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BUCHREZENSION: John A. Keel – The Mothman Prophecies. Tödliche Visionen. (2001 von Mark Pellington mit Richard Gere in Szene gesetzt!)

Erstellt von Detlef Hedderich am 15. September 2011

John A. Keel
The Mothman Prophecies – Tödliche Visionen

(sfbentry)
Originaltitel: The Mothman Prophecies (New York : Tor 1975/1991/2001)
Übersetzung: Kristiana Ruhl
Deutsche Erstausgabe: 2002 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 01/20103)
301 S.
ISBN-13: 978-3-453-21511-5

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Sie kommen! Sie kommen!

Gar grausig klabautert’s im winterlichen Westvirginia – der Mottenmann geht um! Wir schreiben das Jahr 1967, als brave US-Bürger schlichten Geistes (böse Zungen nennen sie „Hinterwäldler“) aus dem kleinen Städtchen Point Pleasant die Öffentlichkeit alarmieren: Gespenstisches Ungeziefer treibt sein Unwesen dort, wo die Täler tief sind und die durchschnittliche Hirnstromkurve flach verläuft. Über zwei Meter groß ist die Kreatur, die des Nachts und in der Dämmerung auf grauhäutigen Schwingen durch die Lüfte gaukelt, dabei „quiekt wie eine große Maus“ (Zeugin Mrs. Malette, S. 75) oder mit roten, grässlich leuchtenden Riesenaugen durch Speisekammerfenster späht.

Was sie damit bezweckt, bleibt unklar. Möglicherweise ist der Mottenmann die Vorhut einer Invasion aus dem All; es kämen aber auch eine andere Dimension oder die Hölle in Frage. Auf jeden Fall munkelt es auch außerhalb von Point Pleasant seltsam in Virginias Bergen, wie der eilends aus New York herbeigeeilte Journalist und UFO-Spezialist John A. Keel feststellt: Mysteriöses Ungetier bricht durch die Wälder, leutselige Raumschiffpiloten halten Schwätzchen mit perplexen Einheimischen, und dann sind da noch die roboterhaften „Männer in Schwarz“, die sich überall und nirgendwo ebenso unauffällig wie ungeschickt angeblich im Auftrag der Regierung danach erkundigen, ob denn das Erdenvolk schon reif sei für Besuch aus anderen Welten.

Obwohl Geister und Außerirdische in Legionsstärke Point Pleasant und Umgebung heimsuchen und gestandene Bürger, die ihn an die Brennpunkte des Spuks begleiten, schreiend die Flucht ergreifen, sobald es hinter einem Busch raschelt, will dem wackeren Forscher aus der großen Stadt keine eigene Sichtung gelingen. Keel muss sich immerhin mit unerklärlichen Kälte- und Angstgefühlen herumschlagen, für die er sachkundig x-dimensionale Kälte- und Angststrahler verantwortlich macht. Wieso diese in öder Landschaft zum Einsatz kommen, weiß er sich (und dem Leser) allerdings auch nicht recht zu erklären.

Wo ist nur der verflixte Mottenmann?

Währenddessen schlägt der Mottenmann an anderer Stelle wieder zu. Der einzige Faktor, der alle Manifestationen eint, ist das generelle Versagen oder die Abwesenheit von Fotoapparaten. So bleibt denen, die dem flatterhaften Geist in die glühenden Augen blicken, stets nur die rasende Flucht im voll ausgefahrenen Wagen, während der Mottenmann fliegend & spielend Schritt hält und boshaft erst kurz vor Erreichen der nächsten Polizeistation abdreht. Aber Keel lässt sich nicht entmutigen. Unverdrossen befragt er ‚Zeugen‘, deren Verhalten und Äußerungen zumindest im deutschen Leser die Frage aufkeimen lässt, wie lange die Geschwisterehe in Amerikas schönen Südstaaten 1967 bereits verboten war.

Auch Keel bleibt lange skeptisch aber wachsam, und das zahlt sich aus, als plötzlich des Mottenmannes wundersame Gespielen höchst gesprächig werden und mit düsteren Prognosen über die nahe Zukunft der irdischen Zivilisation aufwarten. Diese sind leider nicht nur vage, sondern werden nicht selten telepathisch durchgegeben, was die Umsetzung schwierig gestaltet, da allerlei dümmlich Menschenvolk sich nach Kräften bemüht, eigene Heilsbotschaften der herzlich naiven Art in die (seltsam nach Hollywood schmeckende) übernatürliche Suppe zu rühren.

Als dann eintrifft, was (irgendwie) prophezeit wurde, ist die eigentliche Warnung längst untergegangen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, denn in manchen Nächten, in denen die Sonnenflecken, die Anti-Alien-Strahlen des geheimen CIA-Kampfsatelliten „Debilia IV“ und der Alkoholpegel der Bevölkerung sich in einem fein austarierten Gleichgewicht befinden, fliegt über Point Pleasure noch heute der Mottenmann …

Gegen Dummheit kämpfen selbst Aliens vergeblich

Bereit, liebe Leser, für eine Reise ins Hirn der Finsternis, der Heimat jener Zeitgenossen, die der mit der Gabe (oder dem Fluch) der Vernunft geschlagene Realist gewöhnlich nicht ganz grundlos meidet? Dann sitzen Sie hier richtig neben John A. Keel, dem Mottenmann und Indrid Cold, dem Botschafter vom Nudisten-Planeten Lanulos, auf unserer Fahrt in die Twilight Zone. Ja, zwischen Himmel und Erde spielt sich wahrlich einiges ab, das sich mit normaler Schulweisheit nicht erklären lässt – und falls doch, dann wollen es die Männer und Frauen, die Keel uns hier vorstellt, ganz sicher zuletzt wissen.

Das ist der Schluss, der sich nach der Lektüre dieses Science-Fiction-Horror-Spektakels (das ein Sachbuch zu nennen Ihr Rezensent sich verbissen weigert) aufdrängt: Da draußen in dieser feindseligen Welt gibt es nicht nur die Selbsttäuschung, sondern auch eine große Zahl von Menschen, die ohne UFOs, Geister und Phantome ihr Dasein nicht bewältigen könnten. Sie sind psychisch aus dem Lot oder schlicht dämlich oder vegetieren im sozialen Abseits, bis der Mottenmann in einer seiner vielen Inkarnationen erscheint und ihnen endlich ein wenig Beachtung und Warhols sprichwörtliche fünf Minuten im Scheinwerferlicht beschert.

Wissenschaft, die Unwissen schafft

Der gesunde Menschenverstand richtet auf diesem glatten Parkett wenig aus. John Keel legt in „The Mothman Prophecies“ eine Vielzahl von ‚Beweisen‘ für übernatürliches Treiben auf dieser Welt vor, die den Skeptiker verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Hörensagen, Wunschdenken, Irrtum, offener Betrug: Die Liste lässt sich problemlos fortsetzen; sie erfasst alle Schattierungen jenes Schattenreiches, das den Fragenden vom Gläubigen trennt.

Keels Erinnerungen an ein für ihn und die Seinen denkwürdiges Jahr 1967 stellt sich objektiv als wüstes Durcheinander schlecht oder gar nicht belegter Pseudo-Berichte, einseitiger Interpretationen, Schmähtiraden, wirrer Thesen und weitschweifiger Anekdoten dar, durch das nicht einmal der titelgebende Mottenmann trotz seiner Augenfarbe einen roten Faden zu legen vermag. Von Point Pleasant geht es munter quer durch die USA und dann weiter durch Raum und auch Zeit in eine mystische Vergangenheit, zu der Historikern, Archäologen und anderen Spielverderbern kein Zutritt gewährt wird. Selbstverständlich werfen wir einen Blick in die geheimen Archive und Versuchsstationen der notorisch gegen das ‚die Wahrheit‘ begehrende Volk verschworenen Regierung und steigen schließlich hinauf zur Wolke Sieben, wo die von Keel zusammengesponnene „kosmisch-extradimensionale Zentralintelligenz“ aus unerfindlichen Gründen rund um die Uhr damit beschäftigt ist, die Menschheit mit übersinnlichen Schattenspielen auf Kindergarten-Niveau zu piesacken.

Autor im Teufelskreis der Selbsttäuschung

Lange wird man nicht schlau, wie John Keel selbst zum Mottenmann und seinen nebulösen Kumpanen steht. Er hat sich der ‚wissenschaftlichen‘ Untersuchung unerklärlicher Phänomene verschrieben, und geht ihnen seit Jahrzehnten nach, was ihm große finanzielle und auch persönliche Opfer abverlangte. Keel ist ein weit gereister Mann, der Augen und Ohren stets offengehalten hat. Er kennt seine Pappenheimer und weiß durchaus, dass primär Humbug und Wirrnis das Schattenreich dominieren, das ihm zur zweiten Heimat geworden ist. Mit ironischem Witz legt er zunächst offen, wie sich die geistig Armen ihre Mottenmänner selbst erschaffen.

Aber dann wird deutlich, dass Keel selbst tief im Sumpf des Dubiosen steckt. Die UFO- und Spiritisten-Szene zerfällt in ein verworrenes Geflecht vieler Fraktionen, die sich jeweils im Besitz der absoluten Wahrheit wähnen und Gegner in den eigenen Reihen womöglich noch erbitterter bekämpfen als die üblichen Spötter und Zweifler von ‚draußen‘. Die Fronten liegen nicht fest, sondern verändern sich ständig, wenn neue Bündnisse geschlossen werden oder alte rettungslos zerfallen, während die Splittergruppen sich anderen Gruppen anschließen.

John Keel hat seine eigene Wahrheit gefunden und glaubt fest an überirdischen Besuch. Letztlich schießt er sich als potenzieller Sachbuch-Autor selbst ins Abseits, wenn er im Brustton der Überzeugung von Begegnungen der ganz besonderen Art berichtet: „Anfang Juni 1967 empfing Mary Hyre [aus Point Pleasant] den ersten von einer langen Reihe seltsamer Besucher … ‚Er kam immer näher‘, berichtete sie. ‚Seine komischen Augen starrten mich fast hypnotisch an.‘ … Einmal klingelte das Telefon, und während sie das Gespräch führte, nahm der kleine Mann einen Kugelschreiber von ihrem Schreibtisch und untersuchte ihn staunend, als ob er noch nie einen Kugelschreiber gesehen hätte. ‘Sie können ihn haben, wenn Sie wollen‘, bot sie an. Er reagierte mit einem lauten, auffälligen Lachen, das einem Gackern ähnelte. Dann rannte er in die Nacht hinaus und verschwand hinter einer Ecke. Am nächsten Tag fragte Mary Hyre bei der Polizei nach, ob irgendwelche Personen mit psychischen Schäden vermisst würden. Die Antwort war negativ.“ (S. 105/106)

Wie man Unfug durch Hörensagen ‚beweist‘

An eine Selbstanzeige hat die gute Frau offenbar nicht gedacht, aber unabhängig davon führt Keel aus dem Zusammenhang gerissene, bedeutungsfreie Schnurren wie diese laufend als ‚Beweise‘ dafür an, dass die Außerirdischen unter uns sind. Hand aufs Herz, liebe Leser: Würden Sie Mary Hyres angeblichen Besucher für den Repräsentanten einer extraterrestrischen Supermacht halten, dem es gelang, Lichtjahre durch den Kosmos zu reisen, nur um sich dann am Ziel der Reise wie ein Volltrottel aufzuführen? Aber für Keel und seine Jünger ist jede Abweichung von der menschlichen Verhaltensnorm mit dem Beweis für buchstäbliche Weltfremdheit identisch.

Gleichzeitig entwickelt er jedoch die einleuchtende These, nach der Phantome wie der Mottenmann und seine galaktischen Spießgesellen von den Menschen selbst als Projektionen des Geistes in die Welt geworfen werden. Wenn’s so funktioniert, so Keel weiter, lässt sich die Flut umher tölpelnder Außerirdischer und erbärmlich animierter Geistwesen sehr leicht dadurch erklären, dass es hauptsächlich Spinner und Schwachköpfe sind, die sie sich ausdenken. Damit hat er den gewiss klügsten Gedanken seiner gesamten Laufbahn in klare Worte gefasst. Schade, dass er ihn für sich selbst nie gelten lässt! Denn nur John Keels Studien des Mysteriösen sind stets über alle Zweifel erhaben. Dabei erkennt selbst der Amateur, dass Keel Ende der 1960er Jahre die Grenze zum Verfolgungswahn definitiv überschritten hatte. Es ist verrückt: In einem eigenen Kapitel skizziert er Keel die Mechanismen, die Paranoia entstehen lassen und sie nähren. Wiederum beschreibt er haargenau auch sich selbst – und erneut scheint er es nicht zu merken.

Variable Prophezeiungen verhindern Irrtümer

Natürlich lösen sich auch die „tödlichen Visionen“ des deutschen Untertitels bei näherer Betrachtung in Luft auf. Sie bilden ein völlig aus der Luft gegriffenes Bündel obskurer Unkereien, die alles und nichts ankündigen: Wirklich großen Visionen zeichnen sich seit jeher durch Verschwommenheit aus, sodass sich alle möglichen Ereignisse nachträglich auf sie beziehen lassen. So sitzt Keel im Dezember 1967 erwartungsvoll vor dem Fernseher, weil die Zeichen angeblich einen landesweiten Stromausfall prophezeien. Als stattdessen die Brücke von Point Pleasant einstürzt und viele Menschen in einen grausamen Tod reißt, disponiert er sogleich um: Plötzlich passen die von ihm ‚erkannten‘ Vorzeichen exakt zu dieser Katastrophe!

