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Archiv für die 'FSK18 & k.J.' Kategorie

Days of Darkness

Erstellt von Michael Drewniok am 19. August 2010

Days of Darkness

Originaltitel: Days of Darkness: Rise of the Flesheaters (USA 2007)
Regie u. Drehbuch: Jake Kennedy
Kamera: Brandon Trost
Schnitt: William Daniels
Musik: Jamey Scott
Darsteller: Travis Brorsen (Steve), Sabrina Gennarino (Lin), Tom Eplin (Chad), Roshelle Pattison (Mimi), Eric Stuart (DJ), John Lee Ames (Trent), Bryan Rasmussen (Slasher), Chris Ivan Cevic (Simon), Marian Tomas Griffin (Kylie), Ashley Elizabeth Pierce (Jane), William Cannon (Herbert) u. viele fröhliche Zombie-Statisten
Label/Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 09.07.2010 (DVD)
EAN: 4260191250103
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min.
FSK: 18

Titel bei Amazon.de

Das geschieht:

Nach einem ausgedehnten Campingausflug in die Santa Monica Mountains des südlichen Kaliforniens wollen Steve und Lin gerade in die Zivilisation zurückkehren, als ihnen ein Zombie vor die Kühlerhaube des Wagens torkelt. Weitere Untote folgen und drohen das Paar hungrig in Stücke zu reißen, als Chad auftaucht, die Zombies energisch zersäbelt und unsere ahnungslosen Ausflügler in eine verlassene Funkstation des US-Militärs eskortiert, die von einem hohen und nun sehr nützlichen Zaun umgeben ist.

Sieben weitere Flüchtlinge haben sich hier verbarrikadiert, nachdem ein Komet in der Erdatmosphäre zerplatzte, seine im Eis konservierte Fracht freigab und über alle Kontinente verstreute: außerirdische Parasiten. Sie nisten sich in den Hirnen und Unterleibern ihrer Opfer ein, die sich dabei nicht nur in angriffslustige Menschenfresser verwandeln, sondern auch Alien-Bastarde ausbrüten, die sich auf der Erde pudelwohl genug fühlen, um die Herrschaft zu übernehmen!

Diese Vermehrung funktioniert in den Körpern und Frauen und Männern gleichermaßen gut, was für entsprechendes Entsetzen sorgt. Der Stresspegel steigt, zumal die Gestrandeten dumm und streitlustig veranlagt sind und ihnen Lebensmittel und Wasser ausgehen. Dass Prediger Trent ein fundamentalistischer Wirrkopf ist, der nachts heimlich die Zombies einlässt, um die biblische Apokalypse zu beschleunigen, ist ebenso beunruhigend wie die Anwesenheit seines infizierten Bruders Herbert, der im Keller der Anlage nach Menschenfleisch giert.

Weil den Belagerten Wasser und Proviant ausgehen, muss ein Ausbruch geplant werden. Außerdem melden sich die noch ungeborenen Aliens gewalttätig zu Wort, indem sie ihre Wirte gegen die allzu unternehmungslustigen Mitglieder der Gruppe zu Felde ziehen lassen …

Frechheit kennt keine Grenzen

Der Regisseur und Drehbuchautor hatte keine eigenen Ideen, kein Geld und keinerlei Talent, sondern nur den verzweifelten (oder dreisten) Wunsch, einen Film zu drehen. Hinzu kam das Talent, einer Schar tief in der beruflichen Sackgasse steckenden Darsteller vorzugaukeln, sie würden in einem ‚richtigen‘ Spielfilm mimen dürfen: So können Kultfilme entstehen, aber in der Regel entsteht nur Bockmist. So auch in diesem traurigen Fall, der höchstens aufgrund der besonderen Frechheit der Beteiligten eines näheren Blickes würdig ist.

„Days of Darkness“ kann stellvertretend für die schon alte aber nie ehrwürdige Tradition des Trash-Kinos stehen; so wie sich der Straßenkot an das Rad und der Neid an die Größe heftet, wie bereits 1523 Martin Luther klagte, hängt sich der skrupelfreie Filmemacher an kassenerprobte Blockbuster, die er auf jene Elemente ausschlachtet, die das Publikum in besondere Begeisterung versetzt haben. Dies geschieht in der Hoffnung, den im Trash-Kino üblichen Geld- und Zeitmangel übertünchen zu können.

In unserem Fall wurden „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) sowie „Alien“ – das Original von 1979 – gefleddert. Diese drei Filme werden nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal auf diese Weise recycelt, doch versuchen die meisten Filmemacher wenigstens, das Plagiat zur Hommage aufzuwerten.

Doch wie kann man Qualität von einem Film verlangen, dessen Budgetarmut sich u. a. darin zeigt, dass die ohnehin schäbigen Alien-Puppen sich nur ‚bewegen‘, wenn sie den Darstellern ins Gesicht geworfen werden? Wird gekämpft, müssen sich die jeweils Attackierten diverse Tentakel um Kopf und Leib schlingen, gut festhalten und dann so über den Boden rollen, dass es nach wüstem Getümmel auf Leben & Tod aussieht. Auf diese Weise wurde bereits 1955 das ‚spektakuläre‘ Finale von „Bride of the Monster“ (dt. „Die Rache des Würgers“) gestaltet, den Ed Wood jr. (1924-1978) inszenierte, der als „talentlosester Regisseur der Filmgeschichte“ in eben dieselbe eingegangen ist.

Apokalypse unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Damit schließt sich der Kreis perfekt, denn „Days of Darkness“ erinnert auch sonst stark an Woods Werke, die den Willen zum großen Kino durch einen monumentalen Dilettantismus in sämtlichen Produktionsdetails konterkarierten. Es beginnt mit der Kulisse: Sie beschränkt sich auf eine faktisch tatsächlich verlassene Sendestation in den südkalifornischen Topanga-Hügeln, die Regisseur und Drehbuchautor Jake Kennedy dankbar okkupierte. Offenbar wurde nicht nur auf dem öden Außengelände, sondern auch im engen und schmutzigen Inneren gedreht. Was vielleicht authentisch wirken könnte, verdeutlicht nur die Ärmlichkeit der Produktion. Anscheinend schrieb Kennedy sein Drehbuch, nachdem er die genannte Station aufgetan hatte, indem er sich vorstellte, was sich in ihren Räumen ereignen könnte: Die Story folgte damit der Form, was die krude Handlung mitbegründen könnte.

Wie es sich für ein Machwerk aus der unteren Schublade der Filmindustrie gehört, bleibt der Weltuntergang reine Behauptung. Kennedy verfügt nicht einmal über die Mittel, den Zombie-Sturm auf die Bergstation glaubhaft zu inszenieren. Noch weniger vermag er diese Ereignisse mit der angeblich globalen Katastrophe zu verknüpfen. Er vermeidet es deshalb tunlichst, seine Protagonisten aus den Hügeln in eine Stadt entkommen zu lassen, da dies mit seinem Budget nicht darzustellen ist.

Folgerichtig fällt es dem Zuschauer schwer, an eine epochale, niederschmetternde Bedrohung zu glauben. Dazu tragen sehr die ‚Zombies‘ bei, die Kennedy vermutlich gegen Freibier und mit dem Versprechen eines Kino-Auftritts in die kalifornische Wildnis gelockt hat. Schminken mussten sie sich vermutlich selbst, denn so sehen sie aus – niemals leichenhaft zerfallen, sondern nur mit feuerrotem Kunstblut getränkt. Auch wenn sie aus Leibeskräften heulen, grunzen und steifbeinig umher taumeln, sind sie eher komisch als bedrohlich, zumal ihre Zahl gar zu offensichtlich so gering ist, dass sie sich auf dem Stationsgelände verlieren.

Die Story dehnen – bis sie reißt

Der erfahrene (= leidgeprüfte) Horrorfilm-Freund weiß, wie sich Kennedy aus der Affäre zu ziehen versucht: Er widmet die Handlung großflächig in einen Krisen-Thriller um. Die Zombies bleiben draußen, während sich drinnen die Darsteller zanken. Ganz zufällig finden in von Zombies, Außerirdischen oder Indianern belagerten Schlupfwinkeln stets Vertreter möglichst unterschiedlicher Herkünfte und Gesellschaftsschichten zusammen. Kennedy trägt besonders dick auf: In seiner Festung hocken u. a. ein übergeschnappter und bigotter Prediger, ein Redneck mit Knarre, ein Schwuler, eine bärbeißige Porno-Actrice, ihre unglaubhaft jungfräuliche Tochter, der hünenhafte Alibi-Schwarze sowie die übliche Soldatenbraut im knappen Tank-Top. Pakte werden geschlossen und gebrochen, neue Koalitionen geschmiedet. Klischee fügt sich zu Klischee, bis sich „Days of Darkness“ im Bewusstsein des schläfrigen Zuschauers beinahe zur Illusion eines echten Spielfilms mausert.

Genau jetzt setzt die eigentliche Handlung wieder ein: Die Zombies entpuppen sich als Wirte parasitischer Aliens! Wenigstens weiß man nun, wieso der gebissene Steve nicht zum Untoten mutiert oder die Zombies tot in den Staub purzeln, auch wenn sie ein Flintenschuss nicht in den Schädel trifft. Kennedy investiert weitere zwei Dollar in Spezialeffekte und inszeniert eine Zombie-Alien-Autopsie, die einerseits lächerlich und andererseits unappetitlich ist.

Effekte aus dem Hobbykeller

„Unappetitlich“ ist das Stichwort für die sich nun anschließenden Splattereien. Kennedy lässt das Kunstblut fontänengleich hochschießen und schwelgt ausgiebig in der Darstellung dessen, was die Aliens in den Unterleibern ihrer weiblichen Opfer anstellen. Aber Feministinnen mögen sich beruhigen: Die Männer trifft es ebenso! Ihnen fallen zusätzlich die Genitalien ab, und aus dem entstehenden Loch wächst ein kleiner, mit Kleister gefüllter Beutel, in dem ein außerirdischer Embryo döst. (Dies beschert uns übrigens folgende Szene, die typisch für die ‚Qualität‘ dieses Films ist: Steve beobachtet, wie dem im Keller gefangenen Herbert das untote Gemächt durch sein Hosenbein rutscht. Wie jeder normale Mensch es sicher tun würde, klaubt er es vom Boden auf, wickelt es in sein Taschentuch und stopft es in eine Tasche seiner Jeans. Die Handlung schreitet voran, bis Steve viel später seinen Leidensgenossen eröffnet, er müsse ihnen „etwas zeigen“. Er bringt sein inzwischen blutrot verfärbtes Taschenbuch zum Vorschein und wirft den schleimig-schlaffen Inhalt triumphierend auf einen gut beleuchteten Tisch, womit er – ja, was bezweckt er damit eigentlich, außer dem Filmpublikum einen Ekel-Schock zu versetzen?)

Auch sonst soll Gore richten, was Kennedy nicht stimmungsvoll zu inszenieren weiß. Leider sind die einschlägigen Effekte jederzeit so stümperhaft geraten, dass sich der diesbezüglich erpichte Zuschauer auch schwer betrunken keineswegs unterhalten fühlen wird.

„Betrunken“ ist ein gutes weiteres Stichwort, birgt es doch den Schlüssel zur Vernichtung der Aliens. Mit einem guten Schluck Selbstgebranntem im Leib wird der Mensch immun, und der Zombie-Alien zerspringt in Stücke. Man kann den Darstellern nur wünschen, dass ihnen der Alkohol ebenfalls half, die Dreharbeiten zu diesem Machwerk zu überstehen. Mehr als ein Wochenende dürfte die Qual nicht gedauert haben, aber was die Männer und Frauen, die sich nicht als Zombies maskieren durften, in dieser Zeit tun mussten und welche Worte ihnen per Drehbuch dabei in die Münder gelegt wurden, wird ihnen sicherlich schamvoll im Gedächtnis brennen, solange sie karg entlohnt ihren Jobs als Aushilfsmimen und besseren Statisten nachgehen werden!

DVD-Features

Um ihr Elend nicht weiter publik werden lassen, konnte das Team von „Days of Darkness“ verhindern, dass ihr Gestümper durch ein „Making of“ für die Nachwelt dokumentiert wurde. Auch Interviews oder Features über die ‚Spezialeffekte‘ verkniff man sich tunlichst. Der Moment dieser Erkenntnis ist der einzige, der im Zuschauer einen Anflug von Dankbarkeit aufkeimen lässt.

Abschließend zwei Ratschläge: Sollten Sie mit ihrem Auto im Schritttempo eine Horde bissiger Zombies passieren wollen, handeln sie schlauer als unsere Darsteller – kurbeln sie vorher die Scheiben hoch! Handeln sie ebenso, wenn die Zombies Sie nicht fressen, sondern Ihnen DVDs des gerade vorgestellten Films verkaufen möchten!

[md]

Titel bei Amazon.de

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Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1

Erstellt von Günther Lietz am 13. August 2010

Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1

Belgien (2005)
Regie: Guy Goossens, Mark Punt
Drehbuch: Guy Goossens, Mark Punt

Disks: 3
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Spieldauer: 450 Minuten

Darsteller: Peter Van den Begin, Axel Daeseleire, Evgeniya Khirivskaya, Tom Van Dyck, Zemyna Asmontaite, Manou Kersting, Luk Wyns

„Matrioshki – Mädchenhändler“ ist eine gefeierte Serie, für ihre Authentizität gerühmt und wird von Amnesty International zu Aufklärungszwecken eingesetzt – stellt sich die Frage: Warum?

Der Nachtclubbesitzer und Mädchenhändler Raymond “Ray” van Mechelen und seine Leute reisen regelmäßig in den Ostblock, um dort junge Frauen für angebliche Tanzshows zu rekrutieren. Tatsächlich werden die jungen und attraktiven Dinger nach Belgien verschleppt, dort zur Prostitution gezwungen und gewinnbringend weiterverkauft.

Doch die letzte Fuhre Mädchen ist ziemlich widerspenstig. Lustlos, ohne Motivation und mit dem Gedanken an Flucht (wer könnte es ihnen verdenken), bereiten sie Ray und seinen Freunden nur Probleme. Zu allem Übel ist ihnen auch die Polizei auf den Fersen. Glücklicherweise ist einer der Beamten korrupt und sorgt für etwas Entspannung. Aber leider gibt es auch interne Streitigkeiten und die Presse ist den Mädchenhändlern auf den Fersen …

Die erste Staffel der Serie umfasst insgesamt zehn Episoden auf drei DVDs. Auf der Hülle prangt auffällig der Aufdruck „FSK ab 18“ und auch die Inhaltsbeschreibung lässt starken Tobak erwarten. Tatsächlich versteckt sich aber hinter der knallharten Fassade eine weichgespülte Serie in dürftiger Lokalisierung.

Das FSK-Siegel scheint ein Werbegag zu sein und suggeriert einen schwer verdaulichen Inhalt. Tatsächlich weist nur die erste DVD ein FSK von 18 auf, die beiden anderen DVDs haben eine FSK von 16. Warum es überhaupt eine 18er-Freigabe gibt, ist fraglich. Tatsächlich ist der Inhalt um einiges harmloser, als jede Episode von „CSI“. Vielleicht liegt die Einstufung auch an moralischen Sittenwächtern, die Probleme mit zu viel nackter Haut haben. Aber selbst da bietet das TV mehr.

Die Geschichte selbst ist sehr brisant und zeigt die Niederungen der menschlichen Gesellschaft auf. Angeblich schonungslos und authentisch, doch auch hier ist es mehr Augenwischerei als Tatsache. Erst einmal bedient sich die Geschichte hemmungslos sämtlicher Klischees, die sich der Zuschauer für das Milieu ausmalen kann. Das wirkt einfach platt und kommt nur an den Rand der Wahrheit, ohne diese wirklich zu erreichen. Das Böse und Abartige lauert jenseits der Klischees, wohnt in scheinbar normalen Menschen inne. Diese Normalität und das Grauen dahinter, das fehlt „Matrioshki – Mädchenhändler“. Jede wichtige (männliche) Figur hat eine extreme Macke, ist überzeichnet.

