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Collapse of the Living Dead

Erstellt von Michael Drewniok am 5. Januar 2012

Collapse of the Living Dead

Originaltitel: Collapse (USA 2010)
Regie: Jason Bolinger u. Mike Saunders
Drehbuch: Mike Saunders
Kamera: Jenny Stolte
Schnitt: Jason Bolinger u. Mike Saunders
Musik: Jason Bolinger u. Vincent Gillioz
Darsteller: Chris Mulkey (Robert Morgan), Karen Landry (Molly Morgan), Travis Slade Reinders (Will Morgan), Linnea Quigley (Mrs. Bell), Angela Dezen (Dana), Michael Cornelison (Dr. McFarland), Clint Curtis (Sheriff Rhodes), Mike Tweeton (Hank), Ray H. Thompson (Mr. Linn), Justin Marxen (Edgar Hennenlotter), Ethan Henry (Deputy Cooper), Troy Hollatz (Bob) uva.
Label: Savoy-Film
Vertrieb: Intergroove Media GmbH
Erscheinungsdatum: 15.12.2011 (Verleih-DVD) bzw. 27.01.2012 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 807297083897 (DVD) bzw. 807297083996 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 18


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Das geschieht:

Um die Morgans steht es schlecht. Vater Chris, Mutter Molly und Sohn Travis bewohnen und bewirtschaften eine kleine Farm im US-Mittelwesten. Vor einem halben Jahr starb die Tochter, was Molly an den Rand des Wahnsinns trieb, der seither mit schweren Medikamenten nur mühsam in Schach gehalten wird. Travis hasst die niedergedrückte Stimmung auf der Farm und meidet die Schule. Verzweifelt versucht Robert die Familie zusammenzuhalten.

Schon damit überfordert, sitzt ihm auch die Bank im Nacken. Die Wirtschaftskrise hat längst die Provinz erreicht. Die Morgans stehen so tief in der Kreide, dass eine Zwangsräumung droht – eine Ankündigung, die Robert vor Molly und Travis geheim gehalten hat. Nun kündigt noch Knecht Hank, der schon lange keinen Lohn mehr bekam. Das Kartenhaus steht vor dem Einsturz.

Doch als ein Scherge der Bank auf der Morgan-Farm erscheint, will er kein Geld, sondern Menschenfleisch: In der 15 Meilen entfernten Stadt – und offenbar nicht nur dort – ist eine Zombie-Seuche ausgebrochen. Travis wird gebissen und von Robert vorsichtshalber isoliert, während er sich mit Karen im Haupthaus der Farm verbarrikadiert.

Die Stromversorgung fällt aus, die Vorräte gehen zur Neige. Da Hilfe von außen nicht kommt, will Robert in die zombieverseuchte Stadt fahren, um Nachschub zu organisieren. Er plündert den wohlgefüllten Waffenschrank, was sich auszahlt, denn in der Tat lauern die Untoten überall. Robert schießt um sich und kann trotzdem nur knapp entkommen. Hastig tritt er den Rückzug auf die Farm an, während ein breiter Strom von Zombies ihm folgt – oder ist alles ganz anders? Hat es einen Grund, dass die wenigen Überlebenden, auf die Robert stößt, so seltsam reagieren und mehr Angst vor ihm als vor den Untoten zu haben scheinen …?

Ein Pfund Fleisch aus des Farmers Körper

Wie bespricht man einen Film, den eine einzige aber zugegeben originelle Idee vor dem verdienten Absinken in die Tiefen des Trash-Tümpels bewahrt, ohne genau diese Idee unerwähnt zu lassen? Faktisch ist es zumindest diesem Rezensenten unmöglich, womit er freilich nicht allein steht: In jeder längeren Besprechung von „Collapse“ wird die Spoiler-Katze aus dem Sack gelassen.

Wenigstens kann man sich dabei auf den Regisseur und Drehbuchautor berufen, der die Handlung bereits in der zweiten Filmhälfte ‚kippen‘ lässt und damit nicht erst bis zum Finale wartet. Zudem leidet „Collapse“ nicht unter der Enthüllung, was einerseits für besagte Idee spricht, andererseits jedoch damit zu begründen ist, dass dieser Film trotz seines besonderen Ansatzes kümmerlich geraten ist. Der Einfall ist gut, die Umsetzung ist es nicht.

Bleiben wir noch bei der Idee: Die Feindschaft zwischen Bank und Farmer ist in den USA nicht nur historisch, sondern geradezu klassisch. Sie geht primär auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zurück, als finanziell ruinierte Farmer ihre Heime und Äcker verloren, weil sie den Banken vorgeschossene Kredite nicht zurückzahlen konnten. Erst das daraus resultierende Elend und drohende Unruhen führten dazu, dass in den USA wenigstens ansatzweise ein Sozialstaat eingerichtet wurde. Die Erinnerung an den arbeitsfaulen, herzlosen Banker im weißen Hemd und Anzug, der mit dem Sheriff kommt, um den Farmer und seine Familie zu vertreiben, blieb jedoch präsent.

Der Schock geht tief, denn auch für Robert Morgan ist seine Farm nicht nur Arbeitsplatz, sondern die eigene, von den Vorfahren seit gefühlten Urzeiten bearbeitete Scholle. Deshalb fühlt er sich wie Shakespeares Antonio, dem im „Kaufmann von Venedig“ der Geldverleiher Shylock ein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden will, als er in Zahlungsverzug gerät.

Die Farm: Heimat, Festung – Gefängnis

Zur empfundenen Gnadenlosigkeit der Bank, die um der Bilanz willen Existenzen vernichtet, kommt die Bedrohung der Familie. „Vom gefällten Baum machen alle Kleinholz“, lautet ein amerikanisches Sprichwort. Genauso sieht es Robert: Er hat beinahe alles verloren, sogar eine Tochter ist ihm gestorben. Verliert er die Farm, hat er als auch Ehemann und Vater endgültig versagt. Diese Haltung ist ihm unerträglich und erzeugt jenen Stress, der ihn schon längst hat in den Wahnsinn abgleiten lassen, als die Filmhandlung einsetzt.

Saunders ist zuzugestehen, dass er die diesbezügliche Fährte zwar legt, gleichzeitig aber geschickt verwischt. Mollys Labilität hat einen unvermuteten Grund, und Roberts Beharren gegenüber dem Arzt, dem Sheriff oder dem Banker, dass daheim „alles in Ordnung“ sei, bekommt erst schleichend und dann immer schneller einen unguten Unterton: Da liegt mehr im Argen als Trauer, allgemeine Sprachlosigkeit oder Geldnot.

Doch die Morgan-Farm gleicht einem Schiff, und Robert ist der Kapitän. Sein Wort ist Gesetz. Schwierigkeiten werden innerhalb der Familie geklärt, nach außen wird geschwiegen. Die räumliche Entfernung zur Stadt steigert die Isolation, die seit jeher zur idealen Brutstätte für Irrsinn werden kann

Die Welt wird im Wahnsinn verständlich

Irgendwann muss die überstrapazierte Psyche zerbrechen. Robert interpretiert die Welt, die sich gegen ihn verschworen hat, auf eine bizarre aber ihm leichter begreifbare Weise um: Seine Feinde verwandeln sich von Blutsaugern in Menschenfresser. Gegen sie kann er wehren, denn wie es sich für den Nachfahren von Pionieren gehört, rosten zwar Traktor und Familienlimousine, nicht aber die in eindrucksvoller Zahl gesammelten und gut gepflegten Handfeuerwaffen und Schrotflinten. Im 21. Jahrhundert ist ein Indianerüberfall zwar unwahrscheinlich, doch Robert ist bereit!

Dass man ihm den Zerfall seines Geistes abnimmt, liegt vor allem am Darsteller Chris Mulkey. Er gehört zu jenen viel beschäftigten Mimen, die jährlich bis zu sechs Rollen annehmen, dabei weder TV-Routine noch B- und C-Movies scheuen und in der Regel trotzdem grundsolide Arbeit abliefern. Mit seinem von Pockennarben gezeichneten Gesicht eignet sich Mulkey gut als Parade-Bösewicht, den er deshalb oft gibt. Dieser Schublade entschlüpft er offensichtlich gern.

Das Regie-Duo Bolinger & Saunders konnte nicht nur Mulkey, sondern auch seine tatsächliche Ehefrau Karen Landry anheuern. Sie tragen das Drama darstellerisch, wobei es ihnen gelingt, die ‚Drehung‘ zu vermitteln, die erforderlich ist, um das Geschehen, das wir zunächst nur aus Roberts Sicht verfolgen, in die Realität zu überführen, in der Molly sich als womöglich stärkerer Teil des Paares erweist.

Nicht nur die Psyche wird fadenscheinig

Damit endet leider die kurze Liste der Pluspunkte. Saunders, der auch als Regisseur und Autor stolz seinen in Kindertagen erhaltenen Spitznamen „Insane Mike“ konserviert, mag wohl ein Querdenker sein. Ein Unterhaltungstalent ist er dagegen nicht. Nur Robert und Molly Morgan schrieb er profilstarke Rollen auf die Leiber, auch dabei geizte er nicht mit Klischees, die Mulkey und Landry ausbügeln müssen.

Für routinierte Schauspieler war ansonsten kein Geld mehr da. Ausgerechnet zwei verdiente Veteranen des billigen Gruselfilms (Linnea Quigley,  Michael Cornelison) versteckte Saunders in überflüssigen Nebenrollen. Stattdessen stellte er Anfänger und Laiendarsteller en masse ein. „Collapse“ entstand u. a. in der Kleinstadt West Branch, US-Staat Iowa, deren filmbegeisterte Bürger sich gleich im Familienbund als Zombies verpflichten ließen. Sie schlurfen durch das Bild, wie sie es im Kino gesehen haben, und unter der dünnen Schminke wird deutlich, dass sie sich das Grinsen kaum verbeißen können.

