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Carlton Mine – Schacht der Verdammten

Erstellt von Michael Drewniok am Montag 23. April 2012

Carlton Mine – Schacht der Verdammten
vormals: Zombies*

Originaltitel: Wicked Little Things (USA 2006)
Regie: J. S. Cardone
Drehbuch: Boaz Davidson u. Ben Nedivi
Kamera: Emil Topuzov
Schnitt: Alain Jakubowicz
Musik: Tim Jones
Darsteller: Lori Heuring (Karen Tunny), Scout Taylor-Compton (Sarah Tunny), Chloe Moretz (Emma Tunny), Geoffrey Lewis (Harold), Ben Cross (Aaron Hanks), Craig Vye (Tim), Chris Jamba (Sean), Julie Rogers (Lisa), Martin McDougall (Mr. Carlton), Michael McCoy (Walter), Velizar Binev (Bull Foreman), Helia Grekova (Mary), George Zlatarev (Sprengmeister), Atanas Srebrev (Russel), Vladimir Mihailov (Trevor), Alexander Ganchev (Ryan), Ioan Karamfilov (Caleb) uva.
Anbieter: 3L-Film
EAN: 4049834004859 (DVD) bzw. 4049834004866 (Blu-ray)
Erscheinungsdatum: 08.11.2011 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 – anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch (für Hörgeschädigte)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 94 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

*ACHTUNG: Dies ist die nur im Titel veränderte Neuausgabe eines bereits als „Zombies“ veröffentlichten Films:

Anbieter: e-m-s
EAN: 4020974162494
Erscheinungsdatum: 16.08.2007 (Kauf-DVD)

Das geschieht:

Gerade zur Witwe geworden und finanziell abgebrannt, bleibt Karen Tunny nichts anderes übrig, als mit ihren beiden Töchtern, der halbwüchsigen Sarah und der achtjährigen Emma, in das einsam in den Bergen des US-Staates Pennsylvania gelegene Elternhaus ihres toten Mannes zu ziehen. Es erweist sich als riesige, düstere Bruchbude und liegt in einem unzugänglichen Waldgebiet, in dem immer wieder Pechvögel verlorengehen. Die Einheimischen wirken abweisend. Vor allem der unheimliche Einsiedler Aaron Hanks, der in seiner nahe gelegenen Hütte haust, jagt den drei Tunnys eine Heidenangst ein.

Gar nicht weit entfernt vom Haus liegt die alte Carlton-Mine. Für den unbarmherzigen Eigentümer mussten einst sogar Kinder in die Minenschächte kriechen, bis diese 1913 einstürzten und 24 unglückliche Jungen und Mädchen verschüttet wurden. Die Mine wurde geschlossen, der Carlton-Clan setzte sich ab, bis Gras über die Sache gewachsen war.

Der Letzte seines Geschlechts will nunmehr den zur Ruine verkommenen Familiensitz abreißen und durch ein Ferienhotel ersetzen. Seine Anwesenheit und der Zuzug der Tunnys setzt eine schaurige Kettenreaktion in Gang: In der alten Mine haben sich die Kinderarbeiter in Untote verwandelt, die nachts durch den Wald streifen und unvorsichtigen Zeitgenossen auflauern, um sie zu fressen. Carlton soll büßen, während die Tunnys das Pech haben, zwischen die Fronten zu geraten. Vor allem auf die kleine Emma haben es die Zombies abgesehen; Mary, die einst im Tunny-Haus lebte, will in ihr Zimmer zurückkehren, in dem nun Emma schläft. Menschen- und Zombiemädchen freunden sich an. Als dann die Attacke der Zombies beginnt, können Karen und Sarah nicht die Flucht ergreifen, denn Emma ist spurlos verschwunden. Im dunklen Wald beginnen sie zu suchen, doch gefunden werden sie – von den zornigen, hungrigen, untoten Kindern …

Zombies + Geister: Geister-Zombies!

