Wer sich ihr Video ansieht, wird nach sieben Tagen von ihr geholt: Rache-Geist Samara kennt kein Erbarmen, weshalb sich ihre aktuellen Opfer beeilen, das Geheimnis zu lüften, um tödlichen Spuk in vergebende Erlösung zu verwandeln … – Diese Bemühungen werden von lautstarken Gespenstereien begleitet, während die Spannung auch deshalb auf der Strecke bleibt, weil der „Ring“-Saga rein gar nichts Neues abgewonnen wird: höchstens handwerklich solide Hollywood-Routine.

Das geschieht:

Biologie-Professor Brown stöbert auf dem Flohmarkt einen alten Videorekorder auf. Darin steckt eine Kassette, die er natürlich neugierig abspielt, womit die Falle zuschnappt: Telefonisch kündigt Geist Samara ihr Erscheinen in genau sieben Tagen an; dann wird sie den neugierigen Akademiker holen und ihm einen hässlichen Tod verschaffen.

Bis Brown begriffen hat, dass jede Person, die das Video anschaut, in Samaras Visier gerät, hat er es leider schon einigen Studenten gezeigt. Rettung ist nur möglich, wenn der oder die Betroffene das Video kopiert, um es einem ahnungslosen Mitmenschen zu zeigen, dem Samara anschließend im Nacken sitzt.

Auch Student Holt steckt in dieser Klemme. Als er sich länger nicht mehr bei Freundin Julia meldet, sucht die ihn auf dem Campus auf. Natürlich dauert es a) nur kurze Zeit, bis er ihr seine Gruselgeschichte beichtet, und b) Julia sich das Video ansieht. Nun sitzt auch sie im Boot, das Richtung Hölle treibt.

Verzweifelt bemüht sich das Paar um eine Lösung. Unterstützt werden sie von Brown, der einige Samara-Fakten recherchieren konnte. Außerdem hat Julia Visionen, die für weitere Indizien sorgen. Die Spur führt in die Kleinstadt Sacrament Valley, wo vor 13 Jahren ein Hochwasser den schleichenden Niedergang beschleunigte, der zwei Jahrzehnte zuvor begann, als die junge Evelyn spurlos verschwand. Der Täter und wohl Mörder muss einer der Bürger sein, was die Ortsgemeinschaft nie verwunden hat.

Unwillig rücken Evelyns Tante, der blinde Ex-Pfarrer Galen Burk und andere Dörfler Informationsbrocken heraus. Allmählich beginnt Julia zu ahnen, was Samara antreibt: die Suche nach Erlösung. Irgendwo in Sacrament Valley liegen ihre Gebeine, die gefunden und bestattet werden wollen – ein Plan, der Evelyns Kidnapper mit Sorge und Mordlust erfüllt, zumal er weiß, dass sich Julia in Samara täuscht …

Ringe sind rund und schließen sich

1991 gelang dem japanischen Schriftsteller Koji Suzuki der seltene Glücksfall eines Romans, der nicht nur unterhaltsam war, sondern zur richtigen Zeit auf den Markt kam und ein Publikum fand, das gar nicht genug von „Ringu“ (dt. „Ring“) bekommen konnte. Klug baute Suzuki sein Werk zu einer ganzen Serie aus. 1995 sprang das japanische Kino mit „Ring: Kanzenban“ auf. Bis 2000 folgten fünf weitere Filme, die mehr oder (meist) weniger auf Suzukis Vorlagen basierten.

„Asia-Horror“ wurde nicht zuletzt durch die „Ring“-Filme ein globales Markenzeichen. Stets auf der Suche nach Geschichten, die ihre Einträglichkeit bereits unter Beweis gestellt haben und ‚adaptiert‘ werden können, beteiligte sich 2002 Hollywood mit einer eigenen Filmversion, die durchaus erfolgreich war und drei Jahre später fortgesetzt wurde.

Während damit im Abendland erst einmal Schluss war, wurde das Franchise in Japan mit „Sadako 3D“ – in ihrem Heimatland heißt der böse Geist „Sadako“ und nicht „Samara“ – 2012 (sogar dreidimensional) wiederbelebt und kehrte seitdem mehrfach zurück. Auf der Nordhalbkugel wuchs inzwischen ein Publikum heran, das womöglich bereit war für eine Fortsetzung der US-„Ring“-Version.

Zunächst dachte man – wie üblich – an ein Prequel, das Samaras Werdegang vom ungeliebten Kind zum verhassten Geist nachzeichnen sollte. Daraus wurde in der Umsetzung ein Sequel, das zehn Jahre nach den Ereignissen von „The Ring Two“ (dt. „Ring 2 – Das Grauen kehrt zurück“) spielt – angeblich, denn tatsächlich gibt es keine echten Verbindungen zu den beiden Film-Vorgängern.

