Nach zwanzigjähriger Suche kann Detektiv Hong endlich den Mörder seiner Mutter stellen, doch dieser wird entführt. Während der Verfolgung gerät Hong in die Fänge einer mörderischen Sekte, muss sich aber auch mit den beiden Enkeltöchtern besagten Mörders herumschlagen … – Im Stil eines „Crime-Noir“-Comics retro-stylish mit entsprechenden Effekten ‚verfremdeter‘ Film; spektakuläre Action-Sequenzen und emotionale Szenen wechseln sich ab, wobei letztere im Stil des asiatischen Kinos weniger gespielt als dick aufgetragen werden: Dank guter Schauspieler nicht nur erträglich, sondern trotzdem unterhaltsam.

Das geschieht:

Hong Gil-dong wurde geboren, als seine Mutter Mitglied einer Sekte war, deren Anführer die Etablierung einer gänzlich neuen, natürlich von ihm bestimmten Weltordnung plante. Als sie den grausamen Wahnsinn ihres Meisters erkannte, wollte die Frau flüchten, wurde aber ergriffen und zum Tode verurteilt. Ein Sektenangehöriger vollstreckte dies vor den Augen ihres achtjährigen Sohnes, der daraufhin nicht nur erfolgreich den Schlupfwinkel der Bande verließ, sondern auch eine Art Hirnschlag erlitt, der Hong seiner Gefühle beraubte.

Zwanzig Jahre später ist er Chef-Ermittler einer geheimen Organisation, die jenseits des Gesetzes gegen das organisierte Verbrechen kämpft. Hong ist ungemein erfolgreich und für seine Grausamkeit in kriminellen Kreisen berüchtigt. Tatsächlich sucht er vor allem nach Kim Byeong-Duk, den Mörder seiner Mutter, der sich ihm immer entziehen konnte. Die Sekte hat längst Kim verlassen; er zieht seine beiden Enkeltöchter Dong-Yi und Mal-soon groß und will die Vergangenheit hinter sich lassen.

Allerdings war Kim zuletzt der Buchhalter der Sekte und hat bei seinem Verschwinden diverse Listen mitgenommen. Mitglieder, die sich nach dem Marsch durch die Institutionen überall in der Regierung, dem Militär oder der Verwaltung festgesetzt haben, müssen ihre Entlarvung fürchten. Kang Sung-il, Henker der Sekte, ist Kim deshalb ebenfalls auf der Spur. Er findet ihn früher als Hong und entführt ihn, um das Versteck der Listen aus Kim herauszufoltern.

Hong macht sich an die Verfolgung. Zu seinem Unwillen kleben Dong-Yi und Mal-soon an ihm und fordern hartnäckig Hilfe auf der Suche nach dem Großvater. Parallel dazu erfährt Hong von einem brutalen Massenmord, den die Sekte zum Umsturz der Regierung instrumentalisieren will – ein Massaker, das Hong verhindern muss …

Gerechtigkeit ist keine Konstante

Ein Mann will sich für erlittenes Unrecht rächen, stellt sich dafür einer Übermacht rücksichtsloser Feinde und kann seine Mission trotzdem erfüllen: Dies ist ein Stoff, der nicht nur alt, sondern auch zeitlos ist und uns sicherlich auch zukünftig in den Bann ziehen wird. Auf die Präsentation kommt es an, und in dieser Hinsicht steht Regisseur und Drehbuchautor Jo Sung-hee mit seiner Version des klassischen Heldenepos‘ von Hong Gil-dong eindeutig auf der Gewinnerseite.

Er hat die bewährte, bereits früher dramatisierte und dabei immer wieder veränderte bzw. modifizierte Vorlage noch einmal radikal umgearbeitet. In seiner Fassung ist aus dem ursprünglichen Rebellenführer ein ‚Detektiv‘ geworden; dieser Begriff wird hier in Anführungsstriche gesetzt, weil Hong sicher nicht den Vorgaben eines klassischen Ermittlers entspricht. Stattdessen hat Jo ihn in einen zunächst erbarmungslosen Rächer verwandelt, der für eine Geheimorganisation tätig ist, die selbst das Gesetz in der Regel umgeht. Mancher Bösewicht ist legal nicht zu fassen; diesem Credo folgt die Handlung zunächst zynisch: Hong ist nicht nur Ermittler, sondern auch und vor allem Richter und Henker in einer Person. Zimperlich geht er nicht vor, sondern zwickt seinen kriminellen Opfern gern die Finger mit einer Geflügelschere ab, um ihnen Informationen zu entlocken. (Solche u. a. Gewalt wird von Jo nicht plakativ zelebriert, sondern ‚künstlerisch‘ angedeutet, was selbst dann funktioniert, wenn ganze Heerscharen auf kurze Distanz mit Maschinenpistolen aufeinander feuern.)