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass „The Mothman Prophecies“, das Buch, wenig bis überhaupt nichts mit dem gleichnamigen Film zu tun hat, den Regisseur Mark Pellington 2001 mit Richard Gere als John Keel (hier John Klein geheißen) in Szene gesetzt hat. Hollywood zahlte allein für den Mottenmann-Plot, der sich zu einem modernen Us-Mythos entwickelt hat und somit für sich selbst im Kino Werbung fliegt. „The Mothman Prophecies“, der Film, ist freilich ein zäher Langweiler, der sich beim Versuch, Keels sinnfreie aber immerhin kunterbunte und unterhaltsame Vorlage in eine halbwegs logische Abfolge zu zwingen, selbst ein Bein stellt. Es bleibt einfach nichts übrig vom Mottenmann außer einer interessante aber bedrückenden Lektion in moderner Massenhysterie.

[md]

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BUCHREZENION: Philip MacDonald – Die Totenliste. (Verfilmt 1963 mit George C. Scott von Meisterregisseur John Huston!)

Erstellt von Detlef Hedderich am 15. September 2011

Philip MacDonald
Die Totenliste

(sfbentry)
Originaltitel: The List of Adrian Messenger (New York : Doubleday 1959)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Kurt Desch Verlag/Die Mitternachtsbücher Nr. 101)
172 S.
[keine ISBN]
Letzte Neuauflage: 1983 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic Nr. 2066)
186 S.
ISBN-13: 978-3-453-10669-7

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Das geschieht:

Eine Liste mit zehn Namen umfasst Engländer aus allen gesellschaftlichen Schichten vom Landarbeiter bis zum Adligen, Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Warum übergibt Adrian Messenger, der viel gelesene Romane über große Verbrechen schreibt, diese Liste seinem Kriegskameraden und Freund George Firth, Leiter des „Criminal Investigation Department“ von Scotland Yard, und bittet ihn eindringlich Nachforschungen über den Verbleib der Männer anstellen zu lassen? Einer Gräueltat sei er auf der Spur, mehr lässt sich Messenger nicht entlocken. Nun wird er auf ewig schweigen: Den Absturz des Flugzeugs, das ihn zu weiteren Recherchen in die USA bringen soll, überlebt er nur kurze Zeit. Mit ihm im Wasser des Atlantik treibt der einzige Überlebende: Raoul St. Denis ist ein Journalist, der Messengers letzte, im Delirium gestammelten Worte überliefert.

Inzwischen hat Firth herausgefunden, dass acht der aufgelisteten Männer bei merkwürdigen ‚Unfällen‘ ums Leben gekommen sind. Ein weiterer ist spurlos verschwunden, nur der letzte scheint sich guter Gesundheit zu erfreuen. Ist Jonathan Slattery aus Twickenham ein Glückspilz oder der Mörder? Firth setzt Anthony Gethryn, seinen Spezialisten für delikate Ermittlungen, auf die Sache an. Dieser setzt mit der ihm eigenen Beharrlichkeit die winzigen Bruchstücke eines möglichen Falls zusammen. Was dabei Stück für Stück zu Tage tritt, ist eine lange Kette niederträchtigster Verbrechen. Verrat, Massen- und Serienmord bilden nur die schlimmsten Taten des kriminellen, aber genialen Psychopathen, der von seinen ratlosen Verfolgern „Mr. Smith-Brown-Jones“ genannt wird. Viel zu lange kann dieser unter Gethryns Augen sein teuflisches Spiel fortsetzen. Schlimmer noch: Die Liste des Adrian Messenger ist nicht vollständig; es fehlen die Namen einiger Zeitgenossen, die der Mörder unbeirrt auslöschen wird, wenn ihm Gethryn nicht endlich auf die Schliche kommt 

Kleine Ursache – serienmörderische Wirkung

Ein Stück Papier mit zehn Namen – mehr braucht ein fähiger Autor nicht, um einen spannenden Thriller zu schreiben. Die Neugier des Lesers ist sofort geweckt: Wieso sterben die Männer der Messenger-Liste wie die Fliegen? Welches Geheimnis teilen sie? Wird es gelingen, der Mordserie ein Ende zu machen?

„Die Totenliste“ empfiehlt sich als später Vertreter des „Rätselkrimis“, der das „Goldene Zeitalter“ des Kriminalromans zwischen dem I. und II. Weltkrieg prägte. Philip MacDonald gehört zu den bedeutenden Vertretern dieses Genres. Mit „Die Totenliste“ kehrt er noch einmal in diese Ära zurück, ohne freilich auszublenden, dass sich die Zeiten inzwischen geändert hatten. Unmögliche Morde an altersstarrsinnigen Erbonkeln in verschlossenen Räumen waren nicht mehr zeitgemäß. In den 1940er und 50er Jahren hatte man ganz andere Dimensionen der Bösartigkeit kennen gelernt. So ist „Mr. Smith-Brown-Jones“ kein Krimineller mit Sportsgeist mehr, sondern ein irrer aber eiskalter Psychopath, der zur Verwirklichung seines Plans Menschen in Serie mordet und nicht davor zurückschreckt, Züge entgleisen zu lassen und Flugzeuge zu sprengen.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Rätsel mit Tempo

Smith-Brown-Jones Mordodyssee und die verzweifelten Ermittlungsbemühungen seines Gegners Gethryn schildert MacDonald in zwei parallelen Handlungssträngen, die mit enormem Tempo vorangetrieben werden. Es lässt sich verfolgen, wie sich Gejagter und Jäger immer näher kommen, bis sich die beiden Stränge im großen Finale treffen.

MacDonald ist ein glänzender Handwerker, was bei einem Mann, der mehr als 40 Drehbücher für Film und Fernsehen verfasste, nicht wundert. Er schafft es sogar, hinter der schwungvollen Geschichte einen hanebüchenen Plot zu verstecken. Hier ist „Die  Totenliste“ eindeutig das Spätprodukt einer versunkenen Epoche. Die Auflösung soll dieser Stelle nicht verraten werden, aber es ist kein langes Nachdenken nötig um zu erkennen, dass der Mörder einen irrwitzigen Aufwand für ein grundsätzlich sinnloses Verbrechen treibt. Andererseits ist dies womöglich nur ein weiterer Aspekt seines Wahns. Was freilich wichtiger ist: Die Story ist absolut unrealistisch, aber dem Verfasser gelingt es vorzüglich, sie uns zu verkaufen. Solange wir lesen, kümmern wir uns nicht um die Logik, sondern lassen uns unterhalten. Dem strengen Kritiker mag dies nicht genug sein, wir Leser sagen: Gute Arbeit, Mr. MacDonald!

Der Fall zählt – und nur der Fall

Die klassischen „Whodunit“-Krimis sind nicht für ausgefeilte Figurenzeichnungen bekannt. Im Vordergrund steht das kriminalistische Rätsel. Wie wurde die Untat begangen? Der Detektiv wirkt als „deus ex machina“ mit aufgesetzten Marotten, die seinen Unterhaltungswert steigern. Das hat er in der Regel auch bitter nötig, weil menschliche Züge ihm weitgehend fremd sind. Anthony Gethryn fällt eindeutig in diese Kategorie. Er ist ein Spürhund, ganz Job, nur ansatzweise Mensch – oder gar Mann.

Eine Liebesgeschichte gibt es zwar durchaus. MacDonald fügt sie seinem Garn allerdings eher pflichtschuldig hinzu. St. Denis soll als feuriger Franzose auftreten, der um die schöne, nur vorgeblich kühle Jocelyn Messenger buhlt. Da sprühen keine Funken, sondern dominieren stumpfe Klischees. Die Männer sind nur sie selbst, wenn sie unter sich bleiben. Über allem schwebt die typische „Old Boys“-Atmosphäre kameradschaftlicher Verbundenheit. Man hat denselben gesellschaftlichen Hintergrund, hat studiert, im Krieg wacker fürs Vaterland gekämpft. Das verbindet, nur das zählt wirklich.

Wer nicht dazu gehört, hat Pech gehabt. Unserem Bösewicht ist es so ergangen. Man hat ihm vorenthalten, was er ersehnt und meint als Geburtsrecht für sich beanspruchen zu können. Darüber ist er buchstäblich verrückt geworden. MacDonald hält sich klugerweise mit entsprechenden Szenen zurück. Smith-Brown-Jones kontrolliert sich streng und organisiert seine Mordattacken vorbildlich. Darunter lauert stets der Wahnsinn, kein kriminalistischer Sportsgeist mehr, wie ihn die Widersacher von Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Gideon Fell an der Tag legten.

Der Film zum Buch

Meisterregisseur John Huston (u. a. „Der Malteser Falke“, „Der Schatz der Sierra Madre“, „African Queen“) verfilmte „Die Totenliste“ 1963 mit George C. Scott in der Gethryn-Rolle. Es entstand ein etwas konfuses, aber flottes B-Movie von zeitlosem Unterhaltungswert. Von der zeitgenössischen Werbung sehr herausgestellt wurde ein kurioser, jedoch leicht verunglückter Gag: Große Stars (Robert Mitchum, Burt Lancaster, Tony Curtis, Frank Sinatra) absolvierten kurze Gastauftritte. Sie wurden im Gesicht ausgiebig mit Latex überzogen sowie verkleidet und durften sich in einer dem Film angehängten Sequenz demaskieren, damit man sie wenigstens nachträglich identifizieren konnte. Den Vogel schoss wie so oft Kirk Douglas ab, der als unheimlicher Mörder gleich in vier Rollen nicht zu erkennen war.

Autor

Philip MacDonald wurde 1899 in eine Familie berühmter Literaten geboren. Sein Vater Ronald war Schriftsteller und Theaterstückverfasser, sein Großvater der berühmte schottische Dichter und Autor George MacDonald (1824-1905). Bis er selbst zur Feder griff, folgte Philip treulich den Konventionen seiner Zeit. Nach seiner Schulzeit ging er zum Militär und wurde Kavallerist. Als solcher wurde er einberufen und erlebte den I. Weltkrieg auf den Schlachtfeldern des fernen Mesopotamien. Ins Zivilleben zurückgekehrt begann er zu schreiben. Die ersten beiden Bücher entstanden als Kooperation zwischen Sohn und Vater MacDonald, wobei ersterer das Pseudonym „Oliver Fleming“ wählte.

Schon diese ersten beiden Werke („Ambrotox and Limping Dick“ und „The Spandau Quit“) waren Thriller im Stile eines John Buchan. Dann entdeckte MacDonald den klassischen Puzzle-Krimi als Genre. 1924 debütierte er solo mit „The Rasp“. Hier erblickte bereits der ehemalige Geheimdienstmann und Gentleman-Ermittler Colonel Anthony Ruthven Gethryn, der noch in vielen weiteren Romanen die Hauptfigur wurde, das Licht der literarischen Welt. MacDonald war so erfolgreich, dass er 1931 als Drehbuchautor nach Hollywood gehen konnte. In den nächsten beiden Jahren entstand als Nebenprodukt seiner Filmarbeit der Hauptteil seiner Werke, die indes oft unter dem Schreibtempo ihres Verfassers litten.

Mit dem II. Weltkrieg endete MacDonalds schriftstellerische Karriere bzw. verlagerte sich gänzlich auf die Filmarbeit. Mehr als 40 Kino- und TV-Filme schrieb er, darunter viele Routinestreifen der „Mr. Moto“- und „Charlie Chan“-Serien. Er lieferte aber auch die Story zum John-Ford-Klassiker „The Lost Patrol“ (1934) und arbeitete am Drehbuch zu Alfred Hitchcocks Meisterwerk „Rebecca“ (1940) mit. Ende der 1950er Jahre gab MacDonald das Schreiben auf. Mit seinen Kurzgeschichten war er zuletzt sehr erfolgreich gewesen: 1953 und 1956 zeichneten ihn die „Mystery Writers of America“ mit einem „Edgar Allan Poe Award“ aus. Sein letztes Werk wurde 1959 „The List of Adrian Messenger“, gleichzeitig der Abschied für Major Gethryn. Philip MacDonald starb 1981.

[md]

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BUCH- und DVD-REZENSION: Patrick Carman – Das Grauen der Nacht. Skeleton Creek 2. (Buch und DVD mit Filmszenen zum Roman!)

Erstellt von Detlef Hedderich am 15. September 2011

Patrick Carman
Das Grauen der Nacht
Skeleton Creek 2

Ghost in the Machine – Ryan´s Journal, USA, 2009
cbj-Verlag, München, 02/2011
HC mit Schutzumschlag
Jugendbuch, Mystery, Urban Fantasy, Krimi
ISBN 978-3-570-13881-6
Aus dem Amerikanischen von Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich
Umschlaggestaltung: schwecke.mueller Werbeagentur GmbH
Vignetten von N. N.
Autorenfoto von Matthew McKern
Extra: 1 DVD, bearbeitet von carthago media projects, Hamburg

www.cbj-verlag.de
www.patrickcarman.com

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Im verschlafenen Städtchen „Skeleton Creek“ leben die langjährigen Freunde Ryan und Sarah. Dem Mädchen gelingt es immer wieder, Ryan in die absurdesten Abenteuer zu verstricken. Nach den Ereignissen im Bagger, bei dem Ryan sich einen komplizierten Beinbruch zuzog, wird ihm der Umgang mit Sarah verboten. Doch die beiden sind schon seit Jahren gut befreundet und lassen sich so ein Verbot natürlich nicht gefallen.

