Lange wird eine Familie vom Geist einer schon zu Lebzeiten bösartigen Frau terrorisiert; als sich die Kreatur nun auch am jungen Sohn zu vergreifen beginnt, wirft ihr seine vor Jahren geflüchtete Schwester den Fehdehandschuh hin, der mit dämonischer Freude aufgehoben wird … – Klassische aber konventionell erzählte sowie vordergründige Geistermär, die mit faulen bis funktionstüchtigen Tricks für Spannung sorgt, dabei kaum Grusel-Atmosphäre verbreiten, sich aber zum Glück auf gute Schauspieler und einen arbeitsfreudigen Kameramann stützen kann: Soft-Horror auf Durchschnitts-Niveau.

Das geschieht:

Martin ist kein glückliches Kind. Mutter Sophie, seit vielen Jahren depressiv, nimmt ihre Medikamente nicht und führt Gespräche mit einer imaginären ‚Freundin‘. Vater Paul wurde gerade ermordet, und Halbschwester Rebecca hat das Elternhaus schon vor Jahren im Streit verlassen. Dass es stets noch schlimmer kommen kann, erfährt Martin, als Mutters Freundin sich als sehr real sowie herrschsüchtig erweist: Diana ist der Name des geisterhaften Wesens, das sich im Haus eingenistet hat und Sophie fest im Griff hat. Auch Martin soll sich Diana unterwerfen, aber der erschrockene Junge ergreift die Flucht und sucht die Hilfe der ihm fremden Schwester.

Rebecca weiß, was in ihrem Elternhaus vorgeht, denn vor Jahren haben Sophie und Diana versucht, auch sie in ihre Gewalt zu bringen. Als ihr Vater spurlos verschwand, ging Rebecca, die seitdem den Kontakt mit Mutter und Bruder vermeidet. Als Martin in seiner offensichtlichen Todesangst vor ihr steht, kann sie ihre schwesterlichen Gefühle allerdings nicht unterdrücken: Sie nimmt ihren Halbbruder bei sich auf.

Doch Diana duldet keinen Widerspruch. Sie folgt Martin und taucht in Rebeccas Wohnung auf, wo sie sehr nachdrücklich klarstellt, dass sie niemand zwischen sich und Sophie dulden wird. Rebecca akzeptiert, was sie lange ignoriert hat: Sie muss sich Diana stellen, zumal diese jetzt weiß, wo Rebecca lebt! Zusammen mit Freund Bret beginnt Rebecca zu recherchieren. Sie deckt die Geschichte von Diana auf, die schon als Kind bösartig und tyrannisch war. Als sie in ein Sanatorium für Geisteskranke eingewiesen wurde, lernte sie Sophie kennen, die ebenfalls dort Patientin war. Diana erklärte Sophie zu ihrer ‚Freundin‘ – eine Bindung, die auch der Tod nicht lösen konnte; den Diana niederträchtig wie zuvor ‚überlebt‘ hat. Als sie merkt, dass Rebecca sich nicht von ihr einzuschüchtern lässt, greift Diana zu Plan B; dies nicht zum ersten Mal und mit eingeplant tödlichen Folgen für die meisten Betroffenen …

Das Ding in der Dunkelheit

Elementare Ängste begleiten uns, seit wir die Fähigkeit des Denkens, Reflektierens und Erinnerns entwickelt haben. Sie sind so alt, dass sie eigentlich gegenstandslos geworden sein müssten, weil der moderne Mensch sich ihrer scheinbar problemlos erwehren kann. Doch tief in unser Hirn sind urzeitliche Verhaltensmuster weiterhin eingeprägt; wir stellen dies fest, wenn wir in eine Bredouille geraten, der wir uns wie einst ohne Hightech stellen müssen.

Die Angst vor der Dunkelheit ist leicht heraufzubeschwören. Selbst wer über sie lacht, wird ins Grübeln geraten, wenn irgendwo dort, wo Licht gerade abwesend ist, Geräusche ertönen, die sich nicht identifizieren aber deuten lassen. Unser Gehirn ist ein Meister darin, uns mögliche Ursachen- = Gefahrenquellen vorzugaukeln – und plötzlich gehen auch im 21. Jahrhundert Geister, Trolle oder Bigfoot um.