Grundsätzlich bringt Saunders die beiden Handlungsstränge nicht zusammen. Vor allem im Zombie-Teil gehen nur  dreibeinige Pferde mit ihm durch. Er vernachlässigt den Zwischenton, sondern wähnt sich in einem ‚richtigen‘ Horrorfilm. Dies führt zu den üblichen Mustern und sorgt für mindestens tausendfach (und oft besser) gesehene Halsbisse und Kopfschüsse. Wo dem Effektzauberer mehr als die tagesüblichen zwei Budget-Dollar in die Hände gerieten, ließ er seinem Ehrgeiz freien Lauf und kreierte echte Splatter-Szenen, die in dem ansonsten amateurhaften Streifen unvorteilhaft auffallen.

Farmer-Grusel als Bauern-Theater

Denn Anfänger wähnt man jederzeit am Werk. Begeisterung ist kein Ersatz für Talent oder handwerkliches Geschick. Die Dialoge sind dürftig oder dumm. Der Kameramann scheint mit dem Boden verwachsen zu sein, der Cutter nur einen Arm zu haben. Mit-Regisseur Bolinger versucht sich auch am Soundtrack; einen Job, den er erst recht nicht meistert. Das Drehbuch schlägt der Logik seltsame Schnippchen: Wieso ist die Stadt zunächst zombieleer, als Robert dort erscheint? Halten die Untoten ein kollektives Nickerchen, während sie auf Besucher = Frischfleisch warten? Ohnehin scheinen sie bei Bedarf aus dem Boden zu wachsen.

Zombietum macht sich bei Saunders in erster Linie durch zerfetzte Kleider bemerkbar. Alle Zombies sind sorgfältig und auf eine Weise zerlumpt, die absolut ratlos in der Frage lässt, wie sie schon nach wenigen untoten Stunden in diesen Zustand geraten konnten. Sie jagen ohnehin kaum Angst ein; aufgrund des sorgfältig beachteten Schlurfgangs sind diese Kreaturen so langsam, dass ihre Opfer ihnen ostentativ und ewig den Rücken zudrehen müssen, damit sie erwischt werden können. Des Zuschauers Blutdruck steigt dabei nur, weil er den betreffenden Darsteller – meist den armen Chris Mulkey – gehetzt nach links und rechts aber demonstrativ nie nach hinten blicken sieht: Spannungsaufbau unterscheidet sich offensichtlich vom Versuch, sein Publikum für dumm zu verkaufen.

Auf dilettantische Weise schleppt sich die Handlung voran. Die finale Auflösung ist zumindest konsequent und recht grimmig, kann aber für die anderthalb Stunden Lebenszeit nicht ersetzen, deren Verlust den Zuschauer weitaus stärker schmerzt als jeder Zombiebiss.

DVD-Features

Die ‚Ausstattung‘ von DVD (und Blu-ray) unterstreicht, dass „Collapse“ zum Auswurf der Filmgeschichte gehört: Mit Trailer und Bildergalerie wird man abgespeist.

Unschuldig sind „Insane Mike“ & Co. übrigens am selten dämlichen deutschen Titel des Films: Was soll denn ein „Collapse of the Living Dead“ sein? „Collapse“ gibt im Original knapp, präzise und unheilverkündend die Richtung der Geschichte vor. Das „… of the Living Dead“ belegt den dreisten Versuch, hierzulande zwar für debil gehaltene aber solvente Zuschauer/Käufer an die Zombie-Angel zu nehmen. Wer sich auf typischen Därme-raus-Horror gefreut hat, dürfte solche Manipulation anschließend mit einer Ächtung des verantwortlichen Labels und seiner Filme ahnden.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)

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Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet

Erstellt von Detlef Hedderich am 17. Dezember 2011

Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet

Originaltitel: Au fond des bois.
‘Alamode Film’.
FSK freigegeben ab 16 Jahren.
Trailer

EAN: 4042564129724
Libri: 4028090
Originaltitel: Au fond des bois.
‘Alamode Film’.
FSK freigegeben ab 16 Jahren.
Trailer- Interview mit Benôit Jacquot.
Laufzeit ca. 98 Minuten.
Sprachen: Deutsch Französisch.
Produktionsjahr: 2010.
Regie: Benoit Jacquot
Mit Isild Le Besco, Nahuel Perez Biscayart, Nahuel Perez
AL!VE Ag

18. November 2011 – DVD-Video

Südfrankreich, 1865. Der Wanderer Timothée kommt in ein verschlafenes Dorf.  Er gibt sich taub und stumm. Dr. Hughes gewährt ihm Unterkunft in seinem Haus für Arme und Kranke. Timothée entdeckt die Tochter des Hauses Joséphine und ist von ihrer Schönheit überwältigt. Als Joséphine am nächsten Tag allein ist, schleicht er sich in die Küche, setzt sie in Trance und nutzt sie sexuell schamlos aus. Unter den hypnotischen Einflüssen folgt sie Timothée tief in die Wälder, obwohl sie verängstigt und angewidert scheint. Dort wird sie von ihm vergewaltigt und misshandelt bis Timothée verhaftet und verurteilt wird. Aber wie groß war der hypnotische Einfluss wirklich?

Benôit Jacquots „Deep in the Woods – verschleppt und geschändet“ ist ein beeindruckender Film über Sex, Macht und Abhängigkeit. Isild Le Besco („Ein gutes Herz“, „Sade“) in der Rolle der Joséphine und Nahuel Perez Biscayart als Timothée („Glue“, „The Aura“) zeigen ein Wechselbad der Gefühle zwischen psychischer Abhängigkeit und körperlicher Anziehung. Seine Weltpremiere feierte „Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet“ als Eröffnungsfilm auf dem Locarno Filmfestival 2010 und begeisterte dort das Publikum.

Titel bei Libri.de (DVD)

Preisrätsel / Gewinnspiel 2 x 1 (KOSTENLOSE!) DVDs: Um die Preisrätseltitel zu gewinnen, muss einfach folgende Aufgabe beantwortet werden: Wie viele Episoden sind auf der DVD? Die richtige Antwort an gewinnantwort(x)filmbesprechungen.de mailen (als kleinen Spamschutz bitte (x) durch @ ersetzen, vielen Dank). Im Betreff bitte “Filmpreisrätsel” und den Filmtitel eintragen. Danke. Sobald 200 Mails mit den richtigen Antworten eingegangen sind, werden unter diesen Einsendern die Gewinner ausgelost. Weiter Informationen finden sich hier. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

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Real Steel

Erstellt von Günther Lietz am 12. Dezember 2011

“Real Steel” – wahrer Stahl – aus dem Helden und ihre boxenden Roboter bestehen, kämpft auch um die Gunst der Zuschauer. Und um die zu gewinnen, haben Regisseur Shawn Levy und seine Drehbuchschreiber alles ausgepackt, was der Hollywoodbaukasten zu bieten hat. Ganz viele bunte Steine ergeben somit einen Film, der komplett auf das Publikum zugeschnitten ist. Die Sache hat nur einen Haken, der Film hat weder Seele noch Herz.

Dabei spricht der Anfang des Streifens eigentlich für ein rührseliges Familiendrama und emotionales Erlebnis. Denn eines Tages erfährt der erfolglose Roboterboxer Charlie Kenton (Hugh Jackman), dass seine Exfrau gestorben ist. Er soll nun zu einem Gerichtstermin kommen, bei dem es um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Max (Dakota Goyo) geht. Charlie hat keine echte Bindung zu Max und so ist es für ihn ein Leichtes, das Sorgerecht regelrecht an Max’ Tante zu verhökern. Doch zuvor verbringt Max noch die Ferien bei seinem Vater, denn er nur Charlie nennt.

Eine traurige Geschichte und der Zuschauer kann sich bereits denken, wohin der Weg führt. Charlie, übrigens ein richtiges Arschloch, investiert das Geld in einen neuen Boxroboter und verliert prompt. Auf dem Schrottplatz entdeckt Max nun einen Sparringsroboter namens Atom und bringt die alte Klapperkiste auf Vordermann. Durch den gemeinsamen Boxsport raufen sich Vater und Sohn zusammen, Atom boxt gegen den Champion und alle sind froh und glücklich und so weiter und so fort. Oh, und natürlich gibt es auch noch die gutaussehende Bailey (Evangeline Lilly), mit der Charlie zusammenkommt.

Die Geschichte ist so offensichtlich konstruiert, dass es schmerzt. All die soften Herzschmerzmomente Hollywoods wurden in einen Topf geworfen. Und weil Boxen so brutal ist, verkloppen sich halt Roboter. Das kommt in Zeiten von “Transformers” beim Publikum gut an und sorgt für eine niedrige FSK. Problem an der Sache: Die Transformers haben Persönlichkeit. Die fehlt den boxenden Robotern vollkommen. Es sind und bleiben eiskalte Maschinen.

Allgemein gesagt ist die Roboteridee ziemlich blöde und der Underdog Atom vollkommen unglaubwürdig. Wäre der ein toller Boxer, würde er nicht auf dem Schrottplatz liegen, sondern jeder würde so einen haben. Daran ändert auch die Sache mit der Bewegungssteuerung nichts. Das würde dann auch jeder machen. Absoluter Schwachsinn. Es geht hier einfach nur darum eine alte und rostige Blechdose zu haben, um den Mitleidbonus abzuräumen. Wie der restliche Film, ist eindeutig erkennbar, dass “Real Steel” am Reißbrett erschaffen wurde. Der Film ist vollkommen nach Blockbusterlehrbuch gestaltet und das ist ihm stets anzumerken. Die Macher haben vergessen, dass Film auch Kunst ist. Aber das Zielpublikum lässt trotzdem die Kasse klingeln, denn es läuft so viel Mist zur besten Sendezeit, dass scheinbar nur die wenigsten noch gute Unterhaltung zu schätzen wissen.

Wenigstens kommt die Vorlage mit Niveau daher. Sie stammt von Richard Matheson und ist seine Science-Fiction Kurzgeschichte “Steel”, die er 1956 verfasste und die vom Fernsehen bereits mehrmals adaptiert wurde. Einmal im Rahmen der Serie “Twilight Zone” 1963 („Ein Halbschwergewicht aus Stahl“) und dann nochmals bei den Simpsons („Häuptling Knock-A-Homer“). Da schlüpfte Homer in einen Kampfroboter, um seinem Sohn Bart zu imponieren. Diese Zeichentrickfolge hat mehr Herz, als es “Real Steel” vermag. Denn da riskiert Daddy Charlie Kenton zu keinem Zeitpunkt sein Leben. Wäre auch zu brutal, um eine niedrige Altersfreigabe zu bekommen. In „Ein Halbschwergewicht aus Stahl“ bleibt der Loser-Roboter übrigens ein Loser-Roboter und somit die Story glaubhaft. Und das tanzende Duo Atom und Max stammt übrigens aus „Häuptling Knock-A-Homer“ – und die Story ist wirklich rührend und tiefsinnig.

