Evil Inside – Du bist was es isst

Originaltitel: Scourge (Kanada 2008)
Regie u. Drehbuch: Jonas Quastel
Kamera: Corey Robson
Schnitt: Jesse James Miller
Musik: Peter Allan
Darsteller: Robyn Ledoux (Jesse Jarrett), Nic Rhind (Scott Miller), Russell Ferrier (Sheriff Durst), Marina Pasqua (Lydia), Mensah Iruoje (Feuerwehrmann Josh), Jason Harder (Deputy Sam), Alan Legros (feister Fotograf), Hugh Anderson (Magier), Sharron Bertchilde (Ms. Norberg), Paul Vigano (Studdy), Russ Ball (Biker), Aaron Herowitz (Edward Norberg) uva.
Label: Sunfilm Entertainment (www.sunfilm.de)
Erscheinungsdatum: 28.11.2008 (Leih-DVD) bzw. 05.12.2008 Kauf-DVD)
EAN: 4041658272711 (Leih-DVD) bzw. 4041658222716 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Harborford ist ein Städtchen in der Provinz des US-Staates Washington. An einem kalten Winterabend kehrt Scott Miller in seinen Heimatort zurück. Acht Monate hat er für ein Verbrechen im Gefängnis gesessen, das eigentlich sein kranker und zwischenzeitlich verstorbener Vater beging. Scott ist nicht willkommen, wie ihm Sheriff Durst deutlich macht, der ihn damals verhaftet hat.

So will der junge Mann auch nur sein spärliches Erbe zusammenpacken und sich nach Kalifornien aufmachen, doch da trifft er seine Jugendliebe Jesse Jarrett wieder. Sie ist die Nichte des Sheriffs, was dessen Reizbarkeit nur verstärkt. Zudem bekommt Scott umgehend neue Schwierigkeiten: In der Ruine einer niedergebrannten Kirche gerät ein Feuerwehrmann in die Gewalt eines dämonischen Parasiten, der sich in seinem Magen einnistet und sein Gehirn übernimmt. Er muss insgesamt acht Opfer übernehmen, dann ist er frei, kann sich vermehren und die Welt erobern.

Parasitenwirt Nr. 2 wird ausgerechnet Scotts Freundin Lydia. Über ihre aus allen Körperöffnungen blutende Leiche gebeugt wird er entdeckt und gilt plötzlich als Mörder. Der Dämon hat längst auf sein nächstes Opfer übergesprungen. Während der Sheriff die Gelegenheit nutzen will, sich des lästigen Miller-Sprosses zu entledigen, kann dieser Jesse auf seine Seite ziehen. Gemeinsam recherchieren sie die Vorgeschichte des Parasiten, der Harborford 1871 ein erstes Mal heimsuchte und damals nur mit der Unterstützung eines geheimen Magier-Ordens gefangen gesetzt werden konnte.

Scott und Jesse müssen sich sputen, denn der Parasit nähert sich zügig der Grenze, jenseits derer er nicht mehr gestoppt werden kann. Doch in welchem Körper hält er sich auf? Wie kann etwas zerstört werden, das nach Auskunft der einschlägigen Literatur unverwundbar ist? Welcher einäugige Finsterbold schleicht hinter Scott und Jesse her? Wird der Sheriff den beiden Weltenrettern einen Strich durch die Rechnung machen? Dies alles und viel mehr (bzw. viel zu viel) klärt sich beim mörderischen Finalkampf in einem kahlen Motelzimmer …

Ein deutscher Titel, der alles sagt

Auf eine DVD-Hülle den Titel „Evil Inside“ zu drucken, kann eigentlich nur als Sabotage bezeichnet werden. Das gilt besonders dann, wenn besagter Titel die Qualität des Inhalt mit derselben Präzision trifft, mit der die sprichwörtliche Faust aufs Auge prallt. Vermutlich (und wohl zu Recht) nahm der geniale Schöpfer dieses ‚deutschen‘ Titels (Achtung: Ironie!) an, dass die typische Klientel mit einer bedeutungsexakten Übersetzung überfordert ist: „Scourge“ heißt „Geißel“, und eine Geißel ist einerseits eine Peitsche, mit der sich vor allem religiöse Fanatiker gern inbrünstig selbst vertrimmen; die zahlreichen Arme des Prügelinstruments sind mit Stacheln besetzt, damit es tüchtig blutet und richtig wehtut. Wie eine Geißel sieht andererseits der fiese Parasit aus, der in Harborford sein Unwesen treibt – vielarmig und mit unzähligen Klauen & Zähnen ausgestattet, die er konsequent einsetzt. Und schließlich kommt die Kreatur wie eine Geißel Gottes über ihre Opfer.

