Die von einem Dämon besessene Puppe Annabelle hascht nach der Seele eines Babys, was die Eltern, ein Priester und eine Buchhändlerin verhindern wollen … – Der Solo-Auftritt der Grusel-Puppe ist sogar noch langweiliger als die „Conjuring“-Vorlage, was durch die Simpel-Story, diverse Handlungslecks und die ultraflachen Figuren gnadenlos unterstrichen wird: ein (immerhin gut gefilmtes) Trauerspiel.

Das geschieht:

Im kalifornischen Santa Monica bereiten sich John und vor allem Mia Form auf die Geburt ihres ersten Kindes vor. Ausgerechnet jetzt kehrt Annabelle, die Tochter der Nachbarn Pete und Sharon Higgins, heim. Vor Jahren hat sie sich einer Sekte angeschlossen. Nun opfern sie und ein ähnlich fanatischer Kultangehöriger die Eltern dem Teufel. Auch Mia und ihr ungeborenes Kind wollen sie umbringen, werden aber daran gehindert und getötet.

Doch Annabelle ist es noch gelungen, einen Dämon zu beschwören. Der fährt in eine der antiken Puppen, die Mia sammelt, und hat es auf die Seele von Tochter Leah abgesehen, die kurz nach dem Überfall geboren wird. Als John eine Stelle in Pasadena angeboten wird, ziehen die Forms dorthin und in ein altes Appartementhaus.

Mia leidet noch unter den Nachwirkungen des Schocks, während John rund um die Uhr arbeitet. Deshalb muss sie sich allein den Seltsamkeiten stellen, die sich um sie und Leah zu ereignen beginnen. Unheimliche Geräusche ertönen, es huscht in der Wohnung umher, und plötzlich taucht die Puppe wieder auf, die John noch in Santa Monica in die Mülltonne geworfen hatte. Schließlich erscheint sogar der Geist der verstorbenen Annabelle!

Obwohl John an postnatalen Verfolgungswahn glaubt, zieht er einen Fachmann zu Rate: Vater Perez ist Priester, hält sich aber vorsichtig zurück, statt sofort als Exorzist aufzutreten, wie Mia es sich gewünscht hätte. Aufgeschlossener ist ihre neue Freundin, die Buchhändlerin Evelyn, die Mia mit einschlägiger Literatur versorgt.

Die Recherchen ergeben den oben beschriebenen Dämonenbefall der Form-Familie. Vater Perez lässt sich zu einem Hausbesuch überreden. Er nimmt die Puppe an sich, um Mia zu beruhigen. Kurz darauf weiß Perez, dass es tatsächlich umgeht. Die Erkenntnis kommt zu spät, denn er ist fast tot, und bei den Forms bläst der Dämon zum Sturm auf Leahs Seele …

Grusel als Aufguss

Die Welt steckt voller Wunder oder wenigstens Absonderlichkeiten. Dazu gehört der unerhörte Erfolg eines unglaublich dummen Films, der sich zu einem qualvoll lebendigen Franchise entwickelt hat. „The Conjuring“ sorgte 2013 für erhebliche Langeweile, ließ aber weltweit die Kassen nicht nur klingeln, sondern ohrenbetäubend rasseln: Obwohl Pappfiguren durch eine Gruselklein-Story tappten und dabei die Logik mit Füßen traten, stürmte das Publikum so zahlreich (aber nicht kritisch) in die Kinos, dass nicht nur „The Conjuring 2“ schnell beschlossene Produzentensache war: Realisiert wurde zusätzlich ein „Spin-off“, in deren Mittelpunkt die dämonisch besessene Puppe Annabelle steht, die ihren ersten Auftritt in „The Conjuring“ absolviert hatte.

„Annabelle“ kostete gerade 6,5 Mio. Dollar und spielte mehr als 250 Mio. ein. Dies ist nicht nur ein weiteres Wunder, sondern auch ein Fluch, denn selbstverständlich kehrt Annabelle nun separat zurück – womöglich in einer ganzen Serie billiger, statischer, ideenloser Horrorfilme! Strafe muss halt sein, könnte man konstatieren, doch hier trifft es einzig jene, die mit dem Sparflammengrusel der „Conjuring“-„Annabelle“-Insidious“-Machart rein gar nichts anfangen können.

Vorgeblich wird hier die Rückkehr der guten, alten Geistergeschichte zelebriert, die Angstspannung vor Deutlichkeit und Blutspritzerei stellt. Das Übernatürliche ist angedeutet; meist spielt sich der Spuk nur im Kopf des Zuschauers ab. Wird so etwas gut gemacht, ist der Erfolg in der Tat sicher, denn auch im Zeitalter digitaler Hexereien ist das Kopfkino weiterhin ungeschlagen.

