After.Live

Originaltitel: After.Life (USA 2009)
Regie: Agnieszka Wójtowicz-Vosloo
Drehbuch: Agnieszka Wójtowicz-Vosloo, Paul Vosloo, Jakub Korolczuk
Kamera: Anastas N. Michos
Schnitt: Niven Howie
Musik: Paul Haslinger
Darsteller: Liam Neeson (Eliot Deacon), Christina Ricci (Anna Taylor), Justin Long (Paul Coleman), Chandler Canterbury (Jack), Celia Weston (Beatrice Taylor), Luz Alexandra Ramos (Diane), Josh Charles (Tom Peterson), Rosemary Murphy (Mrs. Whitehall), Malachy McCourt (Vater Graham), Shuler Hensley (Vincent Miller), Alice Drummond (Mrs. Hutton) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 05.08.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 4020628966096 (DVD) bzw. 402062894052 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 99 min. (Blu-ray: 103 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
Titel bei Libri.de (Blu-ray)

Das geschieht:

Die junge Lehrerin Anna Taylor ist mit ihrem Leben unzufrieden. Sie lässt es an ihrem Freund Paul aus. Als dieser sie im Restaurant mit einem Verlobungsring überraschen möchte, kommt sie voreilig zu dem Schluss, er wolle sie verlassen. Wütend stürmt Anna davon und springt in ihren Wagen. In ihrer Aufregung achtet sie nicht auf den Verkehr und rammt einen Lastwagen.

Als sie ‚erwacht‘, geschieht dies im Keller des Bestattungsunternehmers Eliot Deacon, der hier die Körper seiner ‚Kunden‘ für die Aufbahrung im offenen Sarg herrichtet. Deacon erklärt Anna, dass sie bei dem Unfall gestorben sei. Bis zu ihrer Beerdigung bleibe ihr Geist zwischen Diesseits und Jenseits gefangen. Nur er könne sie sehen und hören, denn er verfüge über eine besondere Gabe.

Natürlich will Anna ihm nicht glauben und wähnt sich in den Händen eines Wahnsinnigen. Mehrfach versucht sie die Flucht, doch Deacon hält seinen Keller sorgfältig verschlossen. Außerdem beginnt Anna zu zweifeln. Sie spürt keinerlei Schmerzen und wird immer wieder von bizarren Visionen überfallen, die sie mit ihrem unglücklichen Leben konfrontieren. Allmählich beginnt Anna sich mit dem eigenen Tod abzufinden.

Paul kann nicht loslassen. Er fragt sich, ob Anna tatsächlich tot ist, zumal der 11-jährige Jack behauptet, sie in Deacons Institut durch ein Fenster gesehen zu haben. Mehrfach versucht sich Paul dort Einlass zu verschaffen, aber niemand und erst recht nicht die Polizei will ihm Glauben schenken.

Als der Tat der Beerdigung gekommen ist, lässt sich Anna von Deacon bereitwillig ankleiden und schminken, bis ihr ein Zwischenfall verdeutlicht, dass ihr womöglich ein Begräbnis bei lebendigem Leibe bevorsteht …

Der schmale Grat zwischen Täuschung und Tod

Mit ihrem ersten langen Spielfilm stellt sich die aus Polen stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Agnieszka Wójtowicz-Vosloo einer besonderen Herausforderung: Sie versucht auf dem überaus schmalen und scharfen Grat zwischen Mystery und Thriller zu wandeln. Die Geschichte von Eliot Deacon und Anna Taylor – auf diese beiden Figuren lässt sich die Handlung verdichten – ist nicht nur ein Duell auf Leben und Tod, sondern wirft auch ein Rätsel auf, dem sich der Zuschauer immer wieder stellen muss: Ist Anna tatsächlich tot und ein Geist, oder ist sie einem irren aber überaus raffinierten Serienkiller in die Falle gegangen, der sie so zu manipulieren versteht, dass sie sich buchstäblich ihr eigenes Grab schaufelt?

