10-cloverfield-laneNach einem Unfall erwacht Michelle in einem Bunker. Howard, der ihn erbaut hat, behauptet, die Oberfläche sei nach einem Großangriff verheert und vergiftet, doch kann man dem paranoiden, zunehmend die Selbstkontrolle verlierenden Mann vertrauen …? – Keine ‚richtige‘ Fortsetzung des modernen Phantastik-Klassikers „Cloverfield“, sondern lange ein Kammerspiel, das mit dem Original nur die ‚Realität‘ teilt: spannend, ausgezeichnet besetzt und mit einem unerwartet spektakulären Epilog.

Das geschieht:

Michelle, eine junge Mode-Designerin, hat mit ihrem Freund Schluss gemacht. Sie will sich nach Louisiana zurückziehen, wird aber auf der Fahrt dorthin von der Straße abgedrängt und bleibt bewusstlos im Wrack ihres Wagens liegen. Als Michelle wieder erwacht, liegt sie zwar medizinisch versorgt aber gefesselt in einem kahlen Raum. Sie befürchtet, einem perversen Frauenkiller in die Hände gefallen zu sein, doch Howard, der sich ihr offenbart, beruhigt sie: Er habe sie gefunden, mit in seinen Bunker genommen und ihr damit das Leben gerettet, denn in der Zeit, die Michelle im Heilschlaf verbracht habe, seien die USA von einer ausländischen oder gar außerirdischen Macht angegriffen und zerstört worden. Alle Menschen an der Oberfläche seien tot, die Bunker-Insassen müssten sich auf einen unterirdischen Aufenthalt von mindestens einem Jahr gefasst machen.

Für Michelle ist das keine Option, denn sie traut Howard nicht. Der ehemalige Soldat ist offenkundig paranoid, aufbrausend und gefährlich. Glücklicherweise findet Michelle einen Verbündeten: Bevor die Welt angeblich unterging, hat sich der Arbeiter Emmett buchstäblich in den Bunker vorgekämpft. Er bestätigt Howards Geschichte, aber Michelle versucht trotzdem den Ausbruch. Fast hat sie das Freie erreicht, als das zerfressene Gesicht einer Frau vor dem Fenster der letzten Bunkertür auftaucht. Sie bittet verzweifelt um Einlass, doch Michelle zögert, denn die Frau ist verseucht und stirbt kurz darauf.

Notgedrungen bilden Howard, Michelle und Emmett eine Notgemeinschaft. Eine Weile funktioniert das Zusammenleben, obwohl Howard ein hartes Regiment ausübt und immer wieder die Selbstbeherrschung verliert. Michelle entdeckt zufällig Belege dafür, dass sie nicht die erste Frau im Bunker ist. Was ist mit ihrer ‚Vorgängerin‘ geschehen, die verzweifelt das Wort „Hilfe“ ins Glas eines Lukenfensters geritzt hat? Die Suche nach einer Antwort ist gefährlich, denn Howard ist chronisch misstrauisch und stets bereit, jeglichen ‚Ungehorsam‘ streng zu bestrafen …

Cloverfield-Geheimnisse

Üblicherweise wird ein Film-Franchise durch möglichst lautes Marketing-Getöse begleitet: Dem Publikum soll förmlich eingehämmert werden, dass es hier Qualitäts-Unterhaltung in Serie geboten bekommt. Wie dreist getrommelt wird, belegen die Marvel-Filme, die im Rahmen regelrechter Werbe-Feldzüge zu Blockbustern gepusht werden. Einen anderen Weg gehen J. J. Abrams und sein Team, die 2008 in „Cloverfield“ erstmals ihre ganz eigene Version einer Apokalypse entworfen haben. Damals wurde New York City von einem gigantischen Monster attackiert, das wahrscheinlich außerirdischer Herkunft ist. Erklärungen gab es ebenso wenig wie eine ‚ordentliche‘ Auflösung; das Ende war offen, grundsätzliche Fragen blieben unbeantwortet.

Die gelungene Machart und ein frühes aber detailliert ausgearbeitetes virales Marketing sorgten dafür, dass „Cloverfield“ ungeachtet eines vergleichsweise bescheidenen Budgets in jene Erfolgskategorie vorstieß, die üblicherweise spätestens im übernächsten Jahr eine Fortsetzung generiert. Stattdessen herrschte Funkstille in Sachen „Cloverfield“ – eine Taktik, deren Rätselhaftigkeit für eine Neugier sorgte, die sich hielt und damit als Fundament für weitere „Cloverfield“-Filme dienen konnte.

