Ende

Originaltitel: Fin (Spanien 2012)
Regie: Jorge Torregrossa
Drehbuch: Sergio G. Sánchez u. Jorge Guerricaechevarría (nach einem Roman von David Monteagudo)
Kamera: José David Montero
Schnitt: Carolina Martínez Urbina
Musik: Lucio Godoy
Darsteller: Miquel Fernández (Sergio), Antonio Garrido (Rafa), Maribel Verdú (Maribel), Daniel Grao (Félix), Clara Lago (Eva), Andrés Velencoso (Hugo), Blanca Romero (Cova), Carmen Ruiz (Sara), Eugenio Mira (Ángel), Sofía Herraiz (Niña)
Label: Pierrot le Fou
Vertrieb: Alive! AG
Erscheinungsdatum: 17.04.2014
EAN: 4042564150155 (DVD)/4042564150162 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 12

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Das geschieht:

Zwanzig Jahre haben sich die alten Schulfreunde nicht mehr gesehen. Nun folgen sie einer Einladung von Sara, sich im Ferienhaus ihrer verstorbenen Eltern endlich wieder einmal zu treffen. Alle haben zugesagt, obwohl es Spannungen gibt, die auch nach vielen Jahren nicht abgeklungen sind. So weicht Sergio seiner deutlich jüngeren Begleiterin Eva mehrfach aus, als diese sich nach Ángel erkundigt, den die Freunde unter sich den „Propheten“ nennen.

Das Treffen steht unter keinem guten Stern. Zu den alten kommen rasch neue Konflikte. Zorn wird durch Schrecken ersetzt, als in der Nacht der Himmel plötzlich taghell leuchtet. Als es wieder dunkel wird, sind sämtliche elektrisch betriebenen Geräte ausgefallen, das Telefon und die Handys tot. Auch alle Uhren stehen still. Die Hütte liegt abgeschieden auf einem Berg weit außerhalb des nächsten Dorfes. Dennoch beschließt die Gruppe, auf den Morgen zu warten, um dann den Gang dorthin zu wagen, wo die Welt sicherlich wie sonst funktioniert.

Freilich macht sich schon jetzt der unangenehme Gedanke breit, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Die Furcht wächst, als am nächsten Morgen Rafa spurlos verschwunden ist. Sara gibt erst jetzt zu, dass sie auf Ángels Anregung eingeladen hat. Dieser musste nach einem bösen Streich, den ihm die Freunde gespielt hatten, viele Jahre in einer Nervenheilanstalt verbringen. Will er sich dafür rächen?

Die Gruppe bricht in ihrer Not trotzdem auf. Der Weg ist weit, und es mehren sich die Anzeichen für ein Ereignis, das den gesamten Landstrich in Mitleidenschaft gezogen hat. Häuser, Autos, ein Campingplatz: Alles ist unbeschädigt, doch die Menschen scheinen von einem Moment zu nächsten verschwunden zu sein. Bald steht fest, dass genau dies geschieht. Was immer die Freunde bisher verschont hat, sucht sich nun seine Opfer …

Die Faszination des Rätselhaften

Der Mensch liebt Rätsel. Sie bilden eine Krumen-Spur, der er gern bis zur Lösung folgt. Dieser Moment ist ein Triumph, der aber keine Garantie darstellt: Manches Rätsel kann mit der Freunde, es zu lüften, nicht mithalten. Die Wahrheit kann geradezu banal sein, was besonders enttäuscht, wenn man sich mit dem Lösungsversuch große Mühe gegeben hat.

Dieses Prinzip gilt auch, wenn ein Rätsel nur der Unterhaltung wegen konstruiert wurde. So praktizieren es kluge (und leider auch hohle) Köpfe, seit der Mensch kommuniziert, schreibt, filmt und bloggt. Eine Geschichte darf sogar lehrreich sein. Man lässt sich allerdings eher in ihren Bann ziehen, wenn sie spannend ist. Ein Rätsel erfüllt diesen Zweck ausgezeichnet.