Kalter Grusel-Kaffee wird lau aufgewärmt

Als Regisseur fungierte der Spanier Francisco Javier Gutiérrez. Er hatte 2001 mit seinem Kurzfilm „La habitacion de Norman“ („Norman’s Room“) auch in den USA Aufsehen erregt. 2008 holte man ihn, um den Spielfilm „Before the Fall“ zu inszenieren. Eigentlich sollte dem eine Wiederverfilmung des modernen Horror-Klassikers „The Crow“ folgen. Stattdessen nahm Gutiérrez auf dem Regiestuhl für „Rings“ Platz; eine Entscheidung, die er nur künstlerisch bedauern musste: „Rings“ spielte seine Produktionskosten mehr als dreifach wieder ein. Die überwiegend negativen Kritiken dürften Gutiérrez deshalb auf Hollywoods Studio-Ebene keine Probleme bereiten.

Das Nachsehen hat wie üblich das Publikum. Es wird mit einem halbgaren Gruselfilm von der Stange abgespeist. Nach zehnjähriger „Ring“-Pause wurde nur das Franchise belebt, während neue Ideen außen vor blieben. Faktisch hat sich gar nichts geändert: Zwar steigt Samara nun auch aus PC-Monitoren oder iPhones, doch ansonsten killt sie wie immer stur jeden Pechvogel, der sie buchstäblich zu Gesicht bekommt.

„Rings“ ist ein Film der Lücken und verpassten Möglichkeiten. In der Tat entstand er unter großen Schwierigkeiten. Gleich drei Autoren versuchten sich an einem Drehbuch, das trotzdem unfertig wirkt. Drehschluss war bereits im Jahre 2015, doch der Kino-Einsatz wurde mehrfach verschoben, während man hinter den Kulissen an einem Werk bastelte, das einfach keinen Sinn ergeben wollte. Ganze Szenenfolgen wurden gestrichen, geändert und neu gedreht, wobei man sich keineswegs auf die Nebenstränge beschränkte. Auch der Plot selbst wurde massiv bearbeitet, ohne ihn dadurch verbessern zu können. Stattdessen versuchte man sich mit Klischees zu retten und definiert „Schrecken“ nun so, dass von hinten oder von der Seite etwas Schauerliches „Buh!“ macht, was von Jump-Cuts und Dröhn-Musik begleitet wird.

Was zum Teufel geht bloß vor?

Zumindest der Käufer der Blu-ray-Version kann eine eindrucksvolle Fülle „entfallener Szenen“ bewundern. Sie künden von der Ziellosigkeit eines Filmprojekts, dessen Teile irgendwann kapitulierend zu einem Gesamtwerk zusammengesetzt wurden, ohne dass sich die dafür Verantwortlichen um offene Fragen und nie aufgeklärte Rätsel kümmerten.

Schon der Auftakt sorgt für Stirnrunzeln: Samara offenbart sich ihren Opfern in einem Passagierflugzeug. Dort erzählt ein unwichtiger Kanonenfutter-Statist einer ebenfalls für die weitere Handlung unwichtigen Mitfliegerin – und damit uns Zuschauern – den „Ring“-Fluch für Anfänger, die womöglich nicht mit dem Mythos vertraut sind; anschließend stürzt die Maschine ab, was für ein Effektgetöse sorgt, das wir bald entschlüsseln können: Hier war im Drehbuch eine Leerstelle, die irgendwie gefüllt werden musste.

Dann wählt sich Samara, die sich bisher auf Professor Brown und seine ebenfalls vom Fluch befallenen Studenten konzentriert hat, plötzlich Julia als zentrales Opfer, obwohl diese nur aufkreuzt, weil sie ihren Holt suchen will. Was wäre aus ihren großartigen (bzw. unglaublich komplizierten) Plänen geworden, wenn Julia ihn in den Wind geschossen hätte? Wie sich die besondere Verbindung zwischen Frau und Geist darstellt, gehört offenbar zu den Ereignissträngen, die aus dem Film getilgt wurden. Das hindert Regisseur Gutiérrez nicht daran, es als gegeben vorauszusetzen und darauf herumzureiten.

Zum Beispiel dadurch, dass Julia von ‚Visionen‘ heimgesucht wird, die einerseits für gruselige Bilder sorgen, aber andererseits nützliche Hinweise enthalten. Wer schickt sie Julia? Samara kann es nicht sein, da solches Handeln keinerlei Sinn ergibt. Ist es ihre Mutter, die ebenfalls durch das Geschehen geistert, bis sie plötzlich ad acta gelegt wird und sich nie wieder meldet?

