Filmbesprechungen.de

reloaded

  • Retrospektive

  • Kategorien

    Abenteuer (16)
    Action (35)
    Allgemein (106)
    Animation & Trick (15)
    beendete Preisrätsel (65)
    Buch zum Film (12)
    Buchrezension (2)
    Comic (4)
    Dokumentation (16)
    Drama (38)
    Familie (15)
    Fantasy (10)
    Filmhörspiel (1)
    FSK18 & k.J. (40)
    Heimatfilm (1)
    Historie (1)
    Horror (70)
    Interview (1)
    Kinder (11)
    Kino (10)
    Komödie (20)
    Kriminalfilm (20)
    laufende Preisrätsel (1)
    Mystery (31)
    News (3)
    Pressemeldungen (27)
    Science Fiction (29)
    Serie (23)
    Thriller (29)
    Videospiele & Computerspiele (2)
    Western (3)

    WP Cumulus Flash tag cloud by Roy Tanck requires Flash Player 9 or better.

  • Archiv

Archiv für die 'Drama' Kategorie

In meinem Himmel

Erstellt von Redaktion am 25. Februar 2010

In meinem HimmelIn meinem Himmel

Originaltitel: The Lovely Bones
Produktionsland: Vereinigte Staaten
Erscheinungsjahr: 2009
Länge: 135 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Peter Jackson
Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson
Roman: Alice Sebold

Produktion: Peter Jackson, Carolynne Cunningham, Fran Walsh
Musik: Brian Eno
Kamera: Andrew Lesnie
Schnitt: Jabez Olssen

Darsteller: Saoirse Ronan (Susie Salmon), Mark Wahlberg (Jack Salmon), Rachel Weisz (Abigail Salmon), Stanley Tucci (George Harvey), Susan Sarandon (Grandma Lynn), Jake Abel (Brian Nelson), Rose McIver (Lindsey Salmon)

Mit „In meinem Himmel“ hat sich der bekannte Regisseur Peter Jackson (“The Frighteners”, “Der Herr der Ringe”, “Heavenly Creatures”) an die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder von Alice Sebold gewagt. Der Name Jackson wiegt dabei schwer und seine letzten Projekte lassen ein weiteres filmisches Schwergewicht erwarten. Vor allem die Herausforderung so schwerer Themen wie Vergewaltigung, Kindesmord und Trauer zu bewältigen werfen die Frage auf, wie Peter Jackson das alles in einem Film unterbringen will.

Anfang der siebziger Jahre lebt Susie Salmon (Saoirse Ronan) in einer kleinen amerikanischen Gemeinde. Alles ist friedlich und die erste große Liebe hat die vierzehnjährige in ihren Bann geschlagen. Doch bevor Susie sich mit ihrem großen Schwarm trifft, stößt sie nach der Schule mit Nachbar George Harvey (Stanley Tucci) zusammen. Der hat schon länger ein Auge auf das Mädchen geworfen und eine Kinderfalle gebaut. Da lockt er Susie hinein und bringt sie bei ihrem Fluchtversuch um.

Susie ist nun in einer Zwischenwelt gefangen. Sie kann ihre Lieben daheim beobachten, aber keinen Einfluss nehmen. In ihrem Himmel lernt sie ein Mädchen namens Holly Golightly (Holly Golightly ist der Name einer Musikerin und auch der Name der Hauptfigur in Truman Capotes Roman “Frühstück bei Tiffany”) kennen, erfährt mehr über diese neue und farbige Welt, erfährt auch mehr über ihren Mörder.

Der kommt in der Realität nämlich ungeschoren davon, während Susies Familie an dem Drama zu zerbrechen droht. Vater Jack (Mark Wahlberg) verdächtigt alle Menschen in seinem Umfeld, Mutter Abigail (Rachel Weisz) nimmt Reißaus in die Weinberge und nur Oma Lynn (Susan Sarandon) hält die Stellung. Und Harvey späht schon sein nächstes Opfer aus: Susies Schwester Lindsey (Rose McIver) …

Peter Jacksons Verfilmung nur an der Romanvorlage zu messen, wäre sicherlich unfair. Immerhin konzentriert sich das Buch auf die Vergewaltigung und den Mord an Susie, beschäftigt sich mit der Trauerbewältigung und der Charakterentwicklung. Alice Sebold spricht die Emotionen ihrer Leser an, schildert eindringlich das Grauen und den Umgang damit. Aber Jackson hat sich selbst den Roman ausgesucht und so muss er sich wenigstens den Vergleich mit den Kernthemen gefallen lassen. Und hier scheitert der Regisseur kläglich.

Das sich ein Film zwangsweise wenig auf die Charakterentwicklung konzentrieren kann ist verständlich. Die Zeit ist sehr bemessen, doch Jacksons Figuren werden kaum behandelt. Einzig Susie erfährt eine Entwicklung, alle anderen Figuren werden einfach abgehandelt. Kommt es zu Szenen, in denen es in die Tiefe gehen könnte, bleiben diese gewollt kurz und Peter Jackson wechselt zu einem opulenten Bild. Mark Wahlberg und Rachel Weisz bekommen gar keine Möglichkeit sich zu profilieren. Einzig Susan Sarandon bekommt Zeit zum Spielen eingeräumt. Diese wird dann genutzt um ein paar Lacher zu ernten und dem Film weiter die Ernsthaftigkeit zu entziehen.

Die tiefgehenden Gefühle und das Drama des Romans einzufangen misslingt dem Film. Jackson blendet die Vergewaltigung Susies vollständig aus, reißt den Mord nur an, verlässt sich auf einige Symbole, um darauf hinzuweisen. Gut für all diejenigen, die diese Symbole erkennen und zu deuten wissen. Doch die Bildpracht von Susies Zwischenwelt gibt sich alle Mühe, sämtliche dezente Symbolik zu übertünchen, zu übermalen. Peter Jackson hat in den CGI-Farbeimer gegriffen und sich ordentlich bedient.

Anstatt eines erschütternden Dramas schreibt er nun parallel eine Kriminalgeschichte und eine Mysterystory. Bevor er sich in der einen Geschichte verfängt, wechselt er dann schnell mal hinüber und lässt auch gerne Parallelmontagen ablaufen. Die sind vor allem zu Schluss nervig und deplatziert, wenn Susies Mörder die zerstückelten Reste seines Opfer verschwinden lassen will und gleichzeitig eine unschuldige Kussszene abgehandelt wird. Das wirkt zu keinem Zeitpunkt dramatisch oder traurig, sondern einfach nur aufgesetzt. Zudem entzieht die jeweils eine Einstellung der anderen Einstellung die Substanz.

Personen und Handlung sind bei Jackson also zu vernachlässigen. Selbst Bösewicht, Kinderschänder und Mörder George Harvey wirkt zwar schaurig, aber keineswegs böse. Das wird wohl an FSK 12 liegen. So kommen zwar viele Leute in den Genuss des Films, aber der Film ist einfach zu weichgezeichnet und am Romanthema vorbei. Jackson verlässt sich lieber auf das was er kann: CGI-Effekte.

So inszeniert er opulent Susies Himmel, erinnert damit beinahe an die Farbenpracht von „Hinter dem Horizont“ (1998), ohne dessen Originalität zu erreichen. Denn durch Thema, Farbenpracht und Effekte kommt schnell der Verdacht auf, Jackson hätte sich an dessen Bildgestaltung fleißig bedient. Die Ähnlichkeiten sind jedenfalls auffallend und beide Filme sind stellenweise kitschig zu nennen. Dabei ging Regisseur Vincent Ward in seinem Streifen wenigstens keine großen Kompromisse ein.

Einziger Lichtblick in Jacksons „In meinem Himmel“ ist Saoirse Ronan (“Abbitte”, “City of Ember”), die trotz ihrer jungen Jahre (Jahrgang 1994) eine schauspielerische Glanzleistung zeigt. Ihr wird natürlich auch der größte Raum geboten und den nutzt sie gut aus. Schade nur, dass sie hier regelrecht verheizt wird. Sie und Stanley Tucci („Undercover Blues – Ein absolut cooles Trio“) wurden dann auch für Filmpreise nominiert, wobei diese Nominierungen bei Tucci ein Rätsel bleiben. Sein Harvey ist und bleibt ein farbloses Etwas, ohne Persönlichkeit, ohne Ausstrahlung.

„In meinem Himmel“ ist an sich unterhaltsam, hinterlässt aber keine Spuren und auch keine nachhaltigen Erinnerungen. Einzig Saoirse Ronan bleibt haften und die abschließende Erkenntnis, dass auch ein großer Regisseur kleine Haufen macht.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Goldmann-Taschenbuch “In meinem Himmel” bei Buch24.de

“In meinem Himmel” bei Booklooker.de

Abgelegt unter Drama, Familie, Fantasy, Kino, Kriminalfilm | 1 Kommentar »

Downloading Nancy

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Februar 2010

downloading-nancyDownloading Nancy

Originaltitel: Downloading Nancy (USA 2008)
Regie: Johan Renck
Drehbuch: Pamela Cumings u. Lee Ross
Kamera: Christopher Doyle
Schnitt: Henrik Hanson u. Johan Söderberg
Musik: Krister Linder
Darsteller: Maria Bello (Nancy Stockwell), Jason Patric (Louis Farwell), Rufus Sewell (Albert Stockwell), Amy Brenneman (Carol), David Brown (Billy Ringel), Michael Nyqvist (Stan) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 16.12.2009 (Leih-DVD) bzw. 15.01.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4013575566693 (Leih-DVD) bzw. 0886974374695 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min.
FSK: 18

Das geschieht:

Nancy Stockwell ist eine schöne Frau, die mit ihrem beruflich erfolgreichen Gatten Albert ein wohlhabendes Leben führt. Hinter dieser Fassade tun sich jedoch Abgründe auf. Albert ist ein gefühlskalter, auf das Golfspiel fixierter Reinlichkeitsfanatiker, der nicht erkennt bzw. nicht erkennen will, wie unglücklich Nancy ist. Nicht einmal das Wissen um ihre zahlreichen Sitzungen mit der Psychologin Carol nimmt Albert zum Anlass, sich mit seiner Ehefrau auszusprechen, die sich mit Rasierklingen schneidet, um überhaupt noch etwas zu fühlen.

Längst hat sich Nancy so tief ins seelische Aus gesteuert, dass sie den spektakulären Ausstieg aus einem ihr unerträglich gewordenen Leben plant. Über das Internet, das ihre einzige Verbindung mit der Außenwelt darstellt, hat sie Louis kennengelernt, der in einschlägigen Chatrooms als „Schmerzensmann“ auftritt. Mit ihm schließt Nancy einen Pakt. Sie liefert sich Louis und seinen sadistischen Neigungen aus, um sich schließlich von ihm umbringen zu lassen.

Eines Tages ist es soweit. Nancy verlässt Albert, der ratlos und von der Situation überfordert zurückbleibt. Sie wird nicht zurückkehren, aber auch für Louis sind nach der Begegnung mit der zutiefst verstörten Frau die Tage als „Schmerzensmann“ vorüber: Die Realität holt ihn ein, sodass er sich Nancy letztem Wunsch nicht verschließen kann und Albert mit einer Botschaft in seinem leeren Haus aufsucht …

Keine Hoffnung, kein Ausweg

Für die Randbereiche der menschlichen Psyche gibt es im Kino seit jeher zwei  Darstellungsweisen. Da haben wir einerseits den Horror, der offen, d. h. blutig und dabei unterhaltsam das Wirken & Würgen geisteskranker Serienkiller, durchgeknallter Wissenschaftler oder anderweitig irrer Metzelbolde in Szene setzt, wobei gleichzeitiger Popcorn-Verzehr, Getränkegenuss und freudiges Gejohle durchaus nicht fehl am Platze wirken.

Auf der anderen Seite stehen Filme wie „Downloading Nancy“, die sich dem Phänomen der (Selbst-) Zerstörung ernsthaft und quasi dokumentarisch widmen. Auch hier wird gelitten und gestorben, aber das zu beobachten ist nicht vergnüglich, sondern weckt das Unbehagen des Zuschauers, der sich wie ein Voyeur vorkommt. Man könnte sagen, dass diese Filme in Form und Inhalt der Realität ein wenig zu nahe kommen.

„Nach einer wahren Begebenheit“ heißt es auch im Nachspann von „Downloading Nancy“. Was in der Regel nur ein Trick ist, um billige Zusatz-Werbung für einen Film zu machen, wirkt hier authentisch, weil in den letzten Jahren tatsächlich Fälle belegt sind, in denen verzweifelte Menschen ihren Mörder per Internet suchten – und fanden.

