Der internationale Kinofilm wird dominiert von Actionblockbustern und Comicverfilmungen – meistens geht beides Hand in Hand. Es werden hunderte von Millionen Dollar ausgegeben, um hunderte von Millionen einzunehmen, am besten am Milliardenthron kratzen. Und genau in diese Zeit platzt ein Film, der im Angesicht relativer Produktionskosten und eines für tot geglaubten Genres, den Siegeszug antritt. “La La Land” erobert Hollywood, die Welt und die Herzen der Zuschauer – mit sicherem Tanzschritt und ehrlicher Melodie.

Die Geschichte die Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle erzählt, ist dabei sehr simpel. Junge trifft Mädchen, beide verlieben sich ineinander, es gibt Probleme… Einfacher geht es kaum, so denkt man, aber dann beginnt Chazelle zu zaubern, zu verzaubern.

Der Anfang zeigt im Grunde genommen bereits alles, um was geht: Es ist Stau, nichts geht voran, eine junge Frau erzählt von ihren Träumen, das ganze entwickelt sich zu einer perfekten Tanznummer auf den Autodächern, alles ist bunt, alles ist voller Hoffnung, es geht weiter, aber trotzdem stecken alle doch irgendwie fest. Es ist das Los Angeles der Gegenwart, das La La Land, Stadt der Träume – geborener, erfüllter, gelebter, zerbrochener.

In dieser Stadt leben Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling). Sie ist angehende Schauspielerin, schleppt sich aber nur von einem Casting zum nächsten. Sie ist zwar angekommen in den Filmstudios, aber nur als Bedienung hinter der Theke. Er dagegen ist ein exzellenter Jazzpianist, wäre in der Lage etwas aus sich zu machen. Aber er ist ein Romantiker, Nostalgiker und träumt von den alten Zeiten, die er noch nicht einmal zum Preis des Ruhms verkaufen möchte. Damit steht sich Sebastian selbst im Weg.

Natürlich kreuzen sich die Wege von Mia und Sebastian, immerhin, es ist ein Liebesfilm. Aber bevor es funkt, knallt und die bunten Lichter angehen, dauert es noch etwas. Was sich liebt, das neckt sich, so auch hier. Dadurch kitzelt Chazelle nicht nur die Erwartungshaltung und Vorfreude der Zuschauer auf den ersten Kuss dieses Traumpaares, sondern gibt den Figuren und ihren Darstellern Zeit und Raum, um sich zu entfalten. Und diese Gelegenheit nutzen Emma Stone und Ryan Gossling umfassend aus.

Beide sind nicht unbedingt die besten Sänger und besten Tänzer, aber sie sind brillante Schauspieler und Menschen mit Charakter. Dadurch erwecken sie Mia und Sebastian nicht nur zum Leben, sondern lassen ihre Filmegos authentisch wirken, greifbar, verletzlich – menschlich. Und das, obwohl wir es hier mit einer Bonbonkulisse und erzählenden Gesangseinlagen zu schaffen haben. Es ist die perfekte Illusion, in die sich der Zuschauer gerne hineinziehen lässt. Alles ist toll gestylt, alles ist toll inszeniert, aufeinander abgestimmt. Aber mit Ecken und Kanten, mit Reibungspunkten, alles an den richtigen Stellen. “La La Land” ist zwar ein Musical und auch eine Komödie, aber es ist auch ein Drama, das einem das Herz brechen kann – und dem ein oder anderen vielleicht auch wird.

Visuell und akustisch ist der Film ein Traum. Emma Stone ist keine der polierten Modelschönheiten der Filmfabriken, sondern eine der eher klassischen Schönheiten, wie sie einst das alte Hollywood bevölkerten und oftmals zu Diven aufstiegen. Damit passt sie hervorragend in den Film, der sich als Musical gnadenlos an alten Klassiker bedient, um diese mit ordentlich swing neu zu beleben. Dabei sind es keine Zitate um der Zitate willen, sondern gelebte Liebe zum Film und zum Tanz. Hier bedient sich “La La Land” des Jazz, der für Damien Chazelle und auch für Sebastian, eine große Rolle spielt. So gibt es ein Szene, in der Sebastian Mia den Jazz erklärt, was er bedeutet, worum es geht, wie er zu verstehen ist – falls das überhaupt jemand kann. Und somit wird auch ein Teil des Films erklärt, der diesen Strukturen weitgehend folg. Auch in der Konstellation der Hauptfiguren, die in dieser romantischen Liebesgeschichte ihren Weg suchen. Und vielleicht auch finden.

