Bereits 2013 erschien der Science-Fiction-Film “Snowpiercer” im asiatischen Raum und auch die Franzosen konnten sich bereits an diesem wahnwitzigen Streifen erfreuen. Endlich hat der Film den Sprung auch nach Deutschland geschafft und läuft nicht in Gefahr, auf Filmfestivals als Genretip zu verkümmern. Und sogar in den USA ist tatsächlich auch ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen, trotz gewisser Unwägbarkeiten. Das braucht die heimischen Kinogänger glücklicherweise nicht zu kümmern. Wir sind verschont geblieben von einem Besserwisser-Produzenten wie Harvey Weinstein, der die Rechte für den angloamerikanischen Raum erwarb und die US-Amerikaner wohl für zu dumm hielt, den Film zu begreifen. Jedenfalls plante Weinstein den Film auf Hollywoodschnitt zu trimmen (und ganze zwanzig Minuten zu kürzen) und die Geschichte aus dem Off erklären zu lassen. Allerdings setzte sich Regisseur Bong (“The Host”, ”Mother”) durch, was Weinstein (man nennt ihn wohl auch “Harvey mit den Scherenhänden”) wiederum mit einer kümmerlichen US-Marketingkampagne abstrafte. Allerdings sieht es so aus (Achtung: Spekulation!), als müsste er auch hier zurückrudern. Der Film läuft im Sommer 2014 wohl doch in mehr amerikanischen Kinos, als gedacht.

So viel also zu den Hintergründen, nun zum Film selbst. Der basiert auf dem französischen Comic “Schneekreuzer” (“Le Transperceneige”) von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette. Die Geschehnisse spielen im Jahre 2031, beinahe zwanzig Jahre nach einer großen Katastrophe. Es ist eine verschneite, eisige Postapokalypse und die Überlebenden der Menschheit jagen an Bord eines gewaltigen Zugs über die Erde. Wer den Zug verlässt, der erfriert unweigerlich. Zugleich ist dieser Mikrokosmos ein wahres Klassensystem, denn die Passagiere sind eingeteilt in sogenannte “Schmarotzer”, die elendig hinten im Wagen leben, und einer Elite, die es sich vorne im Zug gemütlich macht. Das sorgt natürlich für Unzufriedenheit und es bildet sich Widerstand. Die Menschen vom Ende des Zugs haben die Nase voll davon, dass sie von den Menschen da Vorne beherrscht werden.

Der Widerstand formiert sich um Gilliam (John Hurt), Curtis (Chris Evans) und Edgar (Jamie Bell). Die drei führen ihre Leute nach vorne. Doch zuvor befreien sie den Junkie Namgoong (Song Kang-ho), der sich bestens mit den Türen und deren Sicherungsmechanismen auskennt. Mit seiner Hilfe erhoffen sich die Revoluzzer, bis ganz nach vorne zu kommen und dort Wilford zu stellen – den Konstrukteur des Zugs und Retter der Menschheit. Allerdings sind die vorderen Passagiere Wilford treu ergeben und stellen sich den Aufrührern entgegen …

“Snowpiercer” ist ein Film, der es einfach in sich hat. Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho (“Snowpiercer” ist übrigens sein erster englischer Film) zaubert hier einiges aus dem Hut und verbindet Kino und Erzählung unterschiedlicher Kulturen miteinander. Hollywoods Blockbuster ist ebenso in die Geschichte eingeflochten, wie der europäische Autorenfilm und die asiatische Liebe zur blutigen arrangierten Action. Hier präsentiert sich tatsächlich ganz großes, stilübergreifendes Kino. “Snowpiercer” lässt die Science-Fiction-Filme der letzten Zeit (“Prometheus”, “After Earth”, “Oblivion”, “Elysium”) weit hinter sich und zeigt, wie gutes Genrekino auszusehen hat. Bong ist ein wahrer Meister und so ist es auch kein Wunder, dass sein Name über Korea hinaus bekannt wurde.