Auch der Begriff organisiertes Verbrechen und Mädchenhändlerring werden überstrapaziert. Schon bald wird nämlich klar, dass hier ein belgischer Nachtclubbesitzer Frauen anlockt und in seinem Nachtclub tanzen lässt. Werden Anfangs noch Zeugen brutal aus dem Weg geräumt und den Mädchen wahllose Gewalt vorgeführt, verkommt der Stoff langsam zur Seifenoper. Es mangelt den Regisseuren Guy Goossens und Mark Punt einfach an Konsequenz und Kompetenz.

Das gut organisierte Verbrechen entpuppt sich als eine Handvoll überforderter Möchtegerngangster unter der Führung eines angelnden und seines Jobs überdrüssigen alten Mannes. Bei den angeblichen und gut geschmierten Polizisten handelt es sich um genau eine einzige Person. Und die Rolle ist zudem noch mies umgesetzt. Überhaupt wirkt die ganze Polizeiarbeit dilettantisch, scheinbar in dem Versuch den staatlichen Apparat keineswegs in Misskredit zu bringen und trotzdem eine Erklärung zu finden, warum sich die Mädchenhändler so lange Zeit austoben dürfen. Der eine Polizist hat keine Lust zu arbeiten, der nächste spricht kein Englisch und wieder einer glaubt den Beteuerungen des aktenkundigen Gauners. Da haben die Bösewichter aber nochmals Glück gehabt – jedenfalls in der Serie. In der Realität verlässt sich das Verbrechen weniger auf Glück, als auf Bestechung, Erpressung und Mord. Das fällt hier geflissentlich unter den Tisch oder wird nur kurz angerissen.

Kaum in Belgien angekommen, müssen die Girls in einem Nachtclub arbeiten. Und spätestens hier verkommt die Serie zur Lachnummer. Die Verbrecher sind allzu menschlich. Die Frauen behalten ihre Handys, können den Geschlechtsakt verweigern und haben alle Zeit der Welt, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Einzig ein einziges Mal wird die wahre Brutalität solcher Verbrecher offenkundig, als eines der Mädchen zum Hauptgewinn einer Tombola wird. Allerdings vergewaltigt „nur“ der Freier die Kleine, die Gauner halten sich da gemütlich raus. Diese beschweren sich nur darüber, wie lustlos die Frauen sind und keinen Spaß an der Sache haben. Echte Repressalien gibt es selten. Diese werden von Guy Goossens und Mark Punt nur spärlich eingesetzt. Manchmal gibt es Augenblicke, in dem tatsächlich die Brutalität der wahren Mädchenhändler durchblitzt, dann schaltet die Serie aber wieder schnell in den Weichspülgang runter.

Die Qualität der Darsteller ist durchwachsen und zeigt ein starkes Gefälle bei den Geschlechtern – und legt den Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Frauen ausgenutzt werden. Die weiblichen Darsteller (Veerle De Jonghe, Ailika Kremer, Eugenia Hirivskaya, Indre Jaraite, Mila Lipner, Zemyna Asmontaite, Vilma Raubaite, Lubov Tolkalina, Saartje Vandendriessche, Svetlana Vladimirovna, Natalya Reva, Sveta Abolenkina und Zorina Tanasova) zeigen durchweg eine gute bis hervorragende Leistung. Ihre Figuren wirken authentisch, transportieren Emotionen und ziehen die Zuschauer in ihren Bann.

Die Riege der Männer wirkt dagegen amateurhaft. Sie legt besonders großen Wert auf betont lässige Auftritte und Macken, sind überzeichnet und dennoch langweilig. Die männlichen Rollen wirken zu keinem Zeitpunkt durchdacht oder real, sie verkommen zu klischeehaften Abziehbildern, die im Schatten der starken Frauen bleiben. Und der Lohn der ganzen Sache?

Während die Schauspielerinnen aus sich herausgehen, ihre Gefühle und ihren Körper bloßstellen, bekommen die Schauspieler die ganze Aufmerksamkeit. Auf dem Cover der DVD-Box und auf den DVDs selbst sind nur die Männer zu sehen – in betont lässigen Posen. Nur wenn die DVDs entnommen werden, gibt es etwas Platz für die weiblichen Darsteller. Das ist für einen Film mit solcher Thematik tatsächlich ziemlich perfide.

Ziemlich misslungen ist übrigens die deutschsprachige Lokalisierung. Die Synchronisation ist ziemlich blass und langweilig. Glücklicherweise wurden viele fremdsprachigen Texte im Original belassen und untertitelt. Dadurch wirkt die Serie etwas realer. Leider liegt nur die deutsche Tonspur vor und auch nur in Dolby Digital 2.0. Das ist etwas schwach. Das gilt auch für das Bild. Die Kameraarbeit ist nach Lehrbuch klassisch schlicht, das Bild der DVD lässt ein wenig an Schärfe und Farbe fehlen.

Trotz allem ist „Matrioshki – Mädchenhändler – Staffel 1“ eine unterhaltsame Serie, agiert aber keinesfalls auf dem ihr unterstellten hohen Niveau. Es ist einfache TV-Kost mit einer überzogenen Altersfreigabe, in der die Frauen die ganze Arbeit leisten und die Männer den Beifall bekommen. Wirklich ärgerlich ist, dass hier nur an der Oberfläche des Themas gekratzt wird.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Bei Amazon.de

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Haunting of Winchester House

Erstellt von Michael Drewniok am 12. August 2010

Haunting of Winchester House

Originaltitel: Haunting of Winchester House (USA 2009)
Regie, Drehbuch, Kamera: Mark Atkins
Schnitt: Marg Morrison
Musik: Chris Ridenhour
Darsteller: Lira Kellerman (Susan Grenier), Michael Holmes (Drake Grenier), Barry Womack [d. i. Patty Roberts] (Haley Grenier), Tomas Boykin (Harrison Dent), Kimberly Ables Jindra (Sarah Winchester), Jennifer Smart (Annie Winchester), Rob Ullett (James Clayhill), David McIntyre (Officer Cooper), Savannah Schoenecker (Margo Hunter) u. a.
Label: Great Movies
Vertrieb: Hamburger Medien Haus HMH
Erscheinungsdatum: 05.08.2010 (DVD u. Blu-ray)
EAN: 4260157715745 (DVD) bzw. 4260157715752 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 Surround (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nach dem tragischen Tod ihres Babys versuchen die Greniers – Vater Drake, Mutter Susan und Teenie-Tochter Haley – einen Neuanfang im sonnigen Kalifornien. Sie haben sich als Hüter des alten, abgelegenen Winchester-Anwesens verdingt, das Sarah Winchester, Tochter des bekannten Waffenfabrikanten, vor über einem Jahrhundert erbauen ließ.

Verschwiegen hat man den Greniers, dass dieses riesige Haus mit seinen zahllosen verwinkelten Räumen von Geistern heimgesucht wird. Es handelt sich bei ihnen um Pechvögel, die durch Schüsse aus der berühmten Winchester-Büchse zu Tode kamen, worüber sie sich nun durch Spuken in Sarahs Haus beschweren. Inzwischen geht Sarah selbst um. Der frühe, nie geklärte Tod ihrer einzigen Tochter Annie hat sie erst in den Wahnsinn und dann ins Geisterdasein getrieben. Nun wirft sie ein begehrliches Auge auf Haley, die Annie sehr ähnlich sieht. Eines Nachts springt Sarah aus dem Wandschrank und greift sich Haley als Ersatztochter.

Die verzweifelten Eltern stellen das Haus auf den Kopf, stoßen dabei aber nur auf immer neue, grässlich anzusehende und mächtig schnaufende Geister. Glücklicherweise (?) wohnt in der Nachbarschaft Parapsychologe Harrison Dent, der sogleich erfasst, was im Winchester House vor sich geht: Geister erster und zweiter Klasse treten sich hier auf die Laken. Sarah gehört zur Kategorie 2 und kann deshalb nicht per Exorzismus ausgetrieben werden. Sie will etwas von den Susan und Drake, was diese a) herausfinden und b) tun müssen, damit c) Haley wieder freigegeben wird. Leider sind Susan und Drake notorisch begriffsstutzig. Ohne Kollateralschäden geht die Suche deshalb nicht vonstatten, und als das Rätsel von Winchester House dennoch endlich gelöst ist, steht den Greniers die größte Überraschung noch bevor …

Wollen ist nicht können: das Ed-Wood-Prinzip

„Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich werde die Welt aus den Angeln heben“, sprach der weise Grieche Archimedes vor mehr als 2000 Jahren. Was für die Physik gilt, dürfte auch im Filmgeschäft Gültigkeit haben, dachte sich „total film maker“ Mark Atkins, der – auf Nummer Sicher gehend – sogar zwei Ansätze für einen todsicheren Blockbuster in petto hatte: Er grub eine spannende historische Grusel-Anekdote aus als Aufhänger für sein Drehbuch aus, und er drehte „Haunting of Winchester House“ in der aktuell brandheißen 3D-Technik.

Beides versaute er gleichermaßen, was keine besondere Überraschung darstellt, wirft man einen Blick auf Atkins Arbeitsliste. Als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter hat er bisher ausschließlich Machwerke realisiert, die selbst die selten verwöhnten Fans des B- und C-Movies die Zornesröte in die Gesichter treibt. Atkins kurbelt billigste Genre-Verbrauchsware mit denkbar geringem Haltbarkeitsdatum herunter; nicht selten ist das fertige Produkt schon ungenießbar, bevor es in den Handel gekommen ist.

„Handel“ – nicht „Kino“, denn Atkins-Filme sind „Direct-to-DVD“-Ware. „Haunting …“ entstand für „The Global Asylum“, eine Firma, die auf den Vertrieb filmischer Dumm-Dumm-Geschosse spezialisiert ist. (Kronjuwel des Produktionsjahres 2010: „Titanic II“! Auch das Jules-Verne-Massaker „30.000 Meilen unter dem Meer“ von 2007 ist eine warnende Erwähnung wert …)

Wer jagt hier wen – und wieso?

In verwunschenen Häusern geht es spuktechnisch vergleichsweise ähnlich zu. Dass „Haunting …“ keine Ausnahme darstellt, ist Atkins zunächst nicht vorzuwerfen. Die Umsetzung kann für das Salz in der Suppe sorgen. Geister wirken auch deshalb so furchterregend, weil sie sich zunächst subtil bemerkbar machen. Was der Mensch nur aus dem Augenwinkel erkennt oder zu erkennen glaubt, verunsichert ihn stärker als das Monster, das ihn frontal anspringt.

„Subtil“ ist freilich ein Wort, das Atkins unbekannt zu sein scheint. Schon wenn die Greniers die Tür zum Winchester-Haus aufstoßen, geht drinnen ein Stöhnen und Grollen los, das jeden normaldenkenden Mieter umgehend in die Flucht geschlagen hätte. Die Greniers sind offenbar taub und auch blind, denn wie sonst könnte ihnen entgehen, dass sogar am hellen Tag ständig Phantome hinter und neben ihnen durch die Flure huschen?

Nachts geht’s dann ohne Rücksicht auf die Geisterstunde mit Volldampf rund. Die verrückte Sarah sickert durch die Mauern, und in Haus und Garten tummeln sich grabgraue Gestalten mit bröckeligen Gesichtszügen. Tochter Haley wurde inzwischen geisterhaft gekidnappt, und ihre Eltern können sich nicht entscheiden, ob sie nach ihr suchen oder flüchten sollen. Im wilden Wechsel probieren sie beides, und um noch mehr Dramatik ins Geschehen zu bringen, trennen sie sie immer wieder, damit sie nach wilder Flucht vor fiesen Geistern mit großem Getöse ineinander laufen können.

Der Fachmann erklärt …

Irgendwann möchte Atkins dem wüsten Gestolper einen Sinn geben. Da sich das Ehepaar Grenier nachdrücklich lernresistent zeigt, erfordert dies den Auftritt eines Spezialisten. Der trägt grobgestrickte Sakkos und Schnurbart und wohnt zufällig um die Ecke. Harrison Dent stellt Fragen, auf deren Antwort er nie wartet, wirft abenteuerliche Thesen in den Raum und trägt mit sicherer Stimme schwachsinnige ‚Fakten‘ vor. Als er endlich den Mund hält bzw. zur Tat schreitet, wirft ihn ein geisterhafter aber kraftvoller Arschtritt gegen eine Ziegelwand und mausetot aus dem Geschehen. Die Greniers stümpern daraufhin weiter wie gehabt.

Zu ihrem Glück sind die Geister mindestens ebenso dämlich wie sie. Während eine Legion durch die Gänge torkelnder Phantome außerstande sind, Susan oder Drake zu packen, erwischen sie trotzdem nicht nur Dent, sondern auch zwei Polizisten ohne Schwierigkeiten. Allerdings profitieren die Greniers von der Tatsache, dass im Winchester-Haus zwei Geistergeschichten parallel ablaufen. Die böse Sarah und die Schnauf-Geister spuken quasi unabhängig voneinander.

Den Mund macht prinzipiell niemand auf. Dabei beschäftigt sich Sarah in ihren Spuk-Pausen damit, der gefangenen Haley Geschichten vorzulesen. Wieso erklärt sie den Eltern also nicht einfach, was sie tun sollen? Weil sonst der Film vorbei wäre? Unwahrscheinlich, da die Greniers sich selbst in einer Papiertüte verlaufen würden. Deshalb muss ein zweiter Geist die Sache in die Hand nehmen und die beiden Tröpfe auf den Dachboden dorthin führen, wo sie des Rätsels Lösung beim besten Willen nicht mehr übersehen können.

Hollywoods Laien-Darsteller treten auf

Die ‚Schauspieler‘ – man muss dieses Wort hier in Anführungsstriche setzen – sind eine gesonderte Erwähnung wert, obwohl ihr Wirken dem Zuschauer eigentlich die Sprache raubt. Hier mimen sich parallel zum miserablen Drehbuch absolute Dilettanten die Seelen aus den Leibern. Sie haben es in ihrer Mehrheit nicht einmal als ‚Gaststars‘ ins US-Fernsehen geschafft, sondern werden generell für Trash wie „Chase the Slut“ oder „A Girl, a Guy, a Space Helmet“ beschäftigt; dies sind keine erfundenen Titel, sondern Filme, in denen Michael Holmes nach „Hauting …“ aufgetreten ist. (Tomas Boykin alias Harrison Dent toppt dies allerdings mühelos mit „Nude Nuns with Big Guns“.)

Es muss aufwendig gewesen sein, die richtigen Synchronsprecher für diese Nullen zu finden. Das Ergebnis überzeugt aber auf der ganzen Linie: Ausdruckslos leiern die Sprecher herunter, was ein gelangweilter ‚Übersetzer‘ ihnen vorsetzte.

Glücklich dürfen sich die Darsteller der zahllosen Geister schätzen. Ihre Gesichter bleiben unter entsprechenden Verkleidungen unkenntlich. Bedauerlicherweise zog Regisseur Atkins auch beim Anheuern der Maskenbildner nur Nieten aus der Trommel. Selbst die permanent unterbelichteten Filmbilder können nicht verbergen, dass die Mehrzahl der Geisterfratzen wie notdürftig aus nasser Pappe geformt wirken. Selbst im Fachhandel für Faschingsbedarf fallen die Kostümierungen überzeugender aus!

Dreidimensionale Dummheiten

Nur eine ungefähre Ahnung von der Arbeit eines Drehbuchautors und Regisseur besitzend, umringt von ähnlich unbegabten Als-ob-Filmern, ohne Budget und in völliger Abwesenheit von Schauspielern, die sich diese Berufsbezeichnung nicht nur anmaßen, verfiel Atkins zu allem Überfluss darauf, „Haunting …“ in dreidimensionale Bilder zu kleiden. Schrecken, so dachte er sich wohl, kommt eher auf, wenn Geister nicht nur „Buh!“ rufen, sondern dabei ihre kalten Klauen direkt in den Zuschauerraum recken.