Gäbe es nicht diverse Logiklöcher, könnte man Wójtowicz-Vosloo und ihre beiden Mit-Autoren für das Geschick loben, mit der sie diese Ambivalenz wahren. Zwar werden einige bizarre (und spezialeffektlastige) Schattenbilder gezeigt, die sich auch als Albträume deuten lassen. Aufs Glatteis führen den Zuschauer indes vor allem jene Szenen, in denen Realität und Vision nahtlos ineinander übergehen. Hier entstehen Brüche, die für eine Atmosphäre ständiger Unsicherheit sorgen (sollen).

Diese Zwiespältigkeit erfordert freilich eine erzählerische Sorgfalt, die „After.Life“ oft abgeht. Zu kritisieren sind offene Fragen, um deren Klärung die Autoren sich bewusst oder in Unkenntnis einer möglichen Antwort drücken. So ist Deacon als Manipulator nur deshalb so erfolgreich, weil Anna vom Drehbuch zu oft schwer oder gar nicht nachvollziehbaren Verhaltensentscheidungen gezwungen wird. Gern wird außerdem der Zufall strapaziert: Wenn es Anna nicht gelingt, rechtzeitig vor Deacons Rückkehr zwei Türen aufzuschließen, obwohl der Bestatter weit entfernt außer Haus ist, wirkt dies frustrierend lächerlich.

Fragen, Fragen …

Warum verlöschen bei Annas Gang durch den Schulkorridor die Deckenleuchten jeweils genau hinter ihr? Das ergibt eindrucksvolle Bilder, ist aber völlig sinnlos. Sieht Anna bleich wie eine Leiche aus, weil Deacon die Temperatur in seinem Kellerlabor auf Polarkälte absenkt? Ist sie doch tot? Aber warum heilt dann ihre Kopfwunde? Wieso injiziert Deacon Anna ein muskelentspannendes Mittel, das ohne funktionierenden Blutkreislauf gar nicht wirken könnte? Weshalb will Deacon verhindern, dass Anna sieht, wie sich ihr Atem auf einem Spiegel niederschlägt? Sie hat schließlich zuvor selbst zur Sprache gebracht, dass sie, obwohl eine Leiche, weiterhin atmet.

Einen Schritt weiter – oder zu weit – geht Wójtowicz-Vosloo mit der Figur des Kindes Jack. Deacon sieht in ihm einen ‚Lehrling‘, der wie er über die Fähigkeit verfügt, mit den Toten zu reden. Ist Jack ebenso verrückt wie Deacon? Man sieht ihn ein lebendiges Küken begraben. Möglicherweise ist es tot und spukt als Küken-Geist, der nur Jack (und dem Zuschauer) erscheint. Dies trifft vielleicht auch auf seine Mutter zu, die man von hinten und allzu still vor dem laufenden Fernseher sitzen sieht.

Diese und andere nur um ihrer selbst willen aufgeworfenen Rätsel ärgern den Zuschauer, der eine Eindeutigkeit fordert, die ihm Wójtowicz-Vosloo wohl mit voller Absicht vorenthält. Ihr scheint „After.Life“ eher Arthouse als Unterhaltung zu sein, was eine ausgeglichene Bilanz zwischen Fragen und Antworten traditionell überflüssig macht, hier aber nicht greifen will.

Aus Kunst wird Unterhaltung – und Handwerk

„After.Life“ ist ein Film mit knapp 100-minütiger Laufzeit. Die Neugier des Publikums muss immer wieder geweckt und angestachelt werden. Das Problem dabei ist, dass dem Drehbuch-Trio allmählich die Ideen ausgehen. Vor allem im letzten Drittel greifen die Autoren nach jedem Strohhalm bzw. Klischee. Aus einem unterhaltsam irritierenden und originellen Film wird ein Gruselstreifen, der von bekannten Vorbildern bestimmt wird.

