Ein Sextett genretypisch manisch übermütiger und natürlich dauergeiler US-Teenager gerät in ein Provinznest, das von zwei irren Zwillingsbrüdern in ein überdimensionales Wachsfigurenkabinett verwandelt wurde. Es sind noch Plätze frei, was das übliche Gemetzel unter Testosteronbolzen & Östrogenschlampen zur Folge hat, der sich nur die ‚braven‘ = besonders brutalen Jungs & Mädchen entziehen können … – Inhaltlich nie innovativer, handwerklich solider Horror-Slasher mit erträglichen Darstellern und furiosen Spezialeffekten, der nicht begeistert, doch gut unterhält.

Das geschieht:

Die Freunde Carly, Jared, Paige, Blake und Dalton möchten ein Footballspiel in einer weit entfernten Stadt besuchen. Die Fahrt ist riskant, denn der sechste Mitfahrer, Carlys Bruder Nick, ist ein Feuerkopf, der schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten und auch sonst nicht gerade umgänglich ist.

Eine unterwegs eingeschlagene Abkürzung lässt unsere Reisenden in einer Einöde stranden. Man beschließt die Nacht zeltend zu verbringen, wird von einem mysteriösen Truckfahrer geängstigt und muss am nächsten Morgen entdecken, dass einer der Wagen einen Motorschaden aufweist. Aber Rettung ist nahe, wie ein freundlicher, ‚zufällig‘ des Wegs daherkommender Abdecker erläutert: Der Flecken Ambrose liegt praktisch gleich um die Ecke, und Tankwart Bo Sinclair wird gern helfen. Carly und Wade machen sich auf den Weg.

Ambrose erinnert an eine Geisterstadt. Dominiert wird sie vom düsteren „House of Wax“, einem Wachsfigurenkabinett, das aus dem besagten Material gefertigt und mit unheimlich lebensecht wirkenden Figuren besetzt wurde. Hier hat die Künstlerin Trudy Sinclair einst Großartiges geleistet, wie Sohn Bo, der Tankwart, stolz berichtet. Schweigsam wird er, als Carly ihn nach jenem „Vincent“ fragt, dessen Signatur die meisten Ausstellungsstücke ziert. Wenig später lockt Bo Wade in eine Falle, wo ebendieser Vincent, Bos missgestalteter Zwillingsbruder, ihn in seine Höhle verschleppt, um ihn wie schon viele Besucher von Ambrose mit heißem Wachs in eine seiner Schöpfungen zu verwandeln.

Auch Carly kann Bo – der eigentlich noch verrückter als sein Bruder ist – sich schnappen. Ehe ihr der Garaus gemacht werden kann, treffen die anderen Freunde ein. Auf bizarre Weise bringen Bo und Vincent sie alle zu Tode; nur Carly und Nick erweisen sich als skrupellos genug, die Brüder mit ihrer eigenen Waffe – brutaler Gewalt – zu schlagen. In den Straßen von Ambrose entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod, der spektakulär dort endet, wo alles begann: im „House of Wax“ …

Noch ein Slasher? Warum nicht?

Die Inhaltsangabe bringt es an den Tag: Weiterhin lebt die Filmindustrie in tödlicher Furcht vor dem Übel namens „Originalität“. An der Story liegt es daher keinesfalls, dass „House of Wax“ dennoch Spaß verbreiten kann. Sie wurde aus jenem Schrank geborgen, den die Aufschrift „Teeny-Slasher“ ziert und nur einen einzigen Ordner beinhaltet. (Mir sei es gestattet, an dieser Stelle meine üblichen Schimpftiraden über unfähige und faule Autoren, Regisseure und Produzenten zu unterlassen. Konzentrieren wir uns auf die angenehmen Seiten dieses Horrorstreifens, die erfreulicherweise zahlreich sind.)

In technischer Hinsicht kann sich „House of Wax“ sehen lassen. Die altbackene Geschichte lässt auch im tumbsten Hohlkopf noch Wiedererkennen aufblitzen. Positiv ist weiterhin anzumerken, dass sie ohne jede Ironie erzählt wird, was andererseits viele Kritiker beklagen. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob Ironie (oder besser: ‚Humor‘) unverzichtbares Element des Horrorfilms geworden ist. Seit „Scream“ schien sie sogar Voraussetzung geworden zu sein und ließ folgende Tatsache allzu deutlich werden: (Schwarzer) Humor ist eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen – und sie arbeiten gewöhnlich nicht in diesem Genre. Nach einer Flut ‚lustiger‘ Gruselstreifen, die über uns kamen, ist es durchaus eine angenehme Abwechslung einen Film zu sehen, der sich auf das Wesentliche beschränkt. So sei hier denjenigen Kritikern zumindest widersprochen, die „House of Wax“ als konventionelles Schnetzelfilmchen abtun möchten. Die Schaffung eines solchen war die Intention, und auf diesem Niveau wurde der Job gut getan.

