Zwei versprengte Nazi-Soldaten und ihr norwegischer Gefangener geraten in ein einsames Haus. Dort geht der Teufel um, der seinen Opfern die Hölle auf Erden bereitet … – Seltsame Mischung aus Psycho-Drama und Gruselfilm, dessen Verankerung ausgerechnet in Norwegens Kriegsgeschichte recht willkürlich wirkt. Die soliden Darstellerleistungen leiden sowohl unter der Budgetschwäche als auch unter abgegriffenen Buh!-Effekten, hinter denen die durchaus raffinierte Story allmählich zu verschwinden droht: viel Ehrgeiz, wenig Unterhaltung.

Das geschieht:

Seit April 1940 ist Norwegen von Nazi-Deutschland besetzt. Zwar halten die Invasoren das Heft fest in der Hand, aber der Widerstand macht ihnen zu schaffen. Immer wieder rücken Verbände der Wehrmacht und der SS aus, um Aufstände niederzuschlagen. Nicht immer sind sie auf Anhieb siegreich. Das mussten aktuell die Soldaten Kreiner und Fleiss feststellen, die nach heftigen Kämpfen von ihren Truppenteilen versprengt wurden und sich mit einem norwegischen Gefangenen irgendwo in der winterlichen Wildnis des Nordens wiederfinden.

Die Stimmung ist gereizt. Vor allem der fanatische Fleiss würde den verletzten Rune Henriksbø rachsüchtig am liebsten niederschießen. Kreiner, sein älterer und besonnener Vorgesetzter, kann ihn nur mühsam unter Kontrolle halten, während das Trio durch den Schnee stolpert. Der Kompass scheint defekt zu sein, sodass die Karte nutzlos ist. Hunger, Kälte und Erschöpfung machen sich bedrohlich bemerkbar, weshalb die drei Männer erleichtert sind, als plötzlich ein Haus vor ihnen auftaucht.

Gerade erst scheinen die Bewohner es verlassen zu haben: Kreiner und Fleiss finden das Radio eingeschaltet und einen Topf mit Essen noch heiß auf dem Herd. Nachdem das Haus gesichert ist, richten sich die Neuankömmlinge ein. Doch die Nacht wird ungemütlich. In den Räumen ertönen unheimliche Geräusche, schlagen Türen, huschen Schatten. Das Zentrum der Umtriebe scheint ein Schrank im ersten Stock zu sein, dessen Tür mit seltsamen Runen beschriftet ist.

Immer heftiger werden die Heimsuchungen. Kreiner und Fleiss stellen fest, dass sie das Haus nicht verlassen können. Die Nacht nimmt kein Ende mehr. Rune wird von einem bösen Geist besessen. Fleiss verliert die Nerven. Kreiner hat Visionen, die ihn an begangene Kriegsverbrechen erinnern. Schließlich eskaliert die Situation – und das Grauen beginnt erneut – und erneut – und immer wieder …

Die Hölle und wir

Immer wieder wird der Horror zur Spielwiese für ehrgeizige aber budgetschwache Filmemacher. Oft geht es dann eher mysteriös oder gar mystisch zu, was aus Kritikersicht qualitativ höher einzustufen ist als das lautstarke Spuken allzu deutlicher Gruselgestalten. Dass diese Ansicht keineswegs immer zutrifft, beweist Regisseur und Drehbuch-Mitautor Reinert Kiil (vermutlich/hoffentlich) unfreiwillig mit dem vor allem behauptet eigenwilligen „Haus“.

Nachdem er sich bisher im sog. „Underground“-Kino formal und inhaltlich unkonventionell ausgetobt hat (sowie diverse Musik-Videos gedreht hat – der Mensch will schließlich essen), versucht es Kiil in seinem ersten ‚richtigen‘ Spielfilm mit einer Geschichte, die insgesamt sogar Sinn ergibt, obwohl sich ihr Erzähler alle Mühe gibt, sie ‚künstlerisch‘ so zu verwirren, dass auch dem zum Mitdenken bereiten Zuschauer die Felle bald wegzuschwimmen drohen.