Dass es acht Jahre dauerte, bis es soweit war, ist trotzdem ungewöhnlich. Es deutet auf ‚künstlerische Differenzen‘ hinter den Kulissen hin, und tatsächlich hat mit Dan Trachtenberg ein neuer Regisseur das Franchise übernommen. Allerdings bot die genannte Zeitspanne die Chance, der Story eine neue Wendung zu geben. Sie wurde ergriffen und die Herausforderung gemeistert, wobei weniger freundliche Kritiker einen faulen Trick argwöhnen.

Schutz und Falle

Mit dem ursprünglichen „Cloverfield“ hat dieser Film in der Tat wenig oder gar nichts zu tun. Erzählt wird stattdessen die Geschichte einer Frau, die einem Psychopathen in die Hände fällt und versucht, diesen bei Laune zu halten, bis sie einen Weg gefunden hat, die Flucht zu ergreifen. Um diesem Konzept noch mehr Dynamik zu verschaffen, findet eine dritte Person den Weg in den Bunker. Nun spielen Howard, Michelle und Emmett eine Familie, während sie einander belauern. Diese Dreiecks-Beziehung schildert Regisseur Trachtenberg als Kammerspiel dar, dessen Bühnenwände aus Bunkerstahl bestehen.

Unter der Erde ist man nicht nur geschützt, sondern auch gefangen. Der vergleichsweise behaglich eingerichtete Bunker ist kein Heim. Daran erinnert jederzeit Howard, der trotz seiner Leibesfülle überall und nirgends aufzutauchen scheint. Nie können Michelle und Emmett sicher sein, dass ihre Fluchtvorbereitungen nicht längst aufgedeckt sind. An seinem Gürtel trägt Howard nicht nur die Bunkerschlüssel, sondern auch einen Revolver – und er ist weder ein Mensch, dem man wehrlos gegenüber stehen, noch ein Retter, dem man dankbar sein möchte!

Howard ist im besten Fall ein fanatischer Verschwörungstheoretiker, der seinem Wahn Taten folgen ließ und nun Recht behalten hat. Womöglich ist er aber ein irrer Serienkiller, dem der Bunker auch als Gefängnis für seine Opfer dient, die er in einem Säurefass auflöst, wenn er ihrer überdrüssig ist. In dem einen Moment ist Howard ruhig, freundlich, ‚vernünftig‘, im nächsten aggressiv, handgreiflich, gefährlich. Es wundert nicht, dass vor allem Michelle zu dem Schluss kommt, selbst auf einer chemisch oder radioaktiv verseuchten Oberfläche besser dran zu sein als unter der Erde mit Howard.

Die Anwesenheit der Außenwelt

Dieses unterirdische Drama ruht dramaturgisch in sich selbst. Es gibt einen zweiten Handlungsstrang, der zunächst Nebensache bleibt, um seine Bedeutung erst im Finale zu offenbaren. Über der Erde geht das Leben weiter. Doch ist es „der Feind“, der dort oben nach letzten Überlebenden sucht, um sie auszuschalten (Howards Deutung), oder sucht das Militär nach Menschen, die es retten will (Michelles Hoffnung)?

Was tatsächlich vorgeht, wird in einem spektakulären Finale enthüllt, das außerhalb des Bunkers spielt. An dieser Stelle sollen Spoiler unterbleiben, doch das Geschehen biegt nun auf jene Gerade ein, die den „Cloverfield“-Plot bildet. Aus Kritikersicht (s. o.) mag dies ein rein der Überraschung geschuldeter Effekt sein, der mit der Handlung vollständig bricht. Gemäß der „Cloverfield“-Philosophie stellt „10 Cloverfield Lane“ jedoch ein weiteres Steinchen jenes Puzzles dar, das in seiner Gesamtheit irgendwann eine „Cloverfield“-Saga ergibt.

Ungeachtet des ‚dualen‘ Konzepts kann „10 Cloverfield Lane“ ausgezeichnet unterhalten. Das Drehbuch erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern vermeidet auch allzu ausgelaugte Klischees. Der Versuch, Howards Schlüssel zu rauben, die heimliche Arbeit an einem selbstgemachten Fallout-Schutzanzug, Howards finaler Sturz in den Wahnsinn: Diese Szenen laufen anders ab, als ihre Vorbereitungen andeuten. Dies fördert eine Stimmung von latenter Gefahr und Unsicherheit, die über dem Bunker-Geschehen schwebt.