Immerhin gehört zum amerikanischen Traum auch der passende Erfolg, wenn man nur an sich glaubt und daran arbeitet. Mia und Sebastian bilden hier keine Ausnahme, bekommt Hollywood, was Hollywood verlangt. Aber kann man hier von einem Happy End sprechen? Chazelle bleibt geradezu auf dem Teppich, weiß, was Erfolg für einen Preis verlangen kann. Und wer bereit ist diesen zu zahlen, ist es für jene ein Happy End? Ist das finale Glück nicht nur eine Kulisse, hinter die man besser niemals blickt? Bittersüßer Schmerz, brechendes Herz…

Die Geschichte ist einfach packend. Die Aufmachung gelungen. Die Zitate gut gewählt. Vor allem alte Filmklassiker dienen als dankbare Vorlage („Shall we dance“ (1937), „Broadway melody of 1940“ (1940), „On the town“ (1949), „An American in Paris“ (1951), „Singin‘ in the rain“ (1952), „The band wagon“ (1953), „Funny Face“ (1957), „West Side Story“ (1961), „Les parapluis de Cherbourg“ (1964), „Les demoiselles de Rechefort“ (1967), „Sweet Charity“ (1969), „Grease“ (1978)), aber auch moderne Musicalvertreter bekommen ihre Hommage („Boogie Nights“ (1997), „Moulin Rouge!“ (2001)), ebenso wie das Hollywood-Liebesdrama schlechthin (“Casablanca” (1942)). Romantische Komödie, Musical, Drama – und noch viel mehr. Wer “La La Land” nur oberflächlich betrachtet, wird verzaubert. Aber Chazelles Film funktioniert auf mehreren Ebenen, hält unzählige Metaphern bereit, erzählt Wahrheiten bewusst und unbewusst. Es kein Film für nur einen Abend und der Beweis, dass Damien Chazelles “Wiplash” (2014) keine Eintagsfliege war.

Natürlich funktioniert die Sache aber auch nur, weil die entsprechende Unterstützung vorhanden ist. Neben den hervorragenden Darstellern, ist es natürlich die Musik von Justin Hurwitz, einem Freund Chazelles, der mit diesem ebenfalls an “Wiplash” arbeitete und für den gemeinsamen Kurzfilm “Guy and Madeline on a Park Bench” (2009) die romantische Filmmusik beisteuerte. Wie Damien Chazelle ist auch Justin Hurwitz ein großes Talent und man darf gespannt sein auf das, was da noch kommen wird. Hurwitz feines Gespür für Musik verpassen “La La Land” den perfekten Schliff. Es ist kaum vorstellbar, dass sich ein anderer Komponist an dem Film versucht hätte.

Ähnliches gilt für Linus Sandgren, den Kameramann (“American Hustle” (2013), “”Joy – Alles außer gewöhnlich” (2015)). Die wunderbaren Kulissen einzufangen war sicherlich noch die einfachste Übung, aber es gibt sehr viele grandiose Kamerafahrten, eingangs sogar minutenlang ohne sichtbaren Schnitt, die einem einfach das Herz aufgehen lassen.

Bis Januar 2017 wurde “La La Land” übrigens für über 180 Filmpreise nominiert, 120 hat der Film erhalten. Emma Stone und Ryan Gosling gelten als neues Traumpaar Hollywoods, Damien Chazelle als Wunderkind und Shootingstar der Filmbranche. “La La Land” und seine Beteiligten werden somit auf genau jenes Podest gehoben, an dem der Film selbst kratzt.

Natürlich, auch “La La Land” ist im Grunde genommen nur ein Film. Aber es ist ein wunderbarer Film.

Copyright © 2017 by Günther Lietz
Bildmaterial © 2016 SUMMIT ENTERTAINMENT

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La La Land

Originaltitel: La La Land

Produktionsland: Vereinigte Staaten (2016)
Länge: 128 Minuten
Altersfreigabe: FSK 0

Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
Produktion: Fred Berger, Gary Gilbert, Jordan Horowitz, Marc Platt
Musik: Justin Hurwitz
Kamera: Linus Sandgren
Schnitt: Tom Cross

Darsteller: Ryan Gosling (Sebastian („Seb“) Wilder), Emma Stone (Mia Dolan), John Legend (Keith), Rosemarie DeWitt (Laura, Sebastians Schwester), J. K. Simmons (Boss), Finn Wittrock (Greg, Mias Freund), Sonoya Mizuno (Caitlin), Callie Hernandez (Tracy), Jessica Rothe (Alexis), Tom Everett Scott (David, Mias Ehemann), Josh Pence (Josh), Trevor Lissauer (Valet), Jason Fuchs (Carlo), Hemky Madera (Jimmy)