysteriösen Phyllis Pellaprat.

 

T. M. Wright: A Manhattan Ghost Story

Originaltitel: A Manhattan Ghost Story (New York : Tom Doherty Associates 1984)
Übersetzung: Bernhard Willms
Deutsche Erstausgabe*: April 1995 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 13633)
267 (von 730) S.
ISBN-13: 978-3-404-13633-9

* im Sammelband „Horror Movies“ (zusammen mit H. A. Knight: „Carnisaur“, u. Dennis Wheatley: „Der schwarze Pfad“)

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Rasch verfällt er der unkonventionellen Frau, die zunächst sorgsam verbirgt, wer sie ist oder woher sie kommt. Obwohl Cray ihre Bekannten und Freunde oder ihre Eltern, die er schließlich kennenlernt, seltsam und unheimlich findet, will und kann er von Phyllis nicht lassen.

Weniger erfreulich ist die Bekanntschaft mit Kennedy Whelan, einem Beamten des Morddezernats. Er behauptet, gegen Art DeGraff wegen Mordverdachts zu ermitteln. Demnach hat dieser vor einigen Wochen seine Lebensgefährtin im Zorn so geschlagen, dass sie an den Verletzungen gestorben ist. Da Whelan Phyllis Pellaprat als Opfer nennt, schenkt ihm Cray keinen Glauben.

Das ändert sich, denn die Bekanntschaft mit Phyllis, die tatsächlich ein Geist ist, öffnet dem sensiblen Cray die Pforte in ein Zwischenreich. Dort existieren Geister, denen der Übergang ins eigentliche Jenseits verwehrt blieb. Sie sind verwirrt, oft feindselig und keineswegs ungefährlich. Außerdem verlöschen sie – ein Schicksal, das auch Phyllis teilt. Während er verzweifelt der Geliebten folgt, wagt sich Cray immer tiefer in das Reich der Geister vor und verliert dabei den Kontakt zur Realität …

Tücken einer quasi unsterblichen Liebe

Seit Gespenstergeschichten erzählt werden, verlieben sich Menschen und Geister. Als ob die Realität nicht kompliziert genug wäre, gehen die Liebenden damit gegen eine Macht an, die gemeinhin als unüberwindlich und erbarmungsfrei gilt. Vor dem Tod sind alle gleich, und das gilt auch für Liebende.

Zu unterscheiden ist dabei zwischen solchen, die bereits zu Lebzeiten miteinander verbandelt waren und deshalb bemüht sind, dieses Band nach dem Tod neu zu knüpfen. Schwieriger wird die Lage, wenn dies erst geschieht, wenn eine/r der Beteiligten bereits zu Grabe getragen wurde, bevor die Liebe aufkeimt. Die Dramaturgie der daraus resultierenden Geschichte erfordert es in der Regel, dass dem lebendigen Partner diese gravierende Tatsache unbekannt ist; Abner Cray fällt in diese Kategorie. Der Moment der Erkenntnis ist auch der Augenblick der Entscheidung: Ergreift man die Flucht oder lässt man sich auf diese Beziehung mit allen ihren Konsequenzen ein?

Was dies in der ‚Realität‘ bedeutet, erzählt uns T. M. Wright in seiner „Manhattan Ghost Story“. Schon der Ort des Geschehens macht deutlich, dass trotz des klassischen Titels keine typische Geistergeschichte auf dem Programm steht: New York City ist bekanntlich „die Stadt, die niemals schläft“ und sich stattdessen permanent selbst erneuert. Was alt ist = keinen gegenwärtigen Zweck mehr erfüllt, muss diesem Drang weichen. Ehrwürdige Spukhäuser sind deshalb rar.

Geister gibt es überall

Doch gestorben wird auch oder gerade in New York. Die hohe Bevölkerungszahl und ein enormer ökonomischer Druck sorgen für entsprechende Zahlen. Addiert man dazu noch den alten Glauben vom Geisterleben als Konsequenz oder gar Strafe eines ‚unvollendeten‘ Lebens, das womöglich durch eigene Hand beendet wurde, ist es einleuchtend, dass es gerade in einer Stadt erst recht spuken müsste.

Klassisch ist Wright in einem Punkt: ‚Seine‘ Geister sind in der Tat Gefangene zwischen dem Diesseits und dem eigentlichen Jenseits. Sie stecken zwischen zwei Welten fest, was ihnen nicht permanent bewusst ist. Ihre ‚Existenz‘ wird zum Teufelskreis, denn sie sind dazu verdammt, bestimmte Abschnitte ihres Lebens zu wiederholen. Reißt man sie aus diesem Kreislauf, bedingt dies keinen Ausbruch, sondern zusätzliches Leid: Die Erkenntnis sorgt keineswegs für einen Durchbruch. Der Geist bleibt gefangen – und jetzt ist es ihm bewusst!

Insofern ist die Geschichte von Abner Cray und Phyllis Pellaprat besonders tragisch. Gruselig ist sie weniger, weil Wright mit einschlägigen Nachtod-Effekten vorsichtig ist. Ihm geht es nicht darum, Schrecken durch Hektik, Zerfall oder jenseitige Mordlust zu erzeugen. Der wahre Grauen liegt in der Fortsetzung unglücklicher Leben – nicht bis alle Ewigkeit, denn Geister ‚altern‘ und gehen schließlich wohl doch ins Jenseits über. Auch dieser Prozess ist allerdings schmerzhaft: Geister leiden weiterhin unter Angst, und die Ungewissheit über ihr Schicksal macht ihnen zu schaffen.

