Kindermädchen Verena wird engagiert, um den nach dem Tod seiner Mutter verstummten Jakob zu betreuen. In dem einsamen Haus irgendwo in der Toskana entdeckt Verena manche Seltsamkeit, sodass sie bereit ist Jakob zu glauben, dass der Geist der Mutter aus der Wand spricht … – Die ideenarme, sterbenslangweilig umgesetzte Schauermär wird von fähigen Schauspielern in grandiosen Kulissen dargeboten. Während sich die Augen sattsehen können, sinkt das Hirn bald in komatöse Stasis: fauler Zauber mit allzu intensiv behauptetem Anspruch.

Das geschieht:

Nach dem frühen Tod der Eltern verdingt sich Verena als Krankenschwester. Im Italien der 1950er Jahre bedingt dies ein einsames, auf den jeweiligen ‚Kunden‘ konzentriertes Leben, das immer wieder von tränenreichen Abschieden unterbrochen wird: Verena betreut kranke Kinder, die sie nach der Genesung verlassen muss.

Ihr aktueller Auftrag führt sie in die Toskana und dort auf das Landgut der Familie Rivi, die dort seit Jahrhunderten ansässig ist. Der Reichtum stammt aus dem Steinbruch der Familie; dort wurde lange feiner Marmor gebrochen. Im Zweiten Weltkrieg flutete man den Steinbruch, um die nazideutsche Invasion zu behindern. Auf das Geld war die Familie danach nicht mehr angewiesen, denn Malvina Rivi wurde eine weltberühmte und gut honorierte Pianistin. Sie heiratete den Bildhauer Klaus Risi und brachte Jakob zur Welt, der das Talent der Mutter geerbt hat.

Vor sieben Monaten starb Malvina nach langem Leiden an einem seltsamen Fieber. Seitdem hat Jakob kein Wort mehr gesprochen. Stattdessen verbringt er Stunden damit, an den Wänden des Landgutes zu horchen, das aus dem Marmor des Steinbruchs errichtet wurde. Klaus hat sich zusammengereimt, dass Jakob die Stimme der Mutter zu hören glaubt: Malvina liegt in der Familiengruft begraben, die ebenfalls aus dem heimischen Marmor besteht.

Verena mag an solchen Spuk nicht glauben. Langsam baut sie eine Verbindung zum verschlossenen Jakob auf. Die allgegenwärtige Trauer lastet bald auch auf ihr. Malvinas Mutter Lilia scheint in ihr die verlorene Tochter zu sehen. Klaus findet Gefallen an der jungen Frau, die ihn zunehmend an Malvina erinnert. Verena lässt sich auf dieses Spiel ein. Sie ist verunsichert, denn es ereignen sich wunderliche Dinge in dem und um das Haus. Als sie eines Tages ebenfalls Malvinas Stimme hört, ist es zu spät: Der Plan der toten Hausherrin ist aufgegangen …

Mysterien des Todes

Geisterspuk ist ein Ausdruck von Hoffnung und Angst, seine Quelle der Tod bzw. die in ihm wurzelnde Trauer: Ein Mensch, dem man sich nahe fühlte, ist gestorben. Er hinterlässt eine Lücke und wird womöglich in einem Maß vermisst, das normalerweise bestrittenen Vorstellungen Raum gibt: Ist es möglich, dass der oder die geliebte Tote sich aus dem Jenseits melden kann? Hat er oder sie womöglich etwas unvollendet zurücklassen müssen und will sich weiterhin darum kümmern? Andererseits stellt sich die Frage, ob man einen verstorbenen Mitmenschen tatsächlich wiedersehen möchte, selbst wenn man um ihn trauert. Möglicherweise verändert der Tod Mentalität und Gutwillen einer Person, weshalb man ihr nicht mehr trauen kann.

Dieses Dilemma ist die Quelle der meisten Geistergeschichten. Die elementare Furcht vor dem Tod = der Begegnung mit dem, der schon gestorben ist, wird durch den Wunsch einer neuerlichen Verbindung gemildert. Auf diese Weise kann der Geist Gewalt über den Lebenden erlangen, denn selbstverständlich hegt er zumindest in der Populärkultur selbstsüchtige Absichten: Wie langweilig wäre denn ein liebenswürdiger Geist? (Ausnahmen wie das Gespenst von Canterville bestätigen diese Regel.)