Drei Menschen unter sich

Ein Kammerspiel ist stets abhängig von seinen Darstellern. Hier darf es keine Rollenschwächen und keine untauglichen Schauspieler geben, denn die begrenzte Figurenzahl und die örtliche Isolierung verzeihen beides nicht. „10 Cloverfield Lane“ weist in dieser Hinsicht keine Schwächen auf. Die Bunker-Kulissen bieten mehr als kahle Wände (auch wenn man sich über die Glaubwürdigkeit der Konstruktion, die nicht gerade tief unter der Erde zu liegen scheint und über eine Luftversorgung verfügt, die man nur erreichen kann indem man durch einen schmalen Schacht kriecht, durch den Howard niemals passen würde, lieber keine Gedanken machen sollte). Kameramann Jeff Cutter bringt sein Arbeitsinstrument mit beträchtlichem Einfallsreichtum zum Einsatz, wodurch Statik vermieden werden kann.

Schauspielerisch ragt einmal mehr John Goodman heraus. Gemütlicher Brummbär, argwöhnischer Beobachter, mörderischer Irrer – er beherrscht jede Facette und ist trotzdem für (böse) Überraschungen gut. Mary Elizabeth Winstead gewinnt rasch Profil in der an sich undankbaren Rolle der ausgelieferten Frau, die hier, wo sie nicht mehr wie bisher in ihrem Leben vor Schwierigkeiten flüchten kann, ihren Widerstandsgeist entdeckt und dem schier übermächtigen Gegner Paroli bietet, ohne dabei zur Kampf-Amazone zu mutieren. John Gallagher bleibt die etwas undankbare Rolle des Mitläufers, der zwischen die Fronten gerät und sich entscheiden muss. Emmett ist vor allem Auslöser des großen, nun beiderseits erbarmungslosen Kampfes, den sich Howard und Michelle als Einleitung zum Finale liefern.

Am Ende kann der Zuschauer zufrieden sein: Trotz – oder gerade wegen – des ‚Sprungs‘, den die Geschichte erfahren hat, war sie spannend. Sie stellt Weichen – nicht für eine Fortsetzung, sondern für eine Weiterführung der Handlung (die den Namen „God Particles“ trägt). Dass kein stringenter roter Faden existiert, hat sich nicht negativ ausgewirkt. Das breite Publikum wusste „10 Cloverfield Lane“ zu schätzen; der Film spielte bei ebenfalls moderatem Budget keineswegs grundlos ebenso viel Geld wie der ‚Vorgänger‘ ein.

DVD-Features

An erwähnenswerten Extras beinhaltet die DVD-Ausgabe einen Kommentar von Regisseur Dan Trachtenberg und Produzent J. J. Abrams. Was in der DVD-Urzeit quasi eine Selbstverständlichkeit war, ist heute eher selten. Deshalb schätzen zumindest Zuschauer, die sich für Hintergrundinformationen interessieren, solche Kommentare, denn hier erfahren sie Wissenswertes, während die üblich gewordenen „Making-ofs“ oder ‚Interviews‘ nur werberelevantes Bild- und Wortrauschen verbreiten.

In diesem Zusammenhang erfreuen drei Featurettes, die ebenfalls über Interessantes Auskunft geben. „Auch Cloverfield“ erläutert in knapp neun Minuten das Cloverfield-Konzept. „Bunkermentalität“ (ca. 4 Min.) verschafft kurze Einblicke in das Kammerspiel-Segment des Films, während „Ende der Geschichte“ dreiminütig auf das Finalspektakel eingeht.

Bleibt abschließend noch anzumerken, dass Bild- und Tonqualität der DVD-Ausgabe hervorragend sind – letztere auch, weil echte Synchronsprecher und nicht jene Lall-Homunkuli beschäftigt wurden, die sich Sparschwein-Labels in alten Gurkengläsern halten.

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10 Cloverfield Lane
Originaltitel: 10 Cloverfield Lane (USA 2016)
Regie: Dan Trachtenberg
Drehbuch: Josh Campbell, Matthew Stuecken u. Damien Chazelle
Kamera: Jeff Cutter
Schnitt: Stefan Grube
Musik: Bear McCreary
Darsteller: Mary Elizabeth Winstead (Michelle), John Goodman (Howard Stambler), John Gallagher, Jr. (Emmett DeWitt), Suzanne Cryer (Frau vor Bunkerfenster)
Label: Paramount Home Media
Vertrieb: Universal Pictures (www.universal-pictures.de)
Erscheinungsdatum: 16.08.2016
EAN: 5053083077297 (DVD)/5053083077303 (Blu-ray)/5053083083076 (Blu-ray-Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Audiokommentar)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 99 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 16

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Cloverfield