abattoirNachdem ihre Familie ermordet wurde, kommt eine Reporterin einem Kult auf die Spur, dessen dämonisches Oberhaupt ein Haus des Horrors errichten ließ. Hier findet die Frau heraus, dass ihr eine entscheidende aber hässliche Rolle im Plan des Sektenführers zugedacht ist … – Die seltsame Ausgangsidee wird zumindest optisch reizvoll umgesetzt, wobei die schönen Effekte über viele (aber nicht alle) Drehbuchschwächen hinwegtrösten. Für die Vertuschung der schwachen Darstellerkünste reicht es leider nicht: ambitioniert aber durchschnittlich.

Das geschieht:

Seit jeher war Julia Talbens Leben schwer. Sie und ihre Schwester sind Waisenkinder, die ihre Eltern nie kennengelernt haben. Ihre diesbezügliche Suche haben die beiden vor allem deshalb intensiviert, weil sie verzweifelt nach einem Knochenmarkspender für Charlie, Julias schwer erkrankten Neffen, fahnden. Julia nutzt ihre Erfahrungen als Journalistin einer kleinen Tageszeitung. Außerdem verfügt sie in Gestalt ihres On/Off-Liebhabers Grady über Kontakte zur Polizei.

Eine Tragödie beendet zunächst diese Suche: Ein Mörder dringt in das Haus der Schwester ein und ermordet die gesamte Familie. Als die verzweifelte Julia voller Trauer wenig später noch einmal in das Mordhaus geht, stellt sie schockiert fest, dass jemand den Raum, in dem Charlie und seine Eltern starben, buchstäblich aus dem Haus gebrochen und abtransportiert hat.

Wer macht so etwas? Julias Reporterinstinkt erwacht. Obwohl Freund Grady ihr abrät, beginnt sie zu recherchieren und stößt auf ein Mysterium: Seit mehr als einem halben Jahrhundert ‚sammelt‘ jemand Mordschauplätze – und die Spur führt nach New English, eine Kleinstadt im US-Südstaat Lousiana. Genau dort wurden Julia und ihre Schwester geboren, wie eine endlich entdeckte Geburtsurkunde offenbart. Sofort macht sich Julia nach New English auf.

Der Empfang ist kühl, der Ort fast eine Geisterstadt. Erst als Julia auf die gemiedene Außenseiterin Allie trifft, erfährt sie, was in New English geschah: Der Wanderprediger Jebediah Crone konnte einst die Bürger verführen und sie zu Anhängern seines Teufelskultes machen. Sie brachten ihm Menschenopfer dar, während er an seinem „Abattoir“ baute – ein Haus, das nur aus Zimmern besteht, in denen Schreckliches geschah. Was Crone damit bezweckt, wird Julia klar, als sie auf der Suche nach ihrer Familie die Pforte durchschreitet und das absolute Grauen erlebt …

Horror mit multimedialem Vorzeichen

Bereits in den Jahren nach dem Millennium hegte Darren Lynn Bousman, der es als Regisseur der Splatterfilme „Saw“, Teil 2, 3 und 4, zu gewissem Ruhm gebracht hatte, den Plan, quasi ein eigenes Franchise zu erschaffen. Ihm schwebte die (deutlich weniger blutige) Geschichte eines Mannes vor, der einen Pakt mit dem Teufel einging aber betrogen wurde und nun versucht, den Vertrag zu erfüllen – koste es, was es wolle, solange er seine Familie aus der Hölle befreien kann.

Bousman gab dem Projekt den Namen „Abattoir“, was ein klangvolles Wort für einen hässlichen Ort ist: „Schlachthof“ lautet die Übersetzung, was bei Horrorfreunden natürlich eine gewisse Erwartungshaltung weckt. Dem gleichnamigen Film ging eine sechsteilige Comic-Serie voraus, die 2010/11 im Verlag „Radical Publishing“ erschien und recht gute Kritiken erhielt; ein Erfolg, den Bousman mit der Realverfilmung nicht wiederholen konnte.

Die Ursache ist rasch gefunden: Der Film ist stärker als der Comic auf eine Story angewiesen. Im Comic sorgen atemberaubende Bilder für ein Unterhaltungsniveau, das Bousman im Film nicht erreichen kann. Stattdessen wird ein Plot offenbart, der selbst jene vor eine harte Herausforderung stellt, die zum Wohle der Illusion bereit sind, auch das Unglaubwürdige plausibel zu finden.

