Der gerade adoptierte Mark besitzt die besondere Gabe, seine Träume ‚lebendig‘ werden zu lassen. Das beschert seinen Neu-Eltern die Wiederkehr ihres verstorbenen Erstsohns, dem allerdings der „Kreuzmann“ folgt, denn Mark hat manchmal schlimme Albträume … – Obwohl es zeitweilig gruselig zugeht, ist dies kein ‚richtiger‘ Horrorfilm, sondern ein Mystery-Drama. Aufgrund der zahlreichen und gut ins Geschehen integrierten Spezialeffekte bleibt der Gefühlsdusel unterschwellig: ansehnlich.

Das geschieht:

Durch den Unfalltod ihres kleinen Sohnes Sean fielen Jessie und Mark Hobson in ein tiefes Trauer-Loch, aus dem sie sich nur mühsam wieder hinausarbeiten. Da Jessie keine Kinder mehr bekommen kann, holen sie sich den sechsjährigen Cody ins Haus. Der wurde schon mehrfach adoptiert, landete aber offenbar stets bei den falschen Leuten, die entweder spurlos verschwanden oder wahnsinnig wurden.

Zunächst ziehen Jessie und Mark nicht die richtigen Schlüsse, als sie auf die besondere Gabe des neuen Familienmitglieds aufmerksam werden: Hübsche Schmetterlinge flattern durch ihr Haus, und wenig später taucht Sean auf. Als ihn die fassungslosen Eltern in die Arme schließen, löst er sich zwar in bunten Staub auf, kehrt aber in späteren Nächten zurück.

Jessie und Mark finden heraus, dass Cody für dieses Treiben verantwortlich ist: Seine Träume werden real und bleiben es, solange er schläft. Vor allem Jessie, die Sean wiedersehen möchte, drängt Cody zum frühen Zubettgehen und blendet aus, dass dieser vorsichtig aber bestimmt ablehnt sowie unter seinem Bett alle möglichen Wachmacher-Drinks hortet, die den Schlaf fernhalten sollen.

Was Cody nur zu gut kennt, müssen seine Eltern auf die harte Tour erfahren: Ihr Adoptivsohn träumt keineswegs immer Schönes. Wenn er sich sorgt, kommt es zu Albträumen, die ebenfalls ‚lebendig‘ werden. Wird es gänzlich düster in Codys Seele, erscheint der „Kreuzmann“, eine grässliche, aus bissigen Insekten zusammengesetzte Kreatur, die es hasst, wenn sich jemand zwischen sie und Cody stellt, den sie als persönliches Eigentum betrachtet.

Die Hobsons nehmen den Kampf gegen den „Kreuzmann“ auf, ohne zu wissen, worauf sie sich damit einlassen. Wenig später ist Mark verschwunden, und das Jugendamt holt Mark ab, der sich darüber schrecklich aufregt …

Ist da was (oder wer)?

„Phantastik“ wird im Horrorfilm gern aber fälschlich gleichgesetzt mit einer jenseitigen Sphäre als Quelle, die bösartige und -willige Kreaturen aller Art ausspuckt, um im Hier & Jetzt möglichst viel Flur- und Körperschaden anzurichten. Das soll spannend sein und ist es oft auch, doch da ist noch mehr, denn „Jenseits“ ist vor allem eine Gedankenkrücke für einen Bereich, der nur gedanklich erschlossen werden kann, da eine körperliche Anwesenheit ausgeschlossen ist. Auch das Innere eines schwarzen Lochs könnte man deshalb als Jenseits bezeichnen, was allerdings nicht geschieht, da das klassische Jenseits durch seine (fiktiven) Bewohner definiert wird.

Diese scheinen in der Regel wenig Schwierigkeiten zu haben ins Diesseits vorzudringen. Genau dies ist die Hauptquelle einer Furcht, die den Menschen seit jeher und selbst heute noch erfüllt: Wie soll man sich wehren gegen Einflüsse, die sich buchstäblich aus dem Nichts materialisieren können? Früher bestanden kaum Zweifel an entsprechenden und regelmäßigen Heimsuchungen aus einem Reich der Geister und Dämonen. Heute haben entsprechende Ängste in den unterhaltenden Medien einen idealen Treibriemen gefunden. Zwar nehmen sie andere Gestalten als in der Vergangenheit an, doch dahinter verbergen sich weiterhin elementare Schrecken.

