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Archiv für die 'Drama' Kategorie

Vinyan

Erstellt von Michael Drewniok am 26. August 2010

Vinyan

Originaltitel: Vinyan (Belgien/Frankreich/GB/Australien 2008)
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Oliver Blackburn, Fabrice Du Welz, David Greig
Kamera: Benoît Debie
Schnitt: Colin Monie
Musik: François-Eudes Chanfrault
Darsteller: Emmanuelle Béart (Jeanne Bellmer), Rufus Sewell (Paul Bellmer), Petch Osathanugrah (Thaksin Gao), Julie Dreyfus (Kim), Amporn Pankratok (Sonchaï), Josse De Pauw (Matthias), Joey Boy (Boomsong), Teerawat Mulwilai (Khun), Saichia Wongwirote (Petch), Borhan du Welz (Joshua) uva.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.10.2009 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4020628971694 (Kauf-DVD) bzw. 4020628958015 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Die Gutmenschen Jeanne und Paul Bellmer engagieren sich in Thailand für die Errichtung von Waisenhäusern. Der große Tsunami von 2005 hat auch sie getroffen; die Flutwelle erfasste den kleinen Sohn Joshua, der seitdem verschollen ist. Während der trauernde Vater sich sechs Monate später allmählich mit der Tatsache abzufinden beginnt, dass Joshua tot ist, kann Jeanne nicht loslassen. In Träumen und Visionen erscheint ihr der Sohn, und Paul denkt laut über einen Besuch beim Psychiater nach, was der ohnehin bröckelnden Beziehung keineswegs guttut.

Als Jeanne eines Tages auf einem Video, das verlassene Kinder in einem Dorf tief im Dschungel von Burma zeigt, Joshua zu erkennen glaubt, bricht ihre mühsam gewahrte Fassade zusammen. Sie will in die Wildnis reisen, um ihren Sohn zu suchen. Doch Burma ist eine Militärdiktatur und eine offizielle Einreise unmöglich. Jeanne und der widerwillig seiner Gattin folgende Paul wenden sich an den berüchtigten Schmuggler und Sklavenhändler Gao, der regelmäßig die Küstendörfer Burmas aufsucht, um Mädchen und junge Frauen zu kaufen. Viel Geld wechselt den Besitzer, bevor sich die Bellmers in Gaos Begleitung auf den Weg machen.

Der misstrauische Paul hält Gao nicht grundlos für einen Betrüger, der seine Auftraggeber nur ausnehmen will. Als sich dies bestätigt, fordert er die Rückkehr, doch Jeanne übergibt Gao heimlich ihr gesamtes Geld: Er soll sie tiefer nach Burma führen. Heftiger Streit bricht aus, als Paul dies entdeckt. Die kleine Expedition steckt ohnehin in Schwierigkeiten: Gao setzt sich ab, und die Bellmers stoßen auf eine Gruppe verwilderter Kinder, die den Erwachsenen zunehmend feindselig begegnen. Ohne sich abschrecken zu lassen, dringt Jeanne mit Paul im Schlepptau immer tiefer in den Urwald vor. Realität mischt sich mit Rätselhaftem und Wahn, bis sich tief im Herzen der Finsternis Joshuas Schicksal und das seiner Eltern erfüllt …

Genre-Geschichte mit Anspruch

Es beginnt als Drama, entwickelt sich zum Abenteuer und mündet in blankem Horror: „Vinyan“ ist offensichtlich das Projekt eines sehr ehrgeizigen Filmemachers. Mehrere Jahre hat der belgische Regisseur Fabrice Du Welz an seiner Geschichte gearbeitet und gefeilt, sich um die komplizierte Finanzierung – Produzenten sind vorsichtig und ziehen es vor, ihr Geld in simple Geschichten zu investieren, die Profit versprechen – gekümmert sowie mit Emmanuelle Béart und Rufus Sewell zwei Schauspieler ins Boot gelockt, die normalerweise höhere Gagen verlangen können und sich dafür weniger anstrengen müssen.

Diesen Enthusiasmus bereuten sie in den langen Wochen der Dreharbeiten oft bitterlich, wie das ausgezeichnete Making-of (s. u.) belegt. Du Welz ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch ein Abenteurer, der wie John Huston oder Werner Herzog zwischenmenschliche Konflikte gern in möglichst unwirtlichen Kulissen entfesselt: Die ungebändigte Natur soll nicht nur diese Auseinandersetzung widerspiegeln, sondern sie auch dort verstärken, wo das Regelwerk der Zivilisation keine Gültigkeit besitzt und die Protagonisten in einem Mikrokosmos gefangen sind, der durch ihren Status als Ausländer – sie beherrschen die thailändische Sprache nicht – komplettiert wird. Blicke und Gesten und selbst ein Lachen wirken bedrohlich, wenn man sie nicht entschlüsseln kann.

Für seine Version einer Reise durch seelische Abgründe wählte Du Welz Thailand. Auch dort gibt es längst moderne Großstädte, und selbst in der scheinbaren Wildnis steht der Handy-Empfang. Doch diese Seite Thailands interessierte Du Welz nicht. Selbst die Szenen, die in Bangkok spielen, stellen die Schattenseiten der Metropole in den Mittelpunkt: dreckige Hinterhöfe, schummerige Bordelle, triefende Gassen.

Die Macht der Natur

Hitze und Feuchtigkeit sorgen dafür, dass Thailand sich zu einer Brutstätte für das Seltsame und Gefährliche entwickelt. Den Dschungel, der im Making-of so grün und sonnig wirkt, wie er realiter meist ist, verwandelt Du Welz in eine graue, schlammige, modrige, monsunregengepeitschte und letztlich paradox lebensfeindliche Umgebung, die er faktisch nicht ist, weshalb das Filmteam kräftig mit Kamerafiltern und künstlichen Nebelschwaden nachhelfen musste.

Was Du Welz dabei im Hinterkopf wälzte, spricht er im Making-of aus: „Vinyan“ spielt in der Welt des Filmklassikers „Apokalypse Now“ (1979). Dieser entstand vor allem nach dem Literatur-Klassiker „Heart of Darkness“ (1899; dt. „Herz der Finsternis“), in dem Joseph Conrad (1857-1924) den ‚zivilisierten‘ Menschen in die Wildnis (ent-) führte und in der Begegnung mit dem nackten, ursprünglichen Grauen Stück für Stück seiner Menschlichkeit entkleidete. Du Welz kombinierte diese allegorische Geschichte mit einem weiteren, thematisch ähnlichen Klassiker: In „Lord of the Flies“, (1954, dt. „Herr der Fliegen“) schilderte William Golding (1911-1993) die Entwicklung – oder Degeneration – einer in der Wildnis isolierten Kindergruppe zu einer eigenen Gesellschaft mit barbarisch anmutendem Verhaltenskodex.

Da „Vinyan“ im südostasiatischen Raum spielt, fühlt sich Du Welz verpflichtet und berechtigt, die naturmythisch geprägten Religionsströmungen dieser Region in seine Geschichte einfließen zu lassen. Der „Vinyan“, der dem Film seinen Titel gibt, ist demnach der Geist eines Menschen, der gewaltsam ums Leben kam und daraufhin bösartig wurde. Wer diese Deutung kennt – und Du Welz lässt sie ausgerechnet den moralfreien Gao erzählen –, weiß im Grunde, wie die Geschichte ausgehen wird.

Im Rausch der Bilder

Eine stringente oder logische Handlung ist nicht Du Welzes Anliegen. Nur die Einleitung ist ‚realistisch‘, bevor das menschliche Unterbewusstsein die Herrschaft übernimmt. Nunmehr gilt es für den Zuschauer zu deuten, denn was er sieht, entspricht nicht unbedingt der Wirklichkeit. Andeutungen werden gemacht, Symbole ausgestreut. Die Handlung wird zusehends kontextreicher. Bilder und Töne fließen zu einem interpretationswüstem Gemenge zusammen.

Freilich bleibt diese Vielschichtigkeit vor allem Behauptung. Wieder einmal fordert der Künstler – Du Welz – vom Zuschauer, sich bedingungslos auf das Geschehen einzulassen und sich vom Bildersturm davontragen zu lassen. Das gelingt ihm mit den Apologeten des ‚guten‘ Films sowie denen, die „Vinyan“ im Halbschlaf (oder Vollsuff) über sich ergehen lassen. Tatsächlich ist der Plot sehr simpel, und wer ihn im Hinterkopf behält, während Du Welz mächtig an der Seelen-Schraube dreht, wird wie gesagt schwerlich von dem überrascht sein, was sich im Dschungel von Burma abspielt.

Der ketzerische Realist kann sogar geltend machen, dass „Vinyan“ ein reichlich verblasenes Garn spinnt. Muss der Zusammenbruch einer Beziehung unbedingt in archaischer Urwelt zelebriert werden? Sind die Bilder und psychedelischen Klänge, die Du Welz dafür findet, so irritierend und suggestiv, wie er sich dies vorstellt? Hat man nicht schon viel zu oft Großstadtmenschen im Bann des Irrationalen durch Schlamm und Dauerregen taumeln sehen? Gleichen eine schon in der DVD-Version erstaunliche Bildqualität sowie eine suggestive Ton- und Musikuntermalung dies aus?

Film als Herausforderung und Abenteuer

Diese und ähnliche Fragen lassen sich durchaus bejahen. Mit fortschreitender Handlung ertappt sich sogar der kunstbeflissene Zuschauer dabei, dass er eher die Leidensfähigkeit der Schauspieler bewundert als dem Geschehen folgt. Sie kämpfen sich durch dampfend heißen Dreck und schwitzen sich die Seelen aus den Leibern. Was sie dabei erleben, ist in der Regel wenig spektakulär. In der Tat sagt es viel aus, dass die wenigen Momente echter Spannung einschlägigen Genre-Effekten geschuldet sind, die Du Welz keineswegs verschmäht. Also wird hin und wieder knochenknackend geprügelt und gesteinigt, und im Finale fliegen Eingeweide durch die Luft. (Da „Vinyan“ ein „Arthouse“-Film ist, wurde er hierzulande dennoch ab 16 Jahren freigegeben.)

Für Emmanuelle Béart und Rufus Sewell wurde die Arbeit am Set zur persönlichen Reise in die Finsternis. Unter der enormen Belastung, die das für den Mitteleuropäer mörderisches Tropenklima, die Abgeschiedenheit der Drehorte, das knappe Budget und die daraus resultierende Zeitnot darstellten, leisteten die beiden Hauptdarsteller schier Übermenschliches: Sie sind jederzeit nicht nur körperlich präsent, rennen, klettern, schwimmen, sondern bieten gleichzeitig Schauspielkunst in hoher Vollendung. Das aufeinander eingespielte Ehepaar in der Krise stellen sie nicht dar, sie verkörpern es in jeder Filmsekunde. Béart überzeugt sogar in der sonst schnell lächerlich wirkenden Rolle des ungebremst rasenden Muttertiers.

Unterstützt werden sie von im europäischen Kulturraum unbekannten Künstlern wie Petch Osathanugrah oder Joey Boy. In Asien sind sie die Prominenten, und sie halten mit Béart und Sewell jederzeit mit. Vor allem Osathanugrah ist als Gao in der einen Sekunde nachdenklich und offenherzig, um in der nächsten als brutaler Krimineller und bedrohlicher Fremder für Schrecken zu sorgen.

DVD-Features

Die Extras beschränken sich auf zwei Trailer zum Hauptfilm und ein vorbildliches, mit 50 Minuten Dauer informationsreiches „Making of“. Statt die vor und hinter der Kamera Beteiligten in einen Stuhl zu setzen und sie im ‚Interview‘ plump verkappte Zusatzwerbung für den Film betreiben zu lassen, gibt es echte und aktuelle Blicke hinter die Kulissen. Fast 40 Tage dauerten die Dreharbeiten. Sie wurden mit eigener Kamera dokumentarisch verfolgt. Das „Making of“ markiert die Höhepunkte dieser Zeit, wobei damit keineswegs nur die angenehmen und positiven Seiten der Produktion vorgestellt werden. „Vinyan“ ist das Ergebnis höchsten physischen und psychischen Einsatzes. Crew und Schauspieler mussten eine Einheit bilden, um dem gewachsen zu sein. Als unbeteiligter Zuschauer kann man nur staunen, wie weit sie dabei zu gehen bereit waren. So sieht man eine zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 45-jährige Emmanuelle Béart, die in brütender Hitze mit beidseitiger Ohrenentzündung einen steilen, glitschigen Dschungelhang über Stock und Stein hinunter rennt – immer und immer wieder, solange es der Regisseur wünscht und bis sie nur noch taumeln kann.

