Ein gigantischer ‚Vogel‘ aus einer fernen Galaxie will auf der Erde nisten. Er terrorisiert die Welt, frisst unzählige Menschen und ist zum Entsetzen des Militärs immun gegen sämtliche Waffen, bis zwei Wissenschaftler eine Lücke in des Monsters Deckung ausmachen … – Typisches SF-Horror-B-Movie der 1950er Jahre, das auf diesem Produktionsniveau solide inszeniert und gut gespielt ist, was jedoch wegen eines der lächerlichsten ‚Monster‘ der Filmgeschichte in Vergessenheit gerät: gerade deshalb heute als Trash-Vergnügen sehr unterhaltsam!

Das geschieht:

Auch am nördlichen Polarkreis ist die freie Welt in diesen 1950er Jahren stets auf der Hut vor den tückischen Kommunisten-Teufeln aus der allzu nahen Sowjetunion. US-Militärstützpunkte sorgen für ein Überwachungsnetz, das ständig dichter gesponnen wird. Aktuell kümmern sich die zivilen, aber trotzdem verwendungstauglichen Wissenschaftler Mitch MacAfee und Sally Caldwell um das Radarsystem.

Als Mitch, der auch Pilot ist, das neu kalibrierte Radar in einem Flugzeug testet, kreuzt ein unbekanntes, riesiges Flugobjekt seinen Kurs. Mitch alarmiert die Luftwaffe, doch die aufsteigenden Flieger spähen ins Leere. Da auch das Radar nichts anzeigt, muss sich Mitch böse Worte von General Van Buskirk anhöre, als plötzlich ein Verkehrsflugzeug spurlos verschwindet! In den folgenden Tagen kommt es zu weiteren Verlusten. Manchmal wird noch ein schattenhaftes „Ufo“ gesichtet, das aber nie auf den Radarschirmen auftaucht.

Endlich wird „es“ gesichtet: ein gigantischer Vogel, der sich als immun gegen sämtliche irdischen Vernichtungswaffen zeigt. Die Bestie terrorisiert bald den gesamten Planeten. Der Flugverkehr wird weltweit eingestellt, was die Kreatur dazu übergehen lässt, Autos, Eisenbahnen und Einzel-Pechvögel vom Erdboden zu picken. Fieberhaft sucht man in aller Welt nach einer Möglichkeit, dem Untier Einhalt zu gebieten.

Wieder ist es Mitch, der zusammen mit Sally und Dr. Noymann das Rätsel lüftet: Der Vogel stammt aus einer fernen Galaxis und wird durch einen „Antimaterie-Schirm“ geschützt! Gemeinsam begibt man sich an die Entwicklung einer Waffe, die diesen Schirm durchdringen kann. Eile ist erforderlich, denn das Wesen hat sich zu allem Überfluss ein Nest gebaut, um dort weitere Horror-Vögel auszubrüten, die der Menschheit endgültig den Garaus machen werden …

Charme des Schwachsinns

Film ist auch und meist vor allem Ableger einer Unterhaltungskultur gewesen, die P. T. Barnum (1810-1891) zwar nicht erfunden, aber zu nie gekannter Blüte gepäppelt hatte: Täusche die Zuschauer durch Übertreibungen und blanke Lügen; wenn du dies in eine Show verpackst, die das Publikum fesselt, wird es dir solche Tricks nicht übelnehmen.

In diesem Geist entstanden und entstehen Filme, die der Logik und dem gesunden Menschenverstand hohnsprechen. Ist der Wahnwitz womöglich unfreiwillig Programm, können dabei krude ‚Meisterwerke‘ entstehen, die manchen ‚echten‘, kritisch bejubelten und massenhaft besuchten Klassiker in den Schatten stellen.

Die Zeit sorgt für einen Nostalgiefaktor, der entsprechende Zuneigung verstärkt oder überhaupt erst aufkeimen lässt. Über „Angriff der Riesenkralle“ wurde zeitgenössisch gehöhnt und gelacht, was eine völlig nachvollziehbare Reaktion ist. Viele Jahrzehnte später genießen wir den Charme einer entschlossen am schwachsinnigen Plot klebenden Story, deren ‚Spezialeffekte‘ nicht nur durch analoge Durchsichtigkeit bezaubern, sondern so gründlich misslungen sind, das sie in die Filmhistorie eingingen.