“Real Steel” wird auch gerne mit den Stallone-Streifen “Rocky” oder “Over the Top” verglichen, fährt dabei aber keine Punkte ein. Um ehrlich zu sein, der Levy-Streifen orientiert sich eigentlich gar nicht an diesen beiden bekannten Kinohits, sondern nutzt einfach nur die gleichen Elemente, um dann aber auf ganzer Linie zu versagen.

Das Einzige was “Real Steel” am versumpfen in die Bedeutungslosigkeit hindert, sind die Darsteller. Allen voran Hugh Jackman, der für “Real Steel” eifrig seinen Kredit als markiger und kantiger Typ wegknabbert. Noch ein oder zwei Streifen dieser Art und seine bisherigen Verdienste sind dahin. Er ist jedenfalls der Bremsklotz, der “Real Steel” daran hindert über die Klippe zu rauschen. Sein Spiel ist hervorragend und voller Spielfreude. Jackman geht richtig mit und haucht dem Film wenigstens etwas Leben ein.

Etwas fürs Auge, aber dennoch gefangen in einer klinisch reinen Liebesbeziehung, kommt Evangeline Lilly als Bailey Tallet daher. Lilly ist eine grandiose Schauspielerin und war einer der Gründe, um in den letzten Jahren den Serienhit „LOST“ einzuschalten. Allerdings hat sie in “Real Steel” leider nichts mehr mit der starken und zähen Kate aus „LOST“ gemeinsam. Im Gegenteil, die Frau wird als Schauspielerin regelrecht demontiert und verkommt zum Mechanikerfrauchen, dass in einem Loch ausharrt, bis das Arschloch wieder auftaucht und sie dann gnädig zurücknimmt. Schwache Leistung von Lilly, die viel mehr kann, aber vom Drehbuch ausgebremst wird.

Mehr Raum bekommt dagegen Kinderstar Dakota Goyo der den Max spielt. Der Junge kann was, keine Frage, aber in “Real Steel” ist er einfach nur penetrant, naseweis und altklug. Er hat einfach zu viel Zeit auf dem Bildschirm und wirkt kaum kindlich, stellt dafür aber eine coole Figur dar, der alle kleinen Jungs nacheifern können. “Real steel? Real shit! Goyos Rolle befördert soviel Hollywoodzucker in den Streifen, dass es schon eklig wird.

Was bleibt also unterm Strich? Ein Film der mehr sein könnte als er schlussendlich ist. Zu sehr auf Hollywood getrimmt, zu sehr auf Vater-Sohn-Drama gestimmt, als das es glaubhaft und unterhaltsam wäre. Trotzdem weiß der Film stellenweise zu unterhalten, vor allem in den ersten fünf Minuten. Von solch einem Jackman hätte es mehr bedurft, einem Jackman, der wirklich was riskiert, mit einer starken Bailey und einer glaubhaften Kinderfigur an seiner Seite. “Real Steel” ist unteres Mittelfeld, aber immerhin noch im Spiel.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

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Real Steel

Originaltitel: Real Steel
Produktionsland: Vereinigte Staaten, Indien (2011)
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Shawn Levy
Drehbuch: John Gatins, Dan Gilroy (Geschichte), Jeremy Leven (Geschichte)
Produktion: Shawn Levy, Susan Montford, Don Murphy
Musik: Danny Elfman
Kamera: Mauro Fiore
Schnitt: Dean Zimmerman

Darsteller: Hugh Jackman (Charlie Kenton), Dakota Goyo (Max Kenton), Evangeline Lilly (Bailey Tallet), Kevin Durand (Ricky), Anthony Mackie (Finn), James Rebhorn (Marvin), Hope Davis (Debra), Olga Fonda (Farra Lemcova), Karl Yune (Tak Mashido)

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Trust – Die Spur führt ins Netz

Erstellt von J. Schäfer am 2. Dezember 2011

Trust – Die Spur führt ins Netz
Regie: Ed Cathell III, Boaz Davidson, Danny Dimbort
Mit Clive Owen, Catherine Keener, Liana Liberato

Untertitel: Deutsch.
FSK freigegeben ab 16 Jahren.
Laufzeit ca. 97 Minuten.
TV-Norm: SDTV 576i (PAL). Sprachversion: Deutsch, DD 5. 1, Deutsch, DTS 5. 1, Englisch, DD 5. 1.
Sprachen: Deutsch Englisch.
Schnitt: Douglas Crise
Regie: Ed Cathell III, Boaz Davidson, Danny Dimbort
Kamera: Andrzej Sekula Mit Clive Owen, Catherine Keener, Liana Liberato
Extras: Making of (ca. 17 Minuten),Interviews (ca. 13 Minuten), Behind the Scenes (ca. 3 Minuten), Original Kinotrailer
Koch Media Home Entertainment
Produktionsjahr: 2010.

2. Dezember 2011 – DVD-Video

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Zur Story:

Die 14-jährige Annie lernt übers Internet einen Chat-Partner kennen. Er ist ungefähr in ihrem Alter, freundlich, ebenfalls ein Volleyball-Fan und scheint sich wirklich für sie zu interessieren. Die Eltern wissen über diese Bekanntschaft, machen sich darüber aber keine Sorgen, da sie
es für eine Teenie-Schwärmerei halten. Als der Fremde Annie ein Treffen vorschlägt, zögert das Mädchen nicht lange. Doch bei dem Rendezvous muss Annie feststellen, dass Charlie weitaus älter ist als er zunächst behauptet hat. Trotzdem folgt sie ihm in sein Hotelzimmer und erlebt dort
die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Als Annies Vater von der schockierenden Tat hört, scheint es nur noch einen Ausweg für ihn zu geben: Rache!

Meine Meinung:

Ein Film, der mit den Ängsten der Eltern von heranwachsenden Kindern spielt, aber auch offen und unverblümt mit dem Thema Kindesmissbrauch und Vergealtigung umgeht. Hier wird sehr deutlich und (meiner Meinung nach) auch sehr gut dargestellt, wie das Internet die wahre Identität einer Person verschleiern kann und wir uns als ahnungsloser User in einem Chatroom nicht mehr sicher sein können, ob unser Gesprächspartner auch wirklich der ist, für den er sich ausgibt. Des Weiteren hat man hier auch gut sehen können, wie junge Menschen, die ein einem Netz aus Lügen gefangen wurden, manipuliert werden, damit sie genau das tun, was von ihnen verlangt wird. Aber auch die Reaktionen der Eltern, die von der Situation total überfordert sind, wird hier gezeigt. Am Ende muss sich jeder selbst die Frage stellen, wie er oder sie selbst reagiert hätte, wäre die eigene Tochter oder der eigene Sohn betroffen.

Mein Fazit:

Auf  jeden Fall sehenswert, um auf Gefahren im Internet aufmerksam zu machen.

[JS]

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Uncertain Guest – Du bist nicht allein

Erstellt von Michael Drewniok am 1. Dezember 2011

Uncertain Guest – Du bist nicht allein

Originaltitel: El habitante incierto (Spanien 2004)
Regie u. Drehbuch: Guillem Morales
Kamera: Sergi Bartrolí
Schnitt: Joan Manel Vilaseca
Musik: Marc Vaíllo
Darsteller: Andoni Gracia (Félix), Mónica López (Claudia/Vera), Francesc Garrido (Bruno), Agustí Villaronga (Martín), Minnie Marx (Senora Mueller), Pablo Derqui, Violeta Llueca, Xavier Capdet (Polizeibeamte) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 06.10.2006
EAN: 4020628987947
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 109 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Gerade haben sich Félix und seine Lebensgefährtin Vera getrennt. In seinem riesigen Haus lebt der erfolgreiche aber neurotische Architekt nun allein. Die Einsamkeit geht ihm auf die Nerven, zumal er eines Abends eine Dummheit begeht: Er öffnet einem Fremden die Haustür und lässt ihn telefonieren. Als Félix nach einiger Zeit nach ihm schaut, ist der Mann verschwunden.

Aber hat er wirklich das Haus verlassen? Félix zweifelt, denn schon in der folgenden Nacht beunruhigen ihn seltsame Geräusche: Es klingt, als würde jemand verstohlen durch die Räume wandern Zwar kann Félix niemanden finden, doch er gerät zunehmend in Aufregung und alarmiert sogar die Polizei, die allerdings ebenfalls erfolglos sucht.

In seiner Angst sucht Félix erneut die Nähe zu Vera. Da sie ihn durchaus vermisst, geht sie auf seine Avancen ein. Doch als Félix eines Nachts durchdreht, sie beschuldigt, mit dem Eindringling gemeinsame Sache zu machen, und sie versehentlich verletzt, ergreift Vera die Flucht.

Félix verfällt endgültig in Paranoia und Panik. Er beschafft sich eine Waffe. Als er tatsächlich einen Fremden im Haus stellt, schießt er und schließt ihn verletzt auf dem Dachboden ein. Anschließend gibt Félix sein Haus auf und lebt zunächst in seinem Wagen, bis er zufällig die Identität des Eindringlings in Erfahrung bringt: Offenbar handelt es sich um den Archäologen Martín, einen Félix unbekannten Nachbarn. Félix verschafft sich Einlass in dessen Haus. Dort lebt die gelähmte Claudia, die Vera wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sie vermisst ihren Gatten, der seit einigen Tagen nicht mehr heimgekehrt ist. Fasziniert nistet sich Félix in Claudias Heim ein. Er wird zum unsichtbaren Gast, der sich immer stärker in den Wahn steigert, dass Claudia (zu) ihm gehört …

Die Kunst der unterhaltsamen Überraschung

So selten sind für den altgedienten Filmfreund jene Momente, in denen er überrascht und erstaunt einen Film verfolgt, der ihm etwas Neues bieten kann, dass sie einer Offenbarung gleichkommen. „The Uncertain Guest“ versetzte zumindest diesen Rezensenten in eine beinahe euphorische Stimmung, was doppelt schwierig ist, da er ein Freund stringenter und schlüssiger Handlungen ist.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Guillem Morales zwar eine bizarre Geschichte erzählt, die er jedoch völlig plausibel entwickelt. Dies führt zu der angenehmen Enttäuschung, mit einem Film konfrontiert zu werden, dessen Handlung man nach einer Weile vorauszusagen zu können glaubt, um sich wenig später mit Wendungen konfrontiert zu sehen, mit denen so einfach nicht zu rechnen war.