Sein Kindheitstrauma hat Hong emotional abgestumpft und in eine erbarmungslose Ein-Mann-Armee verwandelt. Eine solche Hauptfigur ist eigentlich langweilig, denn erst menschliche, in der Krise überwundene Schwäche lässt echte Helden entstehen – Figuren, die den Zuschauer berühren und mitfiebern lassen. Deshalb stellt Jo dem kalten Hong die Kinder Dong-Yi und Mal-soon an die Seite; ein Risiko, denn Kinder (und Hunde) können einem Filmhelden die Show stehlen sowie ein Publikum verärgern, das es hasst, allzu plump manipuliert zu werden. Doch Roh Jeong-eui und Kim Ha-na sind keine Disney-Plagen, sondern erstaunlich überzeugend als Mädchen, die gerade durch ihre Mischung aus ehrlicher Naivität, fordernder Hilflosigkeit und entwaffnender Freundlichkeit Hongs Schutzpanzer aufweichen.

Irgendwann und irgendwo

„Phantom Detective“ ist formal ein radikal stilisierter Film. Jo Sung-hee orientiert sich am klassischen „Noir“-Krimi, der Stil und Inhalt miteinander verschmilzt, um eine pessimistische Weltsicht mit einer tragischen Geschichte zu verknüpfen. In den 1940er und 50er Jahren sorgte Hollywood mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Dramen für „Noir“-Impulse, die seither immer wieder aufgegriffen und variiert werden. „Phantom Detective“ ist zwar ungemein farbig, doch die Bilder sind bearbeitet, farbverändert und durch absichtlich zeichnungsähnliche Effekte ergänzt worden.

Eine chronologische Einordnung fällt schwer. Gut & Böse bewegen ausschließlich Automobile, die in den 1980er Jahren vom Band liefen. Es gibt keine Handys oder Computern, stattdessen kommen Telefonapparate oder Funkgeräte zum Einsatz. Der Anführer der Sekte kleidet sich wie ein Nazi, Hong trägt Anzug und Hut. Dieses Retro-Element ist manchmal zu viel des Guten, meist aber ansehnlich. Darüber hinaus springt Jo zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was aufgrund der Zeitlosigkeit für nahtlose, interessante Übergänge sorgt.

Mit hoher Wahrscheinlich gibt es Bezüge zur lokalen Historie. Da „Phantom Detective“ in Süd-Korea entstand, liegt es nahe, die böse Apokalypse-Sekte mit dem Erzfeind Nord-Korea gleichzusetzen. Vordergründig ist dies jedoch unwichtig. Die Story funktioniert problemlos als Geschichte eines Rächers, der nachzudenken und ‚aufzutauen‘ beginnt. Lobenswert ist dabei ein finaler Twist, der Hong ungeachtet seiner erwachenden Menschlichkeit als weiterhin genialen, skrupellosen Drahtzieher entlarvt, der seinem überlebensgroßen Gegner – personifiziert durch den diabolischen Kang Sung-il – immer einen Schritt voraus ist.

Schauspiel im Asia-Stil – ein bekanntes Problem

Während die Optik asiatischer Filme westliche Zuschauermünder oft voller Staunen offenstehen lässt, setzen sich diese schimpfend in Bewegung, wenn über die Besonderheiten des fernöstlichen Schauspiels diskutiert werden soll. Diesem liegt sehr offensichtlich eine gänzlich andere Tradition zugrunde. Im Westen gehen Realität und Spiel möglichst eine Einheit ein: Der Zuschauer will von gemimten Emotionen überzeugt aber nicht überrumpelt werden.

In Asien gilt es dagegen Rollenbilder darzustellen. Was hierzulande als plumpe Übertreibung und aufdringliches Schmierentheater abstößt, bietet dort dem Publikum einen Zugang. Die Zuschauer müssen nicht deuten, denn bestimmte und bekannte Darstellungsmuster geben ihnen Aufschluss über die jeweilige Figur. Vor allem die Nebenrollen werden auf diese Weise charakterisiert. Der Autohändler, der gesetzestreu gewordene Hotelier, die graumäusige Buchhändlerin, der brutale Schurke: Allen steht ihr Charakter buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Die Darstellung sorgt für eine Bestätigung. So scheinen die rangniederen Helfershelfer der Sekte kaum des aufrechten Gangs fähig zu sein. Die Gesichtsmuskulatur eines asiatischen Schauspielers muss dagegen gut trainiert sein, denn er (oder sie) setzt sie zuckend und grimassierend ein, um Angst, Nachdenken, Lüge oder Reue zu zelebrieren. Auf diese Weise erreichen asiatische Spielfilme meist Lauflängen von über zwei Stunden: Solange schwülstig gestorben, gestritten und gedroht wird – was sich über Minuten hinziehen kann – pausiert die eigentliche Handlung.

