Filmbesprechungen.de

reloaded

  • Retrospektive

  • Kategorien

  • Archiv




Archiv für die 'Historie' Kategorie

XX … Unbekannt

Erstellt von Michael Drewniok am 23. Januar 2012

XX … Unbekannt

Originaltitel: X: The Unknown (GB 1956)
Regie: Leslie Norman
Drehbuch: Jimmy Sangster
Kamera: Gerald Gibbs
Schnitt: James Needs
Musik: James Bernard
Darsteller: Dean Jagger (Dr. Adam Royston), Leo McKern (Inspektor McGill), Jameson Clark (Jack Harding), William Lucas (Peter Elliott), Edward Chapman (John Elliott), Peter Hammond (Lieutenant Bannerman), John Harvey (Major Cartwright), Anthony Newley (Lance Corporal „Spider“ Webb), Michael Ripper (Sergeant Harry Grimsdyke), Ian McNaughton (Haggis), Marianne Brauns (Zena), Norman Macowan (Old Tom) uva.
Label: Anolis Entertainment
Vertrieb: e-m-s new media
Erscheinungsdatum: 12.05.2005 (DVD)
EAN: 4020974156608 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,33 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min.
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)

Das geschieht:

Nahe Glasgow bricht auf einem Übungsplatz der Armee eine tiefe Erdspalte auf. Radioaktiver Dampf steigt auf und verbrennt zwei Soldaten. Das Oberkommando steht vor einem Rätsel und wendet sich hilfesuchend an John Elliott, der ein nahes Atomkraftwerk leitet. Elliott schickt Dr. Adam Royston, einen fähigen aber exzentrischen Wissenschaftler, an die Unglücksstelle.

Während Roystons Untersuchungen erfolglos bleiben, beginnt in der Umgebung das Grauen umzugehen. Ein Kind stirbt an radioaktiven Verbrennungen, ein Krankenhaus wird seiner Radium-Vorräte beraubt. Royston entwickelt eine bizarre Theorie: Bewohner aus dem Inneren der Erde sind auf der Suche nach Energie, die für sie Nahrung bedeutet, an die Oberfläche vorgedrungen. Radioaktive Stoffe besitzen den größten ‚Nährwert‘, weshalb die Kreaturen sie auch in der Außenwelt zu finden wissen.

Nur Inspektor McGill, der im Auftrag der Regierung in dem Fall ermittelt, schlägt sich auf Roystons Seite. Die Armee wirft Bomben in den Spalt und füllt ihn mit Beton auf, womit die Angelegenheit für das Militär erledigt ist. Aber die Kreatur – es ist nur eine – existiert. Sie brennt sich buchstäblich durch die Betondecke und begibt sich auf einen neuen Raubzug. Ihr Ziel ist dieses Mal das Elliottsche Atomkraftwerk. Kann es sich an dem dort getesteten Radium laben, muss mit einem enormen Wachstumsschub gerechnet werden. Um das Werk zu erreichen, muss sich das Wesen seinen Weg durch die Stadt Inverness bahnen. Die ahnungslosen Bürger ergreifen die Flucht, das Militär ist machtlos: Mit Feuer oder Schusswaffen kann man einer durch Atomkraft belebten Kreatur nichts anhaben.

Royston plagt sich in seinem privaten Labor mit einem Verfahren, das radioaktiven Stoffen explosionsfrei ihre Energie entziehen soll. Zwar hat es noch nie funktioniert, doch es bleibt keine Wahl: Die Apparaturen müssen dort aufgebaut werden, wo die Kreatur unaufhaltsam ihrem Ziel entgegen wabert …

Unterhaltung benötigt manchmal Nostalgie

„XX … Unbekannt“ ist einer jener Filme, deren Inhaltsangabe die Kinowerbung eher vage hält. Dies leuchtet viele Jahrzehnte nach der Erstaufführung sogar noch stärker ein, obwohl auch der zeitgenössische Zuschauer sich (hoffentlich) seine Gedanken über die in jeder Hinsicht hanebüchene Handlung gemacht hat.

Ein Drehbuch, das den Tatbestand des Schwachsinns erfüllt, ist freilich kein Grund für das Scheitern eines Filmprojektes, das einfach nur unterhalten soll. „XX … Unbekannt“ ist kein Trash: Regisseur und Autor machen sich nicht über die eigene Geschichte lustig, sondern erzählen sie völlig ernst. Die Schauspieler halten sich an dieses Konzept. Ein wenig Humor lockert durchaus die Handlung auf, aber diese Szenen sind tatsächlich humorvoll gemeint und angelegt.

Der Trash-Faktor schimmert unabsichtlich dort durch, wo das knappe Budget und die im Vergleich mit den filmischen Wunderwerken der Gegenwart rudimentäre Tricktechnik der Illusion Grenzen setzt. Gelingt es dem Zuschauer, seinen Spott zu verdrängen und sich diese Sequenzen mit den Augen des zeitgenössischen Publikums anzuschauen, gewinnen sie ihre Bedeutung für das Geschehen, wo sie die Spannung auf altmodische aber gelungene Weise steigern.

Für eine gute Tasse Tee ist immer Zeit!

Eine gewisse Zeitlosigkeit erfährt „XX … Unbekannt“ durch die quasi dokumentarische Inszenierung. Die Handlung wird sorgfältig, aus heutiger Sicht sogar schleppend entwickelt. Trotzdem ist dies kein ‚langsamer‘ Film; so setzt das Geschehen sehr abrupt und mit einem frühen Höhepunkt auf einem Truppenübungsplatz ein. Geändert haben sich seit 1956 Stil und Rezeption: Filme werden heute deutlich schneller geschnitten. Das Publikum hat sich daran gewöhnt und erwartet dieses Tempo. Seine Getragenheit darf man „XX … Unbekannt“ deshalb nicht zum Vorwurf machen.

Bei kaum mehr als 75-minütiger Laufzeit kann sich die Handlung ohnehin keine Pausen gestatten. Sie führt zügig auf ihren Höhepunkt hin. Der Weg fordert erneut die Rücksicht des heutigen Zuschauers. Spannung wurde einst anders gesteigert als heute. Die Kamera schlüpft in die Rolle des Atom-Ungeheuers. So erleben wir die ersten Auftritte des Monsters nur als Reaktion, die sich in entsetzten Gesichtern spiegelt. Es folgt ein entsetzlicher Schrei, der plötzlich abbricht: Diese Pechvögel müssen etwas Grauenvolles gesehen haben – eine Vermutung, die in einer bestimmten Erwartungshaltung gipfelt: Wir freuen uns auf den Moment, wenn auch uns das Ungetüm endlich enthüllt wird!

Als dies geschieht, können wir Zuschauer des 21. Jahrhunderts nur irritiert, enttäuscht, amüsiert oder wütend sein: Die Kreatur entpuppt sich als rhythmisch leuchtender Wackelpudding, der sehr offensichtlich über schräggelegte Miniaturkulissen gleitet. Für das Publikum des Jahres 1956 fehlte die Erfahrung digitaler Wunderwelten.

Science Fiction plus Horror plus Thriller

Mit „The Curse of Frankenstein“ (dt. „Frankensteins Fluch“) begann die britische Produktionsfirma „Hammer“ 1957 den schier endlosen Reigen jener harten, in Farbe gedrehten Horrorfilme, für die sie bekannt und berüchtigt wurde. Doch „Hammer“ existierte schon vor dem II. Weltkrieg. Nach 1945 begann man zunächst mit dem Genre Science Fiction zu experimentieren. 1955 gelang Hammer mit „The Quatermass Xperiment“ (dt. „Schock“) ein schwarzweißer Blockbuster, der zudem in die Geschichte des SF-Films einging.

„XX … Unbekannt“ sollte eigentlich die Fortsetzung werden. Nigel Kneale, der die Figur des Bernard Quatermass erschaffen hatte, wollte sie jedoch für diesen Film nicht freigeben. So wurde aus Quatermass Dr. Adam Royston. Stil und Stimmung blieben indes erhalten. (1957 entstand unter Beteiligung von Kneale „Quatermass 2“/„Feinde aus dem Nichts“.)

Eigentlich sollte Joseph Losey „XX … Unbekannt“ inszenieren. Ein auch filmtechnisch interessanter Film hätte entstehen können, denn Losey zählt zu den Großmeistern der Regie. Während der McCarthy-Ära war er als „Kommunist“ denunziert worden. Losey hatte die USA verlassen und versuchte sich in Europa zu etablieren. Dort setzte er seine Karriere mit vielen bemerkenswerten Regiearbeiten fort. 1956 stand er noch am Anfang. Da „XX … Unbekannt“ nicht nur auf dem britischen Filmmarkt, sondern auch in den US-Kinos Geld einspielen wollte, hätte „Hammer“ gern einen auch jenseits des Atlantiks bekannten Namen engagiert. Der patriotische Dean Jagger wollte allerdings nicht mit dem „Roten“ Losey zusammenarbeiten. Dieser musste Leslie Norman weichen.

Das Grauen kann heimelig sein

Die „gemütliche Apokalypse“ ist eine sehr britische Literaturform. Schon H. G. Wells‘ Klassiker „Krieg der Welten“ (1898) ließ die Invasion vom Mars über eine Inselwelt hereinbrechen, die dem Untergang mit der berühmten „steifen Oberlippe“ und unter Wahrung von Form und Anstand begegnete. Später setzten Autoren wie Robert C. Sherriff, John Wyndham oder John Christopher diese Tradition fort.

„XX … Unbekannt“ ist im ländlichen Schottland angesiedelt. Zwar spielt die Atomkraft eine große Rolle, doch dort, wo sie erforscht wird, scheint die Zeit schon lange stehengeblieben zu sein. Auch die ‚Hightech-Forschung‘ des Dr. Royston spielt sich in einem selbstgebauten Schuppen ab; seine Versuchsapparaturen hat er zum großen Teil offensichtlich aus den Bestandteilen eines Baukastens für Kinder gebastelt.

Der Umgang mit dem Thema Atomkraft und Radioaktivität ist ohnehin einem politischen Zeitgeist geschuldet, der heute das wahre Horror-Element dieses Filmes darstellt. Drehbuchautor Jimmy Sangster und Leslie Norman verschweigen nicht die Gefahren, die mit ihrer Nutzung als Energieträger und vor allem als Waffe verbunden sind. Eine aus dem Kontext fallende Szene zeigt den verzweifelten Vater eines gerade an radioaktiver Vergiftung gestorbenen Kindes, der Royston schwere Vorwürfe macht und ihn als Handlanger einer Forschung anprangert, die sich primär für das Zerstörungspotenzial der Atomkraft interessiert. Royston reagiert betroffen, überwindet dies aber schnell mit dem Hinweis, dass der Vater irre: Nicht Zerstörung, sondern Energiegewinnung sei sein Motiv – ein Argument, dass nach Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima auch nicht mehr stechen kann.

Es kam aus dem Inneren der Erde

Obwohl die Spezialeffekte wie erwähnt der Herausforderung einer überzeugenden Darstellung der umgehenden Kreatur nicht gewachsen sind, holt Kameramann Gerald Gibbs das Beste aus den kümmerlichen Kulissen heraus. Schon als die Erdspalte aufbricht, muss die Fantasie des Zuschauers ihm zu Hilfe kommen. Wenn nichts brennen, explodieren oder durch das Unterholz geistern soll, können die Kulissenbilder überzeugen. Dass in Schwarzweiß gedreht wurde, unterstützt die Glaubwürdigkeit durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten.

In einigen Szenen wird es sogar rabiat, was „XX … Unbekannt“ in Deutschland die an sich lächerliche Freigabe ab erst 16 Jahren beschert. Vor allem den unglücklichen Arzt im Krankenhaus erwischt es hart: Sein Körper bläht sich auf, aus den geschwollenen Fingern spritzt Blut, und schließlich fließt ihm das geschmolzene Fleisch vom Schädel. Generell wird jedoch sehr moderat gesplattert.

Das Atom-Monster wurde schon erwähnt. Es wirkt in der Tat wie ein britischer Bruder des „Blob“, der allerdings erst 1958 in den USA (sowie hierzulande als „Blob – Schrecken ohne Namen“) sein Unwesen trieb. Da unsere radioaktiv im Geigerzähler lustig knatternde Kreatur nur durch die Schwerkraft (bzw. durch Besenstiel-Schubser von unten) ‚bewegt‘ wird, sehen wir sie niemals aktiv nach einem Unglücksraben greifen. Besonders schnell ist sie auch nicht, was ihre Bedrohlichkeit weiter schmälert.

Mutige Männer tun ihren Job

„XX … Unbekannt“ ist ein Film ohne Stars. Sie hätten den Finanzrahmen gesprengt. Man griff auf oft und gern beschäftigte britische Darsteller zurück, die wie üblich einen guten Job leisteten.

Den nun schon mehrfach zur Sprache gebrachten dokumentarischen Aspekt unterstreicht ein Drehbuch, das jegliche Liebesgeschichte ausklammert. Frauen treten nur als Krankenschwestern oder Mütter und am Rande auf. Das weibliche Publikum möge die folgende Zeile überspringen, aber faktisch bekommt der Story der Verzicht auf die übliche Romanze gut. Sie gehört nicht in die Handlung, und sie wird ihr nicht aufgezwungen – eine Konsequenz, die man gern öfter sähe.

Für eine letzte Irritation sorgt das Finale: Natürlich gelingt das riskante Experiment von Dr. Royston. Das Monster verwandelt sich in feuchten Lehm. Plötzlich explodieren seine Reste – eine Reaktion, die den Forscher erschreckt. Leider war wohl das Budget genau jetzt ausgeschöpft. Während der Zuschauer auf den finalen Twist wartet, der gerade angekündigt wurde, bricht der Film einfach ab, und die Schlusstitel beginnen zu laufen – kein glücklicher Ausklang für einen Film, der ansonsten für ein altmodisches aber trotz des Alters bildscharfes Vergnügen sorgt.