Was vom übereifrigen Produzenten im „Making-of2 als Splatter bezeichnet wird, erweist sich bei näherer Betrachtung als altmodische Geistergeschichte. Dem Vergnügen tut das keinen Abbruch.: Ben Nedivi bringt es auf den Punkt, wenn er anmerkt, dass allzu explizites Schlachten & Spritzen eher widerlich ist, während vornehme Zurückhaltung dem eigentlichen Grusel, der vor allem im Kopf des Betrachters entsteht, Raum zur Entfaltung gibt.

Unter dieser Prämisse ist „Carlton Mine“ gut gelungen. Der Originaltitel ist deshalb irreführend und lässt einen Film erwarten, der Splatter-Fans enttäuscht und Gruselfreunde abschreckt. Das wäre schade, denn obwohl „Carlton Mine“ alles andere als originell ist, wird eine simple Story geradlinig und sehr stimmungsvoll erzählt.

Kostengünstig musste die Produktion verwirklicht werden, was u. a. bedeutete, nicht in den USA, sondern im osteuropäischen Bulgarien zu drehen, wo sich mehr aus dem Dollar quetschen lässt. Die ‚europäische‘ Art des Filmemachens schlägt sich aber auch im Look nieder. Hinter der Kamera saß Emil Topuzov, der seine ganz eigenen Vorstellungen von Lichtsetzung und Farbe hatte. Im Making-of sieht man die Dreharbeiten in einem ganz gewöhnlichen Wald. Im Film wirkt dieser dann düster, ausgewaschen, bedrohlich. Nie werden Szenen ausgeleuchtet, das wenige Licht wird sorgfältig platziert, der Schatten in die Bildgestaltung einbezogen.

Eindrucksvoll sind auch die Filmsets geraten. Die Produktion fand ein wirklich gruseliges Haus, das sich mit diversen Requisiten in ein wahres Kabinett des Schreckens verwandelte. Eine riesige Ruine mit allen Elementen schimmligen Verfalls wurde zum Carlton-Anwesen. Ansonsten musste man nur eine wacklige Holzhütte aufbauen, die dem Zombie-Wächter Hanks als schaurige Heimstätte diente.

Effekt schlägt Logik – aber nicht hart genug

Die schnörkellose Erzählung und das saubere Handwerk können und müssen verschiedene Ungereimtheiten sowie misslungene Effekte ausgleichen. Zwar ist es nicht unbedingt erheblich, doch fragt man sich natürlich, wie sich die verschütteten Kinder ausgerechnet in Zombies verwandelten. Wann haben sie sich eigentlich ausgegraben? Warum sind sie hinter den Tunnys her, obwohl sie Blutsverwandte (Überraschung: Mary ist eine Tunny!) laut Hanks in Ruhe lassen? Tatsächlich bleiben Sarah, Emma (Blutsverwandte) und Karen (keine Blutsverwandte) im großen Finale ungeschoren. Wieso kehrt Carlton in die Höhle des Löwen zurück, obwohl er genau zu wissen scheint, wer ihn dort erwartet? Sieben Menschen (und ein Schwein namens Sugar) finden ein grausames Ende, doch die Polizei lässt sich niemals blicken. Plausibel ist das alles nicht.

Für ein grundsätzliches Problem gab es wahrscheinlich keine ideale Lösung: Die Zombie-Kinder wirken keine Sekunde bedrohlich. Eine gewisse Unschuld sollen sie wohl ausstrahlen, was ihre blutigen Taten umso eindringlicher wirken lässt. Aber Zombies müssen scheußlich – tot eben – aussehen, so fordert es die Tradition.

Hier beschränkt sich die ‚Maske‘ auf das Weißen der Haut und die Applizierung pechschwarzer Kontaktlinsen, sodass die Zombie-Augen pupillenlos wirken. Nach einer guten Mahlzeit sind die Münder mit Blut verschmiert, aber das war’s dann schon. Viel zu oft fällt Licht auf Gesichter, die deutlich erkennbar Kindern unter leichtem Make-up gehören. Regisseur, Drehbuchautoren und Produzent können gar nicht damit aufhören, sich auf die Schultern zu schlagen für die Idee, Kinder-Zombies zu kreieren. Die damit verbundenen Probleme sparen sie in ihren Kommentaren lieber aus.