Einigkeit herrscht immerhin darüber, dass hinter „House of Wax“ ein filmhandwerklich routiniertes und sehr begabtes Team stand. Die Kulissen sind eindrucksvoll, neben dem Wachsfigurenkabinett wurde eine ganze Stadt errichtet, die dem Geschehen Raum bietet sich zu entfalten. Gedreht wurde übrigens nicht vor Ort, d. h. in Louisiana, sondern aus Kostengründen in den „Warner Roadshow Studios“ im australischen Queensland und in einem abgelegenen Städtchen namens Guanaba. Die Gestalt der für die Handlung relevanten Gebäude orientiert sich an der modernistischen Architektur der 1930er Jahre und macht sich außerordentlich gut auf der Leinwand.

Heißes Wachs und kalte Schauer

Ebenfalls über alle Kritik erhaben sind die Spezialeffekte. Das verblüfft nicht, wenn man weiß, dass „House of Wax“ eine Produktion von „Dark Castle Entertainment“ ist. Diese Firma brachte seit 1999 nicht unbedingt ‚gute‘, aber sauber hergestellte Horrorfilme wie „Gothika“, „House on Haunted Hill“ oder „Thirteen Ghosts“ auf den Markt. Robert Zemeckis, selbst ein Genreregisseur klassischer Phantastik („Zurück in die Zukunft I-III“, „Der Tod steht ihr gut“), sorgt als Mitproduzent für Qualität. Das schließt nicht nur die Kulissen, sondern auch die heutzutage unentbehrlichen CGI-Effekte ein. Sie werden in „House of Wax“ sparsam oder besser ökonomisch aber klug eingesetzt und steigern sich im Verlauf der Handlung, bis sie im wahrlich furiosen zehnminütigen Finale in dem allmählich schmelzenden Wachshaus ihren Höhepunkt finden.

Wer als potenzieller Zuschauer nicht versehentlich an die kastrierten „FSK-16“-Version gerät, wird zudem mit recht drastischen Splattereffekten überrascht. Wie es sich für das Genre gehört, sind diese absolut selbstzweckhaft, d. h. primär um ihres Schauwertes willen und entsprechend liebevoll sowie ohne Computertricks inszeniert. Wer sich daran nicht stört und die comichafte Überzeichnung bei absoluter Realitätsferne erkennen kann & will, darf sich ohne schlechtes Gewissen unterhalten fühlen. Düstere psychische Abgründe bleiben ausgespart, „House of Wax“ ist pure Unterhaltung.

Im informativen DVD-Rahmenprogramm und auch in den meisten Berichten über „House of Wax“ heißt es übrigens, dieser Film sei ein (überaus freies) Remake des gleichnamigen Horrorklassikers von 1953 (dt. „Das Kabinett des Professor Bondi“) mit Vincent Price in der Bo/Vincent-Rolle (sowie einem blutjungen Charles Bronson als Gehilfen des irren Meisters). Dem sei hinzugefügt, dass dieses „House of Wax“ bereits eine – recht originalgetreue – Neuverfilmung war: 1933 entstand mit Lionel Atwill und Fay Wray (King Kongs weißer Frau) „Mystery of the Wax Museum“, ein erstaunlich brutaler, sogar als früher Farbfilm gedrehter Horrorstreifen, der fast ein Vierteljahrhundert als verschwunden galt, bis er Ende der 1960er Jahre in einer Archivecke wiedergefunden wurde.

Bösewichte und Kanonenfutter

„House of Wax“ ist als typischer Slasher nicht auf die Unterstützung ausgewiesener Schauspieler angewiesen. Die Darsteller müssen gut aussehen, damit sie sich in den obligatorischen = verdrucksten Sexszenen nicht blamieren, schnell laufen bzw. kreischen (weiterhin ein Job für die Mädels) und ansonsten möglichst eindrucksvoll sterben können. Nur so lässt sich u. a. das Mirakel erklären, dass Skandalnudel Paris Hilton sich harmonisch in die Darstellerriege fügt, obwohl es ihr – die Featurette mit den verpatzten Szenen offenbart es unbarmherzig – nicht einmal gelingt, überzeugend weiter oben erwähnte Schreckenslaute zu produzieren.