Denn Fabrice Du Welz ist ebenso Visionär wie Filmbesessener. Er schont seine Crew und die Schauspieler ebenso wenig wie sich selbst. Vor seinem geistigen Auge läuft der Film, wie er ihn drehen will. In der Umsetzung macht er keine Kompromisse. Noch im ungezieferverseuchtesten Urwaldloch sucht er hellwach und ungeduldig nach den schönsten Motiven und besten Aufnahmewinkeln. Wolkenbrüche und apokalyptische Gewitter registriert er entweder als dramatische Bereicherung, in die er seine Mitstreiter hinausjagt – die dabei Risiken eingehen, die der Versicherung im fernen Europa nachträglich Entsetzensschreie entlocken dürften – oder als Hindernisse, die den Drehplan durcheinanderbringen. Dazu zählt er auch die müde Bockigkeit seines Sohnes Borhan, der aufzumucken wagt, als er schon spät in der Nacht in der Rolle des Joshua immer wieder durch eine Gasse von Bangkok gehen soll, weil er nach Ansicht des Regisseurs nicht wie ein Phantom, sondern „wie eine Ente“ laufe.

Deutlich wird aber auch Du Welzes Fähigkeit, sein Team mitzureißen. Sein unermüdliches Pochen auf Drehbuch und Storyboard halten sie bei der Stange, wenn sie eigentlich erschöpft nur irgendwie ihren Job hinter sich bringen wollen. Du Welz fordert trotz Minimal-Budget das Optimale – und er bekommt es. Dass das Ergebnis nicht zwangsläufig mitreißt und sich die „Vinyan“-Stimmung nicht auf jeden Zuschauer überträgt, liegt nicht am mangelhaften Einsatz, sondern daran, dass Du Welz einen Film-Weg einschlägt, der so selten doch nicht und manchmal eben origineller beschritten wurde.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)
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Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1

Erstellt von Günther Lietz am 13. August 2010

Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1

Belgien (2005)
Regie: Guy Goossens, Mark Punt
Drehbuch: Guy Goossens, Mark Punt

Disks: 3
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Spieldauer: 450 Minuten

Darsteller: Peter Van den Begin, Axel Daeseleire, Evgeniya Khirivskaya, Tom Van Dyck, Zemyna Asmontaite, Manou Kersting, Luk Wyns

„Matrioshki – Mädchenhändler“ ist eine gefeierte Serie, für ihre Authentizität gerühmt und wird von Amnesty International zu Aufklärungszwecken eingesetzt – stellt sich die Frage: Warum?

Der Nachtclubbesitzer und Mädchenhändler Raymond “Ray” van Mechelen und seine Leute reisen regelmäßig in den Ostblock, um dort junge Frauen für angebliche Tanzshows zu rekrutieren. Tatsächlich werden die jungen und attraktiven Dinger nach Belgien verschleppt, dort zur Prostitution gezwungen und gewinnbringend weiterverkauft.

Doch die letzte Fuhre Mädchen ist ziemlich widerspenstig. Lustlos, ohne Motivation und mit dem Gedanken an Flucht (wer könnte es ihnen verdenken), bereiten sie Ray und seinen Freunden nur Probleme. Zu allem Übel ist ihnen auch die Polizei auf den Fersen. Glücklicherweise ist einer der Beamten korrupt und sorgt für etwas Entspannung. Aber leider gibt es auch interne Streitigkeiten und die Presse ist den Mädchenhändlern auf den Fersen …

Die erste Staffel der Serie umfasst insgesamt zehn Episoden auf drei DVDs. Auf der Hülle prangt auffällig der Aufdruck „FSK ab 18“ und auch die Inhaltsbeschreibung lässt starken Tobak erwarten. Tatsächlich versteckt sich aber hinter der knallharten Fassade eine weichgespülte Serie in dürftiger Lokalisierung.

Das FSK-Siegel scheint ein Werbegag zu sein und suggeriert einen schwer verdaulichen Inhalt. Tatsächlich weist nur die erste DVD ein FSK von 18 auf, die beiden anderen DVDs haben eine FSK von 16. Warum es überhaupt eine 18er-Freigabe gibt, ist fraglich. Tatsächlich ist der Inhalt um einiges harmloser, als jede Episode von „CSI“. Vielleicht liegt die Einstufung auch an moralischen Sittenwächtern, die Probleme mit zu viel nackter Haut haben. Aber selbst da bietet das TV mehr.

Die Geschichte selbst ist sehr brisant und zeigt die Niederungen der menschlichen Gesellschaft auf. Angeblich schonungslos und authentisch, doch auch hier ist es mehr Augenwischerei als Tatsache. Erst einmal bedient sich die Geschichte hemmungslos sämtlicher Klischees, die sich der Zuschauer für das Milieu ausmalen kann. Das wirkt einfach platt und kommt nur an den Rand der Wahrheit, ohne diese wirklich zu erreichen. Das Böse und Abartige lauert jenseits der Klischees, wohnt in scheinbar normalen Menschen inne. Diese Normalität und das Grauen dahinter, das fehlt „Matrioshki – Mädchenhändler“. Jede wichtige (männliche) Figur hat eine extreme Macke, ist überzeichnet.

Auch der Begriff organisiertes Verbrechen und Mädchenhändlerring werden überstrapaziert. Schon bald wird nämlich klar, dass hier ein belgischer Nachtclubbesitzer Frauen anlockt und in seinem Nachtclub tanzen lässt. Werden Anfangs noch Zeugen brutal aus dem Weg geräumt und den Mädchen wahllose Gewalt vorgeführt, verkommt der Stoff langsam zur Seifenoper. Es mangelt den Regisseuren Guy Goossens und Mark Punt einfach an Konsequenz und Kompetenz.

Das gut organisierte Verbrechen entpuppt sich als eine Handvoll überforderter Möchtegerngangster unter der Führung eines angelnden und seines Jobs überdrüssigen alten Mannes. Bei den angeblichen und gut geschmierten Polizisten handelt es sich um genau eine einzige Person. Und die Rolle ist zudem noch mies umgesetzt. Überhaupt wirkt die ganze Polizeiarbeit dilettantisch, scheinbar in dem Versuch den staatlichen Apparat keineswegs in Misskredit zu bringen und trotzdem eine Erklärung zu finden, warum sich die Mädchenhändler so lange Zeit austoben dürfen. Der eine Polizist hat keine Lust zu arbeiten, der nächste spricht kein Englisch und wieder einer glaubt den Beteuerungen des aktenkundigen Gauners. Da haben die Bösewichter aber nochmals Glück gehabt – jedenfalls in der Serie. In der Realität verlässt sich das Verbrechen weniger auf Glück, als auf Bestechung, Erpressung und Mord. Das fällt hier geflissentlich unter den Tisch oder wird nur kurz angerissen.

Kaum in Belgien angekommen, müssen die Girls in einem Nachtclub arbeiten. Und spätestens hier verkommt die Serie zur Lachnummer. Die Verbrecher sind allzu menschlich. Die Frauen behalten ihre Handys, können den Geschlechtsakt verweigern und haben alle Zeit der Welt, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Einzig ein einziges Mal wird die wahre Brutalität solcher Verbrecher offenkundig, als eines der Mädchen zum Hauptgewinn einer Tombola wird. Allerdings vergewaltigt „nur“ der Freier die Kleine, die Gauner halten sich da gemütlich raus. Diese beschweren sich nur darüber, wie lustlos die Frauen sind und keinen Spaß an der Sache haben. Echte Repressalien gibt es selten. Diese werden von Guy Goossens und Mark Punt nur spärlich eingesetzt. Manchmal gibt es Augenblicke, in dem tatsächlich die Brutalität der wahren Mädchenhändler durchblitzt, dann schaltet die Serie aber wieder schnell in den Weichspülgang runter.

Die Qualität der Darsteller ist durchwachsen und zeigt ein starkes Gefälle bei den Geschlechtern – und legt den Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Frauen ausgenutzt werden. Die weiblichen Darsteller (Veerle De Jonghe, Ailika Kremer, Eugenia Hirivskaya, Indre Jaraite, Mila Lipner, Zemyna Asmontaite, Vilma Raubaite, Lubov Tolkalina, Saartje Vandendriessche, Svetlana Vladimirovna, Natalya Reva, Sveta Abolenkina und Zorina Tanasova) zeigen durchweg eine gute bis hervorragende Leistung. Ihre Figuren wirken authentisch, transportieren Emotionen und ziehen die Zuschauer in ihren Bann.

Die Riege der Männer wirkt dagegen amateurhaft. Sie legt besonders großen Wert auf betont lässige Auftritte und Macken, sind überzeichnet und dennoch langweilig. Die männlichen Rollen wirken zu keinem Zeitpunkt durchdacht oder real, sie verkommen zu klischeehaften Abziehbildern, die im Schatten der starken Frauen bleiben. Und der Lohn der ganzen Sache?

Während die Schauspielerinnen aus sich herausgehen, ihre Gefühle und ihren Körper bloßstellen, bekommen die Schauspieler die ganze Aufmerksamkeit. Auf dem Cover der DVD-Box und auf den DVDs selbst sind nur die Männer zu sehen – in betont lässigen Posen. Nur wenn die DVDs entnommen werden, gibt es etwas Platz für die weiblichen Darsteller. Das ist für einen Film mit solcher Thematik tatsächlich ziemlich perfide.

Ziemlich misslungen ist übrigens die deutschsprachige Lokalisierung. Die Synchronisation ist ziemlich blass und langweilig. Glücklicherweise wurden viele fremdsprachigen Texte im Original belassen und untertitelt. Dadurch wirkt die Serie etwas realer. Leider liegt nur die deutsche Tonspur vor und auch nur in Dolby Digital 2.0. Das ist etwas schwach. Das gilt auch für das Bild. Die Kameraarbeit ist nach Lehrbuch klassisch schlicht, das Bild der DVD lässt ein wenig an Schärfe und Farbe fehlen.

Trotz allem ist „Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1“ eine unterhaltsame Serie, agiert aber keinesfalls auf dem ihr unterstellten hohen Niveau. Es ist einfache TV-Kost mit einer überzogenen Altersfreigabe, in der die Frauen die ganze Arbeit leisten und die Männer den Beifall bekommen. Wirklich ärgerlich ist, dass hier nur an der Oberfläche des Themas gekratzt wird.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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Southland Tales

Erstellt von Michael Drewniok am 14. Mai 2010

Southland Tales

Originaltitel: Southland Tales (USA 2006)
Regie u. Drehbuch: Richard Kelly
Kamera: Stephen Poster
Schnitt: Sam Bauer
Musik: Moby
Darsteller: Dwayne Johnson (Boxer Santaros), Seann William Scott (Roland Taverner/Ronald Taverner), Sarah Michelle Gellar (Krysta Now), Nora Dunn (Cyndi Pinziki), Holmes Osborne (Senator Bobby Frost), Miranda Richardson (Nana Mae Frost), John Larroquette (Vaughn Smallhouse), Mandy Moore (Madeline Frost Santaros), Wallace Shawn (Baron von Westphalen), Bai Ling (Serpentine), Zelda Rubinstein (Dr. Katarina Kuntzler), Christopher Lambert (Walter Mung), Jon Lovitz (Bart Bookman), Justin Timberlake (Private Pilot Abilene), Lou Taylor Pucci (Martin Kefauver) uva.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 02.10.2008 (DVD)
EAN: 5050582506426 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 139 min.
FSK: 16

Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Nach einem Atombomben-Anschlag nahöstlicher Terroristen auf Texas ist der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. In den USA konnte eine reaktionäre Regierung mit dem Versprechen gnadenloser Vergeltung das Heft fest in die Hand nehmen. Die meisten Bürgerrechte sind aufgehoben; sogar zwischen den US-Bundesstaaten ist kein freier Reiseverkehr mehr möglich. Eine fast lückenlose Überwachungsmaschinerie namens US-IDent sichert der Regierung die Kontrolle, die ihr dennoch von regimekritischen Gruppen streitig gemacht wird. In den Southlands – dem südlichen Kalifornien – sind dies in erster Linie die Neo-Marxisten. Erbittert gejagt von der örtlichen US-IDent-Herrscherin Nana Mae Frost, Gattin des erzkonservativen Senators Bobby Frost, versuchen sie den Restriktionen Einhalt zu gebieten.

Unterdessen greift Baron von Westphalen nach der Weltmacht. Nur der geniale aber verrückte (und deutsche!) Wissenschaftler vermag „Fluid Karma“ zu produzieren, jenen Stoff, der weltweit die fossilen Brennstoffe ersetzen kann. Allerdings gibt es bei der Herstellung eine unerfreuliche Nebenwirkung: Die Rotation der Erde verlangsamt sich, und Risse im Raum-Zeit-Kontinuum tun sich auf, die den Weltuntergang ankündigen.