Zaghaft und unentschlossen

Vielleicht würde die Handlung besser funktionieren, hätte Bousman den Mumm gehabt, stramm auf Erzählkurs zu bleiben, so absurd die Story auch sein mag. Aber er eiert mutlos herum und fasst dabei Entschlüsse, die man nicht nachvollziehen kann.

Dazu gehört eine kuriose Zeitlosigkeit, die Bousman zumindest suggerieren möchte. „Abattoir“, der Comic, spielte in den 1980er Jahren. Entweder wollte Bousman diese Periode filmisch nicht wiederaufleben lassen, oder es fehlte ihm schlicht das Geld dafür. Ersatzweise beließ er es bei seltsamen Fußnoten. So kleidet und schminkt sich Julia wie eine Diva aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie fährt ein Auto aus den 1960er Jahren und arbeitet für einen Chef, der wie eine Parodie auf Perry White aussieht (= der fiktive Chef der fiktiven Zeitung „Daily Planet“, für die auch Clark Kent alias Superman arbeitet). Sheriff McDermotts Dienstwagen stammt aus den 1980er Jahren. Alle Protagonisten setzen jedoch moderne Handys ein, und die Handlung ist in der Gegenwart angesiedelt.

Es stellt sich keine kreative Verunsicherung ein, sondern nur Zuschauer-Ärger über faule Tricks, die wirkungslos verpuffen. Bousman steigert ihn, indem er eine Atmosphäre künstlicher Tragik kreiert, die ständig in Hysterie umschlägt. Dass er der zunächst verheißungsvollen und überraschenden Grundidee nur Bekanntes und Klischees folgen lässt, lässt den schwelenden Verdruss zu echter Enttäuschung (und Schlimmeren) auflodern.

Figuren, die der Teufel holen sollte!

„Abattoir“ ist ein Film, dessen Handlung von wenigen Figuren geprägt wird. Deshalb bedeutet es das Todesurteil, wenn jemand darstellerisch querschießt. Hier muss man ausgerechnet den beiden Hauptfiguren den Vorwurf machen, schauspielerische Totalausfälle zu sein. Jessica Lowndes ist außerordentlich schön aber leider so ausdrucksstark wie ein gut abgelagertes Stück Eichenholz. Man bedauert sie höchstens, weil sie mit einem Lebenspartner wie Declan Grady geschlagen ist, den Joe Anderson gleichermaßen besitzergreifend wie ratlos mimt.

Teilschuldig macht sich sicherlich Drehbuchautor Christopher Monfette, der Gradys Charakter primär über seine permanenten Bemühungen definiert, Julia von ihrer Suche abzubringen. Sie soll sich „beruhigen“, an „die Zukunft denken“ und sich „nicht in eine Suche hineinsteigern“, die a) aufgrund inzwischen eintrudelnder Indizien auf einen wirklich dicken Kriminal-Fisch am Ende des roten Fadens hinweist und b) selbstverständlich für eine Frau ist, die als Journalistin arbeitet und deren Familie umgebracht wurde.

Hin und wieder gibt Grady widerwillig zu, dass Julia wohl eine echte Spur verfolgt. Das hält ihn nie von weiteren „Tu-es-nicht!!-Vorträgen ab. Würde er sich nicht so dämlich anstellen, könnte man ihn für einen Helfer des bösen Jebediah Crone halten. Ohnehin ist Grady zeitweilig so überflüssig, dass ihn Monfette und Bousman mehrfach aus der Handlung nehmen. Wieso sie ihn durchschleppen, wird erst im Finale klar, ohne dass dieser Moment der Erkenntnis den Zuschauer mit Aha!-Freude erfüllen könnte.

Figuren, die dem Teufel gehören

Wieder einmal sind es die in unzähligen Kino- und TV-Rollen oft zweifelhafter Qualität gestählten Veteranen, die sich am besten aus der „Abattoir“-Affäre ziehen. Vor allem Dayton Callie ist beachtlich in einer an sich limitierten Rolle. Als unbelehrbarer Bösewicht und Seelenfänger ist er gleichermaßen unbarmherzig, verlogen und mitleiderregend. Jebediah Crone hat ohne den dafür sprichwörtlichen langen Löffel mit dem Teufel gegessen und wurde hereingelegt. Dies stimmte ihn keineswegs milder: Wenn Crone nun versucht, seine Frau und Tochter aus der Hölle zu holen, geht er planvoll und rücksichtslos vor. Dass Unschuldige leiden, ist ihm gleichgültig – eine Ambivalenz, die Callie überzeugend darzustellen weiß.