Wer so konsequent ist wie Regisseur Johan Renck, der sich streng auf das Drama dreier verlorener Menschen konzentriert, ohne Konzessionen an ein Publikum zu machen, das in Mainstream-Dramen mit im Drehbuch eigens vorgesehenen Momenten der Entspannung rechnen kann, darf auf einen Blockbuster nicht hoffen. Tatsächlich ertrugen nicht einmal das sich gern intellektuell gebende Publikum des „Sundance Film Festivals“ die Uraufführung von „Downloading Nancy“; Hauptdarsteller Rufus Sewell beobachtete, wie die Zuschauer scharenweise den Kinosaal verließen.

Jenseits des Punktes der Wiederkehr

In der Tat ist „Downloading Nancy“ kein vergnügliches Erlebnis. Dabei gibt es keinerlei Brutalitäten zu besichtigen. Es sind Darstellerkunst und inszenatorisches Geschick, die den Rasierklingenschnitt in ein Bein oder einen Arm zum blanken, weil wiederum realistischen Horror anschwellen lassen. Auch sonst spiegelt jede Szene nur Verlassenheit, Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit wider. Die Bilder sind ausgewaschen und entbehren jeglicher Farbigkeit. Dazu spielt die Handlung im neuenglischen Winter, der besonders düster, eisig und unwirtlich wirkt.

Gemütlichkeit ist auch innerhalb bewohnter Mauern ein Fremdwort. Das Sprechzimmer der Psychiaterin ist eine schäbig möblierte, enge, fensterlose Kammer. Feiern finden in gesichtslosen Hotelkavernen statt. Das Haus der Stockwells ist kein Heim, sondern ein Gefängnis, dessen männlicher Bewohner jegliche ‚Beschädigung‘ durch Schmutz oder Knautschflecken vermeidet. Scheußlich gemusterte, unbequeme Polstermöbel werden mit glatten, kalten Plastikbezügen ‚geschützt‘. Die Depression nimmt Gestalt an.

Die Menschen fügen sich nahtlos in diese Umgebungen ein. Wenn Albert auflebt, dann nur in seinem zum Golfclub umgebauten Keller, in dem er meist völlig allein ist. Wenn seine ‚Freunde‘ Billy und Stan auftauchen, verödet die Unterhaltung in Allgemeinplätzen, denn zu sagen hat man sich im Grunde nichts.

Des Dreiecks mörderische Seite

Doch wo nicht mehr gesprochen wird, kann die Dunkelheit einziehen. Albert sieht genau, dass Nancy sich quält. Er lässt es geschehen. Damit wird er mitschuldig bzw. hauptverantwortlich für ihren Tod. Das ist die Lektion, die ihm Nancy sehr erfolgreich zu erteilen vermag. Ähnlich wird es vermutlich Carol geschehen. Renck ist abermals kompromisslos: Die Therapiegespräche mit Nancy werden zum pagageienhaften Nachplappern angelernten Fachwissens, das immer hektischer wird, je mehr Carol bewusst wird, dass sie Nancys Verzweiflung nichts entgegenzusetzen hat. Anders als Albert will Carol helfen, doch sie kann es nicht, denn über diesen Punkt ist Nancy hinaus: für eine Psychologin eine unerträgliche Erkenntnis und das Eingeständnis einer Niederlage.

Nachdem sie selbst, ihr Partner und die Medizin versagt haben, sieht Nancy nur im Tod eine Erlösung. Den will sie sich aber nicht selbst geben: Sie möchte schmerzvoll sterben, denn Schmerz ist das einzige Gefühl, das sie noch spürt. Das bringt Louis ins Spiel. Er könnte als Figur der Bösewicht dieses Dramas werden, aber diese simple Charakterisierung gestattet Renck nicht. Louis ist keineswegs der kontrollierte, eiskalte „Schmerzensmann“, zum dem er sich stilisiert. Stück für Stück zerbricht diese Fassade im Zusammensein mit Nancy und offenbart einen Menschen, den das Leben mindestens ebenso verletzt hat wie sein ‚Opfer‘, das Louis‘ Liebesbekundungen brutal zurückweist und auf ‚Vertragserfüllung‘ besteht.

Denn Nancy ist in ihrer erbarmungslosen Selbstzerstörung ein gefährlicher Mensch. Carol erlebt es, als ihre Patientin sie attackiert, aber Louis, der ihr länger ausgesetzt ist, wird von Nancy zerstört. Selbst im Tod manipuliert sie ihn weiter und bringt ihn dazu, sich Albert auszuliefern, um ihm ihre letzte Botschaft auszurichten.

Der Herausforderung gewachsen sein

Johan Renck ist kein in den USA aufgewachsener und dort ins Filmgeschäft gekommener Regisseur. Er wurde in Schweden geboren und lebt noch heute in Stockholm. So kann Renck durchaus als ‚europäischer‘ Filmemacher gelten, was in der Kritikerwelt identisch ist mit dem Drang zur unbequemen und unzensierten, sprich: hollywoodfernen Filmkunst.

Zumindest an den Kinokassen konnte Renck diesem Ruf problemlos entsprechen: „Downloading Nancy“ spielte bei Produktionskosten von 3 Mio. Dollar praktisch keinen Cent ein. Der Stoff erwies sich für ein breites Publikum als zu starker Tobak. Zwar wird mancher von der Kritik heiß geliebter ‚Kunstfilm‘ für den Zuschauer mit Fug und Recht als Aufforderung zur Kinoflucht verstanden. Auf „Downloading Nancy“ trifft dies nicht zu, denn dieser Film ist das Werk eines Regisseurs, der sein Thema im Griff hat.

Das verdankt Renck einem ausgewogenen Drehbuch sowie Schauspielern, die ihre schwierigen Rollen außerordentlich überzeugend mit depressivem Leben erfüllen. Vor allen anderen ist natürlich Maria Bello zu nennen, die nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere keineswegs davor zurückscheut, buchstäblich alles zu geben. Nie augenrollend & Schaum spuckend irrsinnig, sondern entweder erloschen oder blindwütig, oft beides im sekundenschnellen Wechsel, Mitleid erregend aber nie sympathisch, ist Nancy die Verkörperung des Lebensekels. Obwohl Bello selbst ohne Make-up, in schmuckloser Kleidung und gefilmt in fahlem Licht eine schöne Frau bleibt, ist sie selbst nackt kein erotischer Anblick – auch über diese Phase ist Nancy längst hinaus; sie sorgt lieber dafür, dass Louis im Baumarkt eine Hacke kauft, mit der er später ihre Leiche besser zerteilen kann.

Unterhaltung muss nicht unterhaltsam sein

Rufus Sewell gibt einen gleichermaßen abscheulichen wie jämmerlichen Albert. Vom seelischen Bankrott trennen ihn nur seine Obsession für Golf und eine Gefühlsarmut, die ihn problemfrei funktionieren lässt. Sewell gibt der undankbaren Rolle eine düstere Größe in seinem von Nancy über Louis in Gang gesetzten Erkenntnis- und Reifeprozess, den er womöglich nicht überstehen wird.

Auch Jason Patric ist fabelhaft als Sadist und Lustmörder, der sich seinen eigentlichen Bedürfnissen stellen muss. Menschen zu verletzen ist einfacher als sich mit ihnen zu verständigen. Als Louis dies vergisst, ist es um ihn geschehen. Patric meistert eine schwierige Doppelrolle, denn ist er zunächst Nancys Fährmann in den Tod, muss er später zum Neustarter für Alberts tief verschüttetes Gefühlsleben werden. Louis redet nicht, er handelt, und er geht dabei ähnlich rücksichtslos vor wie Nancy.

„Downloading Nancy“ bietet die Möglichkeit, sich einen Film nicht nur ‚anzuschauen‘, sondern sich auf ihn einzulassen. Auch die Gabe, das Leere und Niederschmetternde darzustellen und vorstellbar zu machen, verdient Anerkennung. Wie eigentlich immer sollte nur die Geschichte zählen, und die ist zwar traurig, wird aber wunderbar erzählt.

DVD-Features

„Downloading Nancy“ ist ein Film, für den ein „Making-Of“ als verkappter Werbe-Trailer eher kontraproduktiv wäre. Echte Hintergrundinfos – z. B. über die realen Ereignisse, die das Drehbuch inspirierten – wären hilfreich. Da dafür ein gewisser Aufwand getrieben werden müsste, der für Kassengift-Filme als nicht lohnend erachtet wird, fallen folgerichtig sämtliche Features ersatzlos weg.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Drama, FSK18 & k.J., Thriller | Keine Kommentare »

Hustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1

Erstellt von Redaktion am 4. Februar 2010

hustleHustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1

Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2004
Produktionsunternehmen: Kudos Film & Television
Länge: 6 Episoden von jeweils 52 Minuten
Produktion: Tony Jordan
Musik: Simon Rogers
Vertrieb: Polyband
Darsteller: Mickey Bricks (Adrian Lester), Ashley Morgan (Robert Glenister), Danny Blue (Marc Warren), Stacie Monroe (Jaime Murray), Albert Stroller (Robert Vaughn)

„You can’t cheat an honest man!“ („Du kannst keinen ehrlichen Mann betrügen!“) lautet die erste Regel der Trickbetrüger und Abzocker, die in „Hustle“ die Helden der Geschichte sind und dem erstaunten Zuschauer zeigen, wie schnell die Gier der Menschen ausgenutzt werden kann, um das schnelle Geld zu machen. Die Opfer sind keineswegs normale Leute von der Straße, sondern reiche und durchtriebene Gauner und Betrüger. Genau diese Menschen werden zur Beute von Mickey Bricks (Adrian Lester) und seiner Bande. Doch diese Bande muss erst zusammengestellt werden. Und selbst da setzt der charismatische Schwarze zu einem Trick an, um wiederum selbst ausgetrickst zu werden.

Die BBC-Serie wurde von Kudos Film produziert, die sich bereits mit „Im Visier des MI5“ (Originaltitel „Spooks“) einen guten Namen machte. „Hustle“ geht in die gleiche Richtung, orientiert sich aber mehr an Filmen wie „Der Clou“ oder „Ocean’s Eleven“. Trotz dieser großen Vorbilder bleibt die Serie eigenständig und auch bodenständig. Sie spielt vorwiegend in London, wartet mit einem europäischen Flair und modernen Kulissen auf. London verbindet Altertum und Neuzeit, Land und Großstadt, ist eine Stadt der Kontraste, eine Weltmetropole und wie geschaffen für diese Serie. Das gilt auch für die Figuren, die bereits in der ersten Folge zu einer verschworenen Familie heranwachsen.

Im Mittelpunkt steht Mickey Bricks, der charismatische Gauner und Leiter der Truppe. Er wurde von Albert Stroller (Robert Vaughn) ausgebildet, der ebenfalls mit von der Partie ist und dafür sorgt, dass Mickey seinerseits die Ausbildung des Jungspunds Danny Blue (Marc Warren) übernimmt. Somit sind drei Generationen Abzocker unter einem Dach vereint, die zwar an einem Strang ziehen und dennoch sehr unterschiedlich sind. Das sorgt für Reibereien und Spannungen, die zur Dramatik der Serie beisteuern.

Um das Ganze etwas auszugleichen, runden zwei weitere Charaktere die Sache ab. Da wäre Ashley Morgan (Robert Glenister), ein wahres Multitalent. Er schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben und greift gerne zu, als ihm Mickey die Möglichkeit zum ganz großen Coup verspricht. Auch Stacie Monroe (Jaime Murray) schließt sich Mickey an. Sie hegt Gefühle für ihn, doch er denkt nur über seine bevorstehende Scheidung nach. Danny hat übrigens ein Auge auf Stacie geworfen – und erneut zeichnen sich hier Verwicklungen ab. „Hustle“ ist eine Serie mit Persönlichkeiten und Persönlichkeit. Das wird ziemlich früh deutlich.

Dabei wartet „Hustle“ mit einigen Markenzeichen auf. Dadurch wird die Serie unverwechselbar. So bekommen die Zuschauer erklärt wie der Betrug ablaufen soll, was die Feinheiten sind und wo die Probleme lauern. Das wäre nun äußerst langweilig, doch stets gibt es ein oder zwei überraschende Wendungen, um das seichte Fahrwasser sicher zu umschiffen. Dem Gesetz der Serie nach werden die Abzocker natürlich auch mit den neuen Problemen fertig. Trotzdem sind diese Wendungen das Salz in der Suppe. Vollends abgeschmeckt wird „Hustle“ aber durch die Kameraeinstellungen und Standbilder.