Der Filmstar Boxer Santaros hat das Gedächtnis verloren und lebt mit dem Porno-Starlett Krysta Now zusammen. Gemeinsam haben sie ein Drehbuch geschrieben, das akkurat die nahe Apokalypse beschreibt. Während Boxer sich zu erinnern versucht, kommen sich die ‚Brüder‘ Roland und Ronald Taverner, die nur gemeinsam das Weltende auslösen werden, stetig näher. Während des feierlichen Stapellaufs des gewaltigen Von-Westphalen-Zeppelins greifen die Einzelteile der Untergangs-Maschine ineinander, aber die Menschen sind viel zu sehr mit eigenen Auseinandersetzung beschäftigt, um dies zu bemerken …

Was werden sollte … und was wurde

Erfolg kann durchaus ein Fluch sein, denn er geht nicht selten einher mit der Entwicklung eines gewissen Größenwahns. Dies ist durchaus menschlich, denn wer einmal ins Schwarze traf, ist gern davon überzeugt, endlich jenen Tiger, der nicht im Tank steckt, sondern die Mysterien des Lebens symbolisiert, am Schwanz gepackt und somit den Durchblick erreicht zu haben. Für Richard Kelly war dieser Moment 2001 gekommen. In diesem Jahr brachte er seinen dritten Film ins Kino. „Donnie Darko“ war kein Blockbuster, fand aber ein begeistertes und interpretationsfreudiges Publikum, das dem Film schließlich jenen Kultstatus verschaffte, der sich zum Leidwesen aller Marketing-Strategen nicht planen lässt.

Auf dem DVD-Markt wurde „Donnie Darko“ zum Renner und Richard Kelly plötzlich zu einem Namen, der nicht nur einen guten Klang in Kritikerkreisen hatte, sondern auch die etablierten Hollywood-Studios aufhorchen ließ. Sie witterten Profit, winkten mit Geld und waren bereit, den exzentrischen Kelly schalten und walten zu lassen, obwohl sie keine Ahnung hatten, womit er die Filmwelt nunmehr zu beglücken gedachte.

Das Erwachen war böse, denn Kelly ist ein Mann, der sich schwere Gedanken über die politische, soziale und ökologische Gegenwarts-Welt macht. Dies sind drei Stoffe, aus denen nicht unbedingt Erfolgsfilme gewoben werden, zumal Kelly es ernst meinte mit seiner Kritik an einer haltlos zum diktatorischen Überwachungsstaat mutierenden US-Regierung sowie einer um sich selbst und ihre Belanglosigkeiten kreisenden, gleichgültig auf dem Vulkan tanzenden Gesellschaft, die einerseits ihre Energiereserven verschleudert, während sie andererseits ihren planetaren Wohnort verwüstet.

Rätselhaft oder einfach nur durcheinander?

Weil Kelly anders als Ex-Vizepräsident Al Gore keine Dokumentation à la „An Inconvenient Truth” (dt. „Eine unbequeme Wahrheit“), sondern einen Spielfilm drehte, musste er darüber nachdenken, welches Grundgerüst er seiner Geschichte geben sollte. Er entschied sich für ein Konzept, das sämtliche Genres einerseits bedient und andererseits ignoriert. „Southland Tales“ ist daher eine Polit-Thriller-Komödie mit Science-Fiction- und Mystery-Elementen, die durch eine Musical-Einlage unterbrochen wird.

Das Ergebnis ist exakt so seltsam, dass es sich ebenso begründbar als Geniestreich wie als Murks einschätzen lässt. Zumindest für den Rezensenten neigt sich die Waage gefährlich dem zweiten Urteil zu. Einfach fällt die Entscheidung aber nicht, weil sich Kelly alle Mühe gibt, seiner Parallelwelt-Mär Bedeutungsschwere förmlich einzuprügeln. Die Bilder sind nicht nur erlesen, sondern bersten vor Anspielungen und Kontext, die der vorsichtige Kritiker nicht als prätentiösen Humbug bezeichnet, weil er sich dadurch womöglich als Kunstbanause und Ignorant bloßstellt. Zudem mögen dem US-Zuschauer die Parallelen zur Regierung Bush oder zum „Krieg gegen den Terror“ schärfer gewürzt wirken als dem dekadenten und notorisch unpatriotischen Europäer.

Allerdings macht sich Kelly mehrfach angreifbar, indem er beispielsweise seine Satire mit SF-Elementen verschneidet, die „Southland Tales“ in eine inoffizielle Fortsetzung von „Donnie Darko“ verwandeln. Schon wieder öffnen sich Portale in Zeit und Raum, die sich auf diese Weise verwirren und gegenseitig zu zerstören drohen. Donnie Darko tritt dieses Mal doppelt als Roland und Ronald Taverner auf, behält aber seinen kruden Messias-Status.

Zu viel gewollt, zu wenig sortiert

Vier Jahre hat Richard Kelly nach eigener Aussage in das Projekt „Southland Tales“ gesteckt. In dieser Zeit hat er sich offensichtlich allzu tief darin vergraben. Sein Drehbuch ist überfrachtet mit Anliegen, die sich selbst aushebeln. Kelly überschätzt sein Publikum. Während sich ihm als Urheber die Chiffren erschließen, ist er betriebsblind geworden. „Southland Tales“ erhebt einen Anspruch, den der Film nicht verdient. Wirklich geniale und nicht nur genialische Autoren und Regisseure bürsten Inhalt und Form eines Films so gegen den Strich, dass er sich seinen Zuschauern weiterhin erschließt. Kelly knüpft Rätsel an Rätsel und erwartet entweder ehrfürchtiges, kritikloses Schweigen oder ein Aha!-Erlebnis, das in etwa erfasst, was er sich angeblich dachte.

Das „Making-of“ dokumentiert, dass schon während der Dreharbeiten die Ratlosigkeit vor und hinter der Kamera grassierte. Die Schauspieler bemühen sich deutlich verwirrt um Interpretationen (Dwayne Johnson, Sarah Michelle Gellar), driften in wilde  Deutungs-Delirien ab (Christopher Lambert) oder offenbaren, keine Ahnung zu haben, was sie da mimen. Vor allem Jon Lovitz gibt zu, sich in Schauspielerroutinen geflüchtet zu haben: Kelly sagte ihm, was er in seiner Szene tun und sagen sollte, und Lovitz hielt sich daran. Als wahrer Profi liefert er trotzdem eine der besseren Szenen ab.

„Southland Tales“ ist ein episodischer Film. Schon der Titel macht deutlich, dass die Handlung in diverse, oft nur lose verbundene Sequenzen zerfällt. Der (deutsche) Zuschauer leidet zusätzlich unter einem Mangel an Vorwissen. Ehrgeizig plante Kelly „Southland Tales“ als multimediales Spektakel. Es gab nicht nur eine entsprechend mit Informationen gespickte Website, sondern auch eine dreiteilige Comic-Serie, die eine Vorgeschichte erzählte. (Dies löst auch das Rätsel, wieso der ebenfalls dreifach gegliederte Film mit dem Kapitel 4 beginnt.)

Sie wollten dabei sein!

Regisseure wie Robert Altman oder Woody Allen drehen keine Blockbuster, sondern Filmkunst. Gern spielen Schauspieler für wenig Geld für sie, denn vor der Kamera dominieren nicht der Produzent und die Techniker für die Spezialeffekte, sondern der Regisseur und seine Darsteller. Außerdem macht sich ein Arthouse-Film gut in der Vita, was den Lohnausfall verschmerzbar macht.

Zwar ist Richard Kelly weder Altman noch Allen, aber nach „Donnie Darko“ sah es so aus, als könne er es werden. Daraus resultiert ein Schauspieler-Ensemble, das im Rahmen eines 15-Mio.-Dollar-Films bemerkenswert ist. 2006 war Dwayne Johnson immer noch „The Rock“, ein ehemaliger Wrestling-Star, der sich seine allmählich vermorschenden Knochen nicht länger im Ring brechen lassen wollte, sondern eine Filmkarriere anstrebte. Weil ihm verständlicherweise vor allem Prügel-Rollen à la „Doom“ oder „Walking Tall“ angeboten wurden, nutzte er die Chance, einen Charakter wie Boxer Santaros darzustellen. Freilich übersteigt dieser seine schauspielerischen Fähigkeiten doch, wenn Johnson wenig glaubwürdig Gefühlsregungen in kritischen Situationen wiederzugeben versucht.

Der verheißungsvolle Name Kelly hat wohl auch die in den letzten Jahren in ihrer Rollenwahl etwas glücklose Sarah Michelle Gellar in eine Rolle gelockt, die jede Darstellerin im Lycra-Fummel und unter einer hässlichen Perücke geben könnte. Ähnlich ratlos registriert der Zuschauer Christopher Lambert in einer winzigen Nebenrolle. Besser trafen es Wallace Shawn, John Larroquette oder Bai Ling, die nach Herzenslust chargieren dürfen. Justin Timberlake fällt lange nicht negativ auf, bis er in schauderhafter Choreografie zur Musik ein Lied vorträgt, das immerhin von den „Killers“ stammt.

„Southland Tales“ als Steinbruch

Letztlich fährt wohl der als Zuschauer am besten, der „Southland Tales“ szenenweise goutiert. Kelly ist ein Mann mit obskuren und oft guten Ideen, und er hat ein Gefühl für stimmungsvolle Bilder. Immer wieder überrascht man sich dabei, gut unterhalten zu werden. Der futuristische Zeppelin über der nächtlichen Skyline von Los Angeles, die von Feuerwerk und brennenden Straßenzügen erleuchtet wird, bietet einen bemerkenswerten Anblick. Das gilt auch für den Atompilz, der sich unweit einer fassungslosen Geburtstagsgesellschaft erhebt, oder für den überdrehten, delirierend bunten Mikrokosmos der „Neo-Marxisten“.

Für Richard Kelly nahmen die „Southland Tales“ übrigens ein böses Ende. Eine frühe Fassung wurde auf dem Filmfestival in Cannes verrissen, eine neu geschnittene und geraffte Version kam nur in wenige Kinos, in denen sie nur einen Bruchteil der Kosten wieder einspielte. Wie für „Donnie Darko“ möchte Kelly irgendwann einmal einen „Director’s Cut“ von „Southland Tales“ herstellen, der den Kritikern beweisen soll, wie sie sich in ihm und seinem Film getäuscht haben.

DVD-Features

Die Extras beschränken sich auf ein „Making-of“, das recht aufwändig als durch die Mühlen der (fiktiven) US-IDent gedrehten und über deren Website abrufbare Dokumentation gestaltet wurde. Ohne diesen Schnickschnack reduziert sich der Beitrag auf Bilder vom Dreh, Erläuterungen zu einigen Drehorten und Spezialeffekten, den üblichen Nullsprech-Interviews sowie vergebliche Erklärungsbemühungen des Regisseurs.

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Fame

Erstellt von Günther Lietz am 11. Mai 2010

Fame

Produktion: USA 2009 (Englisch)
Länge: 107 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6

Regie: Kevin Tancharoen
Drehbuch: Allison Burnett
Produktion: Lakeshore Entertainment / MGM
Blu-ray-/DVD-Veröffentlichungstermin: 14. 05. 2010
Fame © Universum Film GmbH

Darsteller: Naturi Naughton (Denise), Asher Book (Marco), Kay Panabaker (Jenny), Paul Iacono (Neil), Paul McGill (Kevin), Kherington Payne (Alice), Collins Pennie (Malik), Walter Perez (Victor), Anna Maria Perez de Taglé (Joy), Kristy Flores (Rosie), Debbie Allen (Angela Simms), Charles S. Dutton (Mr. James Dowd), Kelsey Grammer (Mr. Martin Cranston), Bebe Neuwirth (Ms. Kraft)

http://www.fame-derfilm.de

Im Jahre 1980 erschien Alan Parkers Musikfilm „Fame – Der Weg zum Ruhm“ in den Kinos, fing ein Lebensgefühl ein, wurde für sechs Oskars nominiert und gewann sogar zwei der begehrten Preise (für die beste Musik und für den besten Song). Dreißig Jahre später macht sich Kevin Tancharoen daran Parker zu beerben und bringt seine Fassung des Films in die Kinos: „Fame“.

Im Film wird die Geschichte von Jugendlichen Talenten erzählt, die am Auswahlverfahren der New York School of Performing Arts teilnehmen und anschließend vier harte Jahre vor sich haben – Jahre, die ihr Leben prägen werden …

Das war nun die gesamte Hintergrundstory, der rote Faden, der sich durch die ganze Geschichte zieht. Ebenso wie in „Fame – Der Weg zum Ruhm“ werden Ausschnitte und Momentaufnahmen aus dem Leben der Charaktere montiert und gezeigt. Dabei bleiben die Figuren jedoch blass und der Zuschauer kann keine Bindung zu ihnen aufbauen. Ihnen fehlt einfach das innere Feuer, dass die Figuren 1980 ausmachte. Aber woran liegt das?

Die Antwort findet sich offensichtlich in Kevin Tancharoens Biographie. Tancharoen führte die Regie in „Fame“ mit Anfang zwanzig, also recht jung. Somit sollte er genau die richtige Wahl für solch einen Film sein, vor allem da er sich bereits als Tänzer und Choreograph einen guten Ruf erwarb. So stand er früh auf der Bühne, machte bereits als Jugendlicher seine ersten Erfahrungen in der Musikbranche und arbeitete mit Stars wie Britney Spears, Christina Aguilera, Jessica Simpson, Madonna und den Pussycat Dolls zusammen. Außerdem wirkte der junge Mann auch bei anderen Musikproduktionen und -filmen mit. Eine beachtliche Leistung, in so einer so kurzen Zeit so viel zu leisten. Und dass genau ist scheinbar das Problem. Kevin Tancharoens hatte einfach keine echte Jugend, er war stets ein Arbeitstier. Und das ist dem Film anzumerken.

