Musiker Tom entdeckt im Keller eine Hand, die aus dem Boden wächst. Allmählich folgt ihr ein junger Mann, Archie, der seinen ‚Gastgeber‘ in Lebensfragen und Liebesdingen berät. Doch Tom gerät durch die hübsche Veronica in eine Lebenskrise und lässt seine bisher unterdrückte dunkle Seite durchscheinen … – Zwar ohne Budget, aber mit vielen Ideen realisierte, höchst absurde Mischung aus Liebesgeschichte, Mystery-Story und Komödie mit Musical-Einlagen; gut gespielt aber mit Längen: interessant, doch nur manchmal wie gewünscht zündend.

Das geschieht:

Als Musiker ist Tom mit seinen gefühlvollen Liebessongs so erfolglos, dass er gerade aus einem Cafe gefeuert wurde, in dem er ohne Bezahlung singen durfte. Da kommt ihm das Angebot des einarmigen Vernon gerade recht, der jemanden sucht, um das verkommene Haus seiner Tante zu entrümpeln. Die haust im ersten Stock und lässt sich nie blicken, was leider nicht auf den zudringlichen Untermieter Philip zutrifft, der genügsam und zufrieden im Garten des Tanten-Hauses in einem winzigen Wohnwagen haust, seit er nach dem Mord an seinem tyrannischen Teddybären zum freien Mann geworden ist.

Als Tom eines Tages im Keller aufräumt, stößt er auf eine Hand, die aus dem nicht gepflasterten Boden ragt. Bald gedeiht sie zum Arm und signalisiert per Taubstummen-‚Sprache‘, dass sie gefüttert werden möchte. Entsetzt und fasziniert zugleich tut Tom, wie ihm geheißen, und Archie bricht aus der Erde. Er kann sprechen und wird Toms bester – und einziger – Freund, mit dem er seine zahlreichen Probleme besprechen kann, auch wenn es Archie, der zwar weiter aus dem Boden wächst, aber noch mit ihm verwurzelt bleibt, notgedrungen an persönlicher Lebenserfahrung fehlt.

Kompliziert wird die Situation, als sich Tom in Veronica, Philips hübsche Freundin, verliebt. Sie erwidert die Zuneigung und lässt sich von ihm das Gitarre-Spiel lehren. Leider sind weder Tom noch der zusehends misstrauische Philip die einzigen Männer in Veronicas Leben. Tom gerät in eine emotionale Krise und beginnt hässliche Charakterzüge zu entwickeln, während im eifersüchtigen Philip der Wahnsinn neu erwacht. Als Veronica spurlos verschwindet, kommt der Tag, an dem die Gefühle überkochen. Tom wird Philip ein würdiger Gegner – und Archie ein furchtbarer Freund …

Eine musikalische Horror-Komödie?

Graham und Garett Ratliff sind sichtlich zwei engagierte Filmemacher am Beginn ihrer Karriere: Sie haben kein Geld, aber sie bersten vor Ideen. Mit dem „Growing-Out“-Plot – ein Mensch wächst aus der Erde – beschäftigen sie sich schon seit Jahren, wie ein früher, den Features beigefügter Kurzfilm belegt. Weder Graham noch Garett waren fähig oder willens zu akzeptieren, dass die Minutenkürze ihrer Story am besten zuträglich ist.

Ihnen fehlen Erfahrung und Disziplin, die zentrale Idee zu einer stringenten Geschichte zu formen. Doch der erste Langfilm ist für jeden Filmemacher der heilige Gral – ein Projekt, mit dem er sich als ‚richtiger‘ Regisseur oder Drehbuchautor fühlen kann. Gänzlich bei Null beginnen wollten die Ratliffs offensichtlich nicht. Sie polsteten ihren Leib-und-Magen-Plot deshalb durch neue Handlungsstränge auf. „Growing Out“, der fertige Film, weist nun eine deutliche Episodenstruktur auf. Die Story von Archie, der im Keller buchstäblich vegetiert, sinkt zu einem Sub-Plot herab. In den Vordergrund schieben sich immer wieder die Psychogramme einiger bizarr gepolter Figuren sowie eine seltsame Liebesgeschichte. Hinzu kommen mehrere Softrock-Songs bzw. Balladen, die den ohnehin merkwürdigen Film um Musical-Elemente bereichern – oder ihm den Rest geben; die Entscheidung überlassen die Ratliffes vertrauensvoll (oder frech) ihrem Publikum.

Der Zuschauer ist irritiert – und vorsichtig: Gut, dieser Film wirkt vielleicht wie ein großer Haufen Bockmist. Es könnte sich jedoch auch um Kunst handeln. Allzu hält man sich im Urteil zurück, um nicht als Banause und Dummkopf dazustehen. Schließlich hat man sich einst auch über David Lynch gewundert, und über ihn und sein Werk werden heute gelehrte und sehr dicke Bücher geschrieben.