Das ist ebenso unnötig wie schade, da Kiil grundsätzlich weiß, was er wie präsentieren kann. So stellt die außerordentliche Geldknappheit – laut imdb.com entstand „Haus“ für 60.000 Euro – kein Problem dar. Zwar spielt die Handlung vor dem Hintergrund des II. Weltkriegs, der jedoch für die eigentliche Story unerheblich ist. Schießereien oder Luftgefechte vermisst man deshalb nicht.

Tatsächlich fragt man sich, wieso diese Geschichte überhaupt in der genannten Vergangenheit spielt. Kiil möchte uns zwei durch Schuld vorbelastete Figuren vorstellen, die zu Recht durch die „Haus“-Hölle gejagt werden. Allerdings stellt er das selbst in Frage, als er zwischen die Schlusstitel kurze Notizen schneidet, die dokumentieren, dass sowohl vor als auch nach Kreiner und Fleiss Pechvögel in das Haus gerieten und spurlos verschwanden. Letztlich scheint es dem Haus gleichgültig zu sein, ob sich seine ‚Gäste‘ etwas zuschulden kommen ließen: Es schnappt sich, wer durch seine Tür tritt. Die Nazi-Schiene ist wohl vor allem ein exotischer Haken für den Plot. Seltsam mutet auch die Entscheidung an, Kreiner und Fleiss Deutsch sprechen zu lassen. Unterhalten sie sich mit Rune, wechseln sie ins Englische. Leider ist der Ton schlecht abgemischt. Oft kann man der Unterhaltung kaum folgen, während die Musik mächtig bzw. störend wabert.

Momente verspäteter Erkenntnisse

„Haus“ funktioniert auf zwei Ebenen. Da ist das eigentliche Geschehen, das zunächst verwirrt und Sprünge aufzuweisen scheint, die auf schlechtes Filmhandwerk hindeuten. Stattdessen sollte man genau hinsehen und aufpassen (oder sich „Haus“ noch einmal anschauen, was freilich niemand freiwillig tun dürfte), denn die Irritationen sind Teil der Ereignisse: In diesem Haus geht es nicht einfach um. Die Zeit ‚verschiebt‘ sich. Nachdem sie gemeinsam eingetroffen sind, verlieren Kreiner, Fleiss und Rune einander immer wieder aus den Augen. Wenn sie sich wieder treffen, ist es keineswegs sicher, dass es sich um die ‚zeitgleichen‘ Männer handelt. Die Unterschiede werden größer, bis nach dem Zuschauer auch die Figuren begreifen, wie ihnen geschieht.

Plötzlich erklären sich die Geräusche und Schatten im Haus: Es sind ‚andere‘ Kreiners, Fleisses und Runes unterwegs. Diese Entwicklung ist interessant und wird sorgfältig umgesetzt. Leider meint Kiil dem eine weitere Dimension geben zu müssen: Irgendwo im Haus haust auch der Teufel oder wenigstens einer seiner Dämonen. Personen aus Kreiners und Fleisses Vergangenheit tauchen geisterhaft auf, mehrfach gibt es Rückblenden auf einen offensichtlich nutzlosen und schrecklich schieflaufenden Exorzismus. Nun gehen die dabei zu Schaden gekommenen Personen ebenfalls im Haus um, sorgen dort aber nicht für zusätzliche Gruselspannung, sondern für Verdruss, weil sie faktisch überflüssig sind.

Als Klammer zwischen dem Haus und seiner unheimlichen Vergangenheit fungiert Rune, dessen Rolle jedoch ebenfalls unklar bleibt. Das liegt auch an der ärgerlichen Ignoranz dieser wichtigen Figur durch ein Drehbuch, das entsprechende Sorgfalt ausschließlich für Kreiner und Fleiss reserviert – Glück für Jürgen Kreiner und Frederik von Lüttichau, die ihre Rollen gut unterfüttert spielen können und dankbar das Beste herausholen. Dabei ist die Gefahr der Überspitzung stets groß, wenn „Nazis“ ins Spiel kommen. Entweder sind das ruchlose „Heil-Hitler“-Fanatiker oder desillusionierte Gutmenschen. Zeitweise verkörpert Fleiss die erste und Kreiner die zweite Variante, doch im weiteren Verlauf brechen sie aus diesen Rollenkorsetts aus.