DVD-Features

„XX … Unbekannt“ wurde von Anolis Entertainment als 4. Teil der Reihe „British Horror Classics“ veröffentlicht. Da dieser Film 1956 als reines Unterhaltungsprodukt entstand, hielt sich die Zahl der noch aufzufindenden Extras in engen Grenzen. Aufgespielt werden konnten deshalb nur ein Trailer, eine selbstablaufende Galerie mit 14 Szenenfotos sowie ein achtseitiges Filmprogramm aus Dänemark. Hinzu kommt ein vierseitiges Booklet mit Hintergrundinformationen des Filmexperten Uwe Huber.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)

Abgelegt unter Filmbericht, Historie, Horror, Mystery, Science Fiction, Thriller | Keine Kommentare »

Solomon Kane

Erstellt von Michael Drewniok am 12. Januar 2012

Solomon Kane

Originaltitel: Solomon Kane (Frankreich/GB/Tschechische Republik 2009)
Regie u. Drehbuch: Michael J. Bassett
Kamera: Dan Laustsen
Schnitt: Andrew MacRitchie
Musik: Klaus Badelt
Darsteller: James Purefoy (Solomon Kane), Rachel Hurd-Wood (Meredith Crowthorn), Pete Postlethwaite (William Crowthorn), Patrick Hurd-Wood (Samuel Crowthorn), Alice Krige (Katherine Crowthorn), Anthony Wilks (Edward Crowthorn), Max von Sydow (Josiah Kane), Lucas Stone (Kane als Kind), Samuel Roukin (Marcus Kane), Isabel Bassett (Hexe), Jason Flemyng (Malachi), Christian Dunckley Clark (Malthus), James Babson, Marek Vasut, Geoff Bell (dumme Räuber) uva.
Label/Vertrieb: Constantin Film
Erscheinungsdatum: 07.10.2010
EAN: 4011976877585 (DVD) bzw. 4011976319887 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1(Deutsch, Englisch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 103 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Anfang des 16. Jahrhunderts hat sich der enterbte englische Adelssohn Solomon Kane im Ausland einen Namen als Glücksritter und Pirat gemacht. Als er eines Tages nur knapp dem Engel des Todes entkommt, der ihn holen wollte, weil er seine Seele angeblich dem Teufel verschrieben habe, wird Kane nachdenklich. Er schwört der Gewalt ab und zieht sich in ein Kloster zurück, wo er allmählich zur Ruhe kommt.

Zeitgleich hat der Zaubermeister Malachi mit der Eroberung Englands begonnen. Unter der Führung seines stummen, niemals unmaskiert auftretenden Heerführers fallen durch Hexerei gestärkte Truppen über die Landbevölkerung her, versklaven die Schwachen und zwingen die Starken unter Malachis geistiges Joch.

Kane verlässt das Kloster und begibt sich auf die Wanderschaft. Er will nach Nordamerika auswandern und dort ein neues Leben anfangen. Unterwegs fällt er unter Räuber. Gerettet wird er vom Puritaner William Crowthorn, den es mit seiner Familie ebenfalls in die Neue Welt zieht. Als Malachis Schergen seine neuen Freunde überfallen und töten, besinnt Kane sich alter, mörderischer Stärken. Er will die junge, schöne Meredith Crowthorn retten, die Malachi auf sein Schloss verschleppen ließ.

Der Weg dorthin ist lang und gefährlich. Hexen, Zombies und Verräter muss Kane überwinden, und irgendwann bekommt auch der Heerführer Wind von dem hartnäckigen Verfolger. Zu allem Überfluss entpuppt sich Malachis Hauptquartier als Stammburg der Kanes, nachdem dessen stolzer Herr, Kanes Vater, von dem Zauberer umgarnt und betrogen wurde.

Im großen Saal der Burg treffen die wenigen Schurken, die Kanes Rachezug überlebt haben, Kane selbst, Meredith und Malachi zusammen. Leider hat der Hexenmeister mindestens ein teuflisches As im Ärmel, das sich turmhoch über Kane aufbaut und ihm nach Leben und Seele trachtet …

Das Leben als Jammertal

1928 schuf der Unterhaltungsschriftsteller Robert E. Howard (1906-1936), dem wir auch ewige Fantasy-Helden wie Conan und die Rote Sonja verdanken, den Puritaner und Hexenjäger Solomon Kane. In einer Reihe von Storys führte ihn sein geistiger Vater an immer neue, meist exotische und stets unheimliche Orte, an denen ein Grauen lauerte, das vom schrecklich frommen Kane als heidnische Teufelei identifiziert und mit Feuer & Schwert ausgetilgt wurde.

Dieser Solomon Kane, ein düsterer, humorloser, fanatischer Geselle, blieb sich dank Howard stets treu. Er war nie sympathisch und ganz sicher keine Identifikationsfigur, aber in seiner Unerbittlichkeit und Kampfstärke der Richtige, um spannend den ausgetüftelten Todesfallen zu entkommen, die Howard sich für ihn ausdachte. War ihm dies gelungen, wandte er sich umgehend dem nächsten Teufelswerk zu. Dessen Ausrottung war seine Mission, eine Arbeit, die für Kane, das schaurige Ideal des kompromisslosen Puritaners, nie getan war.

Mit seiner schwarzweißen Weltsicht eignete sich Howards Kane nicht als Filmheld. Als solcher benötigte er Schwächen, eine entsprechende Vorgeschichte sowie die Reifung durch eine persönliche Queste, die ihn einerseits läuterte und andererseits menschlicher wirken ließ. Ähnlich war es bereits Conan, dem Barbaren, ergangen, der als erster Howard-Recke 1982 auf die Leinwand gestürmt war. Allerdings hatte Regisseur und Drehbuchautor John Milius darauf geachtet, die Figur nicht gar zu konturenglatt zu schleifen – ein Beispiel, dem Michael J. Bassett, ebenfalls Regisseur und Autor, 2009 nur bedingt folgte.

Ein langer Weg in die Vergangenheit

Dabei hätte es wesentlich schlimmer kommen können. 2001 stand „Solomon Kane“ schon einmal vor einem Drehbeginn. Die Titelrolle sollte an Christopher Lambert gehen, der sich gerade zum vierten (und hoffentlich letzten) Mal durch eine schaurig schlechte „Highlander“-Fortsetzung geprügelt hatte. Glücklicherweise zerschlug sich dieses „Kane“-Projekt; es kam erst 2006 erneut in Gang, als Bassett das Heft in die Hand nahm. Gecastet wurde nun James Purefoy, der nicht nur optisch einen glaubhaften Kane darstellt, sondern sogar über schauspielerisches Talent verfügt, das er in die Rolle einbringen konnte (und wollte).

Etwa 45 Mio. Dollar betrug das Budget. Angesichts der Wahnsinnssummen, die in Hollywoods Blockbuster fließen, ist dies moderat. Im Umfeld jener Streifen, die vor allem über ihre Spezialeffekte funktionieren, steht „Solomon Kane“ freilich gut dar. Das zur Verfügung stehende Geld konnte zudem gestreckt werden, indem man in der Tschechischen Republik drehte, wo auch heute Statisten noch so kostengünstig sind, dass man sie nicht digital ersetzen muss.

Deshalb fällt „Solomon Kane“ u. a. durch diverse Massenszenen auf, die gleichzeitig demonstrieren, dass die Kulissen nicht an den Bildrändern endeten. Detailliert ausgeführte Dorfflecken, Kirchen, Burgsäle u. a. Örtlichkeiten wurden in erstaunlichen Größen real gebaut. Die Kamera greift den zur Verfügung stehenden Raum mit Vergnügen auf und fliegt immer wieder über diese Kulissen, in denen es vor Leben und Schlachtgetümmel wimmelt. Das Wetter ist winterlich – es schneit und regnet, die Welt ist ein einziger Pfuhl, und nur ganz selten wird offenbar, dass diese Szenen meist am Tage und bei Sonnenschein entstanden. (Anzumerken ist eine auch in den Masken allzu ausgeprägte Affinität zur Gestaltung der „Herr-der-Ringe“-Filme.)

Der schwarze Mann mit dem großen Hut

„Solomon Kane“ lebt durch seine Bildopulenz sowie durch die Darstellungskunst seiner Hauptfigur. Zwar kann auch Purefoy die Schwächen des Drehbuches – dazu weiter unten mehr – nicht im Alleingang ausgleichen. Trotzdem gelingt es ihm, die holzschnittartige ‚Entwicklung‘, die sein Charakter erfährt, wenigstens ansatzweise nachvollziehbar zu gestalten. Der frühe Kane ist ein Räuber, Dieb und Mörder. Später entscheidet er sich für ein mönchisches Leben. Dann kommt hollywoodtypisch die große Krise. Sie geht mit dem vom Schicksal erzwungenen Rückfall in die Gewalttätigkeit einher, die auf diese Weise legitimiert wird: Kane hat es ja versucht, aber die Bösen ließen ihn seinen Frieden nicht …

Der eigentliche Solomon Kane manifestiert sich erst im Finale. Er ist jetzt weder Mörder noch Mönch, sondern ein Krieger des Herrn und bereit, sich für das Gute in die nächste Schlacht zu stürzen. Diese Wendung wird verständlicher, wenn man weiß, dass „Solomon Kane“ von Bassett als Trilogie geplant ist. (Ob sie jemals zustande kommen wird, steht aktuell in sehr weit entfernten Sternen.)

Im Vergleich zu Purefoy bleiben die übrigen Darsteller blass. Vor allem die arme Rachel Hurd-Wood steht auf verlorenem Posten: Ein Solomon Kane darf kein „love interest“ besitzen. Die schöne Meredith rettet er nur, weil er es ihrem sterbenden Vater versprochen hat. Ein Schwur zählt für Kane allemal mehr als Liebe. Beiläufig erwähnt er kurz vor dem Abspann, dass er Meredith bei ihrer Mutter abgegeben hat …

Unter dem allgegenwärtigen Schlamm und Dreck, den Bassett über seine Version des 16. Jahrhunderts spritzt, bleiben die Darsteller Archetypen. Was die Guten wie die Bösen umtreibt, ist oft unklar oder interessiert den Zuschauer nicht. Manchmal entscheidet Bassett schlicht falsch: Der böse Heerführer ist wesentlich interessanter und präsenter als der angeblich so mächtige Malachi, der erst im Finale auftritt und nicht wirklich erschrecken kann. Ratlos macht auch der Aufwand, den Malachi treibt, um Meredith suchen und in sein Schloss schaffen zu lassen. Dort weiß er nichts Besseres mit ihr anzufangen, als ihr ein wenig Jungfrauenblut abzuzapfen, mit dem er einen Dämon aus der Hölle heraufbeschwört.

Einige Akzente weiß höchstens der großartige Pete Postlethwaite in einer seiner letzten Rollen zu setzen. Sein unglaubliches Gesicht passt perfekt in diese archaisch überzeichnete Vergangenheit, während die Mehrheit der Darsteller allzu geschminkt und verkleidet wirkt. Was Postlethwaite in einen Film wie diesen brachte, der in der Rolle des William Crowthorn ein schauspielerisches Schwergewicht wie ihn nicht wirklich benötigt, bleibt dennoch unklar. Immerhin hat Postlethwaite Glück: Man erkennt ihn immerhin, während der Zuschauer eher fassungslos erst den Schlusstiteln entnimmt, dass er irgendwo auch der wunderbaren Alice Krige und dem großen Max von Sydow bei der Arbeit zugesehen bzw. beobachtet hat, wie sie verheizt wurden.

Erzählen ist schwieriger als gedacht

Nicht nur angedeutet wurde bereits, dass Aufwand und Story in keinem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Bassett erzählt eine Geschichte, die wir in jeder Filmsekunde kennen. Überraschungen gibt es nicht, Ungereimtheiten stattdessen mehr als genug. So lernen wir einen Todesengel kennen, dem Kane, ein einfacher Mensch, problemlos durch die Lappen geht; wie ein Trottel steht dieser ‚Engel‘ hinter dem Fenster, durch das Kane gesprungen ist, und brüllt ihm fruchtlose Drohungen hinterher. Wir sehen ihn nicht wieder; womöglich hat er seinen Job an Malachi abgetreten.

„Solomon Kane“ gehört zu jenen Filmen, die in interessante Episoden zerfallen, die sich zu keiner harmonischen Gesamtgeschichte fügen. Die Szenen in der von Zombie-Vampiren belauerten Kirche, die wilde Jagd durch die von Särgen und Knochen markierten Tunnel unterhalb eines alten Friedhofs, der finale Kampf mit einem ausgezeichneten konzipierten und realisierten Dämon bieten Entertainment auf hohem Niveau.

Hier gelingt Bassett, was ihm vorschwebte; er mindert es höchstens durch sein beschränktes Regietalent. Das liebste Stilmittel ist ihm die Zeitlupe: Zum Anschwellen eines, inspirationslosen, pseudo-pompösen, dröhnenden Scores stapfen Gut und Böse künstlich bedeutsam oder bedrohlich durch das Bild – wieder und wieder, bis es nicht einmal ärgert, sondern nur noch ein müdes Grinsen provoziert.

Mehr Engagement hätte Bassett in die Kampfszenen investieren sollen. Zwar lässt vor allem Kane Köpfe und Gliedmaßen fliegen, doch wird nie deutlich, wie ihm dies gelingt. Die meisten Gegner rennen ihm brüllend ins offene Schwert, das er wie einen Prügel schwingt. Damit will Bassett vermutlich deutlich machen, dass dies kein Jahrhundert hoher Kampfkunst ist. Wenn Kane im Alleingang Malachis Schergen dutzendweise abschlachtet, will diese Begründung aber nicht greifen.

Man kann sich schlechter unterhalten lassen

So ging „Solomon Kane“ dem „Conan“-Reboot von 2011 in gewisser Weise voraus: Viel Aufwand wurde getrieben, noch mehr Werbe-Wind darum gemacht. In beiden Fällen blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück. Dafür sind allzu simpel gestrickte Storys hauptverantwortlich, denen formale Schwächen gegenüberstehen.

Die Enttäuschung resultiert freilich zu einem guten Teil aus enttäuschter Vorfreude. Macht man sich davon frei, bietet „Solomon Kane“ B-Movie-Entertainment der altmodisch robusten bzw. zeitlosen Art. Gerade Im Dschungel der DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen, in dem der Zuschauer immer wieder in geistestödliche Fallen zu stolpern droht, sorgt Kane für einen anspruchsfreien aber unterhaltsamen Filmabend.