Rätsel oder Ratlosigkeit?

Wird „Growing Out“ also zugänglicher, wenn wir die Geschichte nicht simpel als solche hinnehmen – was möglich ist -, sondern uns aufs Dechiffrieren vorgeblicher Symbole und Rätsel einlassen? Ansätze für einen geheimen Kontext lassen sich durchaus und zahlreich entdecken. Da ist vor allem das Motiv des verlorenen Arms oder Fingers, das sich durch den gesamten Film zieht: Vermieter Vernon fehlt ein Unterarm; von Archie sehen wir zunächst nur den Arm durch den Kellerboden brechen; Veronicas psychotischer Freund hat ihr einen Ringfinger abgeschnitten; Philip foltert Archie auf die gleiche Weise, als er nach Veronica sucht.

Sinnieren wir weiter: Wie mag Vernon seinen Arm verloren haben? Hat er im Keller des Hauses ‚gesät‘? Weiß er mehr, als er zugeben mag – beispielsweise über die Schicksale von Toms Vorgängern, die mehrfach düster angedeutet werden? Welche Rolle spielt Philip, und darf er deshalb im Garten hausen? Warum weigert sich Tante Elora, den ersten Stock zu verlassen?

Die Ratliffs geben keine Antworten. Vielleicht haben sie keine. Doch zumindest der nach der ersten halben Filmstunde noch wache Zuschauer fordert sie ein, sucht zunehmend verzweifelt nach ihnen. Wenn das Geschehen angemessen absurd ausgeklungen ist, schlussfolgert zumindest dieser Rezensent, dass „Growing Out“ vor allem ein großer Spaß für die vor und hinter der Kamera Beteiligten war und sein sollte, die in der langen Zeit der Vorbereitung und des Drehs nach Herzenslust ausprobierten, was ihnen durch die Köpfe ging.

Dabeisein ist alles!

Zumal diese Dreharbeiten offenbar auch eine Art Clan-Treffen gewesen sind: In den Credits stolpert man immer wieder über Mitglieder der Familie Ratliff. Ansonsten rekrutierten sich die Filmhandwerker aus einem semi-professionellen Umfeld. So arbeiten Kulissenbildnerin und Kamerafrau bevorzugt für experimentelle Filme weit jenseits des Mainstreams, womit sie sich im „Growing-Out“-Team sehr wohl gefühlt haben dürften.

Die Schauspieler sind entweder schon ein wenig älter (Michael Hampton) oder noch sehr jung (Devon Iott), stehen aber gleichermaßen noch am Beginn ihrer Karrieren, so sich ihre darstellerischen Einsätze zu solchen fügen werden. Obwohl sie insgesamt ebenso ratlos über Sinn oder Unsinn des Drehbuchs sind wie der Zuschauer, geben sie ihr Bestes und sind in ihren Rollen überzeugend. Hampton ist gleichzeitig Mitleid erregend und erschreckend als verhaltensgestörter Tom, der nicht nur der nette Loser mit der Gitarre ist, sondern ganz andere Saiten aufziehen kann, wird er gar zu sehr gereizt.

Ryan Sterling meistert die obskure Archie-Rolle nicht unbedingt mit Bravour, bemüht sich aber intensiv im Rahmen eines Drehbuchs, das absichtlich offen lässt, wie die Existenz des Keller-‚Gewächses‘ begründet werden könnte. Devon Iott verbirgt unter ihrer kalifornischen Strand-Schönheit sehr egoistische und manipulative Züge. Ben Bowden spielt mit dem politisch unkorrekten Unbehagen, den sein verstümmelter Arm auslöst, indem er ihn nicht verbirgt, sondern absichtlich zur Schau stellt.

Die darstellerische Glanzleistung in diesem Film bietet jedoch Chase Hemphill, der anders als Tom dem Wahnsinn nicht allmählich verfällt, sondern von Anfang an gleichzeitig nett, aufdringlich und irre ist und das auf eine trügerisch ruhige Art vermittelt, die bereits durchscheinen lässt, was sich schließlich Bahn brechen wird.

Noch ist kein Meister vom Film-Himmel gefallen

„Growing Out“ ist auch deshalb als Werk von Anfängern erkennbar, weil der Rohschnitt zu unentschlossen zum Film verarbeitet wurde. Zwar fielen bereits viele Szenen der Schere zum Opfer – wir sehen sie in den DVD-Features -, doch „Growing Out“ ist mit 105 Minuten immer noch deutlich zu lang. Viele Szenen treten auf der Stelle, bieten gute Separat-Darstellungen, stehen aber außerhalb des Geschehens. Die Ausrede beabsichtigter Rätselhaftigkeit zieht in diesen Fällen nicht.