Auch „Voice from the Stone“ bedient sich der bewährten Konstellation. Hinzu kommt eine dem Mysterium angemessene Umgebung, die filmisch mit dem aufgeladen wird, was man als Edgar-Allan-Poe-Essenz umschreiben kann: Das Ambiente ist integraler Bestandteil der Geschichte, die Natur und natürlich das zentrale Haus sind quasi ‚lebendig‘, was – damit schließt sich der gruselige Kreis – eine Atmosphäre ständiger Bedrohung erzeugt, die sich bleischwer über die Szenerie legt.

Wucht des Raumes

Da es ein Zuviel an Stimmung nach Ansicht von Regisseur Eric Dennis Howell offensichtlich nicht gibt, legt er tüchtig nach: Die Geschichte spielt in den 1950er Jahren, wofür es keinen Grund gibt, außer die Isolierung des Schauplatzes zu unterstreichen. Offenbar ist das Rivi-Gut ohne Telefon, und ein Automobil scheint es trotz des angeblichen Reichtums ebenfalls nicht zu geben. Zudem ist das Landhaus eher eine Mischung aus Trutzburg und Mausoleum: Im familieneigenen Grabgewölbe ruhen 40 Generationen, die zwölf Jahrhunderte Familiengeschichte repräsentieren.

Besonders anheimelnd wirkt das verständlicherweise nicht, was filmtechnisch auf die Spitze getrieben wird: Den Bildern wurde sämtliche Farbkraft entzogen. Selbst saftige Wiesen oder grüne Wälder verwandeln sich in Sümpfe und düstere Haine. Der Himmel ist stets sonnenfrei, dafür wabern Nebelschwaden. Im Haus setzt sich diese Trostlosigkeit fort; sie wird durch bewährte Angstauslöser (ausgestopfte Vögel, versperrte Türen, dunkle Winkel) untermauert.

Faktisch ist „Voice from the Stone“ eine Orgie erlesener Grusel-Ausstattung. Selten sieht man Kulissen, die so einfallsreich und liebevoll bis ins kleinste Detail als Treibriemen einer Geschichte angeordnet werden – einer Geschichte, die leider diesem Fundament nie gewachsen ist. Daphne Du Maurier und ihr Werk dürften dem jüngeren Publikum nicht mehr viel sagen. Deshalb glaubte Howell es wagen zu können, mehr als einen Hauch von „Rebecca“ zu zitieren: Als allgegenwärtiger Schatten lastet Malvina über ‚ihrem‘ Gut und ‚ihrer‘ Familie, die ihr – einschließlich des knurrigen Faktotums Alessio – treu ergeben oder besser: von ihr besessen ist.

Zwang der Vorstellung

Was eigentlich vor sich geht, bleibt nach dem Willen von Regisseur und Drehbuchautor primär dem Zuschauer überlassen. Möglicherweise ist Verena geistig labil, was sich stetig verschlimmert, oder Malvina hat tatsächlich einen Weg gefunden, ihren Geist solange zwischen Diesseits und Jenseits zu ‚parken‘, bis sie einen passenden Gastkörper gefunden hat, in dem sie sich einnisten kann.

Das könnte durchaus spannend sein, auch wenn der Plot schon unzählige Male bemüht wurde. Eine schwungvolle Inszenierung wäre die beste Alternative. Howell setzt dagegen auf die Macht der Andeutung – ein Instrument, das nur jene zur Hand nehmen sollten, die es bedienen können. Dazu dürfen sich Howell und die Mehrheit seines Teams leider nicht zählen. Allein Kameramann Peter Simonite schuftete wie ein Berserker, um geradezu überirdisch schöne und unheimliche Bilder zu erschaffen. Sie sind so bemerkenswert geraten, dass sie zumindest anfänglich vertuschen helfen, dass ihnen keine ähnlich kraftvolle Handlung gegenübersteht.

Grusel will schwer aufkeimen, wenn er nicht klug heraufbeschworen wird, sondern Teil eines dahinplätschernden Geschehens ist. Die Oma spukt durchs Haus, im Steinbruch geht es ebenfalls um, in ihrer Gruft wütet die womöglich lebendig begrabene Malvina und ‚spricht‘ durch ‚ihren‘ Marmor, dessen Weiße von aderähnlichen Linien durchzogen wird, die das Landgut endgültig als Lebewesen identifizieren sollen. Doch es fehlt die logische Klammer, die diese und andere Ereignisse zu einem Handlungsstrang formt, der plausibel in einer Auflösung mündet, die hier ohne Überzeugungskraft präsentiert wird.

