Elise Rainer und ihre beiden tumben Gehilfen werden ausgerechnet in jenes spukverseuchte Haus gerufen, in der das Medium eine freudlose, von unzähligen Geistererscheinungen und ihrem verrückten Vater geprägte Kindheit verbringen musste; das ‚Wiedersehen‘ sorgt wie erwartet für Lebensgefahr … – Schon Teil 3 der Serie war ein „Prequel“ sowie so erfolgreich, dass eine weitere Episode quasi folgen musste; dass primär finanzielles Interesse sie hervorbrachte, merkt man dem müden, niemals originellen (oder gar erschreckenden) Werk an, das die Zuschauer primär durch das Schauspiel der Veteranin Lin Shaye in der Hauptrolle durchhalten lässt: reine Routine.

Das geschieht:

1953 arbeitet Gerald Rainier als Wärter im Todesblock des Zuchthauses von Five Keys, New Mexico. Der Job zerrt an seinen Nerven, was verstärkt wird durch Tochter Elise, die – wie Mutter Audrey – über das „Zweite Gesicht“ verfügt und überall Geister sieht. Gerald will diese Gabe aus Elise herausprügeln. Stattdessen bringt er sie dazu, eine Tür ins jenseitige „Ewigreich“ zu öffnen, aus der ein Dämon mit Schlüsselloch statt Nase springt und Audrey umbringt.

Viele Jahre später hat sich Elise einen Namen als Medium gemacht. Zusammen mit den selbsternannten Ghostbustern Tucker und Specs kümmert sie sich um Pechvögel, die daheim von Geistern u. a. untoten Gelichter heimgesucht werden. Aktuell bittet Ted Garza um Hilfe; er hat ausgerechnet das ehemalige Haus der Rainiers gekauft und die Warnungen der Nachbarn ignoriert.

Obwohl Elise nichts dorthin zurückzieht, wo sie als Kind und Teenager so viel Böses erleben musste, drückt sie sich nicht vor ihrer angeblichen Verantwortung, zumal in Five Keys noch ihr jüngerer Bruder Christian lebt, der einst beim verrücktgewordenen Vater zurückbleiben musste, als sie das Elternhaus verließ. Dafür hasst Christian sie immer noch, während seine beiden Töchter Melissa und Imogen fasziniert von der plötzlich aufgetauchten Tante sind.

Im alten Rainier-Haus treten sich weiterhin die Geister auf die Lakenfüße. Auch „Key Hole“, der Muttermörder, ist weiterhin präsent. Er hat auf Elise gewartet, aber sollte er sie nicht bekommen, würde er sich auch mit ihren Nichten zufriedengeben. Schon bald muss sich Elise nicht nur übernatürlicher Attacken erwehren, sondern auch zurück ins „Ewigreich“, um sich „Key Hole“ dort zu stellen, wo er am stärksten ist …

Solange der Groschen im Kasten klingt …

Faktisch war alles Relevante bereits erzählt, als Elise Rainier 2010 erstmals zur Tat schritt, um die Familie Lambert von einem Dämonen zu befreien, der durch arttypische Bosheit sowie den übermäßigen Einsatz von Lippenstift auffiel. Da „Insidious“ nur 1,5 Mio. Dollar kostete, schon an der Kinokasse jedoch knapp 100 Mio. einspielte, stand bereits früh fest, dass es eine Fortsetzung geben würde.

Die hätten sich Hollywood-Autoren auch ohne Anknüpfungspunkte aus den Hirnen gewrungen. In diesem Fall hatten sie Glück: „Insidious“-Hauptautor Leigh Whannell hatte sich durch Faktoren wie Handlungslogik oder inhaltliche Geschlossenheit nicht beeindrucken lassen und eine Story präsentiert, die mindestens ebenso viele Fragen offenließ wie beantwortete. Darauf ließ sich aufbauen, wobei man in Teil 2 trotzdem einen theoretisch bösen Fehler beging und ausgerechnet Elise Rainier umkommen ließ: Noch hatte sich nicht herauskristallisiert, dass die schon ältere, in unzähligen, oft trashigen Filmen präsente Lin Shaye das Fundament der „Insidious“-Serie darstellte.

Die Bedeutung dieser weiblichen Hauptfigur, die knappe Drehbuchsubstanz nicht durch ebensolche Bekleidung wettmachte, wurde offenbar, als „Insidious“ 2015 in die dritte Runde ging. Glücklicherweise hatte die zweite Hälfte von „Insidious – Chapter 2“ zwei Jahre zuvor gezeigt, dass in einem von Geistern bestimmten Film die Hauptfigur nicht unbedingt lebendig sein muss. Elise hielt auch im „Ewigreich“ hinter der Jenseits-Grenze die Stellung.

