Reporterin Nicole reist nach Rumänien, wo eine junge Frau nach dreitägigem Exorzismus qualvoll starb. Sie spricht mit Familienangehörigen, Priestern und Zeugen, um sich ein Bild von den Ereignissen zu machen, merkt aber zu spät, dass hier in der Tat der Teufel die Klauen im Spiel hat und nun sie ins Visier genommen hat … – Ein seltsames Werk; handwerklich deutlich über dem Durchschnitt, während das Drehbuch quasi fundamentalchristliche ‚Werte‘ vertritt sowie durch zahlreiche Ungereimtheiten irritiert: anspruchsvoll gescheitert.

Das geschieht:

Die englische Reporterin Nicole Rawlins reist ins rumänische Hinterland, um einer seltsamen Geschichte nachzugehen: Dort wurde die junge, angeblich dämonisch besessene Adelina Marinescu während einer Teufelsaustreibung so nachdrücklich malträtiert, dass sie nach drei Tagen, die sie an ein Kreuz gefesselt verbringen musste, qualvoll starb. Die Kirche entzog dem Priester und seinen Helfern ihre Unterstützung; sie wurden verhaftet und ins Gefängnis geworfen.

Nicole leidet unter dem aus ihrer Sicht unnötigen Tod der Mutter, die sich einer vielversprechenden Krebstherapie mit dem Hinweis auf „Gottes Wille“ verweigert hatte. Ihren Glauben hat sie verloren, was sie gefährlich ‚offen‘ für Dämonen macht, die aus der Hölle emporfahren, um schwache Menschenkörper zu besetzen; dort angekommen bemühen sie sich, soviel Unheil wie möglich anzurichten, um anschließend dem Chef – Satan – triumphierend Rechenschaft abzulegen.

So fasst es jedenfalls Anton zusammen, der nicht nur Pater, sondern jung und stattlich ist und ein schweres Motorrad fährt, weshalb er Nicole erotische Fantasien beschert, die wiederum dämonisch ausgenutzt werden. Tagsüber interviewt die Journalistin Adelinas Familie und Freunde, besucht das Kloster, in dem Adelina zu Tode kam, spricht sogar mit dem Bischof. Nachts wird Nicole in ihrem Hotelzimmer von merkwürdigen Ereignissen oder Halluzinationen geplagt, die an Intensität stetig zunehmen.

Zu spät erkennt Nicole, dass ihre Nachforschungen die Aufmerksamkeit jenes Dämons erregt haben, der nach Adelinas Tod körperlos durch die Gegend geistert. Da sie exakt ins Zielraster des Teufels passt, zeigt Nicole Anzeichen einer Besessenheit, die leider auch den aufmerksamen Pater Anton erst alarmieren, als es zu spät ist …

Von hinten durch die Brust ins Auge

Filme wie dieser haben es zwar in einer ebenso zynischen wie politisch offensiv korrekten Gegenwart schwer. Allerdings stellt sich Regisseur Xavier Gens gleich mehrfach selbst ein Bein. So heuerte er als Drehbuchautoren die Brüder Chad und Carey Hayes an, die zwar durchaus erfolgreich sind, ohne dabei das Wohlwollen der Kritik mehrheitlich wecken zu können. Schon mehrfach haben sie Garne vor dem Hintergrund christlicher Mythen gestrickt. Die Ergebnisse waren Filme wie „The Reaping“ (2007; dt. „The Reaping – Boten der Apokalypse“) oder „Conjuring“ (2012; dt. „Conjuring – Die Heimsuchung“) und „Conjuring 2“ (2016), in denen flachgründiger Halleluja-Schwulst nach ‚bewährten‘ Hollywood-Mustern oberflächlichen Softgrusel dekorierte.

Gens hatte 2007 einiges Aufsehen mit dem Euro-Splatter „Frontière(s)“ erregt und war nach Hollywood gegangen, um dort prompt den üblichen Schiffbruch mit der Verfilmung des PC-Games „Hitman“ zu erleiden. Seither schlug er sich im Fernsehen durch und brachte vor „The Crucifixion“ nur den (ebenfalls kontrovers beurteilten) Spielfilm „The Divide“ (2011) zustande.

War ihm „The Crucifixion“ ein Herzensanliegen, oder gab es kein anderes Angebot? Gens ist bisher nicht als Laienprediger aufgetreten, der in Vertretung fundamentalchristlicher Kirchenmänner eine Rückkehr zu biblisch fixierten Werten fordert. Auch dieser Film startet unter objektiv in die erzählte Geschichte und behält lange ein austariertes Gleichgewicht: Starb Adelina Marinescu durch das Wirken eines Dämons, oder forderte ein ‚Exorzismus‘ ihr Leben, der im Eifer des Gefechtes mit dem Teufel in eine mittelalterliche Folter ausartete? Gens listet Pro- und Kontra-Argumente auf, die er stellvertretend die Journalistin Nicole Rawlins zusammen- und vortragen lässt.

