Vor Japans Küste taucht das gigantische Seeungeheuer „Godzilla“ aus den Fluten, um hartnäckig mehrfach Tokio heimzusuchen. Das Militär ist machtlos, die Restwelt will das Monster mit einer Atombombe auslöschen. Nur wenige Tage bleiben einem kleinen Team, um eine aussichtsarme Gegenattacke zu planen … – Der 29. Godzilla-Film aus Japan stellt (wieder einmal) alles auf Null, um ein ‚neues‘ Monster wüten zu lassen. „Shin Godzilla“ geriet erstaunlich ‚erwachsen‘, bleibt dabei angenehm verspielt, imponiert mit beachtlichen Spezialeffekten und 328 (!) Darstellern, die dem zeitweise dokumentarisch wirkenden Film erstaunlichen Unterhaltungswert einhauchen: im Gegensatz zum US-Godzilla ein Volltreffer!

Das geschieht:

In der Bucht von Tokio rumort es unter Wasser. Die Fachleute der Regierung tippen auf einen Unterwasser-Vulkan oder eine heiße Quelle. Sie lachen über den jungen Referenten Rando Yaguchi, der rät, nach einem riesigen Tier Ausschau zu halten. Kurz darauf taucht ein glotzäugiges Ungetüm aus den Fluten auf, richtet gewaltige Schäden an, während es ins Landesinnere kriecht – und mutiert plötzlich zu einem zweibeinigen Giganten, der sich ins Meer zurückzieht. Erleichterung mischt sich mit Ratlosigkeit: Wird die Kreatur zurückkommen? Vorbereitungen werden getroffen, die militärische Maßnahmen einschließen. Der Rest der Welt schaut gespannt auf Japan: Wie wird man das Problem lösen?

Gar nicht, stellt sich heraus, denn als das Wesen tatsächlich wieder erscheint, misst es stolze 120 Meter, verfügt über eine schussfeste Außenhaut und verströmt radioaktive Strahlung, denn in seinem Bauch sitzt ein natürlicher Atomreaktor, der den Riesen – der inzwischen den griffigen Namen „Godzilla“ trägt – mit Energie versorgt. Als man ihn mit US-Unterstützung trotzdem angreift, weil er gen Tokio marschiert, wehrt sich Godzilla mit gewaltigem Laserstrahlen, die nicht nur Stadtteile einebnen, sondern auch den Großteil der japanischen Regierung töten.

Die neue Spitze kann sich nicht wehren, als die Vereinten Nationen unter dem Druck der USA beschließen, Godzilla mit einer Atombombe auszuschalten. Dass dabei Tokio zerstört und ganze Landstriche verseucht würde, nimmt man in Kauf. Zwei Wochen bleiben Yaguchi und seinem Team, um einen Alternativplan auszuhecken, denn Godzilla muss sich nach seiner Laser-Attacke erst wieder ‚aufladen‘ und verfällt solange in Starre. Der Schlüssel zum „Abschalten“ der Kreatur liegt in ihrer bizarren Biologie, wie man beinahe zu spät bemerkt …

Wieder daheim: Japans geliebte Apokalypse

Wer hat tatsächlich geglaubt, die Japaner hätten Godzilla 2004 nach gewonnenem „Final Wars“ aufs Altenteil geschickt bzw. ihr liebstes Kaiju-Monster Hollywood überlassen, wo es 2014 vom „Legend“-Studio bierernst verheizt wurde und in gar nicht ferner Zukunft mit dem ebenfalls exhumierten King Kong raufen muss? Zwar verging mehr als ein Jahrzehnt, in dem eine neue Generation potenzieller Godzilla-Fans heranwuchs, doch schließlich kam es, wie es kommen musste, solange das Ding aus der Tiefsee Atomblitze speien (bzw. Yen-Scheine scheißen) kann.