Irgendwann kommt allerdings der Moment der Wahrheit. Es stellt sich heraus, dass nach einigen Jahrtausenden des Geschichtenerzählens die Palette der möglichen Rätsel und ihrer Auflösungen ausgereizt wurde. Wirklich Neues muss man mit einer guten Lupe suchen. Meist läuft es auf die Variation des Bekannten hinaus, das u. a. auf eine quasi neue Ebene gehoben wird, indem man das Rätsel zumindest aktualisiert. Der Versuch ist ebenso riskant wie das Bemühen, dieses Risiko zu meiden, indem man dem Rätsel einfach die Auflösung nimmt. „Ende“ dokumentiert die positiven wie die negativen Folgen, wobei erstere erfreulicherweise überwiegen.

Es beginnt bereits mit dieser nüchternen Frage: Was könnte die offensichtliche Apokalypse, die uns Regisseur Jorge Torregrossa in Ausschnitten präsentiert, verursacht haben? Das Drehbuch-Duo Sánchez & Guerricaechevarría lässt es die Figuren selbst auflisten: Außerirdische greifen an, ein Asteroid schlägt ein, eine Atombombe explodiert. Mit der gebotenen Vorsicht deutet Torregrossa im Prolog eine weitere Erklärung an: Der Jüngste Tag hat begonnen, und Gott „entrückt“ die Menschen ins Jenseits. Letztlich darf und muss der Zuschauer entscheiden – die Kritiken spiegeln wider, dass nicht jede/r dieser Herausforderung gewachsen ist.

Das Primat der persönlichen Situation

Torregrossa betrachtet das Rätsel keineswegs als sekundäres bzw. nebensächliches Element seiner Geschichte. Damit vermeidet er einen kapitalen Fehler, den viele Filmemacher begehen, die Menschen in den Vordergrund ihrer Geschichte stellen und sich dann in der Darstellung gruppendynamischer Prozesse verlieren: Die Verbindung zwischen Auslöser und Reaktion darf jedoch nicht verlorengehen. Deshalb verhalten sich Sergio und seine Freunde zwar sehr zwischenmenschlich, doch es bleibt Teil einer Atmosphäre, die sich Schritt für Schritt ins Bedrohliche wandelt.

Die einsame Hütte als Ausgangsort des Geschehens ist eine gute Wahl – dies nicht nur, weil Torregrossa ein (u. a. aufgrund der aktuellen spanischen Wirtschaftskrise) recht begrenztes Produktionsbudget zur Verfügung stand, sondern vor allem, weil an diesem abgeschiedenen Ort die Katastrophe registriert aber nicht erlitten wird. Niemand wird verletzt, es gibt zu essen und zu trinken, sodass die begonnenen Streitereien erst einmal fortgesetzt werden.

Der nächste Morgen verschärft noch den Kontrast zwischen Rätsel und Realität: Die Hütte steht inmitten eines Naturparadieses, das Kameramann José David Montero in atemberaubende Bilder fasst. Oft fliegt die Kamera hoch über der grandiosen Landschaft; die Freunde verschwimmen zu bedeutungslosen Tupfen. Hier gelingt die Allegorie: Der Mensch kann verschwinden, seine Werke werden ihm folgen. Die Natur bleibt; sie kann problemlos ohne den Menschen existieren und wird seine Spuren tilgen. Dies buchstäblich: So entkommt die Gruppe nur knapp einer Rotte gar nicht mehr friedlicher Haushunde, die sie nicht mehr als Herren, sondern als Futter betrachten.

Die Welt wird zum fremden Ort

Wenn man einen Schritt weitergehen möchte, kann man „Ende“ natürlich auch als Parabel auf die gegenwärtige Situation in Spanien deuten. Das Land steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Selbst die Mitglieder jene Gesellschaftsschichten, die sich bisher sicher wähnten, verlieren die Arbeit, den Besitz, den Boden unter ihren Füßen. Was sie geleistet und geschaffen haben, löst sich auf. An Stellen weit außerhalb ihrer Alltagswelt wird von anonymen Fremden über ihr Schicksal entschieden.

Zurück bleibt ein Gefühl der Rat- und Machtlosigkeit, durchsetzt von Zorn und Angst. Dies charakterisiert die kleine Gruppe, die Regisseur Terragrossa durch eine ähnlich fremd und feindlich gewordene Welt begleitet. Die anfänglich noch durch den Alltag dominierten Gefühle weichen einer zunehmenden Betäubung, als klar wird, dass die Veränderung allgegenwärtig ist und sich auch jene greifen wird, die bisher verschont blieben.