Sie entwickeln einen guten Plan, um trotz der Bespitzelung ihrer Eltern den Kontakt zueinander zu halten. Tatsächlich werden sogar ihre Handys und Internetaktivitäten überprüft. Selbst vor Beobachtern in Form seiner Freunde schreckt Ryans Vater nicht zurück. Gut, dass es ‚den blauen Stein„ gibt, einen geheimen Ort, an dem Nachrichten unbemerkt ausgetauscht werden können. Ryan weiß nun, dass sein Vater Mitglied der Totenkopfbande ist und überprüft jeden einzelnen von ihnen mit Hilfe des Internets. Sarah versteckt ihre Kamera und erhält so immer mehr Hinweise, dass etwas im Gange ist. Nur was …?

Als Sarah sich entschließt, nachts zwei Orte aufzusuchen, um Kameras zu verstecken, wird Ryan klar, dass er sie nicht alleine auf Spurensuche schicken kann. Er will Sarah um jeden Preis helfen. Auch wenn sein Bein ein gewaltiges Handicap ist, zwingt er sich, seiner Freundin beizustehen. Die Geschichte wird in schriftlicher Form von Ryan erzählt. So wirkt das Buch mit seinen Linien und Kritzeleien wie ein normales Schulheft. Darin schreibt er alles auf, was ihm wichtig erscheint. Ryan ist der Tüftler, einer der Ideen hat und sie konsequent bis zum Ende durchdenkt.

Ganz im Gegensatz dazu steht Sarah. Das agile, quirlige Mädchen schafft es immer wieder, Ryan mitzureißen und ihn in die Bredouille zu reiten. Mit ihrer Videokamera zeichnet sie ihre Erlebnisse und Nachforschungen auf. Dies bekommt der Leser anhand einer DVD präsentiert. So erfährt man, was es mit dem Bagger auf sich hat und wieso die Totenkopfbande so interessant für die beiden Teenager ist.

Das Cover mit dem Schutzumschlag weist einen blauen Hintergrund auf. Darauf sind Totenköpfe abgebildet. Einige Szenen des Videos dienen dazu, das Cover interessant in Szene zu setzten. Die DVD sorgt für Gänsehaut-Garantie! Ganz im Stil von „Blair-Witch-Projekt“ oder „Cloverfield“ gibt es viele interessante Szenen zu sehen. Die Schauspieler sind echte Menschen und keine am Computer generierten Wesen. Eine wackelige Kameraführung sowie grobe Schnitte unterstreichen, wie nah an der Realität diese Art von Film gedreht wurde: Wer kennt nicht die Familienfeiern mit Kommentaren von Onkeln, Tanten und diversen Freunden? Dies ist vergleichbar, nur viel gruseliger. So wirken die Szenen absolut lebensecht.

Die Kombination aus Buch und CD wirkt erfrischend und beweist die einfallsreiche Genialität des Autors. Zudem zeigt sich bei dieser Serie, dass der Autor Patrick Carman als Entwickler von Webseiten, Lernprogrammen und Brettspielen seine Kreativität voll ausleben konnte. Der zweite Teil um die Geheimnisse des ehemaligen Goldgräberdorfes „Skeleton Creek“ sorgt für Spaß, Spannung und jede Menge Action. Am Ende des Buches lassen verschiedene Hinweise darauf schließen, dass immer noch genug Geheimnisse übrig sind, um eine Fortsetzung zu schreiben. Hoffentlich wieder mit einer DVD.

Copyright © 2011 Petra Weddehage (PW)

Titel erhältlich bei Buch24.de
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BUCHREZENSION: Ellery Queen – Chinesische Mandarinen. (Bereits 1937 von Ralph Staub unter dem Titel „The Mandarin Mystery“ verfilmt!)

Erstellt von Detlef Hedderich am 15. September 2011

Ellery Queen
Chinesische Mandarinen

(sfbentry)
Originaltitel: The Chinese Orange Mystery. A Problem in Deduction (New York : Frederick A. Stokes Company 1934)
Übersetzung: Hans Herdegen
Deutsche Erstausgabe: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Detektiv-Romane)
225 S.
[keine ISBN]
Weitere Ausgaben:
Neuausgabe: 1951 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane)
216 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1958 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 137)
201 Seiten
[keine ISBN]
TB-Neuausgabe: 1981 (unter dem Titel „Das Rätsel der chinesischen Mandarine“) (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi Nr. 10116)
Übersetzung: Sabine Hammer
155 Seiten
ISBN-13: 978-3-548-10116-3

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Titel bei Amazon.de (Goldmann-Ausgabe)
Titel bei Amazon.de (Ullstein-Ausgabe)

Das geschieht:

Standesgemäß residiert Familie Kirk, die zum gesellschaftlichen Adel der Stadt New York zählt, im 22. Stock des Nobel-Hotels „Chancellor“. Vater Hugh gilt als renommierter Philologe, Sohn Donald ist ein bekannter Sammler kostbarer Briefmarken und Edelsteine. Außerdem führt er zusammen mit seinem Geschäftspartner Felix Berne den „Mandarin“-Verlag, der sich auf die Herausgabe teurer Kunstbücher spezialisiert hat. Schwester Marcella ist einfach nur eine Zierde ihres Geschlechts und wird bald den smarten und reichen Glenn Macgowan heiraten.

Als sich eines Tages ein unbekannter Herr vorstellt, hält Donald Kirks Privatsekretär James Osborne ihn für einen Sammler oder Verkäufer und setzt ihn in einen Warteraum. Als Kirk heimkehrt, finde er besagten Raum von innen fest verschlossen. Als die Tür endlich geöffnet ist, liegt dahinter der Fremde: tot, erschlagen mit einem Schürhaken. Seltsamerweise wurde ihm die Kleidung aus- und dann verkehrt herum wieder angezogen. Gestohlen wurde nichts.

Zufällig wird Kirk von einem alten Freund begleitet. Ellery Queen, der bekannte Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv, übernimmt mit dem Einverständnis seines Vaters, Inspektor Richard Queen von der Kriminalpolizei New York, den Fall.

Der Mörder gehört ins Umfeld der Kirks. Zu den bereits genannten Verdächtigen gesellen sich noch drei Frauen: Mary Diversey, Dr. Kirks Krankenschwester, Jo Temple, eine Schriftstellerin, die mit Kirk jr. und Berne ins Geschäft zu kommen hofft, und Irene Llewes, eine europäische Lebedame, die sich für Donald zu interessieren scheint. Sie alle haben etwas zu verbergen, wie Queen im Laufe seiner Ermittlungen herausfindet. Wer war der Tote, was wollte er, warum hat man ihn so zugerichtet? Dies muss etwas zu bedeuten haben, doch bis Queen des Rätsels erstaunliche Lösung findet, gibt es noch viele Turbulenzen …

Ein weiterer Mord im verschlossenen Raum

Klassischer geht’s sicherlich nicht: An einem recht isolierten Ort ereignet sich ein eigentlich unmöglich zu realisierender Mord; die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar, und eine/r muss es gewesen sein. Ein typischer Rätsel-Krimi aus der guten, alten Zeit also – aus der „Goldenen Ära“ des Genres, die den Zweiten Weltkrieg in dieser Reinheit nicht lange überleben sollte.

Die grundsätzlichen Konstanten (siehe oben) stehen fest, nun kommt es auf das Talent des Verfassers an, die Handlung so zu variieren, dass sie das Interesse des Publikums findet. Ellery Queen bedient sich der üblichen Methode: Er reichert das Geschehen durch möglichst bizarre Elemente an.

Da ist natürlich vor allem der Mord selbst. Dass er in einem Raum stattfindet, der von innen verriegelt wurde, ist quasi eine Selbstverständlichkeit. Dies reicht aber noch nicht – im Zimmer selbst geht es reichlich seltsam zu. Man darf sich keineswegs an der Unwahrscheinlichkeit der Konstellation stören. Sie gehört zum „Whodunit“ und schließt die schnöde Realität des Alltags vorsätzlich aus. Der Spaß am ‚schönen‘ Mord steht im Mittelpunkt. Dabei bleiben die Autoren der „Goldenen Ära“ stets fair. Auch Queen macht da keine Ausnahme: Er legt alle Indizien pflichtgetreu seinen Lesern vor. Sie haben folglich theoretisch die Chance, gemeinsam mit dem Detektiv den Fall zu lösen oder ihn womöglich sogar zu übertrumpfen.

Praktisch wird das allerdings wohl nicht geschehen. Queen müsste es als Niederlage werten von seinem Publikum ‚geschlagen‘ zu werden, das eigentlich lieber überrascht werden möchte. Dafür ist jeder Trick recht und billig. Also konstruiert Queen ein vielteiliges Mordkomplott, das zwar höchst unterhaltsam, aber hochkompliziert und letztlich schwer nachvollziehbar ist. Es wird gelöst, doch man muss in Sachen Logik recht große Zugeständnisse machen.

Die Personen-Pyramide des Rätsel-Krimis

Die Riege der Darsteller gliedert sich in drei Gruppen. Da haben wir zunächst den genialen Detektiv und seinen treuen Gehilfen. Ellery Queen ist ein dandyhafter, lebenslustiger Sherlock Holmes, sein Vater Richard allerdings nur bedingt Dr. Watson. Zwar überlässt er seinem Sohn die Initiative, aber er hält ihn doch an der langen Leine, bleibt selbst aktiv und vermittelt zwischen Detektiv und Polizei.

Gruppe Zwei umfasst natürlich die Verdächtigen. Sie sind uns aus anderen Krimis ihrer Art ebenfalls längst bekannt: scheinbar normale Zeitgenossen, die indes düstere oder peinliche Geheimnisse hüten, doppelte Identitäten offenbaren und sämtlich irgendwie miteinander verbandelt oder verfeindet sind.

Außerdem haben wir noch das typische Krimi-Fußvolk. Das sind hier Inspektor Queens Untergebene, die für ihn und Ellery die polizeiliche Drecksarbeit leisten, die notwendig aber nicht unbedingt unterhaltsam für die Leser ist, sowie im Haushalt der Kirks allerlei Butler, Köche und Diener, die ebenfalls recht anonym ihren diversen Tätigkeiten nachgehen und ihren Auftritt jeweils haben, wenn es gewisse Tatbestände zu klären gilt.

Sie arbeiten indes alle redlich in dem Bemühen zusammen, den langen Weg bis zur Auflösung des Rätsels möglichst geistreich zu gestalten. Dabei sind sie so erfolgreich, dass „Chinesische Mandarinen“ viele Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung seinen Unterhaltungswert nicht nur behalten hat, sondern durch das Element der Nostalgie eine glanzvolle Patina erhalten hat.

Der Film zum Buch

„The Chinese Orange Mystery“ wurde bereits 1937 unter dem Titel „The Mandarin Mystery“ verfilmt. Unter der Regie des Routiniers Ralph Staub (1899-1969) entstand ein typisches B-Movie, das in den Kinos vor dem eigentlichen Hauptfilm lief: professionell, aber kostengünstig und meist in Serie heruntergekurbelt, selten länger als eine Stunde laufend. Eddie Quillan (1907-1993) spielt Ellery Queen und gilt als fürchterliche Fehlbesetzung. Auch sonst hält die Kritik wenig von diesem Streifen, der von den Columbia-Studios um des Profits willen auf ‚witzig‘ getrimmt wurde. (Interessante Entdeckung am Rande: Wade Boteler, der den Inspektor Richard Queen mimt, starb 1943 im Alter von 55 Jahren an einer Herzattacke, was nicht wundert, listet sein Lebenslauf doch 419 Filme auf, in denen er in 25 Jahren mitgespielt hat!)

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Anmerkung

„Chinesische Mandarinen“ gehört zu den Ellery Queen-Romanen, die nie eine adäquate, d. h. neu übersetzte Neuauflage erfuhren. Bis dies (hoffentlich) geschieht, sollte der Krimifreund auf die Ausgabe/n des Goldmann-Verlags zurückgreifen. Diese ist – keine Selbstverständlich auf dem deutschen Krimi-Buchmarkt der Vergangenheit – ungekürzt und die Übersetzung, obwohl schon tüchtig angejahrt, immer noch erstaunlich lesbar. Die jüngere Ullstein-Ausgabe stützt sich hingegen auf eine Neuübersetzung, aber die deutliche Differenz in der Seitenzahl deutet darauf hin, dass hier wieder einmal das Original zusammengestutzt wurde.

[md]

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BUCHREZENSION: Gordon D. Shirreffs – Der letzte Zug von Gun Hill. Der Roman zum gleichnamigen Film!