Natürlich, zugegeben, Bong baut mit seinem Film auf einer exzellenten Vorlage auf. Bereits “Schneekreuzer” besitzt eine hohe Qualität und die Story ist gut durchdacht. “Snowpiercer” ist aber mehr, als eine adäquate Umsetzung des Stoffs. Denn “Snowpiercer” vermag es, auch für sich alleine zu stehen.

Dabei greift Bong tief in die dramaturgische Trickkiste und zieht alle Register. Die Figuren sind überaus menschlich dargestellt – und zwar in allen Bereichen. Sie haben Ecken, Kanten und Fehler. Sie sind nicht immer nett, haben ihre Schrullen und Geheimnisse. Das macht die Figuren zu authentischen Persönlichkeiten, zu denen schnell eine Bindung aufgebaut wird. Auch wenn einige der Nebenrollen etwas einfach besetzt wirken, so ist die Hauptbesetzung einfach grandios und vermag es Bongs Vision umzusetzen.

Allen voran natürlich das Trio Hurt (ein Oscarpreisträger, der jeden Film aufwertet), Evans (derzeit als Superheld in “Captain America: The Winter Soldier” unterwegs) und Bell (bekannt aus “Billy Elliot – I Will Dance”, “King Kong”, “Jumper”). Vor allem Chris Evans erreicht hier eine Charaktertiefe, die einen mit sich zieht und beinahe darin ertrinken lässt. Als Captain America macht Evans bereits eine gute Figur, aber als Curtis ist er atemberaubend.

Auch auf der Seite der Antagonisten fährt Bong ordentlich auf. Tilda Swinton (ebenfalls hochdekoriert) in der Rolle der Mason ist einfach der Hammer. Optisch ähnelt sie manchmal einer gealterten Prinzessin Leia aus “Krieg der Sterne”, was aber schnell in Vergessenheit gerät. Als Mason ist sie die skrupellose Vertreterin von Wilford, die sich gerne in Szene setzt und ihren Status sichtlich genießt. Was für eine Schlampe, diese Mason! Aber auch Ed Harris (meistens herausragend in Nebenrollen zu sehen) als Wilford weiß zu polarisieren. Und, was in anderen Filmen vom Erzschurken gerne nur behauptet wird, hier aber tatsächlich zutrifft: Er weiß tatsächlich einen charismatischen Bösewicht umzusetzen, so dass es einen schaudert.

Die größte Stärke des Films ist die Abwechslung, die er bietet. Und zwar in allen Bereichen. Vom Tempo her nimmt sich Bong die Freiheit mal schnell, und dann wieder langsam zu filmen. Die Handlung nimmt immer wieder einen anderen Verlauf. Selbst die Kulissen und das Ambiente sind einem steten Wandel unterworfen, gleiches gilt für die Farben und die Kameraeinstellungen. Wobei sich hier, da die Geschichte in einem Zug spielt, lange, weite Aufnahmen in den Raum hinein anbieten. Selbst Licht und Schatten sind einem steten Wechsel unterworfen, ebenso die Figuren, die innerhalb des Films schonungslos an der Handlung und an sich selbst wachsen. Gleichzeitig verpackt Bong noch eine ordentliche Portion Sozialkritik in seinem Film, ohne dabei oberlehrerhaft zu wirken. Und dann diese schockierenden Augenblicke, die immer wieder vorkommen, die nicht rein an die Actionmomente oder an blutige Szenen gekoppelt sind, sondern urplötzlich in einem ruhigen Augenblick daherkommen, aus einem Dialog heraus schockieren. Grandios!