Die Geschichte von „Fame“ ist mehr als nur reine Arbeit, ein behütetes Leben als Ausnahmetalent, Musik und Tanz. „Fame“ ist eine Rebellion gegen die Gegenwart, ein Kampf ums Überleben, die Entscheidung auch mal ein Arsch zu sein – „Fame“ ist die Kunst zu Leben; in einem Becken voller Haie zu überleben. Und das ist Tancharoen fremd. Hier fehlt ihm einfach die Erfahrung.

Die Dinge die Kevin Tancharoen beherrscht, die sind im Film erstklassig umgesetzt. Und das sind Tanz und Gesang. Zwar handelt es sich bei den Liedern um eher seichtes Popmaterial, aber in Verbindung mit der erstklassigen Choreographie reißen sie einfach mit. Choreographie, dass ist Tancharoens Genre, da kennt er sich aus und weiß genau was er macht.

Zwei der alten Stücke aus „Fame – Der Weg zum Ruhm“ haben es auch in „Fame“ hineingeschafft: Die Ballade „Out here on my own“ und natürlich auch „Fame“, der wunderbare Titelsong des Films. Beide Stücke wurden neu abgemischt und aufgelegt. Diese Neuauflage ist einfach erstklassig gemacht.

Überhaupt hat sich Kevin Tancharoen stark an der Vorlage orientiert. Dazu zählt der Aufbau in mehreren Akten und wichtige Schlüsselszenen, wie das Vorsprechen, der Tanz in der Mensa, das abschließende Musical und vieles mehr. Es wurden auch die alten Rollenmuster weitgehend beibehalten, aber neu durchmischt, um den Figuren ein anderes Bild zu geben. Leider bleiben die Darsteller blass, misslingt es der Kamera emotional zu fokussieren und – wie ebenfalls bereits angesprochen – kann keine Bindung zu den Figuren aufgebaut werden. Es fehlt einfach die Seele des Films, die „Fame – Der Weg zum Ruhm“ ausmachte und in diesem Remake vollständig fehlt. Tanz und Gesang sind unmöglich alleine in der Lage, solch einen Streifen zu transportieren.

Den Schauspielern kann kein Vorwurf gemacht werden. „Fame“ kommt mit einem großen Ensemble daher und es ist einfach keine Zeit, die Einzelschicksale zu beleuchten. Dabei sind diese Schicksale nur oberflächlich, denn schlussendlich lösen sich alle Situationen irgendwie in Wohlgefallen auf. Es mangelt dem Streifen an Verlust, Trauer und Ungerechtigkeit, einfach an den Dingen, die das Leben ebenfalls ausmacht. Zwar lassen Darsteller wie Naturi Naughton (Denise) und Collins Pennie (Malik) ein wenig Glanz erkennen, aber das ist zu wenig.

Unter dem Strich ist „Fame“ weder Fisch noch Fleisch. Für ein ernsthaftes Drama ist zu wenig Charakterspiel und Selbstfindung vorhanden, für einen ausgereiften Tanzfilm zu wenig Musik und Tanz. Der Spagat zwischen beiden Genres misslingt gänzlich. Wenn, dann dominieren Gesang und Choreografie, wissen auch zu gefallen. Alles andere ist Mittelmaß.

Die Nachteile des Films werden schlussendlich durch die Blur-ray-Fassung von „Fame“ aufgewertet. Das Bild ist einfach erstklassig lässt die Tanzeinlagen wunderbar aussehen. Auch der Ton in DTS-HD 5.1 spielt mit hinein, eine geeignete Anlage vorausgesetzt. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch vor. Da die deutsche Synchronisation gelungen ist, sind beide Tonspuren empfehlenswert.

Das Bonusmaterial umfasst beinahe zwei Stunden und ist sehr umfangreich. Weitgehend handelt es sich um ein aufgeteiltes Making of. Sehr witzig ist vor allem das Interview mit Kevin Tancharoen, der von seinem Film und seiner Person sehr überzeugt ist. In Anbetracht des Films wirkt das schon etwas lächerlich. Vor allem der Hinweis darauf, es würde sich um gänzlich unerfahrene Schauspieler handeln. Wer sich die Arbeiten der jungen Schauspieler anschaut, wird schnell das Gegenteil entdecken. Die Leute haben nämlich weitgehend Bühnen- und Bildschirmerfahrung.

Was beim Bonusmaterial großen Spaß macht, ist erst einmal das Fame-MTV-Musikvideo. Hier kommt der Titelsong besonders gut zum Tragen. Außerdem kann die Musik des Film selektiert abgespielt werden. Also nur die Gesangsstücke, ohne die Handlung. Damit wird der Film auf das Wesentliche reduziert und zeigt genau das, was am besten ist. Das restliche Bonusmaterial ist eher zu vernachlässigen.

Eine gelungene Sache ist dagegen, dass der Film in zwei Fassungen vorliegt. Einmal in der Kinofassung (107 Minuten) und im Extended Cut (122 Minuten). Letztere Fassungen ist zu bevorzugen, da hier die Figuren mehr Raum geboten bekommen und etwas an Charakter gewinnen. Die Blu-ray bietet somit den besseren Film.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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The Disappeared – Das Böse ist unter uns

Erstellt von Michael Drewniok am 7. Mai 2010

The Disappeared – Das Böse ist unter uns

Originaltitel: The Disappeared (GB 2008)
Regie: Johnny Kevorkian
Drehbuch: Johnny Kevorkian u. Neil Murphy
Kamera: Diego Rodriguez
Schnitt: Celia Haining
Musik: Ilan Eshkeri
Darsteller: Harry Treadaway (Matthew Ryan), Greg Wise (Jake Ryan), Ros Leeming (Amy Tyler), Alex Jennings (Adrian Ballan), Lewis Lemperuer Palmer (Tom Ryan), Tom Felton (Simon Pryor), Finlay Robertson (Jason Saks), Nikki Amuka-Bird (Melissa), Georgia Groome (Sophie Pryor), Jefferson Hall (Edward Bryant), Tyler Anthony (Rebecca Cartwright), James Cook (Anthony) uva.
Label: Savoy Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 04.12.2009
EAN: 4041658500692
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital Surround 2.0 (Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Mit seinem Vater Jake lebt Matthew Ryan in einer heruntergekommenen Mietskaserne in Südlondon. Sie haben einander nichts mehr zu sagen, seit Matthew vor zwei Jahren seinen kleinen Bruder Tommy allein auf den Spielplatz gehen ließ, um zu feiern statt auf ihn aufzupassen. Tommy verschwand spurlos, das schlechte Gewissen und die nie ausgesprochenen aber deutlichen Vorwürfe des Vaters haben Matthew krank werden lassen. Lange Zeit hat er in einer psychiatrischen Klinik verbracht.

Jetzt gilt er als geheilt und wird in die Obhut seines Vaters überlassen. Jake hält ihn nicht für gesund. In der Tat konnte Matthew den Verlust des Bruders keineswegs überwinden. Nur zu Pastor Ballan, der ihn schon in der Klinik betreute, hat er Vertrauen. Außerdem lernt Matthew die hübsche Amy kennen, die in der Nachbarwohnung dem Zorn ihres gewalttätigen Alkoholiker-Vaters ausgesetzt ist.

Die beiden Außenseiter freunden sich an. Amy und nicht Simon, sein ältester und bester Freund, ist wenig später die einzige Person, die Matthew Glauben schenkt, als dieser behauptet, die Stimme seines Bruders zu hören. Tommy fleht ihn um Hilfe an, beginnt Gestalt anzunehmen und Matthew zu attackieren. In seiner Not sucht dieser auf Amys Rat hin das Medium Melissa auf. Sie warnt ihn nicht nur vor dem Zorn der Geister, die im Tod jene Erlösung fordern, die ihnen im Leben versagt blieb, sondern auch vor einer dunklen Macht, die sich an Matthews Fersen geheftet habe.

Matthew erkennt nach und nach die Zeichen des Bösen, das sich perfekt getarnt in dem Viertel eingenistet hat und die hier lebenden Kinder dezimiert. Als auch Sophie, Simons jüngere Schwester, entführt wird, findet Matthew endlich die Spur des Täters. Er wagt sich in dessen Versteck, das sich buchstäblich als Hölle auf Erden erweist, dessen Bewohner schon auf ihn gewartet hat …

Geister und Seelen im Ausnahmezustand

Man assoziiert sie gern mit alten Burgruinen, Friedhöfen oder sonstigen nostalgisch verwunschenen Orten, doch warum sollten nicht auch Geister mit der Zeit gehen? Sie sind die Schatten verstorbener Menschen. Sterben sie im 21. Jahrhundert, werden sie sich kaum an einem der eingangs genannten Orte ansiedeln, sondern dort spuken, wo sie einst lebten und zu Tode kamen, ohne im Leben jene Angelegenheiten geregelt zu haben, die sie nun zurückkehren lassen.

Wie Regisseur und Drehbuch-Mitautor Johnny Kevorkian einprägsam demonstriert, gibt es moderne Stätten, die mindestens ebenso unheimlich sind wie die Burgen und Friedhöfe der Vergangenheit. In „The Disappeared“ wird ein Relikt der Thatcher-Ära zum perfekten Rahmen einer gruseligen Geschichte. In den 1980er Jahren sorgte die rigorose Wirtschafts- und Sozialpolitik der „Eisernen Lady“ zur Ausgrenzung unterer Bevölkerungsschichten und zur Entstehung moderner Gettos mit überproportionalen Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten. Drei Jahrzehnte später ist die verwahrloste Mietskaserne, in der die Ryans weniger wohnen als hausen, erst recht ein Sammelbecken für Außenseiter und Verlierer.

In vielen Kritiken ist zu lesen, dass „The Disappeared“ als „Sozialdrama“ beginne. Kevorkian stellt diesen Aspekt jedoch in den Dienst einer Handlung, die eindeutig Geistergeschichte ist. Insofern soll die trostlose Kulisse primär für eine bestimmte Grundstimmung sorgen. Das spiegelt auch die Wohnung der Ryans wider. Selbst in einem Beton- und Plattenbau ließe sich hinter diesseits der Tür zum Hausflur eine heimelige Atmosphäre schaffen. Matthew und Jake vegetieren hingegen in der gewollten Unwirtlichkeit zerborstener Billigmöbel, staubig-zotteliger Teppichböden und abblätternder Uralt-Tapeten, die Kevorkian als materialisierten Ausdruck ihrer verwüsteten Seelen zeigt.

In einer freundlichen Wohngegend würde diese Geschichte nicht funktionieren. Sowohl die Geister als auch das Böse in „The Disappeared“ benötigen die trübe Umgebung mit ihren abgestumpften Bewohnern. Kevorkian dreht virtuos an der Schraube, um diese Trostlosigkeit zu unterstreichen. Dabei bedient er sich filmhandwerklicher Mittel, setzt Filter ein, die das Licht brechen, ihm seine Leuchtkraft und Farbe nehmen, es matt und kränklich wirken lassen. Dazu spielt Kevorkian auf dem Instrument der Übertreibung. Er zeigt das riesige Gebäude, in dem die Ryans wohnen, stets menschenleer. Auch sonst wirken die Orte des Geschehens – das Flußufer, der Hafen, die Kirche, die Klinik – aus der Realität gelöst, einsam, abweisend. Eine klassische Filmmusik unterstreicht diesen Eindruck. Sie wurde nicht als Soundtrack und Zusatzprodukt für das Filmmerchandising konzipiert, sondern ist melancholisch präsent, drängt sich nie in den Vordergrund, übt ihre Wirkung unterschwellig aus.

Ohne festen Boden unter den Füßen

Nachdem Kevorkian seiner Geschichte mit Sorgfalt und Geschick ein Fundament gegeben hat, baut er sie allmählich auf. An diesem Punkt setzt oft Negativkritik ein – dezent übrigens, denn fast alle Kritiker und Zuschauer sind sich einig, dass „The Disappeared“ ein guter Film ist. Die Story könne mit dem Plot nicht immer mithalten; die Geschichte starte stark, hänge aber im zweiten Drittel durch, um dann im Finale zwar mächtig anzuziehen, ohne jedoch bis zum Schlussbild sämtliche Fragen zu klären. Zumindest dieser Rezensent kann dem nicht zustimmen. Kevorkian behält die Fäden sehr wohl in der Hand, ohne sie locker zu lassen. Auch die vermissten Antworten lassen sich finden. Man muss der Handlung nur sehr aufmerksam folgen. „The Disappeared“ gehört zu den Filmen, die man nicht ‚nebenbei‘ anschauen kann. Die wahre Natur des Bösewichts deutet beispielsweise ein während eines Kameraschwenks nur kurz und wie zufällig sichtbares altes Foto in der dunklen Ecke eines Kellers an.