DVD-Features

Da „Solomon Kane“ eine vergleichsweise stattliche Produktion darstellt, wäre ein ausgiebiger Blick hinter die Kulissen durchaus interessant. Die zum Hauptfilm aufgespielten Extras sind jedoch dürftig (Originaltrailer, MTV-Featurette), kaum verkappte Werbung (Interviews) oder eine Frechheit (‚Making of‘: 4 Min.!). Lohnenswert ist höchstens eine viertelstündige Mini-Dokumentation der Dreharbeiten.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Abgelegt unter Abenteuer, Action, Fantasy, Filmbericht, Historie, Horror, Mystery | Keine Kommentare »

Clash of Empires – Die Schlacht um Asien

Erstellt von Galaxykarl am 6. August 2011

Clash of Empires – Die Schlacht um Asien

Ascot Elite Home Entertainment, 2011
Malaysia 2011
Originaltitel: “The Malay Chronicles: Bloodlines” oder auch:
“Clash of Empires: The Battle for Asia”
DVD in Metallbox
ISBN 7-613059-902015
Action, History
Laufzeit 105 min. PAL Color
Regie: Yusry Kru
Darsteller: Stephen Rahman Hughes, Gavin Stenhouse, Jing Lusi, Craig Fong, Henrik Norman
Altersfreigabe: 16
Bildformat 1.78:1 / 16:9
Extras: Musikvideos, Making of, Behind the Scenes, Originaltrailer, Promo-Trailer, Trailershow
Deutsch, DTS 5.1, Dolby Digital 5.1; Englisch+Bahasa Melayu, Dolby Digital 5.1

DVD und Blu-ray Disc sind ab dem 8. August 2011 in den Videotheken und ab 27. September 2011 im Handel erhältlich.

Titel erhältlich bei Amazon.de

Werbetext:

Der römische Prinz Marcus Carpenius ist von Kaiser Hadrian dazu auserwählt, mit der chinesischen Prinzessin Meng Li Hua den Bund der Ehe zu schließen. Damit soll der Friedenspakt zwischen den beiden größten Mächten ihrer Zeit besiegelt werden.

Doch die Hochzeitsfeierlichkeiten, die an der Küste des heutigen Malaysia, genau zwischen den beiden Reichen stattfinden, werden durch einen blutigen Überfall beendet. Nur ein ganz besonderer Kämpfer kann jetzt noch verhindern, dass die beiden mächtigsten Imperien der Welt zu Feinden werden. Eine uralte Prophezeiung besagt, dass ein König die Stämme Malaysias vereinen wird, um in eine große Schlacht zu ziehen. Der Dorfälteste Kesum glaubt in dem vagabundierenden Krieger Merong diesen König zu erkennen …

Mein Eindruck:

Auf der Blechbox sind einige kleine Bilder – und ein etwas Größeres – zu sehen, die Hoffnung machten, auf einen Historienschinken á la „Troja“ oder „300“. Zumindest die Grafikabteilung der Filmgesellschaft hat hier ihr Ziel erreicht: Nämlich den interessierten Cineasten mit Vorliebe für Geschichte, Kampfgetümmel und fremden Kulturen zugreifen zu lassen. Ein wenig stutzig ist man schon, wenn man von einem römischen „Prinzen“ liest. Denn die Bezeichnung Prinz hatten die Römer für die Nachkommen der Cäsaren, meinetwegen auch Kaiser, nie verwendet. Und zur Zeit Kaiser Hadrians – in der eben die Handlung spielt – schon gar nicht.

Und warum sollten Römer und Chinesen einen Friedenspakt durch eine Hochzeit schließen? Sie hatten um das Jahr 200 n. Chr. nach allgemeinem Wissen keine Kenntnis voneinander.

Doch was soll´s: Was schert einen malaysischen Filmemacher schon geschichtliche Korrektheit, wenn er denn nur entsprechend spannende Handlung bietet. Doch auch auf das wartet man vergeblich. In den über 100 Minuten erlebt man ein schlechteres Piratenspektakel, dass selbst die alten „Sandokan-Filme“ aus den 60ern und 70ern an Handlungstiefe übertreffen, von dem Nachzügler aus dem Jahre 1996 mal ganz zu schweigen.

OK; dann eben fetzige Martial-Art? Nun, die bekommt man in einigen Szenen geboten. Wären da nur nicht die lächerlichen, auf Hochglanz polierten Rüstungen der wenigen Römer, die wie klappernde Plastikkostüme an den Männern hängen. Auch die hat es so blitzend und funkelnd nicht gegeben. Überhaupt stolpern die Römer durch den Sand, als hätten sie noch nie auf welchem gestanden. Die malaysischen Piraten und ihre „guten“ Landsleute machen da wenigstens eine bessere Figur.

Und die großen Schlachtengemälde voll Zig-Tausender Krieger und Legionäre? Auch Fehlanzeige. Am Strand tummeln sich vielleicht ein paar Hundert Darsteller und das auch nur in wenig sehenswerten Kampfszenen.

Eine Bemerkung über die Dialoge spare ich mir. Wer die geschrieben hat, hat vorher wohl ein Pfund Schmalz gegessen. Dass das Ganze auf einer alten malaysischen Legende beruht, geht leider völlig unter. Hier hätte man aus den Tiefen der Überlieferung mit entsprechendem Ernst und Glaubwürdigkeit schöpfen können.

Fazit:

Der Trailer und die Aufmachung sind äußerst geschickt gemacht. Aber sie versprechen, was weder die Darsteller, die Handlung, noch der Regisseur halten können. Da halte ich es mit diesem Originalzitat: “Ein amüsantes Erlebnis, definitiv!” Ja, an manchen Stellen hab ich gelacht, mit einem Tonfall, gemischt aus Galgenhumor und Verzweiflung. Wer das als Lob gedachte Zitat geäußert hat? Das „japancinema.net“. Und die Japaner verstanden vor Fukushima etwas von Humor. Schließlich hatten sie mit ihren grottenschlechten Godzilla- und King-Kong-Filmen selbst Anlass genug, über schlechte Filme zu lachen.

Copyright © 2011 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Amazon.de

Abgelegt unter Abenteuer, Action, Fantasy, Historie | 1 Kommentar »

Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten

Erstellt von Günther Lietz am 28. Juni 2011

Bereits zum vierten Mal sticht Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) in See, um fantastische Abenteuer zu erleben, mystische Schätze zu suchen und bösartige Schurken zu bekämpfen. Captain Sparrow ist kein Kind von Traurigkeit und die Liste seiner Feinde lang. Diesmal dreht sich das Piratenabenteuer um die Suche nach der Quelle der ewigen Jugend und so kann davon ausgegangen werden, dass die Liste der Feinde um einige Einträge erweitert wird.

Captain Sparrows erster Auftritt findet in England statt. Hier rettet er seinen teuren Freund Joshamee Gibbs (Kevin McNally) vor dem Strang, trifft auf König George II. (Richard Griffiths) und seinen alten Erzfeind Captain Hector Barbossa (Geoffrey Rush). Zudem mach das Gerücht die Runde, Captain Sparrow würde eine Mannschaft zusammenstellen. Doch der hat davon keine Ahnung.

Bis hierhin klingt die ganze Sache nach einem spannenden Spektakel und gute Hollywoodunterhaltung. Leider weist der Film bereits an dieser Stelle eklatante Schwächen in der Story und in der Produktion auf, die einfach nur ärgerlich sind.

Deutschen Kinobesuchern wird vielleicht auffallen, dass der Synchronsprecher von Johnny Depp im vierten Teil der Piratenreihe wechselte. Es ist nun David Nathan der Captain Sparrow seine Stimme leiht, eigentlich die Stimme, die mit Depp verknüpft wird. In den drei Teilen zuvor wurde die Rolle jedoch von Marcus Off gesprochen. Das bedeutet natürlich einen Bruch in der Kontinuität. Grund dafür dürfte übrigens sein, dass Herr Off wohl eine höhere Gage für die Arbeit an dem vierten Teil verlangte. David Nathan leistet zwar gute Arbeit, aber die Sache mit der Stimme fällt auf. Vor allem, wenn jemand die Filme zeitnah hintereinander schaut.

Schlimmer als der Stimmwechsel der Hauptfigur ist die deutsche Synchronisation von Penélope Cruz als Piratenbraut Angelica. Claudia Lössl besitzt zwar eine angenehme und passende Stimme, aber der mangelt es leider am spanischen Akzent, den Señora Cruz so wunderbar zur Geltung bringt. Hier fehlt einfach das Feuer. Doch im Grunde genommen ist das egal, denn der eigentliche Star des Films ist Johnny Depp – und darunter leidet der Film besonders.

Vom alten Cast haben es nur Kevin McNally und Geoffrey Rush in “Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten” geschafft. Kleine liebgewonnene (Lee Arenberg, Mackenzie Crook) und große bekannte (Orlando Bloom, Keira Knightley) Darsteller der alten Filme fehlen leider. So gibt es keine der üblichen Scherze auf Kosten des naiven Navy- oder dümmlichen Piraten-Duos. Diese sogenannten Running-Gags machten einen Teil der Seele der Reihe aus.

Nun präsentiert sich also Johnny Depp als omnipräsenter Captain Jack Sparrow und dominiert die Handlung. Wie üblich trunken von Rum wankt er durchs Bild, doch bereits seine Begegnung mit König George II. zeigt die Veränderung in der Charakterkonzeption. Wo Captain Sparrow zuvor durch Schneid, Glück, eine Krise Zufall und etwas Talent die Situation meistert, trumpft er nun mit einer Brillanz auf, die der Zuschauer derzeit aus “Sherlock Holmes” (2009 mit Robert Downey jr.) kennt. Captain Jack Sparrow erfasst problemlos die Gesamtsituation, arbeitet einen Plan aus und setzt diesen minutiös in die Tat um. Das wirkt einfach falsch und aufgesetzt.

Vorläufiger Höhepunkt der Eskapade findet dann im Londoner Hafen statt, in der die Queen Anne’s Revenge vor Anker liegt, das Schiff des berühmt berüchtigten Blackbeard (Ian McShane). Und auf der heuert Piratenbraut Angelica in der Sparrwo-Verkleidung eine Mannschaft an. Das ist absolut dümmlich. “Warum, wieso, weshalb?” drängen sich hier Fragen auf. Aber das wird ein Geheimnis bleiben, ebenso wie die Spanier. Die haben im Film zwar ihren Auftritt, aber weder kommt es zu einem spannenden Gefecht zur See, noch haben sie eine echte Bedeutung für die Handlung. Es scheint so, als wären die Spanier nur deswegen dabei, weil sie nun mal an der Reihe sind. Im Grund sind sie McGuffins (mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Interesse zu sein(1)).

Zudem ist die Rolle des Blackbeard ziemlich blass und ideenlos. Auch er ist vollkommen austauschbar. Der Auftritt Ian McShanes ist im ersten Augenblick zwar imposant, aber schnell zeigt sich, dass er nur wenig zur Handlung beiträgt. Zudem ist es auch nicht Blackbeards Präsenz die ihm die Herrschaft über die Queen Anne’s Revenge verschafft, sondern sein Zaubersäbel. Mit dem kann – dem Controller einer Videospielkonsole gleich – das Schiff gesteuert werden. Langweilig. Absolut langweilig!

So geht die Johnny-Depp-Show dann auch langweilig weiter. Captain Jack Sparrow fährt also wieder zur See, tölpelt bei den Spaniern herum, es werden einer Träne wegen Meerjungfrauen gejagt und an der Quelle der ewigen Jugend kommt es zum Finale. Alleine die Szene mit Captain Hector Barbossa und Captain Jack Sparrow – gefesselt an Bäume – zeugt von Witz und dem Charme alter Piratenfilme. Die kurz darauf folgende Akrobatikeinlage ist dagegen aberwitzig überzogen und wirkt recht lustlos inszeniert. Ebenso lustlos wie ideenlos wirkt auch die Einbindung von Sam Claflin als  Kleriker Philip.

Im Grunde dient die Figur des Philips nur dazu, um die Szenen mit den Meerjungfrauen ein wenig auszubauen. Es misslingt Mister Sam Claflin allerdings seiner Rolle Leben einzuhauchen und sich authentisch in den Cast des Films einzubinden. Er wirkt mehr wie ein Fremdkörper, eine Kunstfigur, ein offensichtlicher Katalysator, um den Handlungsstrang mit den Meerjungfrauen schnell und dramatisch voranzutreiben. Am Ende bleibt eine Figur, die ohne weiteres in einer eventuellen Fortsetzung des Reihe wiederverwertet werden könnte.

Überhaupt; die Meerjungfrauen. Das ist ein weiterer McGuffin. Kaum nachvollziehbar inszeniert, ohne echte Spannung und ohne Möglichkeit Emotionen zu den Meerjungfrauen oder der Meerjungfrau Syrena (Àstrid Bergès-Frisbey) aufzubauen. Auch Bergès-Frisbey bleibt ziemlich farblos und überzeugt mehr durch ihr Aussehen als durch ihre Schauspielkunst. Dabei bleibt sie nämlich weit unter ihren Leistungen aus “Sea Wall” (2008).

Rob Marshalls Piratenfilm (eine Produktion von Jerry Bruckheimer) ist ziemlich lieblos gestaltet und kann keine echten Emotionen vermitteln, was dem Trio Depp, Bloom und Knightley, in den drei Vorgängern, mit ihrem Beziehungsgeflecht gelang. Die Filme hatten eine persönliche Note, die dem vierten Teil der Reihe fehlt.

“Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten” wurde für 3D- und 2D-Kino produziert. Die spärliche Dreidimensionalität ist dem Szenenbild abzulesen, dominieren doch dem 3D-Kino zuträgliche dunkle Einstellungen das Bild: Nachtaufnahmen, Aufnahmen in Höhlen, Aufnahmen im Wasser bei Nacht, Aufnahmen des Nachts in Höhlen mit Wasser. Es ist eine Schande wenn Technik die Kreativität bestimmt, anstatt die Kreativität die Technik bestimmt. Aber derzeit ist ersteres im Kino sehr populär.