Ein Sack voller Zombie-Flöhe

Das Drehen mit Kindern ist nicht unkompliziert. 24 Mini-Zombies und Chloe Moretz in einer Hauptrolle galt es zu inszenieren. Kinder sind keine ausgebildeten Schauspieler, sondern gehorchen ihren Instinkten, was oft erstaunliche Glaubwürdigkeit generiert. Sie halten jedoch vor der Kamera nicht lange durch bzw. dürfen dort nur unter Einplanung großzügiger Pausen aktiv werden. Das schloss Make-up-Orgien aus; stundenlanges Schminken und anschließendes Mimen war ausgeschlossen.

Auf die Psyche der jungen Darsteller musste man übrigens keine Rücksicht nehmen: Regisseur Cardone äußert sich im Making-of erstaunt über das Hintergrundwissen seiner Zombies. Als regelmäßige Horrorfilm-Zuschauer schätzen sie das Genre und sind vertraut mit den technischen Aspekten des Filmens. Also ließ man die Zombie-Kinder in einige Szenen an blutigen Gliedmaßen nagen, was ihnen keine Albträume bescherte.

Das dürfte auch den Zuschauern so gehen. Wie bereits angedeutet, bleiben die Splatter-Einlagen vergleichsweise zahm. Blut fließt zwar reichlich, aber wie es dazu kommt, bleibt in der Regel außerhalb des Bildrahmens. Man vermisst das sichtbare Schlitzen nicht, weil es in dieser Geschichte keine zentrale Bedeutung besitzt.

Günstiger Film aber gute Schauspieler

Außerordentlich zufrieden äußert sich Regisseur Cardone über seine Hauptdarsteller. Man kann ihm da zustimmen, denn Horrorfilme mit Schauspielern, die mehr leisten müssen oder können als Schreien und Rennen, sind selten. Lori Heuring gehört zu den Lieblingsmimen Cardones, was man verstehen kann, denn die junge Witwe am Rande des Nervenzusammenbruchs wirkt absolut glaubhaft. Scout Taylor-Compton ist deutlich mehr als der Quoten-Teenie, und Chloe Moretz ist eine Offenbarung: ein Kind, das schauspielern kann, ohne altklug zu wirken. Das weibliche Trio arbeitet viel mit Gefühlen, die hier jedoch nie duselig übertrieben, sondern angemessen wirken.

Der Veteran Ben Cross passt sich ausgezeichnet ein. Der verrückte Einsiedler Hanks wird zum selbstlosen Retter, ohne sich dabei in ein Weichei zu verwandeln. Ihm geht es um Kontrolle und Gerechtigkeit, was zum Schlüssel fürs Überleben wird: „Was du säst, das wirst du ernten“, lautet sein Credo. Anders als Karen Tunny kann er dort Unbarmherzigkeit an den Tag legen, wo sie notwendig ist. Das macht ihn zum idealen Hüter der dunklen Geheimnisse, die sich um die Carlton-Mine ranken. Dem wird durch das unerwartete Ende unserer Geschichte Rechnung getragen.

„Carlton Mine ist ein ‚kleiner‘ Film, der seine Beschränkungen nicht versteckt, sondern in die Geschichte integriert. Idee schlägt Aufwand: Dass dieses Konzept funktionieren kann, schlägt sich erfreulich oft in den anderthalb Stunden nieder, die diese Geistergeschichte dauert.

DVD-Features

Dem Budget des Film entspricht die Ausstattung der DVD: Sie fällt sparsam aus. Der Zuschauer findet den Kinotrailer, aber im Zentrum der Features steht das Making-of. Während die Impressionen von den Dreharbeiten im bulgarischen Unterholz interessant sind und den Einfallsreichtum hinter der Kamera dokumentieren, gehen die Kommentare der interviewten Schauspieler, des Regisseurs, der Drehbuchautoren, des Produzenten und des Kameramanns zum einen Zuschauer-Ohr hinein und zum anderen hinaus, ohne sich dabei im Hirn verankern zu können. Alle Beteiligten loben einander über den grünen Klee und kündigen begeistert ein Filmereignis an, das so dann nicht stattfindet. Darüber hinaus gibt es eine Bildergalerie, die höchst beliebige Fotos aus dem Film präsentiert.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)
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