Unsicherheit ist eine ständige und wichtige Konstante. Matthew ist psychisch aus dem Lot. Als ihm Mysteriöses widerfährt, vermag er selbst nicht zu entscheiden, ob real ist, was er erlebt, oder ob er halluziniert. Kevorkian lässt sein Publikum diesbezüglich lange im Ungewissen. Als er sich dann entscheidet, wirkt die plötzliche Eindeutigkeit des Geschehens durchaus enttäuschend: Man vermisst das Schwanken des Handlungsrahmens, der nicht nur Matthew, sondern auch uns, die Zuschauer, fragen und fürchten ließ. Nun trennen sich unsere Wege. Wir werden zu Beobachtern und verfolgen Matthew in einem sehr spannenden aber konventionell gewordenen Finalkampf.

Du musst sie rufen, damit sie kommen

Ein junger Mann, der mit der eigenen Psyche sowie mit zwischenmenschlichen Konflikten zu kämpfen hat, wird von Geistern sowohl be- als auch heimgesucht und zu allem Überfluss mit dem Bösen konfrontiert: Es bedarf guter Schauspieler, um dieses Plot-Dreieck plausibel mit Leben zu füllen. Kevorkian verzichtete auf große Namen, die das knappe Budget ohnehin nicht hergab. Harry Treadaway (Matthew Ryan) gilt in England trotz seiner Jugend bereits als darstellerisches Schwergewicht. In dem proletarischen Tom Felton (Simon Pryor) wird man in „The Disappeared“ schwerlich Draco Malfoy aus den Harry-Potter-Blockbustern wiedererkennen. Ros Leeming fällt in ihrem Filmdebüt nie hinter ihren Darstellerkollegen zurück. Greg Wise ist als Jake Ryan keine Neben- oder gar Klischee-Figur, sondern für die Handlung von mitentscheidender Bedeutung.

Tricktechnisch hat „The Disappeared“ wenig zu bieten. Kevorkian setzt klassische, d. h. altmodische aber bewährte Techniken ein, arbeitet mit Licht und Schatten, realisiert viele Übernatürlichkeiten vor laufender Kamera, weshalb sie erst nachträglich als solche überhaupt erkannt werden. Die seltenen CGI-Effekte fallen dagegen durch ihre Künstlichkeit negativ auf.

Als moderne Geistergeschichte kann „The Disappeared“ über die Gesamtdistanz überzeugen. Dass Johnny Kevorkian nur drei Kurzfilme realisiert hatte, sieht man seinem ersten ‚richtigen‘ Spielfilm nie an. Stattdessen demonstriert er, dass und wie sich Anspruch und Unterhaltung harmonisch miteinander verbinden lassen.

DVD-Features

„The Disappeared“ gehört zu den Filmen, bei denen man es bedauert, dass die DVD ohne Hintergrund-Features auskommen muss. Zahlreiche Hinweise und Andeutungen lassen sich erst beim wiederholten Anschauen erkennen; es wäre interessant zu erfahren, ob die eigene Deutung mit der Kevorkians übereinstimmt. Kontext ist kompliziert und missverständlich, aber andererseits mag es im Sinn des Regisseurs und Drehbuchautoren sein, dass nicht jedes Detail aufgeklärt werden kann.

Im Internet gibt es eine Website zum Film.

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S. Darko – Eine Donnie-Darko-Saga

Erstellt von Michael Drewniok am 15. April 2010

S. Darko
Eine Donnie-Darko-Saga

Originaltitel: S. Darko – A Donnie Darko Tale (USA 2009)
Regie: Chris Fisher
Drehbuch: Nathan Atkins
Kamera: Marvin V. Rush
Schnitt: Kent Beyda
Musik: Ed Harcourt
Darsteller: Daveigh Chase (Samantha), Briana Evigan (Corey), James Lafferty (Iraq Jack), Ed Westwick (Randy), Walter Platz (Frank), John Hawkes (Phil), Bret Roberts (Officer O’Dell), Jackson Rathbone (Jeremy), Elizabeth Berkley (Trudy), Barbara Tarbuck (Agatha), Matthew Davis (Pastor John Wayne), Nathan Stevens (Jeff), Ryan Templeman (Mike), Zulay Henao (Baelyn) u. a.
Label/Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 04.12.2009
EAN: 4041658223010 (DVD) bzw. 4041658293013 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 99 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Sieben Jahre nach dem bizarren Tod ihres Bruders Donnie, der in seinem Schlafzimmer von einer Flugzeugturbine erschlagen wurde, verlässt Samantha Darko das heimatliche Virginia. Sie leidet unter Visionen und schlafwandelt, fühlt sich von den Eltern vernachlässigt und will neu anfangen. Mit ihrer besten Freundin Corey fährt Sam nach Kalifornien, wo sich die beiden jungen Frauen als Tänzerinnen versuchen wollen.

Die Reise ist lang, das Auto alt, und irgendwo in der Wüste des US-Staates Utah gibt es seinen Geist auf. Dorfrebell Randy nimmt Sam und Corey mit in die Kleinstadt Conejo Springs. Die Reparatur des Wagens wird dauern, sodass die Frauen sich ein Motelzimmer nehmen. In den nächsten heißen Juli-Tagen lernen sie die kleine Stadt und ihre Einwohner kennen, zu denen der nur angeblich fromm gewordene Pastor Wayne, die fanatisch bigotte Trudy und der überforderte Officer O’Dell gehören. Der Polizist jagt einen Kidnapper, der zwei Kinder aus Conejo Springs entführt hat; O‘Dell hält den im Irak geisteskrank gewordenen Ex-Soldaten „Iraq Jack“ für den Täter.

In den Nächten wird Sam erneut von Albträumen geplagt. Ein spukhaftes Alter Ego fordert sie auf, das in vier Tagen zu erwartende Ende der Welt zu verhindern. Ihm schließt sich der Geist eines der verschwundenen Kinder an. Am Ortsrand schlägt ein seltsamer Meteorit auf. Die Kirche wird niedergebrannt. Iraq Jack empfängt Signale aus einer anderen Welt und schweißt eine stählerne Hasenmaske zusammen. Sam wird von Corey im Stich gelassen und stirbt bei einem grotesken Unfall. Corey will sühnen und findet einen Weg, die tote Freundin auferstehen zu lassen. Die ‚neue‘ Sam entdeckt, dass die angekündigte Apokalypse durch den allzu engen Kontakt mit einem parallelen Universum verursacht wird. Auf der Suche nach Rettung stirbt sie erneut, und das Schicksal dieser Welt liegt nun in den Händen von Iraq Jack, der keine Ahnung hat, was von ihm erwartet wird …

Am Anfang war …

… „Donnie Darko“, originäres Meisterwerk des Regisseurs und Drehbuchautors Richard Kelly; ein ebenso vielschichtiger wie faszinierend rätselhafter Film, der wie alle ‚echten‘ Kultstreifen seinen Klassikerstatus nicht der Werbung, sondern der tiefen Zuneigung eines in den Bann geschlagenen und interpretationswütiges Publikums verdankt. Solche Erfolge sind selten und meist singulär, was u. a. dadurch belegt wird, dass Richard Kelly als Filmemacher seit 2001 nichts auch nur annähernd Vergleichbares mehr gelang.

So verzweifelt (oder dumm) war er jedoch nicht, dass er den Sirenengesängen Hollywoods erlegen wäre. „Donnie Darko“ war zwar anfänglich kein großer finanzieller Erfolg beschieden. Gutes Geld brachten die erst DVD- und Blu-ray-Verkäufe, zumal Kelly 2005 einen um 20 rätselreiche Minuten verlängerten „Director’s Cut“ realisieren konnte. Gold wert war vor allem der Donnie-Darko-Mythos, den Hollywood auf Dauer nicht brach liegen lassen KONNTE, obwohl die Frage nach dem Inhalt (nicht dem Sinn) einer Fortsetzung sogar hartgesottene Filmprofis ins Schwitzen brachte, wie wir im „Making of“ zu „S. Darko“ erfahren.

Aber Hollywood – hier repräsentiert durch die kleine Firma Silver Nitrate Productions – kennt keine Scham und findet stets eine Lösung. „S. Darko“ ist keine ‚richtige‘ Fortsetzung, sondern eine „Donnie Darko Saga“. Was zunächst merkwürdig klingt, da Donnie definitiv mausetot ist und auch nicht aus der x-ten Dimension zurückkehrt, wird verständlicher, sobald der neue Film angelaufen ist: „S. Darko“ erzählt einfach noch einmal dieselbe Geschichte mit anderen Figuren und an einem anderen Ort. Als verbindendes Element dient Donnies jüngere Schwester Samantha, die im Originalfilm überhaupt nicht in die Zeit- und Dimensionsreisen ihres Bruders involviert war; die Affinität zum Mythischen ist bei den Darkos offenbar genetisch bedingt.

Alles anders und doch wie bisher

4 Mio. Dollar betrug das Budget für „S. Darko“ – ein Taschengeld im Vergleich zu den Summen, für die im 21. Jahrhundert Kinofilme gedreht werden. Allerdings hatte „Donnie Darko“ 2001 nur eine halbe Million mehr gekostet. Zudem war „S. Darko“ von Anfang an als „Direct-to-DVD“-Produktion geplant. So konnte an teuren Stars gespart werden, und auch Kulissen und Spezialeffekte mussten nicht auf der großen Leinwand, sondern nur auf dem ungleich kleineren Bildschirm überzeugen.

Zumindest in diesem Punkt müssen sich die Männer und Frauen von Silver Nitrate Productions keine Vorwürfe machen lassen: „S. Darko“ ist ein Film auf handwerklich hohem Niveau. Chris Fisher und seine Crew holen heraus, was finanziell und technisch möglich war. Da „S. Darko“ für DVD und Blu-ray konzipiert wurde, spiegelt sich diese Qualität auf beiden Medien wider. Die Bilder sind scharf, die Farben satt, die Spezialeffekte sind durchweg überzeugend geraten, der Ton kann Schauer über den Rücken jagen.

Was für die Story leider nur im negativen Sinn zutrifft. Atkins und Fisher haben sich an Richard Kellys generelle Deutung. Der Donnie-Darko-Kosmos lässt sich durchaus erklären; wir erleben einerseits, wie die irdische Realität durch spontan auftretende und kurzlebige „Tangenten-Universen“ bedroht wird, während andererseits Teenager mit dem Alltagsleben und dem Erwachsenwerden ringen. Einst war es Donnie, nun ist es Samantha, die Probleme damit hat. Ihr Schlafwandeln und ihre Visionen können auch als Reaktionen eines überforderten Geistes interpretiert werden. Sam lebt, macht Fehler und muss die Folgen tragen. Das Science-Fiction-Element der Geschichte ermöglicht ihr Neustarts, die wiederum andere Entscheidungen und entsprechende Auswirkungen zeitigen.

Wer zuerst kommt …

Nüchtern betrachtet war schon „Donnie Darko“ kein Geniestreich. Doch Richard Kelly war zuerst da mit seiner Story, die er nach Kräften verrätselte sowie mit Andeutungen und Zitaten auflud, die das Publikum zum Nachdenken anregten. Jeder Zuschauer konnte „Donnie Darko“ in seinem Sinn deuten und Recht dabei behalten, denn Kelly hielt das Geschehen absichtlich vage.

Chris Fisher entwickelt das Konzept nicht weiter, sondern kopiert es – ansehnlich zwar, aber nicht so clever, wie er dachte. Vorgeblicher Tiefsinn, vom Himmel regnende Tesserakte und der Verzicht auf ein vollständiges Happy-End ändern daran nichts. Von der Kritik und empörten Gralshütern des Originals wurde „S. Darko“ ohnehin zerrissen. Falls der Film ein neues Franchise einleiten sollte, ist dieser Plan inzwischen wahrscheinlich abgehakt, denn das Publikum schluckte den Köder nicht. Geht man indes ohne jede (übersteigerte) Erwartung an diesen Film, kann er trotz der elegant aber offensichtlich vom Original übernommenen Struktur unterhalten.

Profis im Ratespiel

Eine routinierte aber vor allem eindringlich aufspielende Darstellerriege trägt ihren großen Teil dazu bei. „S. Darko“ wurde mit TV-Veteranen besetzt, denen es gelang, die auf ihre Art durchaus komplexe Handlung im Rahmen eines Drehplans, der nur 25 Tage umfasste, in den Griff zu bekommen. Ein Großteil der schauspielerischen Verantwortung lastete auf den schmalen Schultern von Daveigh Chase, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 18 Jahre alt aber bereits in 40 Filmen und Fernseh-Folgen aufgetreten war. Schon 2001 hatte sie, noch ein Kind, die Samantha Darko in „Donnie Darko“ gespielt, was für eine gewisse Kontinuität zwischen den Filmen sorgt. In „S. Darko“ steht Chase zwischen noch unsicherem Mädchen und schon erfahrener Frau und wirkt jederzeit glaubhaft in dieser Hauptrolle, was gerade im US-Kino nicht selbstverständlich ist, werden hier doch seit jeher ‚Jugendliche‘ gern mit Mitt- und Endzwanzigern besetzt. (Vorsichtshalber lässt Regisseur Fisher die nymphenhafte Chase möglichst oft in knappen Shorts und im Tank Top schlafwandeln, und auch die hübsche Briana Evigan scheint Textilien zu hassen.)