Unterm Strich bleibt ein mittelmäßiger Film, der einen schalen Nachgeschmack, aber keine bleibenden Eindrücke hinterlässt. Und das, obwohl sich die Handlung auf den Roman “In fremderen Gezeiten” (“On Stranger Tides”, 1988) von Tim Powers stützt, der ebenso für den World Fantasy Award und auch für den Locus Award nominiert wurde. Die Adaption dieser guten Vorlage ist ziemlich misslungen. “Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten” ist einfach unteres Mittelmaß.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

(1) Genaue Definition auf Wikipedia.de

DVD bei Amazon.de
BR bei Amazon.de

Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten


Originaltitel: Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides
Produktionsland: Vereinigte Staaten (2011)
Länge: 136 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Rob Marshall
Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio
Produktion: Jerry Bruckheimer
Musik: Hans Zimmer
Kamera: Dariusz Wolski
Schnitt: David Brenner, Michael Kahn, Wyatt Smith

Johnny Depp (Captain Jack Sparrow), Penélope Cruz (Angelica), Geoffrey Rush (Captain Hector Barbossa), Ian McShane (Blackbeard), Kevin McNally (Joshamee Gibbs), Richard Griffiths (König George II.), Stephen Graham (Scrum), Àstrid Bergès-Frisbey (Syrena), Sam Claflin (Philip)


Abgelegt unter Abenteuer, Action, Fantasy, Historie, Horror, Kino, Komödie, Mystery | Keine Kommentare »

Sauna – Wash Your Sins

Erstellt von Michael Drewniok am 22. April 2011

Sauna – Wash Your Sins

Originaltitel: Sauna (Finnland/Tschechische Republik 2008)
Regie: Antti-Jussi Annila
Drehbuch: Iiro Küttner
Kamera: Henri Blomberg
Schnitt: Joona Louhivuori
Musik: Panu Aaltio
Darsteller: Ville Virtanen (Erik Spore), Tommi Eronen (Knut Spore), Viktor Klimenko (Baron Semenski), Rain Tolk (Rogosin), Kari Ketonen (Musko), Sonja Petäjäjärvi (Poika), Vilhelmiina Virkkunen (Tytär), Taisto Reimaluoto (Isäntä), Ismo Kallio (Kylänvanhin), Kati Outinen (Eukko), Dick Idman (Roukkula), u. a.
Label: 8-Films
Vertrieb: WVG Medien Gmbh
Erscheinungsdatum: 25.06.2010 (DVD/Blu-ray) bzw. 27.05.2011 (Steelbook)
EAN: 4033056900365 (DVD) bzw. 4033056910364 (Blu-ray) bzw. 4033056950360 (Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Finnisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min.
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (Steelbook)

Das geschieht:

Im Jahre 1595 hat nach vielen Jahren ein Krieg zwischen Schweden und Russland sein Ende gefunden. Eine neue Grenze wird gezogen; Finnland wird zwischen den beiden Königreichen aufgeteilt. Damit es bei dieser Grenzziehung gerecht zugeht, schicken König und Zar eine Kommission auf den Weg. Die schwedische Partei vertreten Rittmeister Erik Spore und sein Bruder, der Kartograf Knut, für Russland spricht Baron Semenski, den die Soldaten Rogosin und Musko begleiten.

Zwischen den Männern, die vor kurzer Zeit noch gekämpft haben, herrscht Misstrauen. Vor allem Erik, ein verbitterter Mann mit Anfällen psychotischer Mordlust, vermisst den Krieg, der seinem Leben einen Sinn gab. Immer wieder provoziert er die Russen, doch der besonnene Semenski kann den brüchigen Frieden bewahren.

Als die Expedition auf ihrem Weg in den Norden einen ausgedehnten Sumpf durchquert, stoßen die Männer in dessen Mitte auf ein nie kartiertes Dorf. Die Einwohner schweigen sich über ihre Herkunft aus, bis das Mädchen Tytar – das einzige Kind des Ortes – Erik und Knut zu einer fest verschlossenen Hütte führt. Dort lagern die Aufzeichnungen russischer Mönche, die dieses Dorf einst gründeten, bis sie es aus unbekanntem Grund verließen. Die Bewohner vermuten, dass sie in einer alten Sauna verschwanden, die nahe beim Dorf in einem Teich steht. Angeblich kann man sich dort seine Sünden abwaschen.

Vor allem Knut kann dem nicht widerstehen, denn auch er hat Schuld auf sich geladen. Doch das abgewaschene Böse stirbt nicht, sondern steht auf und verfolgt die Lebenden. Dabei unterscheidet es nicht zwischen Schuld und Unschuld, sondern sucht alle Menschen heim …

Philosophischer Horrorfilm mit Unterhaltungswerten

Wenn in einer Filmrezension das Wort „Arthouse“ fällt, kommen beim geerdeten Gruselfreund gern Misstrauen und Fluchtgedanken auf. Allzu breit scheint die Kluft zwischen Filmkunst und Unterhaltung, um beide in einem Werk zusammenzuführen. Auf der anderen Seite dieser Schlucht stehen ähnlich meinungsfest die Feingeister, denen die schnöde Unterhaltung den ästhetischen Filmgenuss bestenfalls verwässert aber im Normalfall verdirbt.

Beide Parteien erinnern in Auftreten und Meinungsäußerung an Materie & Antimaterie: Schon bei vorsichtiger Annäherung sprühen Funken, und treffen sie aufeinander, knallt es heftig. Die daraus resultierende Herausforderung nehmen unverdrossen immer neue Generationen innovativer Filmemacher an. In der Regel scheitern sie – manchmal katastrophal, manchmal interessant –, aber hin und wieder gelingt die Synthese.

Dabei kennt selbst der Gorehound weniger blutrünstige Momente, in denen er sich womöglich Gedanken über Gott, die Welt und die Menschen macht. Schuld und Sühne sind existenzielle Elemente des Lebens. Antti-Jussi Annila und Iiro Küttner zeigen mit „Sauna“, dass eine spielerische Beschäftigung mit ‚schweren‘ Themen möglich ist.

Beschränkung auf das Wesentliche

Regisseur und Drehbuchautor betten ihr Garn in die Geschichte ihrer finnischen Heimat ein. Die dürfte außerhalb Skandinaviens relativ unbekannt sein, doch auf historische Fakten kommt es hier gar nicht an. Die Welt der Vergangenheit ist eine übersichtliche Welt. Ursache und Wirkung liegen dicht und sehr direkt zusammen. „Sauna“ erzählt von Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen haben. 1595 drückte man im Krieg keine Knöpfe, sondern kämpfte Mann gegen Mann. Erik Spore stand den 73 Menschen, für deren Tod er die Verantwortung übernimmt, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der bizarre Mord an Nr. 74 legt nahe, dass es dabei selten ‚ritterlich‘ zuging. Tatsächlich hat sich Erik in einen Serienkiller verwandelt.

So weit sind die drei russischen Mitglieder der Expedition nicht heruntergekommen, aber auch sie tragen die Erinnerungen an hässliche Taten mit sich. Knut Spore scheint zunächst nicht in dieses Raster zu passen, doch Erik erkennt seine dunkle Seite und hält sie ihm vor. Dem jüngeren, schwächeren Spore fehlt höchstens die Verrohung durch den Krieg, an dem er nicht kämpfend teilnahm, weshalb ihn schon vor der Ankunft in dem verfluchten Dorf gespenstische Visionen heimsuchen.

Die Landschaft bietet sowohl dem Auge als auch der Handlung keine Ablenkung. Sie ist flach, sumpfig, trostlos – eine Bühne, dessen Kulisse das Dorf und die Sauna bilden. Während einige Rückblenden Eriks und Knuts letzte Untaten in grellen, fast übertrieben leuchtenden Farben zeigen, bleiben die Bilder der Gegenwart blass, trübe und monochrom (wobei Kameramann Henri Blomberg der Realität mit entsprechenden Filtern nachhalf). Selbst das Dorf wirkt ungastlich, es ist winterlich kalt, schlammig, die Holzwände der windschiefen Gebäude sind roh, verzogen und undicht.

Die Sauna als Rätsel und Zentrum

Was ist die Sauna? Wer hat sie errichtet? Was geschieht mit denen, die sie betreten? Ist es real, was sie und damit wir Zuschauer sehen, oder werden wir Zeugen von Visionen, die von psychisch zermürbten Menschenhirnen ausgebrütet werden? Annila bietet verschiedene Antworten an, aber letztlich überlässt er dem Zuschauer die Deutung; wie viele Kritiken deutlich machen, ist dies eine Entscheidung, die oft als Zumutung betrachtet wird. Das Gros des Filmpublikums verlangt Antworten auf seine Fragen. Dem verweigert sich Annila nicht vollständig, doch er fordert nachdrücklich die Eigenleistung des Zuschauerhirns. Sogar der finale Überraschungstwist kommt, aber er wirft in letzter Sekunde neue Rätsel auf.

Hier ein recht simpler Lösungsansatz: Die Herkunft der Sauna ist unwichtig. Sie bietet tatsächlich die Möglichkeit, sich von seinen Sünden zu reinigen. Der Preis für die Erlösung ist das spurlose Verschwinden = der Tod. Die abgewaschenen Sünden erheben sich und setzen ihr übles Werk fort, bis der nächste Büßer die Sauna betritt und eine neue Sünde sich manifestiert.

Unzweifelhaft haust kein Monster in der Sauna. Sie ist höchstens Medium oder Verstärker. Wer sie betritt, bringt den Auslöser für spätere Bluttaten mit. Der sensible Knut sieht bereits Geister, bevor er in das Dorf kommt. Die diversen Phantome werden stets außerhalb der Sauna aktiv. Knuts gespenstische Heimsuchung konnte zunächst erschrecken, ihm aber nicht schaden. Erst in der Sauna gewann sie die Kraft für handfestes Morden: Angst genügt zusammen mit einem schlechten Gewissen als Strafe nicht. Manche Schuld kann nur durch den Tod gesühnt werden.

Faszination ist anstrengend

Das Spiel mit Form und Inhalt ist ein Merkmal des „Arthouse“-Films. Man kann es so ausdrücken: Selbst simple Dinge werden möglichst kompliziert ausgedrückt. Auch Annila liebt Chiffren und Doppeldeutiges. Vor allem im Mittelteil drängt er die Handlung an den Rand. Es wird viel geredet und zerredet, manches Mysterium bleibt so sehr Andeutung, dass der Zuschauer nicht anbeißt, sondern sich langweilt. Der erfahrene Gruselfreund hat hier ohnehin die Nase vorn: Er weiß, dass die Ereignisse in der Sauna kulminieren werden.

Zwar poltert und rumpelt das Filmgeschehen manchmal nur voran, aber der Zuschauer bleibt dennoch dabei. Zur Story, den Bildern und einer Musik, die nicht ablenkt oder aufregt, sondern die Handlung kongenial begleitet und unterstreicht, kommen die Leistungen eines ausgezeichneten Schauspieler-Ensembles. Dabei stehen die Spore-Brüder und hier Erik im Vordergrund. Vor allem Ville Virtanen ist großartig als mühsam disziplinierter Schlächter; um den Kontrast zu seinen Taten optisch zu verstärken, lässt ihn Annila eine Brille tragen, die ihm – Baron Semenski spricht es voller Sarkasmus aus – den Anschein eines zivilisierten Menschen verleiht, der Erik längst nicht mehr ist.

Mit „Sauna“ erzählt Antti-Jussi Annila sehr konzentriert eine rundum düstere, deprimierende Geschichte. Er gönnt uns keine Sekunde der Ablenkung, was „Sauna‘ eigentlich zu einem ‚schwierigen‘ Film werden lässt. Nichtsdestotrotz fesselt Annila sein Publikum. Wir wollen wissen, wie die Geschichte ausgeht. Dass dieses Ende übel sein wird, ist uns schnell klar: „Sauna“ ist kein Film mit Happy-End. Selbst die Erkenntnis, dass für Annila der Weg das Ziel ist und es im Grunde kein Finale mit sauber geschürztem Plotknoten und beantworteten Fragen gibt, trübt die Faszination nicht wirklich. Ist „Sauna“ Filmkunst? Wen kümmert es, solange das Ergebnis den Bauch zufriedenstellt und den Kopf in Gang setzt.

DVD-Features

Zum üblichen Trailer kommt ein leider kaum viertelstündiges „Making Of“, das den Erkenntnisstand des Zuschauers nur graduell erweitert. Einige „Deleted Scenes“ verraten, dass auch Cutter Joona Louhivuori seinen Job versteht. Der bisher abwesende Humor wird durch diverse „Bloopers“ nachgeholt, was angesichts der Strenge des Films beinahe blasphemisch wirkt …

Zum Film gibt es eine Website.

Dass „Sauna“ in Deutschland erst ab 18 Jahren freigeben ist, ‚verdankt‘ der Film übrigens einigen Trailern, die für ungleich dämlichere aber derbe Zombie-Streifen werben. Womöglich ist dies Absicht, um einem Publikum, das seine Filmkost lieber blutiger mag, einen harten Grusel-Streifen vorzugaukeln – es wäre nicht das erste Mal, dass diese faule Trick zum Einsatz kommt. Tatsächlich bleibt „Sauna“ in dieser Hinsicht zahm. Plakativer Horror kommt zwar vor, doch er steht nicht im Mittelpunkt, sondern wird in die Handlung integriert.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (Steelbook)

Abgelegt unter Drama, FSK18 & k.J., Filmbericht, Historie, Horror, Mystery | Keine Kommentare »

Helden von Hill 60

Erstellt von Michael Drewniok am 31. März 2011

Helden von Hill 60

Originaltitel: Beneath Hill 60 (Australien 2010)
Regie: Jeremy Sims
Drehbuch: David Roach
Kamera: Toby Oliver
Schnitt: Dany Cooper
Musik: Cezary Skubiszewski
Darsteller: Brendan Cowell (Captain Oliver Woodward), Harrison Gilbertson (Frank Tiffin), Steve Le Marquand (Sergeant Bill Fraser), Gyton Grantley (Norman Morris), Alex Thompson (Walter Sneddon), Alan Dukes (Jim Sneddon), Duncan Young (Tom Dwyer), Mark Coles Smith (Billy „Speckie“ Bacon), Warwick Young (Percy Marsden), Anthony Hayes (Captain William McBride), Leon Ford (Lieutenant Robert Clayton), Chris Haywood (Colonel Wilson Rutledge), Kenneth Spiteri (Karl Babek), Gerald Lepkowski (William Waddell), Jacqueline McKenzie (Emma Waddell), Isabella Heathcote (Marjorie Waddell) uva.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 02.12.2010 (DVD/Blu-ray)
EAN: 7613059901414 (DVD) bzw. 7613059401419 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 117 min. (Blu-ray: 123 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Im Kriegsjahr 1916 ist die Front vom Ärmelkanal bis zu den Alpen auf gesamter Länge erstarrt. Die Alliierten auf der einen und die Deutschen auf der anderen Seite haben sich tief eingegraben. Ein ausgeklügeltes System von Schützengräben sorgt dafür, dass keine Seite Boden gutmachen kann und Angriffe in blutigen Gemetzeln enden.