So gefriert in entscheidenden Szenen plötzlich das Bild. Nur die Abzocker können sich noch bewegen und besprechen ausführlich ihren Plan, erklären die Raffinessen und wenden sich dabei auch an den Zuschauer, der daheim vor dem Bildschirm sitzt. Nach diesen Sequenzen geht es dann wie gewohnt weiter. Das ist ein erstklassiges Stilmittel, das im ersten Augenblick ziemlich überrascht und dann gekonnt zum Charme von „Hustle“ beiträgt. Eine wunderbare Idee des Autoren und hervorragend umgesetzt. Das gilt auch für einige Szenarien in der Serie, die abstrakt aufgelöst werden. So beginnen Danny und Mickey plötzlich zu tanzen, um ihr Opfer darauf hinzuweisen, was für eine scharfe und begehrenswerte Braut Stacie ist. Diese Szene ist natürlich eine surreale Sequenz, an deren Ende aber die Realität mit veränderten Tatsachen weiterläuft. Ebenfalls eine schicke Idee, die Laune macht.

Es wird deutlich, dass „Hustle“ keine vollkommen ernste Serie ist. Die Show spielt mit dem britischen trockenen Humor, bemüht die angebliche Gaunerehre und den damit verbundenen Ehrenkodex, wechselt zwischen Drama und Comedy. Dabei ist die Comedy oft subtil und wird nur punktuell eingesetzt. Sie läuft dem ernsten Tenor keinesfalls den Rang ab und somit bleibt „Hustle“ auch eine Serie für seriöse Zuschauer, die sich an eleganten Gaunereien erfreuen möchten.

Insgesamt umfasst die erste Staffel sechs Episoden und naturgemäß werden die Anfänge einer Serie dazu genutzt, um die Figuren vor- und eine Bindung herzustellen. Hier bildet „Hustle“ keine Ausnahme. Die einzelnen Episoden konzentrieren sich auf die Hauptcharaktere und skizzieren deren Hintergründe, Motivationen und Verhaltensweisen. Zum Ende der Staffel hat der Zuschauer die Figuren dann in sein Herz geschlossen, trotz deren kriminellen Energien. Aber immerhin besitzt die Bande einen Ehrenkodex – allerdings einen fragwürdigen Ehrenkodex. Vor diesem Hintergrund sind die abschließenden Worte der Serie natürlich mit Vorsicht zu genießen und werden – hoffentlich – keinesfalls als Aufruf zum Tricksen und Abzocken verstanden.

Bei den Schauspielern hat Kudos Film ganze Arbeit geleistet und die unterschiedlichen Rollen erstklassig besetzt. Die Darsteller leben ihre Figuren förmlich und das ist der Serie anzusehen. Es macht einfach Spaß „Hustle“ anzuschauen und Leute wie Adrian Lester, Robert Glenister, Marc Warren, Jaime Murray und Robert Vaughn zu erleben. Vor allem der US-Amerikaner Vaughn ist dem Fernsehpublikum ein fester Begriff, wurde er doch mit Produktionen wie „Solo für O.N.C.E.L.“ oder „Thunderball“ berühmt. Unvergesslich auch seine Darstellung in „Die glorreichen Sieben“. Mit solch einem Hochkaräter in „Hustle“, scheint der Erfolg bereits vorprogrammiert. Doch das würde der Rolle Albert Stroller widersprechen, der von Robert Vaughn sehr gut gespielt wird.

So wie Stroller seinen Schützling Mickey ausbildet und sich langsam zurückzieht, um der nächsten Generation Platz zu machen, so überlässt auch Vaughn seinen Kollegen weitgehend das Feld. Dadurch wirkt „Hustle“ authentisch und können die anderen Hauptdarsteller ebenfalls zeigen, was in ihnen steckt. Das gilt vor allem für Adrian Lester, dem die Rolle des Mickey Bricks wie auf den Leib geschneidert scheint. Aber genau das ist ein Irrtum, denn Drehbuchautor Tony Jordan hatte beim verfassen des Skripts stets George Clooney vor Augen. Immerhin ist „Ocean’s Eleven“ das große Vorbild von „Hustle“ – daraus wird auch kein Hehl gemacht. Äußerlich ist Lester dabei das Gegenteil von Clooney: Jung, schwarz und mit einer unterschwellig düsteren Ausstrahlung. Die kann jedoch von einem zum nächsten Augenblick umschlagen und Lester wirkt wie ein harmloser und verspielter Junge, dem jedermann gerne sein Geld anvertraut. Für eine Serie wie „Hustle“ also genau das Richtige.

Die Staffelbox beinhaltet zwei DVDs, kommt mit einem Wendecover daher und auch die Silberscheiben selbst sind schick gestaltet. Neben der sechs Episoden gibt es noch ein kleines Making-of, in dem über die Idee zur Serie und das Casting der Schauspieler gesprochen wird. Ganz nett. Technisch ist alles in Ordnung. Das Bild (16:9) ist hervorragend und der Ton sauber. Es gibt zwei Tonspuren (Deutsch und Englisch), die leider nur in Dolby Digital 2.0 daherkommen. Das Making-of ist in englischem Original mit deutschem Untertitel. Dieser wurde gut geschrieben und ist fast fehlerfrei.

„Hustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1“ ist genau passend für Menschen die Gaunereien, Eleganz. Humor und kreative Kameraarbeit mögen. Dazu die hervorragenden Darsteller und gute Geschichten, die stets mit einer Überraschung aufwarten. Klasse!

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Amazon.de

Abgelegt unter Drama, Komödie, Kriminalfilm | Keine Kommentare »

Blob – Schrecken ohne Namen

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Januar 2010

blob-1958Blob – Schrecken ohne Namen

Originaltitel: The Blob (USA 1958)
Regie: Irvin S. Yeaworth Jr.
Drehbuch: Theodore Simonson u. Kay Linaker
Kamera: Thomas Spalding
Schnitt: Alfred Hillmann
Musik: Ralph Carmichael
Darsteller: Steve McQueen (Steve Andrews), Aneta Corsaut (Jane Martin), Earl Rowe (Lieutenant Dave), John Benson (Sergeant Jim Bert), George Karas (Officer Ritchie), Olin Howland (alter Mann), Stephen Chase (Dr. T. Hallen), Lee Payton (Schwester Kate), Elbert Smith (Henry Martin), Hugh Graham (Mr. Andrews), Audrey Metcalf (Elizabeth Martin), Elinor Hammer (Mrs. Porter) u. a.
Label/Vertrieb: e-m-s
Erscheinungsdatum: 27.10.2005 (Kauf-DVD)
EAN: 4020974158336 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,66 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min.
FSK: 12

Das geschieht:

Irgendwo über dem US-Staat Pennsylvania geht im Sommer des Jahres 1957 ein Meteorit nieder. Ein alter Einsiedler findet an der Absturzstelle einen seltsamen Gallertklumpen, der sich plötzlich an seiner Hand festsaugt. Voller Panik sucht der Alte Hilfe und läuft auf der Landstraße beinahe dem jungen Steve Andrews vor den Wagen, der sich mit seiner Freundin Jane einen schönen Abend im Grünen machen wollte. Sie bringen ihn zu Dr. Hallen, der ratlos mit ansehen muss, wie sein Patient von dem Amöbenwesen absorbiert wird, bevor es ihn und eine Krankenschwester frisst.

Steve und Jane alarmieren die Polizei. Während die Kreatur heimlich durch den Ort schleicht, brave Bürger vertilgt und dadurch immer größer wird, stoßen sie nicht nur auf dem Revier, sondern auch bei den Eltern mit ihrem Bericht über ein “Monster aus dem Weltall” auf Skepsis. Als der gigantisch angeschwollene “Blob” ein Kino überfällt, ist es zu spät für Gegenmaßnahmen: Das Wesen ist schussfest, resistent gegen Säure und auch durch Starkstrom nicht umzubringen. Wieder ist es Steve, der seine Achillesferse entdeckt: Der Blob verträgt keine Kälte. Allerdings ist es schwierig, dies der Polizei mitzuteilen, weil Steve mit Jane und einigen weiteren Pechvögeln in einem kleinen Restaurant festsitzen, das der Blob buchstäblich in sich aufgenommen hat, um sich in Ruhe den leckeren Flüchtlingen im Keller widmen zu können …

“BEWARE OF THE BLOB, IT CREEPS …” : Der Blob und die Russen

Spätestens nachdem ab 1949 auch des Satans irdische Schergen – die Kommunisten aus der Sowjetunion – über die Atombombe verfügten, wuchs unter den Bravbürgern der USA die Angst, dass diese eines gar nicht fernen Tages über ihren Häuptern detonieren würde, bevor die eigenen Nuklearwaffen den dreisten Angreifer ausradieren könnten; nicht ganz so patriotisch veranlagte aber immerhin besorgte Zeitgenossen sahen sogar die gesamte Welt in einem III. Atom-Weltkrieg untergehen.

Die Furcht wurde nicht nur von der Politik oder den Medien, sondern auch von der (unterhaltenden) Kunst aufgegriffen. “Watch the Skies!”, lautete eine Parole der 1950er Jahre, denn von dort würden sie kommen, die “Roten” aus Russland. Im Kino taten sie das allerdings maskiert, denn damals wie heute hasst der Filmzuschauer es, am Feierabend mit Fakten belästigt zu werden. Also sahen die Sowjets wie Außerirdische aus, die sich durch die Hintertür in die USA einschlichen, um dort ihr böses Invasoren-Werk zu verrichten. Das war unheimlich und unterhaltsam zugleich und sorgte für jenes Geräusch, das Hollywood über alles liebt: das Klingeln der Kassen.

1958 konnte der Feind aus dem Osten deshalb problemlos wie der “Blob” sein: eine kollektiv gesteuerte Masse ohne individuelle Merkmale, die schleichend und mit dem Willen zur Zerstörung über ihre Opfer herfiel, sie nicht nur fraß, sondern absorbierte, d. h. sie sich einverleibte und für die eigene böse Sache versklavte. (Rot war sie übrigens auch noch.)

“… AND LEAPS AND GLIDES AND SLIDES …”: Kleine Stadt muss sich bewähren

Wie würden sich die Bewohner des kleinen, namenlosen Städtchens schlagen, das überall in den USA stehen konnte? Würden sie schlafen, die falschen Entscheidungen treffen, gar schreiend flüchten? Oder sich zusammentun, um dem Gegner entschlossen die Stirn zu bieten und ihn niederzukämpfen? Im kommerziell ausgerichteten B-Kino war dies eine rhetorische Frage: US-Bürger lassen sich vielleicht kurzfristig täuschen, weil sie nicht mit der Hinterlist eines hinterrücks angreifenden Feindes rechnen, aber dann besinnen sie ihrer gemeinschaftlichen Kraft und geben es dem Schurken doppelt heraus!

Dabei ist diese kleine Stadt kein friedlicher Ort. Bereits ohne den Blob geht es in ihren Straßen hoch her. Der Konflikt zwischen den Generationen entwickelte sich in den 1950er Jahren zu einem gravierenden Problem. Auf der einen Seite standen die “Eltern”, die in den Jahren der Weltwirtschaftskrise und des II. Weltkriegs aufgewachsen waren und Gehorsam, Disziplin und Konformität forderten. Dem widersprachen die nach dem Krieg geborenen Teenager, die den Mangel nicht kannten, ihre in den Jahren des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms entstandenen Freiräume testeten und sie für zu klein befanden.

“Rebels without a Cause” nannte man sie, “… denn sie wissen nicht, was sie tun”, unterstellte man ihnen. Mit James Dean in der Hauptrolle brachte es Regisseur Nicholas Ray 1955 allgemeinverständlich auf den Punkt. Eine Welle thematisch ähnlich gelagerter Filme folgte. Die meisten nutzten das Aufbegehren der “Halbstarken” nur als Vorwand für reißerische Action. Regisseur Yeaworth beschäftigt sich ernsthafter mit dem Konflikt. Steve und Jane scheinen an den Eltern, den Polizisten und anderen Respektspersonen vorbeizureden, sich gar in einer fremden Sprache zu artikulieren. Hinzu kommt das ständige Misstrauen der Älteren, die sich unsicher, herausgefordert und nicht respektiert fühlen. Ein Monster geht um, aber im Streit zwischen Alt und Jung geht diese Bedrohung lange unter.

“…ACROSS THE FLOOR / RIGHT THROUGH THE DOOR …”: Kinder – wild aber gut

Irvin S. Yeaworth (1926-2004), der Regisseur von “Blob”, war ein fundamentalchristlich geprägter Mann, der zahllose Kurzfilme und Features für kirchliche Radio- und TV-Sender realisierte. Ihm war es ernst mit seiner Darstellung des Generationskonfliktes. Die ernsthafte und gleichzeitig naive Herangehensweise an das Thema fordert den Spott des heutigen Publikums heraus, das mehr als fünf Jahrzehnte später freilich aus der Perspektive dessen urteilen kann, der mit der Gnade der späten Geburt gesegnet wurde.

