Mysteriöse Ereignisse zwingen einen jungen Mann, sich mit seinem erstarrten Leben auseinanderzusetzen. Was als Flucht vor Gewalt und Gefahr beginnt, geht in eine Reise über, die ihn mit den Fehlern der Vergangenheit konfrontiert, und endet im Kampf um seine Seele … – Sehr ambitionierte, komplex gestaltete, gut besetzte und aufwändig in Szene gesetzte Mischung aus Mystery, Horror und Drama, deren schwer nachvollziehbare Handlung fasziniert, bis das Finale offenbart, dass die einzelnen Elemente sich nicht wirklich zueinander fügen. Als Alternative zur konventionellen Hollywood-Kost lohnt „Storm“ das Anschauen freilich allemal.

Das geschieht:

Donny Davidson lebt in Stockholm das scheinbar ausgefüllte Leben eines Livestyle-Journalisten, der in den angesagten Clubs der schwedischen Großstadt alle und jede/n kennt. Privat ist DD jedoch ein einsamer Mann, der sich seiner Familie entfremdet hat und nur oberflächliche Freundschaften pflegt.

In einer stürmischen Winternacht ändert sich sein Leben grundlegend, als die schöne Lova, verfolgt von unmenschlich anmutenden, brutal zuschlagenden Gestalten, in sein Taxi springt, ihm Verfolgung und Gefahr ankündigt, bevor sie ihre Flucht fortsetzt. Als Donny in seine Wohnung zurückkehrt, wird er dort wenig später von Lovas Häschern sowie ihrem Auftraggeber, dem brutalen „Wächter“ überfallen, kann aber samt Würfel entkommen.

Ratlos irrt Donny durch Stockholm. Eine von Lova hinterlassene Kontaktadresse erweist sich riesige Halle, in der sich unzählige PC-Spieler in einem Game messen, unter dessen Figuren Donny erstaunt Lova erkennt. Eine geheimnisvolle Frau überreicht ihm einen Metallwürfel. Unmittelbar darauf wird sie von den Schergen des „Wächters“ ermordet. Als Donny sich Hilfe suchend an die Polizei wenden will, muss er erkennen, dass man ihn als Mörder sucht.

Er kann fliehen und trifft erneut auf Lova, die ihm weitere kryptische Andeutungen macht. Donny ist in einen Kampfes um den Würfel verwickelt, der in einer matrixähnlichen Parallelwelt begann und in der Realwelt ausgetragen wird. Wie er in diese Situation geraten konnte, ist ihm unbekannt. Dies herauszufinden ist jedoch der Schlüssel zu den Ereignissen sowie zu seiner Rettung …

Nur scheinbar simple Story

Es beginnt als Horror, geht über in eine Großstadt-Komödie, entwickelt sich zum Thriller, scheint dann endgültig für Mystery überzugehen und entpuppt sich plötzlich als Drama, ohne freilich die zuvor aufgelisteten Genres außer Acht zu lassen: „Storm“ lässt schon als Handlungsskizze Ambitionen erkennen, was von der Inszenierung eindrucksvoll unterstrichen wird. In einem beispielhaften „Making-of“ (mehr dazu weiter unten) erläutert das Regie-Duo Måns Mårlind und Björn Stein die Intention, die hinter ihrem Film steckt; das ist nicht nur informativ, sondern auch bitter nötig, weil der Zuschauer eher ratlos zurückbleibt, ist nach stolzen 111 Minuten das Ende des Films erreicht.

Handlung und Stil bilden in „Storm“ eine bemerkenswerte Einheit, ohne dass dadurch verständlicher würde, worum sich die Geschichte eigentlich dreht. Mårlind & Stein versichern gleich mehrfach, dass sie ohne Tricks und doppelte Böden erzählt wird und exakt von dem handelt, was man sich (eventuell) zusammenreimt: „Storm“ beschreibt die Suche eines Mannes nach seiner verlorenen Seele. Der „Wächter“ und Lova visualisieren die Kräfte, die ihn davon abhalten bzw. darin bestärken wollen.

So einfach ist es also. Lässt man den Film allerdings vor dem inneren Auge noch einmal Revue passieren, zerfällt er in diverse Elemente, die nicht recht zusammenpassen. Auch das ist nach Auskunft der Regisseure so gewollt – man habe sich absichtlich von der üblichen Genrekost abkoppeln wollen, die eine Geschichte stringent so ablaufen lässt, dass sie sich problemlos selbst dann verfolgen lässt, wenn Zuschauers Linke in der Popcorn-Packung schaufelt, während die Rechte das Handy hält. Lässt man sich darauf ein, bleibt doch die Frage, ob die oben skizzierte Story den Aufwand wirklich lohnt.