Verzweifelt versucht man sogar, den Gegner von unten zu attackieren. Für die britische Armee rekrutiert man im Commonwealth erfahrene Bergmänner und Ingenieure, die unterirdische Tunnel bis zu den feindlichen Linien graben und mit Sprengstoff füllen, um die deutschen Stellungen buchstäblich in die Luft zu jagen.

Auch der Australier Oliver Woodward meldet sich an die Front – ein Himmelfahrtskommando, denn im schlammigen Boden drohen die Tunnel immer wieder einzustürzen. Außerdem haben die Deutschen von der Kriegslist erfahren und mit eigenen Mineur-Truppen nachgezogen. Tief unter der Erde ist in der Dunkelheit längst ein eigener, grausamer Krieg ausgebrochen.

Woodward und seinen Männern gelingt es, ein deutsches Maschinengewehrnest auszuschalten. Durch diesen Erfolg empfehlt sich die 1st Australian Tunneling Division für ein streng geheimes Unternehmen in Belgien: Auf einem „Hügel 60“ genannten Bahndamm haben sich die Deutschen uneinnehmbar verschanzt. Seit Monaten wird deshalb an einem gewaltiges Tunnel gebaut, der unter dem Hügel enden und mit 56 Tonnen Sprengstoff gefüllt werden soll. Gelingt der Streich, wird die deutsche Grabenfestung in der größten von Menschen jemals ausgelösten Explosion vernichtet.

Doch auf der Gegenseite ist der deutsche Mineur Babek auf die Aktivitäten der Woodward-Truppe aufmerksam geworden. Er setzt zu einer unterirdischen Gegenattacke an, die den alliierten Plan zunichte zu machen droht …

Krieg in der dritten Dimension

Viele kluge Köpfe wurden schon über der Frage zerbrochen, wieso der Mensch gerade im Bösen so gründlich ist. Der Stellungskrieg des I. Weltkriegs gleicht einer endlosen Liste möglicher Grausamkeiten. Die Kämpfe unter der Erde bilden eine bisher recht unbekannte Episode. Dabei war der Einsatz der Mineure die bizarre aber durchaus logische Konsequenz einer vollständig aus dem Ruder gelaufenen bzw. hoffnungslos festgefahrenen Kriegsmaschine. Seit sie zum Stehen gekommen war, bildete die deutsche Westfront über hunderte von Kilometern eine wahnwitzige und stabile ‚Grenze‘. Weder die eine noch die andere Seite kam voran, jeder Angriff brach im Feuer aus gut ausgebauten Schützengräben und Stellungen zusammen. Selbst aus der Luft waren diese Befestigungen nicht zu knacken.

So wurden Soldaten viele Jahrzehnte vor dem Vietnamkrieg zu „Tunnelratten“, die in engen, dunklen, sauerstoffarmen, immer von Einstürzen bedrohten Gängen die Entscheidung zu erzwingen versuchten. Wie „Helden von Hill 60“ verdeutlicht, glich dieser Kampf dem U-Boot-Krieg: Mit primitiven Horchgeräten versuchte man den unsichtbaren aber ebenfalls emsig grabenden Feind zu orten, während man selbst möglichst still und ungehört zu Werke ging. Trafen die Tunnel aufeinander, brach in der Finsternis ein Gemetzel aus, das es an Grausamkeit mit den oberirdischen Grabenkämpfen problemlos aufnehmen konnte.

Die Idee, einen ganzen Hügel förmlich auszuradieren, ist definitiv ein reizvoller Ansatz für eine Kriegsgeschichte. Das Problem mag sein, dass diese so absurd klingt. Dabei ist der unterirdische Sturm auf Hügel 60 tatsächlich erfolgt. Am 7. Juni 1917 gipfelte er in einer Explosion, die noch in London deutlich gehört wurde.

Krieg auf (finanziell) engstem Raum

Für eine Filmproduktion, die zwar über den Willen, dieses Geschehen aufzugreifen, aber nur über ein schmales Budget verfügte, wurden die räumlichen Beschränkungen zur Herausforderung. Sie erleichterten gleichzeitig die Dreharbeiten. 8 oder 9 Mio. (australische) Dollar – die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen diesen Werten – standen zur Verfügung; keine große Summe, weshalb sich der oberirdische Krieg auf sorgfältig gewählte Ausschnitte beschränkt: Für eine Gesamtdarstellung des Frontalltags war kein Geld dar.

Aus der Not machten Drehbuchautor und Regisseur eine Tugend. Sie fokussieren das Geschehen und stellen den einfachen Soldaten, dem ebenfalls der Überblick fehlt, in dessen Zentrum. Niemand setzt ihn in Kenntnis, ihm werden Befehle gegeben, die er in keinen Zusammenhang bringen kann. Der Blick nach ‚draußen‘ über die Grabenkante bleibt kurz und möglichst flach über dem Boden, denn die Scharfschützen des Gegners lauern auf allzu neugierige Soldaten.

Obwohl die Tunnelkulissen die klaustrophobische Enge der Originalbauten adäquat wiedergeben, wurden sie aus Sicherheitsgründen oberirdisch errichtet. So konnte der Regisseur Schlamm, Wasser und künstliche Trümmern auf seine Schauspieler und den Kameramann niedergehen lassen, ohne deren Namen auf eine eigene Verlustliste setzen zu müssen.

Krieg ist – Überraschung! – die Hölle

Gäbe es eine solche, müsste Drehbuchautor David Roach an erster Stelle verzeichnet stehen. Ihm ‚verdanken‘ wir es, dass „Helden von Hill 60“ nur abschnittsweise unterhaltsam geraten ist. Statt sich auf die Story zu konzentrieren, scheint Roach eine Sammlung einschlägiger Kriegsfilm-Klischees beabsichtigt zu haben. Das Genre – es spricht von sich politisch korrekt lieber als „Antikriegsfilm“ – ist ebenso bekannt wie berüchtigt für seine Methoden, die Emotionen des Publikums zu manipulieren.

Krieg ist die Hölle – diese Binsenweisheit will anscheinend immer neu unter Beweis gestellt werden. Auch Regisseur Sims kann nicht widerstehen, den Grabenkrieg noch schlammiger, schmutziger und rattenverseuchter darzustellen als seine unzähligen Vorgänger. Wiederum war nur das Budget die Grenze, sodass wir auf Flöhe, Soldatenfleischfetzen & faulige Leichen (weitgehend) verzichten müssen.

Roach arbeitet ihm mit Schablonen zu. „Helden von Hill 60“ läuft stolze zwei Stunden. Davon ließe sich ein Viertel problemlos und zum Nutzen des Werkes eliminieren. Ein umständlicher Handlungsstrang zeigt den späteren Captain Woodward, der in der australischen Heimat um seine Gattin freit. Wenn er später in einem Schlammloch hockt, schweift seine Erinnerung gern dorthin zurück, während der Zuschauer leidvoll seufzt: Wir wissen längst, dass Woodward ein Gemütsmensch ist. Wieso reibt man uns dies immer wieder neu unter die Nase?

Auch sonst tischt man uns auf:

- den ständig das Foto seiner geliebten Gattin herumzeigenden Kameraden, den es prompt als Ersten erwischt;
- den guten Vater, der gemeinsam mit seinem Sohn eingerückt ist, um auf ihn aufpassen zu können; ihn erwischt es als nächsten;
- den minderjährigen Patrioten, der im Schützengraben zum zynischen Veteranen altert;
- den feigen, in die Vorschriften vernarrten aber menschenverachtenden Vorgesetzten, der seine Männer rücksichtslos in den Tod jagt;
- den überforderten Jung-Soldaten, der von seinen älteren Kameraden väterlich behütet wird, bis es ihn im dramatischen Finale ebenfalls erwischt.

Die Liste kann deprimierend problemlos verlängert werden.

Kriegsschäden am Drehbuch?

Ernster sind einige Schläge, die Roach der Story selbst versetzt. Bis in die zweite Hälfte konzentriert er sich strikt auf Woodward und seine Leute. Plötzlich springt die Handlung in den deutschen Schützengraben. Wir lernen den Mineur Babek kennen, der offenbar Woodwards Spiegelbild darstellen soll. Babek leidet ebenfalls unter der Ignoranz seiner Offiziere, deren Horizont die neuen Methoden der Kriegführung übersteigen. Er ist so tüchtig wie sein australischer Gegner, dem er allmählich auf die Schliche kommt. Dies wird als Wettlauf wenig innovativ aber spannend inszeniert. Wird es Babek gelingen, die Sprengung von Hügel 60 zu verhindern? Der Zuschauer erwartet ein Scheitern in letzter Sekunde. Stattdessen eliminiert das Drehbuch Babeck als Bedrohung viele Minuten vor dem Finale und zerstört dadurch völlig nutzlos einen Spannungsbogen.

Ein weiterer Kapitalfehler: Die unerhörte, sich über Monate hinziehende Leistung, einen Tunnel über 30 Meter tief in wässrigen, haltlosen Lehm zu treiben, wirkt im Film wie ein Halbtagsjob für große Jungs, die sich gern schmutzig machen. Zwar werden die Ängste der Männer, die lebendig begraben werden, ersticken oder hinterrücks erstochen werden, mehrfach angesprochen, aber sie teilen sich dem Zuschauer nur ansatzweise unmittelbar mit. Selbst der allgegenwärtige Schlamm, die Nässe, der permanente Beschuss bleiben Kulisse. Sie wirken freilich immer noch überzeugender als die kümmerlichen CGI-Tricks; als Hügel 60 endlich in die Luft fliegt, macht dies den Eindruck, als schüttele jemand im Bildhintergrund eine alte Decke aus.

Krieg und Kriegshelden

Der reale Oliver Woodward (1885-1966) gilt in Australien als Volksheld. So wird er jederzeit von Brendan Cowell dargestellt: ein Offizier und Gentleman, gleichzeitig geborener Anführer und beliebter Kamerad. Nur vorsichtig wird angedeutet, dass auch Woodward Entscheidungen zu fällen hatte, die hart und brutal waren.

Die Jungs von der 1st Australian Tunneling Division stellen erwartungsgemäß die übliche bunte Truppe vorgeblicher Individualisten dar, die der neue Offizier freundschaftlich aber streng zum Team verschmilzt. Man hält zusammen, macht hinter dem Rücken des humorlosen Colonels Faxen, zeigt es den tumben Tommie-Kameraden beim Schlamm-Rugby, teilt (buchstäblich) Brot und Wein und leidet still aber leidenschaftlich, wenn wieder ein Kamerad tot im Dreck liegt.

Auf der Gegenseite lauert der böse „Hunne“, der sich bei näherem Hinsehen ebenfalls als Mensch entpuppt, der das Kriegsende herbeisehnt und heim zu Frau oder Mutter will. Unsichtbar bleibende Mächte ziehen hüben wie drüben an den Fäden der Soldaten-Marionetten, die sich gehorsam in den Tod schicken lassen.

Es liegt nicht nur am Grabenschmutz, dass sich die Darsteller schwer auseinander halten lassen. Sie sind Hülsen, wandelnde Klischees, an deren Schicksal der Zuschauer Anteil nehmen soll, was er aber verweigert, weil die Charaktere flach und behauptet bleiben. Wir verfolgen die Geschichte der „Helden von Hill 60“, aber wirklich nahe bringt sie uns dieser Film nie.

DVD-Features

In Australien ist man sehr stolz auf die realen Helden von Hügel 60. Dies wird im einstündigen „Making Of“ immer wieder betont. Die am Film vor und hinter der Kamera Beteiligten werden ausgiebig interviewt. Historische Informationen über die 1st Australian Tunneling Division und Australien im I. Weltkrieg fließen in die Dokumentation ein.

Zum Film gibt es diese Website.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Abgelegt unter Drama, Historie | Keine Kommentare »

Blueberry und der Fluch der Dämonen

Erstellt von Michael Drewniok am 3. Februar 2011

Blueberry und der Fluch der Dämonen

Originaltitel: Blueberry (Frankreich 2004)
Regie: Jan Kounen
Drehbuch: Matt Alexander (= Alexandre Coquelle u. Matthieu Le Naour), Gérard Brach, Jan Kounen u. Louis Mellis
Kamera: Tetsuo Nagata
Schnitt: Jennifer Augé, Bénédicte Brunet u. Joël Jacovella
Musik: Jean-Jacques Hertz u. François Roy
Darsteller: Vincent Cassel (Mike Blueberry), Michael Madsen (Wallace Sebastian Blount), Juliette Lewis (Maria Sullivan), Temuera Morrison (Runi), Hugh O’Conor (junger Mike Blueberry), William Lightning (junger Runi), Ernest Borgnine (Rolling Star), Djimon Hounsou (Woodhead), Geoffrey Lewis (Greg Sullivan), Nichole Hiltz (Lola), Kateri Walker (Kateri), Vahina Giocante (Madeleine), Kestenbetsa (Schamane Kheetseen), Eddie Izzard (Prosit), Colm Meaney (Jimmy McClure), Jan Kounen (Billy) uva.
Label: Ufa Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 14.03.2005 (DVD)
EAN: 0828765956291 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 119 min.
FSK: 12

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Michael Blueberry wird von seinem Vater in den Wilden Westen geschickt, wo ein Mann aus ihm werden soll. Stattdessen gerät er an den psychotischen Revolvermann Blount, der ihm eine Kugel in die Schulter schießt. Blueberry flüchtet in die Wildnis, wo ihn ein freundlicher Schamane der Chiricuahua-Apachen aufliest, heilt und ihm Asyl im Stamm gewährt. Dort wird er zum Verdruss des jungen Runi, mit dem Blueberry ständig konkurriert, in allerlei indianische Mysterien eingeweiht.

Als der Schamane stirbt, kehrt Blueberry in die Zivilisation zurück und wird Sheriff in einer kleinen Stadt. Den Kontakt zu den Indianern hält er aufrecht, was die Bürger (und Runi) mit Misstrauen betrachten. Aber Blueberry geht inzwischen meisterhaft mit dem Revolver um. Als selbsternannter Hüter ‚seines‘ Stammes konnte er so bisher verhindern, dass Goldsucher die Heiligen Berge der Chiricuahuas entweihen.

Jetzt hat der Glücksritter Prosit eine alte Karte gestohlen, die exakt dort reiche Schätze verzeichnet. Er versucht vergeblich, die Städter zum Krieg gegen die Indianer aufzuhetzen. Stattdessen nimmt ihm der reiche Farmer Sullivan die Karte ab. Dann taucht Prosits Spießgeselle auf: Es ist Blount, der Sullivan niederschießt, die Karte raubt und Blueberry schwer verletzt, bevor er sich mit Prosit, einigen rauen Burschen und üblen Absichten zu den Heiligen Bergen aufmacht.