„Before I Wake“ spielt nicht nur mit der Angst vor dem Jenseits, sondern auch mit dem Sirenengesang, der von dort zu uns hinüberdringen könnte. Der Tod ist nach wie vor die letzte Grenze. Falls dies überhaupt möglich sein sollte, ist ein Blick ins unentdeckte Land dahinter bisher nicht gelungen, weshalb es der lebende Mensch nach bestimmten Vorstellungen gestaltet. „Himmel“ und „Hölle“ bilden Pole, die auch nicht-christlichen Religionen bekannt sind. Hinzu kommt eine Unzahl von Zwischenwelten, die freundlich oder furchtbar sein können.

Trauer nimmt Gestalt an

Während für den sterbenden Menschen alle Sorgen mit dem Tod enden, kämpfen die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer. Die Abwesenheit eines Familienmitgliedes oder Freundes wirkt umso stärker, je unverhoffter ihn oder sie das Ende ereilte. Jessie und Mark Hobson erleben das größte Grauen: Sie verlieren ihr Kind. Sean hinterlässt eine Lücke, die Cody, das ‚neue‘ Kind, keineswegs füllen kann. Stattdessen verleitet die Trauer vor allem Jessie, Cody als Instrument zu missbrauchen, dessen Einsatz Sean aus dem Jenseits zurückkehren lässt.

Mark wirft es ihr vor, ohne zu Jessie durchdringen zu können, bis es zu spät ist. Wie dieser Konflikt ausgeht wäre interessant zu erfahren, doch Regisseur und Drehbuch-Mitautor Mike Flanagan scheut vor echter ‚alternativer‘ Phantastik zurück und kehrt in der zweiten Hälfte seines Films zu bewährten aber eben auch bekannten Grusel-Routinen zurück. Der „Kreuzmann“ taucht auf, und er ist ebenso schlecht gelaunt wie animiert.

Das labile, auf seine Weise spannende Verhältnis zwischen Jessie, Mark und Cody gerät in den Hintergrund. Flanagan weicht aus, wobei er die Logik durchaus auf seiner Seite hat: Träume sind keineswegs immer erfreulich, Albträume garantiert. Wenn beide sich materialisieren können, sind üble Folgen unausweichlich.

Traum-Rätsel werden gelöst

Dies mag der einfache Weg sein, weil das Reich der Träume – ebenfalls eine Jenseits-Variante – verführerisch für Filmemacher ist: Hier sind die Gesetze von Natur und Logik aufgehoben. Die Realität wird traumhaft/traumatisch verzerrt, was Schauwerte schafft: der „Freddy-Kruger-Effekt“. So urteilt freilich vor allem der Kopf-Kritiker, während das Bauch-Publikum es vorzieht, bunt und spannend unterhalten zu werden. „Before I Wake“ bietet in dieser Hinsicht solide aber nie originelle Kost.

Der romantisch veranlagte Zuschauer mag dem widersprechen. Dennoch nutzen sich digitale Schmetterlinge als Effekt rasch ab, auch wenn Flanagan eine beleuchtete Version herumflattern lässt. Keine Überraschung stellt auch das Auftreten gewalttätiger Albträume dar. Nur Jessie und Mark scheinen nicht damit gerechnet zu haben, was kein gutes Licht auf sie bzw. die Drehbuchautoren wirft. Immerhin fällt diesen eine nachvollziehbare Erklärung für den „Kreuzmann“ ein, weshalb die finale Konfrontation nicht wie erwartet endet.

Aus der Entfernung wirkt der Spannungsboden stabil, tatsächlich weist er einige Beulen und Biegungen auf. So stellt Jessies detektivische Suche nach Codys Vorgeschichte einen dramaturgischen Bruch mit der Vorgeschichte dar. Aufwändig wird recherchiert, was zu guter Letzt eigentlich nur für Cody erklärt werden muss; wir Zuschauer haben längst begriffen. Ebenfalls vage bleibt das Script, wenn Polizisten weniger ermitteln als im Dunkeln stochern und düstere Präsenz demonstrieren. Man sollte annehmen, dass angesichts des Bodycounts, den Codys Albträume produzieren, sowie aufgrund der Bereitwilligkeit, mit der sich der „Kreuzmann“ präsentiert, irgendwann sogar trantütige Behörden misstrauisch würden.

Familie im Zwischenreich

„Before I Wake“ ist ein Mystery-Kammerspiel. Drei Darsteller tragen den Hauptteil der Handlung, was Einsatz erfordert und Ausfälle verbietet. Regisseur Flanagan hatte Glück. Mit Kate Bosworth und Thomas Jane konnte er zwei Profis engagieren, die ihr Handwerk verstehen. Als Glücksfall erwies sich Jacob Tremblay. Schier endlos ist die Liste grundsätzlich guter Filme, die aufgrund schauerlicher Kinder-Darsteller zur peinlichen und peinvollen Qual missrieten. Vor allem das Disney-Studio steht hier in einer unheilvollen Tradition.

