Ein historisches Relikt enthüllt eine unbekannte Episode der Christus-Geschichte. Danach gibt es eine Gruppe unsterblicher ‚Zuschauer‘, die stets dort erscheinen, wo ein schreckliches Unglück bevorsteht. Nun mehren sich die Zeichen, dass dies auch am Fundort geschieht … – Während einerseits das Rätsel gelöst wird, entwickelt sich parallel dazu das aktuelle Drama. Die Story ist interessant und wird spannend umgesetzt, die Darsteller spielen überzeugend: Phantastik funktioniert unter solchen Voraussetzungen problemlos ohne Bombast- oder Ekeleffekte.

Das geschieht:

Die junge Amerikanerin Cassie Grant besucht die Kleinstadt Glastonbury in der englischen Grafschaft Somerset. Was sie dort will, weiß sie nicht mehr, da sie von Marion Kerkman mit dem Auto angefahren wurde. Dabei bleibt sie zwar unverletzt, verliert aber das Gedächtnis. Die zerknirschte Marion nimmt Cassie mit in ihr Haus, einem ehemaligen Kinderheim, das sie mit dem Historiker Simon Kirkman und den Kindern Emma und Michael bewohnt.

Simon hat viel zu tun in Glastonbury. Tief unter der Erde kam ein Kirchenbau aus dem 1. Jh. unserer Zeitrechnung zum Vorschein. Offenbar hat ihn Josef von Arimathia errichten lassen, ein Onkel von Jesus Christi, der als Zeuge die Kreuzigung seines Neffen erlebte und angeblich Anno 63 n. Chr. als Missionar nach England segelte. Ein bemerkenswertes Altarrelief zeigt die Kreuzigung. Allerdings steht nicht Jesus am Kreuz im Zentrum der Szene, sondern eine Gruppe Männer und Frauen, die vor ihm stehen und gaffen, ohne einen Finger zu rühren.

Cassie leidet unter Visionen, sieht ansonsten quicklebendige Bürger mit schrecklichen Wunden durch die Straßen von Glastonbury wandeln, wird von Erscheinungen gepeinigter Kinder im Haus ihrer Gastgeber geplagt sowie von unfreundlichen Gestalten verfolgt, die nur sie und der offenbar hellsichtige Michael sehen. Real ist dagegen die Bedrohung durch Frederick Argyle, den Dorftrottel, der einst im alten Kinderheim gequält wurde. Seit Jahren kocht es in ihm; nun will er Rache nehmen.

Simons Freund, der Wissenschaftler Luke Fraser, hat die Gaffer der Hinrichtungsszene auf Gemälden und Fotos entdeckt. Sie scheinen unsterblich zu sein und stets dort aufzutauchen, wo bald ein Unglück stattfinden wird. Cassie weiß, dass Bedrohliches bevorsteht. Niemand glaubt ihr, nur der junge Dan Blakeley stellt sich auf ihre Seite. Doch auch er spielt eine Doppelrolle, während Fred die Schrotflinte lädt …

Potenzial und gelungene Umsetzung

Das Rückgrat eines ‚guten‘, d. h. unterhaltsamen Films, den man sich gern bis zum Schluss anschaut, weil man unbedingt wissen will, wie die Geschichte ausgeht, ist ein solides Drehbuch. Schauspieler, die ihren Job verstehen, sind ebenfalls wichtig, aber außerhalb des deutschen Privatfernsehens scheint es davon genug zu geben.

„The Gathering“ ist keine Offenbarung – weder als Film generell noch als Beitrag zum phantastischen Genre. Aber hier wird eine Story erzählt, die auf einer guten Idee basiert und fast durchweg spannend entwickelt ist. Die Vorstellung, dass die Gaffer unter dem Kreuze Christi einst mit einem Fluch belegt wurden, hat jene Qualität, die einem (Dreh-) Buch Überzeugungskraft und Eigenleben einhaucht.

