Eine junge Schauspielerin lässt sich für die Rekonstruktion von Mordfällen engagieren und erregt dabei das Interesse unzähliger Geister, die sich nach Erlösung sehnen und besagte Darstellerin bedrängen … – Zunächst ungewöhnlicher, weil ab der Hälfte die bisher erzählte Geschichte relativierender Geisterfilm, dessen Plot-Auflösung recht banal gerät; die exotische Kulisse und die einfallsreiche Inszenierung lassen dies und die asiatische, d. h. schmerzhaft überbetonte ‚Schauspielerei‘ verschmerzen.

Das geschieht:

Die junge Ting schlägt sich als angehende Schauspielerin in der Großstadt mehr schlecht als recht durchs Leben, als ihr Lieutenant Te ein verlockendes Angebot macht: Für die thailändischen Medien werden spektakuläre Mordfälle unter Leitung der Polizei mit Schauspielern ‚rekonstruiert‘; die dabei entstandenen Fotos und Filme erscheinen im Fernsehen und in den großen Zeitungen. Ting erkennt die Chance bekannt zu werden und schlägt trotz gewisser Skrupel ein, schlüpft sie doch in die Rollen grausam umgekommener Frauen, deren Geister nach buddhistischer Vorstellung in Unfrieden spuken müssen, bis ihr Tod gesühnt d. h. aufgeklärt und der Täter bestraft ist.

In der Tat wird man im Jenseits rasch aufmerksam. Ting ist als ‚Opfer‘ ein echtes Naturtalent, das manchen bisher hartnäckig schweigenden Mörder zum Geständnis bringt. Nach Erlösung schmachtende Geister durchbrechen die Barriere zum Diesseits und bedrängen die entsetzte Ting. Vor allem das Phantom einer unter geheimnisvollen Umständen verschwundenen und sehr berühmten Schauspielerin lässt nicht mehr locker. Ting wird in die Enge getrieben und von den Geistern schließlich vollständig vereinnahmt.

… woraufhin eine Stimme „Cut“ ruft und das Geschehen abbricht: Ting heißt eigentlich May und ist bereits eine bekannte Darstellerin, die in einem Horrorfilm spielt. Die Crew ist nervös, denn seltsame Zwischenfälle überschatten die Arbeit. May fällt immer wieder in Ohnmacht und wirkt manchmal wie besessen, die Männer und Frauen hinter der Kamera werden von mysteriösen Erscheinungen geängstigt. Es beging eine zweite, ganz andere Geistergeschichte – und es wird nicht die letzte sein …

Geister kennen keine Moral

Die interessanten phantastischen Filme kommen heutzutage nicht unbedingt aus den USA oder Europa. Asien liefert dem Genre ein bemerkenswertes Kontrastprogramm, was sich u. a. in dem Fleiß manifestiert, mit dem Hollywood die Vorlagen aus Japan, China, Korea etc. ‚adaptiert‘, d. h. kopiert und mit schauspielerischen Eigengewächsen noch einmal inszeniert. Besser als das Original sind diese Filme so gut wie nie; es fehlt der Mut zur Konsequenz, der in den experimentierfreudigen asiatischen Studios deutlich ausgeprägter ist: So fehlt „The Victim“ beispielsweise jegliche Lovestory – eine Todsünde aus Hollywood-Sicht, denn dort ist man der Ansicht, dass kein Horrorfilm-Freund – bekanntlich stets jung an Jahren und damit hormongebeutelt – 90 Minuten ohne Tändeleien und blanke Brustkörbe durchzustehen vermag.

Regisseur und Drehbuch-Koautor Monthon Arayangkoon sieht das offensichtlich anders. Er wagt tatsächlich eine Geistergeschichte zu erzählen, in denen die Geister und nichts als die Geister im Vordergrund stehen. Bemerkenswerterweise funktioniert das; ob es daran liegt, dass südostasiatische Geister wesentlich erschreckender sind als die tumben und allzu altbekannten Schlächter aus dem Camp Crystal Lake oder der Elm Street?