Zur inhaltlichen Qualität kommt eine formale Umsetzung, die der Geschichte noch im kleinsten Detail zuarbeitet. Das Haus des Architekten Félix ist eine großartige Kulisse und gleichzeitig Spiegelbild seines komplexen und instabilen Charakters. Es gibt unzählige Räume, die viel zu ordentlich eingerichtet sind. Scheinbar solide Wände lassen sich bewegen, was die Übersichtlichkeit Lügen straft, und in der Nacht sorgt die Designer-Beleuchtung nicht für klare Sicht, sondern erzeugt unheimliche Schatten, aus denen sich undefinierbare Geräusche umso deutlicher herausschälen.

Wahnsinn kennt keine Grenzen

Wie ernst kann man eine Geschichte nehmen, die um „Wohnraum-Parasitismus“ kreist – ein Begriff, den Félix selbst in einem Moment rationaler Selbstreflexion prägt? Es stellt sich heraus, dass dies nicht der Punkt ist: Morales erteilt uns eine Lektion über die Tiefen des menschlichen Geistes, in denen sich erschreckende Kreaturen verbergen können.

Wahnsinn ist ein gern eingesetztes Film-Element. In der Regel kommt er freilich plakativ daher; dem Irren steht entweder buchstäblich der Schaum vorm Mund, oder er gibt den genialischen Serienkiller oder Weltenzerstörer. Tatsächlich ist Wahnsinn ein Phänomen, dessen eigentlichen Schrecken ebenfalls Félix in Worte fasst: Das eigene Gehirn lässt ihn im Stich. Es registriert und entschlüsselt nicht, was geschieht, sondern folgt eingebildeten Reizen. Auf diese Weise gehen Realität und Fiktion ineinander über, sie lassen sich nicht mehr differenzieren.

Schon als filmische Reise in den Wahnsinn ist „Uncertain Guest“ ein böser Trip. Doch Morales sorgt für ein zusätzliches Element der Unsicherheit: Versteckt sich womöglich doch ein ‚Untermieter‘ in dem Haus, wo er parallel zu Félix unsichtbar sein Dasein fristet? Die gegenteiligen ‚Erklärungen‘ überzeugen die Polizei oder die ungläubige Vera, aber der Zuschauer zweifelt ebenso wie Félix.

Wahnsinn ist ansteckend

Während wir endlich eine Erklärung für die seltsamen Ereignisse gefunden haben und darauf warten, dass Morales sie in die entsprechende Handlung umsetzt, schlägt diese plötzlich eine völlig neue Richtung ein. Félix tritt die Flucht nach vorn an. Er schaltet seinen unheimlichen Peiniger aus – und verliert darüber endgültig den Verstand. In einem genial eingefädelten Handlungsfaden verwandelt sich Félix in das Pendant seines Verfolgers. Er schleicht sich in das Haus von Martín und Claudia ein und wird selbst zum Wohnraum-Parasiten!

Als solcher verbreitet er Angst und Schrecken wie sein anonymes Gegenstück – und er genießt es. Plötzlich erleben wir aus der Perspektive des Täters mit, was das Opfer vormals erdulden musste, wobei Opfer und Täter nun identisch sind. Die zweite Filmhälfte spiegelt die Ereignisse der ersten wider, was dadurch unterstützt wird, dass sowohl Vera als auch Claudia von Mónica López dargestellt werden.

Wahnsinn steckt voller Überraschungen

Wie kann eine solche Geschichte aufgelöst werden? Morales gelingt das Kunststück. Das letzte Viertel inszeniert er als Kette unerwarteter Twists, die sich keineswegs in spektakulären Effekten und reiner Unterhaltung erschöpfen, sondern subtil eine groteske aber in sich ruhende Story plausibel abrunden.

Dieses Finale soll hier natürlich nicht aufgedeckt werden, zumal man ohnehin sehen muss, um glauben zu können, wie aberwitzig endet, was sieben Menschen das Leben gekostet hat, nachdem Félix erneut zum Opfer der von ihm bedrängten Pechvögel wurde, die ihre eigenen düsteren Geheimnisse hüten. Niemand spielt in diesem Film mit offenen Karten, und Wohnraum-Parasitismus ist offenbar stärker verbreitet als man geahnt hätte …

Für seinen Spielfilm-Erstling wurde Guillem Morales gern mit David Lynch verglichen. „Uncertain Guest“ ist jedoch kein Arthouse-Film, sondern bleibt primär der Unterhaltung verpflichtet. Macht man sich von der Erwartung frei, dass hinter dem merkwürdigen Verhalten der Protagonisten ein ‚Sinn‘ stecken muss, bleiben bei genauer Beobachtung keine Fragen, wenn die Schlusstitel einsetzen. Bis es soweit ist, überlässt Morales nichts dem Zufall, weshalb man sich „Uncertain Guest“ sehr sorgfältig und womöglich mehrfach anschauen sollte. Nebensächliche Handlungen, sinnfreies Reden, sogar Einrichtungsgegenstände im Bildhintergrund ergeben nachträglich einen Sinn bzw. Hinweise auf das eigentliche Geschehen. Da die Figuren nicht schlauer sind als der Zuschauer, wird auch ihnen dies zu spät klar.

Kammerspiel in zwei verwinkelten Häusern

„Uncertain Guest“ ist eine Herausforderung für die Darsteller, die in kleiner Besetzung eine komplexe Handlung stimmig tragen müssen. Die meiste Zeit sehen wir Andoni Gracia als Félix und Mónica López zusammenspielen, an die in ihrer Doppelrolle besondere Ansprüche gestellt werden.

Gracia ist zunächst erschütternd überzeugend als Opfer einer tatsächlichen oder eingebildeten Heimsuchung, während er später erschreckend glaubhaft in der Rolle des Stalkers wirkt. Der psychische Verfall wird nur selten durch entsprechende Ausbrüche ‚verdeutlicht‘, sondern teilt sich in Félix‘ Verhalten und Äußerungen mit, die Paranoia und Misstrauen in einem verhängnisvollen Aufschaukeln zeigen: Der Wahnsinn wohnt – die Realität zeigt es – gern und lange unbemerkt hinter unauffälligen Gesichtszügen.

Das Spiel der Nebenfiguren fügt sich noch in den kleinsten Rollen harmonisch und mit katastrophalen Folgen in das Geschehen ein. Mitleid will sich beim Zuschauer nur selten einstellen. Die Figuren fordern ihr Schicksal durchaus selbst mit heraus. Allerdings schlägt es in der Realität kaum so konsequent und erbarmungslos wie unter Morales‘ Anleitung zu.

An einer ähnlich verwickelten und abrupt kehrtwendenden Geschichte versuchte sich Morales 2010 in „Los ojos de Julia“ (‚dt.‘ „Julia’s Eyes“). Wiederum waren Inszenierung und Schauspiel erlesen, doch dieses Mal zerfiel der Film zu deutlich in zwei Abschnitte. „Uncertain Guest“ bleibt in jeder Hinsicht das bessere Werk.

DVD-Features

Die Extras zum nur als DVD veröffentlichten Film sind karg, doch das knapp viertelstündige „Making-of“ wird der Zuschauer dankbar zur Kenntnis nehmen, werden hier doch wichtige und interessante Hintergrundinformationen gegeben. (Leider fehlt die Antwort auf die Frage, wieso „El habitante incierto“ – „Der ungewisse Gast“ – in Deutschland mit „Uncertain Guest“ ‚übersetzt‘ wird.) Weniger wichtig sind der Trailer zum Film und eine Bildergalerie (ca. 100 Fotos), die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand ansehen wird.

[md]

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Trautes Heim, Glück allein

Erstellt von Detlef Hedderich am 10. November 2011

Trautes Heim, Glück allein
Untertitel: Deutsch.
Originaltitel: La maison du bonheur.
‘Pierrot Le Fou’.

EAN: 4042564133684
Libri: 7109130
Untertitel: Deutsch.
Originaltitel: La maison du bonheur.
‘Pierrot Le Fou’.
FSK freigegeben ab 6 Jahren.
Making of, Outtakes, Deleted Scenes.
Laufzeit ca. 98 Minuten.
TV-Norm: SDTV 576i (PAL). Sprachversion: Deutsch, DD 5. 1, Französisch, DD 5. 1.
Sprachen: Deutsch Französisch.
Produktionsjahr: 2006.
Regie: Dany Boon
Mit Dany Boon, Michèle Laroque, Daniel Prévost
AL!VE Ag

November 2011 – DVD-Video

Charles Boulin (Dany Boon) ist der größte Geizhals von Paris. Um seine Frau Anne endgültig vom Gegenteil zu überzeugen, sucht er nach einem großen Geschenk zum Hochzeitstag: ein ruhiges Landhaus mit Garten. Aber auch hier zählt jeder Cent. Also nimmt sich Charles einen zwiespältigen Makler und lässt das Haus von zwei stümperhaften, aber billigen Handwerkern renovieren. Es dauert nicht lange und auf der Baustelle herrscht blankes Chaos. Als Charles schließlich noch seinen Job verliert und das Geld knapp wird, nimmt das Unglück seinen Lauf…

- Making of
- Outtakes
- Deleted Scenes

DVD bei Libri.de

blu-ray bei Libri.de

Preisrätsel / Gewinnspiel 2 x 1 (KOSTENLOSE!) DVD: Um jeweils einen der Preisrätseltitel zu gewinnen, muss einfach folgende Aufgabe beantwortet werden: Wer ist in dem Film der größte Geizhals von Paris? Die richtige Antwort an gewinnantwort(x)filmbesprechungen.de mailen (als kleinen Spamschutz bitte (x) durch @ ersetzen, vielen Dank). Im Betreff bitte “Filmpreisrätsel” und den Filmtitel eintragen. Danke. Sobald 200 Mails mit den richtigen Antworten eingegangen sind, werden unter diesen Einsendern die Gewinner ausgelost. Weiter Informationen finden sich hier. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen!