Theoretisch mag dies funktionieren. Praktisch hat James Cameron es in „Avatar“ eindrucksvoll bewiesen. Nur: Wird eine Geschichte so ideenlos wie „Haunting …“ erzählt, wird sie auch dreidimensional nicht besser, sondern noch ärmlicher. Außerdem bedient sich Atkins einer Uralt-3D-Technik, die außer unscharfen Bildern nur eines bewirkt: bohrenden Kopfschmerz. Die verhindern andererseits eine allzu deutliche Sicht auf die wenigen Spezialeffekte, unter denen das schlampig in die Landschaft getrickste Winchester-Haus auch deshalb besonders unrühmlich herausragt, weil immer und immer dieselbe missglückte Ansicht gezeigt wird.

Das einzige Mysterium, das „Haunting …“ erfolgreich kreiert, rankt sich um die Altersfreigabe der deutschen Fassung. Nicht einmal der verbohrteste FSK-Fundamentalist würde dieses matte Filmchen, dessen Verursacher für Gore &  Splatter schlicht kein Geld hatten, erst ab 18 Jahren freigeben. Schon Zwölfjährige werden spöttisch und zu Recht gelangweilt abschalten. So bleibt nur die Vermutung, dass der Vertrieb die hohe Einstufung wollte, um harten Horror vorzutäuschen. Hart ist „Haunting …“ in der Tat, aber auch hilfreich: Dem Gedächtnis prägen sich die Namen derer ein, die sich erdreisten, solchen Bockmist über wütende Zuschauer zu verstreuen!

Historische Anmerkung

Ach ja, weiter oben war von einer „historische Grusel-Anekdote“ die Rede: Es gibt ein echtes Winchester House. Es steht im Städtchen San José in Kalifornien. Berühmt wurde es als fixe Idee der realen Sarah Winchester (1839-1922), die nach den kurz aufeinander folgenden Toden ihrer einzigen Tochter, ihres Ehemannes und ihres Vaters davon überzeugt war, von den Geistern derer verfolgt zu werden, die mit den Winchester-Waffen erschossen wurden, welcher der Familie ihren immensen Reichtum verdankte. Angeblich riet ein Medium Sarah, ihr neues Haus niemals fertigzustellen, sodass die Geister sie in den ständig an Zahl zunehmenden Räumen nicht finden könnten. Sarah hielt sich daran und ließ Winchester House bis zu ihrem Tod vergrößern. In 38 Jahren (!) entstand ein wirrer, nie durchgeplanter Komplex mit 150 Zimmern, Sälen, Gängen und Kammern, der mit diversen Nebengebäuden und Gärten fast 24.000 Quadratmeter bedeckt. (Die auch sonst interessanten Hintergründe lassen sich hier in Erfahrung bringen.)

DVD-Features

Wesentlich interessanter als der Hauptfilm ist das markerschütternd stümperhafte aber unfreiwillig ehrlich und aufschlussreich geratene „Making of“ geraten. Hinter der Kamera sieht man unglaublich viele Leute unglaublich wenig tun. Der Chef-Tricktechniker präsentiert voll unbegründeten Stolzes seine im Hobbykeller gebastelten Filmprops, Regisseur Atkins lässt sich ausführlich über sein Stilmittel aus, die Ankunft von Geistern jeweils durch Windstöße aus dem Off anzukündigen. (Dass die ohnehin aufdringliche, in solchen Momenten überdramatisch anschwellende Musik dies völlig überflüssig macht, hat er verdrängt oder vergessen.) Für einen ‚spektakulären‘ und mehrfach tödlichen Autounfall wird ein schrottreifer Volvo-Kombi eine kaum fünf Meter tiefe Böschung hinab gerollt. Selten entlarven sich Dilettanten so erbarmungslos selbst!

[md]

Titel bei Amazon.de

Abgelegt unter FSK18 & k.J., Horror, Mystery | Keine Kommentare »

Die Horde

Erstellt von Michael Drewniok am 29. Juli 2010

Die Horde

Originaltitel: La Horde (Frankreich 2009)
Regie: Yannick Dahan u. Benjamin Rocher
Drehbuch: Arnaud Bordas, Yannick Dahan, Stéphane Moïssakis u. Benjamin Rocher
Kamera: Julien Meurice
Schnitt: Dimitri Amar
Musik: Christopher Lennertz
Darsteller: Claude Perron (Aurore), Jean-Pierre Martins (Ouessem), Eriq Ebouaney (Adewale), Aurélien Recoing (Jimenez), Doudou Masta (Bola), Antoine Oppenheim (Tony), Jo Prestia (Greco), Yves Pignot (René), Adam Pengsawang (Tscheche), Sébastien Peres (Seb), Laurent Demianoff (Kim), Alain Figlarz (Hausmeister) uva.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 01.07.2010 (DVD, gekürzt u. uncut u. Blu-ray, gekürzt) bzw. 17.07.2010 (Blu-ray, uncut)
EAN: 4006680054339 (DVD, dt. Fassung) bzw. 4006680054346 (Blu-ray, dt. Fassung)/ 4006680055299 (DVD, uncut) bzw. 4006680055305 (Blu-ray, uncut)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (DVD) bzw. 95 min. (Blu-ray)/97 min. (DVD uncut) bzw. 102 min (Blu-ray uncut)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
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Das geschieht:

Aurore, Ouessem, Jiminez und Tony sind vier Polizisten, denen der Kamerad Rivoallan von der Markudis-Gang verschleppt und umgebracht wurde. Zornig schreiten sie zur Selbstjustiz. Sie haben die Bande im Obergeschoss eines Hochhauses im Norden von Paris geortet, wo sie unter ihrem Anführer Adewale ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Das Haus ist verfallen und steht beinahe leer, denn es soll bald abgerissen werden. Die abgelegene Lage wollen die Polizisten nutzen und ein Massaker anrichten, dem keiner der Gangster entkommen soll.

Tony baut Mist, sodass die Angreifer zu früh entdeckt und gefangen werden. Adewale hält die Polizisten für die Spitze eines Kommandounternehmens. Er foltert sie und erschießt Jiminez. Auch die anderen Beamten sehen bereits dem sicheren Tod ins Auge, als erst vor der Wohnungstür und dann in ganz Paris das Chaos ausbricht: Aus unbekannten Gründen erheben sich die Toten. Sie sind Kannibalen und fallen über die entsetzten Menschen her. Stoppen kann man sie nur, indem man ihr Gehirn zerstört.

Im Hochhaus wird die Bande von den Zombies überrannt. Nur die drei Polizisten, Adewale, sein Bruder Bola und der „Tscheche“, ein psychopathischer Killer, können sich zunächst retten. In der Not schließen die beiden Gruppen sich zusammen. Sie planen, sich durch das Hochhaus ins Freie durchzukämpfen und in ein Militärlager außerhalb der Stadt zu flüchten.

Der Weg nach unten wird zum mörderischen Spießrutenlauf. Weitere Opfer fordern die immer wieder aufflackernden internen Konflikte. Zu den Überlebenden stößt immerhin der ehemalige Indochina-Kämpfer René, der seit jeher keine Gefangenen macht. Seine Unterstützung ist bitter notwendig, denn die Zombies sind zwar dumm aber aufmerksam. Sie haben bemerkt, dass in dem Hochhaus frisches Menschenfleisch auf sie wartet, und das wollen sie sich holen – hordenweise …

Hirnloses Metzel-Epos

Film-Horror aus Frankreich: Er konnte in den letzten Jahren viele neue Fans gewinnen. Streifen wie „À l’intérieur“ (2007; dt. „Inside“), „Frontier(s)“ (2007) oder „Martyrs“ (2008) fanden den Beifall eines Publikums, das zu schätzen weiß, wie traditioneller Grusel anders als in Hollywood ohne Schere im Kopf zelebriert wird: Gewalt wird in diesen Filmen nicht nur brachial dargeboten, sondern bruchlos mit Sex vermischt – Sex, der mehr ist als jene keim- und busenfreie Nacktheit, die in den USA für ruchlos und aufregend gehalten wird.

„Die Horde“ ist über weite Strecken ein echtes Schlachtfest. Nicht nur Untote werden erschossen bzw. mit Kugeln gespickt. Zum Einsatz kommen weiterhin: MG, Pumpgun, Machete, Stilett und immer wieder bloße Fäuste und Kampfstiefel. Es ist gar nicht einfach, einen Zombie auszuschalten, wie Yannick Dahan u. Benjamin Rocher uns demonstrieren möchten. Folglich werden sie malträtiert, bis die Fetzen fliegen – und dies im wahrsten Sinn des Wortes!

Diese Szenen sorgen in ihrer konsequenten Umsetzung für Momente echter Unterhaltung. (Wenn man sie denn sehen kann, was in Deutschland nur auf Umwegen möglich ist; dazu weiter unten mehr.) Ansonsten ist „Die Horde“ ein denkbar simpel gestricktes B-Movie: Es gilt, sich aus dem 15. Stock eines baufälligen Hochhauses nach draußen zu kämpfen. Gestreckt wird diese Hetzjagd durch ‚besinnliche‘ Momente, in denen die Geschichte nicht nur an Fahrt verliert, sondern ihren Klischee-Reichtum unerfreulich deutlich offenbart. Vier Autoren hat sie verschlissen; ein fünfter Autor hat sich bemüht, das Flickwerk zu einem Drehbuch zu verschmelzen. Wirklich gelungen ist es nicht.

Von A nach B

Prinzipiell ist eine einfache Story kein Manko. In diesem Zusammenhang sei an John Carpenters Klassiker „Assault on Precinct 13“ (1976; dt. „Assault – Anschlag bei Nacht“) erinnert, der sich einer recht ähnlichen Plot-Konstruktion bediente und damit glänzend unterhielt. Allerdings gelang Carpenter eine durch Ideen beflügelte Einheit aus Story, Figurenzeichnung und filmischer Umsetzung, von deren Qualitäten Dahan & Rocher – obwohl zu zweit – deprimierend weit entfernt sind.

Dabei sollte „Die Horde“ durchaus nicht einfach Action sein; es existiert eine ausführliche Hintergrund-Story. Die Darsteller tragen nicht nur ihre Waffen, sondern auch Vorgeschichten (und Vorurteile) mit sich herum, die allerdings für ein Zombie-Spektakel kaum von Belang sind. Hin und wieder erinnern die Regisseure daran, aber dies wirkt niemals überzeugend, sondern aufgesetzt und theatralische.

Zombies wollen fressen, Menschen überleben: Wenn sich Dahan & Rocher auf diesen Aspekt beschränken, funktioniert ihr Film. Dunkle Treppenhäuser und Flure mit unübersichtlichen Winkeln, in denen die Untoten lauern, sind selbstverständlich Genre-Standards. Sie erzeugen jedoch Spannung, wenn Kamera, Licht und Darsteller gut geführt werden. Weil letztere dann keine Zeit haben, sich über Familienprobleme zu streiten, wird es interessant, zumal Dahan & Rocher wie schon gesagt kein Problem damit haben, die Brutalität der ausbrechenden Metzeleien – von Zweikämpfen mag man nicht sprechen – zu gestalten.

Zum Reden bleibt (leider) immer Zeit

Es ärgert zu sehen, dass Dahan & Rocher einerseits hervorragende Schauspieler angeheuert haben, die andererseits verheizt werden, weil man sie zu Handlungen und Äußerungen zwingt, die stärker schmerzen als der Biss eines Zombies. Noch am meisten Glück mit seiner Rolle hatte Veteran Yves Pignot. Sein alter Kämpe René ist schon im Drehbuch als unverblümter Haudrauf konzipiert, der außerdem für schwarzhumorige Momente sorgt. Pignot gibt seinem Affen denn auch Zucker. Ihm gelingt eine Leistung, die gleichzeitig amüsiert und schaudern lässt, denn René ist kein tumber Schläger, sondern ein schlauer Überlebenskünstler mit psychotischen Zügen, die sogar den emotionsarmen „Tschechen“ (Adam Pengsawang) erschrecken.

Dieser gibt ähnlich hingebungsvoll den geschmacklos gekleideten osteuropäischen Unhold, der voller Wonne meuchelt und keinen Funken Gaunerehre im Leib hat. Dies verzeiht man ihm problemlos, sobald unsere gramgebeugten Zentralhelden auf der Bildfläche erscheinen. Ouessem und Adewale müssen sich, Testosteron ausdunstend, ständig umkreisen. Beiden hängen schwächliche Begleiter am Rockzipfel: Adewale muss sich um seinen hohlköpfigen Bruder kümmern, während es im Team Polizei Tony ist, der schlappmacht.

In ihrer Rolle als Aurore wirkt Claude Perron erschreckender als die Zombies. Ausgemergelt, graugesichtig und hohlwangig mimt sie eine quasi geschlechtslose Frau, der man keinen Augenblick abnimmt, dass sie a) die Geliebte des verstorbenen Rivoallan und b) von ihm schwanger ist, deshalb um jeden Preis überleben will und deshalb zur Kampf-Amazone mutiert, die notfalls auch waffenlos die Zombies reihenweise umhaut.

Geld war ebenso knapp wie Hirnschmalz

Zwar stürmen die Untoten Paris, doch Dahan & Rocher zeigen höchstens einen Straßenzug, durch den Zombie-Horden torkeln. Ansonsten bleibt die Geschichte im erwähnten Hochhaus. Das Geld war auch sonst allzu offensichtlich knapp: Nicht einmal das Haus wirkt echt, wenn es in der Totalen gezeigt wird. Miserabel getrickst sind außerdem die Blicke auf die brennende Stadt oder die Blutfontänen, die in die Höhe steigen, wenn Kugeln fliegen und Klingen wirbeln.

Übrigens wirken auch die Zombies enttäuschend ‚frisch‘. Ihre Darsteller wurden großzügig mit Kunstblut bekleckert, aber das war’s dann schon. Dahan & Rocher setzen Untote der ‚zweiten Generation‘ ein: Sie taumeln zwar im Ruhezustand à la Romero umher, doch wittern sie Beute, sind sie sehr fix auf den Beinen. Gerade in dem engen, dunklen Hochhaus sorgt diese Fähigkeit für Handlungsdynamik: Flucht ist zwecklos, man muss sich den Menschenfressern stellen, die darüber hinaus die Stimmkraft einer wütenden Raubkatze entwickeln.

Zum Schutz des deutschen Zuschauers

„Die Horde“ ist ein Film, der von seinen Gore-Effekten lebt und auch auf sie angewiesen ist. Dem deutschen Publikum dürfte die Sichtung deshalb wenig Freude bereiten: Volle sechs Minuten wurden aus der hierzulande verliehenen und verkauften Fassung gekürzt. Die Zensur, die es nur nominell in Deutschland nicht mehr gibt, befand „Die Horde“ auch für ab 18-jährige, nur theoretisch mündige Bürger als allzu krass in der Darstellung rüde zerschmetterter Schädel oder in Stücke geschossener Körper. Den Comic-Charakter des Films geruhte sie dagegen nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Die daraus resultierende Rumpffassung ist eine weitgehend sinnlose Zumutung. Das Label reagierte mit einer ungekürzten Fassung, die im oder über das Ausland erworben werden kann. Der lange Arm der deutschen Zensur bleibt in Österreich kraftlos. Sollten dort durch den Konsum gottloser Gruselfilme enthemmte Zeitgenossen ihr Unwesen treiben, wissen dies unsere südlichen Nachbarn gut zu verbergen. Gern nehmen sie Geld von frustrierten deutschen Horror-Freunden, die ihrer Zensur ein Schnippchen schlagen wollen.

Fragt sich nur, ob sich der Mehraufwand lohnt. Diese Rezension basiert auf der „Uncut“-Fassung. Sie bietet die volle Dröhnung aus Blutmatsch und Zombiegebrüll. Dennoch ist sie nur leidlich unterhaltsam. Phasenweise macht „Die Horde“ Spaß. Mit einem entweder stärker durchstrukturierten oder mit einem gänzlich auf Action setzenden Drehbuch hätte dies ein besserer Film werden können. So reiht er sich nur in die endlose Kette jener Streifen ein, die man sieht und sofort wieder vergisst, weil es ihnen nicht einmal gelingt, Ärger über die vertane Zeit zu erzeugen.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm bieten nur Standard-Zugaben („Making Of“) und lieblos aufbereitete Nichtigkeiten (Trailer, Fotos vom Storyboard, vom Set und von den Zombies). Über den Tellerrand reichen nur die Featurettes „Rivoallan“ und „Special Effects“.

