Bevor sie starben und ihr einmaliges Insiderwissen mit ins Grab nahmen, befragte der junge Journalist und spätere Regisseur Peter Bogdanovich Filmschaffende, die in der „Goldenen Ära“ Hollywoods gearbeitet und Meisterwerke auf die Leinwand gebracht hatten. Viele Jahre später stellte Bogdanovich diese Interviews in einem grandiosen Sammelband vor, der eine große Zeit des klassischen Kinos kundig und ebenso informativ wie anekdotenreich aufleben lässt: ein Meisterwerk!

Film-Buch als Maßstab seines Genres

Wie definiert man ein „Film-Buch“? Eine rhetorische Frage, sollte man meinen, doch wenn man sieht, was unter dieser Bezeichnung auf den Buchmarkt geworfen wird, muss man dieses Urteil rasch revidieren. Ein Buch über Filme sollte jedenfalls mehr sein als die simple Nacherzählung dessen, was man auf der Leinwand sieht, für die es schließlich konzipiert wurde, und natürlich mehr als das Nachplappern PR-getränkter Legenden über Stars und Sternchen, die der oder die Filmbuch-Autor/in womöglich niemals persönlich zu Gesicht bekommen und gesprochen hat.

Recherche ist jedoch weiterhin das A und O für ein Sachbuch, das seinen Namen tatsächlich verdient. Konkret gesagt: Wer ein Buch über Leben und Werk berühmter Filmregisseure aus Hollywood schreibt, sollte sich gefälligst eben dorthin bemüht und zumindest den Versuch wagen, besagte Regisseure persönlich zu befragen.

Bereits unter dieser Prämisse hat Peter Bogdanovich vorbildliche Arbeit geleistet. Auch sonst hat er die Messlatte so hoch gelegt, dass nach ihm kaum ein anderer Filmbuch-Autor den Sprung wagen konnte. 16 Regisseure, deren Namen dem Kinofreund wie Donner in den Ohren hallen, hat Bogdanovich befragt. Knapp vier Jahrzehnte intensiver Arbeit als Filmjournalist kann der Autor auf diese Weise belegen, der seinen ganz persönlichen Weg zu den großen Zelluloid-Künstlern der Filmmetropole gefunden hat.

Frühzeit der Film-Historie

Als sich der kaum zwanzigjährige Filmenthusiast, Theaterregisseur und Gelegenheitsschauspieler Peter Bogdanovich 1960 daran machte, systematisch die Filmschaffenden der klassischen Hollywood-Zeit zu befragen, tat er dies ursprünglich aus egoistischen Motiven: Er wollte selbst einmal Regie führen und daher von denen lernen, die nachweislich ihr Handwerk verstanden. Wer beschreibt das Erstaunen des jungen Schülers, als er dabei bemerken musste, dass vor ihm offensichtlich noch niemand auf diese Idee gekommen war. Der Prophet galt wenig im eigenen Land; während die US-Filmkritik das europäische Kino vergötterte, blieben die eigenen ‚alten Meister‘ mehr oder wenig unbeachtet.

Dabei galt es einen historischen Schatz zu heben, denn im Jahre 1960 lebten und arbeiteten die meisten Männer – hinter der Kamera blieben die Frauen meist außen vor – noch, die Hollywood ‚erfunden‘ und aufgebaut hatten. Kaum ein Chronist hatte sie jemals für würdig befunden, ihre Geschichte/n zu erzählen, die auf diese Weise mit dem Tod der Zeitzeugen endgültig zu verschwinden drohten.

In den folgenden zehn Jahren beobachtete Bogdanovich, er fragte und lernte. In dieser Zeit entwickelte er sich zu einem der bekanntesten und besten Filmjournalisten und -kritiker. Ende der 1960er Jahre war er bereit zum Wechsel ins Lager der Profis: Bogdanovich schrieb und inszenierte nunmehr selbst Filme – und das (zeitweilig) mit großem Erfolg („Moving Targets“/„Bewegliche Ziele“, „What‘s Up Doc?“/„Is‘ was Doc?“ und besonders „The Last Picture Show“/„Die letzte Vorstellung“). Doch weiterhin sprach er mit und schrieb er über amerikanische Filmschaffende – wozu ihm seine nach 1975 ins Trudeln geratene Regiekarriere wieder mehr Zeit ließ -, bei denen er nun, da er zum ‚Kollegen‘ geworden war, noch leichter Gehör fand.

Zwischen Gespräch und Interview

Auf diese Weise trug Bogdanovich eine einmalige Sammlung von Interviews zusammen, in denen sich legendäre Regisseure wie Allan Dwan, Howard Hawks oder George Cukor oft zum ersten und leider meist auch letzten Mal an die großen Jahre Hollywoods erinnerten. In „Wer hat denn den gedreht?“ werden sie der Öffentlichkeit zum ersten Mal in voller Länge zugänglich gemacht. (Den Titel hat sich Bogdanovich übrigens von Howard Hawks ‚geborgt‘, der den Wert eines Films daran zu messen pflegte, ob sich die Handschrift des Regisseurs darin erkennen ließ.)