Monster-Muppet from Outer Space

Natürlich gab es von Anfang an keine Chance, klassische Filmgeschichte zu schreiben. Dass Sam Katzman (1901-1973) hinter dem Projekt stand, war ein deutliches (Warn-) Zeichen. Seit 1914 hatte sich Katzman von der Pike auf hochgearbeitet, ohne direkt in der Vermarktungsmaschinerie der „großen“ Hollywood-Studios Fuß zu fassen. Er siedelte sich in der Peripherie an und belieferte den Kino-Markt mit Billig-Filmen, was durchaus Profit brachte, wenn man auf Qualität buchstäblich pfiff und dreist genug war, noch den größten Bockmist als „Sensation“ anzupreisen.

In diesem Umfeld entstanden unzählige Filme. Katzman ist verantwortlich für Heuler wie „Tombstone Terror“ (1936), „Creature with the Atom Brain“ (1955) oder „How to Succeed with Sex“ (1970). Insgesamt produzierte er laut IMDb.com zwischen 1933 und 1972 241 Streifen, die jederzeit schäbig, aber keineswegs immer langweilig waren. Als Geschäftsmann interessierte Katzman nur die möglichst kostengünstige Produktion bei höchstmöglichem Gewinn. Trotzdem nahm „The Giant Claw“ auch in seiner Erinnerung einen Sonderplatz ein, denn dieser Film war selbst im Rahmen seiner bescheidenen Ansprüche ein Desaster!

Die Begründung offenbart sich schlagartig in Minute 27. Bisher bewegte sich die titelgebende „Riesenkralle“ mit Überschallgeschwindigkeit und blieb schattenhaft. Leider musste sie sich irgendwann zeigen, und von diesem Moment ist diese Geschichte zum Film-Tod verdammt. Eigentlich sollte Ray Harryhausen (1920-2013) das Ungeheuer zu filmischem Leben erwecken; er hatte als Stop-Motion-Meister just Filme wie „Earth vs. the Flying Saucers“ (1956; dt. „Fliegende Untertassen greifen an“) und „20 Million Miles to Earth“ (1957; dt. „Die Bestie aus dem Weltenraum“) in spätere Klassiker verwandelt. Doch Harryhausen sprengte Katzmans Sparstrumpf-Budget, weshalb dieser den Auftrag an eine unbekannte, aber billige Firma in Mexiko City vergab – eine Entscheidung, die er bereuen sollte!

Schrecken und Heiterkeit vor falschen Publika

Katzman und Regisseur Fred F. Sears durften sich glücklich schätzen, dass die Schauspieler die „Riesenkralle“ nicht zu sehen bekamen, solange sie vor der Kamera standen. Sie mussten ‚ins Leere‘ spielen und Entsetzen oder Wut dort mimen, wo später das Monster eingeschnitten wurde. Nur auf diese Weise lassen sich die soliden Darstellerleistungen erklären, denn hätten Jeff Morrow & Co. gewusst, gegen wen (oder was) sie da kämpften, wäre jegliche Arbeitsmoral umgehend verpufft. (In seinen Erinnerungen beschreibt Morrow die Scham und seine vorzeitige Flucht aus der Premierenvorstellung, der ein ordentliches Besäufnis folgte.)

Niemand hätte damals damit gerechnet, dass der in Mexiko offenbar im Drogenrausch zusammengebastelte ‚Vogel‘ heute Kultstatus besitzt: als eines der miserabelsten, auf seine Art aber einzigartiges Monster der Filmgeschichte. Vor allem der Hals – offenbar der zweckentfremdete Abpumpschlauch einer Waschmaschine – sowie der Schädel mit gewaltigem Unterbiss-Schnabel, schielenden, irren Glotzaugen und dem grotesken Haarpuschel bleiben zusammen mit dem monotonen, wieder und wieder verwendeten ‚Schrei‘ selbst nach einmaliger Sichtung lebenslang in Erinnerung!