Gelungen ist dagegen die Website zum Film.

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Splintered – Glaubst du an Monster?

Erstellt von Michael Drewniok am 15. Juli 2010

Splintered – Glaubst du an Monster?

Originaltitel: Splintered (GB 2008)
Regie: Simeon Halligan
Drehbuch: Mat Archer, Simeon Halligan u. Stephen Trimingham
Kamera: Michael Costelloe
Schnitt: Tom Grimshaw u. Celia Haining
Musik: Richard Bodgers
Darsteller: Holly Weston (Sophie), Sacha Dhawan (Sam), Sadie Pickering (Jane), Jonathan Readwin (Dean), Sol Heras (John), Colin Tierney (Vater Thomas), Stephen Walters (Gavin/Vincent), Holly Messenger (Sophie als Kind), David Bowen (Vater Jacobs), James Roach (Kreatur) u. a.
Label/Vertrieb: KSM – Krause & Schneider Multimedia (www.ksmfilm.de)
Erscheinungsdatum: 02.07.2010 (Leih-DVD) bzw. 16.08.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4260181985510 (Leih-DVD) bzw. 4260181981130 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Die durch schlimme Kindheitserlebnisse traumatisierte Sophie flüchtet sich in ihr Interesse an übernatürlichen Phänomenen. Als sie in den Nachrichten von einer seltsamen Kreatur erfährt, die angeblich im nördlichen Wales Schafe und Bauern attackiert, beschließt Sophie, eine private Such-Expedition zu starten. Begleitet wird sie von ihrer besten Freundin Jane, deren Freund John, dem phlegmatischen Sam sowie Janes Nerd-Bruder Dean, weil dieser eine Kamera besitzt.

Beim nächtlichen Campen zettelt der eingebildete John einen Streit an. Zornig stürmt Sophie in den Wald. Der fürsorgliche (und geile) Sam folgt ihr. Als Sophie eine verdächtige Gestalt in der Dunkelheit entdeckt, nimmt sie mit Sam die Verfolgung auf. Sie endet in den Ruinen von St. Joseph’s, einem nach für die katholische Kirche unerfreulichen Skandalen aufgegebenen Waisenhaus. Dort verschwindet John spurlos, während Sophie vom verrückten Gavin gefangengenommen und in eine alte Zelle gesperrt wird: Nach eigener Auskunft will Gavin sie „beschützen“, denn in dem alten Gemäuer gehe ein gefährliches Ungeheuer um.

Besorgt haben sich Jane, Sam und Dean inzwischen auf die Suche nach den Freunden begeben. An anderer Stelle macht sich Vater Thomas auf den Weg nach St. Joseph’s. Dort hat er einst gearbeitet – und Gavin über die Leiche von Vater Jacobs gebeugt gefunden. Zwar beteuerte Gavin seine Unschuld und nannte seinen Bruder Vincent als Täter, der jedoch schon Monate zuvor gestorben war. Gavin flüchtete, aber Thomas hat erfahren, dass er zurückgekehrt ist. Er will ihn stellen und seinen Mentor Jacobs rächen. In den endlosen Gängen des Waisenhauses müssen Sophie, ihre Freunde und Vater Thomas lernen, dass Gavin zwar irre ist aber sehr wohl die Wahrheit sagt. Auch Vincent ist heimgekehrt – und er hasst Besucher …

Psychologischer Horror und schnöde Realität

Zwar ist „Splintered“ sein erster ‚richtiger‘ Spielfilm, doch Simeon Halligan ist kein Neuling im Filmgeschäft. Er hat sein Handwerk sogar studiert; das „Royal College of Art” verließ er 1995 mit einem Abschluss, für seine Kurzfilme „Sleep My Love“ und „Triple Exposure“ wurde er mit Preisen ausgezeichnet. „Not a Number Productions“ gründete Halligan bereits 1998 als Plattform für künftige Langfilm-Projekte. Dennoch dauerte es ein Jahrzehnt, bis sein Debütwerk entstand. Bis es soweit war, drehte Halligan für Fernsehen und Werbung.

Die Voraussetzungen waren also vielversprechend. Das niedrige Budget bildete kein gravierendes Hindernis. Ein Regisseur, der weiß, was er will, kommt mit finanziellen Einschränkungen zurecht. Außerdem ging Halligan auf Nummer Sicher: Er wählte sich für sein Debüt ein Genre, das als überaus anfängertauglich gilt: Auch ‚billige‘ Horrorfilme können gelingen, und das Publikum ist – je nachdem – freundlich oder anspruchsarm.

Außerdem segelt Halligan unter falscher Flagge. „Splintered“ ist nach seiner Aussage ein „psychologischer Horrorfilm“. So werden in der Werbung gern Filme bezeichnet, die pure Unterhaltung mit einem gewissen Anspruch mischen, was einerseits ein Risiko bedeutet, bei gutem Gelingen jedoch andererseits eine simple Gruselgeschichte durch einen tiefsinnigen Kontext bereichern kann.

Halligan hat sich den Spagat nicht leicht gemacht. Etwa 30 Drehbuchentwürfe haben er und seine beiden Mitautoren verfasst, wie wir dem „Making Of“ entnehmen können. Womöglich erging es ihnen wie dem entnervten Sam, der während der verhängnisvollen Expedition in die Wildnis von Wales schimpft, er könne den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen: „Splintered“ zerfällt als Geschichte in Einzelteile, die nie zu einer stimmigen Gesamtheit finden.

Geschichte? Welche Geschichte?

Der kluge Schuster bleibt als Anfänger beim bewährten Leisten und setzt nur punktuell eigene Akzente: So kann solide Unterhaltung entstehen. Leider stützt sich Halligan auf eine allzu ausgelaugte Grundstory. Mit einer recht fadenscheinigen Erklärung schafft er sein zentrales Quintett in den Wald und zum „St. Joseph’s“. Dort verliebt er sich in das pittoreske Bauwerk und hetzt seine Darsteller durch möglichst viele Räume, Säle und Gewölbe, die er, der auch als Filmausstatter gearbeitet hat, liebevoll und detailreich mit staubigem Gerümpel ausgestattet hat. Ein unsichtbarer oder sorgfältig im Filmschatten gehaltener Bösewicht metzelt unsere neugierigen Geisterjäger nieder. Als alles verloren scheint, mischt sich ein zerquälter Priester ein, der sich selbst eine Mission verordnet hat. Daran schließt sich viel Gerede an, um ein Rätsel zu lüften, das selbstständig zu lösen der Zuschauer nie eine Chance hatte (und trotzdem nicht überrascht). Es folgt ein blutreiches Finale mit dem wie üblich unkaputtbaren, d. h. tausend Tode sterbenden und immer wieder auferstehenden Unhold.

Halligan weiß durchaus um die Klischees und versucht sie entweder sinnvoll zu nutzen oder abwechslungsreich abzuwandeln. „Splintered“ unterscheidet sich vom üblichen Routine-Horror aus Hollywood durch ein deutlich ‚raueres‘ Ambiente. Licht und Dunkelheit werden absichtlich nicht sorgfältig ‚gesetzt‘, um an sich düstere Winkel ‚zufällig‘ auszuleuchten. Stattdessen kommt empfindliches Filmmaterial zum Einsatz, das auch bei geringer Lichtstärke die Darsteller und ihr Spiel sichtbar werden lässt.

In Bocksprüngen zum Finale

Damit kann Halligan freilich das zentrale Manko seines Films nicht tilgen: Die Story entwickelt sich nur holprig und in Sprüngen. Das Timing stimmt nicht. Dem überlangen Auftakt im Teenie-Movie-Stil folgt ein solider Mittelteil, den ein völlig aus dem Lot geratendes Finale mehr schlecht als recht abschließt. Nicht einmal das forcierte Tempo hilft über die gewaltigen logischen Lücken hinweg. (Besonders hübsch und beispielhaft ist dieses Schlussdetail: Sophie taumelt blutüberströmt eine Straße entlang. Ein Krankenwagen nähert sich – und bleibt mindestens zweihundert Meter vor ihr am Straßenrand stehen. Zwei Pfleger springen heraus, stürmen mit einer Decke auf sie zu und schleppen sie zur Ambulanz zurück …)

Die von Halligan, den Drehbuch-Kollegen und den Schauspielern gelobte Sub-Story, der „Splintered“ (= „Zertrümmert“) letztlich seinen seltsamen Titel verdankt, ist zum einen für diese Geschichte überflüssig, weil sie ihr zum anderen nur aufgepfropft wird, statt integriert zu werden. Sophie assoziiert den aktuellen Schrecken mit dem Missbrauch, den sie als Kind durch ihren Vater erfuhr. Dies schwächt sie zunächst, wird aber letztlich zur Quelle ungeahnter Widerstandskraft. Halligan scheint nicht zu begreifen, dass Sophies Erfahrung nur ein Detail ist und bleibt. Die triviale Story, in die es eingebettet ist, kann es niemals aufwerten oder auch nur spannender machen.

Ein Regisseur kann zu freundlich sein

Immer wieder rühmen die Darsteller im „Making Of“ die Bereitwilligkeit, mit der sich ihr Regisseur in Diskussionen über das Drehbuch einließ. Offensichtlich wurde dabei jede ursprünglich vielleicht vorhandene Stringenz zerredet. Die meisten Darsteller chargieren jedenfalls wie endlich von der Leine gelassene junge Hunde. Vor allem Sacha Dhawan, Jonathan Readwin und Sadie Pickering mimen das selbstgefällige Arschloch, den schüchternen Tropf und die freundliche aber hohlköpfige Blondine allzu überzeugend – man kann es als Zuschauer gar nicht erwarten, dass die Bestie vom St. Joseph’s ihnen endlich die Lebenslichter ausbläst.

Sol Heras bleibt gänzlich profillos, während Colin Tierney seinen Vater Thomas als Imitation (oder Karikatur?) von Vater Merrin aus den beiden ersten „Exorzist“-Filmen anzulegen scheint. Stephen Walters gibt in seiner Doppelrolle gut geschminkt dem darstellerischen Affen tüchtig Zucker. Er kann als ‚guter‘ und ‚böser‘ Irrer gar nicht genug Gas geben. Zuckend, stammelnd und speichelnd lässt er jegliche Zurückhaltung hinter sich und tut gut damit.

Glück hatte Halligan mit der Wahl von Holly Weston als Sophie. Das ehemalige Model ist nicht nur außerordentlich hübsch, sondern auch schauspielerisch begabt. Wenn Regisseur und Drehbuchautor Halligan es ihr gestattet und Weston nicht durch Müll robben und steile Dachabhänge hinab rutschen muss, vermittelt sie glaubhaft weil eher andeutungsweise einen fragilen, beschädigten Charakter.

Blut und Spiele

War es Ratlosigkeit oder die Suche nach dem größten gemeinsamen Zuschauer-Nenner, der Halligan dazu veranlasste, seinen „psychologischen Horrorfilm“ mit lupenreinen Splatter-Effekten aufzupeppen? Eigentlich vermisst man sie nicht. Wenigstens sind sie professionell umgesetzt, wenn auch variationsarm: Ständig werden einem Pechvogel Fleischfetzen aus dem Hals gerissen. Da sorgt ein durch den Magen gerammtes Brecheisen für willkommene Abwechslung …

Das eindrucksvolle, weil verlassene und verfallende Waisenhaus St. Joseph‘s ist übrigens weder Kulisse noch – in seinen Außenansichten – ein Produkt von Filmtricks, sondern eine echte Ruine: St. Joseph’s College wurde 1880 als Seminar für den römisch-katholischen Priesternachwuchs im nordwestlichen England gegründet. Es steht im Walthew Park nahe der Kleinstadt Upholland in der Grafschaft Lancashire. 1991 wurde es geschlossen, weil nicht mehr genug Studenten den Weg in die riesige Einrichtung fanden. Seitdem steht St. Joseph’s leer. Örtliche Künstler nutzen die gewaltigen Zimmerfluchten und Säle für Installationen und Ausstellungen. Auch Film und Fernsehen nutzen St. Joseph’s gern. Außer „Splintered“ entstanden hier u. a. die hochkarätige BBC-Mini-Serie „Apparations“ (2008) sowie einige Episoden der Soap-Opera „Hollyoakes“.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm beschränken sich auf die üblichen Nichtigkeiten wie den Trailer und eine Bildergalerie. Hinzu kommt die zwar gedrehte aber nachträglich gestrichene Schlussszene: Es gibt gar keinen Vincent; die verrückte Sophie hat sich durch St. Joseph’s gemetzelt. Wenigstens einmal hat Regisseur Halligan begriffen, dass man es mit den Klischees übertreiben kann.

Eine Orgie der gegenseitigen Beweihräucherung ist das Feature “Behind the Scenes“. Zu allem Überfluss wurde es in vier Mini-Filmchen zergliedert. Immerhin für unfreiwilligen Humor sorgt der Tricktechniker, als er „noch nie gesehene Spezialeffekte“ ankündigt und dabei mit einem Plastik-Fleischerbeil wedelt.

Es gibt eine Website zum Film.

[md]

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Growing Out

Erstellt von Michael Drewniok am 2. Juli 2010

Growing Out

Originaltitel: Growing Out (USA 2009)
Regie: Graham Ratliff
Drehbuch: Garett Ratliff
Kamera: Kate Sobol
Schnitt: Graham Ratliff, Garett Ratliff, Kate Sobol u. Matthias Schubert
Musik: Jason De Meo u. Garett Ratliff
Darsteller: Michael Hampton (Tom), Ryan Sterling (Archie), Devon Iott (Veronica), Chase Hemphill (Philip), Ben Bowden (Vernon), Davis Jaye (Mann in Schwarz), Bill Devlin (Manager), Eric Toms (junger Mann), Stephanie Skewes (junge Frau)
Label: Musketier Media
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 25.06.2010 (DVD)
EAN: 4033056900426 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Als Musiker ist Tom mit seinen gefühlvollen Liebessongs so erfolglos, dass er gerade aus einem Cafe gefeuert wurde, in dem er ohne Bezahlung singen durfte. Da kommt ihm das Angebot des einarmigen Vernon gerade recht, der jemanden sucht, um das verkommene Haus seiner Tante zu entrümpeln. Die haust im ersten Stock und lässt sich nie blicken, was leider nicht auf den zudringlichen Untermieter Philip zutrifft, der genügsam und zufrieden im Garten des Tanten-Hauses in einem winzigen Wohnwagen haust, seit er nach dem Mord an seinem tyrannischen Teddybären zum freien Mann geworden ist.

Als Tom eines Tages im Keller aufräumt, stößt er auf eine Hand, die aus dem nicht gepflasterten Boden ragt. Bald gedeiht sie zum Arm und signalisiert per Taubstummen-‚Sprache‘, dass sie gefüttert werden möchte. Entsetzt und fasziniert zugleich tut Tom, wie ihm geheißen, und Archie bricht aus der Erde. Er kann sprechen und wird Toms bester – und einziger – Freund, mit dem er seine zahlreichen Probleme besprechen kann, auch wenn es Archie, der zwar weiter aus dem Boden wächst, aber noch mit ihm verwurzelt bleibt, notgedrungen an persönlicher Lebenserfahrung fehlt.

Kompliziert wird die Situation, als sich Tom in Veronica, Philips hübsche Freundin, verliebt. Sie erwidert die Zuneigung und lässt sich von ihm das Gitarre-Spiel lehren. Leider sind weder Tom noch der zusehends misstrauische Philip die einzigen Männer in Veronicas Leben. Tom gerät in eine emotionale Krise und beginnt hässliche Charakterzüge zu entwickeln, während im eifersüchtigen Philip der Wahnsinn neu erwacht. Als Veronica spurlos verschwindet, kommt der Tag, an dem die Gefühle überkochen. Tom wird Philip ein würdiger Gegner – und Archie ein furchtbarer Freund …

Eine musikalische Horror-Komödie?