Unschön ist die Diskrepanz zwischen einer in ihrer Mischung aus „Psycho“-Haus und Vorstadt-Ödnis wunderbar verkommenen Kulisse und den gelbstichigen, oft unscharf wirkenden Bildern. Falls sich auch dahinter eine Bedeutung verstecken sollte, bleibt sie jedenfalls dort, wo sie ist: im Verborgenen.

Dass Tom als Liedermacher kein Bein auf die Erde bekommt, ist übrigens verständlich: Er fabriziert Kuschel-Rock der übelsten Sorte – oder meinen die Ratliffs dies ironisch? Sollen diese Songs Toms Sehnsucht nach einer heileren Welt als der symbolisieren, in die es ihn verschlagen hat? So kommt man wieder auf die Rätsel-Schiene – oder resigniert an der Herausforderung eines Films, der weder Fisch noch Fleisch ist, sondern vor allem ein wenig verdächtig wirkt, was seine Genießbarkeit betrifft …

DVD-Features

„Growing Out“ ist ein Projekt, das die Ratliff-Brüder mehrere Jahre beschäftigt hat. Sie haben zwar wenig Geld aber viel Herzblut in ihren Film gesteckt. Über die Schwierigkeiten, ihn zu realisieren, und den Spaß, den alle Beteiligten beim Dreh hatten, gibt sowohl ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen als auch ein in zahlreiche Featurettes aufgesplittertes „Making of“ Auskunft. Es lässt nicht nur den Regisseur, den Drehbuchautoren, die Kamerafrau oder die Ausstatterin zu Wort kommen, sondern auch die Schauspieler. Dabei interessieren weniger die gegenseitigen Lobpreisungen – obwohl selbst diese hier ehrlicher klingen als in solchen Interviews üblich – als die Aufnahmen, die diese Männer und Frauen bei den Dreharbeiten zeigen, wenn sie sich nicht auf die dokumentarisch beobachtende Kamera konzentrieren, sondern quasi nebenbei Auskunft über ihre Tätigkeiten geben.

So komplettiert sich das Bild einer Low-Budget-Produktion, die den Geldmangel mit großem Einfallsreichtum und enormem individuellen Einsatz wettmacht. Mit simplen aber gut ausgedachten Mitteln werden ungewöhnliche Effekte wie der aus dem Boden wachsende Archie realisiert. Aufnahmen vom Casting zeigen Darsteller, von denen nicht nur Schauspiel, sondern auch Gesang gefordert wird. Weitere Ausschnitte belegen die umfangreichen Proben, die dem eigentlichen Dreh vorausgingen. Hier wurde das Drehbuch in der ‚Realität‘ getestet und bei Bedarf verändert. Im Rahmen dieses Verfahrens entstanden zahlreiche Szenen, die keinen Eingang in die endgültige Filmfassung fanden („Deleted Scenes“). Hinzu kommen die üblichen Outtakes, die Zwischenfälle beim Dreh sowie verpatzte Szenen dokumentieren und wie üblich nicht wirklich komisch sind.

Abgerundet werden die DVD-Features durch jenen schon erwähnten Kurzfilm, der die Jahre später durch „Growing Out“ aufgenommene Story vorwegnimmt.

Anmerkung: Hierzulande wurde dieser Film bereits 2010 unter seinem Originaltitel veröffentlicht. Ein Verkaufserfolg wurde er nicht, weshalb der offensichtlich weiterhin zahlenstarke Stapel verbliebener Rest-DVDs hoffnungsfroh umgetitelt und unter ein ahnungsloses Publikum geworfen wird. Aus „Growing Out“ wurde so 2015 „Shocking Room“ und nun „Shocking Basement“. Helfen wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder nicht …

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Shocking Basement
Originaltitel: Growing Out (USA 2009)
Regie: Graham Ratliff
Drehbuch: Garett Ratliff
Kamera: Kate Sobol
Schnitt: Graham Ratliff, Garett Ratliff, Kate Sobol u. Matthias Schubert
Musik: Jason De Meo u. Garett Ratliff
Darsteller: Michael Hampton (Tom), Ryan Sterling (Archie), Devon Iott (Veronica), Chase Hemphill (Philip), Ben Bowden (Vernon), Davis Jaye (Mann in Schwarz), Bill Devlin (Manager), Eric Toms (junger Mann), Stephanie Skewes (junge Frau)
Label: AE Studio
Erscheinungsdatum [Repack]: 25.09.2017 (DVD)
EAN: 4260110585408 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min.
FSK: 18

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