Unter den Darstellern erkennt der fleißige Film- und Fernseh-Zuschauer manches bekannte Gesicht. Kabinettstückchen liefern Elizabeth Berkeley (deren Karriere sich nach dem Kino-Desaster „Showgirls“ von 1995 nie wirklich erholt hat) als nicht nur scheinheilige, sondern gefährliche Trudy, Matthew Davis als pädophiler Priester und Ed Westwick als aus der Bahn geworfener Kleinstadt-Rebell. James Lafferty soll als “Iraq Jack” tragisch wirken, ist aber nur verrückt, weshalb seine Aktionen und Äußerungen zur Rettung der Welt von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Nicht nur das Schicksal, sondern auch der Drehbuchautor muss manche Delle in Einsteins relatives Universum schlagen, damit Jack seine Funktion erfüllen kann. Der beste Rat an den Zuschauer ist abschließend wahrscheinlich, „Donnie Darko“ zu ignorieren und sich der schönen Bilder der ansonsten mit Knallgas gefüllten Seifenblase „S. Darko“ zu erfreuen.

DVD-Features

15 Minuten lang ist das „Making of“ zum Hauptfilm. Mehr muss auch nicht sein, da hier wieder einmal alle Befragten Phrasen dreschen, sich gegenseitig hochleben lassen und viel dummes Zeug über den angeblichen Kontext dieses Filmes faseln.

Obskur aber unterhaltsam ist die siebenminütige Featurette „Utah too Much“. John Hawkes, der den Motelier Phil mimt, ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Sänger. Anscheinend litt er während der Dreharbeiten an einem Lagerkoller, den er mit einem selbst komponierten, geschriebenen und gesungenen Song zu verarbeiten suchte. Dieser erklingt nicht nur in voller Länge, sondern wird von Bildern vom Drehort und von diversen Drehpausen begleitet, die als zustimmender Kommentar zu diesem Klagesang verstanden werden können.

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Las Bandidas

Erstellt von Günther Lietz am 29. März 2010

Las Bandidas

Originaltitel: Solo quiero caminar
Produktion: Spanien, Mexiko 2008
Premierendatum: Oktober 2008 (Spanien)
Regie und Drehbuch: Agustin Diaz Yanes
Darsteller: Diego Luna, Victoria Abril, Ariadna Gil, Elena Anaya, Dogaberto Gama

Spieldauer: 122 Minuten
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Format: Dolby, DTS, PAL, Widescreen
Sprache: Spanisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Studio: SUNFILM Entertainment

„Drei Engel für Charlie trifft auf Tarantino“ – was für ein Blödsinn!

Laut Cover fiel der Satz wohl auf dem Fantasy Filmfest 2009. Wer das gesagt hat, muss einen anderen Film gesehen haben oder hält alle Filme mit weiblichen Hauptrollen für „Drei Engel für Charlie“ und jeden Film in dem jemand erschossen wird für einen Tarantino. „Las Bandidas“ besitzt nun keine Tugend, die dieses Statement rechtfertigt. Vielleicht wurde das Zitat auch aus dem Kontext gerissen, weil es so schön auf das Cover passt.

Der Streifen „Las Bandidas“ handelt von vier Spanierinnen, die sich ihren Lebensunterhalt mittels Kriminalität sichern. Bei ihrem letzten Bruch werden sie erwischt. Bis auf Aurora (Ariadna Gil) können die anderen fliehen. Während Paloma (Pilar López de Ayala) und Gloria (Victoria Abril) zurückbleiben, um ihrer Freundin zu helfen (Oralsex für eine kürzere Haftzeit), geht Auroras Schwester Ana (Elena Anaya) nach Mexiko und heiratet dort den Gangsterboss Felix (José María Yazpik).

Es kommt zum Krach zwischen den beiden und kurz darauf landet Ana im Krankenhaus. Paloma holt Aurora aus dem Knast (Sex für eine frühe Haftentlassung) und schon bald befindet sich das Trio in Mexiko, bereit es Felix heimzuzahlen – und zwar mit weiblichem Charme und viel krimineller Energie …

So viel zur Handlung, die noch etliche Punkte mehr umfasst. Aber das sind Detailfragen, passen nur dürftig in den Rahmen und bauschen den Film zum Ende hin unnötig auf. „Las Bandidas“ ist ein Streifen mit viel Potenzial, das er reichlich verschenkt. Regisseur Agustin Diaz Yanes hat viel gewollt und nur wenig erreicht. Eine Straffung des Stoffs und mehr Konzentration auf das Wesentliche hätten mehr Spannung erzeugt. So geraten einige der Passagen langweilig und wirken einschläfernd. Dabei können sich die Figuren sehen lassen.

Das gilt für die herben südländischen Schönheiten, wie für die Charaktere selbst. Die Figuren sind gut erdacht und wirken anfangs griffig. Die Charaktere sind verletzlich, obwohl Yanes die Männer in starke Positionen setzt und Frauen als weiche Lustobjekte erscheinen. Dennoch setzen sie sich durch und wissen zurückzuschlagen. Mehr im übertragenen, als im tatsächlichen Sinne.

Cover und Covertext suggerieren dem Zuschauer nämlich einen Actionfilm. Aber das ist schlichtweg falsch. Zwar gibt es kleinere Schießereien, wird geprügelt und auch der ein oder andere Mensch erschossen, aber eine ausgeklügelte Actionchoreographie oder gar Schusssequenzen sucht der Zuschauer vergebens. Die Action ist eher handfest und unspektakulär. „Las Bandidas“ ist ein Drama, alle anderen Behauptungen nur eine Illusion.

Und vom dramatischen Gesichtspunkt aus kann der Film punkten. Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, lassen sich erniedrigen, verfolgen niedere Motive oder versuchen einfach durchs Leben zu kommen. Unter normalen Umständen schon ein Problem, aber für diese vier Frauen aus Spanien eine beinahe unüberwindbare Hürde. Kein Wunder, dass die Eine nach kaltem Sex ohne Bindung giert, die Andere sich dem Alkohol ergibt. Schlussendlich sind sie alle auf einer Straße in den Abgrund – ohne Möglichkeit zu bremsen.

Das dramatische Quartett bekommt zudem Zuwachs durch die Figur des Gabriel (Diego Luna), bester Freund und rechte Hand des Gangsters. Er schafft Klarheiten, ist ebenfalls psychisch gestört und fängt eine Affäre mit Aurora an, anstatt sie aus dem Weg zu räumen. Wenigstens in einer kleinen Ecke der Einsamkeit, scheinen sich zwei gefunden zu haben. Aber schlussendlich hat auch diese Liebe keine Zukunft.

Diese feine Charakterzeichnung ist schlussendlich auch das Dilemma des Films. Anstatt sich auf die Figuren zu konzentrieren, wagt Agustin Diaz Yanes den Versuch, stärker auf die Action einzugehen. Und das ist ein Fehler, denn in „Las Bandidas“ mangelt es ihm am passenden Gespür. Bei bestimmten Szenen kommt unweigerlich die Frage auf, wie dumm jemand sein kann und vor allem, wie dieser Jemand das auch noch überlebt. So ist Gangsterboss Felix eine harte Nuss und legt Leute ohne zu zögern um, lässt sich aber dann einfach Geld stehlen und bricht der Diebin nur die Finger. Danach kann sie munter weiter bei der Bande arbeiten, hat sogar eine Putzstelle im Sicherheitsbereich. Nur ein Beispiel. Das nächste Beispiel wäre, dass sich die Leute am Ende abstechen lassen, anstatt einfach einen Arzt zu suchen. Und die Freunde gucken einfach zu. Das sind schon starke Stücke und lassen den Verdacht aufkommen, der Regisseur hätte sich verzettelt oder keine Lust mehr gehabt. Da Yanes auch das Drehbuch schrieb, kann er niemandem die Schuld in die Schuhe schieben.

Handwerklich gesehen ist der Film ohne Tadel. Die Kulissen sind gut gewählt und kommen mit frischen, unbekannten Motiven daher. Die Kamera ist gut und liefert schöne Bilder und Einstellungen, die auf das Wesentliche im Film eingehen. Die Gesichter der Schauspieler sind oft im Zentrum, dadurch entfaltet sich hervorragend das Augenspiel der Mimen. Erstklassige Arbeit! Auch bei der Musik kommt „Las Bandidas“ solide daher. Der Score ist kein Kracher, kann sich aber hören lassen.

Vom Etikettenschwindel abgesehen und die Längen des Films ignorierend, ist „Las Badidas“ ein feiner Streifen. Um einige Minuten gekürzt und straffer organisiert, wäre er sicherlich ein überzeugendes Drama. So bleibt es leider nur beim Durchschnitt.

Die Las-Bandidas-DVD ist schön aufgemacht, die DVD selbst im Stil des Covers bedruckt. Das liegt als Wendecover vor und so kann der hässliche blaue FSK-16-Aufdruck nach Innen verschwinden. Als Bonusmaterial wurde ein Making-of und ein Interview mit Agustin Diaz Yanes draufgepackt. Eine nette Sache, aber ziemlich gewöhnlich.

Das Bildformat der DVD ist 16:9, die Qualität in Ordnung und zum Thema passend. Manchmal wirken die Szenen etwas zu dunkel und lassen kleine Details verschwinden. Das stört aber kaum. Der Ton liegt in Spanisch und Deutsch Dolby Digital 5.1 vor. Da es keine großartigen Actionsequenzen mit viel Ballerei und heftigen Explosionen gibt, werden die Lautsprecher kaum beansprucht. Der Ton ist sauber und kommt gut herüber. Die deutsche Synchronisation ist ordentlich gemacht und unterhält. Somit fährt auch die DVD-Fassung des Films – wie der Streifen selbst – eine  durchschnittliche Note ein.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

“Las Bandidas” als DVD bei Libri.de
“Las Bandidas” als Blu-ray bei Libri.de

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In meinem Himmel

Erstellt von Günther Lietz am 25. Februar 2010

In meinem HimmelIn meinem Himmel

Originaltitel: The Lovely Bones
Produktionsland: Vereinigte Staaten
Erscheinungsjahr: 2009
Länge: 135 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Peter Jackson
Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson
Roman: Alice Sebold

Produktion: Peter Jackson, Carolynne Cunningham, Fran Walsh
Musik: Brian Eno
Kamera: Andrew Lesnie
Schnitt: Jabez Olssen

Darsteller: Saoirse Ronan (Susie Salmon), Mark Wahlberg (Jack Salmon), Rachel Weisz (Abigail Salmon), Stanley Tucci (George Harvey), Susan Sarandon (Grandma Lynn), Jake Abel (Brian Nelson), Rose McIver (Lindsey Salmon)

Mit „In meinem Himmel“ hat sich der bekannte Regisseur Peter Jackson (“The Frighteners”, “Der Herr der Ringe”, “Heavenly Creatures”) an die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder von Alice Sebold gewagt. Der Name Jackson wiegt dabei schwer und seine letzten Projekte lassen ein weiteres filmisches Schwergewicht erwarten. Vor allem die Herausforderung so schwerer Themen wie Vergewaltigung, Kindesmord und Trauer zu bewältigen werfen die Frage auf, wie Peter Jackson das alles in einem Film unterbringen will.

Anfang der siebziger Jahre lebt Susie Salmon (Saoirse Ronan) in einer kleinen amerikanischen Gemeinde. Alles ist friedlich und die erste große Liebe hat die vierzehnjährige in ihren Bann geschlagen. Doch bevor Susie sich mit ihrem großen Schwarm trifft, stößt sie nach der Schule mit Nachbar George Harvey (Stanley Tucci) zusammen. Der hat schon länger ein Auge auf das Mädchen geworfen und eine Kinderfalle gebaut. Da lockt er Susie hinein und bringt sie bei ihrem Fluchtversuch um.

Susie ist nun in einer Zwischenwelt gefangen. Sie kann ihre Lieben daheim beobachten, aber keinen Einfluss nehmen. In ihrem Himmel lernt sie ein Mädchen namens Holly Golightly (Holly Golightly ist der Name einer Musikerin und auch der Name der Hauptfigur in Truman Capotes Roman “Frühstück bei Tiffany”) kennen, erfährt mehr über diese neue und farbige Welt, erfährt auch mehr über ihren Mörder.

Der kommt in der Realität nämlich ungeschoren davon, während Susies Familie an dem Drama zu zerbrechen droht. Vater Jack (Mark Wahlberg) verdächtigt alle Menschen in seinem Umfeld, Mutter Abigail (Rachel Weisz) nimmt Reißaus in die Weinberge und nur Oma Lynn (Susan Sarandon) hält die Stellung. Und Harvey späht schon sein nächstes Opfer aus: Susies Schwester Lindsey (Rose McIver) …

Peter Jacksons Verfilmung nur an der Romanvorlage zu messen, wäre sicherlich unfair. Immerhin konzentriert sich das Buch auf die Vergewaltigung und den Mord an Susie, beschäftigt sich mit der Trauerbewältigung und der Charakterentwicklung. Alice Sebold spricht die Emotionen ihrer Leser an, schildert eindringlich das Grauen und den Umgang damit. Aber Jackson hat sich selbst den Roman ausgesucht und so muss er sich wenigstens den Vergleich mit den Kernthemen gefallen lassen. Und hier scheitert der Regisseur kläglich.