Mehr als einmal erscheint der Film surreal, als ob man von einem Schlachtfeld in einen Kaufhausaufzug steigt, um dann, nach einigen Minuten zuckersüßer Musikberieselung, auf einem Stockwerk voller Normalität auszusteigen. Und das dürfte auch die einzige Kritik sein, die der Film einfährt: Der Film kann für Mainstreamgemüter tatsächlich zu komplex sein. Vielleicht hat Harvey Weinstein mit seiner Meinung recht? Nein, wohl eher nicht! Der Zuschauer wächst mit dem Film, kann sich hier endlich einmal von den simplen Blockbustern abwenden und intelligentes, forderndes Kino genießen.

Der Film ist aber nicht nur intelligent, sondern kommt auch mit brutalen, blutigen Einstellungen daher. Diese warten ebenfalls mit Schock- und Überraschungsmomenten auf. So manches Mal blickt man auf die Leinwand und kann kaum glauben, was es gerade zu sehen gab. Bong beweist großen Mut und fordert sein Publikum stellenweise regelrecht heraus. Die Actionszenen haben es einfach in sich und sind hervorragend inszeniert. Es ist nicht das immer wieder gleiche Draufschlagen, bei gleicher Kameraeinstellung und ähnlichen Lichtverhältnissen. Nein, “Snowpiercer” hat da einiges mehr zu bieten. Zudem besitzt Bong einen feinen Sinn für schwarzen Humor, so dass es manchmal sogar für einen Schmunzler reicht. Natürlich ein Stilmittel, um die Gewalt zuvor oder danach in einen stärkeren Kontrast zu setzen.

Technisch gesehen ist der Film sehr gut umgesetzt. Der alles bestimmende Zug wird glaubhaft dargestellt. Dank der unterschiedlichen Waggons sind auch immer wieder neue Sets zu bewundern, die unterschiedliche Stilrichtungen zeigen und was fürs Auge bieten. Hier konnte sich Bong ordentlich austoben, um seine Darsteller passend in Szene zu setzen. Selbst Waggons die nur kurz zu sehen sind, strotzen vor liebevollen Details. Das ist ziemlich beeindruckend.

Gleiches gilt für den Score, der von Marco Beltrami ebenso wunderbar abwechslungsreich inszeniert wurde. Er unterstützt den Film hervorragend, denn immer wieder wird das Stampfen des Zugs in die Musik eingebaut und gibt das Tempo vor. Beltrami ist aber auch ein erfahrener Musikkomponist und wurde bereits zweimal für einen Oscar nominiert („Todeszug nach Yuma“, „The Hurt Locker“).

In Bezug auf die Synchronisation, ist diese, bis auf einige kleine Ausreißer, gelungen. Zudem ist es sprachlich auch so, dass immer wieder Koreanisch einfließt, was natürlich nicht synchronisiert wurde und ebenfalls zur Atmosphäre beiträgt.

“Snowpiercer” ist ein hervorragender Genrefilm, der gut unterhält, zum Nachdenken anregt und klug gemachtes Kino zeigt, das den Mut zum Wandel hat. Absolut empfehlenswert!

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Snowpiercer

Originaltitel: Snowpiercer, 설국열차, Seolgugyeolcha

Produktionsländer: Südkorea, USA
Originalsprachen: Englisch, Koreanisch
Erscheinungsjahr: 2013
Länge: 126 Minuten
Altersfreigabe: FSK 16

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Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Produktion: Park Chan-wook, Lee Tae-hun, Park Tae-jun, Dooho Choi, Robert Bernacchi, David Minkowski, Matthew Stillman
Musik: Marco Beltrami
Kamera: Hong Kyung-pyo
Schnitt: Steve M. Choe

Besetzung: Chris Evans (Curtis), Song Kang-ho (Namgoong), Ko Ah-seong (Yona), Jamie Bell (Edgar), Ewen Bremner (Andrew), Tilda Swinton (Mason), John Hurt (Gilliam), Octavia Spencer (Tanya), Ed Harris (Wilford)

Homepage: http://www.snowpiercer.de/

Das Phantom aus dem Eis – Antarctic Journey