Yeaworth überzeugt nicht, er manipuliert, denn er meint, die Lösung zu kennen. Er personifiziert sie in der Figur des Lieutenant Dave, der zwischen den Generationen vermittelt und verdeutlicht, dass Steve, Jane und ihre Altersgenossen vielleicht ein wenig ungestüm aber vertrauenswürdig sind. Diesem Integrationsprozess widmet sich Yeaworth, unterstützt vom Autorenteam Theodore Simonson u. Kay Linaker, so intensiv, dass der Blob aus dem Geschehen verschwindet. Dennoch wird noch heute deutlich, wie provokativ einige Szenen einst gewirkt haben müssen. Wenn zum Beispiel Mr. Andrews, ein Lehrer, seinen Schlüssel zur Schultür, hinter der dringend benötigte Feuerlöscher lagern, vergisst und sich einen Stein greift, inszeniert Yeaworth, wie Andrews, dem der Blob im Nacken sitzt, sichtlich zögert, den für ihn unerhörten Bruch mit den Regeln zu vollziehen und eine Glasscheibe einzuschlagen. Als er es endlich tut, bestaunen ihn seine Schüler ehrfürchtig: Der Kontakt zwischen den Generationen ist möglich, auch wenn es einer Notlage bedarf, um eine Brücke zu schlagen!

“… AND ALL AROUND THE WALL …”: Darf nichts kosten, soll viel einbringen

Kommen wir nach dem, was den “Blob” indirekt interessant macht, endlich zu dem, was dieser Film eigentlich ist und sein sollte: kostengünstig produzierte Unterhaltung mit einem möglichst hohen Einspielergebnis! Aus kommerzieller Sicht ging die Planung voll auf: Bei einem Budget von um die 150.000 Dollar spielte “Blob” an den Kinokassen 4 Mio. Dollar ein. Weil die Produzenten außerdem das Glück hatten, zufällig einen zukünftigen Filmstar (Steve McQueen) zu engagieren, blieb “Blob” der kollektiven Erinnerung erhalten und wurde allmählich mit dem Goldschmelz des Klassikers überzogen. Der hält einer kritischen Ritzprobe allerdings kaum stand: “Blob” bringt den Zuschauern von heute weder unter Berücksichtigung zeitgenössischer Beurteilungsfaktoren noch als kurioser Trash von Gestern allzu große Freude.

Wenig mehr als 80 Minuten beträgt die Laufzeit, die gefühlt wesentlich länger wirkt. Das liegt nicht nur an der Abwesenheit des Blobs, sondern auch an einem hastig aus Versatzstücken geschustertem Drehbuch und einer ungeschickten Regie, die ganz einfache Dinge unnötig verkompliziert, um Spannung dort zu schüren, wo sie sonst nicht entstehen würde. Immer wieder nimmt Yeaworth das Tempo aus der Handlung und lässt seine Darsteller reden, reden, reden, bis die Hand des Zuschauers die Vorspultaste sucht. “Blob” fehlt ein echter Spannungsbogen. Das Geschehen zerfasert in Episoden, und selbst in den gelungenen Sequenzen spotten logikfreie Wendungen jeglicher Beschreibung. (Was ist beispielsweise von der Intelligenz eines Doktors zu halten, der deutlich sieht, wie sich im Nebenzimmer die Decke über seinem von einem mysteriösen Gallertwesen befallenen Patienten hebt und senkt, aber nicht an den Behandlungstisch stürzt, sondern seelenruhig eine Krankenschwester anruft, die ihm bei einer Arm-Amputation helfen soll?)

Während der Zuschauer den Anblick des lausig animierten Blobs (dazu gleich mehr) in einem über fünfzig Jahre alten Film akzeptiert und verzeiht, tötet die Penetranz, mit der junge aber völlig ausgewachsene Männer und Frauen dem Publikum als “Kinder” verkauft werden, jegliche Glaubwürdigkeit. Wer ‘junge’ Hauptrollen besetzt, sollte dafür mindestens jugendlich wirkende Darsteller engagieren. Die “Blob”-Kinder sind sämtlich weit über 20, und das sieht man ihnen so deutlich an, dass ihr Verhalten durchweg lächerlich wirkt. (Steve McQueen war während der Dreharbeiten 27 und seit zwei Jahren verheiratet; das wird im Film übrigens dokumentiert, weil McQueen sich entweder weigerte, vor der Kamera seinen Ehering abzulegen, oder niemand hinter der Kamera bemerkte, dass er ihn trug – auch nicht Aneta Corsaut als ‘jungfräuliche’ Jane von 24 Jahren …)

“… A SPLOTCH, A BLOTCH …”: Das Monster aus der Tube

Der Blob erweist sich als Kind der modernen Industriechemie. Zwar soll er angeblich vom Himmel gefallen sein, aber seine tatsächliche Herkunft ist irdisch: Entweder wurde er (oder es) im Film von einem blobbig maskierten Plastikballon gedoubelt, der mehr schlecht als recht in ‘bedrohlich’ wirkende Bewegungen versetzt wurde und sich höchstens schleppend von der Stelle bewegen konnte, oder rot gefärbtes Silikon gab ihm seine gallertige Konsistenz. Diese haltbare Masse wabert wie Wackelpudding und lässt sich durch kleine Öffnungen wie Türritzen oder Belüftungsgitter pressen, was (1958 zuverlässig und heute mit etwas gutem Zuschauer-Willen) wirkt, als ob der Blob seinen Opfern entgegen quillt.

Wenn er im Finale erst durch ein Kino tobt und anschließend ein ganzes Restaurant unter sich begräbt, dann wurde das eine als Miniatur nachgebaut und das andere einfach als Foto eingeblendet, über das der Silikon-Blob geschüttet wurde. Nicht einmal betrunken lässt sich diese Offensichtlichkeit ignorieren. (Dass etwas nicht stimmt, merkt man auch daran, dass viele der ‘panisch’ vor dem Blob flüchtenden Statisten – sie wurden unter der Bevölkerung des Städtchens Phoenixville in Pennsylvania rekrutiert, in dem die Außenaufnahmen entstanden – von einem Ohr zum anderen grinsen und einen Heidenspaß haben; die Szenen wurden nicht neu gedreht, sondern einfach im Film belassen.)

Die Tricktechnik war halt noch nicht sehr weit, und “Blob” entstand nicht in einem der großen Hollywood-Studios, sondern als unabhängige Produktion. Immerhin reichte das Budget, um einen skurrilen Zeichentrick-Vorspann zu finanzieren, dem ein urkomischer aber sehr stilvoller Rocksong mit dem Titel “Beware of the Blob” (Co-Komponist: Burt Bacharach!) unterlegt wurde. (Was aus dem Silikon-Blob wurde, der den Drehschluss glänzend überstand, lässt sich unter dem Titel “The Man Who Owns the Blob” hier nachlesen.

“… BE CAREFUL OF THE BLOB!”: Der Schatten des Blobs

Nach dem erstaunlichen Einspielergebnis hätte ein Hollywood-Studio umgehend eine (noch billiger produzierte) Fortsetzung nachgeschoben. Das unterblieb jedoch. Bis 1972 ruhte der Weltraum-Pudding gut gekühlt in der Arktis, in die ihn die Army (die es zu ihrem Leidwesen nicht hatte zerstören können) 1957 verfrachtet hatte. Dann befreite ihn ausgerechnet Larry Hagman, der “J. R.” aus der TV-Seifenoper “Dallas”, in seiner einzigen Regiearbeit “Beware! The Blob” und ließ ihn komödienhaft und trashig durch Los Angeles toben.

1988 gelang Chuck Russell ein “The Blob” betiteltes Remake des Originals, das dieses inhaltlich wie formal weit übertraf. Ein blutjunger Kevin Dillon und eine noch jüngere Shawnee Smith (“Saw” I – ?) in den Hauptrollen gaben wesentlich überzeugendere Teenager ab als McQueen & Corsaut, und die soliden Tricks sowie ein ruppiger, oft schwarzer Humor haben diesen Film zu Recht zu einem Genre-Klassiker geadelt. (Wie sich die Zeitläufte geändert haben, belegt die Tatsache, dass der Blob 1988 einem außer Kontrolle geratenen Militär-Experiment der US-Regierung entsprang.)

“So lange die Arktis gefroren bleibt, sind wir außer Gefahr”, lautet der letzte Satz, den wir im “Blob” von 1958 hörten. Im Zeitalter der globalen Klimaerwärmung klingt diese Äußerung unheilvoll, und in der Tat rührt sich der Blob schon wieder, um 2011 und dieses Mal unter der Regie von Rob Zombie grimmiger denn je über diese Welt zu kommen …

DVD-Features

2005 erschien eine deutsche DVD-Ausgabe von “Der Blob”, der dieser alte, immerhin in Farbe und Breitwandformat entstandene Film adäquat aufgespielt wurde. Wie es einem Klassiker – auch einem fragwürdigen – gebührt, ergänzten ihn diverse interessante Features. So findet man auf dieser Scheibe (englischsprachige) Audiokommentare von Jack H. Harris (Produzent), Bruce Eder (Filmhistoriker), Irvin S. Yeaworth Jr. (Regie) und Robert Fields (Nebendarsteller des ‘Teenagers’ Tony Gressette).

Darüber hinaus kann man sich des originalen Kinotrailers erfreuen, der “Blob” als Quelle für durch Furcht bedingte Herz- und Hirnschläge hinstellte und dadurch erst recht lockte, die alte deutsche Titelsequenz sehen – auch Vorspänne wurden einst übersetzt – und sich über Steve McQueens Leben und Filmkarriere informieren. Ein hübsches Booklet mit Bildern, Zeichnungen und Plakatmotiven rundet die Extras ab.

(Die den Kapitelüberschriften vorangestellten Zitate stammen aus dem weiter oben erwähnten Titelsong “Beware of the Blob”; Text: Burt Bacharach & Hal David.)

P. S.: Wenn unser Ungeheuer “Blob” heißt, wie kann es dann ein “Schrecken ohne Namen” sein?

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Drama, Familie, Horror, Mystery, Science Fiction | Keine Kommentare »

Filmbuch: “M – Eine Stadt sucht einen Mörder” von Jon J. Muth & Fritz Lang nach dem Drehbuch des gleichnamigen Filmklassikers

Erstellt von Detlef Hedderich am 9. Januar 2010

m-eine-stadt-sucht-einen-morderJon J. Muth & Fritz Lang
M – Eine Stadt sucht einen Mörder

M, USA, 2008
Nach dem Drehbuch des Filmklassikers „M – Eine Stadt sucht einen Mörder
von Fritz Lang und Thea von Harbou (1931)
Cross Cult, Ludwigsburg, 6/2009
HC, Graphic Novel im Comicformat, Krimi, Drama
ISBN 9783941248205

Aus dem Amerikanischen von Jochen Ecke
Titelillustration und Zeichnungen von John J. Muth

www.cross-cult.de
www.jonjmuth.com/

Fritz Lang war in mehr als nur einer Hinsicht ein visionärer Pionier und Filmemacher. Nach dem utopischen SF-Klassiker „Metropolis“ entstand nur ein paar Jahre später und als einer der ersten deutschen Tonfilme „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, in dem er den Mythos vom schwarzen Mann real machte. Nicht länger waren brutale Serienkiller nur der Realität und der Sensationspresse vorbehalten, sie bekamen auch im Kino durch den jungen Peter Lorre erstmals Gesicht und Stimme. Und der 1931 veröffentlichte Film überschritt ein weiteres Tabu: Erstmals waren Kinder die Opfer von Besessenheit und Gier. Eine bedrückende graue Stimmung liegt über einer europäischen Großstadt, irgendwann gegen Ende der 1920er Jahre. Allein die Kinder versuchen, sich durch Spiele aufzumuntern, aber ihre Lieder schrecken die Erwachsenen noch mehr auf. Konnte man seinen Nachwuchs zuvor noch damit erschrecken, dass der ‚Schwarze Mann’ kommen und sie holen würde, so ist das inzwischen bittere Realität geworden.