Das sich ein Film zwangsweise wenig auf die Charakterentwicklung konzentrieren kann ist verständlich. Die Zeit ist sehr bemessen, doch Jacksons Figuren werden kaum behandelt. Einzig Susie erfährt eine Entwicklung, alle anderen Figuren werden einfach abgehandelt. Kommt es zu Szenen, in denen es in die Tiefe gehen könnte, bleiben diese gewollt kurz und Peter Jackson wechselt zu einem opulenten Bild. Mark Wahlberg und Rachel Weisz bekommen gar keine Möglichkeit sich zu profilieren. Einzig Susan Sarandon bekommt Zeit zum Spielen eingeräumt. Diese wird dann genutzt um ein paar Lacher zu ernten und dem Film weiter die Ernsthaftigkeit zu entziehen.

Die tiefgehenden Gefühle und das Drama des Romans einzufangen misslingt dem Film. Jackson blendet die Vergewaltigung Susies vollständig aus, reißt den Mord nur an, verlässt sich auf einige Symbole, um darauf hinzuweisen. Gut für all diejenigen, die diese Symbole erkennen und zu deuten wissen. Doch die Bildpracht von Susies Zwischenwelt gibt sich alle Mühe, sämtliche dezente Symbolik zu übertünchen, zu übermalen. Peter Jackson hat in den CGI-Farbeimer gegriffen und sich ordentlich bedient.

Anstatt eines erschütternden Dramas schreibt er nun parallel eine Kriminalgeschichte und eine Mysterystory. Bevor er sich in der einen Geschichte verfängt, wechselt er dann schnell mal hinüber und lässt auch gerne Parallelmontagen ablaufen. Die sind vor allem zu Schluss nervig und deplatziert, wenn Susies Mörder die zerstückelten Reste seines Opfer verschwinden lassen will und gleichzeitig eine unschuldige Kussszene abgehandelt wird. Das wirkt zu keinem Zeitpunkt dramatisch oder traurig, sondern einfach nur aufgesetzt. Zudem entzieht die jeweils eine Einstellung der anderen Einstellung die Substanz.

Personen und Handlung sind bei Jackson also zu vernachlässigen. Selbst Bösewicht, Kinderschänder und Mörder George Harvey wirkt zwar schaurig, aber keineswegs böse. Das wird wohl an FSK 12 liegen. So kommen zwar viele Leute in den Genuss des Films, aber der Film ist einfach zu weichgezeichnet und am Romanthema vorbei. Jackson verlässt sich lieber auf das was er kann: CGI-Effekte.

So inszeniert er opulent Susies Himmel, erinnert damit beinahe an die Farbenpracht von „Hinter dem Horizont“ (1998), ohne dessen Originalität zu erreichen. Denn durch Thema, Farbenpracht und Effekte kommt schnell der Verdacht auf, Jackson hätte sich an dessen Bildgestaltung fleißig bedient. Die Ähnlichkeiten sind jedenfalls auffallend und beide Filme sind stellenweise kitschig zu nennen. Dabei ging Regisseur Vincent Ward in seinem Streifen wenigstens keine großen Kompromisse ein.

Einziger Lichtblick in Jacksons „In meinem Himmel“ ist Saoirse Ronan (“Abbitte”, “City of Ember”), die trotz ihrer jungen Jahre (Jahrgang 1994) eine schauspielerische Glanzleistung zeigt. Ihr wird natürlich auch der größte Raum geboten und den nutzt sie gut aus. Schade nur, dass sie hier regelrecht verheizt wird. Sie und Stanley Tucci („Undercover Blues – Ein absolut cooles Trio“) wurden dann auch für Filmpreise nominiert, wobei diese Nominierungen bei Tucci ein Rätsel bleiben. Sein Harvey ist und bleibt ein farbloses Etwas, ohne Persönlichkeit, ohne Ausstrahlung.

„In meinem Himmel“ ist an sich unterhaltsam, hinterlässt aber keine Spuren und auch keine nachhaltigen Erinnerungen. Einzig Saoirse Ronan bleibt haften und die abschließende Erkenntnis, dass auch ein großer Regisseur kleine Haufen macht.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Goldmann-Taschenbuch “In meinem Himmel” bei Buch24.de

“In meinem Himmel” bei Booklooker.de

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Downloading Nancy

Erstellt von Michael Drewniok am 11. Februar 2010

downloading-nancyDownloading Nancy

Originaltitel: Downloading Nancy (USA 2008)
Regie: Johan Renck
Drehbuch: Pamela Cumings u. Lee Ross
Kamera: Christopher Doyle
Schnitt: Henrik Hanson u. Johan Söderberg
Musik: Krister Linder
Darsteller: Maria Bello (Nancy Stockwell), Jason Patric (Louis Farwell), Rufus Sewell (Albert Stockwell), Amy Brenneman (Carol), David Brown (Billy Ringel), Michael Nyqvist (Stan) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 16.12.2009 (Leih-DVD) bzw. 15.01.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4013575566693 (Leih-DVD) bzw. 0886974374695 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min.
FSK: 18

Das geschieht:

Nancy Stockwell ist eine schöne Frau, die mit ihrem beruflich erfolgreichen Gatten Albert ein wohlhabendes Leben führt. Hinter dieser Fassade tun sich jedoch Abgründe auf. Albert ist ein gefühlskalter, auf das Golfspiel fixierter Reinlichkeitsfanatiker, der nicht erkennt bzw. nicht erkennen will, wie unglücklich Nancy ist. Nicht einmal das Wissen um ihre zahlreichen Sitzungen mit der Psychologin Carol nimmt Albert zum Anlass, sich mit seiner Ehefrau auszusprechen, die sich mit Rasierklingen schneidet, um überhaupt noch etwas zu fühlen.

Längst hat sich Nancy so tief ins seelische Aus gesteuert, dass sie den spektakulären Ausstieg aus einem ihr unerträglich gewordenen Leben plant. Über das Internet, das ihre einzige Verbindung mit der Außenwelt darstellt, hat sie Louis kennengelernt, der in einschlägigen Chatrooms als „Schmerzensmann“ auftritt. Mit ihm schließt Nancy einen Pakt. Sie liefert sich Louis und seinen sadistischen Neigungen aus, um sich schließlich von ihm umbringen zu lassen.

Eines Tages ist es soweit. Nancy verlässt Albert, der ratlos und von der Situation überfordert zurückbleibt. Sie wird nicht zurückkehren, aber auch für Louis sind nach der Begegnung mit der zutiefst verstörten Frau die Tage als „Schmerzensmann“ vorüber: Die Realität holt ihn ein, sodass er sich Nancy letztem Wunsch nicht verschließen kann und Albert mit einer Botschaft in seinem leeren Haus aufsucht …

Keine Hoffnung, kein Ausweg

Für die Randbereiche der menschlichen Psyche gibt es im Kino seit jeher zwei  Darstellungsweisen. Da haben wir einerseits den Horror, der offen, d. h. blutig und dabei unterhaltsam das Wirken & Würgen geisteskranker Serienkiller, durchgeknallter Wissenschaftler oder anderweitig irrer Metzelbolde in Szene setzt, wobei gleichzeitiger Popcorn-Verzehr, Getränkegenuss und freudiges Gejohle durchaus nicht fehl am Platze wirken.

Auf der anderen Seite stehen Filme wie „Downloading Nancy“, die sich dem Phänomen der (Selbst-) Zerstörung ernsthaft und quasi dokumentarisch widmen. Auch hier wird gelitten und gestorben, aber das zu beobachten ist nicht vergnüglich, sondern weckt das Unbehagen des Zuschauers, der sich wie ein Voyeur vorkommt. Man könnte sagen, dass diese Filme in Form und Inhalt der Realität ein wenig zu nahe kommen.

„Nach einer wahren Begebenheit“ heißt es auch im Nachspann von „Downloading Nancy“. Was in der Regel nur ein Trick ist, um billige Zusatz-Werbung für einen Film zu machen, wirkt hier authentisch, weil in den letzten Jahren tatsächlich Fälle belegt sind, in denen verzweifelte Menschen ihren Mörder per Internet suchten – und fanden.

Wer so konsequent ist wie Regisseur Johan Renck, der sich streng auf das Drama dreier verlorener Menschen konzentriert, ohne Konzessionen an ein Publikum zu machen, das in Mainstream-Dramen mit im Drehbuch eigens vorgesehenen Momenten der Entspannung rechnen kann, darf auf einen Blockbuster nicht hoffen. Tatsächlich ertrugen nicht einmal das sich gern intellektuell gebende Publikum des „Sundance Film Festivals“ die Uraufführung von „Downloading Nancy“; Hauptdarsteller Rufus Sewell beobachtete, wie die Zuschauer scharenweise den Kinosaal verließen.

Jenseits des Punktes der Wiederkehr

In der Tat ist „Downloading Nancy“ kein vergnügliches Erlebnis. Dabei gibt es keinerlei Brutalitäten zu besichtigen. Es sind Darstellerkunst und inszenatorisches Geschick, die den Rasierklingenschnitt in ein Bein oder einen Arm zum blanken, weil wiederum realistischen Horror anschwellen lassen. Auch sonst spiegelt jede Szene nur Verlassenheit, Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit wider. Die Bilder sind ausgewaschen und entbehren jeglicher Farbigkeit. Dazu spielt die Handlung im neuenglischen Winter, der besonders düster, eisig und unwirtlich wirkt.

Gemütlichkeit ist auch innerhalb bewohnter Mauern ein Fremdwort. Das Sprechzimmer der Psychiaterin ist eine schäbig möblierte, enge, fensterlose Kammer. Feiern finden in gesichtslosen Hotelkavernen statt. Das Haus der Stockwells ist kein Heim, sondern ein Gefängnis, dessen männlicher Bewohner jegliche ‚Beschädigung‘ durch Schmutz oder Knautschflecken vermeidet. Scheußlich gemusterte, unbequeme Polstermöbel werden mit glatten, kalten Plastikbezügen ‚geschützt‘. Die Depression nimmt Gestalt an.

Die Menschen fügen sich nahtlos in diese Umgebungen ein. Wenn Albert auflebt, dann nur in seinem zum Golfclub umgebauten Keller, in dem er meist völlig allein ist. Wenn seine ‚Freunde‘ Billy und Stan auftauchen, verödet die Unterhaltung in Allgemeinplätzen, denn zu sagen hat man sich im Grunde nichts.

Des Dreiecks mörderische Seite

Doch wo nicht mehr gesprochen wird, kann die Dunkelheit einziehen. Albert sieht genau, dass Nancy sich quält. Er lässt es geschehen. Damit wird er mitschuldig bzw. hauptverantwortlich für ihren Tod. Das ist die Lektion, die ihm Nancy sehr erfolgreich zu erteilen vermag. Ähnlich wird es vermutlich Carol geschehen. Renck ist abermals kompromisslos: Die Therapiegespräche mit Nancy werden zum pagageienhaften Nachplappern angelernten Fachwissens, das immer hektischer wird, je mehr Carol bewusst wird, dass sie Nancys Verzweiflung nichts entgegenzusetzen hat. Anders als Albert will Carol helfen, doch sie kann es nicht, denn über diesen Punkt ist Nancy hinaus: für eine Psychologin eine unerträgliche Erkenntnis und das Eingeständnis einer Niederlage.

Nachdem sie selbst, ihr Partner und die Medizin versagt haben, sieht Nancy nur im Tod eine Erlösung. Den will sie sich aber nicht selbst geben: Sie möchte schmerzvoll sterben, denn Schmerz ist das einzige Gefühl, das sie noch spürt. Das bringt Louis ins Spiel. Er könnte als Figur der Bösewicht dieses Dramas werden, aber diese simple Charakterisierung gestattet Renck nicht. Louis ist keineswegs der kontrollierte, eiskalte „Schmerzensmann“, zum dem er sich stilisiert. Stück für Stück zerbricht diese Fassade im Zusammensein mit Nancy und offenbart einen Menschen, den das Leben mindestens ebenso verletzt hat wie sein ‚Opfer‘, das Louis‘ Liebesbekundungen brutal zurückweist und auf ‚Vertragserfüllung‘ besteht.

Denn Nancy ist in ihrer erbarmungslosen Selbstzerstörung ein gefährlicher Mensch. Carol erlebt es, als ihre Patientin sie attackiert, aber Louis, der ihr länger ausgesetzt ist, wird von Nancy zerstört. Selbst im Tod manipuliert sie ihn weiter und bringt ihn dazu, sich Albert auszuliefern, um ihm ihre letzte Botschaft auszurichten.

Der Herausforderung gewachsen sein

Johan Renck ist kein in den USA aufgewachsener und dort ins Filmgeschäft gekommener Regisseur. Er wurde in Schweden geboren und lebt noch heute in Stockholm. So kann Renck durchaus als ‚europäischer‘ Filmemacher gelten, was in der Kritikerwelt identisch ist mit dem Drang zur unbequemen und unzensierten, sprich: hollywoodfernen Filmkunst.