Rumänien oder ein weiteres Euro-Disneyland?

Schon die Einführung dieser Figur führt zum Zerfasern des Geschehens. Dass eine Reporterin die weite Reise nach Rumänien unternimmt, um einen Fall zu recherchieren, der primär dort für Aufsehen sorgt, während man ihn in England und dem Rest der Welt bereits wieder vergessen hat, nehmen wir als erfahrene Zuschauer noch hin: Gens hat preisgünstig in Osteuropa gedreht, benötigte aber einen in der angloamerikanischen Medienwelt bekannten Namen, um Geldgeber zu locken. (Immerhin zwang er Hauptdarstellerin Sophie Cookson nicht, eine rumänische Journalistin zu mimen.)

Ein starkes Stück ist jedoch die journalistische Arbeit einer Frau, die kein Wort Rumänisch spricht, sich aber in der tiefsten Provinz problemlos verständigen kann, weil dort selbst abgerissene Bauersmänner u. a. wüste Einheimische der englischen Sprache mächtig sind. Auch sonst kommt es zu bemerkenswerten ‚Zufällen‘:

– Um zu unterstreichen, wie abergläubisch man in Adelinas Heimatdorf noch im 21. Jahrhundert ist, findet just dann, als Nicole sich dort aufhält, ein Fest statt, für das die Einheimischen in Ganzkörper-Monsterkostüme inklusive erschröcklicher Gesichtsmasken schlüpfen und fackelschwingend über die Straßen schwärmen.
– Das Kloster, in dem Adelina starb, ist je nach Laune der Drehbuchautoren verlassen und abgeschlossen oder von freundlichen Nonnen bevölkert.
– Als Nicoles Wagen auf nächtlicher Strecke von ‚ihrem‘ Dämonen lahmgelegt wird, flüchtet sie nicht über die (sogar laternenbeleuchtete) Straße, sondern in ein dunkles Maisfeld, was erwartungsgemäß für die üblichen Raschel- und Buh!-Effekte sorgt.
– Dass Nicole auf den Fotos vom (opferleeren) Kreuz den geisterhaften Schatten der gequälten Adelina entdeckt, gerät irgendwie in Vergessenheit.

Glaube (v)ersetzt Berge

Diese Liste lässt sich problemlos verlängern, solche Bockschüsse sind aber halbwegs zu verschmerzen. Das gilt auch für die dreist auf Überrumpelung setzenden Jump-Scares: Jede ‚übernatürliche‘ Manifestation wird von einem abrupten Kameraschwenk plus Hochreißen der Tonspur begleitet. Überhaupt ist der Film akustisch schlecht abgemischt. Während Gespräche ausgewogen klingen, werden nicht nur Gruseltöne, sondern auch Geräusche wie Fackelzischen, Hupen etc. überproportional betont.

Zum Verhängnis wird Regisseur Gens, dass er sich letztlich entscheiden muss: Geht es teuflisch um, oder ist es Aberglaube = menschliche Einbildung, die für vermeintlich Übernatürliches sorgt? Gens lässt es spuken, was an sich legitim ist, auch wenn es jene Kritiker vergrämt, die in diesem narrativen Umfeld Phantastisches für ‚minderwertig‘ halten. Da Gens ein Regisseur ist, der sein Handwerk versteht und zudem von einem Kameramann unterstützt wird, der alles aus seinem Arbeitsinstrument herausholt, kann „The Crucifixion“ als reiner Horrorfilm durchaus punkten. Die Spezialeffekte sind keine Pixel-Stürme, sondern meist ‚handgemacht‘ und überzeugend. Eine echte, d. h. das Geschehen unterstützende, nicht ersetzende Musik steht ebenso auf der Haben-Seite wie ausgezeichnete, stimmungsstarke Landschaftsaufnahmen.

Dann kommt jedoch der Moment, in dem der Zuschauer erkennt, wie bitterernst es Gens mit der radikalchristlichen Sicht auf das Geschehen ist: Die besessene Nicole ergibt sich den beschwörenden Worten Antons und kehrt in Gottes verzeihende Arme zurück. (Einwand eines Skeptikers: Wieso gelingt dieser Exorzismus binnen fünf Minuten und ohne besondere Körperverletzungen, während Adelina nach drei Tagen weiterhin besessen sowie zerschunden den Geist aufgab?)

Das musst du schlucken – oder spucken

Man wartet förmlich darauf, dass Gens dies relativiert, und würde selbst einen der horrorfilmtypischen Lau-Epiloge – der Dämon ist gar nicht entwichen bzw. hat schon das nächste Opfer beim Wickel – akzeptieren, denn es wäre erträglicher als diese plakative Plattheit: Die befreite Nicole tritt hinaus ins plötzlich sonnendurchflutete, geradezu paradiesische Freie, um ihr Leben friedlich und sicherlich fromm fortzusetzen.

