stolz-vorurteil-zombiesObwohl England im 19. Jahrhundert von Zombies überrannt wurde, geht das Leben weiter. Mr. und Mrs. Bennett versuchen ihre fünf Töchter zu verheiraten. Die energische Elizabeth beharrt auf ihrer Unabhängigkeit, verliebt sich in einen Schurken und besinnt sich eines Besseren, als ein Großangriff der Untoten London erschüttert und die Familie in Lebensgefahr bringt … – Der als Buch sehr erfolgreiche „Mash-up“ zwischen Hochliteratur und Horror offenbart als Film sein beschränktes Potenzial. Das Drehbuch ist schwach, der Schnitt verworren, die Effekt bescheiden, was auch die guten Darsteller nur bedingt ausgleichen können: Flachwitz mit Zündproblemen.

Das geschieht:

1811 plagen Mr. und vor allem Mrs. Bennett schwere Sorgen: Fünf Töchter haben sie in die Welt gesetzt, die sämtlich noch unverheiratet = unversorgt sind: Stirbt der Vater, geht das Familiengut an den einzigen männlichen Erben, einen Cousin der Schwestern. Als sich deshalb Mr. Bingley, ein ebenso vermögender und gutaussehender sowie lediger Jungmann, auf dem Nachbar-Landsitz niederlässt, lässt Mrs. Bennett sogleich einen Kuppelplan anlaufen: Tochter Jane soll Mr. Bingley heiraten, während Elizabeth Cousin Parson Collins ehelichen und somit das Familiengut retten soll.

Allerdings ist Elizabeth eine zeituntypisch selbstbewusste Frau, die an ihrer Seite nur einen Mann dulden will, den sie achten und lieben kann. Dies könnte Leutnant George Wickham sein, der sich als Kandidat vorteilhaft ins Bild setzt. Verachtung bringt Elizabeth dagegen Colonel Fitzwilliam Darcy entgegen, der die Bennetts für Emporkömmlinge hält und seinen Freund Bingley vor einer Verbindung warnt.

Als ob diese Verwicklungen nicht bereits komplex genug wären, tritt aktuell auch der Kampf gegen die Zombies in eine heiße Phase. Der Untod hatte England als Seuche aus den Kolonien erreicht. London ist eine belagerte Stadt. Dennoch konnten einzelne Adelssitze auf dem Land wieder besiedelt werden. Die Bedrohung durch die Zombies ist jedoch weiterhin allgegenwärtig, weshalb die fünf Bennett-Schwestern gut ausgebildete Kämpferinnen sind.

Neuerdings scheinen die Untoten planvoll gegen die Lebenden vorzugehen. Sie haben ihre Intelligenz keineswegs verloren, obwohl sie nach Menschenfleisch gieren. Offenbar hat sich ein kluger Kopf zum Anführer der Untoten aufgeschwungen. Diese rüsten zum finalen Sturm auf die Bastionen der Lebenden. Die Bennett-Schwestern geraten ins Getümmel, dem sich vor allem Elizabeth stellen muss …

Scheinbar eine gute Idee …

Man nehme zwei Genres, die so weit wie möglich differieren, um sie dann doch miteinander zu vereinen. Das Ergebnis ist – falls es gelingt – ein Werk, das die Vorzüge beider Vorgaben bewahrt und in der Gemeinsamkeit auf ein neues, bizarres und unterhaltsames Niveau hebt.

Grundsätzlich hatte es Seth Grahame-Smith also richtig gemacht, als er beschloss, Jane Austens literarischen Klassiker „Pride and Prejudice“ (1813; dt. „Stolz und Vorurteil“) vor historischen Kulissen nachzuerzählen, in denen waschechte Zombies ihr Unwesen trieben. Der pointierte Feingeist des Austen-Romans und der grobe Horror menschenfleischfressender Untoter widersprechen einander so heftig, dass die Zusammenführung spannend werden konnte.