Mit dieser gedanklichen Transposition hat sich das intellektuelle Potenzial des Drehbuchautors Jonas Quastel nachweislich erschöpft; dummerweise sprang die daraus resultierende Ideenarmut auf den Regisseur Quastel über; welche Ironie, dass er als die wahre Geißel dieser Geschichte unerkannt blieb …

Unterhaltung ist ein harter Job

„B-Movie“ gilt längst nicht mehr als abwertendes Qualitätsmerkmal. Filme dieser Kategorie sind meist sparsam budgetiert. Dafür müssen vor und hinter der Kamera weniger Kompromisse gemacht werden; wenn nicht gar zu hohe Summen auf dem Spiel stehen, geben sich auch geizige Produzenten lockerer. Im Horrorfilm der Stufe B bedeutet dies, dass die Beteiligten ihrem Affen Zucker geben können. Diesen Punkt hat sogar Quastel verinnerlicht und deshalb viele hübsche Hässlichkeiten inszeniert. Der Geißel-Dämon benimmt sich ausgesprochen proletenhaft; wer ihn in sich trägt, zeigt u. a. eine Vorliebe für nur noch bedingt Essbares, das sein Haltbarkeitsdatum längst hinter sich gelassen hat. Das lässt sich ebenso simpel wie drastisch in Szene setzen, und es lässt sich toppen: Wenn der Dämon seinen Wirt verlässt (und nur dann; ein Phänomen, für das wir hier den Begriff ‚B-Movie-Logik‘ prägen), spotzt er Blut und verstreut zerfetzte Eingeweide um sich. Darüber hinaus werden Unterkiefer oder Gliedmaßen abgerissen, und ein korrupter Cop wird gegrillt. Ähnliche Schandtaten, die vor allem die Zensur liebt, werden ebenso liebevoll zelebriert. So gehört es sich in dieser Volldampf-Abteilung des phantastischen Films.

Mindestens zweierlei gilt es dabei freilich zu beachten: Die Effekte sollten entweder so miserabel, dass man das Ergebnis als „Trash“ kultig abfeiern kann, oder einigermaßen gelungen sein. Darüber hinaus kann die Einbettung in eine interessante Handlung nie schaden. In beiden Punkten hat Quastel versagt.

Boy meets Girl, und beide jagen Monster

Originalität ist kein Faktor, der ein gutes B-Movie ausmacht. Die Kunst der geschickten Variation ist weitaus wichtiger. Warum denn keine Geschichte über eine unsichtbare Bedrohung, die nur von zwei jungen, ansehnlichen, ineinander verliebten Menschen erkannt und aus der Position scheinbarer Unterlegenheit einfallsreich ausgetilgt wird? Das hat schon tausendfach geklappt und wird wieder funktionieren. Man darf es nur nicht so in den Sand setzen wie Quastel, der beispielsweise garantiert dann das Tempo aus der Handlung nimmt, wenn diese sich einem besonders tiefes Logikloch nähert, das eigentlich Vollgas für den beherzten Sprung über diesen Abgrund fördern würde.

Quastel hat ohnehin kein Gespür für Timing oder Atmosphäre. Die daraus resultierenden Stimmungssprünge konnte sogar ein Jesse James (Miller) am Schneidetisch nicht eliminieren. In einer Sekunde will Quastel komisch sein, dann schwenkt er motivationsfrei auf Tragik um und versucht im nächsten Moment spannend zu werden. Kein Wunder, dass die Schauspieler ratlos wirken und chargieren, dass es (k)eine Freude ist!

Erklärungen – manchmal sind sie auch in einem B-Movie erforderlich – werden aus dem Hut gezogen, der Zufall zur Norm erhoben. Scott sucht nach dem aktuellen Opfer des Dämons? Siehe da, er landet im Gefängnis und erhält als Zellengenossen – wen wohl? Die Kreatur muss ausgeschaltet werden: Gut, dass die alte Ms. Norberg Ur-Opas Zauberbuch und seine Parasiten-Zange von 1871 in der Garage aufbewahrte! Und im schicken Muscle-Car gurkt ein Mitglied jenes Munkel-Ordens, der einst dem Spuk ein Ende machte, durch Harborford; der ‚Magier‘ lässt die Amateure Scott und Jesse diesen an sich etwas heiklen Job erledigen und offenbart sich erst und dafür umso unsinniger in der Schlussszene.

