Eine unscheinbare Hausfrau mit genetischer Sonderausstattung wird entführt und systematisch in Todesangst versetzt. Während sie ihre Flucht plant, findet die Frau heraus, dass ihre Kidnapper eine Invasionsarmee darstellen, die per Evolutionssprung die Weltmacht erringen will … – Der Plot ist mau; er wird durch ein ideenplattes Finale eher konterkariert als schockierend gekrönt. Nur die engagierte Hauptdarstellerin und ein fähiger Kameramann sorgen zwischenzeitlich für Unterhaltung: Thema verfehlt.

Das geschieht:

Renee ist eine ganz normale Mittelschicht-US-Hausfrau mit Geldsorgen, einem fiesen Ex-Gatten und einem hässlichen Sohn. Nicht nur deshalb fällt sie aus allen Wolken, als sie eines Tages überfallen und entführt wird: Lösegeld wird für sie niemand zahlen!

Doch darauf sind ihre Peiniger gar nicht aus. Renee wird in eine geheime Station verschleppt, in der offenbar Menschenversuche laufen, bei denen die Grenze zwischen Medizin und Folter verschwimmt. Genau das ist die Absicht, wie Ober-Kidnapper Terrence Renee irgendwann erklärt, denn sie gehört zu jenen wenigen Menschen, deren genetischer Code eine Sollbruchstelle aufweist, die allerdings so stabil ist, dass sie normalerweise nicht nachgibt. Erst Todesangst, geschürt durch nackten Terror, führt zum Bruch, der einen evolutionären Sprung auslöst, dem übermenschliche Fähigkeiten und ein Intelligenzschub folgen.

Freilich überlebt nicht jeder Kandidat diese Prozedur, weshalb Renee immer wieder auf die Leichen anderer Kidnapping-Opfer stößt: Sobald eine jener Folter-Sitzungen, mit denen sie in den „Bruch“ getrieben werden soll, endet und sie allein in ihrer Zelle ausruhen darf, arbeitet sie an ihrem Ausbruch. Bald kriecht Renee erstaunlich unbehelligt durch die Luftschächte jener Station, in der man sie und viele andere Pechvögel gefangen hält und quält. Auf diesen Ausflügen spioniert sie Terrence hinterher und sucht nach einem Fluchtweg.

Ihre Zeit läuft jedoch ab, denn Renees DNA ist – Hollywood-Dramatik funktioniert so – in der Tat höchst bruchtauglich. Ihr bleibt nur die Chance, den zunehmend von seinem neuen Lieblingsopfer entzückten Terrence und seine Schergen durch scheinbare Unterwerfung zu täuschen, während sie ihre Fluchtbemühungen intensiviert. Dummerweise sind ihre Gegner nicht nur überaus misstrauisch, sondern bereits im Besitz jener Kräfte, die ihnen der „Bruch“ beschert hat …

Genetischer Bruch führt zu filmischer Bruchlandung

Ehrgeiz ist gut, wenn man einen Film plant, doch sollten die handwerklichen Fertigkeiten unbedingt Schritt mit ihm halten. Wird dies vernachlässigt, müssen wir Zuschauer uns mit einem Film wie „Rupture“ herumschlagen, der ständig zu Höhenflügen ansetzt, um jedes Mal eine Bruchlandung zu erleben.

So waren Drehbuchautor Brian Nelson und Regisseur Steven Shainberg – die hier eine gemeinsam ausgebrütete Idee umsetzen – offensichtlich allzu fest davon überzeugt, einem x-fach abgespulten Garn ganz neuen Glanz verleihen zu können. Hinter optischem Getöse wird indes nur Routine überdeutlich; dies auch, weil die Story einem Reifen ähnelt, der durch einen scharfspitzen Nagel gefahren wird, der hier der Moment der Erkenntnis ist: Sobald wir erfahren, was hinter der Entführung einer eben nicht ganz normalen US-Hausfrau steckt, stellt sich Enttäuschung ein.

Nelson und Shainberg dürften dieses Risiko gekannt haben. Sie meinen es eingehen zu können, indem sie sich ablenkend auf Ereignisdetails konzentrieren, die wie gewünscht manchmal bizarr aber viel zu oft nur komisch geraten. Mit fortschreitender Filmdauer erwacht im kollektiven Hinterkopf des Publikums zudem jene lästige, weil der puren, trivialen Unterhaltung schädliche Stimme, die auf logische Brüche und Löcher hinweist. Da man dem Störenfried zustimmen muss, leidet der Unterhaltungsfaktor erheblich.

Viel versprochen, wenig gehalten

Diese Reaktion wird verstärkt durch die qualitative Diskrepanz zum ersten Filmdrittel, das durchaus verheißungsvoll beginnt. Noomi Rapace überzeugt als überforderte Hausfrau und Mutter, die sich bemüht, nebenbei ein Privatleben zu führen. Deshalb stellt sich der Zuschauer ebenso wie die arme Renee die Frage, wieso ausgerechnet sie das Ziel einer Entführung ist, die darüber hinaus spannend inszeniert wird.

Auch anschließend geht es eine Weile unterhaltsam ungewiss weiter. Kameramann Karim Hussain bleibt stets nahe an Renee; wir sehen nicht mehr, als sie erkennen kann, als man sie in das Hauptquartier ihrer Kidnapper schleppt. Dort ist es ohnehin eher düster, was später sogar eine Erklärung findet – eine Sorgfalt, die Nelson und Shainberg besser öfter an den Tag gelegt hätten.