Aus Marketing-Sicht war „Pride and Prejudice and Zombies“ (2009; dt. „Stolz und Vorurteil & Zombies“) in der Tat ein Erfolg = ein Bestseller, der zahlreiche Leser fand, die – so muss man es nüchtern beurteilen – vor allem witzig finden WOLLTEN, was ihnen Grahame-Smith präsentierte. Der Autor und die Werbung profitierten von einem Roman, der als klassisches Meisterwerk galt aber vergleichsweise selten gelesen wurde und dem Publikum mehrheitlich durch Kino und Fernsehen präsent war. Der Blick in den Austen-Text dürfte viele potenzielle Leser/innen ernüchtern, ist er doch Zeugnis einer Welt, die sich in zwei seither verstrichenen Jahrhunderten deutlich weitergedreht hat.

Reim dich – oder ich leim dich!

Austen war Frau in einer von Männern bestimmten Gegenwart. Als solche hatte sie sehr eingeschränkte Selbstbestimmungsrechte und war gleichzeitig gefangen in einem Geflecht ungeschriebener aber strenger gesellschaftlicher Normen und Regeln, die auch die Männer keineswegs verschonten. Schon der erste Satz von „Stolz und Vorurteil“ weist auf die Folgen hin: „In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss …“

Innerhalb eines Dickichts aus Vorschriften, Vorurteilen und verletzten Gefühlen entspinnt sich die komplizierte Liebesbeziehung zwischen Elizabeth Bennett und Mr. Darcy, deren Ausgang weniger über ihr Glück, sondern vor allem über ihre ökonomische Zukunft entscheiden wird. Die „love story“ wird zum Minenfeld, auf dem jede Bewegung bzw. jede Äußerung bedacht und abgewogen werden muss. Eine falsche Entscheidung zeitigt nachhaltige Folgen: Daraus bezieht der Roman seine Grundspannung. Grahame-Smith übernahm dieses Konzept und bettete es in seinen Zombie-Horror ein. Dabei achtete er durchaus darauf, Austen Genüge zu tun. Es gelingt ihm vor allem dort, wo er deutlich machen kann, dass nicht einmal die Untoten für eine Aufweichung des erstarrten Systems sorgen. Man arrangiert sich und macht weiter wie bisher.

Der Film kann dies unterstreichen, wenn eine große Aussprache zwischen Elizabeth und Darcy zwar halbwegs dem O-Ton folgt, während die beiden sich tüchtig prügeln. Allerdings muss man solche Gags lustig finden, weil der Humor an keiner Stelle tiefgründiger ist. „Stolz und Vorurteil & Zombies“ ist modernes Popkorn-Kino, das fleißig zitiert und gewandten Spott über allzu hehre Vorbilder primär behauptet, statt die ohnehin nur manchmal herausgestellten Schwächen durch echten Witz zu ersetzen. Generell wirkt Drehbuchautor (und Regisseur) Burr Steers damit überfordert, Jane Austen und Zombies nach Vorbereitung durch Seth Grahame-Smith zu verschmelzen: Beide finden nicht zusammen, sondern widersprechen auch deshalb einander, weil Steers die Story zwischendurch ernst zu nehmen scheint oder sich in tragischen Momenten versucht, was die Holprigkeit des Erzählflusses ungut fördert.

Fehlt da was?

„Stolz und Vorteil & Zombies“ weist eine jener Entstehungsgeschichten auf, die im Making-of zum Film durch besonders gut frisierte ‚Interview‘-Lügen vertuscht werden müssen, um das potenzielle Publikum täuschen = zum Besuch oder Kauf besagten Films locken zu können. Ganz offensichtlich wurde das während der Dreharbeiten entstandene Material vor allem im Schnittraum zum finalen Werk verleimt. Dabei kam es zu logischen Brüchen und Lücken, die selbst das Schnellzugtempo des Geschehens nicht verbergen kann.