Auch Lee Je-hoon ist als Hong Gil-dong nicht immun gegen entsprechendes Over-Acting, bleibt aber Schauspieler genug, um in jenen Sequenzen zu brillieren, die ihn als kühlen Strategen oder ratlosen Rächer zeigen, der sich um zwei Kinder kümmern muss, die seine Ablehnung ignorieren – auch dies in einer Darstellungskraft, die mit gar zu gefühlsduseligen Einlagen versöhnt. Als faschistoider Kang Sung-il sorgt Kim Sung-kyun für echte schauspielerische Glanzlichter; er ist imponierend als Handlanger des absolut Bösen, den selbst das eigene Ende nicht schreckt. Stattdessen enthüllt er noch das Herkunfts-Geheimnis von Hong Gil-dong und kündigt Rache (sowie eine Film-Fortsetzung) an – ein Ausgang, der beim Zuschauer trotz der erwähnten Schwächen nicht den üblichen Würgereflex auslöst.

Exkurs: Moderner Held mit langer Vorgeschichte

Obwohl Hong Gil-dong in Jo Sung-hees Film wie ein klassischer Comic-Held wirkt, ist die Figur weitaus älter. Um 1700 schrieb der koreanische Politiker, Schriftsteller und Philosoph Heo Gyun (1569-1618) die Volkserzählung „Hong Gil-dong Jeon“ (dt. „Die Geschichte von Hong Gil-dong“). Es ist die Geschichte eines vom Gesetz geächteten aber freiheitsliebenden und gerechten Mannes, der ähnlich wie der englische Robin Hood nur das reiche, verkommene Establishment bestiehlt und seine Beute mit den unterdrückten Armen teilt.

Heo Gyun vertrat – vorsichtshalber als Romanfiktion getarnt – seine Vision einer gerechten Gesellschaftsordnung, die nicht von einer verkrusteten Obrigkeit bestimmt war. Da er seine liberalen Ansichten später unverhohlen verbreitete und mitverantwortlich für mehrere Aufstände gegen das koreanische Regierung, wurde er schließlich verurteilt und hingerichtet. Ob Heo Gyun tatsächlich der Autor der „Geschichte von Hong Gil-dong“ war, steht allerdings nicht mit Sicherheit fest.

In (Süd-) Korea geriet der Held nie in Vergessenheit. In den 1960er Jahren gewann er ein neues, jüngeres Publikum, als der Autor und Zeichner Shin Dong-Wu seine Geschichte in eine Comic-Serie umwandelte. Schon 1967 folgte ein erster, auf Shins Comics basierender Zeichentrickfilm, der zwei Jahre später eine Fortsetzung erfuhr. Weitere Animationsfilme entstanden, 1986 wurde ein erster Real-Spielfilm gedreht. Viele neue Filme und mehrere TV-Serien zementierten die Präsenz des Volkshelden. Ab 1990 war Hong Gil-dong auch als PC-Game präsent.

DVD-Features

Auf Extras müssen die Zuschauer der deutschen Version verzichten. Immerhin geriet die Synchronfassung besser als die für Asia-Filme allzu üblichen, d. h. schauerlichen Bell-und-Stammel-Eindeutschungen.

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Phantom Detective
Originaltitel: Tamjeong Hong Gil-dong – Sarajin maeul (Süd-Korea 2016)
Regie u. Drehbuch: Jo Sung-hee
Kamera: Byun Bong-Sun
Schnitt: N. N.
Musik: N. N.
Darsteller: Lee Je-hoon (Hong Gil-dong), Park Geun-hyung (Kim Byeong-Duk), Kim Sung-kyun (Kang Sung-il), Go Ara (Hwang), Roh Jeong-eui (Dong-Yi), Kim Ha-na (Mal-soon), Park Geun-hyung (Kim Byung-deok), Hwang Bo-ra (Buchhändlerin), Yoo Seung-mok (Automechaniker), Hong Yeong Geon (Kim Jin-ho), Yoon Yeong-gyoon (Choi Tae-jeong), Ko Woo-rim (Hong Gil-dong als Kind) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 25.11.2016
EAN: 4013549081863 (DVD)/4013549081450 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 121 min. (Blu-ray: 126 min.)
FSK: 16

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