In der letzten Zeit sind immer wieder Kinder spurlos verschwunden, und es wird sogar gemunkelt, dass man ihre Leichen gefunden habe. Genaueres weiß man aber nicht, da die Polizei nichts nach außen dringen lässt. Dort ist man selbst ratlos, denn mit einem solchen Fall ist man bisher noch nicht konfrontiert worden. Zwar klappert man die üblichen Verdächtigen ab und zieht in den zwielichtigen Vierteln mehr Razzien als sonst durch, aber finden können sie keinen Schuldigen. Da sie sich zu sehr bedrängt fühlen und nur noch möchten, dass wieder Ruhe einkehrt, kommen die Diebe, Bettler und sonstigen Verbrecher zusammen, denn in diesem Fall ist man sich einig. Man will den Außenseiter finden, der diese Morde begeht. Und so entwickelt die Unterwelt einen ausgeklügelten Plan, um den wahren Mörder zu finden. Tatsächlich gelingt es einem Taschendieb, einen unauffälligen jungen Mann bei frischer Tat zu beobachten und zu markieren. Und so beginnt die Hetzjagd auf den von nun an mit einem „M“ gebrandmarkten Unbekannten…

Wer den Film gesehen hat, kann feststellen, wie genau sich Jon J. Muth an das Drehbuch und die Bildsprache des Films gehalten hat. Schon alleine die fotorealistischen Zeichnungen atmen die Atmosphäre, die der Film auf heutige Zuschauer haben dürfte. Leicht vergilbt und unscharf werfen sie einen Blick auf eine unwirkliche und fremde, graue Welt der Angst und Depression, spielen wie die Schwarz-Weiß-Filme mit Licht und Schatten und entwickeln eine ganz eigene Bildsprache. Die Geschehnisse nehmen einen sehr ruhigen und fast schon unspektakulären Verlauf, tatsächlich aber kommt es nicht auf die Action an, sondern eher auf die intensive und eindringliche Atmosphäre, die zeigt, wie sich die Stimmung von Fassungslosigkeit und Angst schließlich in Wut verwandelt und am Ende sogar die Polizei zum Retter des Schuldigen macht.

Wie der Film ist auch die Graphic Novel ein eher schweres Kaliber. Sie arbeitet mit unterschwelligen Hinweisen, stellt Moral und Gerechtigkeit in Frage und überlässt es dem Zuschauer, ob er den Mörder als Bestie oder als Opfer der Umstände sehen möchte. Die Atmosphäre der Depression in den frühen 1930er kommt sehr gut zum Tragen, ebenso wie die Hilflosigkeit der Menschen, die zum ersten Mal mit einem solchen Verbrechen konfrontiert werden. Und auch der moderne Leser kann sich fragen, wie er sich in diesem Falle verhalten würde, denn man kommt sehr schnell dazu, sich mit den Jägern zu solidarisieren.

Ergänzt wird der Band noch durch Essays zum Thema, das später nur ein weiteres Mal in „Es geschah am helllichten Tag“ aufgegriffen wurde, zu dem Film, seiner Entstehungsgeschichte und seiner Wirkung auf die Zuschauer und die Umsetzung in die Graphic Novel. Das macht „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zu einer Geschichte, die gerade in der heutigen Zeit, in der immer offener über Kindesmissbrauch und Mord durch männliche Straftäter berichtet wird, aktueller ist denn je.

Christel Scheja (CS)

Titel bei Amazon.de:
M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Abgelegt unter Buch zum Film, Drama, Thriller | Keine Kommentare »

Filmhörspiel: Donna Woolfolk Cross – “Die Päpstin” Nach dem Drehbuch zum gleichnamigen Kinofilm!

Erstellt von Detlef Hedderich am 8. Januar 2010

Die PäpstinDonna Woolfolk Cross
Die Päpstin

Pope Joan, USA, 1996
Nach dem Drehbuch zum gleichnamigen Kinofilm „Die Päpstin“ von
Heinrich Hadding und Sönke Wortmann, Hörspielbearbeitung von Astrid Göpfrich
Constantin Film, München/Der Hörverlag, München, 10/2009
2 CDs im Juwel-Case, Historical
ISBN 9783867175234
Laufzeit: ca. 163 Min.
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Neuhaus
Mit den originalen Synchronsprechern Johanna Wokalek, Michael Lott, Hartmut Neugebauer
Reinhard Brock, Jördis Triebel, Peter Fricke u. v. a.
Musik von Marcel Barsotti/Universal Publishing Production Music GmbH
Titel- und Szenenfotos von Constantin Film Production GmbH
1 Booklet à 4 Seiten

www.hoerverlag.de
www.die-paepstin.de/

In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts ringen weltliche und kirchliche Fürsten um die Macht, fallen die Normannen vom Norden und die Sarazenen aus dem Süden in Europa ein; Intrigen, Verrat und Mord gehören zum Alltag. Das Leben der einfachen Menschen ist hart und entbehrungsreich. Die Ausübung heidnischer Bräuche, die im Volk noch verwurzelt sind, wird schwer bestraft. Mädchen und Frauen haben praktisch keinerlei Rechte, sie sind Eigentum der Männer und kaum mehr wert als Sklaven. Johanna, ein kluges und wissbegieriges Mädchen, wächst in einem Dorf als die Tochter des Priesters und einer bekehrten Normannin heran. Während der ehrgeizige Vater ihre Brüder unterrichtet, damit sie die Lateinschule besuchen dürfen, lernt Johanna heimlich mit ihnen. Sie ist es dann auch, die nach dem Tod des ältesten Bruders die Aufmerksamkeit eines aufgeschlossenen Lehrers erregt, der sie – und nicht den zweiten Bruder – als Schüler für die Lehranstalt empfiehlt.

Obwohl ein Traum für Johanna wahr wird, muss sie auch die Schattenseiten ihres Erfolgs erfahren: Der Lehrer, die anderen Schüler, sogar ihr Bruder beneiden sie um ihr Können und schikanieren sie. Im Haus von Markgraf Gerold findet sie freundliche Aufnahme, doch von seiner hochmütigen Gemahlin Richild wird sie mit Argwohn beobachtet. Als Johanna zu einer jungen Frau herangereift ist, verlieben sie und Gerold sich ineinander, doch der Graf muss in den Krieg ziehen, und Richild nutzt die Gelegenheit, um den verhassten Schützling ihres Mannes zu verheiraten. Ein großes Unglück verhilft Johanna zur Flucht, und sie schlägt sich von nun an als Mann verkleidet durch. In einem Kloster kann sie ihre Studien fortsetzen, muss aber erneut fliehen, als ihr Geheimnis kurz vor der Aufdeckung steht. Schließlich gelangt Johanna nach Rom, wo sie schon bald zum Vertrauten des Papstes und noch höher aufsteigt …

Die Meinungen sind geteilt: Während sich kirchentreue Historiker weigern, Hinweise auf die Existenz einer Päpstin anzuerkennen, sind sich andere sicher, dass genug Indizien vorhanden sind, die dafür sprechen – und irgendwoher muss der Mythos, der auf einer Aufzeichnung aus dem 13. Jahrhundert beruht, schließlich gekommen sein. Tatsächlich wurden Schriften schon immer gern gefälscht oder vernichtet, und gerade die Texte über ‚das dunklen Mittelalter’ stammen nicht von Zeitgenossen sondern von späteren Verfassern. Es ist durchaus denkbar, dass es eine Frau in entsprechender Position gegeben hat, deren Name dann, wie im vorliegenden Hörspiel, von den Geschichtsschreibern getilgt wurde, so wie zuvor schon die Kirchenfürsten den Kanon der Bibelbücher festlegten und alle Schriften zu Apokryphen erklärten, die im Widerspruch zu den von ihnen befürworteten Lehren standen, die hinterfragten und Zweifel säten. Dazu zählen auch alle Bücher, in denen Frauen eine tragende Rolle, auch als Jünger und Apostel, spielen, denn der Kirche lag nichts daran, eine Gleichstellung der Geschlechter zuzulassen und die Vormachtstellung des Mannes zu gefährden.

So blieben auch Bildung und Besitz über Jahrhunderte hinweg der Frau verwehrt, um sie in Unwissenheit und Abhängigkeit des Mannes zu halten. Die Einrichtung von höheren Töchterschulen und Studienplätzen (die auch nicht jedem Mädchen und jeder jungen Frau offen standen) sowie das Wahlrecht und eine Reform der Rechtsprechung sind in den westlichen Ländern Phänomene der letzten zweihundert Jahre. Selbst heute noch ist die Gleichberechtigung in vielen Bereichen bloß eine schöne Theorie und in anderen Regionen der Erde so etwas wie Ketzerei. Freilich hat es überall und in allen Zeiten mutige und intelligente Frauen gegeben, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten und darüber hinaus mehr erreichten als ihre Zeitgenossinnen, doch sind das Ausnahmen, und viele von ihnen scheiterten letztendlich. Nicht immer war und ist die Sturheit der Männer daran schuld, denn statt einander zu unterstützen, fallen sich Frauen aus purem Neid immer wieder gegenseitig in den Rücken und zerstören sich dadurch selber vieles.

Donna Woolfolk Cross hat die Handlung ihres Romans geschickt aufgebaut und sich alles zunutze gemacht, was ihre Leser interessiert, fasziniert, erschüttert oder aufbringt. Zum einen bettet sie ihre Geschichte in belegte Fakten, so dass ein realistischer, atmosphärisch dichter Hintergrund entsteht. Viele Protagonistenhaben haben wirklich gelebt, angeblich auch Johanna von Ingelheim, und die Übrigen orientieren sich an gängigen Archetypen: der strenge Dorfpriester, die Mutter mit den verbotenen Geschichten über heidnische Götter, der aufgeschlossene bzw. engstirnige Lehrer, der freundliche Markgraf und spätere Liebhaber, die arrogante und eifersüchtige Gemahlin, die dankbare Familie usw.

Johanna, die Heldin, ragt aus der Masse heraus, denn sie ist für ihre Zeit überaus emanzipiert (wie so viele Protagonistinnen historischer und phantastisch-historischer Romane) und lädt die moderne Leserin zur Identifikation ein. Mit Johanna zusammen begegnet man vielen Menschen, den freundlichen und hilfsbereiten, aber auch den unverbesserlichen Ignoranten, die alle ihren Teil dazu beitragen, dass sie sich immer weiter entwickelt. Zum anderen holt sich die Autorin Anleihen von starken Frauen der Geschichte, die gegen ihr Los aufbegehrten. Dabei lässt sie Johanna Ungerechtigkeiten, Demütigungen und viel Schreckliches erleben, so dass man Anteil nimmt an ihrem Leid und sich mit ihr über all die kleinen und größeren Erfolge freut, da sie sich einfach nicht unterkriegen lässt. Eine große Portion Glück ist natürlich auch immer dabei, und dass sie schließlich Päpstin wird – der Titel nimmt den Höhepunkt ohnehin vorweg -, kommt dann in Hinblick auf die einflussreichen Konkurrenten auch recht glücklich. Natürlich kann Johanna diesen Erfolg nicht festhalten, und erwartungsgemäß tief ist ihr Fall.

Die Rahmenhandlung glättet die letzten kleinen Ungereimtheiten und nimmt wieder Bezug auf die Ausgangsfrage, ob es wirklich eine Päpstin gegeben hat oder nicht. Eine plausible Lösung wird angeboten, aber ohne konkrete Beweise wird die Frau auf dem Papststuhl weiterhin ein Mythos bleiben, der noch einige Romane nach sich ziehen mag, die wie auch schon „Sakrileg“ & Co. am Nimbus der katholischen Kirche zu kratzen versuchen. „Die Päpstin“ ist ein massentaugliches Spektakel – egal ob als Buch, Film oder Hörspiel. Die Themen (Kirchengeschichte, das Bild der Frau, verbotenes Wissen) beschäftigen, die dramatische Umsetzung bewegt; romantisch, spannend und tragisch ist es auch. Donna Woolfolk Cross trifft damit haargenau den Nerv des breiten Publikums.

Das Hörspiel folgt der Filmvorgabe und wartet mit den Originalstimmen der dt. Synchronisation und mit der Filmmusik auf. Man muss weder den Film gesehen, noch das Buch gelesen haben, um sich in die Geschichte, die hier vorgetragen wird, hineinversetzen zu können. Das Hörspiel gibt die Handlung gelungen wieder und liefert fast drei Stunden gute Unterhaltung – den Fans von Monumentalfilmen und Historicals allgemein und denen der kirchenkritischen Unterhaltungsliteratur insbesondere. Und wer mag, der darf weiterhin spekulieren, was Wahrheit und Fiktion ist, was die Kirche verschweigt und was sich phantasiereiche Dichter vor Jahrhunderten bloß ausdachten… Das Hörspiel ist kurzweilig und sein Geld wert. Allein das Booklet hätte umfangreicher ausfallen und entsprechende Hintergrundinformationen zum Thema beinhalten dürfen.