„Shin Godzilla“, der 29. Godzilla-Film des Toho-Studios, markiert in mehrfacher Hinsicht einen Neubeginn. So geht diese Geschichte von einem Titel-Monster aus, das nie zuvor für Angst und Schrecken gesorgt hat. Tatsächlich sieht Godzilla bei seiner Erstsichtung nicht einmal wie Godzilla aus, sondern gleicht einem Molch mit Haltungsschäden und übermäßigem Augeninnendruck: Dieses Wesen ist keine von atomarer Strahlung geprägte und erwachsen ausgebildete Kreatur, sondern „Evolution in Progress“. Godzilla wächst und mutiert dabei, ohne dass dem Grenzen gesetzt sind. Deshalb könnte dieses Ungetüm auch Flügel ausbilden – oder die Erde mit genetisch ebenso wandelbaren Nachkommen fluten; eine Gefahr, die nicht nur erwähnt, sondern in einem Schlussbild eindrucksvoll illustriert wird.

Faktisch ist dieser Godzilla alles andere als ein tumber Gigant-Saurier, sondern ein Organismus mit göttlich anmutenden Fähigkeiten. Auch dies wird in einer (ansonsten eher humorvollen) Episode thematisiert, als die Japaner rätseln, ob sich der in den USA geprägte Name „Godzilla“ von „God“ – also Gott – ableitet. Diese Interpretation gehört freilich zu den weniger gelungenen Einfällen eines Films, der – obwohl in Asien entstanden! – mit Theatralik, die in Lächerlichkeit umschlägt, erfreulich geizt. Stattdessen gelingen sogar Klischees: Niemand behaupte, er oder sie bleibe ungerührt, wenn Godzilla über dem zerstörten Stadtzentrum in einem Feuerinferno aufragt und dabei Choralmusik in Moll ertönt!

Gänzlich den Kinderschuhen entwachsen

Obwohl spätestens die „Millennium“-Staffel der Godzilla-Serie Abstand von der vorgeblich familienfreundlichen Dümmlichkeit früherer Filme (z. B. „Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn“, 1967) nahm, blieb immer noch (zu) viel Raum für Liebesgeschichten und Familiendramen, die vom Primär-Geschehen ablenkten, es hemmten und außerdem peinlich überspielt waren.

Auch „Shin Godzilla“ weist trotz einer Lauflänge von 120 Minuten vergleichsweise wenige Szenen auf, die vom Monster dominiert werden. Ergänzt werden sie durch eine Handlung, die unerwartet ‚erwachsen‘ wirkt: Godzilla ist zwar einerseits die leibhaftige, wandelnde Apokalypse, doch stellt der Mensch selbst die eigentliche Gefahrenquelle dar. „Shin Godzilla“ zeichnet bemerkenswert breit und dokumentarisch anmutend nach, wie der Mensch auf eine Bedrohung wie Godzilla reagieren könnte bzw. würde. Die Regisseure Hideaki Anno und Shinji Higuchi – Anno verfasste auch das Drehbuch und strich dabei die durchaus vorgesehenen Seifenoper-Elemente – kommen zu keinem günstigen Schluss. Sie zeigen Entscheidungsträger, die allzu menschlich überfordert sind, hilflos Fehlentscheidungen treffen, sich unter Druck setzen lassen oder die Krise gar nutzen, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen.

Politik ist in „Shin Godzilla“ ein schmutziges Geschäft, was nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern sarkastisch und einfallsreich in Szene gesetzt wird. So lässt der Premierminister feierlich seinen „Katastrophenanzug“ aus dem Schrank holen, um schlipsfrei tüchtig und vor Ort präsent zu wirken. Kurz zuvor machte sich Yaguchi unbeliebt mit seiner Theorie eines Unterwasser-Monsters; zwar stellt sie sich als zutreffend heraus, aber Yaguchi beging den Fehler, gegen das Protokoll zu verstoßen, auf dessen Wahrung japanische Politiker auch im Angesicht des Weltuntergangs bestehen. Als es zwischenzeitlich so aussieht, als gehe Godzilla zu Boden, denkt ein Minister bereits daran, den Kadaver auszustopfen und auszustellen. Später plant ein weiterer Politiker bereits das ‚neue‘ Japan ohne Tokio, während er auf die angeschlagene aber keineswegs zerstörte Stadt blickt. Über allem stehen unsichtbar bzw. gesichtslos die US-Amerikaner, deren Regierende Japan weiterhin als besiegten Kriegsgegner betrachten und behandeln wollen.

Nicht naiv genug?