Erstellt von Detlef Hedderich am 15. September 2011

Gordon D. Shirreffs
Der letzte Zug von Gun Hill

(sfbentry)
Originaltitel: Last Train from Gun Hill (New York : Signet 1959)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstveröffentlichung: 1960 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 01/00043)
158 S.
[keine ISBN]
Letzte Neuausgabe: 1986 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Western Nr. 05/2738)
126 S.
ISBN-13: 978-3-453-20604-5

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Das geschieht:

‚Spaß‘ mit der „Indianerfrau“ wollten sie haben, die beiden jungen Männer, doch die Sache geriet außer Kontrolle: Rick Beldon und Lee Smithers haben im Suff Catherine Morgan vergewaltigt und umgebracht. Das bereuen sie rasch, denn der Gatte der Toten ist der Sheriff von Pawley. Matt Morgan schwört, die flüchtigen Mörder vor Gericht zu bringen, koste es was es wolle.

Die Spur führt nach Gun Hill, eine nicht weit entfernt liegenden Stadt. Hier herrscht Craig Beldon, ein reicher, mächtiger Viehbaron – und Ricks Vater. Er weiß um die Charakterschwäche seines Sohnes, der indes sein einziger ist. Deshalb ist er nicht bereit, Rick von Morgan verhaften und vor Gericht stellen zu lassen.

Morgan und Beldon sind alte Freunde; sie haben einander früher oft das Leben gerettet. Deshalb bittet Beldon inständig um das Leben seines Sohnes. Doch Morgan lässt nicht von seinem Plan ab. Die Situation eskaliert. Beldon befiehlt zahlreiche Männer, die jedem Befehl ihres Bosses bedingungslos folgen. Sie sollen Morgan hindern, ihn notfalls umbringen.

Der Sheriff stellt sich der Übermacht. Er ist ein ehemaliger Revolverheld, der nichts von seinem Handwerk verlernt hat. So kommt es schließlich, wie es kommen musste: Während der letzte Zug nach Pawley in den Bahnhof von Gun Hill einfährt, stehen sich die ehemaligen Gefährten mit der Waffe in der Hand unversöhnlich gegenüber …

Im Teufelskreis der Rache

Eine einfache, aber starke Geschichte, oft erzählt, aber zuverlässig weil wirkungsvoll: Äußere Umstände entzweien alte Freunde, ohne dass sie selbst dafür verantwortlich sind. Ein unerbittliches Schicksal hetzt sie gegeneinander, bis schließlich geschieht, woran sie in ihren schlimmsten Albträumen nicht gedacht hätten: Sie stehen sich nach hartem Kampf, den sie nicht wollten und der sie alles verlieren ließ, was ihnen lieb und teuer ist, mit gezogener Waffe gegenüber. Nur einer wird den Platz verlassen, der Überlebende auch noch den Freund verloren haben. Es gibt kein Entrinnen.

Dieses Drama spielt sich innerhalb von zwölf Stunden ab, die zwischen der Ankunft des Morgenzuges aus Pawley mit Matt Morgan und seiner Abreise am Abend liegen. Der knappe zeitliche Rahmen schürt die Spannung, denn die Entscheidung muss bis zur Abfahrt des letzten Zuges aus Gun Hill gefallen sein.

Das Buch zum (besseren) Film

Die größten Vorbehalte erwachsen „Der letzte Zug von Gun Hill“, dem Buch, aus der möglichen Kenntnis des gleichnamigen Films. Dieser gilt nicht grundlos als Klassiker seines Genres. Mit Kirk Douglas als Matt Morgan und Anthony Quinn als Craig Beldon spielen zwei Ausnahme-Schauspieler die Titelrollen. Sie verstehen sich auf ihr Handwerk und liefern großartige Charakterspiele ab. Mehr als einmal fleht Quinn als Beldon geradezu um das Leben seines nichtsnutzigen Sohnes: starke Szenen voller Emotionen, die aus dem harten Rancher, dem das Leben nichts geschenkt hat, einen Menschen machen, dessen Verhalten man sogar verstehen kann.

Shirreffs Figuren sind im Vergleich dazu eindimensional. Dies fällt wie gesagt hauptsächlich im direkten Vergleich zwischen Buch und Film auf. Aber unabhängig davon stützt sich der Autor zu schwer auf allzu bekannte Western-Klischees. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, und das möglichst wortkarg. Ein Wort ist ein Wort und muss gehalten werden – im Guten wie im Bösen. Eine Frau ist wie ein Wesen von einem anderen Stern; als Mutter, Hausfrau, Gattin (in dieser Reihenfolge) und oft genug Witwe eine verehrungswürdige Lichtgestalt (die nach ihrem gesellschaftlichen Status allerdings nur knapp über einem guten Reitpferd steht). Emanzipation erschöpft sich in dieser Männerwelt darin, dass frau sich traut in der Öffentlichkeit zu rauchen oder dem Helden eine Schrotflinte ins Haus schmuggelt.

Generationen und Freunde im Konflikt

Etwaige Brüche werden nur quasi zwischen den Zeilen deutlich. Dass Rick Belden ein Schwächling, Säufer und Mörder geworden ist, geht zu einem guten Teil auf den Vater zurück, der ihn zum harten Mann und Erben seines Königreiches erziehen wollte, aber gleichzeitig verzog, ängstigte und nie wirklich verstehen konnte. Beldon Senior wünschte immer nur Reichtum und Macht; beides hat er nun im Überfluss, aber seine Persönlichkeit hat gelitten, er ist allein und fürchtet mit dem Verlust des Sohns die Erkenntnis der Sinnlosigkeit seines Raffens. Deshalb verweigert er Morgan die geforderte Gerechtigkeit: Ohne Rick ist ihm gleichgültig, was er geschaffen hat.

Morgan ist auf diesem Ohr natürlich taub. Er ist vielleicht die vom Schicksal härter gebeutelte, aber ansonsten weniger interessante Figur dieser Geschichte. Ein guter Sheriff, Ehegatte und Vater wird zum Rächer, der angeblich das Gesetz über die Selbstjustiz stellt – lobenswert, aber irgendwie unglaubwürdig, da alle, die sich ihm in den Weg stellen, tot am Boden liegen, als sich der Pulverdampf verzieht.

Autor

Gordon Donald Shirreffs wurde im Jahre 1914 in Chicago, Illinois, geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Angestellter der „Union Tank Car Company“, bis er 1940 zur Army ging und seinen Kriegsdienst leistete. 1946 kehrte Shirreffs ins Zivilleben zurück und schlug sich als Vertreter durch, bis er 1948 einen Laden für Scherzartikel und Spielzeug eröffnete.

Tagsüber arbeitete Shirreffs, des Nachts versuchte er sich als Schriftsteller. Er besuchte Schreibkurse in Chicago. 1952 zog er mit seiner Familie nach Kalifornien, wo er sich als professioneller Autor niederließ. Shirreffs begann mit Geschichten, die in Comics verwandelt wurden – Western zumeist: Roy Rogers, Johnny Mack Brown, Auntie Duchess, Rin Tin Tin (ein lassieschlauer Schäferhund im Dienst der US-Kavallerie). 1956 gelang ihm der Verkauf eines ersten Romans („Rio Bravo“, ebenfalls ein Western).

Shirreffs kam gut ins Geschäft, denn er war vielleicht kein begnadeter, aber ein versierter und vor allem schneller Schreiber: sechs Romane pro Jahr waren nicht ungewöhnlich. So veröffentlichte er mehr als 80 Bücher; nicht nur Western, sondern auch Kinder- und Sachbücher sowie 150 Kurzgeschichten, die auch unter Pseudonymen wie Gordon Donalds, Stewart Gordon und Jackson Flynn erschienen. Darüber hinaus schrieb Shirreffs Drehbücher für Kino und Fernsehen.

Seit jeher investierte Shirreffs viel Zeit in die Recherche. Die korrekte historische Darstellung seiner Western war ihm wichtig. Mit über 50 Jahren drückte er noch einmal die Universitätsbank und studierte Geschichte. In seinen späteren Schriftstellerjahren wurde Shirreffs ehrgeiziger; seine Serie um den Westmann Kershaw erreichte geradezu epischen Umfang.

Gordon D. Shirreffs erlag im Dezember 1996 einem Schlaganfall. Er war 82 Jahre alt.

Der Film

„Last Train from Gun Hill“ ist der Roman zum gleichnamigen Film, den Meisterregisseur John Sturges 1959 inszenierte. Shirreffs brachte das Drehbuch von James Poe in Romanform. Dieses basierte wiederum auf einer Kurzgeschichte von Les Crutchfield (1916-1966).

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BUCHREZENSION: Koushun Takami – Battle Royale. Die Verfilmung kam im Jahre 2000 in die Kinos und erregte Ausehen!

Erstellt von Detlef Hedderich am 28. August 2011

Koushun Takami
Battle Royale

(sfbentry)
Originaltitel: Battle Royale (Tokyo : Ota Shuppan 1999)
Übersetzung: Jens u. Akiko Altmann
Deutsche Erstausgabe: September 2006 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore Nr. 67519)
624 S.
ISBN-13: 978-3-453-67519-3

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Das geschieht:

China und Japan haben sich zur „Republik Großostasien“ zusammengeschlossen, die von einer Militärdiktatur regiert wird. Gegner des Regimes werden verfolgt und eliminiert. Den Rest der Welt hat man zum Feind erklärt, sich abgeschottet und ewige Wachsamkeit verordnet. Um den allgemeinen Wehrwillen der Jugend zu testen, hat das Regime das „Programm“ entwickelt. In jedem Jahr werden 50 Klassen der Jahrgangsstufe 9 ausgelost. Diese Schüler werden ohne ihr Wissen an isolierte, vom Militär streng überwachte Orte gebracht. Dort stattet man sie mit Waffen aus und zwingt sie einander umzubringen, bis nur ein Überlebender geblieben ist. Den Sieger erwartet ein Leben in Luxus, die Wissenschaftler des Regimes werten ihre Daten aus.

Aktuell werden 42 Jungen und Mädchen der Shiroiwa Junior High School auf die Insel Okishima transportiert. Dort erwartet sie ihr zynischer ‚Kursleiter‘ Kinpatsu Sakamochi, ein absolut linientreuer Vertreter seines Staates. Er informiert die geschockten Schüler über ihre erzwungene Teilnahme am „Programm“. Aufkeimender Widerstand wird durch Mord geahndet. Sich zu verstecken ist zwecklos; in regelmäßigen Abschnitten werden bestimmte Sektoren von Okishima zu „Verbotenen Zonen“ ausgerufen. Wer sich dort aufhält, stirbt durch die Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Halsrings, der allen Schülern umgelegt wurde. Auf dem Meer verhindern Wachschiffe jede Flucht.

Das „Programm“ beginnt, und zum Entsetzen der besonnenen Schüler fügen sich Freunde und Klassenkameraden dem Terror. Sofort beginnt ein Gemetzel. Allianzen werden geschlossen, Fronten aufgebaut, Versprechungen gemacht, Taktiken entworfen. Doch unter dem allgegenwärtigen Druck zerfallen Moral und Menschlichkeit. Der pure Überlebenswille diktiert das Verhalten. Stetig nimmt die Zahl der Schüler ab, während überall auf der Insel Leichen liegen. Trotzdem gibt es selbst in der Hoffnungslosigkeit Anzeichen dafür, dass der Mensch nicht jeden Menschen brechen kann …

Die Frage des Überlebens

Was macht den Menschen menschlich, d. h. was unterscheidet ihn vom Tier, das primär das Überleben der Art und erst danach das des Individuums zu gewährleisten sucht? Wie dick oder dünn oder stabil ist jene Tünche, die wir „Zivilisation“ nennen und verspricht, atavistische Triebe wie den unbedingten Willen, notfalls auch auf Kosten des Schwächeren zu überleben, abzufedern? Wie ist es um Moral und Solidarität bestellt, werden sie ernsthaft in Frage gestellt?

Die Realität beweist immer wieder die Aktualität dieser Fragen. Wissenschaftlich und akademisch aber auch künstlerisch haben sich Menschen mit ihnen beschäftigt. Romane füllen viele Regalmeter. Immer wieder wird ein Titel genannt, der auch in der Werbung für „Battle Royale“ nicht vergessen wird: 1954 verfasste William Golding (1911-1993) „Lord of the Flies“ (dt. „Herr der Fliegen“): Auf einer einsamen Insel strandet eine Gruppe sechs- bis zwölfjähriger Schulkinder. In der Krise zerfällt das soziale Regelwerk, das ihnen anerzogen wurde; der Urmensch kommt zur Vorschein, der überleben will, und sei es auf Kosten jener, die in diesem ‚Wettbewerb‘ nicht mithalten können. Golding führt die Mechanismen dieses Niedergangs mit der Intensität eines wahrlich genialen Schriftstellers vor; nicht ohne Grund verlieh man ihm 1983 den Nobelpreis für Literatur. Die zeitgenössischen Leser waren erschüttert, dass er Kinder als Protagonisten wählte, die als Repräsentanten einer naturgegebenen Unschuld galten.

Koushun Takami, ein Kind der wesentlich zynischeren zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat die Korrumpierbarkeit auch der Jugend längst verinnerlicht. Er geht einen Schritt weiter: Was wäre, wenn auf Goldings Insel als weiterer Faktor eine Macht ins Spiel käme, welche die Gestrandeten gezielt zu aggressivem, asozialem Verhalten anhielte oder sogar zwänge?