Gary Daubermann (Drehbuch) und John R. Leonetti (Regie) geben allerdings nur vor, derartigen Stimmungsgrusel zu kreieren. Stattdessen arbeiten sie im besten Fall mit Routinen, meist aber mit Klischees und faulen Tricks. Wenn gar nichts mehr hilft, schwillt die Musik dröhnend an, die auch sonst so beliebig ist, dass es einem Schauer über den Rücken jagt.

Leonettis lahme Sechziger

„Annabelle“ spielt in der jüngeren Vergangenheit. Das Jahr 1969 wurde nicht grundlos als Aufhänger für die erzählte Geschichte gewählt: Im Fernseher schaut sich Mia Form Berichte über den Mord an der Schauspielerin Sharon Tate an, die im August 1969 hochschwanger und zusammen mit vier anderen Personen von Mitgliedern der Manson-Family abgeschlachtet wurde. Mit Satanismus hatte dieser Massenmord nichts zu tun, aber das tragische Ereignis wurde von Dauberman für „Annabelle“ umgedeutet.

Darin erschöpft sich bereits der Sinn, die Handlung zeitlich zurückzuverlegen. „Annabelle“ könnte problemlos in der Gegenwart spielen. Ohnehin verliert der Zuschauer leicht aus den Augen, dass diese Spukgeschichte 1969 spielt. Zeitkolorit erschöpft sich in diversen alten Autos, einem Schwarzweiß-Fernseher (mit Röhre!) und seltsamen Kleidern. Von einem Mehrwert für das Geschehen kann man nicht sprechen.

Filmhandwerklich ist „Annabelle“ ansehnlich. Vor allem die Kamera leistet Überdurchschnittliches. Wirksam ist vor allem die wiederkehrende Wahl eines Blickwinkels, der den Zuschauer quasi zurücktreten lässt: Er kann in mehrere Räume gleichzeitig blicken. Am Rand seht man beispielsweise Mia ahnungslos die Betten machen, während es in einem anderen Zimmer (nur von ihr) unbemerkt zu spuken beginnt. Kameramann James Kniest hat zudem ein Auge für Licht und Schatten, was hilfreich dabei ist, die ärmlichen Spezialeffekte zu veredeln. Auffällig ist schließlich der schier (und absurd) unendlich lange Flur der Pasadena-Wohnung, der (wie) geschaffen für verzweifelte Verfolgungsjagden ist.

Nicht nur die Puppe hat einen Holzkopf

Mia und John Form sind eifrige Kirchgänger, und als Seltsames in ihrer neuen Wohnung vorgeht, alarmieren sie nicht die Polizei, sondern fragen einen Priester um Rat, der sich zunächst in frommen Allgemeinplätzen äußert und später zu katholischer Vulgär-Mystik übergeht: „Annabelle“ ist ein Film, der sogar fundamentalistischen Christen gefallen könnte, wären diese nicht so kategorisch unterhaltungsfeindlich. Es fehlt nicht einmal die lange Kamerafahrt den Kirchturm hinauf, zu der triumphierende Musik erklingt, nachdem die Dämonenpuppe von den Forms abgelassen hat, damit jeder Zuschauer weiß, wer hier wirklich für den Sieg verantwortlich ist.

Generell greift Autor Dauberman zum Stichel statt zur Feder, da er den Holzschnitt der schattierten Grafik jederzeit vorzieht. So verwundert es nicht, dass die Figuren der flachen Story entsprechen. Mit den Forms wird das Publikum niemals warm. Annabelle Wallis spielt Mia entweder panisch oder ungerührt. Da will nie jener Funke überspringen, der dafür sorgt, dass man mit einer Figur fiebert.

Immerhin ergeht es Wallis besser als Ward Horton, den man schon nach wenigen Minuten kräftig schütteln und in den Hintern treten will, sobald sein eifriges, glattes Spießer-Gesicht sichtbar wird. John Form ist der genreübliche Trottel-Gatte, der rund um die Uhr außer Haus arbeitet, in der Nacht wie ein Stein schläft, während Geister das Haus buchstäblich auf den Kopf stellen, und auch sonst selten bis nie dort zu finden ist, wo er gerade nützlich wäre. Auf diese Weise will Dauberman Mia isolieren. Damit die Gefahr eindringlicher wirkt, ist sie erst schwanger und fluchtuntauglich. Später muss sie ständig Baby Leah retten, dessen Wiege seltsamerweise Kilometer entfernt vom elterlichen Schlafzimmer steht.