Sophie Cookson muss hier die Waffen strecken, nachdem sie bisher leidlich erfolgreich gegen ein Drehbuch gekämpft hat, das mittelmäßige Handlungsführung mit flachen Figuren kreuz(ig)t. Jeder Kleriker ist ein Klischee, wobei es Corneliu Ulici besonders hart trifft. Er darf die schöne Nicole im Dämonen-Traum beschlafen und sie mit immer neuen ‚Fakten‘ verwirren, die stets soweit von der ‚Realität‘ abweichen, dass Nicole in eine neue Teufelsfalle tappen kann. Jeff Rawle hockt dramaturgisch völlig überflüssig mit dem Telefon am Ohr in London. Cookson hält sich wie gesagt wacker und bringt auch die obligatorische Wannen-Szene (Nicole sitzt nackt im Wasser, als der Dämon auftaucht, was sie – in diesem speziellen Punkt bleibt die Logik gewahrt – aufspringen lässt) routiniert hinter sich.

So bietet „The Crucifixion“ in keiner Sekunde einen neuen Blick auf sein Thema, sondern scheint sich an jenes Publikum anzubiedern, das die Bibel für eine wortgenau zu beachtende Lebensanleitung und Evolution für Teufelswerk hält. Wer sich nicht in dieses Bockshorn jagen lässt, dürfte in knapp neunzig Minuten die emotionale Skala von interessiert über verwirrt bis stinksauer durchquert haben.

„Nach einer wahren oder zumindest gut ausgedachten Geschichte …“

Wenn zwischen dem Vorspann und dem Beginn der Handlung ein Text eingeblendet wird, nach dem die folgenden Ereignisse „wahren Ereignissen“ folgen bzw. von ihnen „inspiriert“ wurden, weiß der kundige Zuschauer, dass ihm und ihr nun besonders blühender Blödsinn präsentiert wird. Auch in unserem Fall klafft zwischen Fiktion und Realität eine breite Lücke. Das Drehbuch der Autoren-Brüder Hayes orientiert sich an dem Fall der Nonne Irina Maricica Cornici (geb. 1982), die im ostrumänischen Tanacu tatsächlich im Verlauf einer Austreibung, die sie im Juni 2005 und an ein Kreuz gefesselt über sich ergehen lassen musste, zu Tode kam. Cornici war Novizin in einem Kloster, als bei ihr Anzeichen einer Schizophrenie deutlich wurden, die zunächst auch behandelt wurde. Doch der Prior Daniel Corogeanu (im Film Pater Rica) stellte seine eigene Diagnose und begann jenen unseligen Exorzismus, der nach polizeilicher Erkenntnis eine schwere, über Tage fortgesetzte Körperverletzung war.

Die Exorzisten waren sich keiner Schuld bewusst, während die orthodoxe Kirche – im Film verkörpert durch Bischof Gornik – offiziell und demonstrativ auf Abstand ging, den in Rumänien weiterhin schwelenden Aberglauben sowie unzureichend ausgebildete Geistliche für das Geschehen verantwortlich machte und Verbesserungen ankündigte. 2007 wurde Corogeanu zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt; vier beteiligte Nonnen mussten ebenfalls hinter Gitter. Aus der Kirche wurden sämtliche Angeklagte ausgeschlossen – eine der vielen Tatsachen, die Gens unterschlägt bzw. verfälscht: Nach ihm kehrte der 2012 aus der Haft entlassene Corogeanu in sein Kloster zurück, wo er angeblich heute noch Dämonen austreibt.

Dem Thema wesentlich angemessener näherte sich übrigens 2012 Cristian Mungiu (Regie, Drehbuch, Produktion) in seinem Film „După dealuri“ (dt. „Jenseits der Hügel“), der ohne das Wirken ‚echter‘ Dämonen für Horrorfreunde weniger interessant wirken mag als „The Crucifixion“.

DVD-Features

Außer dem Trailer gibt es keine Extras, was schade ist, weil man wirklich gern wüsste, wessen (Heiligen) Geistes Kind Xavier Gens nun eigentlich ist. Nur hierzulande gibt’s gratis den Holper-Untertitel „Sei achtsam, für was [!] du betest“.

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The Crucifixion – Sei achtsam, für was du betest
Originaltitel: The Crucifixion (USA/GB/Rumänien 2017)
Regie: Xavier Gens
Drehbuch: Chad Hayes u. Carey W. Hayes
Kamera: Daniel Aranyó
Schnitt: Adam Trotman
Musik: David Julyan
Darsteller: Sophie Cookson (Nicole Rawlins), Corneliu Ulici (Pater Anton), Ada Lupu (Adelina Marinescu), Brittany Ashworth (Vaduva), Matthew Zajac (Bischof Gornik), Florian Voicu (Tavian), Radu Bânzaru (Amanar), Iván González (Stefan Marinescu), Emil Mandanac (Pater Rica), Jeff Rawle (Onkel Phil), Javier Botet (Dämon) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 01.02.2018
EAN: 4041658122382 (DVD)/4041658192385 (Blu-ray)/4041658172387 (3D-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 90 min.)
FSK: 16

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