Auch sonst ließen sich im Zusammenhang mit dem Filmtitel böse Witze über die Schauspieler reißen. Das wäre indes zu einfach, denn im Rahmen der Story (s. o.) leisten sie anständige Arbeit. Echte Tiefe wird vor allem in den Anfangsminuten suggeriert (Wade will nicht mit Carly nach New York umziehen, Paige ist womöglich schwanger vom ahnungslosen Blake), fällt jedoch eher ungünstig auf und spielt im weiteren Handlungsverlauf keinerlei Rolle mehr: Da heißt es nur noch „Jump & Run“ bis zum jeweils unseligen Ende.

Brian Van Holt zeigt immerhin Ansätze einer differenzierten Rollengestaltung. Sein Bo Sinclair überzeugt als zunächst harmloser und gleichzeitig bedrohlich wirkender Tankwart, während er später als irrer Meister seines Bruders und mindestens ebenso eifriger Mörder niemals den Grimassen schneidenden Hollywood-Irren gibt. Mit beeindruckender Bösartigkeit kneift er Heldin Carly eine Fingerspitze ab, während er nebenbei mit ihrem ahnungslosen Bruder plaudert. (Als Vincent Sinclair fällt Van Holt in seiner zweiten Rolle dagegen nicht weiter auf – er trägt die meiste Zeit eine Maske und zeigt später eine wahre Schreckensfratze.)

Ein Klassiker wie die genannten Vorgänger-Filme ist „House of Wax“ nicht geworden. Dass man vieles richtig gemacht hat, verrät die Tatsache, wie gut dieser Streifen noch Jahre nach seiner Entstehung unterhält, während viele Horrorfilme der jüngeren Vergangenheit ihr Verfallsdatum definiert überschritten haben und höchstens das Fernsehen sich noch ihrer erinnert. Für den Katalanen Jaume Collet Serra wurde „House of Wax“ zum Start in eine zwar schlingernde Karriere, die jedoch immer wieder angenehme Unterhaltungs-Überraschungen wie „The Shallows“ (2016; dt. „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“) bietet.

DVD-Features

Die DVD-Extras können sich buchstäblich sehen lassen. Vor allem die Dokumentationen 1 und 2 gestatten interessante Blicke hinter die Kulissen. Im Vordergrund steht dabei die schwierige Arbeit mit dem Material Wachs, das an sich wenig filmtauglich ist und von den FX-Spezialisten mit vielen Tricks gebändigt werden musste.

Zu erwähnen ist auch die alternative Anfangsszene: „House of Wax“ sollte ursprünglich mit dem Überfall auf eine einsame Autofahrerin beginnen, die von Bo oder Vincent Sinclair auf extravagante Weise umgebracht wird. Leider fehlt eine Erklärung dafür, wieso diese Szene gestrichen wurde. Auf jeden Fall ist sie es wert, als DVD-Extra aufgenommen zu werden!

Recht enttäuschend sind dagegen die „Kommentare“ der vier genannten Darsteller. Sie sitzen in einem Hotelzimmer und trinken Kaffee, während sie sich bestimmte Szenen und Patzer anschauen. (Als Zuschauer kann man beides verfolgen, denn die Leinwand bzw. der TV-Bildschirm wird geteilt.) Wirklich Interessantes haben sie nicht zu sagen; wenn etwas überrascht, dann Paris Hiltons relative Schweigsamkeit, die mit ihrem Image kaum in Einklang zu bringen ist: Als Schauspielerin wurde sie nur wegen ihres damaligen Skandal-Images angeheuert, und das ist ihr sichtlich bewusst.

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House of Wax
Originaltitel: House of Wax (USA/Australien 2004)
Regie: Jaume Collet Serra
Drehbuch: Chad Hayes u. Carey Hayes (nach einer Story von Charles Belden)
Kamera: Stephen F. Windon
Schnitt: Joel Negron
Musik: John Ottman
Darsteller: Elisha Cuthbert (Carly Jones), Chad Michael Murray (Nick Jones), Brian Van Holt (Bo/Vincent Sinclair), Paris Hilton (Paige Edwards), Jared Padalecki (Wade), Jon Abrahams (Dalton Chapman), Robert Ri’chard (Blake), Damon Herriman (Abdecker) uva.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 23.09.2005 (DVD)/08.12.2006 (Blu-ray)
EAN: 7321924389457 (DVD)/7321983000119 (Blu-ray)
Bildformat: 16:9 (1.85:1), anamorph
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Laufzeit: 108 min. (Blu-ray: 113 min)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
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The Shallows – Gefahr aus der Tiefe

See no Evil

Blair Witch

Reeker