Zwangsrekrutierte Weltraum-Soldaten, die sich in Insekten-Mutanten verwandeln können, werden auf den Mars geschickt, um überlebensgroße und schlaue Kakerlaken auszurotten … – Nach einem Manga entstand dieser Streifen, der ausschließlich profillose Darsteller präsentiert sowie minderwertig getrickste Monster-Prügeleien und pseudo-dramatische Rückblenden aneinanderreiht: noch kein Trash aber auch kein unterhaltsames B-Movie, sondern lautstarke Zeitvergeudung.

Das geschieht:

Ende des 21. Jahrhunderts wurden Moose und Kakerlaken auf dem Mars ausgesetzt. Sie sollten den unwirtlichen Planeten im Laufe vieler Jahrhunderte „terraformen“, d. h. ihn allmählich in eine zweite Erde mit atembarer Luft und erträglichen Temperaturen verwandeln. 500 Jahre später gilt diese Hürde als genommen. Die Erde schickt ein Raumschiff aus, dessen Besatzung auf dem nicht mehr ganz so roten Planeten nach dem Rechten schauen sowie die nun überflüssig gewordenen Kakerlaken vergiften soll.

Nachdem dieses Schiff verschollen ist, bereitet man die zweite Mission sorgfältiger vor. An Bord sind ausschließlich zum Tode verurteilte und damit entbehrliche Kriminelle, an denen man durch eine riskante Operation Superkräfte verliehen hat: Sobald sie ein vom ebenso genialen wie skrupellosen Wissenschaftler Oguri entwickeltes Serum spritzen, verwandeln sie sich in menschengroße aber überstarke Insekten, die darüber hinaus Feuer speien, Gift spritzen oder anderweitig für Unheil sorgen können.

Selbst diese Kräfte erweisen sich vor Ort als beinahe nutzlos: Die einst angesiedelten Kakerlaken haben eine Blitz-Evolution erfahren. Sie wurden riesengroß und schlau – und sie haben gemerkt, dass ihnen die Menschen an die Chitinpanzer wollen. Deshalb bereiten sie den Neuankömmlingen einen ebenso tödlichen Empfang wie ihren Vorgängern. Flucht ist unmöglich, dafür hat Oguri gesorgt. Die zusammengewürfelten ‚Krieger‘ müssen sich zum Team zusammenraufen. Da ihr Raumschiff lahmgelegt wurde, will man Ersatzteile aus dem Wrack des anderen Schiffs holen, was einer Expedition direkt in die Klauen der Feinde gleichkommt.

In der Tat ist der Bodycount trotz der zur Anwendung gebrachten Superkräfte aufgrund der Überzahl der Kakerlaken hoch. Trotzdem schlägt man sich durch, nur um am Ziel festzustellen, dass man doppelt verraten wurde. Einige ‚Kameraden‘ spielen falsch und sind bereit, für das eigentliche Ziel der Mission ihre Mitstreiter zu opfern. Außerdem taucht eine neue Kakerlaken-Generation auf, die erschreckend dazugelernt hat …

Gezeichnete Ungeziefer-Kriege

2011 gelang dem Autoren-Zeichner-Duo Yū Sasuga und Ken’ichi Tachibana der Durchbruch mit „Terra Formars“. Dieser Manga schilderte einen Krieg genetisch aufgebohrter Menschen gegen mutierte Riesen-Kakerlaken auf dem Mars. Der Plot war einerseits so schräg und wurde andererseits so publikumswirksam präsentiert, dass „Terra Formars“ – nur echt mit dem an sich falschen „a“ im zweiten Wort – ein gewaltiger Erfolg wurde. Noch heute wird der Manga fortgesetzt, und selbstverständlich folgte (2014) ein TV-Anime, das die gezeichneten Bilder buchstäblich laufen ließ.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die „Terra Formars“ ihr Unwesen auch im Kino treiben würden. Die Voraussetzungen waren vielversprechend: Auf dem Stuhl des Regisseurs nahm Takashi Miike Platz. Er gilt als großer Erneuerer und Bilderstürmer des (japanischen) Kinos, dessen Konventionen und Traditionen er mit großem Elan gegen den Strich bürstet. Filme wie „Dead or Alive“ (1999), „Audition“ (2000) oder „Ichi – Der Killer“ (2001) machten Miike auch im Westen bekannt. Dort galt er lange als Geheimtipp und wurde vor allem für seine oft brutalen und radikal umgesetzten Genrefilme berühmt sowie – beim einschlägigen Publikum ein Adelsprädikat – bei der Zensur berüchtigt.

