Tief in der Namib-Wüste öffnen neugierige Forscher den Bau einer Kreatur, die ihnen das Fleisch von den Knochen ätzt. Ein Suchtrupp erlebt wenig später, dass sich die Fähigkeiten des Dings darin keinesfalls erschöpfen, was mit den üblichen Verlusten einhergeht … – Kleiner aber an sich feiner Horrorfilm, der vor grandioser Kulisse spielt und mit überraschend guten Tricks punktet, dessen Story jedoch holprig erzählt und von kläglich agierenden Schauspielern beschädigt wird.

Das geschieht:

Systemanalytiker Zack Straker begibt sich widerwillig auf einen staubigen, anstrengenden Außeneinsatz: Inmitten der südafrikanischen Namib-Wüste soll er ein von ihm entwickeltes Gerät zur Wiederaufbereitung von Wasser überprüfen. Es wird von einer Minengesellschaft betrieben, die in der heißen Einöde nach Diamanten schürfen lässt.

Begleitet von einem kleinen Trupp mürrischer Angestellter macht sich Straker per Lastwagen zu seinem Einsatzort auf. Vorab muss man jedoch einen Abstecher machen: Drei Forscher, die für die Mine nach neuen Lagerstätten suchen, sind in der Wüste verschollen und müssen gesucht werden. Per GPS kann man zwar ihren Aufenthaltsort lokalisieren, doch als die Retter dort eintreffen, finden sie nur Leichen, die bis auf die blutigen Knochen abgenagt wurden.

Karl, der jähzornige Anführer, lässt den Lkw einer Fährte folgen, die nur der Mörder hinterlassen haben kann. Sie endet im Nichts bzw. hinter einem weiteren Skelett. Während gruppeninternes Rätselraten einsetzt, ahnt Titus, der in Namibia geboren ist, dass sie einer „Sandmutter“ auf die Spur gekommen sind. Das mystische Wesen lebt und lauert in der Wüste auf Tiere und Menschen, denen es auf die beschriebene Weise den Garaus macht.

Als der Lastwagen den Geist aufgibt, verwandeln sich die Jäger in Gejagte. In der Nacht fällt die Kreatur über die Gestrandeten her. Straker erkennt die wahre Natur der Sandmutter, doch dieses Wissen erweist sich nur in einem Punkt als nützlich: Mit den vorhandenen Waffen lässt sich das Ungetüm nicht ausschalten. Möglichst schnell muss sich die schmelzende Schar der Flüchtlinge etwas ausdenken, um sich vor der Kreatur in Sicherheit zu bringen …

Die Wüste lebt und hat ihren eigenen Willen

Was selbstverständlich leichter gesagt als getan ist, da sonst der Film sehr bald zu Ende wäre. Einerseits wäre das schade, denn „The Bone Snatcher“ ist ein nicht gar zu routinierter Mystery-Streifen. Andererseits muss man ihn als Film vieler verschenkter Möglichkeiten kritisieren. Auf der Haben-Seite steht eindeutig die großartige Kulisse: Die Namib ist die älteste Sandwüste der Welt. Seit Äonen treibt der Wind gewaltige Dünen vor sich her. Sie wirken unter der gleißenden Sonne wie ein erstarrtes Meer mit riesigen Wellen, und diese lebensfeindliche Welt wirkt wie zweigeteilt: Unten ist der Sand, oben der Himmel. Dazwischen gibt es nichts, das dem Auge Halt gäbe.

Den daraus resultierenden Aspekt der Verlorenheit weiß Regisseur Jason Wulfsohn gut für die hier erzählte Geschichte zu nutzen. Unterstützt wird er von einer Kamera, die es anschaulich in Szene setzt. Das Hirn des Zuschauers wird geschickt in die Irre geführt. Wo hört der Sand auf, wo beginnt der Himmel? Manchmal scheint der Lastwagen, der langsam über die Dünen rollt, in einer Luft zu schweben, die nur aus gleißendem Licht besteht. Gerade Linien existieren nicht. Diese Welt gibt den Eindringlingen keine Sicherheit, sondern weist sie ab – oder verschlingt sie.

So ist es kein Wunder, dass sich Forscher und Minenleute schwer bewaffnet und in einem Lkw, der wie ein Panzer wirkt, nur langsam und vorsichtig dorthin vorwagen, wo dennoch Menschen leben, die sich so gut wie möglich von der Außenwelt abschirmen. Karl, Mikki, Kurt, Magda und sogar Titus lassen sich níe auf die Abenteuer Wüste ein. Deshalb sind sie außerstande, das Konzept der „Sandmutter“ zu begreifen, bis es zu spät ist.

Gute aber schlecht erzählte Geschichte

Die einfache Geschichte vom ‚Ding aus einer anderen Welt‘ lässt sich gut an. (Der Prolog spielt übrigens tatsächlich in einem Polarstützpunkt; eine Reverenz an das große Vorbild.) Leider wird sie nicht adäquat oder konsequent erzählt. Der Mangel an Originalität ist nicht der springende Punkt. Das Drehbuch weist gewaltige Logiklücken auf, die der schwer beschäftigte Zufall nicht einmal ansatzweise stopfen kann.

Üblicherweise hilft Action über solche Klippen hinweg. Die gibt es hier zwar, aber sie wird sehr konventionell und ebenso holprig wie die ruhigen Passagen in Szene gesetzt. Das Timing ist insgesamt so schlecht, dass es sogar dem Laien auffällt, der sich zum Filmexperten wider Willen entwickelt: Hier müsste die Handlung gestrafft werden, dort fehlt es den Darstellern an Führung, damit sie sich nicht gar zu widersinnig benehmen oder zumindest weniger Plattitüden und Worthülsen von sich geben.