Zumindest an den Kinokassen konnte Renck diesem Ruf problemlos entsprechen: „Downloading Nancy“ spielte bei Produktionskosten von 3 Mio. Dollar praktisch keinen Cent ein. Der Stoff erwies sich für ein breites Publikum als zu starker Tobak. Zwar wird mancher von der Kritik heiß geliebter ‚Kunstfilm‘ für den Zuschauer mit Fug und Recht als Aufforderung zur Kinoflucht verstanden. Auf „Downloading Nancy“ trifft dies nicht zu, denn dieser Film ist das Werk eines Regisseurs, der sein Thema im Griff hat.

Das verdankt Renck einem ausgewogenen Drehbuch sowie Schauspielern, die ihre schwierigen Rollen außerordentlich überzeugend mit depressivem Leben erfüllen. Vor allen anderen ist natürlich Maria Bello zu nennen, die nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere keineswegs davor zurückscheut, buchstäblich alles zu geben. Nie augenrollend & Schaum spuckend irrsinnig, sondern entweder erloschen oder blindwütig, oft beides im sekundenschnellen Wechsel, Mitleid erregend aber nie sympathisch, ist Nancy die Verkörperung des Lebensekels. Obwohl Bello selbst ohne Make-up, in schmuckloser Kleidung und gefilmt in fahlem Licht eine schöne Frau bleibt, ist sie selbst nackt kein erotischer Anblick – auch über diese Phase ist Nancy längst hinaus; sie sorgt lieber dafür, dass Louis im Baumarkt eine Hacke kauft, mit der er später ihre Leiche besser zerteilen kann.

Unterhaltung muss nicht unterhaltsam sein

Rufus Sewell gibt einen gleichermaßen abscheulichen wie jämmerlichen Albert. Vom seelischen Bankrott trennen ihn nur seine Obsession für Golf und eine Gefühlsarmut, die ihn problemfrei funktionieren lässt. Sewell gibt der undankbaren Rolle eine düstere Größe in seinem von Nancy über Louis in Gang gesetzten Erkenntnis- und Reifeprozess, den er womöglich nicht überstehen wird.

Auch Jason Patric ist fabelhaft als Sadist und Lustmörder, der sich seinen eigentlichen Bedürfnissen stellen muss. Menschen zu verletzen ist einfacher als sich mit ihnen zu verständigen. Als Louis dies vergisst, ist es um ihn geschehen. Patric meistert eine schwierige Doppelrolle, denn ist er zunächst Nancys Fährmann in den Tod, muss er später zum Neustarter für Alberts tief verschüttetes Gefühlsleben werden. Louis redet nicht, er handelt, und er geht dabei ähnlich rücksichtslos vor wie Nancy.

„Downloading Nancy“ bietet die Möglichkeit, sich einen Film nicht nur ‚anzuschauen‘, sondern sich auf ihn einzulassen. Auch die Gabe, das Leere und Niederschmetternde darzustellen und vorstellbar zu machen, verdient Anerkennung. Wie eigentlich immer sollte nur die Geschichte zählen, und die ist zwar traurig, wird aber wunderbar erzählt.

DVD-Features

„Downloading Nancy“ ist ein Film, für den ein „Making-Of“ als verkappter Werbe-Trailer eher kontraproduktiv wäre. Echte Hintergrundinfos – z. B. über die realen Ereignisse, die das Drehbuch inspirierten – wären hilfreich. Da dafür ein gewisser Aufwand getrieben werden müsste, der für Kassengift-Filme als nicht lohnend erachtet wird, fallen folgerichtig sämtliche Features ersatzlos weg.

[md]

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Hustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1

Erstellt von Günther Lietz am 4. Februar 2010

hustleHustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1

Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2004
Produktionsunternehmen: Kudos Film & Television
Länge: 6 Episoden von jeweils 52 Minuten
Produktion: Tony Jordan
Musik: Simon Rogers
Vertrieb: Polyband
Darsteller: Mickey Bricks (Adrian Lester), Ashley Morgan (Robert Glenister), Danny Blue (Marc Warren), Stacie Monroe (Jaime Murray), Albert Stroller (Robert Vaughn)

„You can’t cheat an honest man!“ („Du kannst keinen ehrlichen Mann betrügen!“) lautet die erste Regel der Trickbetrüger und Abzocker, die in „Hustle“ die Helden der Geschichte sind und dem erstaunten Zuschauer zeigen, wie schnell die Gier der Menschen ausgenutzt werden kann, um das schnelle Geld zu machen. Die Opfer sind keineswegs normale Leute von der Straße, sondern reiche und durchtriebene Gauner und Betrüger. Genau diese Menschen werden zur Beute von Mickey Bricks (Adrian Lester) und seiner Bande. Doch diese Bande muss erst zusammengestellt werden. Und selbst da setzt der charismatische Schwarze zu einem Trick an, um wiederum selbst ausgetrickst zu werden.

Die BBC-Serie wurde von Kudos Film produziert, die sich bereits mit „Im Visier des MI5“ (Originaltitel „Spooks“) einen guten Namen machte. „Hustle“ geht in die gleiche Richtung, orientiert sich aber mehr an Filmen wie „Der Clou“ oder „Ocean’s Eleven“. Trotz dieser großen Vorbilder bleibt die Serie eigenständig und auch bodenständig. Sie spielt vorwiegend in London, wartet mit einem europäischen Flair und modernen Kulissen auf. London verbindet Altertum und Neuzeit, Land und Großstadt, ist eine Stadt der Kontraste, eine Weltmetropole und wie geschaffen für diese Serie. Das gilt auch für die Figuren, die bereits in der ersten Folge zu einer verschworenen Familie heranwachsen.

Im Mittelpunkt steht Mickey Bricks, der charismatische Gauner und Leiter der Truppe. Er wurde von Albert Stroller (Robert Vaughn) ausgebildet, der ebenfalls mit von der Partie ist und dafür sorgt, dass Mickey seinerseits die Ausbildung des Jungspunds Danny Blue (Marc Warren) übernimmt. Somit sind drei Generationen Abzocker unter einem Dach vereint, die zwar an einem Strang ziehen und dennoch sehr unterschiedlich sind. Das sorgt für Reibereien und Spannungen, die zur Dramatik der Serie beisteuern.

Um das Ganze etwas auszugleichen, runden zwei weitere Charaktere die Sache ab. Da wäre Ashley Morgan (Robert Glenister), ein wahres Multitalent. Er schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben und greift gerne zu, als ihm Mickey die Möglichkeit zum ganz großen Coup verspricht. Auch Stacie Monroe (Jaime Murray) schließt sich Mickey an. Sie hegt Gefühle für ihn, doch er denkt nur über seine bevorstehende Scheidung nach. Danny hat übrigens ein Auge auf Stacie geworfen – und erneut zeichnen sich hier Verwicklungen ab. „Hustle“ ist eine Serie mit Persönlichkeiten und Persönlichkeit. Das wird ziemlich früh deutlich.

Dabei wartet „Hustle“ mit einigen Markenzeichen auf. Dadurch wird die Serie unverwechselbar. So bekommen die Zuschauer erklärt wie der Betrug ablaufen soll, was die Feinheiten sind und wo die Probleme lauern. Das wäre nun äußerst langweilig, doch stets gibt es ein oder zwei überraschende Wendungen, um das seichte Fahrwasser sicher zu umschiffen. Dem Gesetz der Serie nach werden die Abzocker natürlich auch mit den neuen Problemen fertig. Trotzdem sind diese Wendungen das Salz in der Suppe. Vollends abgeschmeckt wird „Hustle“ aber durch die Kameraeinstellungen und Standbilder.

So gefriert in entscheidenden Szenen plötzlich das Bild. Nur die Abzocker können sich noch bewegen und besprechen ausführlich ihren Plan, erklären die Raffinessen und wenden sich dabei auch an den Zuschauer, der daheim vor dem Bildschirm sitzt. Nach diesen Sequenzen geht es dann wie gewohnt weiter. Das ist ein erstklassiges Stilmittel, das im ersten Augenblick ziemlich überrascht und dann gekonnt zum Charme von „Hustle“ beiträgt. Eine wunderbare Idee des Autoren und hervorragend umgesetzt. Das gilt auch für einige Szenarien in der Serie, die abstrakt aufgelöst werden. So beginnen Danny und Mickey plötzlich zu tanzen, um ihr Opfer darauf hinzuweisen, was für eine scharfe und begehrenswerte Braut Stacie ist. Diese Szene ist natürlich eine surreale Sequenz, an deren Ende aber die Realität mit veränderten Tatsachen weiterläuft. Ebenfalls eine schicke Idee, die Laune macht.

Es wird deutlich, dass „Hustle“ keine vollkommen ernste Serie ist. Die Show spielt mit dem britischen trockenen Humor, bemüht die angebliche Gaunerehre und den damit verbundenen Ehrenkodex, wechselt zwischen Drama und Comedy. Dabei ist die Comedy oft subtil und wird nur punktuell eingesetzt. Sie läuft dem ernsten Tenor keinesfalls den Rang ab und somit bleibt „Hustle“ auch eine Serie für seriöse Zuschauer, die sich an eleganten Gaunereien erfreuen möchten.

Insgesamt umfasst die erste Staffel sechs Episoden und naturgemäß werden die Anfänge einer Serie dazu genutzt, um die Figuren vor- und eine Bindung herzustellen. Hier bildet „Hustle“ keine Ausnahme. Die einzelnen Episoden konzentrieren sich auf die Hauptcharaktere und skizzieren deren Hintergründe, Motivationen und Verhaltensweisen. Zum Ende der Staffel hat der Zuschauer die Figuren dann in sein Herz geschlossen, trotz deren kriminellen Energien. Aber immerhin besitzt die Bande einen Ehrenkodex – allerdings einen fragwürdigen Ehrenkodex. Vor diesem Hintergrund sind die abschließenden Worte der Serie natürlich mit Vorsicht zu genießen und werden – hoffentlich – keinesfalls als Aufruf zum Tricksen und Abzocken verstanden.

Bei den Schauspielern hat Kudos Film ganze Arbeit geleistet und die unterschiedlichen Rollen erstklassig besetzt. Die Darsteller leben ihre Figuren förmlich und das ist der Serie anzusehen. Es macht einfach Spaß „Hustle“ anzuschauen und Leute wie Adrian Lester, Robert Glenister, Marc Warren, Jaime Murray und Robert Vaughn zu erleben. Vor allem der US-Amerikaner Vaughn ist dem Fernsehpublikum ein fester Begriff, wurde er doch mit Produktionen wie „Solo für O.N.C.E.L.“ oder „Thunderball“ berühmt. Unvergesslich auch seine Darstellung in „Die glorreichen Sieben“. Mit solch einem Hochkaräter in „Hustle“, scheint der Erfolg bereits vorprogrammiert. Doch das würde der Rolle Albert Stroller widersprechen, der von Robert Vaughn sehr gut gespielt wird.

So wie Stroller seinen Schützling Mickey ausbildet und sich langsam zurückzieht, um der nächsten Generation Platz zu machen, so überlässt auch Vaughn seinen Kollegen weitgehend das Feld. Dadurch wirkt „Hustle“ authentisch und können die anderen Hauptdarsteller ebenfalls zeigen, was in ihnen steckt. Das gilt vor allem für Adrian Lester, dem die Rolle des Mickey Bricks wie auf den Leib geschneidert scheint. Aber genau das ist ein Irrtum, denn Drehbuchautor Tony Jordan hatte beim verfassen des Skripts stets George Clooney vor Augen. Immerhin ist „Ocean’s Eleven“ das große Vorbild von „Hustle“ – daraus wird auch kein Hehl gemacht. Äußerlich ist Lester dabei das Gegenteil von Clooney: Jung, schwarz und mit einer unterschwellig düsteren Ausstrahlung. Die kann jedoch von einem zum nächsten Augenblick umschlagen und Lester wirkt wie ein harmloser und verspielter Junge, dem jedermann gerne sein Geld anvertraut. Für eine Serie wie „Hustle“ also genau das Richtige.

Die Staffelbox beinhaltet zwei DVDs, kommt mit einem Wendecover daher und auch die Silberscheiben selbst sind schick gestaltet. Neben der sechs Episoden gibt es noch ein kleines Making-of, in dem über die Idee zur Serie und das Casting der Schauspieler gesprochen wird. Ganz nett. Technisch ist alles in Ordnung. Das Bild (16:9) ist hervorragend und der Ton sauber. Es gibt zwei Tonspuren (Deutsch und Englisch), die leider nur in Dolby Digital 2.0 daherkommen. Das Making-of ist in englischem Original mit deutschem Untertitel. Dieser wurde gut geschrieben und ist fast fehlerfrei.

„Hustle – Unehrlich währt am längsten, Staffel 1“ ist genau passend für Menschen die Gaunereien, Eleganz. Humor und kreative Kameraarbeit mögen. Dazu die hervorragenden Darsteller und gute Geschichten, die stets mit einer Überraschung aufwarten. Klasse!

Copyright © 2010 by Günther Lietz

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