Man konnte also eine „Terra-Formars“-Version erwarten, in der es blutig zugeht, um es sachlich auszudrücken. In dieser Hinsicht ließ Miike sich tatsächlich nicht lumpen. Dennoch waren die Zuschauer mehrheitlich unzufrieden. Sie schienen verdrängt zu haben, dass Miike nicht nur ein kompromissloser Filmemacher, sondern auch und manchmal vor allem ein Besessener ist, der jährlich durchschnittlich zwei bis drei – und manchmal auch mehr – Spielfilme dreht. Bei einem solchen Output muss die Qualität zwangsläufig leiden. Die Leidtragenden sind die Zuschauer, die mit Schlapp-Werken à la „Terra Formars“ konfrontiert werden, während Miike seinen Kritikern längst ein halbes Dutzend Filme voraus ist.

Realität als überhöhte Fiktion

„Terra Formars“ erzählt eine Geschichte, in die Hollywood sicherlich eine dreistellige Millionen-Dollar-Summe investiert hätte – aus gutem Grund: Wie die „Marvel“-Blockbuster belegen, können spektakuläre Spezialeffekte inhaltliche Armut und Dümmlichkeit ausgleichen. Auf dieses Pferd konnte Miike nicht setzen, obwohl „Terra Formars“ für asiatische Verhältnisse ein kostspieliger Film ist. Nichtsdestotrotz mussten Abstriche gemacht werden, die allzu deutlich sichtbar werden. Vor allem Szenen, in denen die Mars-Kakerlaken scharenweise über ihre Gegner kommen, weisen die ‚Qualität‘ mittelmäßiger Videospiele auf. Ein Ungeziefer sieht aus wie das andere – was zugegebenmaßen mit der kakerlakischen Realität übereinstimmt -, und alle bewegen sich so synchron, wie es die Software vorgibt.

Oder ist diese Künstlichkeit, die sämtliche Kulissen einschließt, ein Stilmittel? Möchte Miike an die „Terra-Formars“-Wurzeln Manga und Anime erinnern? Manchmal keimen im Zuschauer solche Gedanken auf, wenn das Geschehen und die Kulissen im Gleichgewicht stehen und dabei eine bizarre Einheit bilden, die allerdings rasch wieder zerfällt, weil Miike in seiner Ungeduld stets etwas Neues einfällt, bevor er die angerissenen Ereignisse storygerecht ausgeführt hat.

Hinzu kommen Besonderheiten des asiatischen Kinos, die man Miike nicht vorwerfen darf. Aus westlicher Sicht torpediert er seine Geschichte, indem er sie immer wieder stoppt, weil eine der Hauptfiguren sich in einer Rückblende an die Ursache der Zwangsverpflichtung als planetarischer Kammerjäger erinnern muss. Das ist zusätzlich grotesk, weil die mordlustigen Kakerlaken in solchen Momenten höflich abwarten, bis die Reminiszenz endet. Ebenfalls kontraproduktiv ist ein zelebriertes Pathos, das zuverlässig in Lächerlichkeit umschlägt. Wird beispielsweise gestorben, dauert dies ewig; das blutende Bündel Mensch ringt sich nicht ein paar letzte Worte ab, sondern hält Vorträge, feuert die Genossen an, findet sich langatmig mit seinem Schicksal ab, hängt eine letzte biografische Anekdote an und lässt dazwischen Pausen, in denen die Kumpane sich heulend gegen die Stirnen schlagen und „Halte durch!“ brüllen können, während dem Opfer das Gekröse aus dem Wanst quillt.

Das dreckige bzw. hartplastikverstärkte Dutzend

Vor der Kamera tummelt sich anfänglich eine erstaunlich kopfstarke Darstellergruppe. Miike will sie uns unbedingt vorstellen und stattet sie deshalb mit individualisierenden Eigenheiten aus. Da Autor Kazuki Nakashima das Drehbuch vermutlich nicht so schnell schreiben konnte wie Miike es inszenierte, misslang das Vorhaben. Hastig wurde dem einen Darsteller ein mottenzerfressener Umhang übergeworfen, ein anderer kichert manisch, ansonsten werden wilde Frisuren zur Schau gestellt. Auseinanderhalten können (oder wollen) wir sie trotzdem nicht wirklich.