Die Phantome in „The Victim“ haben gar nichts Sympathisches oder Mitleiderregendes an sich. Wer ermordet wird, verwandelt sich nach asiatischer Anschauung in einen Geist, der vor allem Rache will. Folgerichtig sind solche Gespenster in einem Zustand ständiger Wut. Schon ihr Anblick ist die Versinnbildlichung puren Zorns. Sie zu erlösen muss ganz und gar nicht das Ende jenseitiger Verfolgung bedeuten. Diese Geister haben ihren eigenen Willen und fühlen sich keiner Moral unterworfen. Die Frage nach Schuld oder Unschuld stellen sie nicht. Wer ihnen in die Quere kommt, nimmt ein grässliches Ende (was in „The Victim“ natürlich detailfroh bebildert wird).

Eine seltsame Geschichte

Kein Wunder, dass die Handlung von „The Victim“ den westlichen Zuschauer vor gewisse Schwierigkeiten stellt. Filme aus ‚unserem‘ Kulturkreis vermögen wir leicht zu entschlüsseln. Wir sind mit ihnen groß geworden und wissen, wie sie ihre Geschichte/n erzählen. Was uns nicht gezeigt wird, vermögen wir stillschweigend zu ergänzen.

Asiatische Filme sind rätselhafter. „The Victim“ hat wahrlich Furcht erregende Momente, wenn die Kamera durch leere Räume schwebt und – die Augen des Schauspielers oder der Schauspielerin ersetzend – verzweifelt versucht den Ursprung seltsamer Geräusche oder Schatten zu ergründen. Diese Form der Erzeugung von Spannung & Furcht verstehen wir und lassen uns darauf ein. Ganz anders ist es, wenn die ansonsten vorzüglich besetzten Darsteller Emotionen wie Angst oder Verzweiflung mimen: Sie scheinen sich dann in einem lichtarmen Schmierentheater zu wähnen, wo sie so spielen, dass es auch die Zuschauer in der letzten Reihe noch mitbekommen. Diese typisch asiatische Übertreibung, die dem heimischen Publikum geschuldet ist, lässt für den westlichen Betrachter die Stimmung leicht ins Lächerliche kippen.

Das Befremden wird durch die traditionell miserable deutsche Synchronisation gesteigert. Liegt es tatsächlich in der originalsprachigen Vorlage begründet, dass die Darsteller ihre Sätze wie Maschinengewehre in die Handlung feuern? Wieso ist die (übersetzte) Artikulation gleichzeitig so flach und ausdruckslos?

Eine WIRKLICH seltsame Geschichte

„The Victim“ ist als Geistergeschichte eigentlich wenig originell. Wenn der Film echtes Erstaunen erregt, dann liegt das am unerwarteten Handlungssprung in der Mitte. Plötzlich erweist sich das bisher Gesehene als Illusion. Mit denselben Schauspielern (von denen einige bereits ‚gestorben‘ waren) beginnt eine ganz andere Story. (Ist das ein Spoiler? Falls ja, gebe ich zu bedenken, dass ohne die Erwähnung dieses Kniffs eine Besprechung von „The Victim“ im Grunde unmöglich ist, weshalb er in den englischsprachigen Rezensionen durchweg Erwähnung findet.)

Diese kann mit der Vorgeschichte mithalten, bis das Rätsel gelüftet ist – ein bekanntes Problem phantastischer Filme. Ab dann verwandelt sich „The Victim“ in eine Hit-and-Run-Story, wie sie offenkundig auch in Thailand sehr beliebt ist. Der Geist lässt (buchstäblich) die Maske fallen und verzichtet nunmehr auf Winkelzüge. Leider sieht man ihn jetzt deutlicher, was die unterschiedliche Qualität der Spezialeffekte unschön betont. ‚Kleine‘ und gut durchdachte CGI-Effekte sorgen durchaus für Angst & Schrecken. Manchmal spukt es jedoch mächtig im Vordergrund. Dann verflüchtigt sich die Illusion im Angesicht minderwertiger Tricksereien.