Zusammen mit seinem Hilfssheriff und dem inzwischen selbst zum Schamanen aufgestiegenen Runi folgt ihm Blueberry. An anderer Stelle stellt Sullivans Tochter Maria einen Rachetrupp zusammen. Alle Beteiligten treffen – so nicht fiesen Hinterhalten oder zornigen Indianern zum Opfer gefallen – in einer uralten Bestattungshöhle aufeinander, wo sich Blount als dämonischer Abgesandter der Hölle zu erkennen gibt. In einem Reich zwischen Leben und Tod bricht ein gewaltfreier aber erbarmungsloser Kampf aus …

Ein Western der sehr ungewöhnlichen Art

1963 schufen Jean-Michel Charlier (1924-1989) und Jean Giraud (geb. 1938) die Figur des Soldaten, Gesetzeshüters und Glücksritters Blueberry. Sie wird nicht nur bis heute fortgesetzt, sondern hat sich in vier Serienstränge gegliedert, die von Giraud und anderen Zeichnern und Szenaristen gestaltet werden. „Blueberry“ gilt als Meisterwerk der „Graphic Novel“ und wird (nicht nur) in Frankreich als Begründung für die Erhebung des Comics zur „Neunten Kunst“ hervorgehoben. Wie es sich auch und gerade für ‚grafische Literatur‘ gehört, ist Blueberry kein Held, sondern ein rebellischer Zweifler mit ausgeprägten existenzialistischen Charakterzügen. Seine Erlebnisse folgen nicht immer den Gesetzen der Logik; Blueberrys Abenteuer sind auch Reisen ins eigene Ich.

In vielen Jahrzehnten ist ein eigenständiger Blueberry-Kosmos entstanden. Für den Filmfreund ist dessen Unkenntnis nicht hinderlich. „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ knüpft nur (sehr) lose an die Comic-Vorlage an. Für Regisseur Jan Kounen stehen Mystik und Stimmung im Vordergrund. Schnell löst er sich vom Serien-Vorbild und erzählt eine Geschichte, die sich der bekannten Figuren nur zu bedienen scheint, um ein Blueberry-interessiertes Publikum zu locken – eine Rechnung, die buchstäblich nicht aufging: 37 Mio. Euro soll „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ laut „International Movie Database“ gekostet haben; eine Summe, die der Film im Kino nicht einspielen konnte.

Halluzinogene Historie

Der Zuschauer wird durchaus aber leider nachträglich gewarnt: Als die Schlusstitel laufen, liest man dort nicht „Regie: Jan Kounen“, sondern „A Jan Kounen Session“. Genau dies ist „Blueberry“: der Trip eines Autors und Regisseurs, der sein Interesse an indianischen Riten und drogenunterstützter Bewusstseinserweiterung als Anlass (oder Vorwand) für einen sehr seltsamen und sehr misslungenen Film genommen hat.

Aus „Blueberry“ wurde eine Art „2001“ im Wilden Westen. Doch Jan Kounen ist nicht Stanley Kubrick. Nur die Spezialeffekte sind seit 1968 besser geworden. Während Kubrick sein visuelles Feuerwerk in den Rahmen einer Science-Fiction-Geschichte integrieren konnte, gelingt Kounen diese Einheit nicht. „Blueberry“ will einerseits innovativ sein und ist andererseits ein schrecklich banales Garn um Schuld, Verantwortung und Sühne. Zwar müht sich Kounen, dies durch eine künstlich komplizierte Struktur zu verschleiern, doch es schimmert unter den grandiosen Luftbildern, den Blicken durch Adleraugen oder den fraktalen Drogenräuschen viel zu deutlich durch. Spätestens wenn die Handlung die Heiligen Berge erreicht, fühlt sich der deutsche Zuschauer zusehends an die Karl-May-Filme der 1960er Jahre erinnert. Rina und Blueberry übernehmen die Rollen von Winnetou und Old Shatterhand. (Allerdings entstand „Blueberry“ an Originalschauplätzen in Mexiko.)

Kounen würde diesen Vergleich sicherlich ablehnen und wohl eher den Vergleich mit Alexandro Jodorowsky begrüßen. In der Tat erinnert „Blueberry“ an surreale Filme wie „El Topo“ (1970) oder „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973). Auch Tarsem Singh („The Cell“, „The Fall“) oder Darren Aranofsky („The Fountain“) kommen einem in den Sinn. Wie diese Regisseure arbeitet Kounen mit Chiffren und Symbolen, sucht nach Bildern und Tönen abseits des Film-Mainstreams, will im Kopf des Zuschauers etwas in Bewegung setzen. Dabei ist Kounen wie schon angesprochen davon überzeugt, dass Schamanen sich Zugang zu elementarem, uraltem, im zivilisierten Geist verschütteten und irgendwie ‚geheimen‘ Wissen verschaffen können. Dies zu vermitteln ist ihm so wichtig, dass er sogar den echten Zauberpriester Kestenbetsa vom Amazonas einfliegen, als Apachen verkleiden und einen authentischen Zeremoniengesang anstimmen ließ.

Im Weste(r)n nichts Neues

Grundsätzlich ist es keine Überraschung: Das Zwischenreich der Geister und Dämonen entpuppt sich als Spiegelung sehr zwischenmenschlicher Konflikte. Dass diese ziemlich verzerrt wirken, mag an der Methode ihrer Beschwörung liegen: Um ihnen zu begegnen, muss man allerlei seltsame Pflanzen und Pilze durch Tabakspfeifen jagen bzw. zu einem offensichtlich schauerlich schmeckenden Getränk vergären lassen. Ketzerische Realisten mögen einwenden, dass man Sterne auch nach dem Genuss einer Flasche guten Weins sehen kann. Solchen Flaschengeistern fehlt indes die höhere Weihe: Es müssen edle, weise Medizinmänner (oder -frauen) aus ethnologisch reinem Anbau sein, die solche x-dimensionalen Streifzüge unternehmen.

Jan Kounen ist ein Jünger. Paradoxerweise meint er, die wahre Lehre durch einen Overkill modernster Spezialeffekte einem breiten Publikum vermitteln zu können. Die Bocksprünge eines durch Drogen befeuerten Hirns lassen sich jedoch nur bedingt auf diese Weise nachzeichnen. Stillschweigend setzt Kounen möglicherweise voraus, dass sich der Zuschauer während der Vorstellung durch eigene Rauschmittel in einen aufnahmebereiten Zustand versetzt. Sollte dem nicht so sein, kann man seine Bemühungen getrost als gescheitert ansehen. Die digital und kostspielig erzeugten Delirien sind hübsch und verwirrend anzuschauen, ohne dabei zu beeindrucken – kein Wunder, da auch sie sehr profan sind: Dämonen produzieren düstere Wolken und hässliche Ungeheuer, während ‚reine‘ Seelen hell leuchten. Dazwischen tummeln sich fraktale und dreidimensional die Leinwand flutende Muster, bis dem Zuschauer die Augen brennen und der Kopf zu dröhnen beginnt (obwohl ständig jene meditative Entspannungsmusik dudelt, die hier den Soundtrack ersetzt).

„Seltsam“ ist nicht zwangsläufig „künstlerisch“

Auch wenn Blueberry keinen Drogenwein trinkt oder Dämonen jagt, bewegt er sich durch eine sonderbare Welt. Sein Westen ist ebenfalls wild aber niemals historisch oder realistisch. Was wir sehen, ist stets eine Nummer zu groß, zu schräg und zu effektvoll, um wahr zu sein. Die Figuren bewegen sich hart an der Kante zur Karikatur. Die Poleposition übernimmt der ebenso spielfreudige wie experimentierfreudige Hollywood-Veteran Ernest Borgnine als 87-jähriger ‚Sheriff‘, der seinen Job im Rollstuhl (und geschoben von seinem geistig derangierten Sohn) ausübt.

Was zu der Frage führt, ob die von Kounen angeheuerten Darsteller jemals das Drehbuch von „Blueberry“ gelesen haben. Oder trauten sie sich nicht nachzufragen? Jedenfalls mimen sie Western-Figuren nach Vorschrift. Sie hatten ohnehin keine Chance. In dem wirbelbunten Durcheinander verschwinden gestandene Mimen wie Juliette Lewis, Michael Madsen oder Colm Meaney spurlos. Lewis kann dieses Rollenkorsett nicht einmal durch den vollen Körpereinsatz einer (nur im europäischen Kino so explizit möglichen) „full-frontal“-Nacktszene sprengen. Selbst Vincent Cassel, der sich als Blueberry sichtlich um Figurentiefe bemüht, ist vor allem notorisch seelenvoll, raucht Kette und trägt einen schwarzen Hut.

Auf diese Weise schleppt sich die Handlung zwischen den Visionen bedeutungsschwer aber lahm voran. Das zwischen Revolverhelden übliche Final-Duell findet erwartungsgemäß im Traumland statt und wird durch Synapsenschüsse aus dem Hinterhalt des Kleinhirns entschieden. Das ist zwar erneut sehr bunt dargeboten, kann eine ordentliche Schießerei freilich nicht ersetzen. Wenigstens die Darsteller in ihren Rollen sind zufrieden, die Heiligen Berge bleiben unbesetzt, und alle lieben sich (oder sind tot). Der Zuschauer allerdings ist sauer: Wozu das ganze Brimborium, die Western-Kulisse, die pseudo-authentischen Ritentümelei? Dieser Film ist ein eindrucksvolles Monument der Ratlosigkeit, der an sein Publikum weitergibt, was seine Produzenten früh erkennen mussten: Dies ist ein böser Trip!

DVD-Features

Bisher ist „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ nur als DVD erschienen. Angesichts der großartigen Luft- und Landschaftsaufnahmen sowie aufgrund des Breitwandformats wünscht man sich (ausnahmsweise) eine Blu-ray-Veröffentlichung. Dazu wird es wohl nicht kommen, da dieser Film die in ihn gesetzten Erwartungen nicht nur künstlerisch, sondern vor allem auch ökonomisch nicht erfüllen konnte. (In den USA wurde der Bezug zur Comic-Serie – die dort kaum jemand kennt – gekappt, der Film in „Renegade“ und Blueberry in „Mike Donovan“ umbenannt; der verzweifelte Versuch, „Blueberry“ als ‚normalen‘ Western zu verkaufen, scheiterte.)

Die Extras umfassen neben dem internationaler Trailer ein „Making Of“, das nur 20 Minuten läuft und auch nicht hilfreich ist, dem Hauptfilm einen inhaltlichen Sinn abzuringen, minutenkurze ‚Interviews‘ mit Vincent Cassel, Michael Madsen, Juliette Lewis und Jan Kounen, wenig aussagekräftige Impressionen von der Arbeit an den Spezialeffekten sowie eine zweiminütige (!) ‚Einführung‘ in die Blueberry-Legende – Kommentar wohl überflüssig.

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Abenteuer, Fantasy, Historie, Horror, Mystery, Western | 4 Kommentare »

Djinn – Dämonen der Wüste

Erstellt von Michael Drewniok am 21. Januar 2011

Djinn
Dämonen der Wüste

Originaltitel: Djinns (Frankreich/Marokko 2010)
Regie u. Drehbuch: Hugues Martin u. Sandra Martin
Kamera: Pierre Cottereau
Schnitt: Nicolas Sarkissian
Musik: Siegfried Canto
Darsteller: Grégoire Leprince-Ringuet (Michel), Thierry Frémont (Vacard), Stéphane Debac (Durieux), Saïd Taghmaoui (Aroui), Cyril Raffaelli (Louvier), Aurélien Wiik (Saria), Matthias Van Khache (Malovitch), Grégory Quidel (Max), Emmanuel Bonami (Ballant), Omar Lotfi (Kamel), Raouïa Harand (Daouïa), Brice Coupey (Djinn) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 05.01.2011 (Leih-DVD/Blu-ray) bzw. 04.02.2011 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 886978163097 (Kauf-DVD) bzw. 0886978163295 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Booklooker.de

Das geschieht:

Seit 1954 tobt der Krieg zwischen Frankreich und seiner Kolonie Algerien, die ihre Unabhängigkeit fordert. Er wird auf beiden Seiten erbittert und mit großer Grausamkeit geführt. Im Januar des Jahres 1960 stürzt über der südwestalgerischen Provinz Adrar ein Flugzeug mit militärisch wichtigen Geheimdokumenten ab, die keinesfalls in die Hände der „Rebellen“ fallen dürfen. Unter dem Kommando des unerfahrenen Lieutenants Durieux dringt eine kleine Spezialeinheit in die Wüste vor. Begleitet werden die Männer vom jungen Michel, der militärpropagandistisch verwertbare Szenen eines erfolgreichen Einsatzes filmen soll.

Das Flugzeug und der Koffer mit den Dokumenten werden entdeckt, doch eine Gruppe algerischer Freiheitskämpfer ist schon vor Ort. Ein Sandsturm unterbricht die blutige Schießerei und trennt die Kämpfer. In der Nacht lagern die Franzosen in der offenen Wüste. Michel sieht unheimliche, teilweise durchsichtige Kreaturen aus dem Sand steigen. Nur er erkennt sie und beobachtet, dass sie den Koffer zu stehlen versuchen, was er verhindern kann.

Anderentags stößt die Gruppe, die sich längst in der Wildnis verirrt hat, auf eine uralte Wüstenzitadelle, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Nur alte Männer, Frauen und Kinder leben hier. Vacard, der Adjutant von Durieux, lässt sie brutal zusammentreiben und verhören; er sucht die jungen Männer dieser Siedlung, die er für Rebellen hält.

Nachts klettern die Kreaturen über die Mauern. Daouïa, die Seherin des Dorfes, erklärt Michel, dass man es mit Djinn – Wüstengeistern – zu tun habe, in deren Territorium die Franzosen eingedrungen seien. Niemals würden die erbosten Geister sie wieder ziehen lassen. Die Djinn schlüpfen in die Hirne der Soldaten, die daraufhin einander abzuschlachten beginnen. Verzweifelt versucht Michel, dem Einhalt zu gebieten – und sein Leben zu behalten …

Heißer Sand und kaltes Grauen

Gerade erst hat Daniel Myrick mit seinem Filmteam Marokko verlassen („Operation Desert – Die verschwundene Einheit“), da rückt schon das Ehepaar Hugues und Sandra Martin nach, um eine weitere Soldatengruppe von gruseligen Djinn überfallen zu lassen. So könnte zumindest der deutsche Filmfreund folgern, denn der Zufall sorgte dafür, dass mit „Operation Desert“ und „Djinn“ beinahe zeitgleich zwei Filme um Geister aus der Wüste in Verleih und Verkauf kommen. Dies ermöglicht interessante Vergleiche, denn obwohl die erzählten Geschichten sich gleichen, fallen die Ergebnisse denkbar unterschiedlich aus.

