Under the SkinEine außerirdische Lebensform nimmt Frauengestalt an und lockt Männer in ihre Falle, die dort zu Alien-Futter verarbeitet werden; die Nähe zu den Menschen sorgt dafür, dass die Kreatur ihren Auftrag in Frage stellt … – Ungeachtet des groben Plots erzählt Regisseur Glazer seine Geschichte betont kühl und stilisiert; die Kamera übernimmt die Sicht des Aliens und leistet dabei eindrucksvolle Arbeit: kein Splatter-Film für den Bier-&-Chips-Feierabend, sondern ein ambitioniertes Seh-Erlebnis, das sich der Zuschauer erarbeiten muss.

Das geschieht:

Unbekannte Wesen offenbar außerirdischen Ursprungs schlüpfen in Menschengestalt und mischen sich unter die Bevölkerung. Gerade frisch auf dem Globus eingetroffen ist eine junge und schöne Frau, die in England eingesetzt wird. Dort fährt sie des Nachts mit einem großen Lieferwagen durch öde Vorstädte und sucht nach einsamen bzw. alleinstehenden Männern, die sie mit dem Versprechen folgenlosen Spontansexes in ein altes, verfallendes Haus lockt. Dem gierigen Tunnelblick der Opfer entgehen diverse Seltsamkeiten, bis es zu spät ist: Der Fußboden eines ganz besonderen Raums verwandelt sich in eine zähe Flüssigkeit, die den Pechvogel verschluckt. Eine unsichtbare Kraft lässt später seinen Körper buchstäblich zusammenfallen; Fleisch und Knochen werden zur weiteren Verarbeitung abtransportiert, zurück bleibt nur eine leere Hülle aus Haut.

Die Frau ist inzwischen auf eine neue Jagd gegangen. Sollte es zu Zwischenfällen kommen, kann sie auf die Hilfe eines (offensichtlich ebenfalls planetenfremden) Motorradfahrers setzen, der unliebsame Zeugen oder im letzten Moment geflüchtete Opfer beseitigt und entsorgt.

Zwar bleibt die eigentliche Jagd deshalb problemlos. Doch die ‚Maskierung‘ als Mensch hat für die Alien-Frau ihren Preis. Die Tarnung ist ein wenig zu gut gelungen: Unter ihrer Menschen-Maske entwickelt die Fremde allmählich menschliche Gefühle. Verwirrung mischt sich mit Neugier, die Frau gibt den Emotionen nach. Darunter leidet die Mission.

Schließlich lässt die Jägerin ein Opfer, das ihr ans (potenzielle) Herz gewachsen ist, sogar entkommen. Kurz darauf setzt sie sich ab, denn ihr Beschützer ist gleichzeitig ihr Wächter: Der Motorradfahrer ruft andere Aliens zur Hilfe, damit sie mit der Suche nach der Frau beginnen. Die verschlägt es nach Schottland, wo sie feststellen muss, dass Gefühle gefährlich werden, wenn man sie nicht meistern kann …

Symbolik statt Drastik

Liest man die Inhaltsangabe, wird man „Under the Skin“ wahrscheinlich für einen Horror-Thriller mit Science-Fiction-Elementen halten und Action mit drastischen Metzel-Einlagen erwarten. Die Überraschung – oder die Enttäuschung – könnte kaum größer sein, denn Regisseur und Drehbuch-Mitautor Jonathan Glazer hat jene zehn Jahre, die er benötigte, um sein Filmprojekt in den Griff zu bekommen sowie zu finanzieren, darauf verwendet, den Plot nach allen Regeln der Kunst wider den Strich zu bürsten.

Schon die Romanvorlage von Michel Faber schien sich 2000 weniger einschlägiger Genre-Elemente zu bedienen als sie zweckzuentfremden. Faber erzählt minimalistisch eine symbolträchtig angereicherte Parabel, in der nicht die Handlung, sondern die ‚Menschwerdung‘ eines außerirdischen Wesens im Mittelpunkt steht, das zwar intelligent aber gefühllos ist. Als sich Emotionen einstellen, muss es sich mit dieser Veränderung auseinandersetzen und die Konsequenzen tragen.

Auch Glazer stellt diese Metamorphose in den Mittelpunkt. Zwar vernachlässigt er darüber keineswegs die Handlung, ordnet sie aber der dem zentralen Thema sowie der Stimmung radikal unter. Zu diesem Zweck verzichtet Glazer u. a. nachdrücklich auf jene darstellerische Klarheit, die der ‚normale‘ Zuschauer und erst recht der Horror- oder SF-Fan von ‚seinem‘ Kino fordert. Die Chronologie alltäglicher Ereignisse wird gebrochen, verfremdet und in die Länge gezogen. Auf diese Weise möchte Glazer die Menschenwelt durch die Augen eines Aliens zeigen.

