Der in der Wildnis gestrandete Hank findet den toten Manny, dessen Körper ihm gute Dienste im Kampf ums Überleben leistet; als Manny zu sprechen beginnt, muss sich Hank als sein Mentor bewähren und dabei diverse Lebenslügen enthüllen … – Die absurde Story ist Transportmittel für eine Beschäftigung mit der Frage, was im Leben wirklich wichtig ist; brillante, manchmal poetische Szenen wechseln mit Kalauern, während die Idee sich abnutzt: dennoch sehr witzig, schräg im eigentlichen Wortsinn sowie anrührend.

Das geschieht:

Hank sitzt nach einem Schiffbruch auf einer kleinen Pazifikinsel fest. Gerade will er sich das Leben nehmen, als die Flut eine Leiche auf den Sand wirft. Als Hank entdeckt, dass die im Körper gesammelten Faulgase eine enorme Energie entwickeln, zweckentfremdet er den Kadaver als Jet-Ski und kann damit das Festland erreichen.

Allerdings landet er an einem menschenleeren Strand und muss auf der Suche nach Rettung einen Urwald durchqueren. Die Leiche schleppt Hank mit; die Einsamkeit hat ihn geistig aus dem Gleis geworfen. Deshalb glaubt er zunächst an Einbildung und Wahnsinn, als der tote Mann zu reden beginnt: Er nennt sich „Manny“ und hat die Erinnerung an sein Leben verloren.

Eifrig stellt sich Hank der Verantwortung Manny zu lehren, was einen lebenden Menschen auszeichnet. Die Aufgabe ist kompliziert, denn Manny ist wie ein kleines Kind, das ohne Rücksicht auf Moral und Anstand Fragen stellt, die Hank oft peinlich sind. Doch er erkennt Mannys Unschuld und steht ihm Rede und Antwort.

Bald entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die dadurch gefestigt wird, dass Hank Mannys Leichenkörper als Wasserspender, Darmluftgewehr oder Lagerfeueranzünder verwenden kann. Deshalb weicht Hank nicht aus, als Manny den Sex entdeckt und das Bild einer schönen Frau auf Hanks Handy entdeckt. Der gaukelt Manny mitleidig vor, dies sei seine Freundin Sarah, an die er sich im Tod nicht mehr erinnern könne. Nun drängt es auch Manny zurück in die Zivilisation; er will Sarah wiedersehen.

Als es dem seltsamen Duo tatsächlich gelingt, den Wald hinter sich zu lassen, gerät Hank in Bedrängnis. Er hat Manny manche Lüge erzählt, um von seinem elenden Leben vor dem Schiffbruch abzulenken. Nun kommt die Stunde der Wahrheit sowie der Erkenntnis, dass die anderen Menschen Manny nicht so nett finden wie Hank …

Immer wenn man glaubt, schon alles gesehen zu haben …

Generell ist es nicht einfach, Menschen zum Lachen zu bringen. 99,9% aller Komiker stützen sich schon seit langer Zeit auf die Variation bekannter Scherze. Den Rahmen, in dem man sich dabei zu bewegen hat, geben u. a. Gesetz und Moral vor, was einen Spielraum ergibt, in dessen Grenzbereich vor allem wagemutige Scherzbolde sich immer wieder vorgewagt haben.

Im 21. Jahrhundert haben sich die Fesseln der Zensur immerhin soweit gelockert, dass „Komödie“ eine Form annehmen kann, die sich zumindest dort, wo jene Freiheit herrscht, die man gern mit der Demokratie verbindet, frei entfalten darf. Das Ergebnis ist weiterhin vor allem ein Spiel mit dem Bekannten. Hin und wieder entdeckt jemand aber einen Seitenweg, der über echtes Neuland führt. In unserem Fall gelang dies zwei Filmemachern, die sich die „Daniels“ nennen, weil sie denselben Vornamen teilen.

Daniel Scheinert und Daniel Kwan haben eine tatsächlich absurde Idee gehabt, die sie für 3 Mio. Dollar in Bild und Ton ausbrüten konnten. „Swiss Army Man“ lautet der Titel des einerseits gelungenen aber andererseits ins Schlingern geratenen Films, der besagter Idee mehr Handlung aufbürdet, als sie verkraften kann. Dass die Daniels dem Geschehen einen philosophischen Unterbau verpassen, der sich phasenweise als Streckbett entpuppt, ist eine weitere Last, die vor allem das letzte Drittel dieser Geschichte recht zäh geraten lässt.