Gefangene des Drehbuchs

Für Emilia Clarke, die schon an die Zeit nach dem Ruhm denkt, den ihr die prominente Rolle der Daenerys Targaryen im TV-Erfolg „Game of Thrones“ bescherte, muss die Enttäuschung groß gewesen sein. Sie übernahm die theoretisch anspruchsvolle Hauptrolle in einer Literaturverfilmung – als „ La voce della pietra” veröffentlichte der italienische Poet und Schriftsteller Silvio Raffo 1996 die Vorlage für diesen Film – und leistet gute Arbeit als nur scheinbar rationale Verena, deren verdrängten inneren Nöte sie empfänglich für Malvinas Tücken machen.

Auf das Drehbuch kann sich Clarke freilich nicht stützen. So gibt es einen nie erklärten und schlecht vorbereiteten Bruch, als sich Verena urplötzlich in den mürrischen Klaus verguckt, ihm nackt Modell steht und sich im Geiste mit ihm im Lotterbett wälzt. Auch der Übergang von der rationalen Frau zur Geistergläubigen erfolgt von einer Sekunde zur nächsten und ist so durchschlagend, dass selbst der geistergläubige Jakob lieber die Flucht ergreift.

Ohnehin irren die Protagonisten ständig orientierungslos durch die Landschaft; es soll die aus dem Gleichgewicht geratenen Seelen visualisieren. Vielleicht ist Marton Csokas in seiner Rolle so abweisend, weil es ihm als Schauspieler ebenso ging. Wieso sich Verena ausgerechnet in ihn verlieben sollte, bleibt jedenfalls ähnlich rätselhaft wie der Versuch, die Funktion von Jakob in diesem Spuk-Spiel zu erkennen. Was hilft es dem Reinkarnations-Projekt, wenn Malvina ihrem Sohn Bedrohliches durch die Wand zuflüstert? Warum zieht sie nicht lieber Klaus ins Vertrauen? Warum geistert eigentlich Lilia durch die Zimmer? Kann Edward George Dring darauf hoffen, dass man ihm als Jakob seine bloße Anwesenheit, die jegliches Schauspiel ersetzen soll, verzeiht?

Darauf sollte Howell nicht setzen. Der ehemalige Stuntman versucht sich seit mehr als zehn Jahren als Regisseur zu etablieren. Gelungen ist ihm nur der Kurzfilm „Ana’s Playground“ (2009), von dessen Ruhm Howell weiterhin zehrt und der ihm den Regiestuhl für „Voice from the Stone“ bescherte – einem Film, der zu Recht in der jener Gruft enden wird, aus dem ihn höchstens obskure TV-Sender zu später Nachtstunde zerren werden.

DVD-Features

Die ‚Extras‘ strafen wieder einmal diese Bezeichnung Lügen. Eine etwa viertelstündige Featurette zeigt willkürliche Bilder von den Dreharbeiten, die durch ‚Interviews‘ unterbrochen werden, in denen vor und hinter der Kamera Beteiligte vertragsgemäß behaupten, in einem der besten Filme aller Zeiten mitgewirkt zu haben. Ansonsten gibt es den originalen und den deutschen Trailer.

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Voice from the Stone – Ruf aus dem Jenseits
Originaltitel: Voice from the Stone (USA 2017)
Regie: Eric Dennis Howell
Drehbuch: Andrew Shaw (nach dem Roman „ La voce della pietra” von Silvio Raffo)
Kamera: Peter Simonite
Schnitt: Clayton Condit
Musik: Michael Wandmacher
Darsteller: Emilia Clarke (Verena), Marton Csokas (Klaus), Caterina Murino (Malvina), Edward George Dring (Jakob), Lisa Gastoni (Lilia), Remo Girone (Alessio) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 30.06.2017
EAN: 0889854185497 (DVD)/0889854185596 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 12

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

The Awakening – Geister der Vergangenheit

Altar – Das Portal zur Hölle

Backtrack – Tote vergessen nicht

The Forest – Verlass nie den Weg