Der Geist einer Bauchrednerin schlüpft in ihre Puppen und verfolgt die Nachfahren derer, die sie vor Jahrzehnten ermordeten. Das letzte Opfer nimmt den Kampf auf, doch seine Gegnerin arbeitet mit infamen Tricks … – Was nach Klischee-Grusel von der Stange klingt, erweist sich als sorgfältig in Szene gesetzte und liebevoll ausgestattete Gespenstergeschichte der altmodischen und unlogischen aber spannenden Art, die es an eindeutigen Effekten nie fehlen lässt.

Das geschieht:

Dem jungen Ehepaar Jamie und Lisa Ashen wird eines Abend anonym ein merkwürdiges Päckchen zugestellt: Im Inneren eines alten Transportkoffers liegt eine schön gearbeitete Bauchrednerpuppe. Viel Zeit sich darüber zu wundern bleibt nicht, denn kurze Zeit darauf findet Jamie seine Gattin mit brachial aus den Gelenken gerissenem Unterkiefer und ohne Zunge tot im gemeinsamen Bett. Für Detective Jim Lipton ist der Fall klar: Da nur Jamies Fingerabdrücke in der Wohnung gefunden wurden, glaubt er nicht an einen unbekannten Eindringling, zumal sein Hauptverdächtiger durchblicken lässt, er glaube an ein Mordkomplott oder gar an eine Mitschuld der Puppe. Noch reichen die Beweise für eine Verhaftung nicht aus, was Jamie die Gelegenheit gibt, in seine Heimatstadt zurückzukehren, die er einst nach einem Streit mit seinem Vater verließ.

Der alte Totengräber Henry Walker, der Lisas Leiche im Familiengrab der Ashens bestatten soll, weiß nur zu gut, wie sie zu Tode kam. Seit Jahrzehnten sterben immer wieder Bürger auf diese grausige Weise. Sie gelten als Opfer der Bauchrednerin Mary Shaw, die in ihrer Kunst völlig aufgegangen war und mit ihren 101 Puppen begraben wurde, nachdem sie 1941 mit durchschnittener Kehle gefunden wurde. Jamies Vater Edward kann das Puzzle vervollständigen. Er erzählt von dem kleinen Michael, der Mary Shaw einst auf offener Bühne fauler Tricks bezichtigte; kurze Zeit später verschwand das Kind spurlos. Ein wütender Mob stellte Mary in ihrer Puppenwerkstatt und lynchte sie.

Aber Mary kehrte aus dem Reich der Toten zurück. Sie brachte ihre Mörder um und verfolgt ihre Kinder und Kindeskinder. Vor allem die Ashens stehen auf ihrer Todesliste. Jamie will Rache für Lisa und Marys Terrorherrschaft endlich beenden. Vom hartnäckigen Lipton verfolgt und bedrängt, sucht er das seit Jahrzehnten verlassene „Guignol“-Theater auf, in dem der böse Geist angeblich haust. Er findet mehr als er verkraften kann – und dabei kennt er noch nicht einmal Marys größten Trick …

Modern und klassisch: Retro-Horror

Die Geschichte vom rächenden Gespenst mag altmodisch sein, doch sie funktioniert weiterhin ausgezeichnet, wenn sie so gut erzählt wird wie in unserem Fall. Die Inszenierung wirkt klassisch, bedient sich aber der Techniken des 21. Jahrhunderts, auch wenn diese immer wieder eingesetzt werden, um die Vergangenheit heraufzubeschwören: Kaum zu glauben, dass „Dead Silence“ von jenen Filmemachern realisiert wurde, die auch für das Todesfallen-Spektakel „Saw“ verantwortlich zeichnen. (In einer Ecke von Mary Shaws Werkstatt hockt Jigsaws Dreirad fahrende Mörderpuppe.) Stilistisch gibt es deutliche Verbindungen. Dazu gehört das geschickte Spiel mit Licht und Dunkelheit. „Schwarz“ ist ein wichtiges Element dieses Films, denn es neben der Stille das Medium, in dem Mary Shaw sich bewegt. Wan versucht sich hier am Retro-Look klassischer Gruselfilme der 1940er und 50er Jahre, ohne sich sklavisch an die Vorgaben zu halten, was Anno 2007 auch keine gute Idee gewesen wäre.