Irene Salzmann (IS)

Titel bei Amazon.de:
Die Päpstin

Abgelegt unter Drama, Filmhörspiel, Kino | Keine Kommentare »

El Violin

Erstellt von Redaktion am 14. Dezember 2009

Bei Amazon.deEl Violin
Die Violine (deutsch)
The Violin (englisch)

Mexiko 2006
FSK: ab 12 Jahren
Format: 35mm. s/w
Länge: 98 Minuten
Ton: Dolby Digital
Originalsprache: Spanisch
Untertitel: Deutsch

Produktion: Cámara Carnal Films,(2006); Ángeles Castro; Hugo Rodríguez; Francisco Vargas Quevedo
Co-Produktion: FIDECINE-MÉXICO (Fondo de Inversión y Estímulos al Cine); Centro de Capacitación Cinematográfica, A.C.
Regie und Drehbuch: Francisco Vargas Quevedo
Kamera: Martín Boege, Oscar Hijuelos
Musik: Armando Rosas, Cuauhtémoc Tavira
Schnitt: Ricardo Garfias, Francisco Vargas Quevedo
Darsteller: Ángel Tavira (Don Plutarco), Dagoberto Gama (El Capitán), Gerardo Taracena (Genaro), Fermín Martínez (El Teniente), Mario Garibaldi (Lucio), Silverio Palacios (Jefe Rebelde), Justo Martinez (Hacendado)

„El Violin“ ist die Geschichte einer kleinen Familie, die sich einem Regime widersetzt und dafür bitter zahlen muss. Gleichzeitig ist der Film eine Metapher für die Hoffnung und den ewigen Kampf gegen die Unterdrückung. Da aber zwei Seiten der Medaille beleuchtet werden könnte man auch sagen, es ist eine Metapher für den Kampf gegen die ewig Gestrigen und ein Aufruf den Widerstand bis ins letzte Glied zu vernichten, da seine Ideologie ansonsten überlebt und für weitere Unruhen sorgt. Ob Regisseur Francisco Vargas Quevedo diese Botschaft übermitteln wollte ist fraglich. Ohne Frage hat er aber mit „El Violin“ einen Film gedreht, der neutral und zeitlich unabhängig erzählt wird.

Die Familie Hidalgo hat sich dem Kampf gegen ein brutales Militärregime verschrieben. Diese Brutalität wird schon zu Beginn des Films thematisiert, denn die Militärs foltern ihre Gefangenen und es wird eine Vergewaltigung gezeigt. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt eine Erschießung hinzu und wirft die Frage auf, ob der Film tatsächlich eine Freigabe ab 12 Jahren verdient. Ein FSK „ab 16 Jahren“ wäre angebrachter. Es sind zwar wenige, aber dafür um so eindringlichere Gewaltaufnahmen.

Im Mittelpunkt des Films stehen drei Generationen der Hidalgos. Da wäre der einhändige Großvater und Violinenspieler Plutarco (Ángel Tavira), sein Sohn Genaro (Gerardo Taracena) und Enkel Lucio (Mario Garibaldi). Es gibt noch eine Mutter und eine Schwester, doch werden diese im Film nur am Rande erwähnt und haben keine eigene Rolle.

Während die männlichen Mitglieder der Familie als Musiker auftreten, ziehen sie unauffällig umher und helfen dem Widerstand – sie pflegen Kontakte und kaufen Waffen. Als sie nach einem ihrer Ausflüge zurückkehren beobachten sie, wie das Militär ihr Dorf stürmt und die Rebellen festnimmt. Genaros Frau und Tochter werden verschleppt und El Capitán (Dagoberto Gama) hält das Dorf von nun an besetzt.

Oberstes Ziel ist die Befreiung der Dorfbewohner, doch dem Widerstand mangelt es an Munition. Die wurde im Dorf versteckt, aber scheinbar gibt es keine Möglichkeit an die begehrten Patronen heranzukommen. Da zieht Plutarco mit seiner Violine los, um zu helfen. Natürlich wird der alte Mann erwischt. Doch er hat Glück, denn El Capitán findet Gefallen an der Musik und bittet Plutarco ihn zu unterhalten. Dieser nutzt die Gelegenheit und birgt einen Teil der Munition. Zufälligerweise belauscht er auch vertrauliche Informationen, die er sofort an den Widerstand weitergibt. Doch es stellt sich die Frage, ob El Capitán dem Violinenspieler tatsächlich vertraut oder ob der erfahrene Soldat aus ärmlichen Verhältnissen mit seinem musizierenden Gast nur spielt …

„El Violin“ wurde von Francisco Vargas Quevedo zuerst als Dokumentation gedreht, dann als Kurzfilm zusammengestellt und schlussendlich als vollwertiger Film herausgebracht. Diese drei Stufen der Entwicklung sieht man dem mexikanischen Streifen auch an. Die Aufnahmen sind meist unruhig, was an der Handkamera liegt. Es gibt nur wenig Dialog und oftmals stehen dokumentarische Aufnahmen und Einstellungen im Zentrum, die militärische Aktionen oder einfache Landschaftsbilder zeigen. Zusammengenommen sorgt das für einen stillen, aber um so eindringlicheren Stil. Da viel mit Gesten und Gesichtsspiel gearbeitet wird, erzeugt der Film eine sehr bedrückende und spannende Atmosphäre, die zum Ende hin eine gelungene Krisis findet.

Als weiteres Stilmittel setzt Regisseur Francisco Vargas Quevedo auf eine Darstellung in Schwarzweiß. So kann sich der Blick des Zuschauers auf das Wesentlich konzentrieren, ohne von einem Farbspektakel abgelenkt zu werden. Die Landschaftsfotografien sind zwar noch immer prägender Teil des Films, halten sich aber im Hintergrund. Zusätzlich sorgt diese Wahl der Farben für einige pointierte Aufnahmen, die an Scherenschnitte erinnern und sehr bewegend wirken. „El Violin“ ist ein Film der leisen Töne und der besinnlichen Augenblicke.

Töne sind auch das zentrale Element des Films und Plutarcos Violine ist auch das Instrument, das im Titel enthalten ist. Obwohl der alte Mann seine rechte, seine starke Hand verlor, spielt er trotz seiner Behinderung weiterhin Violine. Er verdient damit seinen Lebensunterhalt. Plutarco erfreut die Menschen die ihm lauschen und er setzt die Musik als Werkzeug ein, um  El Capitán zu beeinflussen. Das Spiel der Violine verbindet hier zwei Männer, die sehr unterschiedlich sind. Doch in der Musik finden sie eine gemeinsame Basis, können Umgang miteinander pflegen. Aber gleichzeitig ist die Kluft zu tief und die Brücke zu fragil, als dass die Musik für eine dauerhafte Bindung sorgen könnte. Der Bruch ist somit nur eine Frage der Zeit, die gemeinsame Basis eine Farce, um schlussendlich die eigenen Ziele zu erreichen. Und somit ist auch die Violine nur ein profanes Werkzeug, das zwar verzaubern kann, aber schlussendlich mit Dreck beworfen wird und der Gewalt weicht.

Die atmosphärischen Bilder und die drastische Handlung muss man Revue passieren lassen, benötigen Zeit zur Reflektion. „El Violin“ ein sehr nachdenklich stimmender Film, in dem sich mehr als eine Botschaft verbirgt. Was davon Quevedos Absicht war und was durch Zufall entstand, sei dahingestellt und dem Regisseur gegönnt. Die vielen Auszeichnungen legen ebenfalls Zeugnis darüber ab, wie der Film national und international aufs Publikum wirkt. Mehr als dreißig Preise konnte „El Violin“ international auf sich vereinen. Unter anderem war der Film 2007 auch Gewinner der “Perspektive”, des Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte. Bedauerlich ist allerdings, dass Frauen nur schwach oder schlussendlich als Opfer vorkommen – die Männer dominieren alleine die Handlung. Schade.

Die deutsche Umsetzung von „El Violin“ ist gelungen. Es wurde auf eine Synchronisation verzichtet. Stattdessen liegt die Originaltonspur mit deutschem Untertitel vor. Wahlweise gibt es auch Spanisch ohne Untertitel. Da der Film mit wenig Dialog auskommt, gibt es auch entsprechend wenig Text. Auffallend ist dabei, dass im Untertitel stets von der Geige gesprochen wird. Das ist auf den ersten Blick richtig, doch der Begriff Violine wäre sicherlich präziser gewesen, denn bereits Wolfgang Amadeus Mozarts Vater Leopold sagte seinerzeit: „(…) Aus diesem erhelt, daß das Wort Geige ein allgemeines Wort ist, welches alle Arten von Geiginstrumenten in sich einschließet; und daß es folglich nur von einem Mißbrauche herrühret, wenn man die Violin platterdings die Geige nennet. (…)“.

Die auf der DVD vorhanden Features sind keine echten Dreingaben, sondern vielmehr ein Trailer und Werbung in eigener Sache. Die Texttafeln zu Francisco Vargas Quevedo sind zwar halbwegs informativ, bieten aber tatsächlich keine Neuheiten und sind in ihrer Darbietung eindeutig veraltet.

Im Ganzen betrachtet ist „El Violin“ ein gelungener und tiefsinniger Film aus Mexiko, der vor allem in seiner künstlerischen Darstellung zu überzeugen weiß. Abseits von Action- und Geldkino eine Oase der Filmkunst und Nachdenklichkeit. Sehr empfehlenswert!

Copyright © 2009 by Günther Lietz

“El Violin” bei Amazon.de

Abgelegt unter Dokumentation, Drama | 1 Kommentar »

Masada

Erstellt von Redaktion am 11. Dezember 2009

masadaMasada

Originaltitel: Masada
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1981
Länge: 360 Minuten
Originalsprache: Englisch
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Boris Sagal
Drehbuch: Joel Oliansky
Produktion: George Eckstein
Musik: Jerry Goldsmith, Morton Stevens
Kamera: Paul Lohmann
Schnitt: Edwin F. England, Peter Kirby

Besetzung: Peter O’Toole, Peter Strauss, Barbara Carrera, Nigel Davenport, Alan Feinstein, Giulia Pagano, Anthony Quayle, Denis Quilley, Paul L. Smith, Anthony Valentine, Timothy West, David Warner, George Peter Innes, David Opatoshu, Richard Pierson, Jack Watson, Joseph Wiseman

Anfang der 80er Jahre machte sich Regisseur Boris Sagal daran, einen bekannten Mythos zu verfilmen. Ihm stand ein Budget von zwanzig Millionen Dollar und die Unterstützung der israelischen Armee zur Verfügung. Heute ist der Mythos um Masada entzaubert und Israel würde keine Soldaten mehr zur Unterstützung der Dreharbeiten entsenden. Dabei sind es gerade die Soldaten, die diese Mini-Serie eröffnen. Es sind junge Rekruten, die auf der Festung Masada ihren Eid ablegen und sich an die damaligen Ereignisse zurückerinnern. Die Nutzung Masadas – als patriotischer Schauplatz für den Fahneneid – ist aber seit Anfang der 90er Jahre ebenfalls nur noch Geschichte.

Die von ABC produzierte Serie wirkt im ersten Augenblick wie ein sorgfältig recherchierter Historienfilm. Doch tatsächlich ist vieleFiktion oder wurde im Nachhinein als falsche Überlieferung enttarnt. Ein historisch korrektes Epos ist „Masada“ auf keinen Fall.

Basierend auf dem Roman „The Antagonists“, von Ernest K. Gann, findet die Geschichte in acht Episoden statt. Sie beginnt damit, dass sich jüdische Rebellen auf dem Felsplateau Masada verschanzen, eine scheinbar uneinnehmbare Festung. Der Anführer der Rebellen, Eleasar ben Ja’ir (Peter Strauss), fühlt sich von Flavius Silva (Peter O’Toole) hintergangen. Dieser versprach dem Juden in Rom ein Wort beim Kaiser Vespasian (Timothy West) einzulegen. Doch Silva kehrt als Legat und Eroberer zurück. Die Politik zwingt Cäsar hart durchzugreifen.

Silvas Aufgabe ist es nun, die Festung Masada zu erobern und die Überlegenheit Roms zu demonstrieren. Da kommt der Römer Rubrius Gallus (Anthony Quayle) auf die Idee, eine Rampe zu errichten und auf ihr mit einem Belagerungsturm zur Festungsmauer hinaufzufahren. Der Plan wird in die Tat umgesetzt, doch Eleasar und seine Leute bekämpfen die Römer mit allen Mitteln. Also setzt Silva jüdische Sklaven ein. Wie erhofft haben die Juden Skrupel ihre Landsleute anzugreifen und sehen beinahe tatenlos dem Bau der Rampe zu. Als die Römer schließlich mit ihrem Turm die Mauer zum Einsturz bringen, entschließen sich die Rebellen zu einer schrecklichen Tat …

Obwohl die Verfilmung des Masada-Mythos voll historischer Fehler steckt, handelt es sich bei „Masada“ um eine sehr schön verfilmte Serie in historischem Gewand. Boris Sagal drehte an historischen Orten, setzte tausende von Statisten für die Dreharbeiten ein, trotzte Sandstürmen und extremer Hitze. Er ließ die Festung nahe des Originals nachbauen, ebenso Rampe und Turm. Auch die Lager der Römer wurden errichtet, um das Lagerleben und die Belagerung so getreu wie möglich zu inszenieren. Alleine diese Materialschlacht und Detailverliebtheit verdient Bewunderung. Material und Details spiegeln sich nun auch in vielen Einstellungen und Kamerafahrten wieder. Es ist imposant wie die Historie plötzlich zum Leben erwacht und sich derart lebendig präsentiert.