Graham und Garett Ratliff sind sichtlich zwei engagierte Filmemacher am Beginn ihrer Karriere: Sie haben kein Geld, aber sie bersten vor Ideen. Mit dem „Growing-Out“-Plot – ein Mensch wächst aus der Erde – beschäftigen sie sich schon seit Jahren, wie ein früher, den Features beigefügter Kurzfilm belegt. Weder Graham noch Garett waren fähig oder willens zu akzeptieren, dass die Minutenkürze ihrer Story am besten zuträglich ist.

Ihnen fehlen Erfahrung und Disziplin, die zentrale Idee zu einer stringenten Geschichte zu formen. Doch der erste Langfilm ist für jeden Filmemacher der heilige Gral – ein Projekt, mit dem er sich als ‚richtiger‘ Regisseur oder Drehbuchautor fühlen kann. Gänzlich bei Null beginnen wollten die Ratliffs offensichtlich nicht. Sie polsteten ihren Leib-und-Magen-Plot deshalb durch neue Handlungsstränge auf. „Growing Out“, der fertige Film, weist nun eine deutliche Episodenstruktur auf. Die Story von Archie, der im Keller buchstäblich vegetiert, sinkt zu einem Sub-Plot herab. In den Vordergrund schieben sich immer wieder die Psychogramme einiger bizarr gepolter Figuren sowie eine seltsame Liebesgeschichte. Hinzu kommen mehrere Softrock-Songs bzw. Balladen, die den ohnehin merkwürdigen Film um Musical-Elemente bereichern – oder ihm den Rest geben; die Entscheidung überlassen die Ratliffes vertrauensvoll (oder frech) ihrem Publikum.

Der Zuschauer ist irritiert – und vorsichtig: Gut, dieser Film wirkt vielleicht wie ein großer Haufen Bockmist. Es könnte sich jedoch auch um Kunst handeln. Allzu hält man sich im Urteil zurück, um nicht als Banause und Dummkopf dazustehen. Schließlich hat man sich einst auch über David Lynch gewundert, und über ihn und sein Werk werden heute gelehrte und sehr dicke Bücher geschrieben.

Rätsel oder Ratlosigkeit?

Wird „Growing Out“ also zugänglicher, wenn wir die Geschichte nicht simpel als solche hinnehmen – was möglich ist –, sondern uns aufs Dechiffrieren vorgeblicher Symbole und Rätsel einlassen? Ansätze für einen geheimen Kontext lassen sich durchaus und zahlreich entdecken. Da ist vor allem das Motiv des verlorenen Arms oder Fingers, das sich durch den gesamten Film zieht: Vermieter Vernon fehlt ein Unterarm; von Archie sehen wir zunächst nur den Arm durch den Kellerboden brechen; Veronicas psychotischer Freund hat ihr einen Ringfinger abgeschnitten; Philip foltert Archie auf die gleiche Weise, als er nach Veronica sucht.

Sinnieren wir weiter: Wie mag Vernon seinen Arm verloren haben? Hat er im Keller des Hauses ‚gesät‘? Weiß er mehr, als er zugeben mag – beispielsweise über die Schicksale von Toms Vorgängern, die mehrfach düster angedeutet werden? Welche Rolle spielt Philip, und darf er deshalb im Garten hausen? Warum weigert sich Tante Elora, den ersten Stock zu verlassen?

Die Ratliffs geben keine Antworten. Vielleicht haben sie keine. Doch zumindest der nach der ersten halben Filmstunde noch wache Zuschauer fordert sie ein, sucht zunehmend verzweifelt nach ihnen. Wenn das Geschehen angemessen absurd ausgeklungen ist, schlussfolgert zumindest dieser Rezensent, dass „Growing Out“ vor allem ein großer Spaß für die vor und hinter der Kamera Beteiligten war und sein sollte, die in der langen Zeit der Vorbereitung und des Drehs nach Herzenslust ausprobierten, was ihnen durch die Köpfe ging.

Dabeisein ist alles!

Zumal diese Dreharbeiten offenbar auch eine Art Clan-Treffen gewesen sind: In den Credits stolpert man immer wieder über Mitglieder der Familie Ratliff. Ansonsten rekrutierten sich die Filmhandwerker aus einem semi-professionellen Umfeld. So arbeiten Kulissenbildnerin und Kamerafrau bevorzugt für experimentelle Filme weit jenseits des Mainstreams, womit sie sich im „Growing-Out“-Team sehr wohl gefühlt haben dürften.

Die Schauspieler sind entweder schon ein wenig älter (Michael Hampton) oder noch sehr jung (Devon Iott), stehen aber gleichermaßen noch am Beginn ihrer Karrieren, so sich ihre darstellerischen Einsätze zu solchen fügen werden. Obwohl sie insgesamt ebenso ratlos über Sinn oder Unsinn des Drehbuchs sind wie der Zuschauer, geben sie ihr Bestes und sind in ihren Rollen überzeugend. Hampton ist gleichzeitig Mitleid erregend und erschreckend als verhaltensgestörter Tom, der nicht nur der nette Loser mit der Gitarre ist, sondern ganz andere Saiten aufziehen kann, wird er gar zu sehr gereizt.

Ryan Sterling meistert die obskure Archie-Rolle nicht unbedingt mit Bravour, bemüht sich aber intensiv im Rahmen eines Drehbuchs, das absichtlich offen lässt, wie die Existenz des Keller-‚Gewächses‘ begründet werden könnte. Devon Iott verbirgt unter ihrer kalifornischen Strand-Schönheit sehr egoistische und manipulative Züge. Ben Bowden spielt mit dem politisch unkorrekten Unbehagen, den sein verstümmelter Arm auslöst, indem er ihn nicht verbirgt, sondern absichtlich zur Schau stellt.

Die darstellerische Glanzleistung in diesem Film bietet jedoch Chase Hemphill, der anders als Tom dem Wahnsinn nicht allmählich verfällt, sondern von Anfang an gleichzeitig nett, aufdringlich und irre ist und das auf eine trügerisch ruhige Art vermittelt, die bereits durchscheinen lässt, was sich schließlich Bahn brechen wird.

Noch ist kein Meister vom Film-Himmel gefallen

„Growing Out“ ist auch deshalb als Werk von Anfängern erkennbar, weil der Rohschnitt zu unentschlossen zum Film verarbeitet wurde. Zwar fielen bereits viele Szenen der Schere zum Opfer – wir sehen sie in den DVD-Features –, doch „Growing Out“ ist mit 105 Minuten immer noch deutlich zu lang. Viele Szenen treten auf der Stelle, bieten gute Separat-Darstellungen, stehen aber außerhalb des Geschehens. Die Ausrede beabsichtigter Rätselhaftigkeit zieht in diesen Fällen nicht.

Unschön ist die Diskrepanz zwischen einer in ihrer Mischung aus „Psycho“-Haus und Vorstadt-Ödnis wunderbar verkommenen Kulisse und den gelbstichigen, oft unscharf wirkenden Bildern. Falls sich auch dahinter eine Bedeutung verstecken sollte, bleibt sie jedenfalls dort, wo sie ist: im Verborgenen.

Dass Tom als Liedermacher kein Bein auf die Erde bekommt, ist übrigens verständlich: Er fabriziert Kuschel-Rock der übelsten Sorte – oder meinen die Ratliffs dies ironisch? Sollen diese Songs Toms Sehnsucht nach einer heileren Welt als der symbolisieren, in die es ihn verschlagen hat? So kommt man wieder auf die Rätsel-Schiene – oder resigniert an der Herausforderung eines Films, der weder Fisch noch Fleisch ist, sondern vor allem ein wenig verdächtig wirkt, was seine Genießbarkeit betrifft …

DVD-Features

„Growing Out“ ist ein Projekt, das die Ratliff-Brüder mehrere Jahre beschäftigt hat. Sie haben zwar wenig Geld aber viel Herzblut in ihren Film gesteckt. Über die Schwierigkeiten, ihn zu realisieren, und den Spaß, den alle Beteiligten beim Dreh hatten, gibt sowohl ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen als auch ein in zahlreiche Featurettes aufgesplittertes „Making of“ Auskunft. Es lässt nicht nur den Regisseur, den Drehbuchautoren, die Kamerafrau oder die Ausstatterin zu Wort kommen, sondern auch die Schauspieler. Dabei interessieren weniger die gegenseitigen Lobpreisungen – obwohl selbst diese hier ehrlicher klingen als in solchen Interviews üblich – als die Aufnahmen, die diese Männer und Frauen bei den Dreharbeiten zeigen, wenn sie sich nicht auf die dokumentarisch beobachtende Kamera konzentrieren, sondern quasi nebenbei Auskunft über ihre Tätigkeiten geben.

So komplettiert sich das Bild einer Low-Budget-Produktion, die den Geldmangel mit großem Einfallsreichtum und enormem individuellen Einsatz wettmacht. Mit simplen aber gut ausgedachten Mitteln werden ungewöhnliche Effekte wie der aus dem Boden wachsende Archie realisiert. Aufnahmen vom Casting zeigen Darsteller, von denen nicht nur Schauspiel, sondern auch Gesang gefordert wird. Weitere Ausschnitte belegen die umfangreichen Proben, die dem eigentlichen Dreh vorausgingen. Hier wurde das Drehbuch in der ‚Realität‘ getestet und bei Bedarf verändert. Im Rahmen dieses Verfahrens entstanden zahlreiche Szenen, die keinen Eingang in die endgültige Filmfassung fanden („Deleted Scenes“). Hinzu kommen die üblichen Outtakes, die Zwischenfälle beim Dreh sowie verpatzte Szenen dokumentieren und wie üblich nicht wirklich komisch sind.

Abgerundet werden die DVD-Features durch jenen schon erwähnten Kurzfilm, der die Jahre später durch „Growing Out“ aufgenommene Story vorwegnimmt.

Im Internet gibt es eine Website zum Film.

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Stag Night

Erstellt von Michael Drewniok am 17. Juni 2010

Stag Night

Originaltitel: Stag Night (USA 2008)
Regie u. Drehbuch: Peter A. Dowling
Kamera: Toby Moore
Schnitt: Vanick Moridian
Musik: Benedikt Brydern

Darsteller: Kip Pardue (Mike), Scott Adkins (Carl), Breckin Meyer (Tony), Vinessa Shaw (Brita), Karl Geary (Joe), Rachel Oliva (Claire), Sarah Barrand (Michelle), Luca Bercovici (Chef-Tunnelratte), Suzanna Urszuly (Frau), Nikolai Sotirov (alter Mann) Jo Marr (junger Mann) uva.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.05.2010 (Leih-DVD u. Blu-ray) bzw. 02.07.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4020628978587 (Leih-DVD) bzw. 4020628978594 (Kauf-DVD) bzw. 4020628958046
(Leih-Blu-ray bzw. 4020628958053 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2.35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Brüder Carl und Tony sowie ihr Kumpel Joe ziehen mit Mike durch die Kneipen von New York; es ist Mikes „Stag Night“, die letzte Nacht als ‚freier Mann‘, denn daheim wartet bereits Braut Michelle. Ein Ortswechsel steht an; er wird per U-Bahn vollzogen, die zu dieser frühen Morgenstunde beinahe menschenleer ist. Nur die Stripperinnen Brita und Claire sitzen mit dem Quartett im Abteil. Weil Tony frech wird, sprüht Brita Pfeffernebel. Als die Bahn an einer roten Ampel hält, die es auch unter Tage gibt, öffnen die hustenden Fahrgäste die Tür, stürzen an die relativ frische Unterweltluft – und müssen mit ansehen, wie die Bahn sich wieder in Bewegung setzt und sie auf offener Strecke zurücklässt.

Nur durch die U-Bahnröhre geht es zum nächsten Bahnhof und zurück an die Oberfläche. Den Weg dorthin blockieren allerdings kannibalische Tunnelbewohner. Diese völlig vertierten Zeitgenossen leben ausschließlich unter der Erde, wo sie auf nächtliche Fahrgäste warten, die sie überfallen, ermorden, ausrauben und fressen bzw. an ihre Hunde verfüttern können. Ihrem aktuellen Raubzug fällt ein Polizist zum Opfer. Dummerweise bemerken die Tunnelratten, dass sie dabei von unseren unterirdisch Gestrandeten beobachtet werden.

Zeugen lieben sie nicht, aber weiteres Frischfleisch ist ihnen willkommen. Die Jagd ist eröffnet. Im Labyrinth der Tunnel, Wartungsschächte und Abwasserleitungen kennen die Häscher jeden Winkel. Bald sind die ersten Opfer zu beklagen. Irgendwann begreifen die Überlebenden, dass Rettung von außen nicht kommen wird. Sie müssen sich ihren Gegnern stellen. Bald lassen sich Jäger und Gejagte unter einer dicken Dreck- und Blutschicht kaum noch unterscheiden. Auch im Verhalten gleichen sich die Parteien an, bis es zum großen Entscheidungskampf mit Fleischermessern, Stahlpickeln und rostigen Sägen kommt …

Back to the Roots?

Früher war alles besser. Dies schließt nach Ansicht vieler Gruselfreunde die Horrorfilme der Vergangenheit ein. Vor allem die Splatter der 1970er und frühen 1980er Jahre treiben ihnen in der Rückschau Tränen der Rührung in die Augen: Bevor in politisch korrekteren Zeiten die Zensur obsiegte, war es für wenige Jahre möglich, praktisch alles zu zeigen, was die damaligen Spezialeffekte möglich machten. Rohe, grimmige Streifen entstanden, die heute Kultstatus besitzen, was u. a. daran erkannt werden kann, dass sie im neuen Jahrtausend praktisch in toto neu verfilmt werden.

„Stag Night“ möchte alte Splatter-Traditionen neu beleben. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal die moderne Tricktechnik überzeugend auch explizite Gräuel viel überzeugender in glaubwürdige Bilder umsetzen kann als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Doch die Uhr lässt sich offenbar nicht wirklich zurückdrehen: „Stag Night“ bedient sich der Möglichkeiten des aktuellen Films vor allem, um genau diese blutige Deutlichkeit zu vertuschen. Theoretisch geht es wohl brutal zu. Es wird nicht nur gestoßen und geschlitzt, sondern geschlachtet und gehackt. Zu sehen ist davon jedoch wenig. Sobald es heftig zur Sache geht, scheint der Kameramann von einem Anfall der Parkinsonschen Schüttellähmung erfasst zu werden. Die Linse rüttelt hin und her, bis sich die Szene in einem beim Zuschauer Seekrankheit erzeugenden Wirbel auflöst.

Wird dieser Kniff (den wohl Ridley Scott in „Gladiator“ 2000 erstmals einsetzte), der einer Zensur der Gewalteffekte zuvorkommen soll, nicht strapaziert, ist es garantiert genau dort stockdunkel, wo gerade Messer u. a. tödliche Waffen geschwungen werden: Regisseur Peter Dowling kann Gemetzel inszenieren, aber er traut sich nicht, es zu zeigen. Das Ergebnis wird dem Freund des subtilen Terrors schon zu viel sein, während der erwartungsfrohe „Gorehound“ verärgert abwinken wird. Selbst der vielgeschmähte, thematisch sehr ähnliche „Creep“ (2004) mit Franka Potente war in dieser Hinsicht der ‚ehrlichere‘ Film.

Nur einmal weigert sich Dowling, die Zensur-Schere im vorauseilenden Gehorsam selbst in die Hand zu nehmen: Eine Tunnelratte wird weichenbedingt von einer zuschnappenden Bahnschiene erledigt. Dieser eine Moment löst die Versprechen von „Stag Night“ ein, denn er erzeugt jenes ungläubige Schnappen nach Luft, welches ein überraschter und begeisterter Zuschauer zu erzeugen pflegt.

Go East, Poor Man

3 Mio. Dollar betrug das Budget für diesen Film angeblich. Das ist nach Hollywood-Maßstäben Kleingeld, wäre aber genug für einen kleinen, fiesen Horrorfilm. Allerdings sieht „Stag Night“ in keiner Sekunde so aus, als sei die genannte Summe in die Produktion geflossen. Offensichtlich sind die Kulissenbauten so gut geraten, dass sie nahtlos mit den Vor-Ort-Szenenbildern verschmelzen. Wieder einmal haben die osteuropäischen Handwerker perfekt gearbeitet.