Die Gangart wird härter

Nun ist Takami kein k ein Schriftsteller, der annähernd Goldings Format erreichte. (Die deutsche Übersetzung leistet ihm weitere Bärendienste mit ihrem gequält ‚authentischen‘ Jugendslang à la „Geschnallt?“, „Schnackelt‘s?“ oder „Männo!“.) Seine Stil ist simpel, die Story ist es auch – scheinbar, denn tatsächlich geht der Verfasser raffinierter vor als man zunächst annimmt. Die einfache Sprache nennt die Dinge beim Namen. Es gibt kein Drumherum, keine Ausflüchte, keine Wortspielereien. Unbarmherzig wird der Leser mit dem Geschehen konfrontiert. Dessen Brutalität teilt sich ihm (oder ihr) ungefiltert mit. Auch die Perfektion der Falle, in der sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9-B gefangen sehen, wird von Takami immer wieder herausgestellt. Den jungen Menschen bleiben keine Auswege. Sie werden aufeinander gehetzt und müssen für sich entscheiden, ob sie mittun.

Genau dieser Prozess wird vom Verfasser in allen Varianten durchgespielt. Resignation und Selbstmord, Verzweiflung und Aufstand, Mitläufertum sowie die radikale Entscheidung, das „Spiel“ zu spielen: Takami ‚verbraucht‘ viele Protagonisten, bis er den Menschen entweder seiner Menschlichkeit entkleidet oder ihn in der Hoffnungslosigkeit triumphieren lässt.

Kritik und Unbehagen

Wie üblich mokier(t)en sich Kritiker über die intensiv geschilderten Grausamkeiten. Sie übersehen eine Kritik, die Takami – zugegeben nicht gerade subtil oder gar künstlerisch – an realen Missständen übt. Hier ist es vor allem der suppressive Zug der japanischen Gesellschaft. Die Disziplin steht über allem, das Individuum verschwindet hinter den Forderungen der Gemeinschaft. Selbstmord unter Schulkindern, die dem Druck und den Erwartungen nicht mehr gewachsen waren, ist in Japan ein reales, gern tot geschwiegenes Phänomen – wo gehobelt wird, fallen halt Schwächlinge …

Die Geschichte hat darüber hinaus bewiesen, dass diese ausgeprägte Eigenheit der asiatischen Kultur die Menschen folgsam macht, was Diktaturen begünstigt; Japan hat diese dunkle Seite im II. Weltkrieg unter Beweis gestellt, Nordkorea tut es noch heute. Beide Länder und ihre Geschichte/n werden von Takami thematisiert.

Sicherlich ist „Battle Royale“ als Roman zu lang geraten. Viermal 10 ausführlich geschilderte Tode wären nicht nötig gewesen, um auf den Punkt zu kommen. Freilich schwebte Takami keine primär didaktische Geschichte vor. „Battle Royale“ sollte auch oder vor allem ein spannender Roman sein. Dem ist auch ein Finale geschuldet, das die wenigen Überlebenden einen Ausweg finden lässt, der wenig überzeugend wirkt und dem widerspricht, was Takami viele Seiten so nachdrücklich in Szene gesetzt hat. Allerdings ist das Finale nicht unbedingt happy, sondern offen; es lässt Spielraum für eine Fortsetzung des „Spiels“, die zumindest im Film inzwischen stattgefunden hat.

Menschen in der Arena: die Guten

42 Schüler lässt Verfasser Takami im blutigen Wettstreit gegeneinander antreten. Der Umfang seines Romans ermöglicht es, jedem zumindest eine kurze Lebensgeschichte zu gönnen. Es gibt kein Kanonenfutter, Takami schildert Individuen, deren Tod vom Leser eine Reaktion fordert.

Nichtsdestotrotz schälen sich einige ‚Helden‘ heraus. Da sind als Repräsentanten der ‚Guten‘ Shuya Nanahara, Noriko Nakagawa und Shogo Kawada. Shuya und Noriko verkörpern männliche bzw. weibliche ‚Normalmenschen‘, die dem Terror nichts als ihre unbeirrbare Moral entgegensetzen: Man darf sich dem Regime nicht beugen, nicht mitspielen, sondern sich ungeachtet möglicher Repressalien zusammenschließen, Widerstand leisten, Gewalt verweigern. Shogo ist der Rebell, der sich ebenfalls dem Regime entgegen stemmt, ohne jedoch dessen Methoden gänzlich abzulehnen: Er kämpft, stellt Fallen, geht in die Offensive, fordert nicht nur Gerechtigkeit, sondern Rache; Shogo hat bereits Verwandte und Freunde an das Regime verloren. Anders als Shuya und Noriko denkt er deshalb nicht an Flucht ins sichere Ausland. Shogo will das „Spiel“ überleben und die Insel verlassen, um unterzutauchen und dann gegen den „Diktator“ und seine Schergen vorzugehen. Er rechnet sich keine echte Chance aus, diesen Kampf zu gewinnen aber er will ihn führen.

Nur mit ihm verbündet können die Gutmenschen Shuya und Noriko das „Programm“ überstehen. Shogo lehrt sie die Drecksarbeit des Tötens, übernimmt diesen Job stillschweigend meist selbst, weil er sich selbst als schon Verlorenen und Versehrten sieht und in seine Freunde ein Leben projiziert, das ihm selbst unmöglich geworden ist.

Menschen in der Arena: die Bösen

Eine weitere Hauptperson ist Kazuo Kiriyama. Takami formt ihn zum perfekten Instrument des Regimes, das freilich seinen Wert eigentlich einbüßt: Kazuo ist kein Gefolgsmann des „Diktators“, sondern eine seltsame Laune der Natur, ein Psychopath ohne Gefühle, der ohne innere Bewegung einfach beschließt, die ‚Prüfung‘ zu bestehen. Ihm liegt nichts daran; Kazuo, der überaus erfolgreich mordet, findet nicht einmal Gefallen an seinen Taten. Er ist ein Roboter aus Fleisch und Blut, der sich quasi selbst programmiert hat. Die Figur widerspricht im Grunde der Intention des Autors. Kazuo wäre in jeder Gesellschaft zu fürchten. Das Regime hat ihn nicht wirklich geformt, weil es nie wirklich zu ihm durchdringen konnte.

Wahrlich Furcht erregend wirkt indes Kinpatsu Sakamochi, der seiner Aufgabe als Kursleiter voller Überzeugung nachgeht. Er kann fühlen und könnte sich dem Regime verweigern, will und wird dies jedoch gar nicht: Sakamochi ist ein treuer Diener seines Herrn, was ihm dieser mit gewissen Privilegien honoriert, so lange er funktioniert: Er gehört zu den Zahnrädern, die den Schrecken in Bewegung halten.

„Battle Royale“ – der Film

„Battle Royale“ entwickelte sich auf dem japanischen Buchmarkt rasch zum Bestseller, was die örtliche Filmindustrie umgehend aufmerken ließ. Schon kurz nach der Veröffentlichung 1999 stand fest, dass der renommierte Regisseur Kinji Fukasaku den Roman nach einem Drehbuch seines Sohnes Kenta verfilmen würde. 2000 kam „Battle Royale“ in die Kinos und erregte wegen der radikalen Umsetzung des Buches einige Aufregung und Kritik, wobei allerdings anerkannt wurde, dass trotz diverser Änderungen und Vereinfachungen, die der Umfang der Vorlage erforderlich machte, nicht die (von den Medien ohnehin in ihrer Drastik aufgebauschten) Splatter-Effekte im Vordergrund standen. Der Erfolg von „Battle Royale“ ermöglichte es dem Regisseur mit diversen Darstellern noch einmal ins Studio zurückzukehren und einige Szenen nachzudrehen, die das Geschehen vertieften, erläuterten und offen gebliebene Fragen beantworteten.

Während Autor Koushun Takami von einer Fortsetzung seines offen endenden Romans bisher Abstand nahm, griffen die Fukasakus den Faden 2003 mit „Battle Royale II – Requiem“ wieder auf: Vier Jahre nach dem Desaster der ersten „Prüfung“ zwingt das Regime 42 Schülerinnen und Schüler zum Angriff auf die Inselfestung der „Wilden Sieben“, einer Terroristengruppe, die dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und gegen die Regierung agiert. Kinji Fukasakus, der wiederum inszenierte, erlag noch während der Dreharbeiten einem Krebsleiden; die Regie übernahm Sohn Kenta.

„Battle Royale II“ ist wie so häufig eine Fortsetzung ohne die Eindringlichkeit des Originals geworden. Die Bildsprache lässt wiederum nicht an Deutlichkeit zu wünschen übrig, doch die bekannten Tricks einer Geschichte, die nicht wirklich Neues zu bieten hat, werden offensichtlich: Die Spielregeln wurden verschärft, die Spieler sterben noch grausamer als zuvor.

Während Autor Takami an den „BR“-Filmen wenig oder gar nicht beteiligt war, arbeitete er eng mit dem Zeichner Masayuki Taguchi für die Umsetzung seines Romans zur Manga zusammen, die genretypisch das Buch seitenzahlmäßig weit in den Schatten stellt. Rund um Buch und Film wuchern darüber hinaus zahlreiche Merchandising-Triebe, die dem Hardcore-Fan Puppen, Shirts und anderen Schnickschnack liefert.

Autor

Koushun Takami (bzw. Takami Kôshun, wie der Name im Japanischen lautet) wurde 1969 in Amagasaki, einem kleinen Ort in der Präfektur Hyogo bei Osaka auf der Insel Honshu, geboren. Er wuchs auf der Insel Shikoku in der Präfektur Kagawa auf, ging später nach Osaka, wo er an der dortigen Universität Literatur studierte. Zwischen 1991 und 1996 arbeitete Takami für die Nachrichtenagentur Shikoku Shimbun, für die er u. a. Artikel in den Bereichen Politik und Wirtschaft verfasste sowie als Polizeireporter tätig wurde.

In seiner Freizeit versuchte sich Takami als Schriftsteller; er hatte an diversen Kursen für kreatives Schreiben teilgenommen. 1996 gab er die journalistische Tätigkeit auf und arbeitete intensiv an seinem Debütroman. Wegen des kontroversen Inhalts wurde „Battle Royale“ aus einem Literaturwettbewerb verbannt – willkommene Werbung für das Werk, das rasch zum Bestseller wurde, der 2000 verfilmt (Fortsetzung 2003) und mit Takami als Co-Autor zur Manga umgearbeitet wurde.

[md]


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BUCHREZENSION: Greg Cox – Underworld 2: Evolution – Der offizielle Roman zum Film.

Erstellt von Detlef Hedderich am 8. August 2011

Greg Cox
Underworld 2: Evolution – Der offizielle Roman zum Film

Underworld Evolution, USA, 2006
Nach der Geschichte von Len Wiseman & Danny McBride
und dem Drehbuch von Danny McBride, basierend auf den
Figuren von Kevin Grevioux, Len Wiseman & Danny McBride
Dino/Panini Books, Stuttgart, 02/2006
TB, Horror
ISBN 978-3-8332-1309-0
Aus dem Amerikanischen von Timothy Stahl
Titelgestaltung von tab visuelle kommunikation, Stuttgart unter Verwendung
eines Motivs von Motion Picture Photography und Motion Picture Artwork

www.paninicomics.de/filmromane
www.entertheunderworld.com
www.gregcox-author.com/
www.darkstormstudios.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Seit 600 Jahren macht Selene als ‚Todeshändlerin„ Jagd auf Werwölfe, die Todfeinde der Vampire. Trotzdem verliebt sie sich in den ehemaligen Mensch und neugeborenen Vampir-Werwolf-Hybriden Michael, der ungewollt in den Konflikt hinein gezogen wurde. Seit Selene Victor, einen von drei Ältesten tötete, weil er – und nicht die Werwölfe, wie er sie glauben ließ – ihre Familie ermordete, befinden sich die beiden auf der Flucht vor Victors Anhängern.

Selene sieht nur eine Möglichkeit, ihrer beider Leben zu retten: Sie will Marcus, den letzten Ältesten, wecken und ihn in die Geschehnisse einweihen, auf seine Absolution hoffend. Doch sie kommt zu spät, denn das Blut eines Werwolfs hat bereits die Wiedererweckung eingeleitet und Marcus ebenfalls zum Hybriden mutieren lassen. Auch weiß er, was passiert ist und will Selene und Michael töten.

Sein eigentliches Ziel ist jedoch die Befreiung seines Zwillingsbruders William, ein Werwolf, der einst von Victor eingesperrt wurde, weil er zu gefährlich ist. Dafür benötigt Marcus zwei Schlüssel, die er in seinen Besitz bringen kann. Das ruft den mysteriösen Macaro auf den Plan, durch den die Puzzleteile endlich an die richtigen Plätze fallen und die Ursprungsgeschichte der Vampire und Werwölfe enthüllt wird. Aber können Macaro, Selene und Michael die Urväter der beiden Spezies aufhalten?

„Underworld 2“ knüpft nahtlos an die Geschehnisse des Vorgängerbandes an und gibt die Filmhandlung wieder, stellenweise ergänzt durch die Gedanken der Protagonisten, wodurch so manche Entwicklung leichter verständlich wird. Packend beschreibt Greg Cox, wie die Vampire und Werwölfe entstanden, wie es zu ihrer Feindschaft kam und wer zum Nutznießer dieses Konflikts wurde, in dem Selene und Michael lediglich Spielbälle sind.