Die Protagonisten werden als Gruppe übler Verbrecher eingeführt, die sich im Kakerlaken-Kampf rehabilitieren können. Unter ihnen sind ein Terrorist, ein soziopathischer Serienkiller, die Leiterin eines Kinderporno-Rings, zwei Yakuza u. a. üble oder wenigstens tragische Schurken. Sie alle werden geläutert und sterben spätestens dann als Helden, wenn sie sich für ihre Gefährten aufopfern. Wieso sie, die sich bis dahin in ihrer Selbstsucht förmlich suhlten, so etwas tun, bleibt dem westlichen Zuschauer schleierhaft. Offensichtlich spielen der Drang zum Kamikaze-Tod bzw. die damit verbundene Anerkennung noch heute eine elementare Rolle in der japanischen Kultur.

Ebenso zahlreich wie die ‚Helden‘ (oder die Rückblenden) sind jene Szenen, in denen ein Gefecht mit den Kakerlaken ansteht und sich der dafür vorgesehene Kämpfer ein Serum injiziert, das ihn oder sie in ein gorillastarkes Insekt verwandelt. Dies geschieht im Stil der infantilen „Power-Rangers“-TV-Serie, d. h. stilisiert und unter Vorstellung der nun erworbenen Fähigkeiten, was mit Armgefuchtel und Beinschwüngen unterstrichen wird. Leider wird es dann wieder realistisch, und wir erkennen, dass die Kämpfer unter erbärmlichen Masken samt angeklebten Stirnfühlern aus Billig-Plastik stecken.

Wenn sie dann endlich zur Tat schreiten = mit den Kakerlaken raufen, kommt es vor, dass diese ihrem Gegner kurzerhand den Schädel abreißen. Minutenlang ausgewalztes Mutantentum endet auf diese Weise absolut sinnlos. Zwei der Kämpfer kommen nicht einmal dazu, sich zu verwandeln, weil sie schon vorher umgelegt werden. Für andere Krabbel-Krieger werden Fähigkeiten angekündigt, die nach der Verwandlung überhaupt nicht zum Einsatz kommen. So stolpert die Handlung ihrem allen Beschreibungen spottenden ‚Höhepunkt‘ entgegen, dem ein endloser Epilog folgt, der eine Fortsetzung androht; da Miike zwischendurch immer wieder auf die Bremse tritt, um theatralisch zu werden, konnte er nur einen Teil der Vorlage umsetzen. Wie es weitergeht, interessiert nach „Terra Formars“ aber nur noch cineastische Masochisten.

DVD-Features

Der DVD-Zuschauer schaut einmal mehr buchstäblich ins Leere – er soll endlich auf das Medium Blu-ray umsteigen. Hier erwarten ihn immerhin zwei Featurettes sowie sechs Minuten ‚ulkiger‘ Outtakes; ein seltsamer Bonus angesichts eines Hauptfilms, der selbst – wenn auch unfreiwillig – ungemein komisch ist.

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Terra Formars
Originaltitel: Terafômâzu (Japan 2016)
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Kazuki Nakashima (nach einer Vorlage von Yu Sasuga u. Ken’ichi Tachibana)
Kamera: Hideo Yamamoto
Schnitt: N. N.
Musik: Kôji Endô
Darsteller: Hideaki Ito (Shokichi Komachi), Emi Takei (Nanao Akita), Tomohisa Yamashita (Jin Muto), Takayuki Yamada (Ichiro Hiruma), Shun Oguri (Ko Honda), Kane Kosugi (God Lee), Rinko Kikuchi (Asuka Moriki), Masaya Kato (Keisuke Dojima), Eiko Koike (Mina Obari), Mariko Shinoda (Sorae Osako), Kenichi Takito (Shunji Tezuka), Rina Ohta (Maria Renjou), Rila Fukushima (Sakakibara) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 28.10.2016
EAN: 4013549080477 (DVD)/4013549078467 (Blu-ray)/4013549080514 (Special Edition/2-Disc-Mediabook)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Japanisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min. (Blu-ray: 109 min.)
FSK: 16

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