1969 bringt der „Zodiac“ wahllos Menschen um und schickt kryptische Droh- und Protzbriefe an Polizei und Presse. Die letztlich vergebliche Jagd auf den Mörder wird für einige Menschen zur Obsession, die ihr Leben beeinträchtigt oder zerstört … – Fast dokumentarisch in Form und Inhalt rekonstruiert Regisseur Fincher ein ungelöstes Kriminalrätsel. Genial lässt er die Vergangenheit aufleben, wobei ihm der Zodiac vor allem als Symbol dient: Während dessen Identifizierung nie wirklich gelingt, beobachtet die Kamera Opfer, Angehörige und Freunde, aber auch Polizisten und Journalisten, in deren Leben der Zodiac eine prägende Rolle spielte.

Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1969 beginnt der „Zodiac“ im Großraum San Francisco zu morden. Er hat es anscheinend auf junge Pärchen abgesehen, die er mit Pistole oder Messer abschlachtet. In kurzen Abständen schlägt er zu, doch was ihn ‚berühmt‘ macht, ist sein Mitteilungsbedürfnis: Der Mörder schickt nicht nur der Polizei, sondern auch der Presse chiffrierte Botschaften, die entschlüsselt weitere Gräueltaten ankündigen und um Entlarvung des Täters betteln, der sich als geistesgestört hinstellt.

Inspektor Toschi, der den Fall übernimmt, erkennt rasch, dass dies eine Finte ist. Tatsächlich genießt der Zodiac die Popularität, die ihm seine Überfälle bringt. Er tötet sogar einen völlig unschuldigen Taxifahrer, um sich in den Schlagzeilen zu halten. Mit immer neuen kryptischen Botschaften bombardiert er die Medien, kündigt grausame Mordanschläge an und legt seinen Briefen blutgetränkte Fetzen vom Hemd des Taxifahrers bei, damit man ihm kein Trittbrettfahrer den ‚Ruhm‘ streitig machen kann.

Die Jagd auf den Zodiac wird für viele Menschen zum zentralen Ereignis ihres Lebens. Robert Graysmith arbeitet als Karikaturist für den „San Francisco Chronicle“, die größte Zeitung in Nordkalifornien. Er bewundert seinen Kollegen, den ausgebufften Journalisten Paul Avery, der sich auf die Spur des Zodiac setzt. Avery wiederum bezieht Graysmith in seine Ermittlungen ein, als er das Talent des jungen Mannes erkennt, sich in die Psyche des Mörders hineinzuversetzen. Auch Inspector Toschi arbeitet mit dem ungleichen Duo zusammen.

Die Spur des Zodiac wird freilich kalt. Der Mörder bringt keine Menschen mehr um, sondern prahlt nur mehr mit angeblichen Tötungen. Die Medien verlieren das Interesse, die Polizei muss sich aktuellen Fällen widmen. Avery und Toschi geben nach diversen beruflichen und privaten Niederlagen die Jagd auf. Nur Graysmith will und kann nicht lockerlassen. Er bleibt auf der Fährte und findet schließlich den Mann, der der Zodiac sein könnte …

Mörder-Angst im Sommer der Liebe

Ende der 1960er Jahre gehörten Serienmörder noch nicht zum kriminellen und kriminalistischen Alltag. Die technischen Möglichkeiten der Polizei waren vergleichsweise eingeschränkt, Handys und Computer Zukunftsmusik und selbst simple Faxgeräte kaum verbreitet. Die mangelhafte Zusammenarbeit zwischen den Polizisten verschiedener Zuständigkeitsbereiche war mit ein Hauptgrund für den ‚Erfolg‘ des Zodiac, der sich im Rückblick alles andere als genial verhält und nach Ansicht moderner Kriminalisten heute schnell gefasst wäre.

Es ist müßig, über verschüttete Milch zu klagen. David Fincher investiert viel Zeit und Mühe in die Darstellung einer Gegenwart, in der es logisch wirkt, dass die Fahndung nach dem Zodiac misslingt: Nach zeitgenössischen Maßstäben haben alle Beteiligten getan, was sie kannten & konnten. Der Mörder profitierte – ohne sein Wissen aber mit viel Glück – von den lückenhaften Ermittlungsmethoden seiner Zeit.