Rückkehr ins Diesseits

Nichtsdestotrotz kehrte Elise in „Chapter 3“ aus dem Reich der Toten zurück, was angesichts des Untertitels („Jede Geschichte hat einen Anfang“) wenig überraschend war: Das Geschehen sprang von 2010 auf 2007 zurück, weshalb Elise noch quicklebendig war. Auf diese Weise konnte man zudem Tucker und Specs (Autor Whannell persönlich), die beim in Sachen Humor anspruchsarmen Teil des Publikums beliebt geworden Geisterjäger in ewiger Ausbildung, ins Geschehen bringen, um sie flaue Witzchen reißen zu lassen.

Dass 2017 „Chapter 4“ aufgeschlagen wurde, liegt sicherlich nicht daran, dass es trotz umfangreicher Aufräumarbeiten in Teil 3 immer noch offene Fragen gab: „Chapter 3“ hatte bei nur geringfügig gestiegenen Produktionskosten weiterhin viel Geld eingespielt, was jene Hollywood-Regel, nach der Fortsetzungen ihre Einträglichkeit von Teil zu Teil einbüßen, so nachdrücklich Lügen strafte, dass die „Insidious“-Story halt noch einen Anfang bekam.

Die Ereignisse beginnen zwar im Jahre 1953, spielen aber im Hauptteil erneut 2010 und ‚zwischen‘ „Chapter 3“ und „Chapter 1“. (Man muss den Überblick behalten!) Dass Elise schon seit ihrer Kindheit von Visionen und Geistern geplagt wird, ist kaum als Überraschung anzusehen, doch sollte man dieses Wort ohnehin lieber ungenannt lassen, wenn es um diese Serie geht: Das „Ewigreich“ war von Beginn an eine Dimension, die nicht nur von Dunkelheit, sondern auch von Routine dominiert wurde. Der wiederholte Gang durch sattsam bekannte, stets von digitalem Bodennebel durchwaberte Häuser, Keller u. a. spukstabile Orte wird als positives Merkmal vermarktet: Der „Insidious“-Fan soll die Augen offenhalten, denn im „Ewigreich“ fließen die Handlungsstränge sämtlicher Teile zusammen. Nerds und Nitpicker lieben das Spielchen, entsprechende Verknüpfungen aufzudecken. Auch „The Last Chapter“ bietet diesbezüglich reiche Beute, zumal der Epilog geradezu kunstvoll mit der Einleitung von „Chapter 1“ verzahnt ist.

Noch ein Dämon – und wenig sonst

Ansonsten bleibt es inhaltlich wie optisch dürftig. Grusel der Marke Blumhouse Productions prunkt damit, sich mit Effekten zurückzuhalten. Gemeint ist damit jener Horror, der mit aufgerissenen Bäuchen u. ä. Körperschäden gleichgesetzt wird. Blumhouse greift angeblich auf klassischen Schrecken zurück, der gediegen daherkommt und meist im Kopf stattfindet – eine Interpretation, die löblich wäre, würde sie durch Inspiration mit echtem Leben erfüllt.

Stattdessen ist Blumhouse-Grusel ebenso grob wie reiner Splatter. Es mag angehen, dass die Figuren immer wieder und ungemein ausgiebig durch dunkle Räume streifen. Hinter jeder Ecke könnte ein Geist lauern; wir warten buchstäblich darauf, dass er zuschlägt – immer aus dem Off, stets begleitet von anschwellender Buh!-Musik oder ähnlichen Akustik-Attacken. Das ist nach kurzer Zeit als reine Autoren-Faulheit entlarvt und sorgt nicht für Grauen, sondern für pures Erschrecken, was sich auch erreichen ließe, würde jenseits der Kamera jemand auf einen leeren Blecheimer schlagen.

Was sich sonst im Rainier-Haus und im „Ewigreich“ ereignet, ist keine besondere Erwähnung wert, denn wir kennen es aus den Vorgänger-Kapiteln. Damit sich überhaupt eine Handlung ergibt, zieht Autor Whannell einfach einen neuen Dämon aus dem Hut. Der ist nur bedingt unheimlich, was sich bestätigt, wenn „Key Face“ schließlich viel zu deutlich belichtet wird. Unter Make-up und Lumpen steckt einmal mehr der französische Ein-Mann-Spezialeffekt Javier Botet, der überaus groß und dabei ungemein mager ist, weshalb er ständig angerufen wird, wenn es gilt, eine nicht digitale Schreckensgestalt in die Filmwelt zu setzen.