Annabelle, die Schreckliche

Man muss anerkennen, dass die Puppe Annabelle wirklich schrecklich ist – so schrecklich, dass kein Mensch auf die Idee käme, diesen Popanz daheim zu dulden, selbst wenn kein Dämon darin haust! Annabelle ist riesig bis klobig, trägt ein schauerliches Rüschenkleid und ist angeblich wertvoll. Ausgerechnet die zimperliche Mia freut sich über die gruselige Vogelscheuche und stellt sie im Kinderzimmer aus!

Später schlüpft der Dämon aus. Zuerst materialisiert er sich als junge Annabelle im Nachthemd, die in Sekundenschnelle zur erwachsenen Annabelle anschwillt. Manchmal erscheint der Dämon auch in seiner wahren Gestalt; dann ist er höllisch schwarz, hat lange Krallenfinger und hängt gern von der Decke.

Selbst solche Geisterbahn-Unholde sieht man lieber als die Puppe Annabelle, die höchstens mal den Kopf dreht oder dort liegt, wo Mia sie nicht hingesetzt hatte. Farbe an der Wand trocknet spannender als Annabelle spukt! Natürlich ist sie nicht Chucky, doch schaurig auszusehen genügt nicht.

Oder liegt es daran, dass der Dämon in Annabelle in Sachen Trantütigkeit die Forms sogar übertrifft? Dauberman will uns glauben machen, dass er sich das Baby nicht einfach schnappen kann, weil ihn John oder besser noch Mia Leahs Seele offiziell anbieten müssen. Daran sollte er arbeiten, statt laut aber nutzlos über das Appartementdach zu stampfen oder in Puppengestalt von Raum zu Raum zu schleichen.

Das blöde Ende kommt noch

„Annabelle“ ist ein Potpourri unzähliger Vorgängerfilme entsprechenden Inhalts. Es gibt keine Abweichungen, und vielleicht ist dies der Schlüssel zum Erfolg: Man wird nur so weit erschreckt, wie man erschreckt werden möchte, um sich unterhalten zu fühlen. Ein entsprechend gepoltes Publikum hasst es, wirklich in Angst und Schrecken versetzt zu werden, was filmisch durchaus machbar ist.

Wie diese Geschichte ausgeht, ist ohnehin nur bedingt überraschend, denn irgendwann hockt Annabelle bekanntlich hinter Vitrinenglas im Trophäensaal der Geisterjäger-Scharlatane Ed und Lorraine Warren, wo sie zweimal monatlich ein Priester mit Weihwasser bespritzt, wie im „Annabelle“-Epilog betont wird.

Auf welche Weise die Forms davonkommen, bleibt an dieser Stelle unerwähnt; dies nicht nur deshalb, um potenziellen Zuschauern den Filmspaß nicht zu verderben, sondern auch und vor allem, weil die Methode so abgedroschen, aus der Luft gegriffen und letztlich peinlich ist, dass man es sehen muss, um es glauben zu können!

Kurz darauf ist es für dieses Mal endlich geschafft: Annabelle ist flüchtig bzw. hat sich als neue Opfer gerade jene beiden Krankenschwestern ausgeguckt, die sich – siehe „The Conjuring“ – an die Warrens wenden werden. Man darf gespannt sein, wo sich für „Annabelle 2“ noch eine Lücke für weitere Bosheiten findet, die – da fühlt sich dieser Rezensent nicht als Prophet! – vielleicht wieder erfolgreich aber garantiert ebenso lahm und gruselhohl daherkommen werden.

DVD-Features

Lieblos wird dem Hauptfilm nur die fünfminütige Featurette „Der Fluch von Annabelle“ beigegeben.

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Annabelle
Originaltitel: Annabelle (USA 2014)
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Gary Dauberman
Kamera: James Kniest
Schnitt: Tom Elkins
Musik: Joseph Bishara
Darsteller: Annabelle Wallis (Mia Form), Ward Horton (John Form), Tony Amendola (Vater Perez), Alfre Woodard (Evelyn), Kerry O’Malley (Sharon Higgins), Brian Howe (Pete Higgins), Eric Ladin (Detective Clarkin), Ivar Brogger (Dr. Burgher), Gabriel Bateman (Robert), Shiloh Nelson (Nancy), Tree O’Toole (Annabelle Higgins), Keira Daniels (Annabelle als Kind) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 19.02.2015
EAN: 5051890290618 (DVD)/5051890290632 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch u. Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 16

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