Wie Terragrossa in einer ebenfalls nur angedeuteten Szene belegt, bildet ein simples Verschwinden diesen letzten Akt. Es gibt kein Blut, keine Schreie, keinen Schmerz. Den Schrecken mindert es nicht, weil es keinerlei Vorwarnung, keine Gelegenheit zu Verabschiedung gibt: Plötzlich ist wieder ein Mensch fort, die Gruppe bleibt resignierend oder verzweifelt zurück.

Für diesen Prozess findet der Kameramann abermals fesselnde Bilder, als die Freunde die Stadt erreichen. Auch sie ist selbstverständlich verlassen – von den Menschen, denn was stattdessen zurückblieb, sorgt für zusätzlichen (aber schlecht digitalisierten) Schrecken. Erst im Finale gehen Drehbuch und Regie die Ideen aus. Die Auflösung des Rätsels wird durch eine buchstäblich nebelhafte Schiffsfahrt – womöglich mit Ziel Dimension X – ersetzt. An Bord: ein Mann und eine Frau namens „Eva“: Fruchtbar mögen sie sich abermals mehren, wohin es sie auch verschlagen mag.

Film für Erwachsene

Im Zentrum der Ereignisse stehen keine strammen, aktionistischen Teenies, sondern vom Leben angeschlagene, frustrierte Thirtysomethings. Torregrossa suchte und fand seine Schauspieler im spanischen Fernsehen, wo er selbst hauptsächlich tätig ist. In diesem Umfeld wird rasch gearbeitet, was bei einem finanziell und zeitlich begrenzten Drehplan immer hilfreich ist. Die Darsteller verstehen ihren Job, was u. a dazu führt, dass die in vielen Jahren gereiften Konflikte überaus überzeugend wirken.

Diese ‚Freunde‘ sind Menschen – aber keine uneingeschränkt sympathischen Zeitgenossen. Ihr Verhalten bleibt glaubhaft irrational; niemand mutiert in der Krise zum Survival-Experten oder benimmt sich irgendwann heldenhaft. Die Gruppe bleibt passiv, und Torregrossa versteht es zu unterstreichen, dass ihnen keine Alternativen bleiben: Es gibt keine Verhaltensstrategie für diese Situation.

Um dies zu illustrieren, benötigt Torregrossa keine aufwendigen Action- oder Spezialeffekte. Letztere gibt es, doch sie bleiben auf wenige, dadurch umso stärker wirkende Szenen beschränkt. Nur manchmal entgleitet dem Regisseur die ‚Realität‘ seiner Geschichte; so ist es wenig glaubhaft, dass auf dem Campingplatz ausschließlich Schäferhunde gehalten werden. Möglicherweise hat Torregrossa seine ‚hungrigen Bestien‘ in einer nahen Hundeschule rekrutiert …

Ansonsten darf man sich von „Ende“ keine epiphanischen Erkenntnismomente erwarten. Die Story ist simpel, der Symbolismus leicht zu entschlüsseln. Dahinter steckt keine verborgene Wahr- oder Weisheit. „Ende“ erzählt eine Geschichte. Was oder ob man überhaupt etwas hineininterpretieren möchte, bleibt dem Publikum überlassen.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es den Trailer sowie ein viertelstündiges Making-of. Es wirbelt pseudo-dramatisch Hauptfilm-Schnipsel durcheinander, die ein Handlungstempo vorgaukeln, das so nicht existiert. Dazwischen sagen vor und hinter der Kamera am Film Beteiligte kluge Sprüche über die Mehrschichtigkeit dieses Films auf, hinter denen die üblichen Werbesprüche und Phrasen nur mühsam getarnt sind. Hin und wieder entschlüpft den Genannten etwas Informatives; es ist u. a. in diesen Text weiter oben eingeflossen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Freunde verbringen das Wochenende in einem abgelegenen Ferienhaus; ein seltsames Naturphänomen wird von ihnen erst allmählich als Apokalypse begriffen, die zumindest der Menschheit ein Ende bereitet hat und nun auch nach ihnen greift … – Stark der Mystik verhaftete Geschichte, die der Erkenntnis der seltsamen Situation und ihren Folgen gewidmet ist, ohne sich um eine Erklärung zu bemühen: manchmal allzu symbolträchtig, jedoch gut gespielt und spannend, weil der Weg oft interessanter als das Ziel ist.

[md]

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