Die späte Rolle ihres Lebens

Auf die Bedeutung von Lin Shaye wurde bereits hingewiesen. Sie hat sich die Rolle der Elise Rainier gegriffen und mit Leben und sogar Emotionen gefüllt, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten. Wer sich sonst vor die Kamera verirrt hat, bleibt im Gedächtnis des Zuschauers nicht haften. Die Figuren sind flach, wir beobachten sie ohne Interesse, weil wir praktisch jeden Charakterzug und jeden Dialog aus anderen Geisterfilmen kennen. Darüber hinaus erwarten Regisseur und Drehbuchautor offenbar tatsächlich, dass wir glauben, der Spuk sei vorüber, obwohl noch zwanzig Minuten Restfilmzeit fehlen! Gleich mehrfach lassen sie die Geister noch wiederkehren, woran wir keinen Moment gezweifelt haben.

Die Regie ist generell schwerfällig. Viel zu ausführlich fällt die Einleitung (Five Keys 1953) aus; es wirkt kaum relevant, dass es Elises Elternhaus ist, in dem es spukt. Was sich dort ereignet, ist beliebiger Hokuspokus. Kein Wunder, dass der Handlungsstrang mit Bruder Christian und Elises (nie wirklich Konturen gewinnenden) Nichten sich durch fragwürdige dramaturgische Einfälle entlarven. Wie schon in den früheren drei „Insidious“-Kapiteln wird das „Ewigreich“ – wie schon erwähnt ein ohnehin wenig spektakulärer Ort – als Schauplatz nur oberflächlich genutzt.

Man muss noch einmal das Wort „Routine“ nutzen, will man erläutern, warum „Insidious – The Last Key“ ungeachtet der zahlreichen Schwächen – die Liste ist nicht einmal annähernd vollständig – ein Blick wert ist: Vor und hinter der Kamera standen keine Leuchten, aber Handwerker, die ihren Job verstehen. „The Last Key“ ist gerade in Anbetracht der weiterhin niedrigen Produktionskosten weit entfernt von jenen Stümperei, das uns Zuschauern oft genug – das „Sharknado“-Prinzip – als Ironie und Stilmittel verkauft werden soll. Auch der dritte „Insidious“-Aufguss bietet nichts als Mittelmaß – dies jedoch professionell!

Anmerkung: Bei einem Budget von 10 Mio. Dollar – weiterhin ein Schnäppchen – spielte „The Last Key“ knapp 170 Mio. ein. Kein Film der Serie war erfolgreicher; bisher jedenfalls, denn der Bekanntgabe dieser erfreulichen Zahlen folgte eine nicht unerwartete Ankündigung: Obwohl die „Insidious“-Geschichte nach Auskunft ihrer Schöpfer endgültig auserzählt ist, arbeiten sie an „Chapter 5“!

DVD-Features

Zur angenehmen Abwechslung wurden diesem Teil der „Insidious“-Saga wieder echte Extras zum Hauptfilm aufgespielt. Dazu gehört ein (vor allem werberelevanter) Blick auf die drei Vorgängerfilme („Tauchen Sie ins Insidious-Universum ein“), falls der Zuschauer diese noch nicht erworben haben sollte. Hinzu kommen drei sehr kurze Featurettes („Inmitten der Parallelwelt“, „Eins sein mit Elise“, „Der neue Dämon – Key Face“), acht Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben, sowie ein alternatives Ende, also Extras, die tatsächlich von Interesse sein könnten.

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Insidious – The Last Key
Originaltitel: Insidious – The Last Key (USA 2017)
Regie: Adam Robitel
Drehbuch: Leigh Whannell
Kamera: Toby Oliver
Schnitt: Timothy Alverson
Musik: Joseph Bishara
Darsteller: Lin Shaye (Elise Rainier), Angus Sampson (Tucker), Leigh Whannell (Specs), Ava Kolker (Elise als Kind), Hana Hayes (Elise als Teenager), Spencer Locke (Melissa Rainier), Caitlin Gerard (Imogen Rainier), Bruce Davison (Christian Rainier), Pierce Pope (Christian als Kind), Thomas Robie (Christian als Teenager), Josh Stewart (Gerald Rainier), Kirk Acevedo (Ted Garza), Tessa Ferrer (Audrey Rainier) Aleque Reid (Anna), Javier Botet (Key Face), Joseph Bishara (Lippenstift-Dämon) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 17.05.2018
EAN: 4030521748712 (DVD)/4030521748729 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Polnisch Türkisch,
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 99 min. (Blu-ray: 103 min.)
FSK: 16

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