Disput mit der peinlichen Unschuld

Die Idee ist übrigens bei Licht betrachtet doch nicht neu: Manny ist eine Leiche, woraus sich eine sehr spezielle Komik entwickelt, auf die weiter unten eingegangen wird. Gleichzeitig ist Manny der „reine Tor“, eine alte literarische Figur, die auch als Kind, Geistesverwirrter oder Außerirdischer auftreten kann und ein intelligentes Wesen symbolisiert, das die komplexen Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens nicht kennt und deshalb aneckt, ohne dies absichtlich oder gar bösartig zu wollen. (Eigentlich ist sogar die unschuldige Leiche schon dagewesen: Mary W. Shelley hat sie 1818 als Frankenstein-Monster nicht unbedingt erschaffen aber sie in einen Archetyp verwandelt.)

Die Komik entsteht, sobald dieser Figur ein Mentor zugesellt wird. Hier ist es Hank, der weiß, wonach Manny ihn hartnäckig fragt, aber aufgrund moralischer Zwänge und Ängste vor ‚ehrlichen‘, d. h. gründlichen Antworten zurückscheut. In der Regel geschieht dies im Zusammenhang mit Themen, über die ‚man‘ nicht spricht. Das betrifft (natürlich) den Sex, ebenso aber sämtliche Aspekte, die menschliche Körperausscheidungen beinhalten. Hier geht es primär um Darmwinde, die Manny oft und gern sowie im Übermaß produziert, was sie zweckentfremdend nutzbar macht.

Der Zuschauer wird zum lauschenden Dritten und durchaus zum Voyeur, wenn er verfolgt, worüber Hank und Manny sich unterhalten. Anfängliche Schwierigkeiten und Kommunikationsprobleme schwinden, nachdem Hank seine Hemmungen ablegt. Darin liegt nach dem Willen der Daniels eine didaktische Evolution, die sich dem Publikum mitteilen soll: Seid offen und ehrlich zueinander! Manny drückt es glücklicherweise weniger binsenweise aus: „Wenn du dich schämst, vor mir zu furzen: Was versteckst du noch vor mir?“ Damit trifft er ins Schwarze – einer jener erstaunlich zahlreichen Momente, in dem die Daniels ‚große‘ Wahrheiten ungemein anschaulich über alltägliche Profanitäten hart am Rand der Lächerlichkeit (oder jenseits davon) darzustellen wissen.

Eine Leiche für alle Fälle

Für weniger feingeistige Zuschauer gibt es eher drastische Gags, die diesem Zielpublikum auch deshalb so großes Vergnügen bereiten, weil sie sich damit von jenen abgrenzen können, die sie als Spießer = Spaßbremsen = [gewünschten Begriff bitte selbst einsetzen] ablehnen. Manny ist das menschliche Pendant zum Schweizer Armee-Taschenmesser, das für seinen Funktionsreichtum berühmt ist. Die Daniels legen in diesem Punkt einen bemerkenswerten Einfallsreichtum an den Tag, wobei der Witz durch seine Übersteigerung geadelt wird. Geht man diesen Weg weit genug, schlägt das Peinliche, Groteske und Ekelhafte irgendwann in existenzialistischen Nonsense (= die intellektuelle Interpretation) bzw. ins haltlos Lächerliche (= Reaktion der grölenden Mehrheit) um. Dazwischen bleiben ratlos jene auf der Strecke, die während der Präsentation von „Swiss Army Man“ auf dem „Sundance Film Festival“ 2016 angewidert und empört das Kino verließen. (Die Daniels wurden trotzdem als beste Regisseure ausgezeichnet.)

Allerdings muss man feststellen, dass die Idee kein Drehbuch trägt, das anderthalb Stunden Filmzeit unterhaltsam füllen könnte. In der zweiten Hälfte mehren sich die Szenen, in denen Hank und Manny durch (zweifellos sehr schöne) Wälder stapfen bzw. geschleppt werden. Manche Dialoge sind redundant oder schlicht sinnlos, selbst wenn die Daniels dies durch Musik und stimmungsvolle Bilder verbrämen wollen.