Verloren in der Fremde

Obwohl oder gerade weil Glazer auf genretypische Spezialeffekte weitgehend verzichtet, stellt sich der gewünschte Effekt ein. Kameramann Daniel Landin hat ein Auge für Motive, Bildausschnitte und Licht, weshalb betont alltägliche Szenen plötzlich fremd erscheinen. Hinzu kommt ein ausgefeilter Musik-Score, der Harmonien vermeidet, sondern dissonant für Unruhe sorgt: Nicht nur in dieser Hinsicht erinnert „Under the Skin“ an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ (1968).

Die offensichtliche Kälte der Bilder unterstreicht die Aussage, verhindert aber ein ‚Warmwerden‘ mit dem Film und seinen Protagonisten. Auch dies liegt in Glazers Absicht. An dieser (nur scheinbaren) Oberflächlichkeit ändert sich nichts, als Gefühle ins Spiel kommen. Hollywood-Harmonie bleibt aus, denn diese Emotionalisierung trifft ein Wesen, das darauf weder vorbereitet ist noch sich ihr anpassen kann. Dazu passt eine Verlagerung des Geschehens aus der anonymen Stadt in die schottische Berg- und Waldlandschaft, die niemals idyllisch, sondern düster, nass und bedrohlich in Szene gesetzt wird.

Die ‚Humanisierung‘ der ET-Jägerin wird als Häutung dargestellt, die schließlich buchstäblich erfolgt. Das Finale verdeutlicht, wieso der Ausbruch scheitern musste: Unter der Menschenhaut kommt eine letztlich höchstens menschenähnliche aber eben doch un-menschliche Kreatur zum Vorschein, die ohne die schützende Hülle dem Untergang geweiht ist.

Haut als Metapher

Immer wieder greift Glazer auf die im Titel genannte Haut bzw. deren Funktion als Membran zurück, die einem empfindlichen Inhalt Halt und Gestalt verleiht. „Under the Skin“ – unter der Haut – steckt eine Wahrheit, deren Offenbarung gravierende Konsequenzen zeitigt. Dies trifft buchstäblich auf jene Zeitgenossen zu, die zu Alien-Futter verarbeitet werden. Andererseits prägt die Haut den Menschen. Daraus resultiert eine quasi instinktive Zuneigung oder Ablehnung, die der Jägerin fremd ist. Deshalb ist es paradoxerweise gerade ihr möglich, den zutiefst menschlichen Kern eines Mannes zu erkennen, der durch Krankheit schrecklich entstellt wird: Es ist ihr gleichgültig, weshalb es gerade dieser Mann ist, der die ‚Frau‘ endgültig aus ihrem Kreislauf ausbrechen lässt.

Dem Menschen ist diese Objektivität nicht gegeben, weshalb die ohnehin angeschlagene Jägerin verloren ist, als sie mit ihrer ‚irdischen‘ Haut die Tarnung verliert. Erinnert man sich daran, wie die ‚Frau‘ in die Handlung eingeführt wurde, ist Ähnliches wohl nicht zum ersten Mal geschehen. Die Motorradfahrer wirken routiniert, wenn sie sich auf die Spur der Jägerin setzen. Man darf davon ausgehen, dass eine neue ‚Frau‘ ihre Vorgängerin ersetzen wird.

Weibliche Attraktivität, die gerade im Film von großer Bedeutung ist, wird von Glazer als zweckbestimmtes Instrument behandelt: Die Jägerin ist schön, weil dies die ‚Beute‘ lockt und ablenkt. Deshalb stellt sich keinerlei erotische Stimmung ein, obwohl Scarlett Johansson mehrfach völlig nackt vor die Kamera tritt: Sie überzeugt als Wesen, dem weibliche Körperlichkeit unbekannt ist und ebenfalls erst entdeckt werden muss.

Kalte Welt für Menschen und Aliens

Ein Film wie dieser benötigt eine Künstlichkeit, die nicht nur formal in Szene gesetzt, sondern auch von den Darstellern vermittelt wird. Das ist eine Herausforderung, da hier eben keine emotionale Verbindung zwischen Schauspieler und Zuschauer aufgebaut werden, die ‚Frau‘ also kein Mitleid, aber auch keine Ablehnung provozieren soll.

Scarlett Johansson gehört zu den sogenannten „Stars“, die in hochbudgetierten Hollywood-Blockbustern eingesetzt, sehr gut entlohnt und von Fans hofiert werden. Sie könnte auf Nummer Sicher gehen und diese Schiene weiterhin befahren, ohne sich beispielsweise der Demütigung auszusetzen, dass Boulevard-Medien ein diesbezüglich interessiertes Publikum scheinheilig und kundenlockend darauf hinweisen, dass man Johansson in „Under the Skin“ nackt sehen kann. Auf diesem ‚Niveau‘ bedeutet „nackt“ gleich „geil“, womit Glazers Film in eine Ecke gerückt wird, in die er nicht gehört.

