ForestAuf der Suche nach ihrer im „Selbstmordwald“ verschollenen Schwester reist Sara Price nach Japan und gerät dort in den Einflussbereich einer mystischen und bösen Macht, die ihre inneren Nöte in Schreckensbilder verwandelt, um sie ins Verderben zu locken … – Der interessante Plot wird zumindest visuell zufriedenstellend umgesetzt, während die Story nur vorgeblich mehr bietet als das übliche Psychogrusel-Gemunkel: durchschnittlich.

Das geschieht:

Seit jeher spannt sich zwischen den eineiigen Zwillingen Sara und Jess Price ein unsichtbares Band, über das sie erfahren, wenn die andere Schwester in Schwierigkeiten steckt. In der Regel ist dies Jess, die nach dem Unfalltod der Eltern nie zur Ruhe gekommen ist und ein unstetes Leben führt, das sie derzeit in Japan fristet: Dort arbeitet sie als Lehrerin in einer Schule.

Auch dieses Mal gerät Jess in Not. Die japanische Polizei informiert Sara, dass ihre Schwester eine Reise in den Wald von Aokigahara unternommen hat. Das Erholungsgebiet am Fuße des Berges Fuji ist für seine Schönheit berühmt und als „Selbstmörderwald“ berüchtigt: Jährlich bringen sich durchschnittlich 50 bis 100 Menschen dort um, wofür sie gezielt hierherkommen. Offenbar hat die psychisch labile Jess sich ihnen angeschlossen.

Sara ist dagegen überzeugt, dass ihre Schwester lebt: Das Band zwischen ihnen existiert weiterhin. Sie fliegt nach Japan und fährt dort in den Aokigahara-Wald. Obwohl man sie inständig warnt, gedenkt Sara in die Wildnis vorzudringen, um dort nach Jess zu suchen. Der Reiseschriftsteller Aiden hört von ihrer Geschichte und beschließt zu helfen. Er kennt Michi, einen jener Männer, die den Wald regelmäßig auf der Suche nach potenziellen Selbstmördern und Leichen durchstreifen und sich dort auskennen. Obwohl Michi skeptisch ist, lässt er Sara mitkommen.

Schon früh stellt die skeptische Frau fest, dass es in dem Wald tatsächlich umgeht. In Acht nehmen muss sie sich von den „yūrei“ – boshaften Naturgeistern, die sich Gefühle wie Angst, Trauer und Unruhe zunutze machen, ihre Opfer durch Halluzinationen narren und in die Tiefen des Waldes locken, um sie dort in den Selbstmord zu treiben. Als das Trio das leere Zelt von Jess findet, weigert sich Sara, den Wald zu verlassen. Sie will auf ihre Schwester warten. Aidan bleibt bei ihr, doch in der Nacht erwachen die Geister und beginnen, Sara in ihren Bann zu ziehen …

Fremder Ort aber bekannte Geschichte

Sicherlich seit der Mensch sprechen = Geschichten erzählen kann, lässt er diese gern an Orten spielen, mit denen reale Ereignisse verbunden werden, die im kollektiven Gedächtnis haften blieben. Selbstverständlich gab man dabei dem Schrecklichen und Abseitigen den Vorrang, denn besagter Mensch – dieses Mal in seiner Rolle als Publikum – liebte und liebt es, sich möglichst effektvoll erschrecken zu lassen, solange er selbst sich dabei in Sicherheit wiegen darf. Hinzu kam die fest und äonenlang gehegte Vorstellung, dass Stätten, an denen Furchtbares geschah, in der Tat verflucht waren, weshalb es dort spukte oder dämonische Kreaturen ihr Unwesen trieben. Selbst heute wirkt dieser Aberglaube nach; es gibt weiterhin Mitbürger (bzw. Spinner), die an entsprechende Heimsuchungen glauben.

Aus der Geschichte wurde Literatur, später Film und dort zum Plot. Nun wurde der Schrecken eindrucksvoll zum Leben erweckt, weil er darstellen konnte, was bisher der Fantasie überlassen war. Allerdings sollte man vielleicht besser „könnte“ statt „konnte“ schreiben, denn vor allem in der prädigitalen Ära wirkten die auf die Leinwand oder den TV-Bildschirm gebrachten Schreckgestalten eher putzig oder gar lächerlich. Leider hat sich das grundsätzlich nicht geändert: Auch perfekte Tricktechnik will geistvoll genutzt werden, um Angst und Grusel zu verbreiten. Die Alternative liegt in der Kunst der Andeutung: Der Zuschauer wird im Unklaren gelassen, ob das, was er – in Vertretung der Hauptfigur – ‚sieht‘, tatsächlich der ‚Realität‘ entspricht: Das Gehirn ist ein unzuverlässiger Geselle, der sich leicht in die Irre bzw. den Irrsinn locken lässt. Wenn man sich auf den eigenen Verstand nicht mehr verlassen kann, weckt das eigene, nicht minder intensive Ängste.