Zumal „The Gathering“ sich der christlichen Mythen wohldosiert bedient, sie seinem Publikum mit dem Holzhammer einprügelt, die Kirche nicht als Hort machthungriger Verschwörer und notorischer Vertuscher („Jesus war ein Frauenheld!“ – „Eigentlich war Judas der wahre Heiland, aber Jesus hat ihn gemobbt“ – „Jesus war römischer Spion!“) auf dem Niveau von Hollywood-Nazis oder Kino-Kommunisten anprangert.

Stattdessen geht vor allem um die Frage, ob Ereignisse vorherbestimmt sind und die Zeit wie auf Schienen einer unabwendbaren Zukunft entgegenläuft. Diese Frage wirft – „Star-Trek“-Fans werden es bejahen – reizvolle Gedankengänge auf. „The Gathering“ spielt viele davon durch. Lässt Gott mit sich würfeln? Kann man dem Schicksal ein Schnippchen schlagen? Gibt der Wille, es wenigstens zu versuchen, den Ausschlag?

Historie als Geheimnis und Bedrohung

Glastonbury ist ein klug gewählter Ort für die Suche nach solchen Antworten. Hier ist der Boden in der Tat mit Historie getränkt. Der Vorgängerbau der Abteikirche ist womöglich das älteste Gotteshaus in Westeuropa. Diese legendäre „Alte Kirche“ gilt nach einem Brand im Jahre 1184 als zerstört; „The Gathering“ variiert geschickt diesen Aspekt und deutet ihn als unheimliches, vom Erdboden getilgtes Geheimnis um.

Auch sonst können sich die Kulissen sehen lassen. Sie geben der Handlung jederzeit einen glaubhaften Rahmen. Zudem wird ohne jenen inszenatorischen Schnickschnack erzählt, der sich im modernen Effekt-Kino allzu häufig als fauler Budenzauber entpuppt und ein nicht vorhandenes Drehbuch ersetzen soll.

Das bedeutet nicht, dass „The Gathering“ auf Schockeffekte verzichtet. Sie wirken sogar unbehaglich überzeugend. Wenn es die Handlung erfordert, blendet die Kamera nicht ab. Als der irre Fred um sich schießt, wird gezeigt was er anrichtet. Dabei bedroht er Michael und seine Schwester mit blanker Waffe und Mord, was sich der Film ebenfalls nicht scheut zeigen. Solche Szenen wirken nicht voyeuristisch, sondern beängstigend: Amok ist ein archaisches Phänomen.

Viele Fragen, nicht immer Antworten

Die Auflösung der Geschichte ist zwar nicht überraschend – sie wird recht früh enthüllt, und der echte Grusel-Profi hat sie dann bereits erraten -, aber konsequent und logisch. Leider knickten Regisseur und/oder Drehbuchautor und Produzenten noch ein und klebten ein süßliches Pseudo-Happy-End an. Dem Film war das trotzdem nicht dienlich. Im Kino lief „The Gathering“ ohne besondere Resonanz.

Ohne Löcher im logischen Gewebe kommt natürlich auch „The Gathering“ nicht davon. So sollte man beispielsweise die Frage umgehen, wieso sich die unsterblichen Gaffer nie um eine Erlösung vom Fluch bemüht haben. Wie uns „The Gathering“ lehrt, ist das gar nicht so schwer. Ebenfalls offen bleibt:

Als zur Unsterblichkeit Verfluchter kann man nicht sterben, was nachvollziehbar ist. Aber sein Gedächtnis kann man verlieren? Und wie kommt eine Ex-Bürgerin Jerusalems zu einem waschechten amerikanischen Akzent?

– Die Gaffer versammeln sich auf den Schlachtfeldern der Weltkriege, am Zündplatz der ersten Atombombe – und jetzt in Glastonbury, wo ein kleiner Amokläufer seinem Job nachgeht. Gibt es keine spektakulärere Katastrophe auf dieser großen Welt, die das Anschauen eher lohnte?