Allerdings sieht man Johansson zwar oft aber nicht immer in Multi-Millionen-Radau-Filmen wie „The Island“ (2005; dt. „Die Insel“), Mainstream-Dramoletten wie „We Bought a Zoo“ (2009; dt. „Wir kaufen einen Zoo“) oder als „Black Widow“ im Marvel-Kino-Multiversum. Zwischendurch sucht sie die schauspielerische Herausforderung, weshalb sie in ‚kleinen‘ aber feinen Filmen und komplexen Rollen auftaucht: „Lost in Translation“ (2003; dt. „Lost in Translation – Zwischen den Welten“), Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“ (2008) oder eben „Under the Skin“. Als Jägerin ist Johansson ausgezeichnet und niemals „Star“. Die Dreharbeiten waren schwierig, fanden oft nachts und bei schlechter Witterung statt. Manche Begegnungen auf dunklen Stadtstraßen wurden ohne Drehbuchvorlage improvisiert, wobei Glazer Johansson zwar über Funk unterstützte, ihr aber in im Lieferwagen freie Hand ließ, wenn sie nicht eingeweihte Mitbürger ansprach.

Kunst genießen, ablehnen oder flüchten?

„Under the Skin“ polarisiert erwartungsgemäß das Publikum. Es ist ein Film, den man anscheinend nur lieben oder hassen kann. Blockbuster-Fans und Arthouse-Aficionados sitzen selten in einem Boot. Kritikern geht es ähnlich. Von denen, die Glazers Werk ablehnten, monierte die Mehrheit einen tausendfach bekannten Plot, der durch die Brechungen der sonst üblichen Umsetzung weniger künstlerisch als künstlich aufgeblasen werde. Weiterhin missfielen die bedingungslose Sachlichkeit, die metaphysischen bzw. selbstreferenziellen Verfremdungen und die entweder vieldeutige oder ratlose Auflösung.

Diese Argumente lassen sich nicht von der Hand weisen. Glazer hat sich hier und dort in einem Werk verrannt, mit dem er sich womöglich so intensiv beschäftigte, dass er betriebsblind geworden ist. Andererseits wird seine Absicht klar, und das Ergebnis – der Film – ist keineswegs artifizielle Selbstbefriedigung, sondern auf seine Weise spannend und faszinierend. Das Unmenschliche als Mensch so darzustellen, dass es tatsächlich fremd wirkt, ist ein riskantes Unterfangen. Wenn es gelingt, ist es regt es an, ohne sich in reiner Effektberieselung zu erschöpfen. Auf jeden Fall ist „Under the Skin“ einen Blick wert, wenn man eine Alternative vom Dumm-Dumm-Kino sucht, ohne mit verquaster (Pseudo-) Kunst gelangweilt zu werden.

DVD-Features

Zum Hauptfilm wurde ein mehr als 40-minütiges Making of produziert, das nicht platte Zusatzwerbung generieren soll, sondern informieren möchte. „Under the Skin“ stellte an alle Beteiligten vor und hinter der Kamera große Anforderungen. Jonathan Glazer hatte sehr explizite Vorstellungen. So ließ er für die Rolle des deformierten Mannes keinen Schauspieler durch Make-up in einen Elefantenmensch verwandeln, sondern engagierte Adam Pearson, der real unter unkontrollierbaren Haut- und Gewebewucherungen leidet, was die Intensität dieser Szenen verstärkt.

Obwohl so gut wie keine SF-typischen Kulissen verwendet wurden, arbeitete Glazer intensiv an einem Production Design, das die gewünschte Fremdartigkeit vermitteln sollte. Man fand entsprechende Orte, deren Ausstrahlung durch die geschickte Integration zwar unauffälliger aber unterbewusst irritierender Elemente unterstrichen wurde.

Nur kurz spricht Scarlett Johansson, was allerdings auch die üblichen Floskeln verhindert. Stattdessen sieht man sie in ihrer Rolle als Jägerin vor der versteckten Kamera ahnungslose Passanten ansprechen.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok, all rights reserved

Under the Skin – Tödliche Verführung
Originaltitel: Under the Skin (GB 2013)
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Walter Campbell u. Jonathan Glazer (nach dem gleichnamigen Roman – dt. „Die Weltenwanderin” – von Michel Faber)
Kamera: Daniel Landin
Schnitt: Paul Watts
Musik: Mica Levi
Darsteller: Scarlett Johansson (Frau), Jeremy McWilliams (Motorradfahrer), Adam Pearson (deformierter Mann), Michael Moreland (ruhiger Mann), Krystof Hadek (Schwimmer), Gerry Goodfellow (Busfahrer), Dave Acton (Holzfäller), Kevin McAlinden, Andrew Gorman, Paul Brannigan (Opfer) u. a.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 10.10.2014
EAN: 0888430662698 (DVD)/0888430662797 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 103 min. (Blu-ray: 108 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)