So gerät Jane Bennett während eines Ausritts unter Zombies. Nachdem sie einen klobigen Leichnam ausgeschaltet hat, folgt sie verdächtigen Geräuschen und steht plötzlich vor einer Zombie-Mutter mit ihrem Zombie-Baby. „Oh, Gott!“, ruft Jane aus, dann wird abgeblendet – und nie wird diese Episode erläutert oder ist für die Handlung relevant. Ebenfalls rätselhaft: Die Tochter der Lady Catherine de Bourgh ist offenkundig eine Untote. Auch dies wird nicht thematisiert. Oder: Die Bürger von England haben sich hinter Festungsmauern und Zäunen verschanzt. Trotzdem schicken sie ihre Söhne und Töchter nach Japan und China (!), um dort östliche Verteidigungskünste lernen (!!). Wenn solche Weltreisen möglich sind, sollte man der Zombies im eigenen Land eigentlich schnell Herr werden!

Das sind nur Fehler, die nicht auf den Plot selbst zurückgehen, dessen Absurdität ihn als Filmidee keineswegs ausschließt. Dennoch sollte man innerhalb der geschaffenen Welt auf Kontinuität und Anschlüsse achten. In der zweiten Filmhälfte verliert Steers die Übersicht. Die Ereignisse überschlagen sich und rasen als wüstes Lawinengemenge einem kraftlosen Final-‚Höhepunkt‘ entgegen. Krieg mit den Zombies? Wieso eigentlich, da die sogar verhandeln wollen? Hatte Steers ursprünglich vor, den Untoten mehr Handlungsrelevanz zu verschaffen? Dabei hätte er bleiben sollen, denn nun könnten die Zombies leicht durch Dinosaurier, Geister oder jede andere Bedrohung ersetzt werden.

Viele Fragen bleiben offen; vermutlich sollten sie in einer Fortsetzung beantwortet werden. (Die kündigt eine zusätzliche Szene innerhalb der ablaufenden Schlusstitel an.) Dazu kommen wird es wohl nicht: Obwohl „Stolz und Vorurteil & Zombies“ mit 28 Mio. Dollar moderat budgetiert war, spielte der Film an den Kinokassen nur knapp 17 Mio. wieder ein. Die Verquirlung von ‚hoher‘ und ‚trivialer‘ Kultur war nicht so franchisetauglich, wie es sich risikoscheue Produzenten nach dem erfolgreichen „Abraham Lincoln: Vampirjäger“ – entstanden 2010 ebenfalls nach einem Roman von Grahame-Smith – gedacht und gewünscht hatten.

Kostüme, Umhänge, Stichwaffen

Dass „Stolz und Vorurteil & Zombies“ eine Sparstrumpf-Produktion ist, wird rasch offenbar. Die Handlung spielt meist kostengünstig auf englischen Landsitzen, während London, der große Graben und die Grenzmauer digital und nicht gerade überzeugend ‚gebaut‘ wurden. Die Statisten bleiben in den Massenszenen überschaubar, und wenn Zombies niedergemacht werden, geschieht dies meist im Kamera-Off. Das schont die Börse und sorgt für eine möglichst niedrige Altersfreigabe, was wiederum die Kundenschar vermehrt. Um die härter gesottenen Horror-Fans nicht gänzlich zu verärgern, darf hin und wieder ein Zombieschädel platzen, was aber (außer für den betroffenen Untoten) folgenlos bleibt; überhaupt bleiben die Kleider der Darsteller trotz zahlreicher Metzeleien erstaunlich fleckenfrei. Die Zombie-Masken sind peinlich, wenn man sie mit den Untoten aus „The Walking Dead“ vergleicht.

Einmal mehr muss man die Schauspieler bemitleiden. Steers hat fähige Männer und vor allem Frauen vor die Kamera geholt, weiß aber mit ihren Fähigkeiten wenig anzufangen. Vielleicht ist „Schauspiel“ in diesem Story-Umfeld ohnehin sekundär; „vielleicht“ schreibe ich deshalb, weil man es durchaus zur Kenntnis nimmt, wenn Schauspiel zwischendurch kurz aufblitzt. Matt Smith ist wunderbar als beschränkter, heiratswütiger aber nicht auf eine bestimmte Bennet-Schwester festgelegte Pfarrer Parson Collins. Sally Phillips schafft die Gratwanderung als liebevolle Mutter, die eisern entschlossen ist, ihre Töchter unter die Hauben zu bringen.