Denn die Dreharbeiten fanden wie heutzutage beinahe üblich in Osteuropa statt. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks müssten sich US-Filmteams inzwischen wie zu Hause fühlen; sie stolpern geradezu übereinander, so viele Streifen werden hier heruntergekurbelt, wo der Dollar hart und das filmhandwerkliche Niveau hoch ist, während die Löhne niedrig blieben. „Stag Night“ entstand in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Das wird in der Besetzung der sprachlosen Nebenrollen deutlich; die Mitglieder einer Kolonie vergleichsweise ‚normaler‘ Tunnelmenschen, denen unsere Flüchtlinge einmal begegnen, sehen ganz und gar nicht ‚amerikanisch‘ aus.

Überhaupt entstanden wohl nur einige Luftaufnahmen in New York. Da das Geschehen so rasch wie möglich unter die Erde verlegt wird, musste nur ein einziger Straßenzug durch entsprechende Autos, Verkehrsschilder und Werbeplakate ‚amerikanisiert‘ werden. Ansonsten profitierte die Produktion davon, dass sich die U-Bahn-Anlagen der westlichen Welt sehr stark ähneln.

Außerhalb der Bahnhöfe bedeutet dies vor allem Dreck und Verfall, denn unter der Erde wird Raumpflege verständlicherweise klein geschrieben. Hinzu kommt eine Dunkelheit, die recht notdürftig durch trübe Lichter aufgehellt wird. Anders ausgedrückt: Die U-Bahn ist das moderne Pendant zur Schlossruine – eine Örtlichkeit, die nicht nur für den Verkehr, sondern auch für das Unheimliche erbaut zu sein scheint. Hinzu kommt das Wissen um reale ‚Tunnelmenschen‘: Obdachlose, die in der Tiefe Schutz vor der Witterung und vor der Polizei suchen.

Schauspieler als Wanderarbeiter

Für Schauspieler der Promi-Kategorie B und vor allem C ist der Dreh einer Billig-Produktion heute meist mit einer weiten Reise verbunden. Dieses Mal ging es wie gesagt nach Sofia und dort in den Untergrund; die Arbeit dürfte kein Zuckerschlecken gewesen sein. Erfreulicherweise verzichtet Dowling, der auch das Drehbuch schrieb, darauf, uns die selbst im Halbdunkel sichtbar nicht mehr gar so jungen Darsteller als Teenies zu verkaufen. Mike und seine Freunde sind „Thirtysomethings“, und auch Brita, die Geschichte studierende Stripperin, hat die Pensionsgrenze beinahe erreicht.

Von einer ausgefeilten Charakterzeichnung kann natürlich in keinem Fall gesprochen werden. Aber auch für ein Auswalzen langbärtiger Klischees bleibt kaum Zeit. „Stag Night“ dauert nur 84 Minuten, die übrigens beinahe in Echtzeit ablaufen. Zwar gibt es keine neuen (oder gar guten) Ideen, aber dafür auch keinen Leerlauf. Sogar die obligatorische Nackt- und Fummel-Szene ist kurz und wird eher abgehakt.

Da die Tunnelratten nur heulen und nicht sprechen müssen, konnten für diese Rollen bulgarische Darsteller gecastet werden. Sie müssen primär dreckig und degeneriert sein. Unwichtig sind dagegen lästige, weil der Logik geschuldete Fragen: Wieso sind nur unsere Kannibalen stumm und geistig so heruntergekommen, während die übrigen Tunnelmenschen recht manierlich blieben? Immerhin sind sie so intelligent, dass sie Stromkabel anzapfen können.

„Logik“ ist andererseits ein Wort, das in diesem filmischen Umfeld keinerlei Existenzberechtigung besitzt. Deshalb ist der Zuschauer ganz und gar nicht erstaunt, als dem eigentlichen Ende, das erfreulich konsequent auf ein unlogisches Happy-End verzichtete, noch ein Last-Second-Schlussgag der besonders plumpen Art folgt, dem gleichzeitig die Drohung einer Fortsetzung innewohnt, aus der die spannende Frage resultiert, ob sogar ein Routine-Produkt wie „Stag Night“ ein Franchise gebären kann.

DVD-Features

Der Zuschauer darf dankbar sein: Weder die vor noch die hinter der Kamera für „Stag Night“ Verantwortlichen mussten im Rahmen eines „Making-of“ Begeisterung heucheln oder einander über den sprichwörtlich grünen, hier reichlich welken Klee loben. Nur der Hauptfilm stiehlt uns die Zeit.

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The Grudge 3

Erstellt von Michael Drewniok am 10. Juni 2010

The Grudge 3

Originaltitel: The Grudge 3 (USA 2009)
Regie: Toby Wilkins
Drehbuch: Brad Keene
Kamera: Anton Bakarski
Schnitt: John Quinn
Musik: Sean McMahon
Darsteller: Johanna Braddy (Lisa), Beau Mirchoff (Andy), Gil McKinney (Max), Jadie Hobson (Rose), Emi Ikehata (Naoko), Matthew Knight (Jake), Shawnee Smith (Dr. Sullivan), Aiko Horiuchi (Kayako), Shimba Tsuchiya (Toshio), Takatsuma Mukai (Daisuke), Marina Sirtis (Gretchen), Laura Giosh (Renee), Mihaela Nankova (Brenda), Michael McCoy (Praski) u. a.
Vertrieb: Constantin Film

Erscheinungsdatum: 22.10.2009 (Kauf-DVD bzw. (Blu-ray)
EAN: 4011976872382 (DVD) bzw. 4011976314981 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Nachdem Jake, der letzte Überlebende der Kimble-Familie (s. „The Grudge 2“), wie angekündigt ein grausiges und unerklärliches Ende gefunden hat, beginnt Dr. Sullivan, die den verstörten Jungen psychologisch behandelt hatte, seiner wirren ‚Erklärung‘ nachträglich Glauben zu schenken: In dem alten Mietshaus in Chicago, das seiner Familie ein Heim war, habe sich ein Fluch aus Japan eingenistet, der in Gestalt einer bizarr verrenkten Geisterfrau und eines weißhäutigen Geisterkindes über die Kimbles hergefallen sei.

In Tokyo liest die junge Naoko von der Tragödie in Chicago. Sie erkennt, dass es sich bei den Geistern um ihre Schwester Kayako und ihren Neffen Toshio handelt, die einst vom jähzornigen Schwager Takeo so grausam ermordet wurden, dass daraus ein „Ju-on“ entstand – jener Fluch, der unerbittlich jeden tödlich trifft, der mit ihm in Kontakt kommt. Eine amerikanische Japanreisende schleppte ihn ahnungslos in die USA ein, wo er später die Kimbles fand.

Nun geraten weitere Bewohner des Mietshauses ins Visier des Fluches. Toshio hat es auf die kleine Rose abgesehen. Das an einer Lungenkrankheit leidende Mädchen wird von ihren schon erwachsenen Geschwistern Max und Lisa erzogen. Der Bruder ist Hausmeister, die Schwester gerade dabei, mit ihrem Freund Andy nach New York umzuziehen.

Zunächst können die Geister unbemerkt ihr Unwesen treiben und Mieter metzeln. Doch aus Tokyo trifft Naoko ein, um dem Fluch im Rahmen einer Austreibungs-Zeremonie ein Ende zu bereiten. Auch Dr. Sullivan forscht in dem Haus nach übernatürlichen Spuren. Kayako und Toshio müssen bald getrennt arbeiten, um sämtliche Fluch-Vorgaben erfüllen zu können. Sogar Takeo gesellt sich zu ihnen, sodass Lisa und Naoko sich mächtig ins Zeug legen müssen, um den völligen Overkill zu verhindern …

Der Fluch des Erfolgs

„The Grudge 3“ belegt eindrucksvoll, dass selbst der stärkste asiatische Fluch vor dem modernen Bösen kapitulieren muss. Es nennt sich „Franchise“ und ist berüchtigt für einen unerbittlichen Würgegriff, der nur nachlässt, wenn seine Kraftquelle – das Geld seiner Opfer – dünner durch seine Adern zu rinnen beginnt. Bis es soweit ist, kennt das Franchise keine Gnade mit einer Geschichte, die ihm zwischen die Fäuste geraten ist, sondern presst sie aus, bis der leeren Hülle nur noch lauwarme Luft entweicht, die von seinem ungerührten Meister nichtsdestotrotz als sauerstoffreich belebende Unterhaltung etikettiert und weiterhin möglichst profitabel verkauft wird.

Wer eine Portion jener Luft erwischt, die den Namen „The Grudge 3“ trägt, wird je nach Veranlagung unterschiedlich auf den Konsum ansprechen. Einschlafen oder wütendes Wettern werden aber sicherlich die beiden häufigsten Reaktionen darstellen, denn dieser Film bietet trotz handwerklicher Akkuratesse eine lächerliche Story, die zudem unter vollständiger Abwesenheit von Inspiration weniger erzählt als dem Publikum vorgeworfen wird.

Schon „The Grudge 2“ hatte (wieder einmal) bewiesen, dass manche Geschichte keine Fortsetzung hat. Zwar handelte diese erneut von einem schier sich unendlich fortsetzenden Fluch, doch der ist recht monoton: Wer Kayako und Toshio über den Weg läuft, muss sterben – Pech für diejenigen, die er trifft, aber ebenso leiden müssen die Zuschauer, die höchstens durch Variationen der vom Fluch initiierten Tode bei Laune gehalten werden können.

Faule Tricks für faulen Zauber

Aber auch in dieser Hinsicht gibt der ursprüngliche „Ju-on“ kaum Spielraum. Kayako windet sich kalkweiß mit gebrochenen Knochen auf ihre Opfer zu, während Geister-Söhnchen Toshio – mindestens ebenso bleich – munter dazu kreischt. Anschließend wird der aktuelle Unglücksrabe tüchtig durchgewalkt, gegen die Wände geworfen oder seiner Augen beraubt. Was ihm oder ihr möglicherweise sonst angetan wird, bleibt offen, da die Kamera gern abblendet, bevor unsere Geister richtig ans Werk gehen; das soll die Vorstellungskraft der Zuschauer in Gang bringen und schont außerdem die Börse des Produzenten, der Geld für teure Spezialeffekte spart.

Um den wie auf Schienen in bekannte Richtung laufenden Fluch attraktiver zu gestalten, erweiterte Drehbuchautor Brad Keene den Mythos. Dies ist legitim, funktioniert aber selten. Auch in unserem Fall führten die neuen Einfälle nur zur Verwässerung des Konzeptes. Der böse Takeo, der den „Ju-on“ in einem Anfall wahnwitziger Wut geschaffen hatte, war durch Selbstmord und vor allem spurlos geendet. Nun taucht er plötzlich ebenfalls aus dem Geisterreich auf, schließt sich seiner Familie an und ergreift Besitz von Hausmeister Max: unlogischer Blödsinn, der durch weitere trübe Geistesblitze verschlimmbessert wird.

Plötzlich taucht eine Schwester der untoten Kayako auf. Siehe da, sie, die plötzlich zu einer Art Hexe mutiert, bringt das übliche Lösungsmittel ratloser Drehbuchautoren mit in die USA: Es gibt ein (albernes) Ritual, mit dem sich die Geister austreiben lassen. Weil sie zu den Darstellern gehört, niedlich und kindlich ahnungslos ist, muss neben Lisa auch Rose an der Zeremonie teilnehmen. Warum kann Naoko ersatzlos auf Max verzichten, der ebenfalls von den Geistern gepiesackt wird?

Nicht nur langweilig, sondern auch farblos

An „The Grudge 3“ fällt nicht nur der unausgegorene Fortsetzungs-Plot, sondern auch dessen inspirationslose Umsetzung unschön auf. Regisseur Toby Wilkins hat mit „Splinter“ (2008) bereits bewiesen, dass er seinen Job besser kann. Hier war er wohl selbst ratlos in der Frage, wie er dem ausgebrannten Mythos wenigstens in Bild und Ton auf die Sprünge helfen könnte. „Schrecken“ wird deshalb gleichgesetzt mit dem bewährten „Buh!“-Ruf, was hier u. a. so aussieht, dass jedes jenseitige Wirken durch lautstarke Musik und das ruckhafte Schwenken der Kamera auf verzerrte Geisterfratzen angekündigt wird bzw. verstärkt werden soll; muss ausgeführt werden, dass und wieso dies nicht klappt?

Leid tun einem die Darsteller. Zwar gehören sie nicht zu den begabten Größen ihrer Zunft, doch etwaiges Talent könnten sie in diesem Film ohnehin nicht unter Beweis stellen. Klischees dominieren, immer wieder fallen Figuren wie Naoko für lange Zeit aus der Geschichte heraus. Johanna Braddy, Gil McKinney oder Beau Mirchoff sind einfach nur ansehnlich präsent. Jadie Hobson gibt das Hollywood-Kind, ist also einerseits altklug und verhält sich andererseits dämlich dort, wo jeder normale Kind Übles ahnen und sich fernhalten würde: Wie kann sie den schneeweißen Toshio auch nur eine Sekunde für etwas anderes als einen Geist halten?

Während Shawnee Smith den Film mit einem für das Geschehen nutzfreien Kurzauftritt immerhin durch ihre „Saw“-Prominenz adelt, stimmt der Anblick von Marina Sirtis nur traurig. Nachdem ihre „Star-Trek“-Zeit als Deanna Troi endgültig vorbei ist, muss sie sich offenbar mit Nebenrollen über Wasser halten, wie sie jeder namenlose Kleindarsteller ausfüllen könnte.

Spuk ohne Esprit

Kann Heimweh auch Gespenstern zu schaffen machen? Die Vermutung liegt nahe, wenn man Kayako und Toshio beim Spuken und Morden beobachtet; sie wirken abgelenkt. Liegt es daran, dass wir ihre Faxen zur Genüge kennen? Kommen ihre Übeltaten in einem US-Hausblock nicht so zum Tragen wie in einem japanischen Einfamilienhaus? Wirkt die in der Kayako-Rolle neubesetzte Aiko Horiuchi nicht so erschreckend wie Takako Fuji, die nicht nur in „The Grudge“ und „The Grudge 2“, sondern auch in den originaljapanischen „Ju-on“-Filmen eine wahrlich eindrucksvolle Geister-Furie gab? Oder liegt es an einer Kamera, die allzu ausgiebig auf einem Spuk verharrt, dem Schatten besser zu Gesicht stehen?

Ein Indiz für Fortsetzungen, die eigentlich überflüssig sind, bietet im Horrorfilm jener ‚Härtegrad“, der sich u. a. in der Literzahl verspritzten Kunstblutes messen lässt. Je sinnfreier der Film, desto plakativer wird das Grauen. „The Grudge 3“ belegt es – schön für oben zitierte Hypothese, schlecht für die Zuschauer, denn zufrieden können beide nicht sein: die Gruselfreunde, die einen subtilen, atmosphärischen Schrecken lieben, und die „gorehounds“, für die Blut und andere Körperflüssigkeiten gar nicht hoch genug spritzen können.

Wenigstens sind die zahlenarmen Tricks sorgfältig inszeniert, denn Regisseur Wilkins begann seine Filmlaufbahn als Spezialist für „visual effects“. Auch sonst sieht „The Grudge 3“ sehr gut aus für einen Film, dessen Budget nur 5 Mio. Dollar betrug. Für „The Grudge 2“ hatte Takashi Shimizu noch die vierfache Summe verdrehen dürfen (damit aber auch kein wesentlich überzeugenderes Ergebnis erzielt). Für Teil 3 wich die Produktion deshalb ins Billigparadies Osteuropa aus.

„The Grudge 3“ wird als Ende der Serie angekündigt. Da der kostengünstig entstandene Film, der nicht mehr ins Kino kam, sondern direkt auf DVD bzw. Blu-ray gepresst wurde, knapp 37 Mio. Dollar einspielte, darf dieser Verlautbarung nur unter großem Vorbehalt Glauben geschenkt werden. Angesichts des ausgeglichenen Null-Niveaus des dritten Teils erzeugt bereits der Gedanke an „The Grudge 4“ endlich jenen Schrecken, die der Film längst nicht mehr entfachen kann.