Natürlich fungieren die beiden, so blass sie in diesem Roman auch bleiben – Marcus wird sehr viel interessanter geschildert, und auch Macaro hat seine Szenen -, als Zünglein an der Waage und erweisen sich als schier unverwüstlich. Das ist auch notwendig bei zwei so mächtigen Gegnern wie Marcus und William, die keinerlei Skrupel kennen, ihren letzten Rest Menschlichkeit längst verloren haben und die Welt – das ist leider überhaupt nicht neu! – verheeren wollen. Die rasante Handlung erfreut trotzdem durch einige überraschende Wendungen, nimmt aber letztlich den erwarteten Verlauf und bietet ein zufriedenstellendes Ende.

Wer die Filme kennt und Spaß an Filmbüchern hat, bekommt mit der „Underworld“-Reihe durchaus niveauvolle Romane geboten, die sich flüssig und spannend lesen lassen. Sie sind so angelegt, dass auch die Freunde des Horror-Genres, die die Filme nicht gesehen haben, sehr gut unterhalten und neugierig auf die DVDs werden.

Copyright © 2011 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
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BUCHREZENSION: George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film

Erstellt von Detlef Hedderich am 4. August 2011

George A. Romero/Susanna Sparrow
Dawn of the Dead
Der Roman zum Film

(sfbentry)
Originaltitel: Dawn of the Dead (New York : St. Martin’s Press Inc. 1978)
Übersetzung: „Frank N Stein“
Deutsche Erstausgabe: 1979 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Filmbuch Nr. 3895)
205 S.
ISBN 3-442-03895-2
Aktuelle Ausgabe: März 2004 (Dino Verlag/Dino Entertainment)
Übersetzung: Michael Morris
236 S.
EUR 9,95
ISBN-13: 978-3-8332-1115-7

Titel bei Buch24.de
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Das geschieht:

Vier Menschen auf einer wilden Flucht: Francine, Steve, Roger und Peter haben die Großstadt Philadelphia verlassen, in der das Chaos regiert, seit sich die Toten, neu belebt durch eine unbekannt Kraft, aus ihren Gräbern erhoben und über die Lebenden herfielen, um sie zu fressen. Nur ein Schuss ins Gehirn kann die Zombies stoppen, die weder Angst noch Mitgefühl kennen. Ihre schiere Übermacht hat die USA in eine existenzielle Krise gestürzt. Die Regierung ist ratlos, die Bürger sind mit der Situation genauso überfordert wie die Behörden und das Militär. Die lebenden Leichen gewinnen allmählich die Oberhand.

Steve fliegt für den Verkehrsfunk eines Senders einen Hubschrauber. Er dient dem zufällig zusammengewürfelten Quartett als Fluchtvehikel. Doch wohin soll man sich wenden? Überall im Land warten die Zombies, schießwütige Militärs oder gewaltbereite Milizen. Jede Zwischenlandung entwickelt sich zum Glücksspiel. Mehrfach kommt man nur zufällig mit dem Leben davon. Eine Lösung scheint sich abzuzeichnen, als im Hinterland ein gewaltiges Einkaufszentrum in Sicht gerät. Zwar haben sich auch hier Zombies Einlass verschafft, doch das mit Lebensmitteln, Waffen und anderen für das Überleben wertvollen Gütern vollgestopfte Gebäude ist relativ einfach zu verteidigen. So beschließen die Flüchtlinge, hier Zwischenstation zu machen.

Aber der Frieden ist trügerisch. Mehr Zombies als gedacht schleichen durch die endlosen Gänge. Die vier Überlebenden sind sich uneins, Streit bricht aus und schwächt die Aufmerksamkeit. Dann werden Plünderer auf das Zentrum aufmerksam. Sie betrachten Peter, Roger, Steve und Francine als Konkurrenten und lästige Zeugen, die es wie die Zombies auszuschalten gibt. Auf allen Ebenen des Kaufhauses kommt es zum mörderischen Kampf zwischen Eroberern und Verteidigern. Geduldig warten in jedem dunklen Winkel die lebenden Toten auf ihre Gelegenheit, die kommen wird …

„When there’s no more room in hell, the dead will walk the earth”

Wieso sie dies tun, bleibt ungeklärt. Es ist eigentlich auch nicht wichtig; ein erster Pluspunkt für George A. Romero, der dies 1978 sehr gut wusste und keine Zeit auf ‚Erklärungen‘ verschwendete, sondern stattdessen die Geschichte erzählte, die ihn eigentlich interessierte: Wie verhalten sich Menschen in einer wirklich ernsten Notlage?

Romeros Zombies sind der Katalysator. Darin erschöpft sich ihre Aufgabe im Grunde. Bei nüchterner Betrachtung basiert ihre Gefährlichkeit auf Überzahl und ständiger Präsenz. Ansonsten sind sie bar jeglicher Intelligenz, sie werden allein von Instinkten und vom Hunger nach Menschenfleisch gesteuert. Die Untoten können keine Pläne schmieden und sind langsam; behält man einen kühlen Kopf, kann man sie per Schuss in den Schädel wie Tontauben abschießen.

Der springende Punkt ist laut Romero, dass es den Menschen nicht gegeben ist sich zu verbünden, eine Taktik gegen den unheimlichen Feind zu entwickeln, diese planvoll zum Einsatz zu bringen und so den Sieg zu erreichen. Stattdessen regiert das Chaos. Großartig ist der Einstieg in die Handlung: In Francine Parkers Sender brüllen sich ‚Spezialisten‘ und ‚besorgte Zeitgenossen‘ nieder, statt sich gemeinsam gegen den Feind zu stellen. Skrupellose Medien-Veteranen schüren den Streit, um noch im Angesicht der nationalen Katastrophe die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben.

Draußen auf den Straßen kämpfen Soldaten, Polizisten und Bürgermilizen gegen das Grauen. Die schlecht organisierten Aktionen richten sich jedes Mal gegen die völlig überforderten Männer, die dem seelenlos geduldigen Gegner zum Opfer fallen oder im Wahnsinn sogar übereinander herfallen.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Apokalypse Now – die Zombie-Version

Eigentlich braucht diese Welt gar keine Zombies mehr; die Lebenden richten sie auch ohne sie zugrunde. Romero übt herbe Kritik an der US-Gesellschaft. Dies war 1978 nicht nur möglich, sondern sogar üblich: Längst war besonders die jüngere, skeptisch gewordene Generation nicht mehr bereit, die überkommenen Ansichten ihrer Eltern zu übernehmen. Fragen nach dem Sinn politischer, wirtschaftlicher und kultureller Werte wurden gestellt. Darf man angebliche Minderheiten unterdrücken. Ausländische Regierungen manipulieren? Was ist in Vietnam geschehen? Wieso bespitzelt ein Präsident heimlich seine eigenen Bürger? Ist Atomkraft wirklich sicher? Was bedeutet Umweltverschmutzung?

Fragen über Fragen, mit denen sich auch das Kino dieser Zeit beschäftigte: „New Hollywood“ nannte man das Phänomen. Klassiker wie „Easy Rider“, „Taxi Driver“ oder „Apocalypse Now“ entstanden in dieser Phase. Sie legten Finger auf tiefe Wunden.

Den spannenden, auf die ‚niederen Instinkte‘ des Menschen zielenden Horrorfilm bringt man gemeinhin nicht mit dieser hehren Filmkultur in Verbindung, aber das ist falsch. George A. Romero besitzt zumindest in eine Nische von „New Hollywood“. Bereits 1968 hatte er in „Night of the Living Dead“ (dt. „Die Nacht der lebenden Toten“), dem ersten Teil seiner ersten Zombie-Trilogie (die 1985 durch „Day of the Dead“ komplettiert wurde), die Invasion der lebenden Toten mit harscher Kritik gekoppelt.

Die Botschaft als Effekt-Spektakel

Romeros Zombies sind folglich in erster Linie ein Symbol dafür, was schief läuft in Amerika. „Dawn of the Dead“ war – der Roman bestätigt es – keine echte Weiterentwicklung dieser Ideen, sondern ein Luxus-Remake. Zu diesem Zeitpunkt bekam Romero, sonst ein Filmer, der seine Werke selbst produzierte, Geld aus Hollywood in die Finger. Im Vergleich mit dem üblichen Mainstream war „Dawn of the Dead“ 1978 in der Tat ein Ereignis: ein intelligenter Splatter mit Botschaft, den sogar das Kritiker-Establishment würdigte.

Der Roman zum Film legt indessen das ausgesprochen simple dramaturgische Gerüst des durch seine Bilder lebenden Meisterwerks offen. „Dawn of the Dead“ ist kein wirklich komplexer Film. Die Schauplätze beschränken sich auf das Filmstudio, einen Straßenzug in Philadelphia, einen verlassenen Flughafen und schließlich das Einkaufszentrum. Die Apokalypse einer Welt im Würgegriff der Zombies stellt sich nur in Ausschnitten dar. Das funktioniert sogar, aber vor allem ist es in der Produktion billig.

Dem Roman tut diese Beschränkung nicht gut. Er muss durch Worte wirken, die ihn statisch wirken lassen, sobald die Handlung im Großkaufhaus zur relativen Ruhe kommt. Nunmehr kämpfen Flüchtlinge gegen Plünderer und Zombies. Das wirkt spannend, wenn man es sieht, ist aber Routine, muss man es lesen: Simple Action verdrängt die Ebene der Hinterfragung, ein Aspekt, der natürlich der nur noch der Unterhaltung geschuldeten Remake von 2003 sehr zugute kommt.

Vier Musketiere gegen die Zombies

Das Muster ist bekannt und bewährt. Auch Romero hält sich daran. Steve, Francine, Peter und Roger sind Archetypen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen repräsentieren. Auf den ersten Blick sind sie typische US-Amerikaner (allerdings des Jahres 1978), Durchschnittsmenschen, die in die Krise geraten. Vor einem Vierteljahrhundert ließ sie dies nicht zwangsläufig über sich selbst hinauswachsen, wie dies heute (wieder) Kinostandard geworden ist.

Francine ist natürlich die Alibifrau des Teams. Beruflich ist sie als Sendeleiterin emanzipiert und taff, privat unabhängig. Doch als die Zombies über sie kommen, setzen sich alte Klischees rasch wieder durch. Ständig verliert Francine die Nerven, reagiert gefühlsgesteuert und damit falsch, muss gerettet werden und wiegelt als love interest die Männer gegeneinander auf.

Das stört den Leser gewaltig. Allerdings verhalten sich die Männer auch nicht gerade kopfstärker. Roger und Steve sind jeder auf ihre Weisen ebenfalls schwach. Wenn es so etwas wie einen Anführer gibt, nimmt Peter diese Rolle ein. Er ist zudem schwarz, was 1978 noch deutlich provokanter wirkte: Peter ist nicht mehr der ‚gute Neger‘, der sich anpasst und vor den weißen ‚Herren‘ kuscht. Er ist selbstbewusst und wesentlich krisentauglicher als seine Gefährten.

Die untoten und die lebenden Bestien

Die Zombies sind wie schon angesprochen Romeros genial gewählter Auslöser, der die ohnehin morsche Gesellschaft zum Einsturz bringt. Nicht ‚rote‘, ‚gelbe‘ oder andersfarbige Feinde aus dem Ausland oder aus dem All attackieren God’s Own Country. Es sind Amerikaner, die andere Amerikaner anfallen. Die einen sind tot, die anderen nicht, aber es sind doch Familienmitglieder, Freunde, Landsleute. Kein Wunder, dass die ‚Zombie-Experten‘ nicht durchdringen mit ihrem ‚Rat‘, diese neuen ‚Mitbürger‘ auf drastische Weise mit einem Schuss in den Schädel auszuschalten, kein Wunder, dass nicht mannhafte Verteidigung in Pioniertradition, sondern Bürgerkrieg die Folge ist.

Bürgerkrieg und Anarchie: Die braven Amerikaner verwandeln sich in der Krise eher in Plünderer und Barbaren als in Kampfgefährten. Soldaten, Polizisten und andere Ordnungskräfte tun da kräftig mit; auch dies war 1978 noch starker Tobak. Das Großkaufhaus, Symbol des dollargestützten Rund-um-die-Uhr-Konsums, verwandelt sich in eine Steinzeithöhle, vollgestopft mit gerade noch heiß begehrten, nun aber nutzlos gewordenen Dingen. Niemand ist wirklich sympathisch in dieser Geschichte, die jedoch – so traurig es sein mag – trotz der bizarren Zombies in dieser Hinsicht ausgesprochen realistisch wirkt.

Autoren

George A. Romero (geb. 1940) ist Drehbuchautor und Regisseur von „Dawn of the Dead“ und einer Reihe anderer Klassiker des Horrorfilms. Schriftsteller ist er indes nicht. Den Roman zum eigenen Film hat er folglich nicht verfasst. Er gab nur seinen verkaufsförderlichen Namen. Wie schon für „Martin“ (1977) schrieb auch dieses Mal Susanna Sparrow das Buch zum Film. Wer diese Frau ist, ob sich hinter ihrem Namen ein Pseudonym verbirgt oder was sie nach 1978 getrieben hat, lässt sich nicht einmal dem Internet entnehmen.

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BUCHREZENSION: Graham Masterton – Der Manitou. 1978 erschien die gleichnamige Verfilmung von William Girdler mit Tony Curtis und Stella Stevens erstmals im Kino.