Sitzt man warm und sicher in seiner Höhle (oder seinem Ohrensessel), hört man sich entsprechende Gruselgeschichten gern an. Erzählt werden sie deshalb ebenso lange wie die Furcht währt. Dabei haben sich die Präsentationskonzepte erstaunlich wenig verändert. Auch oder gerade in einer multimedial vernetzten Welt ist der Schrecken groß, wenn der für selbstverständlich gehaltene Energiefluss plötzlich stockt: Nicht nur das Licht fällt aus, sondern auch der telefonische Hilferuf wird unmöglich.

Die Dunkelheit als Versteck

„Lights Out“ trägt dies bereits im Titel. Das Böse ist nicht nur unsichtbar, weil man es in der Dunkelheit nicht sehen kann. Es nutzt diese Dunkelheit als Medium, kann blitzschnell und ungeachtet der der üblichen Grenzen von Zeit und Raum reisen und sich überall dort manifestieren, wo es ebenfalls dunkel ist.

Schon die Vorstellung ist erschreckend. Regisseur David Sandberg hatte sie 2013 als Aufhänger eines Kurzfilms genutzt und gruselig verfeinert: Wenn das ohnehin nur in Umrissen erkennbare Phantom aus den Augen gerät, kann es plötzlich direkt vor einem stehen. Aus einer angstvollen Ahnung würde unabhängig davon, was eine solche Kreatur plant, eine fürchterliche Gewissheit: Da ist jemand, und es ist kein Mensch!

Sandberg beteiligte sich mit seinen Film an einem Wettbewerb. Als er nicht gewann, stellte er ihn ins Internet, wo er oft gesehen und geteilt wurde. Schließlich wurde Hollywood aufmerksam. Sandberg bekam das Angebot, seine Geschichte als Langfilm neu zu erzählen. Das Budget lag bei knapp 5 Mio. Dollar, was das finanzielle Risiko kalkulierbar machte aber deutlich über jenen Summen lag, die Trash-Schmieden wie „Syfy“ oder „The Asylum“ in ihre Machwerke investieren.

Das Versteck ist die Geschichte

Das Risiko lag primär in der Herausforderung, eine minutenkurz auf die Idee konzentrierte Idee so auszubauen, dass sie eine Filmhandlung tragen konnte. Sandberg ist keineswegs der erste Nachwuchsfilmer, der sich in dieser Hinsicht schwierig tat bzw. mit Kompromissen abfinden musste. Während er sich auf die Grusel-Effekte konzentrierte, zimmerte Mit-Autor Eric Heisserer einen Story-Unterbau. Leider besorgte er sich sein Material auf Hollywoods Ideen-Resterampe. Dort lagert, was seit Jahrzehnten immer wieder hervorgeholt, poliert und neu montiert wird. Geschieht dies so nachlässig wie hier, wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung unvorteilhaft deutlich. So taucht Diana schon in den ersten Minuten (zu) deutlich auf. Mehr als Angriffslust und gezischte Drohungen hat sie auch später nicht zu bieten, worunter die Gruselstimmung arg leidet.

Obwohl „Lights Out“ nur knackige 80 Minuten läuft, weist die Handlung Längen auf. Sie werden dort offenbar, wo ausführlich und umständlich Dinge erklärt werden, die entweder wenig relevant für das Geschehen sind oder den Zuschauern auf Anhieb einleuchten. Gefühlsduselige sowie klischeehafte Konflikte sollen vorgeblich emotionale Hintergründigkeit behaupten, füllen aber stattdessen vor allem Filmminuten. Faktisch redundante Handlungsstränge sorgen für weiteren Aufschub; so tauchen recht unvermittelt zwei Polizisten auf, die beratungsresistent ins Geisterhaus poltern, um dort als Kanonenfutter verheizt zu werden.

Offen bleibt, wer oder was Diana eigentlich ist oder war. Wirklich wichtig ist eine Antwort nicht. Relevanter ist die Frage, wieso Diana sich ausgerechnet auf Sophie fixiert hat. Sehr schlau scheint sie nicht zu sein, aber reicht das als Erklärung? Immerhin wird auf diese Weise deutlich, wieso Dianas Mordattacken meist ins Leere laufen: Sie kann einfach nicht warten, bis es entweder überall dunkel ist oder ihre Opfer schlafen. Mit der x-dimensionalen Reise von Dunkelheit zu Dunkelheit hat Diana offensichtlich ebenfalls Schwierigkeiten: Wieso sollte sie sonst vor verschlossenen Türen stehen und an den Klinken rütteln? (Weil’s zwar nicht logisch aber unheimlich ist; dies war eine rhetorische Frage.)