Was ist also schiefgelaufen?

Weil keine digitalen oder aufwändig „untot“ geschminkten Darsteller erforderlich waren, entfiel eine potenzielle Verdruss-Quelle: Es ärgert bekanntlich immer, wenn Geister, Zombies oder Vampire auftreten, die besser im Fasching aufgehoben wären. Das Haus wird ohnehin nur durch Kerzenschein erleuchtet, weshalb man selten wirklich sieht, was dort huscht. Kameramann John-Erling H. Fredriksen arbeitet hart, um Licht und Schatten in den Dienst der Geschichte zu stellen. Über die Außenaufnahmen legte er einen Blaufilter, was Frostklirren und Einsamkeit eindrucksvoll unterstreicht.

In der zweiten Filmhälfte gerät Kiil freilich genau dorthin, wo er eigentlich nicht landen wollte: Aus „Haus“ wird ein typischer Gruselfilm mit sämtlichen klassischen Werten und ausgereizten Klischees. Sogar für ruckartige Kreisch-Musik dort, wo plötzlich ‚etwas‘ im Bild steht, ist sich Kiil nicht zu schade. Außerdem verliert er den Faden: Es spukt keineswegs nur im Haus, sondern auch im Wald. Wenn er auch dort so mächtig ist, wieso gibt sich der Dämon so große Mühe, seine Opfer im Haus festzuhalten?

Entsprechende Logiklücken sind zahlreich. Sie fallen auch deshalb auf, weil die Handlung im Mittelteil schleppend bis träge voranschreitet. Mit der Waffe im Anschlag durchsuchen Kreiner und Fleiss das Haus, bis sie endlich zufrieden sind: Sie haben jeden Raum gefilzt – und wir mussten sie begleiten! Ein Radio springt immer wieder an und liefert Kriegsmeldungen, ein seltsames Büchlein taucht auf; es scheint wichtig zu sein, ist aber nicht wirklich von Bedeutung bzw. wird in der Handlung nie wirklich thematisiert.

Das Rätsel um des Rätsels willen ist ein Stoff, der sorgfältig entfaltet werden muss. Nicht jede Frage muss beantwortet werden, aber Kiil gibt sich in dieser Hinsicht beklagenswert gleichgültig. Wenn man zeitweilig gar nicht mehr weiß, was eigentlich vorgeht, ist dies kein Beleg für Mystery-Spannung, sondern die Folge inszenatorischen Durcheinanders – und DAS ist auch im Arthouse-Horror eine Todsünde, für die Kiil ins eigene Geisterhaus verbannt gehört!

DVD-Features

Das angekündigte „Making of“ erweist sich als siebenminütiger Blick hinter die Kulissen. Dazu gibt es den Originalträger. Im Internet äußert sich Regisseur Kiil ausführlicher über seinen Film. Allerdings fällt es schwer, seine Worte mit dem in Verbindung zu bringen, was er tatsächlich gefilmt hat: Hier predigt jemand Anspruch und liefert Blendwerk.

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House – Willkommen in der Hölle
Originaltitel: Huset (Norwegen 2016)
Regie: Reinert Kiil
Drehbuch: Reinert Kiil u. Jan Helge Lillevik
Kamera: John-Erling H. Fredriksen
Schnitt: Iris Jenssen Nylændet u. Silje Rekk
Musik: Kim Berg u. Levi Gawron (= Levi Gawrock Trøite)
Darsteller: Mats Reinhardt (Jürgen Kreiner), Frederik von Lüttichau (Andreas Fleiss), Sondre Krogtoft Larsen (Rune Henriksbø), Espen Edvartsen (Max), Ingvild Flikkerud (Lise), Anita Ihler (alte Frau), Heidi Ødegaard Mikkelsen (Frau), Evy Kasseth Røsten (Susanne), Sigmund Sæverud (Priester)
Label: Donau Film
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
EAN: 4260267332177 (DVD)/4260267332184 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

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