DVD-Features

Obwohl in „The Grudge 3“ weder viele Ideen noch Geld investiert wurden, gibt es zum Hauptfilm doch einige Zusatz-Infos, die helfen sollen, das Franchise am Leben zu erhalten. Faktisch handelt es sich dabei um das übliche „Making-of“, das jedoch in minutenkurze Featurettes zerhäckselt wurde, um dem Zuschauer = Käufer mehr Extras vorzugaukeln.

Unter dem Titel „Tokyagoaria” finden wir Impressionen eines Film-Alltags, der finanzschwache US-Produktionen wie „The Grudge 3“ heute wie selbstverständlich ins osteuropäische Exil zwingt. Sowie die Kulissen ‚Tokyo‘ als auch ‚Chicago‘ entstanden am tatsächlichen Drehort: in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Dort arbeiten ausgewiesene Filmhandwerker für Billiglöhne und realisieren dabei Kulissen, die auch einen Streifen wie „The Grudge 3“ ansehnlich wirken lassen. U. a. wurde in Sofia die nach den Dreharbeiten von „The Grudge 2“ niedergerissene Mietshaus-Kulisse nach den Originalplänen neu, in Windeseile und perfekt nachgebaut; in „Tokyagoaria” sehen wir Matthew Knight, einziger Darsteller, der den zweiten Teil überlebte, fasziniert durch die Kulisse streifen und sie mit den Bauten von 2006 vergleichen.

In „The Curse Continues“ bemüht sich vor allem Regisseur Wilkins intensiv darum, den Zuschauern weiszumachen, sie würden mit einerseits mit den bewährten und beliebten „Grudge“-Elementen bedient, während sie andererseits auf fesselnd neue Seiten des „Ju-on“-Fluches gespannt sein dürfen – reiner Dummfug, der alte Publikumsschichten beschwichtigen und neue erschließen soll.

Die Extras werden durch einige geschnittene Szenen abgerundet, die dem endgültigen Werk in der Tat überhaupt nicht abgehen; man wünscht sich, der Mann mit der Schere wäre noch beherzter zu Werke gegangen. Stattdessen stehen die Zeichen auf Sturm bzw. „The Grudge 4“.

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Deadwater

Erstellt von Michael Drewniok am 28. Mai 2010

Deadwater

Originaltitel: Deadwater/Black Ops (USA 2008)
Regie: Rebel Wan (= Roel Reiné)
Drehbuch: Ethan Wiley u. Roel Reiné
Kamera: Roel Reiné
Schnitt: Radu Ion u. Bayard Stryker
Musik: Joseph Bauer
Darsteller: Lance Henriksen (John Willets), Gary Stretch (Colin Willets), Katherine Randolph (Traci Leonard), Robert Pike Daniel (Slab), D. C. Douglas (Grubman), Jim Hanks (Buford), Matthew Alan (McCloskey), Richard Jenik (Ricks), Lee Majodoub (Fahdawi/Khalil), Grant Mathis (Gunther Neumann), James Russo (Combs), Tom McCafferty (Jackson), Daniel Louis Rivas (Swanson), Jonathan Espolin (Alberts) uva.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.05.2010 (Leih-DVD) bzw. 04.06.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4041658223669
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Sechs Monate vor der Pensionierung wird Colonel John Willets auf einen brisanten Einsatz geschickt: Der militärische US-Geheimdienst hat den Kontakt zu einem Schiff im Persischen Golf verloren, auf dem “Black Ops”, also ’schwarze’, d. h. verdeckte und heimliche Operationen stattfinden. Aktuell wurden Informationen aus einem hochrangigen irakischen Terroristen gefoltert. Willets und seine Männer sollen feststellen, was an Bord geschehen ist. Als der alte Haudegen hört, dass Sohn Colin auf dem Schiff dient, macht er sich umgehend auf den Weg, obwohl er ahnt, dass man ihm etwas verschweigt: Was treiben die beiden Militär-Wissenschaftler Grubman und Leonard, die mit seltsamen Instrumenten nach elektromagnetischen Feldern suchen?

Als die Spezial-Einheit das Schiff erreicht, findet es die Besatzung mit bloßen Händen in Stücke gerissen und daher meist tot vor. Nur vier Überlebende gibt es, zu denen Colin Willets gehört. Gesehen hat niemand, wer so grässlich hauste oder die Leichen der ‘Verhörspezialisten’ zu einem dekorativen Hakenkreuz-Muster auslegte. Der Verursacher macht sich aber bald den Neuankömmlingen bemerkbar, indem er auch sie niederzumetzeln beginnt. An Bord gestrandet und somit der unbekannten Macht ausgeliefert, müssen Vater und Sohn Willets erst feststellen, was Grubman und Leonard schon wissen: An Bord gibt es keinen Terroristen. Stattdessen haust auf dem uralten Schiff der Geist eines einst von Nazi-Wissenschaftlern erschaffenen Super-Soldaten, dessen Geheimnisse der US-Geheimdienst gern in Erfahrung bringen würde, um selbst die Produktion von Killer-Marionetten aufnehmen zu können.

Doch der zum Gespenst gewordene Gunther Neumann hat längst seinen Abschied genommen. Er murkst nun ohne Rücksicht auf Rasse und Herkunft alle Pechvögel ab, die ihm in die Quere kommen. Für Colonel Willets und seine Truppe beginnt deshalb eine lange Geisternacht, deren Morgendämmerung möglicherweise niemand mehr erleben wird …

Filme für jene, die es gar nicht mehr graust

Manchmal sticht auch und gerade den erfahrenen und an Leid gewöhnten Kritiker der Hafer. Er greift dann nicht versehentlich, sondern gezielt zu einem bisher nicht gesehenen Film, obwohl er eher weiß als ahnt, dass ihn keine anderthalb Sternstunden der Unterhaltung erwarten. Was dann bleibt, ist die Hoffnung auf einen Film aus jener Nische, die dem unfreiwilligen Humor vorbehalten ist. Mit dem Label “Trash” wird gekennzeichnet, was so komplett missraten ist, dass es wieder lustig wirkt. Ganz wichtig – dies sei deshalb wiederholt – ist der Aspekt des ungewollten Scheiterns. Vor und hinter der Kamera haben stattdessen geistig zurechnungsfähige Männer und Frauen auch in unserem Fall geglaubt (oder wenigstens gehofft), sie könnten mit “Deadwater” ihrem Publikum spannend die Zeit vertreiben.

Stattdessen gelingt es ihnen nur, einen Schritt auszulassen und besagtes Publikum zu vertreiben. Man muss wahrlich hart im Nehmen sein, um dieses Fiasko bis zu den Erlösung markierenden Schlusstiteln durchzustehen. Auf dem langen, steinigen Weg gibt es hin und wieder kleine Belohnungen, wenn das Drehbuch mit Wendungen überrascht, die unter die Kategorie Abstrakte Kunst fallen könnten. Eine medizinische Diagnose für das, was Ethan Wiley und “total filmmaker” Roel Reiné (Drehbuch, Kamera, Produktion und – unter kryptischem Pseudonym – auch Regisseur) sich hier aus den Hirnen wrangen, könnte freilich auch “Delirierender Schwachsinn” lauten.

Geister gehen zur See

Zu diesem Film gibt es kein “Making of”. Wir erfahren deshalb nicht, welcher Teufel Reiné einst wohin ritt, um ihm die ‘Ideen’ für “Deadwater” einzugeben. Der Weg muss ihn aber in den Hafen von San Pedro, Kalifornien, geführt haben, wo an einem Pier die “SS Lane Victory” dümpelt. Das 1945 vom Stapel gelaufene, knapp 140 m lange Frachtschiff transportierte Nachschub für die im Pazifik-Krieg gegen die Japaner kämpfenden US-Truppen und kehrte sowohl im Korea- als auch im Vietnamkrieg in asiatische Gewässer zurück, bevor es 1970 außer Dienst gestellt und ab 1988 in ein schwimmendes Militär-Museum verwandelt wurde. Seitdem ist das alte, aber gut in seinem annähernd originalgetreuen Zustand erhaltene Gefährt bereits mehrfach für Hollywood in den Einsatz gegangen; so durfte die “Lane Victory” 1997 das Kielwasser von James Camerons digitaler “Titanic” doubeln.

Konsequent haben Reiné & Whiley ihr Drehbuch der Kulisse angepasst, denn “Deadwater” spielt bis auf wenige Minuten zu Beginn und am Ende ausschließlich an Bord des schwimmenden Schlachtrosses. Dies allein war kein Grund für das Scheitern des daraus resultierenden Machwerks; Schiffe eignen sich hervorragend als Schauplatz spukiger Ereignisse. Sie sind groß, voller düsterer Ecken und Winkel, und sie bilden einen Mikrokosmos mit fester Grenze: Auf hoher See führt die Flucht von einem verwunschenen Schiff mit ziemlicher Sicherheit in einen nassen Tod.

Patchwork des Blöden & Billigen

Wie man den Kampf gegen ozeanische Phantome effektvoll umsetzt, belegen u. a. Filme wie “Ghost Ship” (2002) oder “Triangle – Die Angst kommt in Wellen” (2009). Obwohl es mächtig umgeht, sind dies keine geistvollen Werke, sondern Produkte, die der geplanten Unterhaltung dienen. Diese stellt sich immerhin ein, was “Deadwater” nicht für sich beanspruchen kann. Hier gelang Reiné nur ein neuerliches “Death Ship” (1980; dt. “Das Todesschiff”), wobei diese peinliche Grusel-Klamotte hier noch aus einem zweiten Grund erwähnt wird: Auch Regisseur Alvin Rakoff setzte 1980 auf das Nazi-Blatt.

Gunther Neumann, der Geister-Spion aus Hitlers Labor-Retorten, ist unbestreitbar das schimmelige Sahnehäubchen auf dem Mistberg, den Wiley & Reiné auftürmen. Bis ihn ein Ghostbuster-Kommando des militärischen Geheimdienstes in seinem Schlupfwinkel aufstöbert – auch ein Gespenst braucht offenbar einen ruhigen Winkel, in dem es nach Feierabend Nazi-Musik und Hitler-Reden im Radio (!) lauscht -, ereignen sich auch im Diesseits mehr als genug Fragwürdigkeiten.

So schlecht geht es dem US-Militär beispielsweise sicherlich nicht, dass es ausgerechnet ein  vor sechs Jahrzehnten vom Stapel gelaufenes Museumsschiff ausmotten, in den Persischen Golf schicken und hoffen müsste, dass der uralte Kahn überhaupt dort ankommt – und falls doch, würde man wahrscheinlich die Ausstellungsräume mit ihren Vitrinen und Fotowänden räumen. (Was die “U.S. Merchant Marine Veterans of World War II”, denen heute die “Lane Victory” untersteht, dem Filmteam anscheinend nicht erlaubt hat, weshalb das Bordmuseum kurzerhand in die Handlung integriert wurde.) Oder wollen sich die Verhör-Spezialisten zwischen anstrengenden Folter-Sitzungen historisch bilden und intellektuell entspannen?

Wieso muss sich das Geschehen überhaupt in der Golfregion abspielen? Eine Spezialeinheit könnte auch in US-Gewässern ein Geisterschiff entern. Einmal mehr sucht Reiné sein Heil in Klischees: Die US-Präsenz im Nahen Osten liefert Reizthemen, auf die sich nicht nur kritische Journalisten, sondern auch fixe Film-Fabrikanten stützen können. Ob Reiné wohl so weit gehen würde, “Deadwater” als Kritik an den staatlich sanktionierten Menschenrechtsverletzungen der USA zu deklarieren? Ein “schwimmendes Abu-Ghuraib” wird das alte Schiff in Anspielung auf die sorgfältig im Ausland verborgenen gehaltenen Folter-Camps der US-Geheimdienste genannt – reine Augenwischerei, die immerhin den sandig-braunen Schleier begründet, der über sämtliche Szenen gelegt wird, die bei Tage spielen. (Tatsächlich sollen auf diese Weise Qualitätsunterschiede zwischen gedrehten und Archivaufnahmen übertüncht werden.)

Quo vadis, Lance Henriksen?

Über die Darsteller in “Deadwater” muss bis auf zwei Ausnahmen kein Wort verloren werden. Sie rekrutieren sich aus dem Heer der TV-No-Names, die in Hollywood mächtig um jede Rolle strampeln müssen und deshalb nicht wählerisch sein können. Anders als die Zuschauer kannten sie das Drehbuch, denn sie leisten Dienst nach Vorschrift hart an der Grenze zur Arbeitsverweigerung, was man ihnen nachsieht, da auch die besten Schauspieler der Welt “Deadwater” zu keinem besseren Film machen könnten.

In Ansätzen beweist dies Lance Henriksen, ein Veteran seiner Zunft, den man eine tragische Gestalt nennen könnte. In zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen hat er sein Talent unter Beweis gestellt. Gleichzeitig lässt er sich für Streifen anheuern, die den Tatbestand der Publikumsverdummung gleich mehrfach erfüllen. Mindestens fünf Filme pro Jahr dreht Henriksen. Anscheinend entscheidet er nicht zwischen Angeboten, sondern nimmt sie einfach an und bringt die Jobs hinter sich. Auf diese Weise hat Henriksen sich unfreiwillig zum Trash-Indikator entwickelt: Sein Name über einem Filmtitel stimmt misstrauisch. Solche ‘Prominenz’ ist selten; ähnlich verdächtig sind beispielsweise Filme, in denen Corbin Bernsen oder David Carradine selig mitspielen.

Dabei leistet Henrikson stets solide Arbeit. “Deadwater” ist da keine Ausnahme. An Henriksen scheinen die Zumutungen des Drehbuches, die lächerlichen ‘Dialoge’ und sogar die Tatsache, das er als knapp 70-jähriger mit pechschwarz gefärbtem Resthaar einen beinharten Elite-Soldaten mimen muss, einfach abzugleiten. Er ist präsent und macht deutlich, wieso man ihn gern anheuert: Er ist sein Geld wert.

Weniger Glück hat die arme Katherine Randolph, die es als einzige Darstellerin in die “Deadwater”-Crew verschlug. Als solche besteht ihre Front-Kampfmontur aus einem bauchfreien Tank-Top. Randolph übernimmt auch die heilige Pflicht einer echten B-Movie-Heroine, indem sie sich in einer für die Handlung nutzfreien Dusch-Szene oben ohne präsentiert; die Armut der Produktion wird auch darin deutlich, dass Reiné sich nur eine Darstellerin ohne Silikonverstärkungen leisten konnte.

Filmarbeit als Kriegseinsatz

“Deadwater” gehört zu den Filmen, deren Entstehung man mit dem Ausdruck “guerilla film making” beschreibt: Es gibt kein eigentliches Budget, das eine ‘normale’ Dreharbeit ermöglicht. Stattdessen teilt sich das Team hinter der Kamera möglichst viele Aufgaben. Hart am Rand der Selbstausbeutung und oft genug jenseits davon fabriziert man auf diese Weise Werke in der Tradition eines Ed Wood, jr.: Durch die rosarote Brille betrachtet sehen die Film-Guerillas einen tollen Film, während den nüchternen Zuschauern nur Flickwerk, Notlösungen und Pfusch in die Augen stechen.

Regisseur Roel Reiné benötigte nur 350.000 Dollar und 15 Drehtage, um seine Vision Gestalt annehmen zu lassen. Er trieb diese (nicht nur) in Hollywood lächerliche Summe auf, schrieb das Drehbuch und saß hinter der Kamera. Der in den Niederlanden geborene Reiné, der im Fernsehen seines Heimatlandes das Film-Handwerk erlernte, ist die Arbeit ohne Geld und Geist gewohnt. Er verdingt sich für Krawall-Filme wie “Adrenaline” oder “Pistol Whipped”, in denen einschlägig bekannten Haudrauf-Mimen wie Steven Seagal, Danny Trejo oder Ving Rhames ihr Unwesen treiben; für Lance Henrikson ist Reiné inzwischen so etwas wie ein Hausregisseur geworden.