Ebenso überzeugend wie Land und Requisite, ist auch die Riege der Darsteller. Allen voran Peter O’Toole in der Rolle des Flavius Silva und Peter Strauss als Eleasar ben Ja’ir. Und hier zeigt sich ein kleines Übel der exzellenten Besetzung. O’Toole und Strauss dominieren die Serie, ziehen den Fokus stets auf sich. Sie sind sozusagen die leuchtende Sonne, um die alle anderen Planeten kreisen. Natürlich, denn im Grunde dreht sich auch alles um den Konflikt zwischen Judäa und Rom, zwischen Silva und Eleasar. Doch dabei nehmen diese beiden Männern allen anderen Darstellern beinahe den Raum zum Atmen. Ihr Spiel ist einfach brillant, ausgefeilt und authentisch. Sie spielen nicht, sie sind!

Diese erstklassige Leistung ist kaum zu übertreffen. Und so versinkt das ebenfalls sehr gute Spiel von Schauspielern wie Timothy West, Anthony Quayle und Barbara Carrera beinahe in Bedeutungslosigkeit. Doch gerade Barbara Carrera ist zu erwähnen, sind die weiblichen Rollen in der Serie doch streng limitiert. Um so wichtiger ihre Rolle als Sheva, die Geliebte von Silva. Ihr emotionales Spiel im Dialog mit Peter O’Toole gehört zu den Glanzlichtern der Serie, ebenso wie O’Tooles Dialoge mit Strauss. Hier werden schauspielerische Bestleistungen gezeigt. Kein Wunder, dass „Masada“ einst etliche Preise und Nominierungen erhielt.

Nach all den Jahren erscheint nun die TV-Fassung von „Masada“ auf DVD im Digi-Pack und beiliegendem Booklet. Das Booklet ist schön gestaltet und bebildert, der Text scheint aber einfach – ohne Quellenangabe – bei Wikipedia herauskopiert worden zu sein.

Die DVDs sehen schön aus. Auf beiden Datenträgern sind jeweils vier Episoden enthalten. Bonusmaterial ist leider keines vorhanden. Die TV-Fassung kommt übrigens in der Originalsynchronisation daher. 1981 gab es nämlich eine auf knapp über einhundertzwanzig Minuten zusammengeschnittene Kinofassung von „Masada“, mit anderen Synchronsprechern. In der Box findet sich aber die deutsche TV-Synchronisation.

Technisch ist „Masada“ leider unterdurchschnittlich zu nennen. Das Bild liegt im TV-Format 4:3 vor, weist Rauschen und manchmal auch schwammige Szenen auf. Der im Filmt enthaltene billige Trick mit der brennenden Festungsmauer kommt hier besonders schäbig zur Geltung, da moderne Geräte jedes Detail entlarven. Ein Remaster von „Masada“ hätte den DVDs gutgetan. Da hat die Produktion leider geschludert.

Das gilt auch für den Ton. Zugegeben, 1981 wurden TV-Serien üblicherweise in Mono abgedreht, doch gibt es heutzutage Möglichkeiten Dolby Digital 1.0 ein wenig zu verbessern. So bekommt der Zuschauer tatsächlich das Original zu Gesicht, mit all den sichtbaren und hörbaren Spuren vergangener Jahre. Das ist bedauerlich.

Der Ton liegt in zwei Spuren vor. Einmal die etwas bessere deutsche Tonspur und die geräuschintensivere englische Tonspur. Da die Synchronisation sehr gelungen ist, bleibt es schlussendlich Geschmackssache, was  zu bevorzugen ist. Leider gibt es keinen Untertitel.

„Masada“ ist eine spannende Serie, die eindrucksvoll das Leben der Legionäre und Juden der damaligen Zeit zeigt darstellt. Natürlich stellenweise mit Abstrichen, aber dennoch eindrucksvoll. Leider bietet die DVD nur wenig der Möglichkeiten, die dieses Medium eigentlich besitzt. So kommen Bild und Ton schlecht daher. Trotzdem ist die Box eine Empfehlung, vor allem durch das großartige Schauspiel von O’Toole und Strauss.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

“Masada” bei Libri.de

Abgelegt unter Abenteuer, Action, Drama, Historie | Keine Kommentare »

Autumn of the Living Dead

Erstellt von Michael Drewniok am 26. November 2009

autumnAutumn of the Living Dead

Originaltitel: Autumn (Kanada 2009)
Regie: Steven Rumbelow
Drehbuch: David Moody u. Steven Rumbelow
Kamera: Stephen Crone
Schnitt: Steven Rumbelow u.  Anthony Valenti
Musik: Craig McConnell
Darsteller: Dexter Fletcher (Michael), Dickon Tolson (Carl), Lana Kamenov (Emma), Anton Brejak (Kyle), David Carradine (Philip), Tricia McMurtry (Kate), Jody Willis (Jeffries), Marisa Zaza (Jenny), André Bharti (Ralph), Leanne Dixon (Sandra), Jay Ould (Clown), Diane Salema (Philips Mutter) uva.
Label: Savoy Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.10.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4041658500432
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1; anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Es geschieht (wie üblich) von einer Sekunde auf die andere: Vermutlich ein Virus fällt über die gesamte Menschheit her. Männer, Frauen und Kinder gehen blutspuckend zu Boden und hauchen ihr Leben aus. Geschockte Überlebende irren verloren zwischen den Leichen umher.

Lehrer Michael, Medizinstudent Carl und die junge Emma gehören zu denen, die sich verängstigt im Gemeindesaal ihrer nun toten Stadt versammeln, wo sie auf Hilfe warten, die indes nicht kommt. Als Michael dies begreift, ruft er dazu auf, aktiv zu werden und sich auf dem Land eine Unterkunft zu suchen, die nicht durch Millionen verrottender Leichen in Mitleidenschaft gezogen wird.

Zunächst will sich ihm niemand anschließen. Das ändert sich, als sich in der Nacht die Toten plötzlich zu rühren beginnen und wenig später durch die Straßen taumeln. Sie haben keinen Puls, können nicht sprechen oder zeigen überhaupt Anzeichen von Intelligenz. Noch während sie auf den Beinen stehen, beginnen sie zu verwesen.

Michael, Carl und Emma verlassen die Stadt. In einer abgeschiedenen Waldregion finden sie ihr neues Heim auf einer alten Farm. Sie richten sich ein, aber nachdem die unmittelbare Gefahr vorüber ist, brechen interne Konflikte aus. Carl ist nach dem Verlust seiner Familie depressiv, Emma leidet unter panischer Zukunftsangst, Michael ist ein Choleriker, der auf seiner Anführer-Rolle besteht.

Als die Vorräte ausgehen, muss das Trio zurück in die Stadt. Dort legen die wandelnden Leichen plötzlich eine ungute Munterkeit an den Tag. Sie sind sehr schnell geworden und nehmen die Lebenden nun durchaus zur Kenntnis, denn sie sind hungrig und gieren nach Fleisch. Obwohl Michael, Carl und Emma ihre Farm wie eine Festung ausbauen, tauchen auch hier bald Zombies in wachsender Zahl auf …

Wie apokalypsentauglich ist der Mensch?

An Anfang war die Idee – keine originelle zunächst, aber eine bewährte, die leicht variiert eigentlich immer zieht: Plötzlich bricht die Zivilisation zusammen. Durch nunmehr leere und nutzlose Städte ziehen wenige Überlebende, die sich einerseits den Problemen ihrer materiellen Fortexistenz stellen und andererseits mit der Katastrophe psychisch fertigwerden müssen.

Weil das in der Regel nicht gerade spannend anzusehen ist, werden die meisten “Post-Doomsday”-Geschichten durch eine äußere Bedrohung aufgewertet. Hier sind es die durch eine mysteriöse Seuche umgekommenen Menschen, die als Zombies wieder zu einer Art Leben erwachen. Ihr genreübliches Verhalten – Wanken, Grunzen, Faulen – wird sacht modifiziert; die Untoten sind zunächst hirnleer und erwerben allmählich die Kontrolle über ihre Sinne und ihre Bewegungsfreiheit zurück; ein kluger Einfall, denn die Gefährlichkeit der Zombies steigert sich kontinuierlich. Tauchen sie einige Zeit nicht auf, weiß der Zuschauer wie unsere Überlebenden nicht, wie sie dieses Mal reagieren werden.

Überhaupt lässt die Story von “Autumn” einen gewissen Anspruch erkennen. Hier sollte (und konnte) nicht der übliche Zombie-Reißer entstehen, der wackere Helden ständig in Metzel-Gefechte mit schauerlichen Kannibalen-Leichen verwickelt. Autor David Moody interessiert sich viel stärker für die Befindlichkeit derer, die der Katastrophe scheinbar entkamen.

Vom Buch zum Film

“Autumn”, der Film – den für unentschlossene (oder dämliche) Zuschauer in Deutschland angehängten Zusatz “… of the Living Dead” vergessen wir schnell – geht auf das gleichnamige Buch (dt: “Herbst – Beginn”) zurück, mit dem Drehbuchautor David Moody 2002 seine mehrteilige “Autumn”-Serie begann, die sich bald einer zahlenstarken Leserschaft erfreute.

So etwas verspricht einen Synergie-Effekt, von dem vor allem die Filmwirtschaft gern profitiert. “Autumn”, der Roman, entstand in England und spielt auch dort. Der Film entstand und spielt allerdings in und bei Hamilton in der Provinz Ontario: Auch für das europäische Kino kann es aus Kostengründen interessant sein, nach Kanada zu gehen.

Denn Geld war allzu offensichtlich ein Problem. “Autumn” ist eine Low-Bugdet-Produktion. Für eine Geschichte, die nichts Geringeres als den Untergang der Menschheit thematisiert, ist jedoch ein gewisser Aufwand auch dann wichtig, wenn sich der Blick auf eine kleine Gruppe konzentriert. “Autumn” spielt nicht ausschließlich auf dem Land, sondern auch in städtischer Kulisse. Das “Ende der Welt” beschränkt sich hier auf wenige hundert Meter eines offenbar aufgegebenen Güterbahnhofs, dessen einziger Schienenstrang von Straßen gesäumt wird. In diese ‘Kulisse’ wurden einige vom Schrottplatz geholte Pkw, Busse und Lastwagen gerollt. Weil er immer wieder genutzt wird, lernen wir diesen Schauplatz sehr gut kennen.

Not macht – in Maßen – erfinderisch

Bei den Gruselfreunden kam der Versuch eines philosophischen Zombie-Kammerspiels schlecht an. Dieses Publikum ist entweder nicht willens, auf  Splatter-Orgien zu verzichten, oder das Genre selbst ist ungeeignet für eher feine Tonlagen. Zombies sind so schrecklich (und) interessant, dass darüber die Querelen noch lebender Zeitgenossen zur Nebensache werden. Wären die Menschen einfach tot umgefallen und geblieben, hätten Regisseur Rumbelow und Autor Moody ein gewichtiges Problem vermieden.

Obwohl das Drehbuch nicht so schlecht ist, wie es allgemein gemacht wurde – dazu weiter unten mehr -, wirkt die forcierte Konzentration auf drei lebende Figuren angesichts der globalen Katastrophe vor allem wie eine Notlösung: Wenn Michael, Carl und Emma sich in ihrem neuen Alltag zurechtzufinden versuchen, ist dies filmisch kostengünstig weil ohne Spezialeffekte und Zombie-Make-up umzusetzen.

Trotzdem hat sich das Trick-Team wacker geschlagen. Die Zombie-Masken sind vermutlich ebenfalls Notlösungen, aber sie tragen der Genre-Konvention Rechnung: Diese Untoten verrotten sichtlich. Hier werden nicht nur Statistengesichter grau und schwarz angemalt. Masken und künstliche (= angenagte) Körperteile kommen zum Einsatz. Der Blick in diese Fratzen erzeugt deshalb zuverlässig die fanseits eingeforderte Übelkeit. (Unkenntlich in der Schar seiner Geschöpfe: Autor David Moody in einem sehr speziellen ‘Gastauftritt’.)