Erstellt von Detlef Hedderich am 25. Juli 2011

Graham Masterton
Der Manitou

(sfbentry)
Originaltitel: The Manitou (London : Neville Spearman 1975/New York : Pinnacle Books 1976)
Übersetzung: Rosmarie Hundertmarck
Deutsche Erstausgabe: 1978 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek Nr. 70001)
173 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-01043-1

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Das geschieht:

Klein aber fein ist das Privatkrankenhaus „Schwestern von Jerusalem“ in New York City. Die folglich gut situierte, noch sehr junge Karen Tandy kann sich daher mit Recht vertrauensvoll an Dr. Hughes wenden, gilt er doch als Koryphäe seines Metiers. Besonders als Fachmann für Tumorerkrankungen hat er sich einen guten Namen gemacht. Trotzdem ist er erschrocken, denn im Nacken seiner Patientin wuchert eine Schwellung, die nicht im Lehrbuch findet. Der ‚Tumor‘ ist eine Art Embryo, der sich im Zeitraffertempo entwickelt und seine Wirtin schon bald auch geistig unterjocht.

An einem weniger eleganten Ort der Stadt fristet Harry Erskine, der alten Damen die Zukunft aus den Karten liest und dabei den echten Kontakt zum Reich der Geister durch Fantasie und Erfindungsreichtum ersetzt, sein bescheidenes aber zufriedenes Dasein. Dann kommt der Tag, an dem ihn die Nichte einer alten Stammkundin aufsucht: Karen Tandy, die nicht nur unter besagtem Tumor, sondern auch unter seltsamen Träumen leidet.

Harry verliebt sich ein wenig in seine Besucherin. Er bemüht eine alte Freundin, die über echte parapsychische Fähigkeiten verfügt. Bei einer Seance taucht der Geist eines Indianers auf, dessen Attacken die Anwesenden nur mit knapper Not entkommen. Kurz darauf ist Karens Tumor fast so groß wie der Körper seiner Wirtin geworden. In dieser Situation ist Dr. Hughes geneigt Harry Gehör zu schenken, der die bevorstehende Wiedergeburt eines indianischen Rachegeistes ankündigt.

Ein Fachmann muss her! Medizinmann Singing Rain (der eigentlich im Immobiliengeschäft tätig ist) erkennt den Gegner: Misquamacus ist der vielleicht mächtigste Zauberer seines Volkes, der mit dem Weißen Mann noch eine Rechnung offen hat, seit ihn holländische Siedler Mitte des 17. Jahrhunderts in den Tod getrieben haben. Nun ist Misquamacus wieder da – orientierungslos und wie immer äußerst schlecht gelaunt. Es stimmt ihn nicht versöhnlicher, dass verschwenderisch eingesetzte Röntgenstrahlen seinen neuen Körper schwer geschädigt haben. Der erzürnte Geist setzt seinen Zauber ein, um sich zu rächen …

Eiliger Horror mit trivialem Charme

Graham Masterton ist nicht nur ein sehr fleißiger, sondern auch ein in seiner amerikanischen Heimat (eigentlich ist er Schotte) recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch dagegen seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken (oder den berühmt-berüchtigten Sex-Leitfäden) haben den Weg über den Großen Teich gefunden, wo sie sich unter denen, die das Phantastische lieben, zu begehrten Sammelobjekten entwickelt haben.

„Der Manitou“ markiert Mastertons Debüt als Autor, was zu berücksichtigen ist, wenn man diesen Roman beurteilen möchte – dies und das Wissen, dass Masterton ihn 1974 binnen einer einzigen Woche niederschrieb. Das erklärt eine Menge; die anspruchslose Handlung oder die schlichte Figurenzeichnung beispielsweise. Auf der anderen Seite verspricht Masterton nie mehr als er zu halten bereit ist: Horror der handfesten Art! „Der Manitou“ ist schnell, durchaus witzig und gespickt mit drastischen Effekten. Auf kaum mehr als 170 Seiten wird die Story ohne Pausen vorangetrieben.

Geist mit schlechtem Planungsstand

Probleme gibt es immer dort, wo Masterton einhält, um der Handlung Tiefe zu verleihen. Er bildet sich offensichtlich viel ein auf sein Wissen um die indianische Kultur und Mythologie, kommt aber trotzdem niemals über die peinlichen Roter Mann = Guter Mann-Plattitüden hinweg, die als politisch korrekt gelten.

Zwar angesprochen aber nie wirklich beantwortet wird außerdem die Frage, wieso der angeblich so schlaue Misquamacus eigentlich volle dreieinhalb Jahrhunderte übersprungen hat, um ausgerechnet in der Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts aufzutauchen. Wäre es nicht ein Zeichen echter Intelligenz gewesen schon nach fünf oder zehn Jahren zurückzukehren? Für einen Geist, der außerhalb der Gesetze von Raum und Zeit steht, legt Misquamacus ein bemerkenswert schlechtes Gefühl für Timing an den Tag. Da hat es schon etwas rührend Hilfloses, die magische Eroberung der Welt ausgerechnet in einem Krankenhaus zu starten … Aber natürlich sollte man über Sinn & Unsinn solcher für den raschen Konsum bestimmten Unterhaltungsliteratur lieber nicht intensiver nachdenken.

Ein Medizinmann spukt im Kino

„Der Manitou“ erschien zwar zunächst in Großbritannien, war aber später auch in den USA überraschend erfolgreich. Bald wurde Hollywood bei Masterton vorstellig, doch dies leider nur in der Gestalt des jungen William Girdler, dessen Filmografie bis dato nur Sch(l)ock-Klassiker wie „Asylum of Satan“ (1972) oder „Three on a Meathook“ (1973) auflistete. Aber Masterton liebt das Abwegige, und so stand Misquamacus= Zelluloid-Zauberschlacht nichts mehr im Wege. „Manitou“, der Film von 1978, ist mit Tony Curtis (!), Stella Stevens, Ann Sothern und Burgess Meredith erstaunlich gut besetzt. Ganz offensichtlich wandelt „Der Manitou“ hier auf den Spuren der „Exorzisten“ und „Omen“-Reihen, die Mitte der 1970er Jahre Geldfluten in die Kinokassen spülten.

Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass sich die genannten Darsteller 1978 gerade in einem Karrieretief befanden, welches in den meisten Fällen andauerte: War das der Fluch des Manitou? Die ohnehin schlichte Story wurde durch kein geniales Drehbuch geadelt (um es höflich auszudrücken), und Girdler ist nicht Orson Welles (und sollte es auch niemals werden; nachdem „Der Manitou“ ein bescheidener Erfolg geworden war, recherchierte Girdler 1978 auf den Philippinen für seinen ersten Big Budget-Hollywood-Film – und stürzte prompt mit dem Hubschrauber ab; ein neues Opfer des Misquamacus?).

So blieben wie so oft im phantastischen Film nur die Spezialeffekte, die dem Streifen Kontur verliehen. Sie sind ordentlich, können aber aus heutiger Sicht natürlich nicht mehr überzeugen. „Der Manitou“ erfreut sich in Amerika trotzdem noch eines gewissen Rufes, weil er den dauerpubertierenden US-Boys den erregenden Anblick blanker Busen in einem ‚richtigen‘ Spielfilm beschert.

Misquamacus geht in Serie

In Deutschland war des Manitous Wiedergeburt auf der Kinoleinwand immerhin Anlass genug, mit Misquamacus die 1978 ebenfalls im Zeichen der phantastischen Renaissance ins Leben gerufene „Horror-Bibliothek“ des Bastei-Lübbe-Verlages prominent einzuleiten. Heute dürfen sich die wohl nicht gerade zahlreichen Besitzer dieses Bändchens glücklich schätzen – über ein hübsches Sammlerstück und die wehmütige Erinnerung an eine Zeit, da jeder deutsche Taschenbuch-Verlag mindestens einen einschlägigen Titel pro Monat auf den Markt brachte.

Misquamacus ließ der unverhoffte Erfolg seines ersten Auftretens übrigens nie lange im Geisterreich verweilen. Schon 1979 war er wieder da; die Chronik seiner neuen Untaten trug hierzulande den sinnigen Titel „Die Rückkehr des Manitou“ und signalisierte schon dadurch, dass dieser seit dem letzten Mal wenig dazugelernt hatte.

Deutschland bleibt Manitou-Diaspora

Leider können wir Freunde des Unheimlichen uns in Deutschland davon nur sporadisch überzeugen; wenige Masterton-Romane fanden und finden den Weg in dieses unser Land. Dabei gilt z. B. Misquamacus dritter Streich („Burial: A Novel of the Manitou“, 1992) als bester Teil der Serie, zumal der Verfasser hier seine Leser mit einem Kniff zu fesseln weiß, den er zu einem persönlichen Markenzeichen entwickelt hat: der Verknüpfung einer fiktiven Handlung mit realen historischen Ereignissen, hier der Schlacht am Little Big Horn, an deren Verlauf Misquamacus nicht ganz unbeteiligt war.

Dass Masterton seinen ersten Anti-Helden nicht vergessen hat, bewies er 2005, als er Misquamacus nach 13-jähriger Pause überraschend zurückkehren ließ: Weiterhin ist der Manitou nicht zimperlich ist, wenn es gilt, seinen altbekannten Zielen böse Taten folgen zu lassen, und immer noch folgt auf jede Niederlage eine Wiederkehr. Auf diese Weise kann Misquamacus noch lange sein (lukratives) Unwesen treiben.

Autor

Graham Masterton, geboren am 16. Januar 1946 im schottischen Edinburgh, ist nicht nur ein sehr fleißiger, sondern auch ein recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken, seinen Thrillern oder den berühmt berüchtigten Sex Leitfäden, haben den Weg über den Kanal gefunden.

Besagte Leitfäden erinnern übrigens an Mastertons frühe Jahre. Seine journalistische Ausbildung trug dem kaum 20 Jährigen die die Position des Redakteurs für das britische Männer Magazin „Maifair“ ein. Nachdem er sich hier bewährt hatte, wechselte er zu Penthouse und Penthouse Forum. Dank des reichlichen Quellenmaterials verfasste Masterton selbst einige hilfreiche Werke, von denen „How To Drive Your Man Wild In Bed“ immerhin eine Weltauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren erreichte.

Ab 1976 schrieb Masterton Unterhaltungsromane. Riss er sein Debütwerk „The Manitou“ (dt. „Der Manitou“) noch binnen einer Woche herunter, gilt er heute als kompetenter Handwerker, dem manchmal Größeres gelingt, wenn sein Geist schneller arbeitet als die Schreibhand, was freilich nur selten vorkommt.

Wer mehr über Leben und Werk des Graham Masterton erfahren möchte, kann dies auf seiner vorbildlichen Website tun.

Die Misquamacus-Serie:

(1975) The Manitou (dt. „Der Manitou“) – Bastei Horror-Bibliothek Nr. 70001
(1979) Revenge of the Manitou (dt. „Die Rückkehr des Manitou“) – Bastei Horror-Bibliothek Nr. 70014
(1992) Burial (kein dt. Titel)
(2005) Manitou Blood (kein dt. Titel)
(2009) Blind Panic (kein dt. Titel)

[md]

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RETRO-BUCHREZENSION: “Miss Pinkerton oder Ein Fall für die feine Gesellschaft” – Verfilmt 1932 als „Miss Pinkerton“ unter der Regie von Lloyd Bacon!

Erstellt von Detlef Hedderich am 20. Juli 2011

Mary Roberts Rinehart
Miss Pinkerton
oder Ein Fall für die feine Gesellschaft

(sfbentry)
Originaltitel: Miss Pinkerton (New York : Farrar & Rinehart 1932/London : Cassell & Co. 1932)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel: „Keine Spur!“): 1933 (Ullstein Verlag/Ullstein Bücher N. F. 08)
Übersetzung: Julia Koppel
247 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel: „Miss Pinkerton“): 1961 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 151)
Übersetzung: N. N.
190 S.
[keine ISBN]
Derzeit letzte Neuauflage: 1998 (Alfred Scherz Verlag/Scherz-Krimi-Klassiker 1662)
Übersetzung: N. N.
178 S.
ISBN-13: 978-3-502-51662-0

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Der Film zum Buch

Mary Roberts Rinehart war vor dem II. Weltkrieg eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Da die Filmwirtschaft die zeitgenössischen Bestsellerlisten schon damals im Auge behielt, dauerte es nicht lange, bis Hollywood Rinehart und „Miss Pinkerton“ – der Spitzname erinnert übrigens an Allan Pinkerton (1819-1884), der 1850 die erste US-amerikanische Privatdetektei gründete – aufmerksam wurde.

1932 entstand unter der Regie des B-Movie-Veteranen Lloyd Bacon „Miss Pinkerton“, ein 66-minütiger, billig aber routiniert umgesetzter Streifen, der in den Kinos vor dem teuer produzierten und mit Stars besetzten Hauptfilm gezeigt wurde. In der Rolle der Hilda Adams spielte eine noch sehr junge Joan Blondell (1906-1979), als Inspektor Patton stand ihr George Brent (1899-1979) zur Seite. 1941 entstand mit „The Nurse’s Secret“ eine neue Version. In den Hauptrollen spielten nun Lee Patrick (1901-1982) und Regis Toomey (1898-1991), zwei weitere Fließbandarbeiter der US-Filmgeschichte.