Dieses Ding war zu allem Überfluss eine Marionette, die an nicht selten deutlich sichtbaren Fäden hing und so elegant ‚flog‘ wie ein nasser Topflappen. Damit fügte es sich harmonisch in eine kuriose Parallelwelt ein. Der Übergang wurde durch eindeutig als solche erkennbare Spielzeug-Flugzeuge, -Eisenbahnen oder -Autos signalisiert, hinzu kamen Menschen-Figürchen aus Plastik, die an schlaffen Mini-Fallschirmen baumelten. Offenbar als Höhepunkt war das Wüten des Vogels in New York City gedacht. Dort zerbröckelte er u. a. minderwertige Modelle des Empire State Buildings sowie das Gebäude der Vereinten Nationen.

(Unfreiwilliges) Grauen ohne Ende

Selbst oder gerade in Japan dürfte sich die Filmbranche vor Lachen geschüttelt haben: „Godzilla“ war 1954 deutlich überzeugender durch Tokio getobt, und mit „Rodan“ hatte man zwei Jahre später ein definitiv eindrucksvolleres Flugmonster kreiert. Da ohnehin alles verloren war, gedachte Katzman die Wurst nicht nach der Speckseite zu werfen. „Angriff der Riesenkralle“ wurde mit ‚recyceltem‘ Filmmaterial aufgepeppt. Vor allem griff man auf Archivaufnahmen von Manövern oder fliegenden Militär-Jets zurück, die in ihrer Bildqualität überaus unterschiedlich waren und deshalb ebenfalls sofort identifiziert werden können. Hinzu kamen ‚entliehene‘ Szenen aus älteren Spielfilmen wie „30 Seconds over Tokyo“ (1944; dt. „Dreißig Sekunden über Tokio“), „The Day the Earth Stood Still“ (1951; dt. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“) und – ausgerechnet! – „Earth vs. the Flying Saucers“ (1956; dt. „Fliegende Untertassen greifen an“), wenn Trümmer vom Himmel regnen und entsetzte Menschenmassen flüchten sollten.

Deutlich marktschreierisches Plakat für US-Kinos

„Angriff der Riesenkralle“ konnte nur durch Rosstäuschertricks einigermaßen lukrativ vermarktet werden. Es galt, so viele Zuschauer wie möglich ins Kino zu locken, bevor sich die Minderwertigkeit dieses Films herumgesprochen hatte. Vorsichtshalber zeigte ihn das (Katzman ebenfalls auf den Leim gegangene) Verleih-Studio Columbia in einer Doppelvorstellung mit dem nur marginal weniger unterirdischen „The Night the World Exploded“.

Die Resonanz war dennoch verheerend. Schmerzvoll musste man bei Columbia feststellen, dass selbst in Deutschland die Kinos abwinkten, die sonst jeden Mist zeigten, solange er aus den USA kam. Erst 1996 wurde „Angriff der Riesenkralle“ synchronisiert und hierzulande im Fernsehen gezeigt. Dabei besitzt der Film wie schon gesagt seine Meriten. Er atmet ungefiltert den Zeitgeist, der u. a. keinen Einwand dagegen erhebt, dass von Anfang an nur der Abschuss der Kreatur vorgesehen ist. Zivilisten sind disziplinarme Untertanen, die von weisen Militärs anzuleiten sind, was sie nach frühem Widerstand rasch erkennen, um fürderhin zu tun, was man ihnen sagt. Bürgerrechte sind unwichtig, weshalb nicht der Präsident der USA, sondern General Considine den nationalen Notstand verkündet.

Schauspiel als Minenarbeit

Die B-Movie-Szene in Hollywood war ein plebejisches Spiegelbild der ‚großen‘ Studios. Vor und hinter der Kamera schufteten Männer und Frauen, die eher Fließbandarbeiter als Filmhandwerker waren. Regisseur Fred F. Sears kurbelte zwischen 1949 und 1957 54 Filme ab; parallel dazu trat er als Schauspieler in 77 Streifen auf. So dürfte sein Herztod im November 1957 – Sears war gerade 44 Jahre ‚alt‘ – nicht auf den Schock nach der Sichtung der Vogel-Effekte für „Angriff der Riesenkralle“, sondern auf Überarbeitung zurückzuführen sein.