Als seltsame und undurchsichtige Frau tritt einmal mehr Lin Shaye auf, die diese Rolle quasi im Schlaf beherrscht, sie aber trotzdem glaubhaft vermitteln kann. Shaye hat in unzähligen, oft nur unfreiwillig grausigen Horrorfilmen gespielt. Sie kann kein Drehbuch mehr schrecken. Stattdessen macht sie ihren Job – und den macht sie gut.

Dies trifft auch auf die Schöpfer der Spezialeffekte zu. Obwohl „Abattoir“ kein Multi-Millionen-Dollar-Blockbuster ist, gab es doch ein gewisses Budget. Vor allem wussten hinter der Kamera zumindest die Film-Handwerker, wie sich jeder Dollar so auspressen lässt, dass er mehr als 100 Cents freigibt. „Abattoir“ wirkt u. a. ‚teurer‘, weil Kameramann Michael Fimognari sein Arbeitsgerät überaus einfallsreich einsetzt, ohne sich in Spielereien zu verlieren. So erhebt es sich immer wieder in die Luft, um scheinbar schnittfrei große Entfernungen zurückzulegen. Diese Eleganz spiegelt sich auch in jenen Szenen wider, die im Abattoir spielen. Dort gehen die Geister der in den Zimmer Gemeuchelten um. Sie sind dazu verdammt, ihren Tod immer wieder zu erleiden. Dies lässt Bousman nicht durch Schauspieler darstellen – die kostengünstige Lösung -, sondern sorgt für spukige Verfremdung, die durch akustische Untermalung unterstützt wird. Nicht immer wirken die CGI-Effekte ‚echt‘, doch ihre Künstlichkeit unterstreicht sogar die Absurdität des Abattoirs.

Auf diese Weise verstreichen mehr als 90 Filmminuten ohne durchgängigen Zuschauerzorn. Im Finale kann Bousman das Steuer leider nicht herumreißen. Die Auflösung kommt plötzlich, und sie ist keineswegs originell oder wenigstens überraschend (aber wenigstens konsequent). Ein echter Flop ist „Abattoir“ nicht, weshalb es durchaus möglich (wenn auch nicht nötig) ist, dass die von Bousman angekündigte Fortsetzung zustande kommt.

DVD-Features

Wer sich Hintergrundinformationen erhofft, wird stattdessen mit „Scripted-Interview“-Werbung abgespeist. Das zehnminütige „Making-of” ist die übliche Worthülsen-Show professioneller Darsteller, die über den grünen Klee loben, was und wer ihnen Lohn & Brot sichert, und dabei hinter ihren Rücken die Finger kreuzen. Ansonsten gibt es den originalen und den deutschen Trailer zum Film.

Den Ausgleich findet der Zuschauer in der optischen und akustischen Qualität dieser Filmveröffentlichung. „Abattoir“ spielt oft in der Dunkelheit, doch auch diese Szenen sind sogar in der DVD-Fassung farbintensiv, konturenscharf und rauscharm. Dass die Ohren vergleichsweise enttäuscht werden, liegt keineswegs am Klangrepertoire, sondern wie so oft an einer Sparschwein-Synchronisierung, die ordentlich auf die Stimmung drückt.

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Abattoir – Er erwartet dich!
Originaltitel: Abattoir (USA 2016)
Regie: Darren Lynn Bousman
Drehbuch: Christopher Monfette
Kamera: Michael Fimognari
Schnitt: Brian J. Smith
Musik: Mark Sayfritz
Darsteller: Jessica Lowndes (Julia Talben), Joe Anderson (Declan Grady), Lin Shaye (Allie), Dayton Callie (Jebediah Crone), Michael Paré (Richard Renshaw), Aiden Flowers (Charlie), Bryan Batt (Chester), John McConnell (Sheriff McDermott), J. LaRose (Kyle), Jay Huguley (Felix) u. a.
Label: Constantin Film
Vertrieb: Universal
Erscheinungsdatum: 06.10.2016
EAN: 4011976892489 (DVD)/4011976335085 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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