Wahrscheinlich sind es solche Szenen, die das übliche Monsterfilm-Publikum zumindest außerhalb Japans irritieren. Dort verlangt man nach der gewohnten Kost: Godzilla zerlegt Tokio! Das macht er zwar durchaus, steht aber wie bereits angedeutet keineswegs im Zentrum der Ereignisse, sondern stellt den Katalysator für menschliche Reaktionen dar.

In Japan hat man dies verstanden und angenommen; kein Godzilla-Film war dort erfolgreicher als dieser. Dem Publikum fiel es leicht, „Shin Godzilla“ als cineastische Reinkarnation des Fukushima-Desasters zu identifizieren. Im März 2011 hatte ein Seebeben einen Reaktorblock des dort errichteten Atomkraftwerks beschädigt und bersten lassen. Radioaktive Dämpfe und verseuchtes Kühlwasser traten aus. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Schäden – die durch bebenbedingte Tsunami-Wellen verstärkt wurden – waren unzureichend und schlecht koordiniert, während Atom-Wirtschaft und Politik logen und abwiegelten, um ihr Versagen zu vertuschen: Hier haben wir im Grunde die „Shin-Godzilla“-Geschichte – nur ohne Godzilla. (Übrigens sind die bizarren „Tank-Spritzen“, mit denen dem Ungetüm im Finale ein ‚Gefriermittel‘ eingeflößt wird, sowohl real als auch Fukushima-geprüft.)

Film-Fantastik muss heutzutage offenbar entweder marvei-dumm oder künstlerisch versponnen sein. „Shin Godzilla“ kümmert sich nicht um eine Kategorisierung. Realismus steht neben purer Unterhaltung, die wiederum auf mehreren Ebenen funktioniert. So schwelgt „Shin Godzilla“ in retro-charmanten Erinnerungen an frühere Filme. Godzillas röhrender Schrei ist ebenso zu hören wie die „Godzilla-Melodie“, die Akira Ifukube (1914-2006) für den ersten Godzilla-Film von 1954 komponiert hatte. Mehrfach zitieren Anno & Higuchi Bilder und Szenen aus dem „Kanon“ der 28 Vorgängerfilme. Solche Nerd-Spielereien setzen sich bis in winzige Details fort, die 99,9% des Publikums weder bemerken werden noch müssen. So zeigt das Porträtfoto des verschwundenen Forschers Goro Maki tatsächlich den auch im japanischen Kino-Ausland verehrten Regisseur, Drehbuchautoren und Produzenten Kihachi Okamoto (1923–2005).

Godzilla ohne Gummihose

Für einen beachtlichen Teil des Stammpublikums ist Godzilla nur Godzilla, wenn er (bzw. es) von einem Darsteller verkörpert wird, der in einem Gummianzug steckt und fußballfeldgroße Lego-Landschaften zum Einsturz bringt. Gerade die ‚analoge‘ Machart gewährleistete einen Trash-Faktor, der angeblich Bedingung für einen ‚echten‘ Godzilla-Film ist. Einmal mehr belehrt „Shin Godzilla“ solche Kanonisten eines Besseren – dies nicht wie in Hollywood, wo das digitaltechnische Potenzial zur Erschaffung eines ‚lebensechten‘ Ungeheuers bis zum Äußersten ausgereizt wurde, sondern durch eine Mischung aus Hightech und Godzilla-Charme. Obwohl er weiterhin aussieht und sich bewegt wie ein menschlich gefülltes Ganzkörper-Kostüm, ist dieser Godzilla erstmals rein digital. Die scheinbare Unbeholfenheit ist also Absicht und schafft rasch eine Bindung zwischen „Shin Godzilla“ und dem Publikum, was Hollywoods „Zillas“ nie wirklich gelang. (Godzilla ist übrigens wieder ‚böse‘, obwohl Anno & Higuchi auch in dieser Hinsicht relativieren. Was das Ungetüm so unbändig nach Tokio lockt, wird von den Protagonisten oft gefragt aber im Film nie beantwortet.)

Als moderner Mythos musste sich „Shin Godzilla“ nicht durch die Hollywood-Mühlen jagen und ‚verbessern‘ lassen. Deshalb wirkt dieses Monster klassisch, d. h. seltsam missgestaltet; Oberkörper, Arme und Schädel sind winzig, Unterleib und Hinterbeine gewaltig, der Schwanz ist geradezu lächerlich lang. Dafür hat Godzilla sein Arsenal erweitert und kann nun wie ein Atom-Igel Killer-Strahlen in alle Richtungen abschießen.