„Zodiac“, der Film, erzählt nicht nur bzw. nicht primär die Geschichte eines Serienkillers und seiner Bluttaten. Fincher will mehr; er hat die Jagd auf den Zodiac als Jugendlicher selbst verfolgt. Dabei ist er ihm nie auch nur annähernd nahe gekommen oder ist in Gefahr geraten. Aber wie Fincher im „Making-of“ zum Film erläutert, erinnert er sich vor allem an die Atmosphäre einer allgegenwärtigen Bedrohung, die er sehr deutlich empfand.

Die Angst überragt den Mörder

Deshalb ist „Zodiac“ ein Film über Menschen, die direkt oder indirekt mit dem Killer in Kontakt kommen – als Opfer, als Familienangehörige und Freunde, als Verdächtige, als Polizisten, als Journalisten, als deren Familienangehörige und Freunde; es ist eine Kettenreaktion, die der Zodiac zündet und die sich auch ohne seine weitere Beteiligung fortsetzt. Tatsächlich scheidet der Zodiac im letzten Drittel des Films aus der Handlung aus, ohne dass die Dramatik des Geschehens darunter leidet. Er schwebt wie ein düsterer Schatten über den Menschen, die seiner Verfolgung entweder ihr Leben gewidmet haben oder deren Leben er zerstört oder wenigstens beeinflusst hat. Als Person ist er dann überflüssig geworden; der Hauptverdächtige im Zodiac-Fall starb 1992, ohne dass die beschriebene Faszination deshalb nachgelassen hätte.

Wobei Faszination das falsche Wort ist. „Obsession“ trifft es besser. Robert Graysmith, Inspector David Toschi oder Paul Avery sind regelrecht besessen vom Zodiac. Sie verbeißen sich in diesen Fall, der ihre Leben nachdrücklich aus der Bahn bringt, Graysmith seine Ehe, Toschi seine Karriere und Avery seinen Job kostet. Fincher lässt Jake Gyllenhaal an einer entscheidenden Stelle hilflos nach Worten suchen, die seine Motivation beschreiben: Er muss herausfinden, wer der Zodiac ist, und ihm ins Gesicht sehen. Nur so kann er sich von dem Bann befreien, in dem er gefangen ist. Er ist außerstande zu erkennen, dass dies in erster Linie sein persönliches Problem ist und er von der Verfolgung des Zodiac nicht lassen kann, weil sie ihn aus seinem langweiligen Alltag als unbeachteter Karikaturist gerissen hat. Um seinen Kick zu erhalten, riskiert er sogar das Leben seiner Familie, die nachts Unheil verkündete anonyme Anrufe erhält.

Wie konnten ansonsten normale Menschen so nachhaltig aus dem Gleichgewicht geraten? Der Zodiac war kein Killer, der im Geheimen mordete. Er schickte der Polizei und der Presse Botschaften, die er zudem chiffrierte. So weckte er wie einst Jack the Ripper das Interesse der Öffentlichkeit, die sich in der Gewissheit, vom Zodiac kaum bedroht zu sein, angenehm gruselte. Geschickt manipulierte der Killer seine Gegner, konfrontierte sie quasi mit seinen Schandtaten, statt sie zu fürchten und vor ihnen zu flüchten.

Die Jagd überwältigt die Jäger

Männer wie Toschi oder Graysmith nahmen die Herausforderung an. Sie hielten bis zum bitteren Ende durch, während ihre Mitstreiter reihenweise resignierten, das Interesse verloren oder sich neuen Fällen widmeten. Letztlich sind Toschi und vor allem Graysmith sogar besessener als der Zodiac. Sie können von ihm selbst dann nicht ablassen, als er das Morden einstellt und das Interesse am ‚Spiel‘ verliert.