Klug nutzt Arayangkoon den Schauplatz Bangkok. Die Metropole mit mehr als 11,5 Mio. Einwohnern wirkt durchweg klaustrophobisch eng. Der Regisseur verbannt systematisch Licht und Farbe. Die meisten Räume sind fensterlos. Die Luxusvilla der Chirurgin Fai ist ein bedrückendes, verwinkeltes Labyrinth. Wenn Ting das Mordopfer mimt, so wurde in Häusern gedreht, in denen die nachgespielten Verbrechen tatsächlich stattfanden.

In einem hübschen Nachspann zeigt der Regisseur Filmbilder, auf denen im Schneideraum ‚echte‘ Geister auftauchten. Das betont eine weitere Besonderheit: Die Figuren in „The Victim“ müssen nicht wie sonst im Film üblich mühsam von der Existenz böser Geister überzeugt werden. Sie leben zwar im 21. Jahrhundert aber weiterhin in einer Welt, in der das Übernatürliche seinen festen Platz hat. Noch bevor Ting von Phantomen gepiesackt wird, zündet sie an jeder Mordstätte eine Räucherkerze an und bittet den eventuell erzürnten Geist zum Verzeihung. (Deshalb ist sie so erstaunt, als das rein gar nichts fruchtet …) Das Filmteam lässt sich vor Beginn der Dreharbeiten von einem Priester segnen. Religion und Mystik sind allgegenwärtig.

Wer ist wer?

„The Victim“ ist auch ein Spiel mit Identitäten. Jeder Darsteller spielt mindestens zwei Rollen. Als sich die Geister einmischen, wird es noch schwieriger zu unterscheiden, wer gerade wer ist. Selbst wenn der Zuschauer hellwach bleibt, ist die Gefahr groß den Faden zu verlieren. Die Hektik der Handlung ist da keine Hilfe. Offenbar ist auch hier eine unterschiedliche Filmsprache verantwortlich, die dem asiatischen Publikum ermöglicht erzählerische Sprünge oder Lücken zu füllen.

Die Eigentümlichkeit des asiatischen Schauspiels wurde bereits erwähnt. Wenn sie nicht in emotionale Veitstänze verfallen, leisten die Darsteller gute Arbeit. Pitchanart Sakakorn überzeugt als blutjunge, unerfahrene und naive Ting ebenso wie als professionelle, abgeklärte und deutlich ‚erwachsener‘ wirkende May. Apasiri Nitibhon meistert ihre Rolle als Mordopfer, Rachegeist und Schauspielerkollegin, wobei die Grenzen immer wieder verschwimmen.

DVD-Features

Die zum Hauptfilm auf die DVD gebrannten Extras als „Features“ zu bezeichnen ist eigentlich unverschämt: Neben der obligatorischen Trailer-Show, die andere Filme des Labels anpreist, gibt es nur den Kinotrailer zu „The Victim“ – in zwei Sprachen immerhin.

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The Victim – Ins Dunkel des Jenseits
Originaltitel: Phii khon pen (Thailand 2006)
Regie: Monthon Arayangkoon
Drehbuch: Monthon Arayangkoon u. Sompope Vejchapipat
Kamera: Paiboon Pupradub
Schnitt: Monthon Arayangkoon
Musik: Patai Poungchneen
Darsteller: Pitchanart Sakakorn (Ting/May), Apasiri Nitibhon (Meen/Oom), Penpak Sirikul (Fai), Chokchai Charoensuk (Dr. Charun), Kiradej Ketakinta (Lieutenant Te), Sompong Tawee (Lieutenant Bee), Rashane Limtrakul (Regisseur), Sompop Vejchapipat (Drehbuchautor) uva.
Label: Legend Films International
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 21.07.2008
EAN: 0886973128596 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Thai)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 104 min.
FSK: 16

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