Auch die bemerkenswerte Ausstattung erinnert an „Saw“. So sieht man liebevoll in den Zustand feuchten Moderns versetzte Sets, die nicht selten von erstaunlicher Größe sind. Das „Guignol“-Theater (Nomen est Omen) ist eine Brutstätte von Fäulnis und Schimmel, die zum Staunen reizt, was gut ist, denn es verhindert Fragen. (Wieso wurde das Theater vollständig eingerichtet dem Verfall überlassen? Wieso hat man es ausgerechnet auf dem Boden eines Steinbruchs errichtet?).

Obwohl „Dead Silence“ kein Splatter ist, lassen die Horroreffekte an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Viele hübsche Scheußlichkeiten lassen keine Langeweile aufkommen. Überhaupt hat Regisseur Wan ein Händchen für Spielereien. Mehrfach verwendet er Überblendungen, die eigentlich die Illusion der filmischen Realität zerstören müssten, weil sie so eindeutig als Spezialeffekte zu erkennen sind. Stattdessen fügen sie sich in die Handlung ein, die keinen Hehl daraus macht, dass die Kulissen eine Kinowelt widerspiegeln bzw. gar nicht existieren, sondern digital erschaffen wurden.

Aus hartem Holz geschnitzt

Gedreht wurde wieder einmal im kostengünstigen Kanada. Die daraus resultierende Ersparnis kam dem Film sehr zugute. Er wirkt sehr viel kostspieliger als er eigentlich ist. Das „Making of“ zeigt ein Team, das sich seiner Fähigkeiten bewusst ist und das Optimale aus den beschränkten Mitteln herausholt. Nur ganz selten künden nicht unbedingt perfekte Spezialeffekte von finanziellen Beschränkungen.

Die Story selbst ist ihrer Umsetzung nur bedingt gewachsen. Beseelte Puppen haben den Horrorfilm schon sehr oft heimgesucht. Auch das hölzerne Bengele Billy hält sich an bekannte Vorgaben, d. h. rollt mit den Augen, lässt die Kinnlade krachen und taucht überall & nirgends auf, ohne dass gezeigt würde, wie er das schafft.

„Beware the stare of Mary Shaw.
She had no children, only dolls.
And if you see her do not scream,
she’ll rip your tongue out at the seam.“

So lautet das Gedicht, das sich um den Geist der Mary Shaw rankt. (Jedenfalls im Trailer, während im Film eine andere, reichlich verschwommene Fassung zitiert wird.) Diese vier Zeilen spiegeln akkurat das Geschehen wider.

Hauptdarsteller hölzerner als Bauchrednerpuppe

Eine Geistergeschichte ist auf schauspielerische Leistungen angewiesen, um den gewünschten Gruseleffekt zu erzielen. Gespenster gehen deutlich subtiler vor als Mord-Monster à la Jason Vorhees. Schreien, rennen & sterben ist deshalb nicht genug als Reaktion auf ihr Wirken. Bis auf eine Ausnahme hat Regisseur Wan die richtigen Schauspieler gefunden.

Leider lässt ihn ausgerechnet Hauptdarsteller Ryan Kwanten im Stich. Ihm wird eine breite Palette von Gefühlen abgefordert, die er einfach nicht glaubhaft zu machen vermag. Trauer, Angst, Rachsucht, Überraschung – Kwanten setzt durchweg dieselbe gleichgültige Miene auf. Glücklicherweise kann Wan sich auf das übrige Ensemble verlassen. Judith Roberts, die hauptsächlich am Theater auftritt, ist eine wunderbare Mary Shaw. Schon ohne Maske wirkt Roberts eindrucksvoll – eine Dame mit scharf geschnittenem Gesicht und ausdrucksstarken Augen, die ihre Bühnenpräsenz gekonnt einzusetzen und ihre gelungene Maske mit untotem Leben zu erfüllen vermag.