Dieser inhaltliche Abbau sorgt für Enttäuschung. Gleichzeitig wird deutlich, in welchem Maße die formalen Qualitäten von „After.Live“ bisher ablenkend die Handlung stützen konnten. Die Kulissen sind nicht nur großartig, sie werden auch meisterhaft gefilmt und in die Handlung integriert. Farbgebung, Licht und Schatten sorgen Stimmungen, die der jeweiligen Szene Tiefe und Intensität verleihen. Handwerklich ist „After.Live“ großes Kino im wahrsten Sinn dieser beiden Worte.

Selbst die raren Spezialeffekte sind gediegen. Noch einmal hervorzuheben ist die Leistung der Maskenbildner, die niemals auf den reinen Schauwert reduzierte aber trotzdem oder gerade deshalb umso ‚realer‘ wirkende Leichen schufen. Sie werden von Deacon in einer schauerlichen Prozedur aufwändig präpariert, damit sie in ihrem offenen Sarg wirken, als ob sie schliefen – ein Anblick, dem in der US-Gesellschaft offenbar ein besonderer Aspekt des Trostes innewohnt …

Duell der Willensstärken

Dass der Zuschauer der Handlung trotz der geschilderten Auflösungserscheinungen bis zum bitteren Ende folgt, verdankt Wójtowicz-Vosloo einer in den Hauptrollen fabelhaften Besetzung. Justin Long hat als Paul kein einfaches Darstellerlos gezogen. Er bleibt ständig außen vor und gerät bis zum Finale nie in Gefahr. Als offensiv trauernder und außer Kontrolle geratener Verlobter bietet er trotzdem eine überzeugende Darstellung.

Im Zentrum des Geschehens stehen jedoch jederzeit Liam Neeson und Christina Ricci, zwei Schauspieler, die ihr besonderes Talent in zahlreichen Filmen unter Beweis gestellt haben und auch dieses Mal in ihren Rollen aufgehen. Schon der körperliche Kontrast unterstreicht die unterschwellige Bedrohlichkeit einer Handlung, die ansonsten offene Gewaltdarstellungen ausklammert: Hier ist die gerade 1,55 m ‚große‘, zierliche und oft nackte Ricci, über der sich der in Laborkittel und Gummischürze gewandete Neeson 1,95 m hoch aufbaut.

Anna ist Deacon nicht nur körperlich, sondern auch geistig ausgeliefert – ein Verhältnis bzw. ein Verhalten, das schwierig darzustellen ist. Klammert man die weiter oben angesprochenen Bedenken aus, wirken Deacons Manipulationen – beschränkt auf den Mikrokosmos seiner Leichenhalle – ebenso plausibel wie Annas Zusammenbruch. Sie ist einem wahren Meister in die Falle gegangen, wie zumindest der Zuschauer erfährt, dem Deacons Trophäenwand mit den Fotos seiner Opfer gezeigt wird. (Zwar überlässt Wójtowicz-Vosloo ihrem Publikum die letzte Entscheidung in der Frage, ob Anna spukt oder umgebracht wird; praktisch ist es jedoch ziemlich eindeutig.)

„After.Life“ gleicht leider einem Gericht, das trotz hervorragender Zutaten aufgrund eines mangelhaften Rezeptes nicht wirklich schmackhaft ist. Diese Erkenntnis steigert die Frustration, als die Schlusstitel anlaufen: Es begann so gut, doch es irgendwie geriet auch diese Geschichte wieder einmal in jene tief ausgefahrene Rinne, die in Richtung Mittelmaß verläuft.

DVD-Features

„After.Live“ wurde in den USA weder vom Publikum noch von der Kritik freundlich aufgenommen. In den Kinos spielte der Film nicht einmal das recht bescheidene Budget wieder ein. Er wurde daher rasch auf den Videomarkt abgeschoben, wo er ebenfalls ein Mauerblümchendasein fristet. Obwohl man angesichts zahlreicher Fragen einen Audiokommentar der Regisseurin u. a. Beteiligter begrüßen würde, wurde kein Cent für Zusatzmaterial ausgegeben. Aufgespielt wurden der DVD und der Blu-ray nur der originale und der deutsche Trailer.

Im Internet existiert zwar eine Website, doch sie bleibt in ihrem Informationsgehalt ähnlich mager.

[md]

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