Während ausgerechnet Myrick, der rationale US-Amerikaner, versuchte, die Wüste als mythische Region darzustellen, bleiben die Martins stets nahe der Realität. Selbst die Djinn finden ihre Nische in der Evolution: Sie werden zu einem nichtmenschlichen Volk, das zwar zwischen den Dimensionen aber standorttreu lebt und in seiner Heimat lieber ungestört bleibt. Als Eindringlinge dies nicht begreifen können oder wollen, gehen sie zur Attacke über.

Das Handeln der Djinn ist also rasch erklärt. Auch sonst warten die Martins mit keinen Geheimnissen auf, die nicht spätestens im Finale gelüftet und – was schlimmer ist, wie noch zu erläutern ist – erklärt werden. Grundsätzlich könnte die daraus resultierende Handlung sogar auf die Djinn verzichten und sie gänzlich durch algerische Freiheitskämpfer ersetzen. „Djinn“ wäre dann ein ‚normaler‘ Film, dessen Storyline abseits jeglicher Übernatürlichkeit dem altbekannten Motto „Krieg ist die Hölle“ folgen würde.

Bestie Mensch schlägt dämonischen Djinn

Wobei der Film in dieser Hinsicht vermutlich besser punkten könnte. Die Djinn halten sich – da auch tricktechnisch teuer – zurück und überlassen den Menschen das Feld. Für die wird der Marsch durch die Wüste zum üblichen Selbsterfahrungs-Trip. Schon damit sind die französischen Soldaten mehr als genug beschäftigt, doch hinzu kommen die üblichen zwischenmenschlichen Konflikte. Eigentlich müssten die Djinn sich nur zurücklehnen und abwarten; die verhassten Eindringlinge hangeln sich von Klischee zu Klischee und radieren sich selbstständig dabei aus.

Durieux ist nur vorgeblich Kommandant der Truppe; tatsächlich hält der Kriegsveteran Vacard das Heft in der Hand. Zwischen diesen beiden gut aber ideenarm gezeichneten Figuren findet die meiste Interaktion statt. Vor allem Vacard trägt zusätzlich schwer an symbolischem Gepäck: Er repräsentiert den ‚hässlichen Franzosen‘, der gemäß der berüchtigten „französischen Doktrin“ Gefangene foltert, um Informationen aus ihnen herauszupressen. Durieux verkörpert die Gegenseite: Frisch von der Militärakademie gekommen, mag er sich nicht den brutalen Praktiken seines Stellvertreters anschließen.

Da dies ein Film der Gegenwart ist, wollen die Martins natürlich auch die „andere Seite“ gebührend berücksichtigen. Also mischt ein Trüppchen algerischer Freiheitskämpfer mit, die in erster Linie als Sandsäcke der Franzosen dargestellt werden. Aroui und seine Männer wehren sich politisch korrekt dort, wo die bösen Kolonisten Angst und Tod verbreiten. Im Finale haben die Martins keine Verwendung mehr für die wackeren Krieger; sie verschwinden einfach aus der Handlung.

Nur Handwerk, kein Genie

„Djinn“ ist das Erstlingswerk der Martins, die bisher visuelle Effekte für die Filme anderer Regisseure gestaltet haben. Optisch ist „Djinn“ erwartungsgemäß über die meisten Tadel erhaben. Die Zitadelle in der Wüste ist eine eindrucksvolle Kulisse, Licht und Schatten werden einfallsreich ins Geschehen integriert, und die Sahara selbst sorgt – zwar nicht in Algerien, sondern in Marokko gefilmt – für den grandiosen Rest.

Allerdings beginnt sich der positive Eindruck zu verflüchtigen, sobald Bewegung in die Effekte kommt. Damit ist nicht einmal der allzu deutlich digitale Flugzeugabsturz gemeint. Das Kapital-Problem sind die Djinn. Wir ‚sehen‘ sie nur transparent und verschwommen durch wabernde Hitze- und Sandschleier. Dennoch erkennen wir sie jederzeit als maskierte Menschen; schlecht maskierte Menschen, denn die Djinn-Haut wirkt, als hätten sich die Darsteller in Schlamm gewälzt und diesen trocknen lassen.

Schauspielen nach Zahlen

Ähnlich konturenschwach sind die Schauspieler. Das Drehbuch gibt dem anfänglichen Kennenlernen der Soldaten viel Raum. Dennoch gelingt es höchstens den Figuren Vacard, Durieux und Michel, sich mit Namen im Kurzzeitgedächtnis des Zuschauers zu verankern. Louvier, Saria, Malovitch & Co. sind und bleiben Djinn-Futter. Man hofft höchstens, dass es sie möglichst effektvoll (d. h. so effektvoll, wie es in einem ab 16 Jahren freigegebenen Film möglich ist) erwischt. Arouis Gefährten bleiben gänzlich namenlos. Ohnehin beobachten sie vor allem Saïd Taghmaouin dabei, wie er sich in seiner Rolle als aufrechter Widerständler, der früher für die Franzosen gekämpft hat, abrackert, um der Geschichte dramatische Ambivalenz einzuhauchen.

Ebenfalls nur Klischee bleibt Raouïa Harand, die als Seherin Daouïa mysteriös durch die Gassen schreitet und kryptische Andeutungen klärenden Worten jederzeit vorzieht. Wieso sie ihren Job ausgerechnet an Michel weitergibt, ist ähnlich rätselhaft; er hatte nie eine Beziehung zu Algerien. Wieso wird er der neue Seher?

Die Djinn gegen Präsident de Gaulle

Damit kommen wir zu jenem Punkt, an dem auch den gutwilligen Zuschauer die Geduld verlässt. „Drehbuchschwäche“ und „Film-Phantastik“ sind quasi Synonyme. Wir sind viel Kummer gewohnt sowie geneigt, im Zweifel für den Angeklagten zu stimmen. Die Martins, die nicht nur gemeinsam Regie führten, sondern auch das Drehbuch schrieben, überspannen den Bogen allerdings, bis er bricht. Um dies zu erläutern, komme ich leider nicht umhin, ein wenig zu spoilern. Wer also „Djinn“ noch nicht gesehen hat und ahnungslos bleiben möchte, überspringe die nächsten beiden Absätze. Andererseits mögen einige offene Worte bei jenen Zuschauern für Klarheit sorgen, die sich immer noch ratlos am Kopf kratzen, nachdem das magische Wort „Ende“ längst an ihnen vorbeigeflimmert ist.

Also: Michel sieht nicht nur Geister, sondern hat auch Visionen. Die Djinn geben sie ihm – wieso auch immer – ein. Sie wissen offenbar, was in den durch die Wüste geschleppten Geheimdokumenten angekündigt wird: Die Franzosen wollen genau dort, wo die Djinn hausen, eine Atombombe testen. Wenn sie den Koffer mit dem von Präsident de Gaulle unterzeichneten Zündungsbefehl verschwinden lassen, wird dieser Test abgesagt – so denken jedenfalls die Djinn, die erstaunlich informiert über moderne Nuklearwaffen scheinen. Oder wollen sie die Presse informieren?

Wenn schon nicht die Geister, so sollten wenigstens die Drehbuchautoren wissen, wie blödsinnig dieser ‚Plan‘ ist. Folgerichtig explodiert auch im Film am 13. Februar 1960 die Bombe. Immerhin konnte Neu-Seher Michel die Zitadelle evakuieren, die ebenfalls in ihre Atome zerblasen wird. Wie es den Djinn ergeht, erfahren wir nicht.

Dieses merkwürdige, kontraproduktive und – sagen wir es offen – alberne Ende ist völlig überflüssig. Dem vorgeblich schockierenden Schlusstwist opfern die Martins die bisher leidlich gewahrte Glaubwürdigkeit des Geschehens. Sie wissen wohl wie, aber sie wissen nur bedingt, was sie erzählen wollen. Somit bleibt diese ehrgeizige, etwas andere Geistergeschichte im Mittelmaß stecken. (Freilich erging es Daniel Myrick mit „Operation Desert“ ebenso – aber das ist ein Übel, das dieser Rezensent an anderer Stelle beklagt …)

DVD-Features

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein „Making of“ oder ein Bericht über Spezialeffekte interessanter als der Hauptfilm sind. In unserem Fall darf man dankbar über diese Extras sein. Sie stimmen versöhnlich und bleiben erfreulich kurz.

Wer der französischen Sprache mächtig ist, findet in Schrift und Clip reichhaltiges Infomaterial auf dieser Website.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Booklooker.de

Abgelegt unter Abenteuer, Fantasy, Historie, Horror, Mystery | Keine Kommentare »

Lost Colony

Erstellt von Michael Drewniok am 4. Januar 2011

Lost Colony

Originaltitel: Wraith of Roanoke (USA 2007)
Regie: Matt Codd
Drehbuch: Rafael Jordan
Kamera: Anton Bakarski
Schnitt: Robin Russell
Musik: John Dickson
Darsteller: Adrian Paul (Ananias Dare), Frida Farrell (Eleanor Dare), Rhett Giles (George Howe), Michael Teh (Manteo), Mari Mascaro (Elizabeth Viccars), Alex McArthur (John White), George Calil (Thomas Stevens), Doug Dearth (Gregory Hemphill), Suzette Kolaga (Emme Merrimoth), Terence H. Winkless (Vater Jacob), Dessi Morales (Wikinger-Hexe) u. a.
Label: MIG Film
Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 15.05.2008 (DVD) bzw. 09.12.2010 (Blu-ray)
EAN: 4009750238424 (DVD) bzw. 4009750390887 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min.
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Im späten Sommer des Jahres 1587 erreichen Siedler Roanoke Island, die erste englische Kolonie auf nordamerikanischem Boden. Eigentlich sollen dort 15 schon früher eingetroffene Soldaten die Stellung halten. Doch sie sind verschwunden, ihr Anführer hängt tot von einem Balken: Aus Furcht hat er sich umgebracht und nur eine mysteriöse Warnung vor „Seelendieben“ hinterlassen. Obwohl auch Manteo, duldsamer Häuptling eines ansonsten kolonistenfeindlichen Indianerstamms, vor bösen Mächten auf der Insel warnt, setzen die gottesfürchtigen Siedler sich über solchen heidnischen Unfug hinweg. Als Gouverneur John White nach England zurücksegelt, um neue Vorräte zu besorgen, setzt er seinen Schwiegersohn Ananias Dare als Stellvertreter ein.

Der neue Anführer gerät sogleich unter Druck: Im Wald gibt es kein Jagdwild, die Saat will nicht aufgehen. Kurz darauf verlässt ein Wächter nachts seinen Posten und das Fort: Eine fremde Frau hat ihn in den Wald gelockt, wo er übles Ende findet. Weitere Opfer folgen. Eleonor, Dares Gattin, ahnt, was vorgeht. Sie wird von Visionen geplagt, in denen wikingische Seefahrer drei Hexen hinrichten. Dies geschah vor fünfhundert Jahren. Die Hexen blieben zwischen Diesseits und Jenseits gefangen. Sie stärken sich mit den Seelen ihrer Opfer, die dann ebenso untot auf Roanoke Island umherirren und sich den Hexen anschließen müssen.

Aus England ist keine Hilfe zu erwarten. Auch die Indianer wollen mit den Siedlern nicht zu tun haben, seit einige übereifrige Kolonisten ihr Dorf überfielen. Während Nacht für Nacht die Geister das Fort heimsuchen, fahndet Ananias Dare verzweifelt nach einem Ausweg. Manteo gibt ihm den Tipp, nach einer geheim gelegenen Höhle zu suchen. Dort verschnaufen die Hexen nach Feierabend, und dort lässt sich womöglich finden, was ihnen schadet. Aber der Weg ist weit und gefährlich, denn die Geister halten Augen und Klauen weit geöffnet …

Wir waren gewarnt!

Für den im Film-Alltag ein wenig bewanderten Phantastik-Freund ist es nicht immer die erzählte Geschichte, die den Grusel birgt. In diesem Fall kommt der wahre Schrecken sogar aus zwei storyfernen Richtungen, die sich so auf den Punkt bringen lassen: „Sci-Fi-Channel“ und „Adrian Paul“.

Genannter „Sci-Fi-Channel“, gegründet 1992, hat sich 2009 in „Syfy“ umbenannt. Es ändert nichts an der Politik dieses Privatsenders, die Kosten für selbstproduzierte Filme möglichst niedrig zu halten. Das hat zur Folge, dass die Erzeugnisse von „Sci-Fi“ oder „Syfy“ bei erbosten Genre-Fans als formal wie inhaltlich billige Sendeplatzfüller verschrien sind. „Lost Colony“ gehört zwar noch zu den besseren Filmen, füllt jedoch trotzdem jedes mit dem Sender verbundene Vorurteil mit wildem Eigenleben.

Adrian Paul gehört zu jenen Schauspielern, die stets gut beschäftigt sind, ohne sich jemals zu echtem Starruhm aufschwingen zu können. 1992 schien es einmal so weit zu sein, als er Christopher Lambert als „Highlander“ ablöste. Bis 1998 gab er in der gleichnamigen Fernsehserie mit Pferdeschwanz und Stoppelbart einen fürchterlich schmierigen ‚Unsterblichen‘, der in 119 seichten Episoden sein Schwert schwang; es folgten noch zwei Filme der C-Kategorie. Auf diesem Niveau hat sich seine ‚Karriere‘ einpendelt; der Name Adrian Paul signalisiert – ähnlich wie Lance Henriksen, Eric Roberts oder Corbin Bernsen – Filmstoffe, die mit Vorsicht zu genießen sind.