Auffällig künstlich = gewollt

Und Aufwand wurde hier vor und hinter der Kamera wahrlich betrieben! Jede Szene haben die Regisseure im Zusammenspiel mit der gesamten Crew vorab penibel durchgeplant. Vier Monate blieben beispielsweise dem Kameramann, bevor die eigentlichen Dreharbeiten begannen. Er wusste anschließend genau, wie er die komplexen Effekte realisieren konnte, die ihm das Drehbuch abverlangte. Schade, dass der filmtechnische Laie dies höchstens im Unterbewusstsein – wenn überhaupt – registriert: Das präzise Spiel mit Farbe, Schärfe und Licht dient nicht nur der Unterscheidung der unterschiedlichen Handlungsebenen, sondern vermittelt auch Stimmungen.

Hinter der makellosen Fassade treffen wir indes auf viele alte Bekannte. Für „Storm“ konnte und wurde das Rad nicht neu erfunden. ‚Inspirationsquellen‘ wie „Matrix“ und „Donnie Darko“ wurden von der Kritik immer wieder identifiziert. (Seltsamerweise scheint niemandem die Ähnlichkeit zu „Silent Hill“ aufzufallen.) Mit Hollywood können die Schweden nur bedingt mithalten. Das Budget mahnte zur Sparsamkeit – ein Manko, das immer wieder durch Ideenreichtum kompensiert werden konnte. Immerhin reichte es finanziell zu einer vollständig in CGI-‚Kulissen‘ gedrehten Szene – im schwedischen Kino 2005 keineswegs schon eine Selbstverständlichkeit.

Handwerklich gibt es an „Storm“ nichts auszusetzen. Man ahnt, dass das Finale keine Überraschungen bieten wird, folgt dem Geschehen aber neugierig. Die Auflösung ist happy, fast kitschig (auch wenn es einen perfekten Schlussgag gibt); auch hier geben die Regisseure zu bedenken, dass Film auch ‚modern‘ sein kann, wenn er sich nicht betont cool & zynisch gibt.

Schauspieler, nicht nur Darsteller

Das europäische Kino hat sich selbst im globalisierten 21. Jahrhundert noch nicht der Suche nach dem größten gemeinsamen Publikumsnenner ergeben. Der Verstoß gegen (auch dank Hollywood) eingefahrene Zuschauererwartungen ist ihm weiterhin eigen. Das lässt die Abwesenheit von Stars und perfekten Spezialeffekten allemal verschmerzen. „Storm“ glänzt jedenfalls mit einer fabelhaften Besetzung. Eric Ericson ist großartig als trauriger Mr. Cool, der dem oberflächlichen Glitzer trotz aller daraus resultierender Gefahren entschieden den Kampf ansagt, als sich ihm ein Ausweg bietet. Das wirkt glaubhaft, nachdem er seinen privaten Kreuzweg durch die Vergangenheit gegangen ist, und so weiß es Ericson uns zu vermitteln.

Jonas Karlsson, der in Schweden eher für leichte und humorvolle Rollen bekannt ist, gibt einen aasigen Versucher, der quasi einen Donny verkörpert, der seine Seele im Würfel verschlossen hält und sein gewohntes Leben fortsetzt. Er ist sehr überzeugend, wenn er mit Worten lockt und lügt, und erschreckend brutal, wenn seine Argumente nicht anschlagen.

Eva Röse muss sich zwar in ein Kostüm und unter eine feuerrote Perücke zwängen, die sie wie eine Mischung aus Melanie Griffith (in „Cherry 2000“), Milla Jovovich (in „Das fünfte Element“) und Franka Potente (in „Lola rennt“) wirken lässt, weiß sich aber trotzdem in ihrer Rolle als schlagkräftige Seelenretterin zu behaupten. Sie ist kein hungerhakiges Modell, das die Powerfrau mimt, sondern wirkt ihrem Job bereits optisch gewachsen, was sie nachhaltig unter Beweis stellt. Ihr Gesicht mit seinen nordisch hohen Wangenknochen und den stark ausgeprägten Zügen, mit denen sie gute schauspielerische Arbeit leistet, macht sie erfreulich unverwechselbar.