Für die Fans heftiger Feuergefechte und expliziter Gewalt ist „Zodiac“ keine Offenbarung. Die Morde werden zwar deutlich und drastisch in Szene gesetzt, aber sie hinterlassen den Zuschauer unbehaglich: Hier wird nicht der Unterhaltung wegen gemordet, sondern eine reale Bluttat rekonstruiert. Fincher hat weder Kosten noch Mühen gescheut. Er drehte an den echten Tatorten, die er unter penibler Beachtung der Quellen in den damaligen Zustand versetzen ließ. Stand dort, wo einst ein junges Paar vom Zodiac niedergestochen wurde, nur noch ein Baum, wo früher zwei Bäume wurzelten, ließ Fincher den fehlenden Stamm ersetzen. Kein Zuschauer kennt dieses Detail, das dem Regisseur indes wichtig war.

Der Erfolg gibt ihm Recht. „Zodiac“ ist nicht nur inhaltlich, sondern auch formal ein Erlebnis. Brillant lassen Fincher und sein Team die 1960er und 70er Jahre aufleben. Während weniger begabte Regisseure den dafür betriebenen Aufwand aufdringlich in Szene setzen würden, integriert Fincher die Kulisse in seine Geschichte. Schon nach wenigen Minuten hat man vergessen, dass „Zodiac“ nicht vor Jahrzehnten gedreht wurde. Fincher gestattet keinen Bruch der Illusion. Historische Straßenszenen, die gern kostengünstig mit wenigen, oft allzu blank polierten Oldtimern und einigen Statisten in altmodischer Kleidung auffällig in Szene gesetzt werden, wirken hier völlig authentisch. Nie hat man als Zuschauer den Eindruck, dass die darstellte Welt von Gestern sofort außerhalb des Bildausschnitts aufhört. Die Scheinwahrheit wird durch eine Farbgebung, die an Filme aus den 1970ern des vergangenen Jahrhunderts erinnert, durch eine entsprechende Ausleuchtung und eine sorgfältig realisierte Grobkörnigkeit des Filmmaterials endgültig in ‚Realität‘ verwandelt. (Tatsächlich wurde „Zodiac“ mit der digitalen Technik des 21. Jahrhunderts realisiert.)

Biografische = schauspielerische Herausforderungen

Ein ‚altmodischer‘ Film wie „Zodiac“, der nicht auf Action, Spezialeffekte oder nackte Haut setzt, sondern eine sauber konstruierte Geschichte erzählt, ist auf die Mitarbeit guter Schauspieler angewiesen. David Fincher wählte keine aktuellen Stars, sondern Darsteller, die schon oft echtes Talent unter Beweis gestellt haben. Vor allem Mark Ruffalo als Inspector Toschi ist großartig. Die Rolle stellt hohe Anforderungen an den Darsteller, denn anders als Graysmith ist Toschi schwankend als Zodiac-Jäger. Er erkennt seine Obsession und will sich von ihr lösen, gibt ihr aber letztlich doch wieder nach: Er ist ein Cop, und es ist seine Aufgabe, Verbrecher wie den Zodiac zu fassen. Das macht den hauptsächlichen Unterschied zwischen ihm und Graysmith aus, wie er in einer fabelhaft gespielten Szene klarstellt.

Jake Gyllenhaal mimt diesen Robert Graysmith, der sich vom Karikaturisten zum Journalisten und Buchautor entwickelt. Das Drehbuch macht es ihm ein wenig schwer, zwingt es ihn doch gar zu offensichtlich in die Rolle des Jedermann, der sich auf einen Kreuzzug begibt. Dass Graysmith ein Pfadfinder ist, wird gleich mehrfach thematisiert, und so tugendhaft und harmlos gibt er sich auch, bevor er – es fällt ehrlich gesagt schwer dies nachzuvollziehen – dem Zodiac hinterher jagt. Zwischendurch wird geheiratet und sich geschieden, was in Gestalt von Chloë Sevigny eine Frau in die Handlung bringt. Die ebenfalls hochtalentierte Schauspielerin bleibt als Melanie Graysmith bzw. als Personifizierung des zodiacbedingt zerstörten Familienlebens sträflich unterfordert.

Wie elend Graysmith hätte enden können, führt ihm der wie immer mit seiner Rolle verschmelzende Robert Downey Jr. als Paul Avery vor Augen. Er bleibt auf der Strecke, wo Graysmith seinen Weg geht.