Vor allem fiel ihnen kein Finale ein, das der Handlung einen echten Abschluss geben konnte. Wiederum sollen Kritiker durch die forcierte Mehrdeutigkeit der Ereignisse eingeschüchtert werden: Womöglich gibt es doch einen Hintersinn; dann will ich nicht der Dummkopf sein, der ihn nicht erkannt hat! Zumindest dieser Rezensent geht das Risiko ein und erklärt, dass er trotz vieler bemerkenswerter, witziger und sogar emotionaler Szenen enttäuscht war, als die Schlusstitel anliefen.

Längst so viel mehr als Harry Potter

Ein Film wie „Swiss Army Man“ steht oder fällt mit seinen Darstellern. Die Daniels haben gut gewählt. Sowohl Paul Dano als auch Daniel Radcliffe gehen in ihren Rollen auf, was an beide enorme Anforderungen stellte; Peinlichkeit war beispielsweise überhaupt kein Ausschlusskriterium für diesen Film. Für Radcliffe kam das Handicap hinzu, praktisch bewegungslos zu ‚spielen‘. Nur durch Rede und Mimik – auch diese bleibt freilich eingeschränkt – muss er Manny erschaffen, der zwar eine verwesende Leiche aber dennoch eine liebenswerte Person ist.

Radcliffe gehört zu den wenigen Schauspielern, die sich nicht nur rasch, sondern auch völlig aus dem Schatten der einen Rolle gelöst haben, mit der sie berühmt wurden. Achtmal mimte er den Zauberlehrling Harry Potter in acht gewaltigen Blockbuster-Produktionen. Diese Rolle hätte sein Darsteller-Schicksal leicht aber gründlich besiegeln können. Stattdessen sucht und findet Radcliffe Rollen, in denen er sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen kann.

Paul Dano ist wie Radcliffe früh vor die Kamera getreten. Ohne Potter-Booster hat er sich ebenfalls einen guten Ruf als Schauspieler erarbeitet, den er durch zahlreiche Preise belegen kann. Als Hank Thompson muss er in „Swiss Army Man“ auf Radcliffes Exoten-Bonus als sprechende Leiche verzichten, ohne sich deshalb beiseiteschieben zu lassen: Hank ist das Gegengewicht zu Manny, weshalb man ihr Zusammenspiel mit großem Vergnügen selbst dort verfolgt, wo den Daniels – die auch das Drehbuch schrieben – alle guten Geister verlassen und sie tatsächlich peinlich weil platt werden. Auf diese Weise gelingt es Dano, selbst dem Flau-Finale (s. o.) Leben einzuhauchen, bis endlich der abermals erwachende Manny seinen Darm-Turbo anwirft und wie ein toter Wikingerhäuptling aufs offenem Meer hinaus- und dem Horizont entgegenrast.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es durchaus reiches Zusatzmaterial – Interviews, Blick hinter die Kulissen, eine Fragerunde mit den Daniels u. a. -, doch dies bleibt ausschließlich denen vorbehalten, die sich für den Erwerb der Blu-ray entscheiden.

Zur Einzel-DVD oder -Blu-ray) wird eine „3-Disc Limited Collector’s Edition“ als Mediabook angeboten. Die dritte Scheibe – eine CD – enthält den Soundtrack, der sich nicht auf das übliche Abnudeln verkaufstauglicher Oldies oder Rock-Routinen beschränkt: Die Daniels legten auf Musik zur Untermalung entsprechender Bilder so großen Wert, dass sie den Soundtrack schon vor Beginn der Dreharbeiten komponieren und einspielen ließen. Die Schauspieler konnten die Musik hören, was ihnen half, sich in die von den Regisseuren gewünschten Stimmungen zu versetzen.

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Swiss Army Man
Originaltitel: Swiss Army Man (USA 2016)
Regie u. Drehbuch: Daniels [= Daniel Scheinert u. Daniel Kwan]
Kamera: Larkin Seiple
Schnitt: Matthew Hannam
Musik: Andy Hull u. Robert McDowell
Darsteller: Paul Dano (Hank Thompson), Daniel Radcliffe (Manny), Mary Elizabeth Winstead (Sarah Johnson), Timothy Eulich (Preston), Marika Casteel (Reporterin), Richard Gross (Hanks Vater), Antonia Ribero (Chrissy), Aaron Marshall (Polizist), Andy Hull (Kameramann) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 23.02.2017
EAN: 4020628820992 (DVD)/4020628820978 (Blu-ray)/4020628817640 (Mediabook = 3-Disc Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (97 min.)
FSK: 12

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)
Titel bei Amazon.de (Mediabook = 3-Disc Limited Collector’s Edition)

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