Mit „The Forest“ möchte Regisseur Jason Zada beide Wege beschreiten. Zwar ist Sara Price lange ein Opfer von Wahnvorstellungen, die sich letztlich jedoch als echte Heimsuchung erweisen: Im Wald von Aokigahara ist das Jenseits tatsächlich real präsent. Was optisch recht überzeugend in Szene gesetzt wird, leidet freilich unter einer Story, deren Überraschungsgehalt sich im Handlungsort erschöpft. Dass die Hauptfigur ihr Abenteuer in einem fernen, fremden Land erlebt, dessen Sprache sie nicht kennt, ist ein zusätzlicher Spannungsbonus, der jedoch nur ansatzweise genutzt wird: Mal erschreckt ein Obdachloser Sara im Taxi, mal durchbohrt sie im Zug ein mitreisender Geschäftsmann mit Blicken. Als das Geschehen dann überirdisch einsetzt, ist Sara in Gesellschaft einen Australiers und eines englischsprechenden Japaners. Was nunmehr geschieht, könnte genauso in einem US-Wald spielen.

Vergeudete Chancen

Das ist ärgerlich angesichts eines Ortes, der wahrlich gruselig ist; dies gilt auch, wenn man an Spuk und Flüche nicht glaubt: Bereits die Tatsache, dass es einen Ort gibt, der seit Jahrzehnten gezielt von Selbstmördern angesteuert wird, deren Körper so zahlreich im Unterholz verrotten, dass es eigene Suchtrupps zum Aufstöbern gibt, sorgt garantiert für Schauder. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass die ‚Erklärung‘ vergleichsweise profan ist: In seinem in Japan sehr erfolgreichen Roman „Nami no tō“ (1960; dt. „Der Wellenturm“) ließ der Schriftsteller Matsumoto Seichō (1909-1992) ein unglücklich verliebtes Paar romeo-&-julia-romantisch im „Meer der Bäume“ – so die Übersetzung von „Aokigahara“ – am Fuß des Fuji Selbstmord begehen: ein Vorbild, das ungewollt Furore machte.

Ansonsten zeichnet sich dieser Wald keineswegs durch Seltsam- und Schauerlichkeiten aus; da existieren in Japan weitaus verrufenere Orte! Der Aokigahara-Wald ist in erster Linie ein Urwald und Naturschutzgebiet von außerordentlicher Schönheit – eine Tatsache, die auch in „The Forest“ zur Sprache kommt, als Sara fragt, weshalb man sogar Schulklassen in diese angebliche Waldhölle führt: Hier hängt eben nicht von jedem zweiten Baum ein Selbstmörder. Auf 35 qkm und abseits der offiziellen Wanderwege stechen auch 100 Waldleichen pro Jahr nicht ins Auge. Kein Wunder, dass Zada nicht vor Ort drehen durfte; die örtlichen Behörden schätzen den Selbstmord- und Gaffer-Tourismus nicht. Zada wich deshalb nach Serbien aus; Wald ist in der Regel schließlich Wald.

Während Kameramann Mattias Troelstrup sehr genau wusste, wie er Bäumen und Büschen eine beachtliche Bedrohlichkeit verleihen konnte, griffen die Drehbuchautoren – obwohl zu dritt – nur in die Klischeekiste. Das unsichtbare Band zwischen Zwillingen ist ein alter Hut; hier wird es vor allem deshalb beschworen, weil man Sara irgendwie nach Japan und in eine Waldwildnis bringen muss, die sie anschließend blindwütig im Alleingang stürmt, statt einen Suchtrupp zu organisieren.

Auch im Osten nichts Neues

Das elementare Problem liegt in einer Bedrohung, die letztlich simpel ist: Im Wald hausen böse Geister, die nach Opfern gieren, die sie in Todesangst versetzen und auf diese Weise umbringen können. Darin erschöpft sich ihre Motivation offensichtlich. Besonders subtil gehen sie auch nicht vor. Sie greifen auf verdrängte Erinnerungen zurück, die sie so aufbereiten, wie sie es wohl in Hollywood-Filmen und TV-Serien gelernt haben. Originalität ist diesen Geistern jedenfalls fremd. Wieso die Erkenntnis, dass die Eltern nicht bei einem Unfall starben, die bisher vergleichsweise taffe Sara in den Selbstmord treiben sollte, sollte besser nicht hinterfragt werden.