Atmosphäre statt Gefühl: durchaus möglich!

„Zodiac“ ist wie schon erwähnt kein Film, der den Mörder in den Mittelpunkt stellt. Dennoch ist er selbstverständlich wichtig, denn Fincher will mit seiner Hilfe den Kontrast zwischen dem Mythos Zodiac und der im Grunde schäbigen Realität verdeutlichen. John Carroll Lynch versteht es, die Rolle des Arthur Leigh Allen so anzulegen, dass er der Zodiac sein könnte aber nicht sein muss. Fincher drückt sich nicht um die Auflösung des Zodiac-Rätsels – es gibt sie nicht, und nach so vielen Jahren und dem Tod zahlreicher Zeugen sowie des Hauptverdächtigen darf sie auch nicht mehr erwartet werden.

Die Konsequenz des Regisseurs verdient Anerkennung, denn nach zweieinhalb Stunden entlässt er uns ohne ‚Belohnung‘ und in Ungewissheit. Normalerweise riskiert Hollywood es nicht, seine zahlende Kundschaft durch Anspruch zu vergraulen. Fincher genoss bereits vor 2007 dank Blockbuster wie „Sieben“ und „Fight Club“ einen Ruf als Regisseur kluger und einträglicher Filme, was ihm einen gewissen Spielraum verschafft, den er mit „Zodiac“ einmal mehr zu nutzen weiß.

In Finchers Filmografie wird „Zodiac“ einst wohl trotzdem keinen Spitzenplatz einnehmen; es fehlt das emotionale Element, das seine Spielfilme auszeichnet. In gewisser Weise hat er den Inhalt der Form untergeordnet. Die ist so makellos, dass der menschliche Faktor blass wirkt. Faktisch fügen sich die Schauspieler nahtlos ins Gesamtbild ein. „Zodiac“ ist ein Film wie aus einem Guss und der seltene Genuss für ein Publikum, das politisch unkorrekt als „erwachsen“ bezeichnet werden könnte.

DVD-Features

Die DVD-Erstausgabe präsentierte „Zodiac“ in der Kino-Fassung. Um möglichst zweifach abkassieren zu können, folgte eine Doppel-DVD mit dem „Director‘s Cut“, der (wenige) neue Szenen und reichhaltiges Zusatzmaterial enthält. Die Singel-DVD beschränkte sich den Kinotrailer sowie die Dokumentation „This is Zodiac“, die eigentlich ein ganz normales „Making-of“ ist, wobei die Interviews zur angenehmen Abwechslung nicht nur gegenseitiges Lobhudeln, sondern echte Informationen transportieren. Vor allem David Finchers Kommentare sind hilfreich, denn sie geben Aufschluss über die Intention, die „Zodiac“ zu Grunde liegt.

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Zodiac – Die Spur des Killers
Originaltitel: Zodiac (USA 2007)
Regie: David Fincher
Drehbuch: James Vanderbilt
Kamera: Harris Savides
Schnitt: Angus Wall
Musik: David Shire
Darsteller: Jake Gyllenhaal (Robert Graysmith), Mark Ruffalo (Inspector David Toschi), Anthony Edwards (Inspector William Armstrong), Elias Koteas (Sergeant Jack Mulanax), Robert Downey Jr. (Paul Avery), John Carroll Lynch (Arthur Leigh Allen), Chloë Sevigny (Melanie), Brian Cox (Melvin Belli), Philip Baker Hall (Sherwood Morrill), Ed Setrakian (Al Hyman), John Getz (Templeton Peck), John Terry (Charles Thieriot), Candy Clark (Carol Fisher), Richmond Arquette, Bob Stephenson, John Lacy uva.
Label: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 02.10.2007 (DVD)/22.08.2008 (2-Disc Director‘s Cut)/DVD u. Director‘s Cut/Blu-ray)
EAN: 7321925005714 (DVD)/7321925012002 (2-Disc Director’s Cut/DVD)/7321983000799 (Director‘s Cut/Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 152 min./156 min. (2-Disc Director’s Cut/DVD)/163 min. (Director’s Cut/Blu-ray)
FSK: 16

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