Finanzmanipulator Seok-Woo fährt mit seiner Tochter im Zug zur Ex-Frau und Mutter nach Busan. Blitzartig bricht eine Seuche aus, die ihre Opfer in beißgierige Zombies verwandelt. Isoliert im rasenden Zug kämpfen die Insassen gegen die rasenden Untoten, die in sämtlichen Waggons auf sie lauern … – Aufwändige Mischung aus Horror- und Katastrophenfilm; erfreulich selten lähmt asiatisches Overacting den handlungsortzentrierten Fluss dieses nie originellen aber spannenden, rasanten und bodycountreichen Grusel-Garns.

Das geschieht:

Fonds-Manager Seok-Woo geht die Arbeit über alles. Daran ist seine Ehe zerbrochen, worunter Töchterlein Soo-An besonders leidet. Momentan lebt sie beim Vater in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, möchte aber ihren Geburtstag unbedingt bei der Mutter im 450 km entfernten Busan verbringen. Widerwillig lässt sich Seok-Woo überreden, sie auf der Zugfahrt dorthin zu begleiten.

Abgelenkt durch dauernde Telefonate mit dem Büro übersieht der Vater die warnenden Vorzeichen: Unweit des Bahnhofs hat sich in einem Betrieb für Bio-Technik ein Tank-Leck aufgetan. Wer mit dem obskuren Inhalt in Kontakt kommt, stirbt einen raschen aber grässlichen Tod – um anschließend als menschenfleischgieriger Zombie wieder aufzuspringen! Jeder Biss trägt die Infektion weiter, weshalb sich diese in rasender Geschwindigkeit ausbreitet.

Auch im Zug nach Busan sitzt eine erst kranke Frau. Kurz darauf sind die meisten Passagiere untot sowie auf Menschenjagd. Die panischen Überlebenden verbarrikadieren sich in verschiedenen Abteilen. Mit Hilfe von außen ist nicht zu rechnen. Der Zugführer wurde über Funk darüber informiert, dass die meisten Bahnhöfe entlang der Strecke bereits von den Untoten überrannt wurden. Eventuell ist Busan noch zombiefrei.

Mangels Alternative steuert der Zug mit Höchstgeschwindigkeit seine Endstation an. Innen versuchen sich die Überlebenden zusammenzutun, was es jedoch erforderlich macht, sich buchstäblich durch die Waggons zu kämpfen. Die Krise sorgt allerdings nicht für den dringend erforderlichen Zusammenhalt. Mancher denkt zuerst oder nur an sich selbst und hat kein Problem damit, sich auf Kosten anderer zu retten. Die Zahl der Überlebenden schrumpft innen rasant, aber auch draußen droht Ungemach: Die Schienen sind blockiert, und sie werden gesäumt von wartenden Untoten …

Kein Licht aus dem Himmel, sondern Zombies

In Filmen aus Asien werden Gefühle für den europäischen Zuschauergeschmack nicht nur ein wenig zu dick aufgetragen. Meist dauern sie mindestens zwei Stunden und geizen nicht mit Schaueffekten, die man sich allerdings sauer verdienen muss: Zwischen entsprechenden Szenen bleibt viel Zeit, in denen sich die Protagonisten ausgiebig mit zuvor verschütteten Emotionen auseinandersetzen.

„Train to Busan“ verzichtet nicht auf solche Gefühlsstürme. Angekündigt werden sie durch ein allegorisches Story-Konzept. Entfremdeter Vater und vernachlässigte Tochter auf langer (Zug-) Fahrt: Da darf niemand auf den Verzicht der sich daraus ergebenden Konflikte und Diskussionen hoffen! Selbstverständlich wird die Zugfahrt nach Busan für Seok-Woo zur Reise nach Damaskus. Aus Saulus, dem hartherzigen Mann, wird Paulus, der fürsorgliche Vater, der zudem seinen Mitmenschen in der Not beispringt.

Immerhin hält sich Regisseur Yeon Sang-Ho mit tatsächlich unerträglicher Dramatik erfreulich zurück. Es gelingt ihm, sein zentrales Anliegen in das zunehmend von Zombie-Attacken geprägte Geschehen zu integrieren. Isolation und Klaustrophobie sind dabei ein probates sowie bewährtes Mittel zum Schüren von Spannung. Primär-Schauplatz ist hier ein langer, schmaler = enger Hochgeschwindigkeits-Zug, der einerseits nicht halten darf, weil jenseits der Schienen der Krieg der Untoten gegen die Lebenden tobt, während andererseits die Waggons mit Zombies besetzt sind, die den Insassen ans Leder wollen. Es gibt kein Entrinnen, man muss sich den Ungeheuern stellen, die zu allem Überfluss nicht der Gattung Romero-Schlurfer angehören, sondern außerordentlich flink sind und buchstäblich über Tische und Bänke springen!

Die Untoten sind einiger als die Lebenden

Yeon Sang-Ho verliert keine Zeit. Nachdem die Handlung rasch den Bahnhof von Seoul erreicht hat und uns die wichtigsten Figuren knapp aber prägnant vorgestellt wurden, tauchen schon die Zombies auf. Die Protagonisten werden voneinander getrennt, und die dadurch entstandenen Einzelgruppen müssen sich erst einmal zueinander durchkämpfen, was Stoff für spannende und an Zwischenfällen reiche Ereignisse bietet. Der Bodycount ist beachtlich; wirklich sicher darf sich der Zuschauer keiner Figur sein, jede/n kann es erwischen. Das Tempo des Zuges spiegelt sich in diesen Sequenzen wider, was durch den rasanten Schnitt unterstrichen wird.