DIE GEWINNER LAUTEN: Olaf Heil und Christian Geiben. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND VOR ALLEM UNSEREM SPONSOREN! HERZLICHEN DANK!

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Fertile Ground

Erstellt von Michael Drewniok am 29. September 2011

Fertile Ground

Originaltitel: Fertile Ground (USA 2011)
Regie: Adam Gierasch
Drehbuch: Adam Gierasch u. Jace Anderson
Kamera: Yaron Levy
Schnitt: Andrew Cohen
Musik: Joseph Conlan
Darsteller: Leisha Hailey (Emily Weaver), Gale Harold (Nate Weaver/William Weaver), Chelcie Ross (Avery), Jami Bassman (Mary Weaver), Stephanie Brown (Risa), JoNell Kennedy (Brittany McGraw), Douglas Roberts (Dr. Glasgow), Rod McCullough (Sheriff Crane), Kailah Combs (Geistermädchen) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 14.10.2011
EAN: 0886979283992 (DVD) bzw. 0886979284197 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Abermals endet für Emily und Nate Weaver der Versuch, eine Familie zu gründen, in einer Tragödie. Die neuerliche Fehlgeburt und die Nachricht, dass Emily nie mehr wird schwanger werden können, nimmt das Paar als Anlass, die Großstadt New York City zu verlassen, um auf dem ruhigen Land einen Neuanfang zu versuchen. In New Hampshire besitzt Nate noch den alten Familien-Stammsitz – ein 1813 erbautes, schönes, sehr abgeschieden liegendes Haus. Hier wird Nate, ein Kunstmaler an der Schwelle zur Berühmtheit, sein Atelier einrichten, während Emily daran denkt, wieder Modellkleider zu entwerfen.

Die anfängliche Freude trübt sich, als im Garten ein weibliches Skelett entdeckt wird, das dort vor 150 Jahren verscharrt wurde. Offenbar ist hier ein Mord geschehen – längst nicht die einzige Bluttat, die im Weaver-Haus begangen wurde, wie ein örtlicher Historiker den (noch) entgeisterten Neubewohnern mitteilt: Mörder und Selbstmörder haben sich hier förmlich die Haustürklinke in die Hand gegeben.

Vor allem die labile Emily beginnt sich auf die Vergangenheit des Hauses zu fixieren. Sie stöbert im Keller eine Truhe mit dem Nachlass von William und Mary Weaver auf, mit denen der Reigen der Gräueltaten einst begann. Kurz darauf spuken die Geister dieser beiden Vorbewohner bereits durchs Haus. Nur Emily sieht sie, denn Nate hat sich in seinem Atelier vergraben und wird zusehends unzugänglicher. Kurz darauf erfährt Emily von ihrem Arzt, dass sie wider Erwarten wieder schwanger ist. Nate reagiert wenig erfreut; überhaupt scheint er sich in eine andere, unsympathische, gefährliche Person zu verwandeln, vor der Emily sich zu fürchten beginnt.

Dies steigert sich zur Panik, als sie alte Quellen studiert und feststellt, dass jede Frau, die in dem Haus schwanger wurde, spurlos verschwand oder ein blutiges Ende nahm. Kurz darauf ist es soweit: Auch Nate verfällt dem Fluch und verfolgt Emily mit dem wild geschwungenen Gehstock seines Vorfahren …

Noch fruchtbar ist der Schoß, aus dem dies kroch …

Natürlich reizt ein Film, der sich um das Thema Fruchtbarkeit dreht, zu Wortspielen und Sarkasmen, wenn das Ergebnis trotz heftiger Wehen eher kümmerlich ausfällt. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass „Fertile Grounds“ unterhaltsam beginnt und die Geschichte sorgfältig entwickelt wird, um dann im Finale umso spektakulärer in Schwachsinn und Unlogik zu zerfallen.

Die Story selbst ist so fern jeglicher Originalität wie das neuenglische New Hampshire entfernt von Iowa, wo „Fertile Ground“ tatsächlich gedreht wurde; dieser US-Staat liegt zwar deutlich weiter im Westen des nordamerikanischen Kontinents, lockt aber mit finanziellen Gaben Filmleute an, die auf den Dollar schauen müssen.

Zu ihnen gehörte Adam Gierasch eindeutig, denn „Fertile Ground“ ist ein Gruselfilm fast ohne Spezialeffekte und spielt überraschend oft bei Tageslicht, womit das Problem überzeugender = kostspieliger Nachtaufnahmen umgangen wird. Dies muss nicht von Nachteil sein, zumal die Story vom Spukhaus besser gedeiht, wenn die Geister nur ansatzweise umgehen. Sie sind unheimlicher, wenn man sie erahnen muss, was auch Gierasch mehrfach unfreiwillig belegt, wenn er die unvermittelte Begegnung von Gespenst und Mensch unter Einsatz dröhnender Musik inszeniert: Solche plumpen Buh!-Effekte verblassen neben Szenen, in denen sich die Welten unmerklich mischen. Schade, dass gleich zwei Drehbuchautoren dies weder aufgefallen, noch ihnen diesbezüglich mehr & Besseres eingefallen ist! (Nebenbei bemerkt: Ich habe noch nie ein ‚Spukhaus‘ von 1813 gesehen, das so gut in Schuss, modern eingerichtet und gemütlich war wie der Weaver-Landsitz, der Geistern ganz sicher keinen fruchtbaren Boden bietet …)

Spukt es noch, oder spinnst du schon?

Wohin Gierasch mit seiner Geschichte wollte, kann sich das Publikum zwar nachträglich zusammenreimen. Das muss es auch, denn der Film lässt den Betrachter spätestens im Finale völlig im Stich. Schon vorher gibt es Momente derartiger Logikferne, dass der Zuschauer lauter schreien mochte als die leicht aus der Fassung zu bringende Emily.

Es gibt zu viele Details, an denen sich der Kritiker aufreiben könnte. Generell ärgert die Nonchalance, mit der Gierasch zwischen Horror- und Psycho-Thriller schwankt. Spukt es im Weaver-Haus, oder ist sehen wir Emily, die langsam dem Wahnsinn verfällt? Dummerweise gibt es Indizien, die mit gleicher Lautstärke für beide Theorien sprechen. Lässt man die übernatürlichen Geschehnisse Revue passieren, bleiben sie nicht selten ausschließlich durch Geistertreiben ‚erklärbar‘. Auch bei gutem Willen bleibt nur eine sehr unbefriedigende Deutung: Es geht in der Tat um im Weaver-Haus, was nur Emily registriert, während sie außerdem den Verstand verliert.

Solche Larifari-Auflösungen hinterlassen großen Ärger, zumal Gierasch lange & erfolgreich vorgibt, seine Zuschauer erwarte ein Feuerwerk überraschender Enthüllungen. Er schürt Erwartungen und erzählt formal ruhig aber mit einem ständig drohenden Unterton. Seine Geschichte gliedert er in Kapitel, deren Titel die sachte Steigerung eines sich entwickelnden Dramas andeuten. Deshalb nimmt man es doppelt übel, wenn Gierasch schließlich offenbart, dass er keine Ahnung hatte, wie er seiner Geistergeschichte ein adäquates Ende geben konnte.

Keine Ahnung von gutem Spuk

Weshalb er nicht einmal davor zurückschreckt, dieses Finale durch ein Gewitter untermalen zu lassen, um wenigstens ein bisschen Gruseldynamik unterstützend ins Feld zu führen. Leider ist dieser Effekt nicht nur abgedroschen, sondern er wird hier von Spezialeffekt-Technikern realisiert, die offenbar niemals ein Gewitter erlebten: Sie stellen es sich jedenfalls als endlose Folge greller Blitzchen vor, denen manchmal ein Donnerschlag folgt.

Nachdem Gierasch die Handlung bisher wohltuend ruhig inszenierte, verfällt er plötzlich in uralte Horror-Klischees, die hier sogar dann fehl am Platze wären, wenn er eine Ahnung hätte, wie man sie spannend in Szene setzt. Mit großem Schlachtmesser muss Emily durch das dunkle Haus schleichen und unerhört schlecht motiviert ein wenig Blut vergießen, um wenigstens die Altersfreigabe von 12 auf 16 Jahre zu hieven.

Dem inspirationslosen ‚Höhepunkt‘ folgt eine ‚tragische‘ Coda, die Emily summend und ein unsichtbares Baby im Arm wiegend in der Gummizelle zeigt. Mit diesem faulen Trick ist das Maß voll bzw. Zuschauers schon viel zu lange strapazierter Geduldsfaden gerissen.

Von fruchtbar zu furchtbar

(Unverdientes) Glück hatte Gierasch mit seiner Hauptdarstellerin. Emily ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte, und Leisha Hailey gibt ihm zerbrechlich aber entschlossen Gestalt. Hat man sich erst von der Furcht befreien können, gleich fiele der Rest der „L-Word“-Clique ins Weaver-Haus ein – Hailey gehörte zur Stammbesetzung dieser TV-Serie –, wirkt sie sehr glaubwürdig als nicht mehr ganz junge Frau, die über ihrem vergeblichen Kinderwunsch geistig zu zerbrechen beginnt. Viele und lange Szenenfolgen bestreitet Hailey allein und erfolgreich. Ohne ihre Leistung wäre „Fertile Ground“ so verdorrt wie das Ahorn-Bäumchen, das die Weavers vor ihr neues Heim pflanzen, wo es im Laufe der Filmzeit aufdringlich symbolisch verdorren kann.