Die Stimmung ist beklemmend, man spürt und versteht Renees Angst, denn man lässt sie über ihr Schicksal im Unklaren, während überall unheilverkündende Gerätschaften = Folterinstrumente herumstehen und die Luft vom Heulen & Wehklagen anderer Gefangener erfüllt ist. Viel inszenatorische Mühe wird recht erfolgreich in das Ziel investiert, Renee Lage als hoffnungslos darzustellen. Dies dient natürlich dem Zweck, ihre Bemühungen um eine Flucht mit zusätzlicher Spannung aufzuladen – eine Investition, die sich aufgrund der schon erwähnten Umsetzungsschwächen nicht auszahlt. Sobald Renee sich frei bewegen kann, legt sie unfreiwillig die bröckeligen Ton-Füße offen, auf dem das nur nach dem Willen des Regisseurs so unglaublich raffinierte Komplott ruht.

Ein-Frau-Drama

Es ist abermals Noomi Rapace zu verdanken, dass man weiter zuschaut, obwohl man sich u. a. über ein Hochsicherheits-Gefängnis wundert, dessen Zellen nicht kameraüberwacht werden. Auch sonst lässt die angeblich allgegenwärtige Aufmerksamkeit der Entführer zu wünschen übrig. Deshalb genügt der keineswegs ausbruchskundigen Renee ein eingeschmuggeltes Messerchen, um ihre Fesseln zu kappen. Wenig später kriecht sie bereits durch ebenfalls ungesicherte Belüftungsschächte. Dabei nimmt sie sich alle Zeit der Welt und schaut stellvertretend für uns, das Publikum, in die Nachbarzellen.

Dort spielt sich Rätselhaftes und Schauerliches ab, das allerdings nur Renee nicht begreift, während wir Zuschauer längst im Bilde sind. Ausführliche Erklärungen der Entführer – selbstverständlich wird Renee wieder eingefangen – sind daher überflüssig. Doch wie alle Schurken werden auch diese vom Drang beseelt, ihre Schandtaten vor dem Opfer auszubreiten.

Pech, dass diese Finsterlinge als Witzfiguren agieren, obwohl Schauspieler wie Peter Stormare und Michael Chiklis die Rollen übernehmen. Sie haben in anderen Filmen und TV-Shows ihr darstellerisches Talent oft unter Beweis gestellt, weshalb man hier das Drehbuch für ihr Scheitern verantwortlich machen muss. Die ‚Dialoge‘ sind sinnfrei, und unsere Entführer wirken nicht wirklich bedrohlicher, wenn sie ihre Gesichter immer wieder an Renees Antlitz reiben, weil deren Haut so unwiderstehlich weich ist.

Des Rätsels schwache Lösung

Irgendwann muss die Katze aus dem Sack gelassen werden. Die Zahl der möglichen Auflösungen ist ohnehin gering. Hier sind es also evolutionär springende ‚Übermenschen‘, die nach der Weltherrschaft streben. Als Spoiler kann man diese Information beim besten Willen nicht bezeichnen, da die Auflösung denkbar spannungslos präsentiert wird.

Dies hängt wohl auch mit einem beschränkten Budget zusammen, das nur in Schlüsselszenen Spezialeffekte gestattete. Immerhin sind diese recht solide, auch wenn man ihre digitale Herkunft jederzeit erkennt. Deshalb muss man Shainberg und Nelson abermals rügen, weil sie den „Sprung“ bildlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht erschreckend oder wenigstens interessant umzusetzen wussten.

Dazu ‚passt‘ ein Finale, das schockieren soll aber ebenfalls höchstens klischeestark einer Handlung angeklebt ist, die plötzlich überflüssig geworden ist. Folgerichtig wirkt das Finale wie ein Epilog, der bereits eine Fortsetzung ankündigt: Dies ist der einzige Moment, in dem der Zuschauer tatsächlich Angst aufsteigen fühlt. Angesichts der überwiegend negativen Kritiken, in der sich Rezensenten und Zuschauer ungewöhnlich einig waren, besteht aber eine gute Chance, von weiteren Null-Eskapaden unserer Genbruch-Mutanten verschont zu bleiben.

DVD-Features

Von ‚Extras‘ mag man eigentlich nicht sprechen, wenn man die kümmerlichen Features mustert. Über den Film ‚informiert‘ eine nicht einmal dreiminütige Featurette. Weiterhin gibt es kurze, informationsarme ‚Interviews‘ mit Noomi Rapace, Ari Millen, Peter Stormare, Kerry Bishe und Leslie Manville sowie den obligatorischen Trailer.

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Rupture – Überwinde deine Ängste
Originaltitel: Rupture (USA 2016)
Regie: Steven Shainberg
Drehbuch: Brian Nelson
Kamera: Karim Hussain
Schnitt: Michele Conroy
Musik: Kevin Banks u. Beth Rosenblatt
Darsteller: Noomi Rapace (Renee), Peter Stormare (Terrence), Kerry Bishé (Dianne), Michael Chiklis (Glatzkopf), Lesley Manville (Dr. Nyman), Ari Millen (Dr. Raxlen), Joel Labelle (gefangener Mann), Paul Popowich (Cliff), Percy Hynes White (Evan), Jean Yoon (Colette), Morgan Kelly (Tommy), Jonathan Potts (Blake), Brendan Jeffers (Seth) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 27.01.2017
EAN: 4013549081344 (DVD)/4013549078375 (Blu-ray)/4013549084956 (Limited Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Holländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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