Lena Headey taucht erst nach einer Filmstunde auf und hat auch dann wenig zu tun bzw. viel Klischee-Stroh zu dreschen. Mit den Bennett-Schwestern Lydia, Mary und Kitty weiß Steers wenig anzufangen; er konnte sie nicht streichen, weil Jane Austen sie ihm ins Nest gelegt hatte. (Auf dem Plakat zum Film sehen wir folgerichtig nur Elizabeth und Jane.) Lily James schlägt sich als Elizabeth wacker in der Rolle der anachronistisch feministischen, zarten aber kampflustigen Frau, die zwar (buchstäblich) Arschtritte austeilt und Zombies killt, um letztlich doch Mr. Right zu suchen und zu finden. Dass Elizabeth zwischen zwei Galanen schwankt, die von Sam Riley (Mr. Darcy) und Jack Huston (Lt. Wickham) mehr verkörpert als dargestellt werden, darf man nicht ihr zum Vorwurf machen.

Zu viel gewollt und zu oft gefehlt: Dieses Gesamturteil fällt nach 107 turbulenten, nicht zwangsläufig langweiligen, sondern oft unterhaltsamen, farbenprächtig in scharfe und kontraststarke Bilder umgesetzten Minuten. „Stolz und Vorurteil & Zombies“ scheitert an der Flüchtigkeit des Gesamtentwurfs und der Unentschlossenheit im Detail – und an einer Idee, die einfach besser klingt als die Umsetzung ist oder sein kann, weshalb dieser Film erschütternd zielsicher an sämtlichen Zielgruppen vorbei ins Leere schießt!

Anmerkung:

Autor Steve Hockensmith schrieb 2010 bzw. 2011 sowohl ein Prequel („Pride and Prejudice and Zombies: Dawn of the Dreadfuls”) als auch ein Sequel („Pride and Prejudice and Zombies: Dreadfully Ever After”) zu Grahame-Smithes Roman. Wenig erfolgreich war 2009 der von Ben H. Winter verfasste, ebenfalls an Jane Austin orientierte Mash-up „Sense and Sensibility and Sea Monsters“.

DVD-Features

Während man die „Interviews mit Cast & Crew“ bezüglich ihrer ‚Informationen‘ mit der üblichen Vorsicht genießen (oder überspringen) sollte, erregen acht aus der Endfassung gestrichene Szenen mehr Interesse. Gedreht wurde u. a. ein Tanz, den Elizabeth und Darcy in einen Geschlechterkampf verwandeln, ohne dabei einen Schritt falsch zu setzen. Außerdem kann man Bennet-Schwester Mary bei einem ohrenbetäubenden Gesangsvortrag oder Darcys Schwester Georgina dabei beobachten, wie sie Zombie-Felle mit einem Kricket-Schläger gerbt. Im Film vermisst man diese Szenen nicht; tatsächlich hätte man noch mehr schneiden können und sollen.

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Stolz und Vorteil & Zombies
Originaltitel: Pride and Prejudice and Zombies (USA 2016)
Regie u. Drehbuch: Burr Steers (nach dem gleichnamigen Roman von Seth Grahame-Smith)
Kamera: Remi Adefarasin
Schnitt: Padraic McKinley
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Lily James (Elizabeth Bennet), Sam Riley (Colonel Fitzwilliam Darcy), Bella Heathcote (Jane Bennet), Ellie Bamber (Lydia Bennet), Millie Brady (Mary Bennet), Suki Waterhouse (Kitty Bennet), Sally Phillips (Mrs. Bennet), Charles Dance (Mr. Bennet), Douglas Booth (Mr. Bingley), Matt Smith (Parson Collins), Emma Greenwell (Caroline Bingley), Jack Huston (Lt. George Wickham), Lena Headey (Lady Catherine de Bourgh), Aisling Loftus (Charlotte Lucas), Dolly Wells (Mrs. Featherstone) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 28.10.2016
EAN: 0888751906594 (DVD)/888751906693 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 104 min. (Blu-ray: 107 min.)
FSK: 16

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Abraham Lincoln – Vampirjäger