Gale Harold übernimmt zwar eine Doppelrolle. Ihm bleibt dennoch nur die eher undankbare Position des (zumindest anfänglich) verständnisvollen aber letztlich notorisch begriffsstutzigen Gatten, der über seine eigenen Probleme den geistigen Absturz seiner Frau ignoriert; im Finale ereilt ihn dafür die ‚Strafe‘. Karikaturenhaft überspitzt spielen JoNell Kennedy (beste Freundin) oder Stephanie Brown (arrogante Nebenbuhlerin), aber ihre Rollenzeiten bleiben glücklicherweise knapp bemessen. Weitere Darsteller sind hin und wieder anwesend, ohne irgendwelche Eindrücke zu hinterlassen, was auch nicht ihre Aufgabe ist.

Ungeachtet seines Titels bietet „Fertile Grounds“ letztlich nur dürren Durchschnitts-Grusel. Was nach 90 Minuten bleibt, ist ein Zorn, der hilft, die Namen „Adam Gierasch“ (Regie, Drehbuch) und „Jace Anderson“ (Drehbuch) ins Gedächtnis das Zuschauers zu gravieren; ein Wissen, das nützlich ist, um zukünftig Enttäuschungen zu vermeiden, die sich aus dieser trüben Quelle speisen könnten.

DVD-Features

Obwohl nicht nur der Hauptfilm, sondern auch die deutsche Synchronfassung belegen, dass Schmalhans Küchenmeister im Kochstudio „Fertile Grounds“ war, gibt es doch ein zehnminütiges Filmchen, das als „Making Of“ firmiert. Wenn man die üblichen Lobhudeleien ausblendet, bleibt der kurze aber interessante Blick hinter die Kulissen einer Produktion, die mit Zeit und Geld ständig knausern musste und trotzdem handwerklich solide und ansehnlich geraten ist.

[md]

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Der Name der Leute

Erstellt von Günther Lietz am 25. August 2011

Es gibt Filme, die bleiben einfach hängen, die nisten sich tief in der Erinnerung ein. Dazu zählt eindeutig “Der Name der Leute”, der auf den ersten Blick als einfache französische Komödie erscheint, schlussendlich auch viel mehr zu bieten hat – ohne dabei irgendwie aufdringlich zu wirken.

Der Film von Regisseur Michel Leclerc erzählt die Geschichten zwei sehr unterschiedlicher Personen. Da wäre Bahia Benmahmoud (Sara Forestier), linke Aktivistin, jung, frech und zu allen Schandtaten bereit. Sie setzt ungeniert ihren Körper ein, um den Klassenkampf zu gewinnen: Bahia bekehrt die Anhänger der rechten Szene mittels Sex. Und sie kann ansehnliche Erfolge vorweisen. Ganz anders tickt da Arthur Martin (Jacques Gamblin), ein älterer Herr mit einem morbiden Beruf: Er ist Fachmann für tote Vögel und arbeitet fürs Seuchenamt. Die jüdische Vergangenheit seiner Mutter verschweigt er, ist ein Anhänger des  einstigen sozialistischen Premierminister Lionel Jospin und im Grunde ein ziemlich langweilger Kerl. Das er die Bekanntschaft von Bahia macht liegt einzig an einem Missverständnis seitens der Halbalgerierin.

Schon bald entwickelt sich aus der Zufallsbekanntschaft eine Romanze, in der die Leben der beiden Hauptfiguren unter die Lupe genommen werden. Leclerc seziert politische Einstellungen, reflektiert die französische Vergangenheit im Algerienkrieg, weist auf soziale Missstände hin und zeigt, dass ein wenig Liebe und Freundschaft manche Brücke schlägt. Als Vehikel dient ihm dabei das ungleiche Paar Bahia und Arthur.

In bester Woody-Allen-Manier präsentiert der französische Filmemacher spritzige und aberwitzige Dialoge, überzeichnete Figuren und stille, nachdenkliche Augenblicke. Leclerc versteht es Filme zu machen, Botschaften zu vermitteln und zum Nachdenken anzuregen – falls der Zuschauer es will. “Der Name der Leute” meidet den erhobenen Zeigefinger. Der Film präsentiert eine satirische Komödie mit Tiefgang. Sie kann oberflächlich genossen werden. Aber wer möchte, der kann tiefer gehen, sich an der Vergangenheitsbewältigung der Figuren beteiligen, sich an ihrem Glück erfreuen und Gedanken über politische Strömungen machen.

Die Schauspieler Sara Forestier und Jacques Gamblin tragen natürlich ihr übriges dazu bei, um den Film derart anspruchsvoll und lustig zu gestalten. Sara Forestier (“Milch und Honig”, “Vorsicht Sehnsucht”) ist eine sehr ansehnliche Person und hat eine freizügige Rolle übernommen, die natürlich auch entsprechende Nacktheit zeigt. Das sorgt für ein erotisches Knistern und trotzdem herzliches Lachen, denn die Rolle der Bahia ist absichtlich stark überzeichnet. Doch es gelingt Mademoiselle Forestier die perfekte Balance zu halten – die vollkommene Ernsthaftigkeit zu umgehen und gleichzeitig den Klamauk zu vermeiden. Das Ergebnis ist eine frische und freche Person, die einem sofort ans Herz wächst.

Jacques Gamblin (“Holy Lola”, “Carnage”) ist der perfekte Gegenpol. Stets akkurat gekleidet, zurückhaltend, vielleicht etwas zu steif. Dennoch eine gleichwertige Rolle. Monsieur Gamblin und Sara Forestier ergänzen sich perfekt. Den beiden beim Spiel zuzuschauen macht großen Spaß. Michel Leclerc verbindet Komödie, Drama und Politik zu einem spannenden und unterhaltsamen Geflecht, seine Darsteller hauchen der ganzen Sache Leben ein. Zu Recht erhielt Sara Forestier für “Der Name der Leute” den Étoile d’Or und den César als beste Hauptdarstellerin.

Aber auch die anderen Schaispieler wissen zu überzeugen und die Zuschauer für sich einzunehmen. Zwar in kleinen, aber für den Film dennoch in bedeutende Rollen, agieren Schauspieler wie Zinedine Soualem und Michèle Moretti. Vor allem letztere zeigt ein grandioses Spiel und ist wichtige Handlungsträgerin. Als kleinen Gag kommt sogar Lionel Jospin zu einem Cameoauftritt.

Während die Kamera von Vincent Mathias geführt wurde, stammt der Schnitt von Nathalie Hubert. Beide haben eine erstklassige Arbeit geleistet, sorgen für toll montierte Fahrten und Umschnitte. Mit beiden hat Michel Leclerc einen guten Griff getan, um spannende und auch überraschende Augenblicke zu schaffen.

“Der Name der Leute” ist eine herzerfrischende und freche Satire mit gehaltvollem Inhalt. Ein Film mit unterschiedlichen Tönen, Ansichten und zwei wunderbaren Hauptdarstellern.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

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Der Name der Leute

Originaltitel: Le Nom des gens
Frankreich (2010)
Länge: 100 Minuten

Regie: Michel Leclerc
Drehbuch: Michel Leclerc, Baya Kasmi
Produktion: Caroline Adrian, Fabrice Goldstein, Antoine Rein
Musik: Jérôme Bensoussan, David Euverte
Kamera: Vincent Mathias
Schnitt: Nathalie Hubert

Besetzung: Jacques Gamblin (Arthur Martin), Sara Forestier (Bahia Benmahmoud), Zinedine Soualem (Mohamed Benhmamoud), Carole Franck (Cécile Delivet Benmahmoud), Jacques Boudet (Lucien Martin), Michèle Moretti (Annette Martin), Zakariya Gouram (Hassan Hassini), Lionel Jospin


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The Skeptic – Das teuflische Haus

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Mai 2011

The Skeptic – Das teuflische Haus

Originaltitel: The Skeptic (USA 2009)
Regie u. Drehbuch: Tennyson Bardwell
Kamera: Claudio Rocha
Schnitt: Ann Marie Lizzi
Musik: Brett Rosenberg
Darsteller: Timothy Daly (Bryan Becket), Tom Arnold (Sully), Zoe Saldana (Cassie), Edward Herrmann (Dr. Shepard), Robert Prosky (Vater Wymond), Bruce Altman (Dr. Warren Koven), Andrea Roth (Robin Becket), L. J. Foley (Bryan als Kind), Paul Tietjen (Michael Becket) u. a.
Label/Vertrieb: SchröderMedia
Erscheinungsdatum: 12.05.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 9120027346361 (DVD) bzw. 9120027346354 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Bryan Becket, erfolgreicher Anwalt in der Kleinstadt Saratoga Springs im US-Staat New York, ist nicht nur beruflich bedingt ein überaus rationaler Mann. Seit jeher gibt sich auch der private Becket eher gefühlskarg, während ihm Fakten über alles gehen. Weil er in dieser Hinsicht zu keinen Konzessionen bereit ist, steckt seine Ehe aktuell in einer Krise: Gattin Robin ist Bryans emotionale Gleichgültigkeit satt und drängt auf eine Therapie.

Bryan ergreift lieber die Flucht. Gerade ist eine alte Tante gestorben. Man fand sie tot in ihrer riesigen, alten, mit kostbaren Antiquitäten angefüllten Villa. Dieses Inventar möchte Becket katalogisieren und sich auf diese Weise ablenken. Stattdessen muss er feststellen, dass es in dem Haus umgeht. Eine weibliche Stimme fordert ihn auf, nach einem alten Koffer zu suchen.

Entnervt macht sich Becket nach einigen unruhigen Nächten auf die Suche nach Hilfe. Während Dr. Shepard, sein Therapeut aus Kindertagen, Vater Wymond, der alte Familien-Pfarrer, und sogar ein Parapsychologe auf Überarbeitung und Täuschung plädieren, glaubt das Medium Cassie an eine übernatürliche Heimsuchung. Als Becket verkündet, inzwischen ganz sicher an einen Spuk zu glauben, enthüllen ihm Shepard und Wymond ein bisher sorgfältig gehütetes Geheimnis seiner Kindheit: Die verehrte Mutter, die vor mehr als 30 Jahren bei einem tragischen Treppensturz starb, war ein böses Weib, das den Sohn schlug und quälte. Außerdem geschah dies in dem alten Haus, das erst später der Tante verkauft wurde.