Konsequenz kann manchmal nicht schaden

Leider vertrauen Rumbelow und Moody nicht auf ihr Konzept. Sie versuchen stattdessen den Spagat. “Autumn” soll Psycho-Thriller und Horrorfilm sein, und das funktioniert nicht. Ausgefeilte Szenensequenzen beschäftigen sich mit der seelischen Verfassung unserer drei Hauptfiguren. Plötzlich springt die Handlung um und zeigt Zombiesmen, die wir nicht nur aus diversen Romero-Gruslern kennen.

Ohnehin irritiert die stilistische Unausgewogenheit dieses Films. Mit Steven Rumbelow saß ein Veteran des Unterhaltungsgewerbes im Regiestuhl. Zwar hat er wenige Spielfilme inszeniert, doch verzeichnet seine lange Arbeitsliste u. a. 150 Theaterproduktionen. In Kanada ist seine Produktionsfirma “Renegade Motion Pictures” ansässig, was die Dreharbeiten in diesem Land mitbegründete.

Aufgrund seiner Meriten sollte man meinen, dass Rumbelow eine an sich einfache Geschichte effektvoll erzählen könnte. Tatsächlich ist “Autumn” eine recht wirre Mischung aus Gelungenem, Missratenem und Rätselhaften; in die letzte Kategorie fallen u. a. Kamera-Effekte der Kategorie “L’art pour l’art” und artifizielle Rätsel-Szenen, die davon künden, dass Rumbelow auch zahlreiche Musikvideo-Clips gedreht hat.

Alle Professionalität nützt freilich wenig, wenn grundsätzliche filmhandwerkwerkliche Regeln – notgedrungen oder gewollt – missachtet werden. “Autumn” soll vermutlich bereits in den Filmbildern herbstliche Untergangsstimmung vermitteln. Tatsächlich ist das Bild nur kontrastarm, flau und verwaschen. Weder für den Dreh noch für die Nachbearbeitung scheint hochwertiges Equipment verfügbar gewesen zu sein. “Autumn” ist deshalb eine Tortur für die Augen.

Der Mensch lernt nur mühsam dazu

In einem Punkt haben Rumbelow und Moody glückliche Händchen gehabt: Nicht nur für die drei Titelrollen, sondern auch für die meisten Nebenrollen konnten sie Schauspieler gewinnen, deren Leistungen dieser Berufsbezeichnung Ehre machen. Natürlich sind Dexter Fletcher und Dickon Tolson keine ‘Stars’ im (ohnehin überstrapazierten) Sinn dieses Wortes, aber der aufmerksame Zuschauer wird ihre Gesichter aus vielen TV-Serien und Kinofilmen erkennen, wo sie meist in tragenden Nebenrollen mitwirken. Lana Kamenov ist der Neuling an ihrer Seite, aber sie hält mit.

Michael, Carl und Emma verkörpern alles andere als Stereotypen. Sie rappeln sich nicht hollywoodtypisch prompt auf und raufen sich zusammen, um dem Schrecken gemeinsam die Stirn zu bieten. Für eine Lovestory ist ebenfalls kein Raum. Diese drei aus der Bahn geworfenen Menschen sind ganz wie im richtigen Leben geschockt, streitsüchtig und selten einig. Das lässt ihr oft logikfreies Verhalten durchaus verständlich wirken.

Für eine kurze aber wirkungsvolle Szene konnte Rumbelow David Carradine in einer seiner letzten Rollen vor dem ebenso tragischen wie lächerlichen Tod im Juni 2009 anheuern. Gegen sein Klischee besetzt, bietet Carradine eine überzeugende, durchaus ergreifende Darstellung als verstörter Philip, dessen Wahnsinn sich erst nach und nach offenbart.

“Autumn” endet offen. Während der Roman eine Fortsetzung erfuhr, ist das für den Film unwahrscheinlich. Zu vernichtend fielen die Kritiken aus. Grundsätzlich benötigt die Geschichte aber kein Ende. Der Zuschauer hat genug Anhaltspunkte, um sich das weitere Geschehen selbst auszumalen. Als Film ist “Autumn” zwar nicht das formale und inhaltliche Desaster, als das er verpönt wird, wird aber trotzdem höchstens als interessantes, jedoch gescheitertes Experiment in die Filmhistorie eingehen.

DVD-Features

Niemand fühlte sich offensichtlich aufgerufen, die Dreharbeiten in einem “Making of” festzuhalten. Schade eigentlich, denn wie man als Filmemacher aus der Geldnot (fast) eine Tugend macht, wäre sicherlich interessant anzuschauen. David Moody, der stolze Autor der Romanvorlage sowie Drehbuch-Mitautor, hat seine Impressionen vom Filmdreh aber ausführlich auf seiner Website geschildert.

Darüber hinaus gibt es eine Website zum Film.

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter Drama, Horror | Keine Kommentare »

Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß

Erstellt von Redaktion am 14. August 2009

Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß

Darsteller: James Woods, Meryl Streep, Fritz Weaver
Regisseur: Marvin J. Chomsky
Komponist: Morton Gould
Drehbuch: Gerald Green
Produktion: Robert Berger, Herbert Brodkin
Kamera: Brian West
Schnitt: Alan Heim, Craig McKay, Robert M. Reitano, Stephen A. Rotter, Brian Smedley-Aston
Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Bildseitenformat: 4:3
Anzahl Disks: 4
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Polyband & Toppic Video/WVG
Produktionsjahr: 1978
Spieldauer: 415 Minuten
www.polyband.de

1935 heiratet Doktor Josef Weiß’ (Fritz Weaver) ältester Sohn Karl (James Woods) die Arierin Inga Helms (Meryl Streep). Die Familie Weiß ist jüdisch und diese „Mischehe“ den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Das Glück der Brautleute wird schon heftig erschüttert, denn Nazideutschland beginnt verstärkt gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. Josefs Frau Berta (Rosemary Harris) beruhigt die Familie, glaubt an baldige Besserung der Zustände – doch sie irrt.

Die Repressalien gegen die Juden werden täglich schlimmer, Gewalt und Ausschreitungen sind an der Tagesordnung. Karl wird verhaftet und sein Bruder Rudi (Joseph Bottoms) flieht. Josef Weiß verliert seine Praxis und wird nach Warschau deportiert, seine Frau Berta und Tochter Anna (Blanche Baker) ziehen zu den Helms. Dort sind nur geduldet, keinesfalls erwünscht.

Während sich Rudi auf der Flucht in die Jüdin Helena (Tovah Feldshuh) verliebt und sich mit ihr den Partisanen anschließt, wird Anna ein Opfer deutscher Gewalt – einer Gewalt, die sich fortan tödlich durch das Leben der Familie Weiß arbeitet – bis hin zur sogenannten Endlösung im Jahre 1945.

Gleichzeitig wird auch die Geschichte von Erik Dorf (Michael Moriarty) und seiner Familie erzählt. Der arbeitslose Jurist geht zur SS und wird bald zur rechten Hand von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (David Warner). Gemeinsam arbeiten sie an dem „Judenproblem“ und dessen rationaler und kostengünstiger Lösung. Dorf – ehemaliger Patient von Weiß – entwickelt dabei stets neue Methoden und Ideen. Dabei trifft er immer wieder auf Angehörige der Familie Weiß – bis zum bitteren Ende …

1978 produzierten Robert Berger und Herbert Brodkin die TV-Mini-Serie „Holocaust“,  unter der Regie von Marvin J. Chomsky. Somit wurde ein Stück grausiger Weltgeschichte zur Fernsehunterhaltung, die vor allem bei ihrer deutschen Erstausstrahlung für Kontroversen in der Bundesrepublik Deutschland sorgte. Schlussendlich erreichte „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ mehr Zuschauer, als alle bis dahin gesendeten Dokumentationen – und rüttelte Deutschland regelrecht auf, um sich endlich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch der Begriff „Holocaust“ wurde erst durch diese TV-Serie als Begriff für das Schicksal der Juden etabliert.

Dreißig Jahre danach ist die Serie nun bei Polyband & Toppic Video/WVG erschienen. In der Zwischenzeit hat sich viel in der Welt getan, auch den Holocaust betreffend. Somit besitzt die Mini-Serie keinesfalls mehr die Brisanz wie zur Erstausstrahlung, muss sich dementsprechend auch etwas anderen Gesichtspunkten stellen.

Bei der Familie Weiß handelt es sich natürlich um fiktive Personen, die drei Generationen abdecken und im Laufe der Nazi-Zeit an jedem wichtigen Punkt der Geschichte auftauchen. Das ist zwar konstruiert, wirkt dennoch logisch. Dieses Konstrukt wird immer erst dann besonders offensichtlich, sobald Erik Dorf mit einem Mitglied der Familie Weiß zusammentrifft. Das ist dann doch zu viel des Zufalls und wirkt leicht aufgesetzt. Darüber kann man aber hinwegsehen.

Im Mittelpunkt stehen nun die Schicksale zweier Familien, die gleichzeitig auch zwei Seiten versinnbildlichen. Josef Weiß und Familie steht für die Juden, Erik Dorf verkörpert die Deutschen. Dadurch entsteht eine sehr enge Bindung an die Geschichte, sorgt aber auch für einen – gewollten – Tunnelblick. So sind die Deutschen allgemein der Feind und tragen die Verantwortung an allem. Es findet keine Differenzierung statt, kein Hinterfragen der damaligen Zustände. Aber vielleicht ist es genau dieser starke Kontrast, der den Schrecken des Holocaust so deutlich macht. Außerdem zielte die Serie mehr auf den amerikanischen Markt ab und war dort auch für fünfzehn Emmies nominiert, acht Auszeichnungen wurden es dann schlussendlich.

Besonders eindringlich wird die Geschichte durch die Verknüpfung fiktiver Personen mit realen Ereignissen und authentischen Drehorten. Zwar werden einige Abstriche gemacht und Ereignisse zusammengerafft, doch sämtliche Kernelemente sind vorhanden. Durch die Einbindung realer Fotoaufnahmen vertieft Marvin J. Chomsky das Thema und zeigt den tatsächlichen Schrecken, der durch keinen Film in seinem ganze Ausmaß tatsächlich nachempfunden werden kann. Diese Zeitzeugnisse lassen den Zuschauer einfach schaudern.

Die Darsteller tragen ihr übriges dazu bei. Es gibt viele bekannte Gesichter (Rosemary Harris aus „Spider-Man“) und für James Woods und Meryl Streep war es gar das Sprungbrett zur großen Karriere. Aber auch die Nebendarsteller verkörpern perfekt ihre Rollen, sorgen für Anteilnahme und emotionale Betroffenheit. Obwohl „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ auch unterhalten soll, wird ernsthaft mit dem Thema umgegangen. Die Unterhaltung ist dabei nur ein Werkzeug, um den Zuschauer förmlich in Geschichte einzusaugen.

Geschichte und Thema sind nun über jeden Zweifel erhaben, doch wie sieht es mit der technischen Seite aus? Immerhin ist das Medium DVD in der Lage einiges zu bieten. Hier offenbaren sich leider die Schwachpunkte der Box, auf der groß die FSK-Kennung „FSK 12“ prangt und das Motiv verschandelt. Das ist vom Gesetzgeber so gewollt, aber leider gibt es keine nachträgliche Möglichkeit das Motiv wieder aufzuhübschen.

Die DVDs selbst sehen wieder schick aus, aber ihre Ausstattung lässt zu wünschen übrig. Es gibt keinerlei Bonusmaterial und der Ton liegt nur in Dolby Digital Mono 2.0 vor – auf Deutsch und auf Englisch. Die Synchronisation hört sich nach klinischer Studioatmosphäre an (sauber und kaum Hintergrundgeräusche), während die englische Tonspur dagegen rauscht und gelegentlich auch zischt. Da hört man sich lieber die Synchronisation an.

Das Bild ist TV-Standardformat. Leider ist die Zeit weniger gut mit dem Material umgegangen und es wirkt, als hätte jemand seine alten Videokassetten einfach überspielt. Das Bild ist verschmutzt und besitzt ein feines Rauschen. Oft tritt das Rot zu stark nach vorne, hat der Kontrast gelitten und mangelt es dem Bild an Schärfe. Zu allem Übel ist übrigens nur die deutsche Fassung enthalten, die am Ende um mehr als sieben Minuten gekürzt ist. In der vollständigen Fassung wird der Zuschauer nämlich Zeuge der Gründung Israels.

„Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ ist spannende Zeitgeschichte, die zwar ein zeitloses Thema behandelt, aber den technischen Sprung in die Moderne verschlafen hat. Zwar ist die Box noch immer eine Empfehlung wert, doch das liegt einzig an dem darin enthaltenen Vierteiler.

Copyright © 2009 by Günther Lietz

Bei Amazon.de
Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss (4 DVDs)

Abgelegt unter Dokumentation, Drama, Familie, Serie | Keine Kommentare »