Ist man endlich zusammengekommen, bleibt die erhoffte Stärkung der Gruppe aus. Die Krise bringt sowohl das Gute als auch das Schlechte im Menschen zum Vorschein. Letzteres wird hauptsächlich vom Konzernchef Yong-Suk verkörpert, unter dessen feinem Anzugtuch das Stein-Herz eines egoistischen Feiglings schlägt, der Privilegien einfordert und sein Leben bedenkenlos über das seiner Mitfahrer stellt. Zwar muss es Darsteller Kim Eui-Sung als sozialkritisch angeprangertes Kapitalistenschwein drehbuchbedingt übertreiben, aber er schlägt sich wacker als einprägsamer Schurke, während die übrigen Angsthasen asia-kinotypisch outrieren müssen, dass sich der (westliche) Zuschauer vor Fremdscham windet.

Vor allem im letzten Drittel mehren sich die Spannungslücken, denn jetzt müssen die entwickelten Emotionen aufblühen. Das geschieht abermals sehr dramatisch, gern in Zeitlupe oder unter Einsatz von Rückblenden. Die Zombies halten sich in solchen Szenen rücksichtsvoll zurück, während Tränen fließen und inbrünstig Abschied genommen wird. Erträglich ist das, weil ungeachtet zuvor zur Schau gestellten Wohlverhaltens der Tod konsequent seine Sense schwingt und dabei unerträgliche Zerrgestalten wie die wackligen Senil-Schwestern In- und Jong-Gil entsorgt.

Jederzeit kann es zu Ende sein

Überraschend dezent spielt Kim-Soo-Ahn die neunjährige Soo-An. Meist ist sie ruhig und ernst, was zu ihrer Rolle als Scheidungskind passt. Später teilt sie sich die Rolle des wehrlosen Zombie-Opfers, das ständig gerettet werden muss, mit der hochschwangeren Sung-Gyeong, die ungeachtet ihrer Bauchkugel wie eine Häsin laufen, auf fahrende Züge springen oder unter zusammenbrechenden Waggons herumkriechen kann. Durch die Handlung irrt außerdem ein namenloser Obdachloser mit leichtem Hirnwaffelriss, der auf den Moment wartet, in dem er sich für die Gefährten opfern darf – eine Rolle, die im Asia-Kino nie fehlt und pathetisch zelebriert wird, was in diesem Film gleich mehrfach geschieht.

Die Zombies sind wie schon erwähnt ausgesprochen kregel. Für „Zug nach Busan“ stand (nach südkoreanischen Maßstäben) ein ansehnliches Budget zur Verfügung. Deshalb muss der Zuschauer die Untoten nicht an den Fingern abzählen. Sie treten in Horden auf, die offensichtlich nicht im Computer entstanden; ausgenommen sind verständlicherweise Szenen, in denen Zombies aus fliegenden Hubschraubern fallen oder im Pulk von einem Zug mitgeschleift werden. In solchen Szenen kann sich „Train to Busan“ durchaus mit dem Hollywood-Blockbuster „World War Z“ messen.

Obwohl ‚echter‘ Splatter in Gestalt herausgerissener Gedärme fehlt, geht es angemessen blutig zu. Zaghaft sind diese Untoten jedenfalls nicht, und auch ihre Widersacher machen sich mit Baseballschlägern und ähnlichen Utensilien beherzt ans Werk. Auf diese Weise vergehen zwei Filmstunden ebenso rasch wie unterhaltsam, was die wie üblich „Kultfilm!“ kreischende Werbung zur angenehmen Abwechslung einmal nicht vollständig der dreisten Lüge überführt.

DVD-Features

Die Extras bieten eine „B-Roll“ (12:25 min.), die Blicke hinter die Kulissen ermöglicht, und eine Fragerunde, in deren Verlauf Pressevertreter, denen der Film gerade gezeigt wurde, Fragen beantwortet werden (40 min.) Darüber hinaus gibt es den Original-Trailer sowie zwei Original-Teaser.

Wer zur „Limited Mediabook Edition” greift, erhält nicht etwa weitere Extras, sondern etwas viel Besseres: Bevor Yeon Sang-Ho „Train to Busan“ inszenierte, realisierte er – als Anime, d. h. Zeichentrickfilm – den Film „Seoul Station“. Dieser stellt ein Prequel zu „Train to Busan“ dar und spielt einen Tag vor den hier gezeigten Ereignissen in Seoul.

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Train to Busan
Originaltitel: Busanhaeng (Südkorea 2016)
Regie: Yeon Sang-Ho
Drehbuch: Park Joo-Suk u. Yeon Sang-Ho
Kamera: Lee Hyung-Duk
Schnitt: Yang Jin-Mo
Musik: Yang Young-Gyu
Darsteller: Gong Yoo (Seok-Woo), Kim Soo-Ahn (Soo-An), Ma Dong-Seok (Sang-Hwa), Yeong Yu-Mi (Sung-Gyeong), Ahn So-Hee (Jin-Hee), Kim Eui-Sung (Yong-Suk), Choi Woo-Sik (Jung-Gook), Shim Eun-Kyung (blinder Passagier), Jung Suk-Yong (Zugführer), Ye Soo-Jung (In-Gil), Park Myung-Shin (Jong-Gil), Lee Joo-Sil (Seok-Woos Mutter) uva.
Label: Splendid Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.02.2017/03.02.2017 (Limited Mediabook Edition)
EAN: 4013549084451 (DVD)/4013549084468 (Blu-ray)/4013549084475 (Blu-ray – Limited Mediabook Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Südkoreanisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 113 min. (Blu-ray: 118 min.)
FSK: 16

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