Jegliche mystische Stimmung verflüchtigt sich, sobald die Darsteller handeln und reden. Jason Wulfsohn inszenierte (acht Jahre!) vor „The Bone Snatcher“ nur den Kurzfilm „The Convenant“; die Schwierigkeiten mit seinem ersten Langfilm mögen sich mit einem Mangel an Erfahrung erklären lassen. Bezeichnend ist auch, dass Wulfsohn nach „The Bone Snatcher“ nur noch einen Film realisieren konnte.

Der klug eingesetzte Effekt

Das knappe Budget spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Die Namib als Kulisse täuscht über den Zwang zum Sparen hinweg. Weitgehend beschränkt sich die Handlung aber auf die Fahrt eines Lastwagens durch die Wüste. Das große Finale findet in einer aufgelassenen Mine statt, die wiederum kostengünstig ein eindrucksvolles Filmset darstellt.

Viel Geld war wohl auch für Spezialeffekte nicht da, was freilich durch Einfallsreichtum meist ausgeglichen werden konnte. Die Sandmutter ist ein Beispiel für bedacht und effektvoll eingesetzt (frühe) CGI-Technik. Das digital erschaffene Wesen wirkt in der Wüstennacht sehr überzeugend. Allerdings zeigt es uns Wulfsohn auch im hellen Tageslicht. Dort und in jenen Szenen, die es im direkten Kampf mit den Darstellern zeigen, kommen gute, altmodische Kostüme, Masken und mechanische Effekte zum Einsatz. Inzwischen ist der Zuschauer so gut geschult, dass ihm (und ihr) der Unterschied unvorteilhaft ins Auge sticht.

Gut steht der Story der Verzicht auf allzu detailfreudig ins Bild gesetzte Metzeleien zu Gesicht. Einige derbe Effekte gibt es durchaus, aber sie werden sparsam und bedacht eingesetzt und sind in die Handlung integriert: Beachtlich sind die skelettierten Opfer der Sandmutter. Hier ließ sich Scheußliches absolut authentisch auch mit knapper Börse erschaffen. „The Bone Snatcher“ ist kein typischer Splatter und soll es auch nicht sein. Deshalb ist es doppelt schade, dass die Geschichte so, wie sie erzählt wird, nur bedingt funktioniert.

Allein in der (Drehbuch-) Wüste

Schon angesprochen wurden die Darsteller-‚Leistungen‘. Diese Kritik schließt die gesamte Schauspielerschar ein, was darauf schließen lässt, dass diese sich ratlos mit einem Drehbuch herumschlagen musste, das sie zu irrational wirkendem Handeln und dazu passendem Reden zwang. Für „The Body Snatcher“ standen zwar keine bekanten Stars aber beileibe keine Anfänger vor der Kamera. Sämtliche Darsteller können auf lange Filmografien verweisen, die generell professionelles Agieren belegen. Solches muss ein Regisseur jedoch aus seinen Schauspielern herausholen; es ist mit Teil seines Jobs. Wulfsohn hat in dieser Hinsicht versagt.

Für eine metaphysische Ebene soll offensichtlich die Figur eines alten Mannes sorgen, der scheinbar regungslos in der Wüste hockt und doch genau weiß, was dort vorgeht. Seiner Weitsicht ‚verdankt‘ der Film auch seinen dilettantischen Final-Twist, der auf bewährt schlechte Weise eine mögliche Fortsetzung andeutet, zu der es nicht gekommen ist. (Klopft weiterhin auf Holz!)

So reicht es letztlich nur zu einem weiteren Film, den man sich anschauen kann aber nicht muss, aus dem man sich die interessanten Szenen herauspickt und an den man mit einem nagenden Gefühl der Unzufriedenheit zurückdenkt: Wer viel wagt, gewinnt offenkundig nicht immer.

DVD-Features

„The Bone Snatcher“ wurde vom deutschen DVD-Label anscheinend ohne besondere Erwartungen auf den Markt geworfen. Features glänzen daher durch Abwesenheit. Es gibt nicht einmal das eigentlich obligatorische „Making-of“. Dafür wurde der DVD ein aufwändig und liebevoll gestaltetes Menü mit schönen optischen und akustischen Effekten spendiert, wie es oft nicht einmal die richtig teuren A-Movies aufweisen.

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The Bone Snatcher – Das Grauen lauert in der Wüste
Originaltitel: The Bone Snatcher (GB/Kanada/Südafrika 2003)
Regie: Jason Wulfsohn
Drehbuch: Malcom Kohll u. Gordon Render
Kamera: Andreas Poulsson
Schnitt: Richard Benwick
Musik: Paul Heard u. Mike Pickering
Darsteller: Scott Bairstow (Dr. Zack Straker), Rachel Shelley (Mikki), Warrick Grier (Karl), Patrick Shai (Titus), Andre Weideman (Kurt), Adrienne Pearce (Magda),
Patrick Lyster (Johan), Sean Higgs (Clive), Jan Ellis (Harvey), Langley Kirkwood (Paul) Lulama J. Nombiba (alter Mann), Yusuf Hendrics (Taxifahrer) u. a.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
EAN: 4006680031811
Erscheinungsdatum: 01.12.2004 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min.
FSK: 16

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