“Deadwater” reiht sich damit nahtlos in Reinés Gesamtwerk ein. In den USA erlitt der Regisseur-Autor-Kameramann-Produzent mit seinem Streifen übrigens Schiffbruch. Aus “Deadwater” wurde nach zehnminütiger Kürzung “Black Ops”. Dieser Titel erscheint statt “Deadwater” auch im Vor- und Nachspann – eine Schlamperei, die nicht mehr erschüttern kann. Eines schlimmeren Vergehens machte sich das deutsche Label schuldig, als es Synchronsprecher engagierte, denen offenbar Seilschlingen um die Hälse gelegt und diese langsam zugezogen wurden, um den aus unbekanntem Grund gewünschten, d. h. nöligen, gepressten, ausdruckslosen Sprechton zu gewährleisten.

DVD-Features

Diejenigen, denen wir verdanken, dass “Deadwater” über uns kam, indem sie sie dieses Machwerk entweder produzierten oder später in DVD-Form auf den Weltmarkt warfen, wagten nicht, allzu fest auf die Langmut ihrer Kundschaft zu setzen. Deshalb sparten sie nicht nur beim Hauptfilm. “Deadwater” erscheint nur als DVD, nicht als Blu-ray, was heutzutage durchaus ungewöhnlich ist. Außerdem gibt es keine Extras, sondern nur den Hauptfilm. Hat man den gesehen, versteht man aber, wieso sämtliche Beteiligten lieber im Schutz ihrer Rollen verborgen bleiben, statt sich durch ein “Making of” zu outen.

[md]

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No Man’s Land – The Rise of Reeker

Erstellt von Michael Drewniok am 16. April 2010

No Man’s Land – The Rise of Reeker

Originaltitel: No Man’s Land: The Rise of Reeker (USA 2008)
Regie, Drehbuch u. Musik: Dave Payne
Kamera: Mike Mickens
Schnitt: Daniel Barone
Darsteller: Michael Muhney (Harris), Mircea Monroe (Maya), Wilmer Calderon (Carlos), Valerie Cruz (Allison), Desmond Askew (Binky), Robert Pine (Sheriff Reed), Stephen Martines (Alex), Shelly Desai (Ravi), Ron Roggé (Nick), Baadja-Lyne Odums (Psychiaterin), Christopher Boyer (Officer Mansfield), Ben Gunther (Reeker), David Stanbra (Sheriff Reed als junger Mann) uva.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 26.09.2008 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4042564049909 (Kauf-DVD) bzw. 4042564050912 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Alex, Binky und Carlos sind drei Loser, denen eher zufällig ein Geldraub gelang und die nun auf ihrer planlosen Flucht durch die Mojave-Wüste im Westen der USA irren. Der verliebte aber tumbe Alex schmachtet nach seiner Ex-Geliebten, der schönen Maya, die es nach der Trennung ausgerechnet als Kellnerin in das „6 Corners“, ein ödes Wüsten-Motel, verschlagen hat. Zudem wurde Carlos in den Bauch geschossen und benötigt dringend ärztliche Hilfe.

Auch dieses Mal versaut das kriminelle Trio es: Ausgerechnet an diesem Tag führt Sheriff Reed seinen Nachfolger Harris – der gleichzeitig sein Sohn ist – im „6 Corners“ in die Amtsgeschäfte ein. Reed gilt als Held, seit er vor dreißig Jahren den „Death Valley Drifter“, einen brutalen Serienkiller, stellen konnte. Nie ernst genommen hat Reed, dass der Mörder ankündigte nach seinem Tod als „Seelenfänger“ zurückzukehren, um dem Tod außerplanmäßig entkommene Zeitgenossen zu schnappen und ihrem Ende zuzuführen.

Doch der „Drifter“ kam zurück – als „Reeker“, der halb verwest, deshalb übel stinkend und unter Einsatz möglichst grausamer Mittel dem genannten Job nachgeht. Dass eine Schießerei zwischen den Räubern und Reed Vater & Sohn mit der Explosion der Motel-Tankstelle endet, ruft ihn auf den Plan. Mit den Genannten in einem Reich zwischen Leben und Tod, aus dem Flucht unmöglich ist, finden sich Maya und die Ärztin Allison wieder. Die sieben Pechvögel erfassen allmählich, was ihnen zugestoßen ist und was ihnen droht: Der „Reeker“ wird sie nacheinander töten. Ausschalten lässt er sich nur, wenn sein Körper zerstört wird; eine Aufgabe, die eine Einigkeit fordert, welche sich jedoch nur schwer herstellen lässt. Vor allem Binky ist nicht gewillt von seiner Beute zu lassen. Dem „Reeker“ fällt es daher leicht die Reihen seiner Opfer zu lichten, obwohl sich diese sehr einfallsreich ihrer Haut zu wehren wissen …

Alles zurück auf Anfang?

2005 inszenierte Regisseur und Drehbuchautor Dave Payne mit seiner späteren Ehefrau Tina Illman in der Hauptrolle (sie wechselte für „No Man’s Land“ in die Position einer Produzentin) „Reeker“, einen nie innovativen aber grundsoliden Horrorfilm mit spannender Story, drastischen Effekten und guter Besetzung. Der verdiente Erfolg stellte sich ein, „Reeker“ wurde von einer erquicklich großen Zuschauerschar zur Kenntnis genommen.

Für Payne brachte dies offensichtlich nicht den Durchbruch. Drei Jahre später kehrt er mit einem neuen Film auf die Leinwand zurück, der bei näherer Betrachtung nichts als die Variation des Vorgängers ist. „No Man’s Land“ ist außerdem der Versuch ein Franchise ins Leben zu rufen. Der „Reeker“ soll zur Kultfigur à la Freddy Krueger oder John Kramer aufgebaut werden und in Serie gehen.

Das ist schade, denn obwohl „No Man’s Land“ erneut unterhaltsam geraten ist, wird der Schematismus des Konzepts bereits überdeutlich. „Reeker“ war ein Film, der seine Story erzählt hatte. Eine Fortsetzung konnte nur die Modifikation des längst Bekannten bedeuten. Dass Payne dennoch so nah am Original blieb, ist deshalb die eigentliche bzw. einzige ‚Überraschung‘: Erneut spielt die Handlung in einem isolierten Motel in der Wüste; es könnte sogar identisch mit dem aus „Reeker“ sein. Die Kulisse ist abermals gut gelungen und wird klug ins Geschehen integriert. Hier hat das Gezeigte seinen Sinn, „No Man’s Land‘ ist ein Film, den man nicht im Halbschlaf verfolgen sollte, spielt sich die Story doch auf mehreren Ebenen ab. Was zunächst rätselhaft erscheint, fügt sich nachträglich in ein stimmiges Gesamtbild ein – theoretisch, denn tatsächlich sind dem Drehbuchautoren Payne diverse Schnitzer unterlaufen.

Abwechslung ist leider nicht genug

Aber bleiben wir zunächst beim Konzept. Natürlich sind Payne die Parallelen zwischen „Reeker“ und „No Man’s Land“ durchaus bewusst. Er weicht deshalb von der Vorlage ab, indem er seine Figuren dieses Mal durchschauen lässt, in welcher Situation sie sich befinden, was ihre Handlungen nachhaltig prägt. Leider wirkt dieses Begreifen unrealistisch, und es mindert die Spannung, die in „Reeker“ aus der Frage resultierte, was eigentlich vor sich ging.

Verhängnisvoll wirkt Paynes Entscheidung, dem „Reeker“ eine Biografie zu geben. Im ersten Film blieb er ohne erklärende Hintergrundgeschichte. Die Entscheidung, was der „Reeker“ war oder sein könnte, blieb dem Zuschauer überlassen, was immer eine gute Idee ist. Jetzt wird die Fantasie buchstäblich in Fesseln geschlagen: Der „Reeker“ ist ein ehemaliger Serienmörder, der für den Tod arbeitet. Damit er in aller Ruhe metzeln kann und seinen Opfern ein Entkommen unmöglich wird, stülpt er eine Art Käseglocke über den Ort seiner Untaten.

Wer will das wissen? Ein ‚entzaubertes‘ Monster wird nicht attraktiver. Der „Reeker“ ist nurmehr ein Dienstmann des Todes. Er ist in dieser Rolle nicht einmalig, sondern nur einer von vielen Film-Dämonen. Das ‚offene‘ Ende von „No Man’s Land“ ist folgerichtig gleichzeitig Verheißung einer weiteren Fortsetzung mit einem ‚neuen‘ „Reeker“. Auf diese Weise kann das Franchise lange funktionieren und erbarmungslos zu Tode geritten werden.

Licht im ideenlosen Dunkel

Noch ist es glücklicherweise nicht soweit. „No Man’s Land“ zeugt trotz der Drehbuch- Mechanismen von Dave Paynes Talent. Erneut sorgt er für Überraschungen, d. h. unerwartete Wendungen, die er in ansprechende Bilder zu verpacken weiß. Obwohl „No Man’s Land“ eine Low-Budget-Produktion ist und in 22 Tagen heruntergekurbelt werden musste, gibt der Film zu handwerklicher Kritik keinen Anlass.

Wobei der Auftakt einen ganz anderen Film als den verheißt, den wir dann zu sehen bekommen: Selten ist in letzter Zeit ein irrwitziger Mord so plakativ und blutig in Szene gesetzt worden wie die erste Untat des noch lebendigen „Reeker“. Immer wieder erwartet man, dass die Kamera wegschwenkt, doch es wird immer scheußlicher.

Dennoch ist „No Man’s Land‘ kein klassischer Splatter, auch wenn es später noch mehrfach richtig hart zur Sache geht. Die Brutalität ist Teil der Handlung und wird ihr nicht aufgepfropft. Sie wirkt zudem nie übertrieben. Manchmal schlägt der Horror sogar in Komik um. Dies geschieht nicht unfreiwillig, sondern ist von Payne so gewollt. Freilich übertreibt er es und zerstört die ansonsten sorgfältig gewahrte Stimmung; so mutiert der fiese Binky nach dem Verlust seiner Schädeldecke allzu unmotiviert zur Witzfigur.

Die wichtige Wahl der richtigen Darsteller

„No Man’s Land“ ist wie schon erwähnt ein kostengünstiger Film. Sicherlich aufgrund des Erfolgs von „Reeker“ gelang es Payne dennoch einige bekannte Schauspieler zu casten. Hier sind es vor allem Darsteller nicht mehr ganz jüngeren Jahrgangs wie Michael Muhney, Desmond Askew oder Stephen Martines, die viel für das US-Fernsehen arbeiten und den schnellen Dreh gewohnt sind. Robert Pine, der den älteren Sheriff Reed mimt, ist sogar ein echter Veteran, dessen Filmliste weit mehr als 150 Einträge aufweist.

Für ein unerwartetes Problem sorgt Mircea Monroe: Sie ist einfach zu hübsch für ihre Rolle. Eine vom Leben arg gebeutelte Kellnerin auf der Flucht vor der Vergangenheit nimmt man ihr einfach nicht ab. Sie wirkt sogar bezaubernd, wenn sie die verstopfte Motel-Toilette repariert – ein Manko, mit dem sich die zwar ebenfalls ansehnliche aber weniger puppenhafte Alison Cruz nicht plagen muss.

Für ein darstellerisches Highlight sorgt Michael Robert Brandon in der kurzer aber markanten Rolle des „Death Valley Drifters“. Aus dem Spießer, den wir als erstes Opfer in diesem Film sehen, wird plötzlich ein wahnsinniger Killer, der in seiner offensichtlichen Harmlosigkeit stärker erschreckt als in seiner Inkarnation als „Reeker“. Der ist ganz klassisch das Monster mit verrotteter Haut und gesichtslos unter seiner Gasmaske. Dass er als solches sogar im hellen Sonnenlicht auftreten kann und trotzdem nicht lächerlich wirkt, verdankt er dem (allerdings schon im ersten Teil kreierten) verfremdeten Erscheinen, das ihn in Bildsprüngen und wie durch flirrend heiße Luft verzerrt zeigt.

Die Logik als Spaßbremse

Weiter oben wurden bereits Drehbuchschnitzer angedeutet. Gemeint sind damit nicht jene Unwahrscheinlichkeiten, die integrales Element des Horror-Genres sind, das schließlich von der Unlogik lebt. Sie gehen ohnehin in der turbulenten Handlung unter. Schlecht ist es dagegen um die unterhaltsame Illusion gestellt, wenn die Klopfer so ausgeprägt sind, dass sie sich beim besten Willen nicht ignorieren lassen.

Dave Payne gibt sich große Mühe mit einer Handlung, die nur bedingt geradlinig erzählt wird. Die Realität dringt mehrfach in das Zwischenreich des Hauptgeschehens ein, wobei die chronologische Folgerichtigkeit nicht immer gewahrt bleibt. (Für die Dummen zeigt Payne im Finale das tatsächliche Drama im Zeitraffer; in „Reeker“ war ihm das 2005 ohne diesen plumpen Kniff gelungen.) Während er im Großen und Ganzen erfolgreich bleibt, patzt er im Detail:

- Soll das wirklich ein Atombunker unter dem „6 Corners“ sein, dessen sandkuchenmürbe Wand sich in Minuten mit einer simplen Spitzhacke einreißen lässt?

- Glauben unsere Helden ernsthaft an die Wirksamkeit einer Todesfalle, die aus einer mit Benzin gefluteten Toilettenschüssel besteht, welche an einen Propangastank geflanscht wurde?

- Wieso stolpert ein sterbender Krankenhauspatient über das Gelände, der an einem völlig anderen Ort endete und mit den Ereignissen im Motel rein gar nichts zu tun hat?

- Wer hinterließ im Gästebuch (!) des „6 Corners“ die vielen hilfreichen Hinweise auf die Existenz und das Treiben des „Reeker“?

- Seine Opfer tötet der „Reeker“ dort, wo man sie später in der ‚realen‘ Welt finden wird. Auch Sheriff Reeds Leiche liegt neben dem „6 Corners“, obwohl ihn der „Reeker“ Kilometer entfernt in seiner Mordhöhle umgebracht hat.

Das ist nur eine Auswahl von Fehlern, die dem Zuschauer übel aufstoßen. Die Enttäuschung wird durch die Tatsache verstärkt, dass „No Man’s Land‘ nach dem gelungenen „Reeker“ Hoffnungen auf ein Filmvergnügen weckt, die sich nur bedingt erfüllen. Macht man sich von allzu großen Erwartungen frei, ist „No Man’s Land“ freilich ein moderner Horrorfilm, den man sich anschauen kann, ohne sich anschließend betrogen und veralbert zu fühlen. Das ist angesichts der Blindgänger, die dieses Genre (kenn-) zeichnen, durchaus als dickes Lob zu betrachten …

DVD-Features

Klein aber fein lautet die Devise, unter die sich das Feature-Angebot dieses Mal stellen lässt. Neben dem üblichen Trailer (sowie dem Trailer zum Vorgängerfilm “Reeker”) wurden drei Featurettes auf die DVD gebrannt.

„Hinter den Kulissen“ ist identisch mit einem „Making Of“, wobei informative Bilder von Aktivitäten hinter der Kamera durch nichtssagende und vor plumper Werbung strotzende Äußerungen der Hauptdarsteller und des Regisseurs konterkariert werden.

Wesentlich witziger ist die Featurette „Das Team“. Nicht die ‚wichtigen‘ Beteiligten wurden interviewt, sondern das ‚Fußvolk‘, das normalerweise höchstens im Abspann Erwähnung findet: der Beleuchter, der Handwerker, die Mikrophongalgen-Halterin, die Caterer, der Fahrer. Sie stellen sich kurz vor und charakterisieren ihre Tätigkeiten, wobei die Ungezwungenheit der vor der Kamera gar nicht professionellen Männer und Frauen sehr erfrischend wirkt.

„Cast und Crew“ ist ein kleiner Spaß: Schauspieler und Crew werden nach Dingen gefragt, die ihnen Angst bereiten. Die Palette reicht von „Arbeitslosigkeit“ bis „Disco kehrt zurück“ und dokumentiert die harmonische Zusammenarbeit einer kleinen und in der Wüsten-Wildnis weitgehend auf sich gestellten Mannschaft von Fachleuten und Enthusiasten.

Zum Film gibt es natürlich eine Website, die nicht durch übermäßigen Informationsreichtum auffällt aber sehr hübsch-hässlich gestaltet ist.

[md]

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