Glück im Unglück hatte Mara Corday, die als Frau nicht nur gerettet und geheiratet wurde, sondern tatsächlich ins Geschehen eingreifen konnte. Sears orientierte sich hier an Howard Hawks (1896-1977) bzw. den von ihm produzierten Horror-Steifen „The Thing“ (1951; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“), in dem ebenfalls eine starke, selbstbewusste Frau den Männerhelden Paroli bot. Zwar will Mitch die schlaue Sally nicht mitnehmen, als es im Finale per Flugzeug direkt gegen den Vogel geht – „Mädchen sollten bei so etwas nicht dabei sein“ -, doch mangels Ersatz muss Sally doch mit an Bord.

Großartig in ihrer Mischung aus eisenhartem Pflichtbewusstsein und rauer Herzlichkeit sind die B-Movie-Recken Morris Ankrum (Generalleutnant Edward Considine) und Robert Shayne (General Van Buskirk). Gerade noch feuerten sie Wasserstoffbomben auf den Feind ab und riefen das Kriegsrecht aus, im nächsten Moment sitzen sie persönlich an Steuer und Bordkanone des genannten Flugzeugs, in dessen Kabine Mitch, Sally und Dr. Noymann fieberhaft an ihrer Anti-Antimaterie-Kanone schrauben. (Katzman wollte keine weiteren Schauspieler bezahlen, weshalb früher im Geschehen der Pilot Pete vom Kostümbildner gemimt wurde.)

Heutzutage bliebe wohl nur die Mittelkralle demonstrativ ausgestreckt …

Nur 75 Minuten dauert dieses Drama, über dessen Unzulänglichkeiten noch viel mehr zu sagen wäre. Das wäre freilich Spott über einen ‚Gegner‘, der ohnehin am Boden liegt. Seine wahren Qualitäten zieht „Angriff der Riesenkralle“ aus einem zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch gar nicht existenten Nährboden. Das sorgt für das gar nicht so häufige Beispiel echtes Film-Trashs, der es wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden.

DVD-Features

Als siebter Film der Anolis-Trashfilm-Sammlung „Die Rache der Galerie des Grauens“ erschienen, weist „Angriff der Riesenkralle“ nicht nur eine erfreuliche Bildqualität auf – der Ton ist entstehungszeitlich bedingt ein wenig schwach -, sondern wird labeltypisch durch Hintergrundinformationen ergänzt. Wesentlich informationsstark sind zwei Audiokommentare von Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Ivo Scheloske bzw. Ingo Strecker und Thomas Kerpen.

Weitere Features beinhalten Erläuterungen von Rolf Giesen über die Spezialeffekte (in deutscher und englischer Sprache), die US-amerikanische und spanische Titelsequenz, den amerikanischer Kinotrailer, die Super-8-Fassung (achteinhalb Minuten) und eine Bildergalerie.

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Angriff der Riesenkralle
Originaltitel: The Giant Claw (USA 1957)
Regie: Fred F. Sears
Drehbuch: Paul Gangelin u. Samuel Newman
Kamera: Benjamin H. Kline
Schnitt: Anthony Dimarco u. Saul A. Goodkind
Musik: Mischa Bakaleinikoff
Darsteller: Jeff Morrow (Mitch MacAfee), Mara Corday (Sally Caldwell), Morris Ankrum Generalleutnant Edward Considine), Robert Shayne (General Van Buskirk), Lou D. Merrill (Pierre Broussard), Edgar Barrier (Dr. Karol Noymann), Clark Howat (Major Bergen), Ruell Shaye [d. i. Frank Griffin] (Pilot Pete), Fred F. Sears (Erzähler) u. a.
Label/Vertrieb: Anolis
Erscheinungsdatum: 13.04.2017
EAN: 4041036310776 (Blu-ray + DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 72 min. (Blu-ray: 75 min.)
FSK: 12

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