Üblicherweise beginnt Bogdanovich sein Interview mit Fragen zu Herkunft und Familie. Dann wird der Weg nach Hollywood nachgezeichnet, und schließlich geht Bogdanovich mit seinem Gesprächspartner Film für Film durch. Auf diese Weise entsteht ein einmaliges Dokument, in dem sich die Autoren und Regisseure selbst über ihre Werke äußern. Das Ergebnis liest sich sehr kurzweilig, weil Bogdanovich seinen Interviewpartnern große Freiräume gewährt, sie ungeschminkt reden und abschweifen lässt und immer Platz für eine gute Anekdote hat.

Ob das auf diese Weise entstandene Gesprächsprotokoll den Anspruch auf fachliche und historische Genauigkeit erheben darf, ist fraglich; Regisseure sind auch nur Menschen, besonders, wenn man sie im hohen Alter befragt und ihnen das Gedächtnis manchmal bereits Streiche spielt. Außerdem sind sie ja – das darf man nicht vergessen – geborene und berufsmäßige Erzähler, die zum Nutzen einer Geschichte die Realität ausschmücken. Darüber hinaus versteht Bogdanovich seine Fragestunden mehr als Verbeugung vor dem Mythos Hollywood in seinem „Goldenen Zeitalter“ und seinen Schöpfern. Bohrende Fragen und tiefschürfende Analysen bleiben unter dieser Voraussetzung aus.

Information und Wissen statt Geschwätz

Bogdanovich‘ Interviews schöpfen ihren Wert aus ihrer Seltenheit; über ebenso verwegene wie wortgewaltige, aber weitgehend unbekannt gebliebene B-Film-Haudegen wie Joseph H. Lewis oder Edgar G. Ulmer möchte man noch viel mehr erfahren, doch auch den oft befragten Alfred Hitchcock oder Fritz Lang weiß Bogdanovich die eine oder andere Neuigkeit zu entlocken. Genauso interessant sind die gescheiterten Gesprächsrunden, weil gerade diese auf ihre Art etwas über den Menschen – zum Beispiel den verschlossenen und verbitterten Josef von Sternberg – aussagen. Bogdanovich lässt diese Fragmente stehen und für sich selbst sprechen; er kommentiert sie hilfreich mit interessanten Hintergrundinformationen.

Überhaupt schließt er den sich manchmal über Jahrzehnte spannenden Bogen zu Menschen, die längst Geschichte geworden sind, durch kluge und fachkundige, dabei niemals aufdringliche, oft sogar als zu knapp empfundenen Einleitungen. Was man an ihnen hat, macht besonders der Vergleich mit dem Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Wer hat denn den gedreht?“ deutlich. Aus unerfindlichen Gründen galt Hellmuth Karasek als ausgewiesener Filmexperte. Das liegt vor allem an Karaseks Buch über Billy Wilder, dem einzigen legendären Regisseur, den er persönlich getroffen hat (und der über das Ergebnis so erzürnt war, dass er dem Autor untersagte, besagtes Buch in seiner amerikanischen Wahlheimat zu veröffentlichen). Pompös und geschwätzig erzählt Karasek von Bogdanovich als Filmkritiker (was die Person seiner scheinheiligen Bewunderung wenige Seiten später selbst klar und ohne Eigenlob wiederholt), schwadroniert über die Grausamkeit der Hollywood-Studios gegen ihre verdienten Regisseure und schreckt nicht einmal davor zurück, ganze Seiten des folgenden Haupttextes zu zitieren; eine Unverschämtheit, für Karasek allerdings ohne Zweifel eine einträgliche.

Von diesem Fehlstart abgesehen, gehört „Wer hat denn den gedreht?“ in den Bücherschrank jedes Kinofreundes. Das uneingeschränkt zu empfehlende Vergnügen war ursprünglich nicht billig und ist auch antiquarisch selten ein Schnäppchen. Dafür erhält man einen mehr als angemessenen Gegenwert: vier Jahrzehnte Insiderwissen, präsentiert auf 1000 Seiten, flankiert von vielen bisher unbekannten Bildern, stellt auf dem Filmbuchmarkt ein „Full Metal Jacket“ (wie Stanley Kubrick es vielleicht ausgedrückt hätte) unter allzu vielen Blindgängern dar – und ein würdiges Denkmal für eine Art des Filmemachens – ein schreckliches Wort haben wir in Deutschland dafür erfunden! -, die längst untergegangen ist.

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Peter Bogdanovich: Wer hat denn den gedreht?
Originaltitel: Who the Devil Made It. Conversations with Legendary Film Directors (New York : Alfred A. Knopf 1997)
Übersetzung: Jürgen Bürger, Ruth Keen, Martin Richter
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2000 (Haffmans Verlag)
1023 Seiten
ISBN-13: 978-3-251-00463-8

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