Die Geschichte unterfordert ihre Figuren

„Lights Out“ ist ungeachtet der konventionellen Story mit ihren Luftlöchern kein langweiliger Gruselfilm. Selbst die penetrante Praxis, Jump Cuts mit laut aufdröhnender Musik zu kombinieren, um Schrecken dort zu erzwingen, wo er sich womöglich nicht von allein einstellen würde, lässt sich ertragen. Zwar geriet David Sandberg in das Fangnetz von James Wan, dem wir als Regisseur und Produzent zahnarmen aber endlos fortgesetzten Fließband-Grusel wie „The Conjuring“, „Insidious“ oder „Annabelle“ ‚verdanken‘. Bevor Sandberg „Annabelle 2“ inszenieren und dafür wahrscheinlich jegliche Originalität ablegen muss, durfte er aber mit „Lights Out“ zumindest formal eigene Wege gehen, wobei ihn der altgediente und erfahrene Kameramann Marc Spicer unterstützte.

Das überschaubare Budget wird nie zum Problem. Ohnehin gehört Sandberg zu jener Schule moderner Filmemacher, die den vor allem im Phantastischen üblichen CGI-Overkill ablehnen. So oft es ging, griff Sandberg auf klassisches Filmhandwerk zurück. Die digitalen Tricks dienten der Abrundung; hier betrifft dies in erster Linie die Wirkung von Licht auf Diana, die sich im Licht teilweise oder gänzlich auflöst – ein gelungener Effekt, der hin und wieder für echten Schrecken sorgt.

Eine glückliche Hand bewies Sandberg in der Wahl seiner Darsteller. Mit Schauspielerinnen wie Teresa Palmer und Maria Bello – die beiden könnten übrigens wirklich Mutter und Tochter sein – kann man wenig falsch machen, selbst wenn ihre Figuren eher skizziert als geformt sind, während Gabriel Bateman aus der blassen Rolle des verständnisvollen Lebensgefährten keine Funken schlagen kann. Pluspunkte sammelt Alexander DiPersia als Kind gänzlich abseits jeglicher Disney-Verlogenheit. Bret ist jung aber ein Veteran als Überlebenskünstler in einer nicht nur von einem Geist heimgesuchten, sondern auch sonst dysfunktionalen Familie.

Nach 80 Minuten wird Diana vergleichsweise unspektakulär besiegt. Man wartet als leidgeprüfter Zuschauer förmlich auf ihr ‚überraschendes‘ Wiedererscheinen in allerletzter Sekunde. Eine entsprechende Szene hat Sandberg tatsächlich gedreht, sie aber nach deutlichen Abscheubekundungen eines ebenfalls horrorfilmkundigen Test-Publikums wieder geschnitten. Da „Lights Out“ weltweit knapp 150 Mio. Dollar (!) eingespielt hat, konnte die Konsequenz trotzdem nicht ausbleiben: „Lights Out 2“ wird kommen!

DVD-Features

Die Extras fallen wie heutzutage üblich wieder einmal mau aus; präsentiert werden drei Szenen, die es nicht in den Film geschafft haben.

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Lights Out
Originaltitel: Lights Out (USA 2016)
Regie: David F. Sandberg
Drehbuch: Eric Heisserer u. David F. Sandberg
Kamera: Marc Spicer
Schnitt: Michel Aller u. Kirk M. Morri
Musik: Benjamin Wallfisch
Darsteller: Teresa Palmer (Rebecca), Gabriel Bateman (Martin), Alexander DiPersia (Bret), Maria Bello (Sophie), Alicia Vela-Bailey (Diana), Emily Alyn Lind (Sophie als Kind), Ava Cantrell (Diana als Kind), Amiah Miller (Rebecca als Kind), Andi Osho (Jugendheim-Drache), Rolando Boyce (Officer Andrews), Maria Russell (Officer Gomez), Lotta Losten (Esther) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 15.12.2016
EAN: 5051890304261 (DVD)/5051890304278 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Spanisch, Isländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 79 min. (Blu-ray: 81 min.)
FSK: 16

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