Die Geschichte als Knetmasse

Das Geheimnis von Roanoke beschäftigte und beschäftigt nicht nur Generation von Historikern. Dies ist der Stoff, aus dem (Alb-) Träume gemacht sind, die einen idealen Rohstoff für spannende Storys bilden. Es gibt gerade genug Fakten, die als solide Basis ein Grusel-Garn tragen, das nach Belieben gesponnen werden darf. Warum also keine aus Skandinavien importierten Hexen ihr Unwesen treiben lassen? Die Wikinger waren lange vor den Engländern (oder Columbus) in Nordamerika. Ihre Geschichte ist die Quelle eigener Mythen, die Drehbuchautor Rafael Jordan – sicher ist sicher – mit dem Roanoke-Rätsel verschneidet.

Nicht dies bringt die „Lost Colony“ zu Fall. Lange verzeiht man Jordan seine Einfallsarmut, seine Flucht in Klischees, seinen Hang zur Unlogik, die selbst die Grenzen des Trivialfilms sprengt. Regisseur Matt Codd müht sich wacker, den Schwachsinn wenigstens ansehnlich zu gestalten. Er arbeitet doppelgeleisig nicht nur als Regisseur, sondern auch als Szenenbildner. In dieser Funktion malte er Trick-Hintergründe für Großproduktionen wie „Planet der Affen“ (2001), „Terminator 3“ (2003) oder „Apocalypto“ (2006). Auch „Lost Colony“ profitiert vom Auge des Illustrators. Codd stand ein 2-Mio.-Budget zur Verfügung. Wie so viele sparsame Filmemacher ging er mit seinem Team nach Osteuropa. In Bulgarien gab sein Sparstrumpf die Errichtung eines vollständigen Forts her: eine Großkulisse, die Codd in Länge, Breite und Höhe einzusetzen weiß und deren Mauern geschickt die Außenwelt dort ausschließen, wo ihre ständige Kamerapräsenz zu teuer käme.

Viel Nebel wabert um das Fort und verschleiert kostengünstig angedeutetes Hintergrunddekor. Cobb integriert ihn in die Geschichte und weiß ihn dort zu nutzen. Auch schlechtes Wetter kommt ihm gelegen: Wenn es regnet, tropft es nicht aus Schläuchen, sondern aus Wolken. Und gestorben wird – zumal in einem ab 16 Jahren freigegebenen Film – angemessen horribel, d. h. ausgesprochen blutig.

Mit weicher Birne gegen eine Betonwand

Damit ist die Liste der Erfreulichkeiten abgeschlossen, während die der Verbrechen wider Logik und Verstand gekürzt werden muss, um den Rahmen dieses Textes nicht zu sprengen. Dass „Lost Colony“ kein Meisterwerk des Horror-Genres ist, wird schon in der ersten Filmminute deutlich: Ein Siedler hetzt durch den Wald, um schließlich von einer Geister-Hexe abgeschlachtet zu werden. Welcher Regisseur zeigt und verheizt dadurch sein Monster bereits so früh und völlig unnötig? Wir wissen schon, was die Siedler erst langwierig und (für uns) langweilig in Erfahrung bringen müssen. Aber „Lost Colony“ ist ein TV-Film. Wenn er schließlich im ‚freien‘ US-Fernsehen läuft, wird er nach fünf Minuten zum ersten Mal durch Werbung unterbrochen. Die frühe Enthüllung der Hexe soll den Zuschauer davon überzeugen, diese über sich ergehen zu lassen und bloß nicht umzuschalten.

Eine weitere Sünde ist die widernatürliche Sauberkeit der Schauplätze. Das Fort oder die Indianersiedlung wirken nie gewachsen, sondern lassen sich stets als Kulissen identifizieren, die in die Landschaft gestellt wurden. Generell ist alles unnatürlich sauber und wird gut ausgeleuchtet. Die Darsteller zivilisationsfern am Hungertuch nagender Siedler treten mit perlweißen Zähnen und reiner Haut vor die Kamera. Der Gipfel der Lächerlichkeit wird mit dem Auftritt von Frida Farrell erreicht: Die blonden Locken, das perfekte Make-up und die strahlend weiße Kleidung des schwedischen Ex-Models werden selbst auf dem Wochenbett nicht in Mitleidenschaft gezogen. Dies ist typisch für „Syfy“-Billig-Fernsehen in schlechter „Stargate“-Tradition.

118 Personen zählte die Kolonie Roanoke. Vor der Kamera sieht man höchstens fünfzehn Personen gleichzeitig; Statisten wollen offensichtlich auch in Bulgarien bezahlt werden. In jeder Nacht metzeln die Hexen, was ihre Klauen hergeben. Am nächsten Morgen sind die Toten verschwunden, und vermutlich dieselben Statisten treten in neuer Kleidung ihren Dienst als „weitere Siedler“ an. Dazu tragen sie Feuerwaffen, die es 1587 noch nicht und Helme, die es schon lange nicht mehr gab. Wenigstens können sie den fertigen Film anschauen, ohne sich zu Tode zu schämen. Die glatzköpfig-kugelbäuchigen, schwarz-weiß bemalten ‚Indianer‘-Darsteller dürfen dieses Glück nicht für sich beanspruchen. (Nur Michael Teh bleibt als Manteo in der Rolle des „edlen Wilden“ solcher Mummenschanz erspart: Ein Australier spielt in Bulgarien einen nordamerikanischen Ureinwohner …)

Tod durch Drehbuchautor und Hexen

Wenn das Finale naht, hat die Logik längst die Segel gestrichen. Die Geister-Hexen verabscheuen Wasser, weshalb um das Fort ein Graben gezogen wurde. Dieser ist komplett, aber die Spukwesen springen trotzdem nach Belieben über die Palisaden. Deshalb lässt Ananias einen Graben IM Fort um das Hauptgebäude ziehen – und den können die Hexen erst nicht und dann plötzlich doch überwinden.

Dass Wasser zur Waffe wird, beweist Ananias, als er einen Geist aus seiner Feldflasche besprenkelt und dieser sich unter Fauchen und Klagegeschrei auflöst. Nichtsdestotrotz dringen er und seine Männer weiterhin unverdrossen mit Gewehr und Säbel auf die Hexen ein und wundern sich, dass sie niedergemacht werden. Dabei ist Ananias eigentlich ein Genie: Als er in der Hexenhöhle einen Runenstein findet, kann er die Inschrift binnen Sekunden fließend lesen und übersetzen.

Jetzt regiert vor und hinter der Kamera unangefochten der Schwachsinn. In der letzten Nacht holen die sonst recht geräuschvoll spukenden Hexen sämtliche Frauen und Kinder aus dem eigentlich sicheren Hauptgebäude. Ananias, Eleanor und ihrer Tochter lassen sie weiterschlafen und auch so viele Männer leben, dass diese in der nächsten Szene ein Floß fertigstellen können, auf das die Hexen gelockt und nach Walhalla geschickt werden sollen.

Wenn sie dort ein wenig rücken, sind sicherlich noch einige Plätzchen für die Tricktechniker der „Lost-Colony“-Crew frei. Die CGI-Sequenzen wurden möglicherweise auf einem Handy designt, die fliegenden Hexen sehen wie in Phosphor getränkte und wild geschwenkte Tuchlumpen aus, die ‚lebenden Bäume‘ strecken Krikelkrakel-Tentakel aus, und jeder durch Hexenhiebe getroffene Soldat fällt fix & fertig ‚tot‘ geschminkt vor die Kameralinse.

Die Geschichte hinter der Story

Man glaubt es kaum, aber Autor Rafael Jordan hält sich tatsächlich an die historischen Fakten; es hätte der Story gut getan, wären diese reichlicher eingeflossen. So rätselt der mit diesem Kapitel der US-Geschichte weniger vertraute Zuschauer, wer denn die Pechvögel sind, die in den turbulenten Anfangsminuten ihr Leben lassen müssen. Deshalb hier kurz die Hintergründe:

Im August 1585 wurde auf Roanoke Island die erste englische Kolonie auf nordamerikanischem Boden gegründet. 108 Siedler starteten denkbar schlecht in ihr neues Leben. Admiral Grenville, der sie so abgesetzt hatte, versprach neue Vorräte und segelte zurück nach England. In seiner Abwesenheit warf der Abenteurer Sir Francis Drake im April 1586 vor Roanoke Anker. Er bot den Siedlern an, sie nach England zu bringen, was dankbar angenommen wurde. Als Grenville Roanoke wieder ansteuerte, fand er Fort und Kolonie verlassen vor. Er ließ 15 Männer zurück, die Englands Anspruch auf die Insel sicherstellten: Dies sind die Unglücklichen, die im Film zuerst den Hexen begegnen.

In der Tat waren diese Männer fort, als im Juli 1587 neue Siedler – unter ihnen Ananias Dare und seine schwangere Gattin Eleanor – Roanoke erreichten. Die Geschichte wiederholte sich: Gouverneur John White segelte nach England, um Nachschub zu organisieren. Ein neuer Krieg mit Spanien brach aus, sodass er erst drei Jahre später, im August 1590, nach Roanoke zurückkehrte. Die Kolonie war verlassen, 118 Männer, Frauen und Kinder waren unter Hinterlassung ihrer Habe spurlos verschwunden. Gefunden wurde nur ein Holzpfosten, in den das Wort „Croatoan“ eingeschnitten war. Dies war der Name einer Insel, auf der ein befreundeter Indianerstamm lebte.

Ein Hurrikan vertrieb White, der Croatoan nicht aufsuchen konnte. Ein Mythos war geboren. Vor allem die Spökenkieker erklommen ungeahnte Höhen interpretierenden Schwachsinns: Monster lauern im Wald von Roanoke! Ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum hat sich geöffnet! Außerirdische haben die Kolonisten entführt!

Tatsächlich gibt es Spuren, die darauf hinweisen, dass zumindest einige Siedler ihr Ziel erreichten und von den Indianern aufgenommen wurden. Mehr als ein Jahrhundert nach dem rätselhaften Untergang kamen endlich Reisende nach Croatoan. Sie fanden diverse Ureinwohner, die deutlich europäische Züge trugen. Die ganze Geschichte der verlorenen Roanoke-Kolonie ist bis heute ungeklärt, doch übernatürliche Gründe können wie üblich ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund dürfen auch Matt Codd, Rafael Jordan und alle, die sich des „Lost-Colony“-Debakels schuldig machten, darauf hoffen, nur vom Publikum verflucht aber nicht vom Teufel geholt zu werden.

DVD-Features

Wer den Hauptfilm überstanden hat, muss sich vor Extras nicht mehr fürchten; es gibt sie nicht, was aber nicht heißt, dass man generell vor ihnen sicher ist. Man findet (oder meidet) sie im Internet.

[md]

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Abgelegt unter Abenteuer, Action, Filmbericht, Historie, Horror, Mystery | Keine Kommentare »

Walhalla Rising

Erstellt von Galaxykarl am 23. Oktober 2010

Walhalla Rising

Originaltitel „Valhalla Rising“
Sunfilm Entertainment, 2010
Wikinger-Drama
1 DVD, Laufzeit ca. 89 min.
EAN 4041658223218
FSK: ab 16
Darsteller: Mads Mikkelsen, Jamie Sives, Gary Lewis, und Callum Mitchell u.a.
Regie: Nicolas Winding Refn
Produktion: Johnny Anderson, Bo Ehrhardt, Henrik Danstrup
EXTRAS – Exklusive Interviews mit Regisseur NICOLAS WINDING REFN
und Hauptdarsteller MADS MIKKELSEN, Audiokommentar des Regisseurs

www.sunfilm.de
www.walhallarising.de

Titel erhältlich bei Libri.de
Titel erhältlich bei amazon.de

Zum Inhalt:

Im Jahr 1000 n.Chr. werden Wikinger-Krieger mitten in der kargen Wildnis zu barbarischen Kämpfen gezwungen. Angekettet, gefangen gehalten wie Vieh, nur mit einem Minimum an Wasser und Nahrung versorgt, vegetiert Einauge (Mads Mikkelsen) dahin. Er hat viele Männer getötet und bisher immer gesiegt. Mit gnadenloser Brutalität und Rücksichtslosigkeit zerschlägt er seinen Gegnern die Schädel und metzelt sie nieder.

Ab und zu gestattet man ihm ein Bad an einer Wasserstelle. Eines Tages findet er am Grund eine scharfe Pfeilspitze. Als er – wieder einmal – nach fünf Jahren an einen neuen Besitzer weitergegeben wird, nutzt er seine Chance und tötet die Wachen, die ihn zu seinem neuen Herrn bringen sollten.

Auf seinem Weg durch die Berge stößt er auf christianisierte Wikinger, die sich einem Kreuzzug anschließen wollen und deren Ziel Jerusalem ist. Einauge schließt sich ihnen stumm an und gemeinsam nehmen sie ein kleines Schiff und stechen in See. Doch die Reise steht unter keinem guten Stern. Wochenlanger Nebel, Flauten und unbekannte Strömungen lassen sie in die Irre fahren. Halb verhungert und verdurstet entdecken sie endlich Land. Aber es ist nicht das geheiligte Land …

Fazit:

Es wird nicht viel geredet und vielleicht war es damals im Jahr 1000 sogar so. Mads Mikkelsen hat kein einziges Wort Text und doch lebt der Film fast ausschließlich von ihm. Beinahe wie ein frühzeitlicher Dirty Harry – noch tödlicher, noch wortkarger, nein, völlig stumm – kämpft er um sein Leben und seine Freiheit. Zwischenzeitlich ereilen in blutrote Visionen, die in der graubraun gehaltenen Landschaft und allgemein spärlicher Farbgebung des Films umso schockierender wirken. Was sie ja auch sicher sollen.

Akustische Elemente sind ebenso sparsam eingesetzt und eine Filmmusik fehlt völlig. Die Szenen sind ruhig, manchmal an der Grenze zur Langatmigkeit, nur um dann in einer fast lautlosen Gewaltorgie zu explodieren. Keine amerikanische Filmschnitthatz, bei der man nichts mehr mitbekommt, sondern stille Kameraführung, die einem Zeit lässt, sich in die Stimmung einzulassen.

Ein brutaler, ein beklemmender Film. Die ersten 20 Minuten haben deutlich mehr Niveau als der Rest, was schade ist. Denn hätte der Regisseur die anfängliche Qualität halten können, wäre Walhalla Rising sicher ein größerer Erfolg beschieden. Und das Ende ist vorhersehbar, aber mehr als wahrscheinlich. Kein Happy-End á la Hollywood. Die FSK ab 16 ist der blanke Hohn. FSK 18 wäre hier passender.

Copyright © 2010 by Werner Karl

Titel erhältlich bei Libri.de
Titel erhältlich bei amazon.de

Abgelegt unter Action, Drama, Historie | 5 Kommentare »