Was Ryan Kwanten vermissen lässt, kann Donnie Wahlberg liefern. Wan hat ihn aus „Saw“ (Teil II und IV) übernommen und gut daran getan. Jim Lipton ist wunderbar lässig als skeptischer Cop, der seine Vorurteile Stück für Stück über Bord wirft, bis er endlich davon überzeugt ist, dass es Geister wirklich gibt. Wahlberg bietet auch die notwendige Selbstironie. Mehr davon hätte einem Film, der mit den logischen Löchern seines Drehbuchs quasi kokettiert, gut angestanden. (Kann jemand die Frage beantworten, wieso der Geist von Mary Shaw den Ashens die Puppe Billy vor die Haustür legt? Wenn das möglich ist, könnte sie eigentlich auch selbst zur mörderischen Tat schreiten.)

Gute Schauspielarbeit leistet auch Veteran Michael Fairman als Totengräber, der mehr weiß als für ihn gut ist. Bob Gunton liefert ein Kabinettstückchen als halbtoter Edward Ashen; was sich hinter seiner steifen Art verbirgt, legt Wan in einem wahrlich gelungenen Finalgag offen. Angesichts des Vergnügens, das er mit „Dead Silence“ verbreiten kann, ist es traurig, dass Wan inzwischen faden (aber sehr erfolgreichen) Buh!-Grusel à la „Insidious“, „The Conjuring“ oder „Annabelle“ in Serie dreht oder produziert.

DVD-Features

Zu einem gelungenen Film gibt es gelungene Features: ein alternativer Anfang, ein alternatives Ende und diverse geschnittene Szenen machen den komplizierten Weg von der Idee zum fertigen Film deutlich. James Wans Professionalität wird daran deutlich, dass sämtliche Veränderungen und Kürzungen zur Verbesserung des endgültigen Films beitrugen. Keine der zusätzlichen Szenen hätte „Dead Silence“ verbessern können.

Das „Making-of“ ist informativ dort, wo Regisseur Wan und das hinter der Kamera aktive Team über die Dreharbeiten berichten. Die Schauspieler ergehen sich dagegen in gegenseitiger Lobhudelei und ungelenker Ankündigung eines Filmklassikers, der „Dead Silence“ nicht ist und nicht sein will. Besser gelang das Feature „Mary Shaws düstere Geheimnisse“, da es gut nachvollziehbar beschreibt, wie wichtig die Wahl der richtigen Darstellerin für diese Rolle war. Die beste Maske hätte nicht ausgleichen können, was Judith Roberts der Mary-Shaw-Figur gab: eine Intensität, die glauben macht, dass diese Frau den Tod besiegt.

„Die Entstehung eines Visual Effects“ beschreibt die subtile aber dennoch aufwändige CGI-Bearbeitung von „Dead Silence“ am Beispiel einer kurzen Szene, die Besucher des „Guignol“-Theaters 1941 auf der Brücke zum Eingang zeigt.

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Dead Silence – Ein Wort. Und du bist tot.
Originaltitel: Dead Silence (USA 2007)
Regie: James Wan
Drehbuch: Leigh Wannell u. James Wan
Kamera: John R. Leonetti
Schnitt: Michael N. Knue
Musik: Charlie Clauser
Darsteller: Ryan Kwanten (Jamie Ashen), Amber Valletta (Ella Ashen), Donnie Wahlberg (Detective Jim Lipton), Michael Fairman (Henry Walker), Joan Heney (Marion Walker), Bob Gunton (Edward Ashen), Laura Regan (Lisa Ashen), Steven Taylor (Michael Ashen), Dmitry Chepovetsky (Richard Walker), Judith Roberts (Mary Shaw), Keir Gilchrist (Henry als Junge), David Talbot (Priester), Steve Adams (Polizist) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 08.11.2007 (DVD)/07.10.2010 (Blu-ray)
EAN: 5050582515305 (DVD)/5050582796827 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1 – anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Italienisch, Spanisch, Türkisch, Portugiesisch, Slowenisch, Hebräisch sowie englische Untertitel für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 16

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