Bis es endlich zu spuken beginnt, irren Sara und Aiden ein wenig zu lang im Wald herum. Die Geister halten sich im Hintergrund und sorgen mit ziemlich schlappen Taschenspielertricks für Argwohn und Verwirrung. (Immerhin wissen sie, wie man sich dazu eines Handys bedient; in Japan gehen auch die Geister mit der Zeit.) Mehrfach taucht ein japanisches Schulmädchen namens Hoshiko auf, um Sara dämonisch anzugrinsen und tiefer in den Wald zu locken; nicht einmal Rotkäppchen wäre so dumm, ihr auf den Leim zu gehen. Dann fällt Sara in ein Loch und läuft von dort in eine Höhle, wo ihr Hoshiko eine Fratze schneidet, flüchtet zurück zum Loch und wird von Aiden ans Tageslicht gezogen: fünf Minuten ohne Sinn, die höchstens den Film weiter gen Finale tragen.

Schade um den Aufwand, der vor Kamera getrieben wird. Immerhin 10 Mio. Dollar betrug das Budget. Da sich die Effekte in Grenzen halten und große = teure Namen nicht engagiert wurden, kann sich „The Forest“ jederzeit sehen lassen. Doch wenn Episoden wie jene, in der Michi, Aiden und Sara eine Selbstmörder-Leiche finden, definitiv erschreckender wirken als jede ‚echte‘ Gruselszene, läuft filmisch etwas falsch. Dann können auch gute Schauspieler wenig ausrichten. Gut für Taylor Kinney, der sich in dieser Hinsicht ohnehin nicht vorausgabt; schon Rezensenten-Kollegen konnten nicht widerstehen, seine Darstellung mit der Holzhärte der Aokigahara-Bäume zu vergleichen.

Gesehen – vergessen = weniger als sonst geärgert

„The Forest“ steht und fällt mit Natalie Dormer, die gleich zwei Rollen übernimmt und in beiden überzeugt. Die fleißige Schauspielerin – vermutlich kennen die meisten Zuschauer sie aus TV-Serien wie „The Tudors“ (als Anne Boleyn) oder „Game of Thrones“ (als Margaery Tyrell) – beweist einmal mehr ihre erstaunliche Wandlungsfähigkeit und überzeugt dort, wo ihr das Drehbuch den nötigen Raum gibt, als gleichzeitig liebende und genervte Sara sowie als überforderte Jess.

Yukiyoshi Ozawa scheint primär an Bord zu sein, weil ein in Japan spielender Film sogar aus Hollywood-Sicht einen japanischen Darsteller in einer Alibi-Hauptrolle beschäftigen sollte. Irgendwann verschwindet er aus der Handlung, um für einen lauen Final-Schock zurückzukehren. Ansonsten ergeht er sich in düsteren, undeutlichen Warnungen vor dem Bösen, das im Wald wartet, und wird selbstverständlich ignoriert.

Nach anderthalb Stunden stellt man fest, dass man schon wieder einen Film gesehen hat, der mehr versprach, als er halten konnte. Wenigstens wurde diese Mittelmäßigkeit hübsch verpackt. Die üblichen „Buh!“-Effekte („jump-cuts“) halten sich in Grenzen. Selbst die DVD-Fassung zeigt noch in den dunklen Passagen ein klares Bild. Für die deutsche Fassung wurden sogar echte Synchronsprecher angeheuert.

DVD-Features

Die dürftigen Extras sind: der übliche Original-Trailer, ein zweiteiliges ‚Interview‘ mit Natalie Dormer – sie sondert wie erwartet Allgemeinplätze über faszinierendes Filmen in einem wunderbaren Land ab -, sowie einige Impressionen von den Dreharbeiten.

Im Internet gibt es diese informationsfreie Website.

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The Forest – Verlass nie den Weg
Originaltitel: The Forest (USA 2016)
Regie: Jason Zada
Drehbuch: Ben Ketai, Sarah Cornwell u. Nick Antosca
Kamera: Mattias Troelstrup
Schnitt: Jim Flynn
Musik: Bear McCreary
Darsteller: Natalie Dormer (Sara/Jess Price), Taylor Kinney (Aiden), Yukiyoshi Ozawa (Michi), Eoin Macken (Rob), Stephanie Vogt (Valerie), Rina Takasaki (Hoshiko), Noriko Sakura (Mayumi), Yûho Yamashita (Sakura), James Owen (Peter), Nadja Mazalica (Sara/Jess als Kind) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 03.07.2016
EAN: 4013549075121 (DVD)/4013549068994 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (Blu-ray: 94 min.)
FSK: 16

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