(– Für wen arbeitet Simon Kirkman als Historiker, dass er sich ein solches Haus leisten kann? Ich wünsche sofort Antwort, denn bei dieser Firma will ich mich bewerben!)

Ansprechend ist der ‚europäische‘ Stil des Films, d. h. der Verzicht auf die plumpe Überrumpelung des Zuschauers durch grelle Effekte, Geisterbahn-Musik oder pseudo-hektische Schnitte. Die aufgesetzte Schlusscoda ist unter diesen Voraussetzungen verzeihlich.

Das Herz des Geschehens

Es ist nicht selten, dass ein Film von einem einzigen Schauspieler oder in diesem Fall einer Schauspielerin getragen wird. Zwar leisten alle Darsteller gute Arbeit, aber ein Großteil der sachten Faszination, die von „The Gathering“ ausstrahlt, geht auf Christina Ricci zurück.

Schon in ihren jungen Jahren stach sie positiv unter Hollywoods Kinder-Klonen hervor. Aus einer ganz und gar nicht disneyliken, d. h. weder auf niedlich getrimmten noch konservativen Klischees angepassten Darstellerin ist eine junge Frau mit ausdrucksstarken Gesicht fern angeblicher Schönheitsideale geworden, die sich perfekt in die Rolle der mysteriösen Cassie fügt und jede Szene dominiert.

Die übrigen Schauspieler können da kaum mithalten. Peter McNamara als amoklaufender Frederick Argyle, der einerseits wenig mehr tun muss als mit wirrem Blick und ebensolchen Haaren durch Glastonbury zu stapfen, ist eine Ausnahme, weil er andererseits (mit Unterstützung des Drehbuchautors) verblüffend deutlich zu machen vermag, dass kein Mensch aus heiterem Himmel zum Massenmörder wird, sondern es stets eine Vorgeschichte gibt, die niemand wirklich wissen wollte, bis sie nach dem Tag X von der Presse anklagend ans Tageslicht gezogen wird.

Keine cineastische Meisterleistung, sondern ‚nur‘ ein unterhaltsamer Film, eher Phantastik als Horror, basierend auf einer guten Idee, die manchmal ein wenig zu bieder in schöne bis maßvoll schockierende Bilder umgesetzt wird: Das ist „The Gathering“. Eine Blu-ray-Fassung des Films gibt es (noch) nicht – leider, denn sie enthielte sicherlich den „Director’s Cut“. Er läuft zehn Minuten länger und vertieft das Geschehen schlüssiger. Bisher konnte man diese Fassung hierzulande nur im Fernsehen anschauen, wo sie öfter wiederholt wird.

DVD-Features

Neben dürftigen Texttafeln mit den Bio- und Filmografien der Hauptdarsteller und des Regisseurs gibt es einige Interview-Clips, die freilich nur die üblichen Phrasen („Tollster Film, an dem ich jemals gearbeitet habe!“ – „Regisseur genial!“ – „Kolleginnen und Kollegen liebst Freunde!“ usw) dreschen. Freuen darf man sich dagegen über eine gute Synchronfassung sowie die ausgezeichnete Bild- und Tonqualität.

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The Gathering – Ich sehe das, was du nicht siehst
Originaltitel: The Gathering (GB/USA 2002)
Regie: Brian Gilbert
Drehbuch: Anthony Horowitz
Kamera: Martin Fuhrer
Schnitt: Masahiro Hirakubo
Musik: Anne Dudley
Darsteller: Christina Ricci (Cassie Grant), Ioan Gruffud (Dan Blakeley), Stephen Dillane (Simon Kirkman), Kerry Fox (Marion Kirkman), Simon Russell Beale (Luke Fraser), Robert Hardy (Bischof), Harry Forrester (Michael), Jessica Mann (Emma), Peter McNamara (Frederick Argyle), Bridget Turner (Mrs. Groves), Madhav Sharma (Dr. Byworth) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 16.03.2004
EAN: 0828765620499 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Director’s Cut: 94 min.)
FSK: 16

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