Jacob Tremblay ist dagegen seiner Rolle jederzeit gewachsen. Da ihn das Drehbuch nicht zwingt, ranzige „family values“ zu demonstrieren, kann er sich darauf konzentrieren, ein Kind in Not darzustellen. Cody ist ruhig und abwartend, höflich und angepasst: Vor allem solche Kinder erregen die Aufmerksamkeit von Adoptiveltern, die auf der Suche nach einem Musterkind sind. Dass auch die scheinbar so offenen Hobsons von den Qualitäten ihres neuen Sohn überzeugt werden müssen, ist Cody deutlich bewusst.

Kate Bosworth überzeugt als Mutter, die längst nicht so objektiv wie ihr Gatte den familiären Neuanfang wagt. Als sich die Chance bietet, den ‚echten‘ Sohn wiederzusehen, benutzt Jessie Cody, um diese Erfahrung zu wiederholen. Erst als der „Kreuzmann“ auf der Szene erscheint, schließt der Mutterinstinkt auch Cody ein. Thomas Jane bleibt als Mark Hobson vergleichsweise blass. Seine Funktion ist es, Jessie ihr Fehlverhalten vor Augen zu führen. Ansonsten ist er ein (notwendiges) Opfer, das dem Geschehen mehr Dramatik verleiht.

Wenn der Traum endet

Das Budget ermöglichte Effekte, die auch einer schwach entwickelten Fantasie auf die Sprünge helfen. Anders ausgedrückt: Hier wird gezeigt, was mysteriös daherkommt. Es besteht nie ein Zweifel daran, dass Übernatürliches geschieht. Nichtsdestotrotz war der Finanzrahmen eng. Wie schon erwähnt leidet darunter die Präsenz des „Kreuzmanns“, dessen digitale Herkunft zu keinem Zeitpunkt und selbst im Schatten außer Frage steht. Ein wenig zu sparsam wird im Finale das Waisenhaus bespukt; Kokons hängen hier und da an der Wand, dazwischen ranken knorrige Auswüchse: Mehr Mut zur Stilisierung hätte hier bessere Wirkung erzielen können.

Dieses Finale ist wie schon erwähnt ungewöhnlich, doch ein Happy-End bleibt aus. Wer vom „Kreuzmann“ erwischt wurde, bleibt verschwunden. Möglicherweise lernt Cody seine Gabe zu beherrschen. Eine entsprechende Szene wird als Wunschvorstellung inszeniert. Das Ende ist somit offen – und hoffentlich keine Ankündigung einer Fortsetzung! Nachdem sich der (finanzielle) Erfolg von „Before I Wake“ in Grenzen hielt, ist diese Gefahr aber weniger akut.

Schon vorher gab es Schwierigkeiten. Nachdem die Dreharbeiten bereits Ende 2013 abgeschlossen waren, geriet die Verleihfirma in finanzielle Schwierigkeiten und ging Bankrott. Es dauerte mehr als drei Jahre, bis „Before I Wake“ in die US-Kinos kam. Außerhalb Nordamerikas wurde der Film direct-to-video ausgewertet.

DVD-Features

Wie heutzutage beinahe üblich, wurden der DVD keine Extras aufgespielt. Wir müssen uns mit einem sehr guten Bild und einer Synchronfassung zufriedengeben, die von ausgebildeten Sprechern realisiert wurde; vor allem letzteres ist angesichts der Ohren-Folterknechte, die uns zu viele Labels zumuten, eine echte Entschädigung.

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Before I Wake – Fürchte seine Träume
Originaltitel: Before I Wake (USA 2016)
Regie u. Schnitt: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan u. Jeff Howard
Kamera: Michael Fimognari
Musik: Mike Flanagan
Darsteller: Kate Bosworth (Jessie Hobson), Thomas Jane (Mark Hobson), Jacob Tremblay (Cody Morgan), Antonio Romero (Sean) Topher Bousquet („Kreuzmann“), Annabeth Gish (Natalie), Dash Mihok (Whelan), Scottie Thompson (Lehrerin), Kyla Deaver (Annie) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 17.03.2017
EAN: 4042564172621 (DVD)/4042564172638 (Blu-ray)/4042564172645 (2-Disc Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 12

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