Auch in den Nebenrollen kann „Storm“ überzeugen. Das ist vor allem dort wichtig, wo der erwachsene Donny seine beiden jüngeren Inkarnationen beobachtet. Sie müssen demonstrieren, wieso er zu dem unsympathischen, flachen Charakter wurde, den wir in der ersten Filmhälfte kennenlernen. Das kommt so gut herüber, dass es ziemlich überflüssig wirkt, Donny zusätzlich mit einer psychisch bedingten Schmerzunempfindlichkeit auszustatten. Solche Schläge mit dem Zaunpfahl verteilen Mårlind & Stein ansonsten nicht – und niemand vermisst sie.

DVD-Features

Über das, was dem Zuschauer als „DVD-Features“ zugemutet wird, hat dieser Rezensent schon oft geklagt. Schlecht verkappte Werbung und dummes Geschwätz werden in der Regel auf die Scheiben gebrannt. Hier ist das angenehm anders. Im Zentrum der Features steht ein einstündiges „Making-of“, das seinen Namen verdient. Die beiden Regisseure stellen ihr Werk inhaltlich wie formal ausführlich vor. Unterstützt vom Kameramann und weiteren Mitgliedern der Crew verdeutlichen sie am Beispiel von „Storm“, wie ein Film entsteht: als Zusammenspiel talentierter und inspirierter Fachleute.

Zusammen mit den Schauspielern werden sie nicht zu ‚Interviews‘ gezwungen, die sich in gegenseitigen Beweihräucherungen erschöpfen, sondern äußern sich gezielt über ihre Arbeit. Mit den Ansichten der Beteiligten muss man als Zuschauer nicht übereinstimmen, doch sie werden klar formuliert und verraten wiederum viel über das Filmemachen (ein schreckliches Wort!). Das „Making-of“ ist zudem großartig montiert. Aussagen und Bilder ergänzen einander vorbildlich. Hier haben sich abermals fähige Leute ihre Gedanken gemacht, wie die Entstehung von „Storm“ möglichst verständlich darzustellen ist.

Eine kürzere Sequenz zeigt das im „Making-of“ vorgestellte, für „Storm“ überaus wichtige Storyboard im Vergleich mit der daraus resultierenden Filmszene. Aufgrund der geteilten Leinwand (bzw. des Fernsehschirms) ist gut zu verfolgen, wie eng sich Mårlind & Stein an ihre Vorgabe halten und dadurch im Chaos der Dreharbeiten die Kontrolle behalten.

Aus diesem Grund wird klar verständlich, wieso die im Kapitel „Deleted Scenes“ gesammelten Szenen nicht in den Film kamen: Sie wurden sorgfältig gewogen und für die endgültige Fassung als zu leicht empfunden. Diesem Urteil kann sich der Zuschauer anschließen. Leider fällt es schwer, den auch dieses Mal klugen Kommentaren der Regisseure zu folgen. Im Gegensatz zum „Making-of“ gibt es hier unverständlicherweise keine deutsche Untertitelung. Mårlind & Stein bedienen sich zwar der englischen Sprache, doch dies mit einem Akzent, der auch einem Elch unterstellt werden könnte.

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Storm – Ist es ein Game oder die Wirklichkeit?
Originaltitel: Storm (Schweden 2005)
Regie: Måns Mårlind u. Björn Stein
Drehbuch: Måns Mårlind
Kamera: Linus Sandgren
Schnitt: Björn Stein
Musik: Carl-Michael Herlöfsson
Darsteller: Eric Ericson (Donny Davidson/DD), Eva Röse (Lova), Jonas Karlsson (Wächter/Mann im Anzug), Christian Hollbrink (Ronny Davidson), Adam Lundgren (Donny als Teenager), Oscar Åkermo (Donny als Kind), Niclas Larsson (Ronny als Kind), Sasha Becker (Helena), Jacqueline Ramel (Malin), Peter Engman (Taxifahrer), Matias Padin (Knugen), Karl Norrhäll (Jeppon), Sofia Hvittfeldt (Katta Davidson), Lina Englund (Assistentin), Mikael Fredriksson, Marcus Gummesson, Henrik Hofling (Killer) uva.
Label/Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.09.2007 (DVD)
EAN: 4041658221870
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Schwedisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 111 min.
FSK: 16

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