Regie ist, wenn es trotzdem klappt?

Das US-Nest Harborford wurde durch die Kleinstadt Nanaimo in der kanadischen Provinz British Columbia ‚gedoubelt‘. Kanada ist im Vergleich zu Hollywood ein günstiges Pflaster. Deshalb ist es erst recht tragisch, dass „Evil Inside“ trotzdem so billig wirkt. Viel Gewese macht Quastels Crew um die digitalen Hexereien der Tricktechniker. Die sind in 9 von 10 Fällen als solche allerdings deutlich erkennbar. Es gibt kaum etwas, das einem phantastischen Film nachhaltiger die Stimmung raubt als miese Effekte – zumal solche, die verraten, dass mit viel Ehrgeiz aber zu wenig Knowhow und/oder Geld zu Werke gegangen wurde.

Wie soll ein Parasit ängstigen, der sich mit der offensichtlichen Künstlichkeit eines Gameboy-Geschöpfes bewegt? Statt den Großteil des SF/X-Budgets für die digitale Konstruktion einer Kirche zu verschleudern, die man nur Sekunden sieht, hätten Quastel & Co. besser in Masken und Make-up investiert, die bzw. das nicht in der einen Szene fabelhaft (Studdys finaler Amoklauf) und in der nächsten nur lächerlich (Grill-Sheriff Durst) aussieht.

Generell wissen Quastel und Corey Robson mit der Kamera wenig anzufangen. „Evil Inside“ müsste nicht zwangsläufig wie eine lustlose Routine-Produktion für das Kabelfernsehen aussehen. Für die kanadische Film-‚Industrie‘ scheint „Evil Inside“ trotzdem eine große Sache gewesen zu sein: 2008 wurde dieser Streifen mit drei „Leo Awards“ ausgezeichnet, die für „excellence in British Columbia Film & Television“ verliehen werden. Gerade einmal 4,2 Mio. Menschen leben in dieser Provinz, die etwa so groß wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande zusammengenommen ist und nicht als genuines Filmland gelten kann, was viel über die ‚Bedeutung‘ dieses „Leo Awards“ aussagt …

Nein, „Evil Inside“ gehört zu den enttäuschenden Horror-Spektakeln, die man sich vor dem Bildschirm auch in angemessen vorgeglühter Gesellschaft nicht schön saufen kann. (Ins Kino hat es Quastel – wieder einmal – nicht mit seinem Werk geschafft; nur auf verschiedenen Filmfestivals fand es den Weg auf die große Leinwand, die seine weiter oben beschriebenen ‚Werte‘ richtig zur Geltung gebracht haben dürfte.) Als Warnung an die Fangemeinde derartigen Billiggrusels ist vor allem dieser letzte Satz hoffentlich eindringlich genug!

DVD-Features

Was dem schon durch den Hauptfilm auf die Probe gestellten Zuschauer als „Extras“ angedient wird, schlägt dem Fass endgültig die Krone aus: Da haben wir den Trailer zum Film (der bereits deutlich macht, welcher Heuler auf sein Publikum lauert), gefolgt von einem „Making Of der CGI-Effekte“, das in stolzer ‚Länge‘ von unter zwei Minuten einige Trickszenen im Rohzustand dem fertigen Spezialeffekt gegenüberstellt. Eine Gliederung gibt es nicht, ein Kommentar fehlt ebenfalls. Was wir sehen, müssen wir uns selbst erschließen.

Keine anderthalb Minuten währt das Feature „Behind the Scenes“. Wiederum ohne jede Erklärung werden drei (!) beliebige Szenen von den Dreharbeiten gezeigt; in einer Drehpause sieht man Hauptdarsteller Nic Rhind einen Stein in einen See werfen. Ratloses Kopfschütteln ist hier für den Zuschauer die nervenschonende Reaktion.

Die „Storyboards“ komplettieren das Elend dieser ‚Extras‘: In 57 Bildern wird die Handlung des Hauptfilms nachgezeichnet; dass dies möglich ist, erklärt viel …

Wer das Pech hat, an den „Star Metal Pack“ der Kauf-DVD zu geraten, die im Schuber ein edles Sammlerstück suggerieren soll, darf sich zusätzlich über inhaltsarme aber werbungsreiche Interviews sowie die beliebten „Outtakes“ ärgern, deren Humor sich wohl nur denen erschließt, die regelmäßig ‚lustige‘ Wohnzimmerunfälle im Privatfernsehen verfolgen. [MD]

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Evil Inside