Ein Mann geht verloren

„A Manhattan Ghost Story“ beschreibt in erster Linie, wie Abner Cray sich verliert – in New York und letztlich in der Menschenwelt. Ein paralleler Handlungsstrang legt dar, dass schon der noch junge Abner über eine besondere Affinität zum Jenseits verfügte, die auch eine Schwäche darstellt, weil er sich nicht zwischen den Sphären entscheiden kann oder will. Deshalb wird Abner noch nach seiner Phyllis suchen, wenn diese längst ins Jenseits übergegangen ist. In einem deprimierenden Epilog erleben wir einen Abner Cray, der einerseits nicht mehr von den obdachlosen Armen zu unterscheiden ist, die ‚unsichtbar‘ – d. h. von den ‚normalen‘ Bürgern möglichst übersehen – New Yorks Straßen bevölkern, während er andererseits den Geistern gleicht, die für ihn allgegenwärtig geworden sind.

Dieser Prozess verläuft langsam und quälend. Wright sorgt dafür, dass der Leser zusammen mit Abner Cray den Boden unter den Füßen verliert. Was ist real, was ist jenseitig – und was ist Einbildung? Abner lässt auch geistig Federn; daran lässt der Autor keinen Zweifel. Symbolisch dafür ist die Bekanntschaft mit einer Lektorin. Als Abner nach New York kommt, tut sie ihm leid, weil sie sich als Rädchen im Alltagsgetriebe herausstellt. Im Verlauf des Geschehens trifft Abner sie mehrfach, erkennt aber irgendwann nicht mehr, dass nun sie erst Mitleid und dann Furcht vor ihm empfindet, weil er auf seiner Suche nach Phyllis den Kontakt zur Gegenwart verliert, herunterkommt, verwirrt und latent gefährlich wirkt.

Parallel dazu erlebt Abner eine Liebe, die er so nie zuvor kannte. Phyllis ist jedoch tot, und Abner blendet Warnsignale aus. Der Leser erkennt recht früh, dass eine ‚Beziehung‘ zwischen Mensch und Geist eine Illusion bleiben muss: Wright verdeutlicht es durch faktisch verstörende Ereignisse, die Abner eigentlich zur Vernunft bringen müssten. Die Liebe kann Phyllis nicht ‚lebendig‘ halten. Abner will es nicht wahrhaben und zahlt seinen Preis dafür. In diesen Passagen übt „A Manhattan Ghost Story“ eine besonders starke Wirkung aus. Gerade die Hintergründigkeit sorgt für die Zeitlosigkeit einer Geschichte, die sich jederzeit wie erzählt abspielen könnte.

Auch als Film eine Geistergeschichte

Genau diese ‚andere‘ aber auf ihre Weise fesselnde Art, eine „ghost story“ zu präsentieren, sorgte Jahre vor „The Sixth Sense“ („Ich sehe tote Menschen!“) für einen respektablen Bucherfolg, den Kritiker und Leser gemeinsam ermöglichten. Auch in Hollywood erregte „A Manhattan Ghost Story“ Aufmerksamkeit. „Carolco Pictures“ kauften 1993 die Rechte, steckten 2 Mio. Dollar in das Drehbuch – und gingen (nicht nur deshalb) pleite. Für beinahe die gleiche Summe kauften die „Disney Studios“ 1996 die Rechte. Nach „Pretty Woman“ (1990) sollten Julia Roberts und Richard Gere erstmals wieder gemeinsame Hauptrollen spielen. Danach sollte Sharon Stone Phyllis spielen; da sie klug genug war, einen „Ich-spiele-oder-ihr-zahlt-trotzdem“-Vertrag auszuhandeln, kassierte sie 5 Mio. Dollar, ohne vor die Kamera zu treten.

Auch in den folgenden Jahren schmorte das Drehbuch nicht im Zwischenreich der Geister, sondern in Hollywoods „development hell“. Dort ist es weiterhin; zuletzt wurde Regisseur Wayne Wang mit dem Projekt in Verbindung gebracht. (Er dreht 2002 immerhin „Manhattan Love Story“ mit Jennifer Lopez und Ralph Fiennes.) Eine Kopie des Drehbuchs wurde inzwischen online gestellt. Mit einer Umsetzung ist weiterhin nicht zu rechnen.

Autor Wright griff die Geschichte von Abner Cray 1986 mit „The Waiting Room“ wieder auf. 2006 ließ er mit „A Spider on My Tongue“ einen abschließenden Kurzroman folgen. Nur „A Manhattan Ghost Story“ fand 1995 den Weg nach Deutschland: als Teil eines dickleibigen Bandes, der „Drei große Horror-Romane, die verfilmt wurden“ sammelte – im Fall des Wright-Buches eine voreilige Angabe, wie wir nun wissen.

Autor

Terrance Michael Wright wurde am 9. September 1947 in Syracuse, US-Staat New York, geboren. Als Autor veröffentlichte er bereits 1968 ein erstes (Sach-) Buch, das den paradoxen weil faktisch widersprüchlichen Titel „The Intelligent Man’s Guide to Flying Saucers“ trug. Nichtsdestotrotz entwickelte sich Wright zu einem originellen Schriftsteller, Dichter und Maler, der sich keineswegs auf das phantastische Genre festlegen ließ, obwohl ihm hier 1983 sein wohl größter Erfolg mit dem Roman „A Manhattan Ghost Story“ gelang.

Wrights Karriere erstreckte sich über vier Jahrzehnte. Ab 2011 lebte er zurückgezogen weil an der Parkinsonschen Krankheit leidend in Corning, New York. Dort erlag er am 31. Oktober 2015 – dem Halloween-Tag – im Alter von 68 Jahren den Folgen seiner Krankheit.

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