Ist es die verblichene Helena, die durch die Villa geistert, um endlich zu vollenden, was ihr einst nicht mehr gelang? Ist es Bryans Hirn, das scheinbar manifestiert, was allzu lange unterdrückt blieb? In einer spektakulären Nacht werden diese Fragen zwar beantwortet, aber die Erkenntnis bringt Bryan einen Seelenfrieden, den er so nicht gewünscht hat …

Spukgeschichte mit Hindernissen

Beginnen wir mit einer positiven Kunde: „The Skeptic“ spiegelt den Enthusiasmus eines Regisseurs wider, der nicht nur viel Zeit in die Handlung – die zudem seinem eigenen Hirn entsprang – investierte, sondern auch geduldig wartete, bis er sie – immer noch unter großen Mühen – realisieren konnte. Tennyson Bardwell schrieb das Drehbuch bereits in den 1980er Jahren, vermochte aber viele Jahre nicht genug Geld aufzutreiben. 2004 gelang ihm mit der Komödie „Dorian Blues“ ein kleiner Erfolg, der es ihm ermöglichte, ein bescheidenes Budget aufzubringen, das in „The Skeptic“ floss.

Gedreht wurde „independent“, also unabhängig von den großen Hollywood-Studios und bereits zur Jahreswende 2005/2006, doch da Bardwell anschließend das Geld ausging, zog sich die Nachbearbeitung bis 2008 hin. „The Skeptic“ wurde anschließend auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt, 2009 kurz in wenige Kinos gebracht und schließlich als „video on demand“ vermarktet, wobei der Erfolg sich stets in engen Grenzen hielt. Tatsächlich wurde Bardwells Werk von der Kritik übel gezaust und vom Publikum ignoriert oder schnell vergessen.

Spuk oder Sinnestäuschung?

Dabei ist „The Skeptic“ nicht wirklich schlecht. Als Film fällt er jedoch durch alle aktuell gültigen Raster. Angeblich ist das sogenannte Zielpublikum jung und verwöhnt durch lautstarke Hightech-Spektakel, während ein Horrorfilm ohne Spezialeffekte und blutigen Grusel nur schwer Anklang findet bzw. ‚erwachsene‘ Zuschauer finden müsste, die leise Töne vorziehen sowie nicht (mehr) ins Kino gehen, sondern lieber fernsehen. Ganz so simpel ist es sicher nicht, doch die Richtung stimmt: „The Skeptic“ ist in der Tat nicht nur gediegen, sondern auch altmodisch, nimmt sich zu viel Zeit für eine simple Geschichte und verliert sich in Episoden, die der Handlung keinen Fortschritt bringen.

Bardwell will das Unmögliche: eine Geschichte, die einerseits ‚richtige‘ Geister präsentiert, während sie andererseits den psychischen Zusammenbruch eines nur scheinbar gesunden und ausgeglichenen Mannes beschreibt. In der Literatur mag so ein Drahtseilakt gelingen. Film richtet sich allerdings an die Augen. Diese entdecken logische Fehler und Lücken unbarmherzig präzise. Die Frage, ob es in dem alten Haus spukt oder eine Sinnestäuschung vorliegt, ist deshalb für den Zuschauer längst beantwortet, während Bardwell noch aufgeregt um die angebliche Ungewissheit kreist.

Rätsel dort, wo keine sind

Obwohl Bardwell sichtlich bemüht ist, die alte Geschichte vom Geisterhaus gegen den Strich zu bürsten, kann er den einschlägigen Klischees (zu lange) nicht widerstehen. So wird der subtile Spannungsaufbau immer wieder durch Soundeffekte und vor allem Musik-Getöse weniger unterstützt als sabotiert. Das plötzliche Erscheinen eines Spuks wirkt ohne solche abgedroschenen Aufdringlichkeiten wesentlich intensiver. Bardwell vertraut hier offenbar weder dem eigenen Drehbuch noch seiner Inszenierung.

Die Story selbst wirkt im Mittelteil unnötig fragmentarisch. Bryan Becket deckt das Spektrum der Erklärungssuche allzu schematisch ab und wird dabei auch noch didaktisch. Er diskutiert ausführlich – sehr ausführlich – mit einem Psychiater, einem Priester und einem Parapsychologen. Dabei überrascht die Leichtigkeit, mit der aus dem Skeptiker Becket ein furchtsamer Jünger des Übernatürlichen wird. Dagegen gelingt es Bardwell nur ansatzweise, die Macht der Selbsttäuschung zu verdeutlichen: Nach anfänglichen Zweifeln hält Becket den Spuk für realer als die Möglichkeit, vom eigenen Hirn betrogen zu werden.

Dabei erzählt dieser Film die Geschichte eines Skeptikers. Doch spätestens als das Finale naht, entscheidet Bardwell, den sorgfältig gezimmerten psychologischen Unterbau und die Ambivalenz des Geschehens zu ignorieren. „The Skeptic“ mündet in ‚echten‘ Grusel und gerät damit unter eine Konkurrenz, der dieser Film nicht gewachsen ist. Die durchaus gelungene und überraschende Auflösung kann die daraus resultierende Enttäuschung nicht wettmachen.

Horror für die gesetzteren Jahrgänge

Da „The Skeptic“ kein Film für Teenies, sondern sogar ein Film ohne Teenies ist, liegt das Durchschnittsalter der Figuren um die 40. Dies führt zu einer Abwesenheit pubertär bedingter Probleme, die der Handlung gut bekommt. Hier werden erwachsene Menschen mit einem Problem konfrontiert, dem sie nicht ratlos und hektisch begegnen und nebenbei einander bebalzen müssen. Obwohl Becket auf die junge, unkonventionelle und bemerkenswert hübsche Cassie trifft, die sogar in dem alten Haus übernachtet, gibt es keine Sekunde erotischen Funkenflugs. Bardwell verzichtet folgerichtig ebenfalls auf Eifersuchtsszenen zwischen Bryan und Robin, für die es tatsächlich keinen Grund gibt.

Die Heimsuchung steht im Mittelpunkt. In diesem Punkt weicht Bardwell nicht von seinem roten Faden ab und tut sehr gut daran. Er kann sich auf eine Schar außerordentlich routinierter Schauspieler verlassen, die in ihren Rollen nie zu dick auftragen. Für Stars hatte Bardwell kein Geld aber Glück: Zoe Saldana hat inzwischen als Lt. Uhura auf dem neuen alten Raumschiff Enterprise angeheuert. Als exaltiertes Medium Cassie bringt Saldana dringend benötigten Schwung ins Geschehen.

Timothy Daly überzeugt als nur scheinbar gefühlloser Mann, unter dessen Maske es zunehmend zu brodeln beginnt. Um die Glätte dieser Figur auszugleichen, stellt ihn Bardwell Tom Arnold als extrovertierten Kollegen und besten Freund gegenüber. Dieser Sully sorgt für eine humorvolle aber nicht übertriebene Note. Als Vater Wymond spielt Robert Prosky, dessen einprägsame Physiognomie in unzähligen TV-Filmen und vor allem -Serien zu bewundern ist, eine seiner letzten Rollen als knorrig-knuffiger alter Mann; er starb im Dezember 2008 fünf Tage vor seinem 78. Geburtstag an einem Herzleiden. (Seine wirklich letzte Rolle spielte Prosky zufällig aber passend in einer Folge der Serie „Emergency Room – Die Notaufnahme“.)

Letztlich vergehen anderthalb Filmstunden erheblich unterhaltsamer als uns die Kritik weismachen möchte. Zu erwähnen bleibt noch die bemerkenswerte Kulisse. „The Skeptic“ entstand im Batcheller Mansion Inn, einer 1873 in Saratoga erbauten viktorianischen Monstrosität mit französischen, italienischen und ägyptischen (!) Einflüssen. Das heruntergekommene Gebäude wurde in den 1990er Jahren aufwändig saniert und innen im Stil der Entstehungszeit eingerichtet. Es wird heute als Hotel geführt. Bardwell konnte außerhalb der Saison hier drehen und das zumindest in seinem Inneren gar nicht so alte Haus mit der Unterstützung seines Kameramanns Claudio Rocha sehr effektvoll nutzen.

DVD-Features

„The Skeptic“ ist ein Film, der nur unter Einsatz einfallsreicher Improvisation entstehen konnte. Was dies bedeutet, hätte man gern in einem „Making-of“ erfahren. Während noch der dümmste Blockbuster durch entsprechende Features flankiert wird, bleibt „The Skeptic“ leider extrafrei.

[md]

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Sauna – Wash Your Sins

Erstellt von Michael Drewniok am 22. April 2011

Sauna – Wash Your Sins

Originaltitel: Sauna (Finnland/Tschechische Republik 2008)
Regie: Antti-Jussi Annila
Drehbuch: Iiro Küttner
Kamera: Henri Blomberg
Schnitt: Joona Louhivuori
Musik: Panu Aaltio
Darsteller: Ville Virtanen (Erik Spore), Tommi Eronen (Knut Spore), Viktor Klimenko (Baron Semenski), Rain Tolk (Rogosin), Kari Ketonen (Musko), Sonja Petäjäjärvi (Poika), Vilhelmiina Virkkunen (Tytär), Taisto Reimaluoto (Isäntä), Ismo Kallio (Kylänvanhin), Kati Outinen (Eukko), Dick Idman (Roukkula), u. a.
Label: 8-Films
Vertrieb: WVG Medien Gmbh
Erscheinungsdatum: 25.06.2010 (DVD/Blu-ray) bzw. 27.05.2011 (Steelbook)
EAN: 4033056900365 (DVD) bzw. 4033056910364 (Blu-ray) bzw. 4033056950360 (Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Finnisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min.
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (Steelbook)

Das geschieht:

Im Jahre 1595 hat nach vielen Jahren ein Krieg zwischen Schweden und Russland sein Ende gefunden. Eine neue Grenze wird gezogen; Finnland wird zwischen den beiden Königreichen aufgeteilt. Damit es bei dieser Grenzziehung gerecht zugeht, schicken König und Zar eine Kommission auf den Weg. Die schwedische Partei vertreten Rittmeister Erik Spore und sein Bruder, der Kartograf Knut, für Russland spricht Baron Semenski, den die Soldaten Rogosin und Musko begleiten.