Die Bedrohlichkeit des Kaijus wird durch eine bemerkenswert einfallsreiche Kamera unterstützt. Kosuke Yamada hat einen Blick für ‚sprechende‘ Bildarrangements aus Mikrofonen, Computern, sogar simplen Druckern. „Shin Godzilla“ scheint immer wieder Bilder zu zeigen, die von TV- und Überwachungskameras oder Handys stammen. ‚Angeschnittene‘ Bildausschnitte, die u. a. Köpfe nicht zeigen, sowie hastverursachte ‚Unschärfen‘ unterstreichen eine dokumentarische Unmittelbarkeit, um die sich sogar „Found-Footage“-Filme meist vergeblich bemühen. Schnelle Schnitte auf immer neue Schauplätze, die durch Untertitel lokalisiert werden, verstärken diese Dynamik – und fordern (eine dem erwähnten Stammpublikum vielleicht ebenfalls ungewohnte oder unbeliebte) Konzentration.

Monster und Menschen

Im Schatten von Godzilla konnten die menschlichen Darsteller bisher nur wenig Profil zeigen. ‚Schauspiel‘ beschränkte sich in der Regel auf Hysterie oder Heldentum. Erneut setzen Anno & Higuchi auf Veränderung. 328 Sprechrollen listen die Schlusstitel auf. Trotzdem bleibt die Zeit, Figuren zu etablieren und zu zeichnen, statt sie nur auftauchen (und godzillabedingt verschwinden) zu lassen. ‚Schwarz‘ oder ‚Weiß‘ gibt es nicht. Selbst Idealisten wie Rando Yaguchi weisen charakterliche Schattenseiten auf, während scheinbar eiskalte Egoisten wie Hideki Akasaka plötzlich auf die Linie der ‚Guten‘ umschwenken können.

Dabei hilft der Verzicht auf Kinder und klammernde Frauen. Die weiblichen Rollen übernehmen eine Abgesandte und eine Wissenschaftlerin, die sich ins streng auf der Godzilla-Problem konzentrierte Team einreihen. Eine Love-Story entfällt; niemand vermisst sie. US-Kritik wird geübt und dabei die komplizierte Vergangenheit Japans angesprochen, ohne dabei ausschließlich Klischees zu bedienen.

Wenn nach 120 Minuten das Drama endet, bleibt ein Happy-End aus. Godzilla steht erstarrt im verwüsteten Tokio. Sollte die Wirkung des Schock-Mittels nachlassen, wird er sich wieder regen – und die Atombombe fallen. Selbstverständlich ist mindestens von ersterem auszugehen. Schon der immense Erfolg von „Shin Godzilla“ wird eine Fortsetzung nach sich ziehen. Zur angenehmen Abwechslung ist dies eine Ankündigung, auf den man freuen kann.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

Shin Godzilla
Originaltitel: Shin Gojira (Japan 2016)
Regie: Hideaki Anno u. Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Kamera: Kosuke Yamada
Schnitt: Atsuki Sato u. Hideaki Anno
Musik: Shirō Sagisu
Darsteller: Hiroki Hasegawa (Rando Yaguchi), Yutaka Takenouchi (Hideki Akasaka), Akira Emoto (Ryuta Azuma), Satomi Ishihara (Kayoko Ann Patterson), Ren Ôsugi (Premierminister Seiji Okochi), Kyûsaku Shimada (Außenminister Katayama), Ken Mitsuishi (Bürgermeister Kozuka), Jun Kunimura (Stabschef Masao Zaizen), Kimiko Yo (Verteidigungsminister Reiko Hanamori), Kazuo Hara, Shin’ya Tsukamoto, Akira Ogata (Biologen) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG-Medien
Erscheinungsdatum: 04.08.2017
EAN: 4013549089838 (DVD)/4013549087711 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Japanisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 116 min. (Blu-ray: 120 min.)
FSK: 12

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

Kong: Skull Island

Cloverfield

Formicula

Trollhunter