Das geschieht:

Einst gehörten die Mitchells zur High Society von New York City, doch die Familie verarmte und starb aus. Zurück blieben die alte, kranke Juliet Mitchell und ihr Neffe Herbert Wynne, ein Taugenichts und Verschwender, der seine Tante mindestens ebenso verabscheut wie diese ihn; ein Gefühl, das von den Dienstboten Hugo und Mary herzlich geteilt wird.

Womit bereits drei Verdächtige beisammen sind, als Juliet Herbert mit einer Kugel im Schädel in seinem Zimmer findet. Offenbar hat er sich beim Reinigen seiner Pistole versehentlich umgebracht. Doch Inspektor George L. Patton von der Mordkommission findet keinen Pulverschmauch an der Leiche: Herbert wurde aus einiger Entfernung erschossen. Er hinterlässt keine trauernden Erben aber eine Lebensversicherung in Höhe von 100.000 $. Da die Mitchells noch immer einen guten Ruf und Beziehungen besitzen, kann Patton Juliet und den Dienstboten keine Daumenschrauben anlegen. Er setzt auf eine bewährte List. Da Juliet ein schwaches Herz hat, schleust er die Krankenschwester Hilda Adams in das Mitchell-Haus ein. Sie ermittelt für Patton Undercover in verdächtigen Verhältnissen. Schnell entdeckt die routinierte Detektivin seltsame Umtriebe hinter der vornehmen Kulisse. Der sonst stets abgebrannte Herbert verfügte seit einiger Zeit über viel Geld. Außerdem war er verlobt. Paula Brent stammt ebenfalls aus gutem Haus und musste die Verbindung vor ihrem dominanten Vater verbergen. Weitere Verdächtige sind Familienanwalt Arthur Glenn und Hausarzt David Stewart, die im Mitchell-Haus ein und aus gehen.

Als die alte Juliet spektakuläre Enthüllungen ankündigt, liegt sie kurz darauf tot in ihrem Bett. Sie wurde vergiftet, was Schwester Adams angelastet wird, der man keinen Glauben schenkt, dass nachts ein Unbekannter durch das dunkle Haus schleicht und dort offensichtlich verzweifelt etwas sucht …

Die Fassade muss gewahrt bleiben!

Das Haus ist alt, sein Inventar verschlissen, die Eigentümerin pleite. Doch eine rationale Reaktion auf die Misere bleibt aus: Eisern harrt Juliet Mitchell, begleitet von zwei überforderten aber treuen Bediensteten, in ihrem Elend aus, denn schließlich ist sie jemand – die (zweit-) letzte Repräsentantin einer Familie mit großer Vergangenheit und gutem Ruf.

Die daraus resultierende Verpflichtung wird ihr zum Fluch: Juliet Mitchell muss die Fassade vornehmer Prominenz aufrechterhalten, obwohl dies zu einer fast unmöglichen Herausforderung geworden ist, die ihr die letzten finanziellen Mittel, die Gesundheit und ihren Seelenfrieden raubt. Dabei weiß ohnehin jeder, wie es um die Mitchells steht. Die High Society von New York City verschließt jedoch in diesem Jahr 1932 davor die Augen: Verarmung ist – zumal in der aktuellen Weltwirtschaftskrise – keine Schande, solange besagter Ruf gewahrt bleibt. Erst wenn dieses Bollwerk fällt, liegt die Familie Mitchell endgültig am Boden.

„Miss Pinkerton“ erzählt nicht nur eine spannende Kriminalgeschichte, sondern auch vom Bemühen einer todkranken Frau, diese letzte Schmach um jeden Preis zu vermeiden. Obwohl Juliet Mitchell nur selten und in einer passiven Rolle auftritt, wird sie zur wichtigen Gestalt im Hintergrund, die ihre letzten Kräfte darin investiert, peinliche Beweise zu manipulieren, um die Wölfe von ihrem maroden Haus fernzuhalten.

Feine Kreise haben ihre Privilegien …

Gemeint sind damit jene ‚modernen‘ Elemente, die den gesellschaftlichen Ehrenkodex der Vergangenheit nicht mehr akzeptieren. In erster Linie gilt dies für die zeitgenössische Presse (auch wenn diese aus heutiger Sicht mehr als zaghaft vorgeht), die vor einer vulgären Leserschaft die Privatangelegenheiten ‚besserer‘ Leute ausbreitet. Eingeschlossen ist aber durchaus auch die Polizei. Inspektor Patton muss sich wohl oder übel damit abfinden, dass die Prominenz der Stadt zusammen- und ihn davon abhält, mit der üblichen Vehemenz auf Verbrecherjagd zu gehen. Faktisch müssen er und seine Beamten mit dem Hut in der Hand die Verdächtigen bitten, Auskunft über ihr Treiben in der Mordnacht und überhaupt zu geben.

Aber Patton macht aus der Not eine Tugend. Er übt sich in Diplomatie und aktiviert seine Geheimwaffe: Ungeachtet der Frage, ob es realiter jemals möglich war, eine ‚Geheimagentin‘ wie Hilda Adams für die Polizei zu beschäftigen, setzt Verfasserin Rinehart diese Figur mit bestechender Logik ein. Adams bringt es selbst nüchtern auf den Punkt: Eine Krankenschwester gehört in der High Society zu jener Schattengesellschaft, die im Hintergrund putzt, kocht, aufräumt und andere Knechtsdienste leistet. Sie wird kaum zur Kenntnis genommen, und man redet vor ihr, als ob sie keine Ohren besäße.

… andere Menschen ihre Intelligenz

Genau dies wird ihnen zum Verhängnis. Schwester Adam hat nicht nur sehr scharfe Ohren, sondern auch einen scharfen Verstand. In einem Prolog schildert Rinehart ihre erste Begegnung mit Patton, der ihr Potenzial sowie ihre Unzufriedenheit erkannte: Adams wird durch die Zeitumstände in die Rolle einer Schwester gedrängt, obwohl sie vermutlich das Zeug zu einer guten Ärztin hätte. Die Rolle der Agentin dient ihr als Ventil für einen intellektuellen Überdruck.

Nicht nur aber vor allem in diesem Zusammenhang lässt Rinehart ohne mahnend erhobenen Zeigefinger und durchaus deutlich diverse zeitgenössische Ungerechtigkeiten in die Handlung einfließen. Rinehart war eine Frauenrechtlerin – heute würde man sie Feministin nennen –, die sehr auf das Recht der weiblichen Selbstbestimmung pochte. Schon 1910 hatte sie die ungemein populäre Figur der Letitia „Tish“ Carberry geschaffen, die sie jene Abenteuer erleben ließ, welche die gesellschaftliche Etikette den Frauen dieser Epoche verbot.

Hilda Adams revoltiert unauffällig gegen Einschränkungen. Sie ist auch als Figur interessant: unsentimental und nüchtern, wobei durchschimmert, dass sie mehr vom Leben erhofft als eine eigene kleine Wohnung, in der ein Kanarienvogel auf sie wartet. Solchen Gefühlen verweigert sie sich auf der Furcht vor unweigerlich drohender Enttäuschung.

Köpfchen vor Herzeleid

Unklar aber gerade deshalb spannend bleibt die Frage, ob Adams die zurückhaltenden aber deutlichen Avancen des Inspektors erkennt und absichtlich ignoriert. Patton ist gerade in seiner Zeit ein besonderer Mann: Er sieht nicht nur die Frau in Hilda Adams, sondern betrachtet sie als gleichberechtigte Partnerin. Adams ist faktisch süchtig nach den ausführlichen Diskussionen, die Patton mit ihr führt. Er zieht sie zu Rate, akzeptiert ihren Widerspruch, geht auf Vorschläge ein und ermöglicht ihr auf diese Weise eine Handlungsfreiheit, die ihr sonst verschlossen bliebe. Obwohl Adams mehrfach darüber klagt, sich wie ein Polizeispitzel zu fühlen, wird sie dies keinesfalls riskieren.

Die für das weibliche Publikum auch im Krimi vorgeblich notwendige Liebesgetändel verlagert Rinehart auf andere Figuren. Paula Brent ist eine erwachsene Frau, die von ihrem Vater in ihrem Zimmer eingeschlossen wird, wenn er ihren Umgang missbilligt. Dennoch mag Rinehart sie nicht zum passiven „Mädchen in Not“ herunter brechen. Als es im Hause Mitchell hart auf hart kommt, entwickelt Paula unerwartet Energie zum Widerstand (bevor pflichtschuldig dem Finale eine Hochzeit folgt).

Weitere scharf gezeichnete weibliche Gestalten sind Mary, die nur scheinbar unauffällige Dienstfrau, und Florence Lenz, eine Glücksritterin, die skrupelarm wie ein Mann ihre Chance ergreift, einer verhassten Lebenssituation zu entkommen.

Krimi mit vielen Hintertüren

Als Krimi ist „Miss Pinkerton“ ein „Whodunit“ reinsten Wassers. Rinehart investiert viel Aufwand in die Konstruktion eines scheinbar unmöglichen Mordes, der sich hinter gleich drei verschlossenen Türen ereignet und auch sonst manches Rätsel aufwirft. Ihre Geschichte erzählt Rinehart streng chronologisch und spielt dabei (scheinbar) mit offenen Karten, sodass der Leser miträtseln kann, um letztlich doch hinters Licht geführt zu werden.

Dabei liebt sie die Rückschau, die sie mit düsteren Andeutungen auf künftiges Geschehen verbrämt. Mary Roberts Rinehart gilt als Erfinderin der „HIBK“-Schule („Had I But Known“ – „Hätte ich  bloß gewusst, dass …“), weshalb sie oft bespöttelt und parodiert wurde, mit der es allerdings erst ihre zahlreichen Nachahmerinnen übertrieben. Sparsam und kundig eingesetzt erfüllt der HIBK-Kniff durchaus seinen Zweck, die Spannung zu schüren.

Natürlich ist „Miss Pinkerton“ dennoch ein rundum altmodischer Roman, und manchmal schießt auch Rinehart literarisch einen Bock: „Das war am Montag, dem 14. September. Wenn man meine Leiche je seziert, wird man dieses Datum quer über mein Herz geschrieben finden.“ Hier gilt es wieder zu berücksichtigen, dass „Miss Pinkerton“ 1932 und in einer ganz anderen Zeit entstand. (Andererseits ist dieser Satz so krude, dass er schon wieder beeindruckt.) Zeitlos blieben dagegen die Spannung eines sauber aufgelösten Kriminalfalls sowie einige kritische Anmerkungen, die Rinehart ihrem Publikum sanft aber eindringlich unter die Nasen rieb.

Autorin

Mary Roberts Rinehart wurde am 12. August 1876 in Pittsburgh, US-Staat Pennsylvania, geboren. Sie ließ sich als Krankenschwester ausbilden und heiratete 1896 den Arzt Dr. Stanley M. Rinehart. Da Geldnot das junge Paar plagte, begann Rinehart 1904 zu schreiben. Zunächst verkaufte sie Kurzgeschichten an die Billigmagazine jener Zeit. Ihr erstes Buch („The Man in Lower Ten“, dt. „Der Mann in Nummer zehn“) erschien 1906. Schon „The Circular Staircase“ (1908, dt. „Die Wendeltreppe“) ist wohl ihr bekanntestes, bis heute nie vergriffenes Werk, das von Robert Siodmaks brillanter Verfilmung aus dem Jahre 1946 („The Spiral Staircase“) endgültig unsterblich gemacht wurde (auch wenn das Drehbuch Elemente aus dem Roman mit Motiven aus Ethel Lina Whites „Some Must Watch“ mischt). Rinehart schuf hier den „Romantic Thriller“, der eine Heldin in den Mittelpunkt stellt, die sich in einem Gespinst mysteriöser Geschehnisse und schließlich allein mit einem Mörder in einem dunklen, einsamen Haus oder an anderen unerfreulichen Orten gefangen sieht.

Rinehart wurde eine der bekanntesten (und höchstbezahlten) Autorinnen ihrer Zeit. 1908 ließ sie die Magazine hinter sich, schrieb (Theater-) Komödien und Liebesgeschichten und zeigte sich auch in anderen Bereichen der Unterhaltungsliteratur sattelfest. Erst in den 1930er Jahren kehrte Rinehart – ab 1932 Witwe und mit einem Sohn, der ein eigenes Verlagshaus gegründet hatte – ins Krimigenre zurück.

Heute gesteht die Kritik Rinehart ihren Klassikerstatus zu. Das war lange anders. Ihre Romane galten spätestens nach dem II. Weltkrieg als altmodisch. Erst später fiel auf, dass Rinehart mehr war als eine geborene Geschichtenerzählerin. So arbeitete sie schon in ihrem Frühwerk außerordentlich geschickt mit Symbolen und Chiffren, die sie der zu dieser Zeit noch jungen Wissenschaft der Psychoanalyse entlehnte.

Ein letzter Kriminalroman erschien 1952. Mary Roberts Rinehart starb am 22. September 1958. Während des I. Weltkriegs hatte sie als erste US-Kriegsberichterstatterin überhaupt von den europäischen Schlachtfeldern berichtet. Dafür wurde sie mit einer Grabstätte auf dem Arlington National Cemetery in Washington, D. C., geehrt.

[md]

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