Zwischen den Männern, die vor kurzer Zeit noch gekämpft haben, herrscht Misstrauen. Vor allem Erik, ein verbitterter Mann mit Anfällen psychotischer Mordlust, vermisst den Krieg, der seinem Leben einen Sinn gab. Immer wieder provoziert er die Russen, doch der besonnene Semenski kann den brüchigen Frieden bewahren.

Als die Expedition auf ihrem Weg in den Norden einen ausgedehnten Sumpf durchquert, stoßen die Männer in dessen Mitte auf ein nie kartiertes Dorf. Die Einwohner schweigen sich über ihre Herkunft aus, bis das Mädchen Tytar – das einzige Kind des Ortes – Erik und Knut zu einer fest verschlossenen Hütte führt. Dort lagern die Aufzeichnungen russischer Mönche, die dieses Dorf einst gründeten, bis sie es aus unbekanntem Grund verließen. Die Bewohner vermuten, dass sie in einer alten Sauna verschwanden, die nahe beim Dorf in einem Teich steht. Angeblich kann man sich dort seine Sünden abwaschen.

Vor allem Knut kann dem nicht widerstehen, denn auch er hat Schuld auf sich geladen. Doch das abgewaschene Böse stirbt nicht, sondern steht auf und verfolgt die Lebenden. Dabei unterscheidet es nicht zwischen Schuld und Unschuld, sondern sucht alle Menschen heim …

Philosophischer Horrorfilm mit Unterhaltungswerten

Wenn in einer Filmrezension das Wort „Arthouse“ fällt, kommen beim geerdeten Gruselfreund gern Misstrauen und Fluchtgedanken auf. Allzu breit scheint die Kluft zwischen Filmkunst und Unterhaltung, um beide in einem Werk zusammenzuführen. Auf der anderen Seite dieser Schlucht stehen ähnlich meinungsfest die Feingeister, denen die schnöde Unterhaltung den ästhetischen Filmgenuss bestenfalls verwässert aber im Normalfall verdirbt.

Beide Parteien erinnern in Auftreten und Meinungsäußerung an Materie & Antimaterie: Schon bei vorsichtiger Annäherung sprühen Funken, und treffen sie aufeinander, knallt es heftig. Die daraus resultierende Herausforderung nehmen unverdrossen immer neue Generationen innovativer Filmemacher an. In der Regel scheitern sie – manchmal katastrophal, manchmal interessant –, aber hin und wieder gelingt die Synthese.

Dabei kennt selbst der Gorehound weniger blutrünstige Momente, in denen er sich womöglich Gedanken über Gott, die Welt und die Menschen macht. Schuld und Sühne sind existenzielle Elemente des Lebens. Antti-Jussi Annila und Iiro Küttner zeigen mit „Sauna“, dass eine spielerische Beschäftigung mit ‚schweren‘ Themen möglich ist.

Beschränkung auf das Wesentliche

Regisseur und Drehbuchautor betten ihr Garn in die Geschichte ihrer finnischen Heimat ein. Die dürfte außerhalb Skandinaviens relativ unbekannt sein, doch auf historische Fakten kommt es hier gar nicht an. Die Welt der Vergangenheit ist eine übersichtliche Welt. Ursache und Wirkung liegen dicht und sehr direkt zusammen. „Sauna“ erzählt von Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben. 1595 drückte man im Krieg keine Knöpfe, sondern kämpfte Mann gegen Mann. Erik Spore stand den 73 Menschen, für deren Tod er die Verantwortung übernimmt, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der bizarre Mord an Nr. 74 legt nahe, dass es dabei selten ‚ritterlich‘ zuging. Tatsächlich hat sich Erik in einen Serienkiller verwandelt.

So weit sind die drei russischen Mitglieder der Expedition nicht heruntergekommen, aber auch sie tragen die Erinnerungen an hässliche Taten mit sich. Knut Spore scheint zunächst nicht in dieses Raster zu passen, doch Erik erkennt seine dunkle Seite und hält sie ihm vor. Dem jüngeren, schwächeren Spore fehlt höchstens die Verrohung durch den Krieg, an dem er nicht kämpfend teilnahm, weshalb ihn schon vor der Ankunft in dem verfluchten Dorf gespenstische Visionen heimsuchen.

Die Landschaft bietet sowohl dem Auge als auch der Handlung keine Ablenkung. Sie ist flach, sumpfig, trostlos – eine Bühne, dessen Kulisse das Dorf und die Sauna bilden. Während einige Rückblenden Eriks und Knuts letzte Untaten in grellen, fast übertrieben leuchtenden Farben zeigen, bleiben die Bilder der Gegenwart blass, trübe und monochrom (wobei Kameramann Henri Blomberg der Realität mit entsprechenden Filtern nachhalf). Selbst das Dorf wirkt ungastlich, es ist winterlich kalt, schlammig, die Holzwände der windschiefen Gebäude sind roh, verzogen und undicht.

Die Sauna als Rätsel und Zentrum

Was ist die Sauna? Wer hat sie errichtet? Was geschieht mit denen, die sie betreten? Ist es real, was sie und damit wir Zuschauer sehen, oder werden wir Zeugen von Visionen, die von psychisch zermürbten Menschenhirnen ausgebrütet werden? Annila bietet verschiedene Antworten an, aber letztlich überlässt er dem Zuschauer die Deutung; wie viele Kritiken deutlich machen, ist dies eine Entscheidung, die oft als Zumutung betrachtet wird. Das Gros des Filmpublikums verlangt Antworten auf seine Fragen. Dem verweigert sich Annila nicht vollständig, doch er fordert nachdrücklich die Eigenleistung des Zuschauerhirns. Sogar der finale Überraschungstwist kommt, aber er wirft in letzter Sekunde neue Rätsel auf.

Hier ein recht simpler Lösungsansatz: Die Herkunft der Sauna ist unwichtig. Sie bietet tatsächlich die Möglichkeit, sich von seinen Sünden zu reinigen. Der Preis für die Erlösung ist das spurlose Verschwinden = der Tod. Die abgewaschenen Sünden erheben sich und setzen ihr übles Werk fort, bis der nächste Büßer die Sauna betritt und eine neue Sünde sich manifestiert.

Unzweifelhaft haust kein Monster in der Sauna. Sie ist höchstens Medium oder Verstärker. Wer sie betritt, bringt den Auslöser für spätere Bluttaten mit. Der sensible Knut sieht bereits Geister, bevor er in das Dorf kommt. Die diversen Phantome werden stets außerhalb der Sauna aktiv. Knuts gespenstische Heimsuchung konnte zunächst erschrecken, ihm aber nicht schaden. Erst in der Sauna gewann sie die Kraft für handfestes Morden: Angst genügt zusammen mit einem schlechten Gewissen als Strafe nicht. Manche Schuld kann nur durch den Tod gesühnt werden.

Faszination ist anstrengend

Das Spiel mit Form und Inhalt ist ein Merkmal des „Arthouse“-Films. Man kann es so ausdrücken: Selbst simple Dinge werden möglichst kompliziert ausgedrückt. Auch Annila liebt Chiffren und Doppeldeutiges. Vor allem im Mittelteil drängt er die Handlung an den Rand. Es wird viel geredet und zerredet, manches Mysterium bleibt so sehr Andeutung, dass der Zuschauer nicht anbeißt, sondern sich langweilt. Der erfahrene Gruselfreund hat hier ohnehin die Nase vorn: Er weiß, dass die Ereignisse in der Sauna kulminieren werden.

Zwar poltert und rumpelt das Filmgeschehen manchmal nur voran, aber der Zuschauer bleibt dennoch dabei. Zur Story, den Bildern und einer Musik, die nicht ablenkt oder aufregt, sondern die Handlung kongenial begleitet und unterstreicht, kommen die Leistungen eines ausgezeichneten Schauspieler-Ensembles. Dabei stehen die Spore-Brüder und hier Erik im Vordergrund. Vor allem Ville Virtanen ist großartig als mühsam disziplinierter Schlächter; um den Kontrast zu seinen Taten optisch zu verstärken, lässt ihn Annila eine Brille tragen, die ihm – Baron Semenski spricht es voller Sarkasmus aus – den Anschein eines zivilisierten Menschen verleiht, der Erik längst nicht mehr ist.

Mit „Sauna“ erzählt Antti-Jussi Annila sehr konzentriert eine rundum düstere, deprimierende Geschichte. Er gönnt uns keine Sekunde der Ablenkung, was „Sauna‘ eigentlich zu einem ‚schwierigen‘ Film werden lässt. Nichtsdestotrotz fesselt Annila sein Publikum. Wir wollen wissen, wie die Geschichte ausgeht. Dass dieses Ende übel sein wird, ist uns schnell klar: „Sauna“ ist kein Film mit Happy-End. Selbst die Erkenntnis, dass für Annila der Weg das Ziel ist und es im Grunde kein Finale mit sauber geschürztem Plotknoten und beantworteten Fragen gibt, trübt die Faszination nicht wirklich. Ist „Sauna“ Filmkunst? Wen kümmert es, solange das Ergebnis den Bauch zufriedenstellt und den Kopf in Gang setzt.

DVD-Features

Zum üblichen Trailer kommt ein leider kaum viertelstündiges „Making Of“, das den Erkenntnisstand des Zuschauers nur graduell erweitert. Einige „Deleted Scenes“ verraten, dass auch Cutter Joona Louhivuori seinen Job versteht. Der bisher abwesende Humor wird durch diverse „Bloopers“ nachgeholt, was angesichts der Strenge des Films beinahe blasphemisch wirkt …

Zum Film gibt es eine Website.

Dass „Sauna“ in Deutschland erst ab 18 Jahren freigeben ist, ‚verdankt‘ der Film übrigens einigen Trailern, die für ungleich dämlichere aber derbe Zombie-Streifen werben. Womöglich ist dies Absicht, um einem Publikum, das seine Filmkost lieber blutiger mag, einen harten Grusel-Streifen vorzugaukeln – es wäre nicht das erste Mal, dass diese faule Trick zum Einsatz kommt. Tatsächlich bleibt „Sauna“ in dieser Hinsicht zahm. Plakativer Horror kommt zwar vor, doch er steht nicht im Mittelpunkt, sondern wird in die Handlung integriert.

[md]

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