Dabeisein, weil ein Scheck winkt

Das ordentliche aber keineswegs üppige Budget spiegelt sich in der Darstellerriege wider. ‚Starprominenz‘ sollen Johnny Galecki (Leonard Hofstadter aus „The Bing Bang Theorie“) und Vincent D’Onofrio (u. a. Frank Kersey in der Neuverfilmung von „Death Wish“, dt. „Ein Mann sieht rot“) repräsentieren, doch beide bleiben Gefangene ihrer flach gezeichneten und klischeehaften Rollen.

Vor allem können sie nicht ausgleichen, was Alex Roe und vor allem Matilda Lutz in den Hauptrollen vermissen lassen: Präsenz und ein Verständnis vom Schauspiel, das über das pünktliche Erscheinen zu den Dreharbeiten hinausgeht. So bleibt dem Zuschauer Zeit genug, um darüber zu spekulieren, ob Lutz eine jüngere Schwester von Jessica Alba sein könnte, der sie zum Verwechseln ähnlich sieht.

Die weiteren Darsteller sind einfach ‚da‘, weil die Hauptfiguren zwischenzeitlich mit anderen Personen reden müssen. Seltsamerweise bleibt nie genug Zeit, um tatsächlich Informationen auszutauschen, weshalb primär Julia in jede Falle tappt. (Ein einziges Wort mehr hätte Brown nur auf Holts AB sprechen müssen, um die Bedeutung des Mals zu enthüllen, mit dem Samara Julia gezeichnet hat; es hätte uns mindestens 30 Minuten weitere Wirrnis erspart.

Im letzten Drittel werden die Parallelen zum „Ring“-Film von 2005 immer deutlicher. Glauben Gutiérrez und seine Autorenschar wirklich, sie könnten uns weismachen, dass Samara nach der Umbettung ihrer mürben Knochen Ruhe geben wird? Dies ist eine rhetorische Frage, denn NIEMAND glaubt es und wird deshalb weder überrascht noch erschreckt, als dem Finale ein Epilog folgt, der Samaras weiteres Wüten einleitet sowie eine mögliche Fortsetzung andeutet: DAS nennt man einen echten Fluch, der in dieser multimedial gewordenen Welt in der Tat jeden Zuschauer treffen könnte!

DVD-Features

Wie bereits weiter oben angedeutet, wird bei den Extras zwischen schnöden DVD-Käufern und spendableren Blu-ray-Kunden differenziert. Erstere müssen sich mit den Features „Der Kreis des Schreckens schließt sich“ und „Wiederbelebung der Toten: Die Rückkehr von Samara“ zufriedengeben, während letztere sowohl „Unheimliche Szenen“ als auch „Entfallene Szenen“ genießen dürfen. Alle Extras insgesamt können die oben aufgeworfenen (und vielen anderen) Fragen zu diesem Film leider auch nicht beantworten. (Apropos: Wieso lautet der Titel „Rings“? Wie viele Ringe gibt es denn?)

Optisch und akustisch leistet sich übrigens auch die DVD kaum Schwächen. Auch in den dunklen Szenen ist das Bild stabil und flimmerarm, während die Ohren viel zu ausgiebig mit den beklagten Krawall-Effekten überfrachtet werden. Darüber geht leicht verloren, dass der Ton insgesamt sehr gut abgemischt wurde und sogar räumliche Effekte bietet.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

Rings – Samara wartet auf dich!
Originaltitel: Rings (USA 2017)
Regie: F. Javier Gutiérrez
Drehbuch: David Loucka, Jacob Aaron Estes u. Akiva Goldsman (nach dem Roman von Kôji Suzuki)
Kamera: Sharone Meir
Schnitt: Jeremiah O’Driscoll u. Steve Mirkovich
Musik: Matthew Margeson
Darsteller: Matilda Lutz (Julia), Alex Roe (Holt Anthony), Johnny Galecki (Gabriel Brown), Vincent D’Onofrio (Galen Burke), Aimee Teegarden (Skye Johnston), Bonnie Morgan (Samara Morgan), Chuck David Willis (Blue), Patrick R. Walker (Jamal), Zach Roerig (Carter), Laura Slade Wiggins (Faith), Lizzie Brocheré (Kelly) u. a.
Label: Paramount Home Entertainment
Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 15.06.2017
EAN: 5053083103958 (DVD)/5053083103965 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min. (Blu-ray: 102 min)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Sadako – Ring Originals

Before I Wake – Fürchte seine Träume

The Forest – Verlass nie den Weg

Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang