Der Kriegsfilm „1917“ hat etliche Auszeichnungen erhalten (unter anderem Golden Globes und Oscars) und kommt auf Rotten Tomatos‘ Tomatometer (Stand zum Zeitpunkt des Verfassens dieser kleinen Kritik) auf 89%. Das sollte eigentlich für sich sprechen, spiegelt aber eher die Liebe der Jurys zu Pathos und Handwerk, sowie der Fähigkeit der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit (engl. suspension of disbelief) der Zuschauer wieder.

Das was den Film tatsächlich auszeichnet ist die vermeintlich perfekte technische Umsetzung einer Plansequenz. So versucht Regisseur Sam Mendes von Anfang bis Ende zu suggerieren, dass es keinen Schnitt gibt und alles auf eine lange Kamerafahrt hinausläuft. Ganz offensichtlich ist dem nicht so, was spätestens erkennbar wird, wenn einer der Protagonisten die Besinnung verliert und es zu einer langen Schwarzblende kommt. Aber auch an anderen Stellen ist immer wieder erkennbar, dass es zu einem versteckten Schnitt kommt. Trotzdem ist „1917“ überaus ambitioniert und in seiner langen Kamerafahrt beeindruckend. Irgendwann hat man sich jedoch daran sattgesehen und versucht sich dem Inhalt zu widmen, an dem es dann leider mangelt.

Die Geschichte ist recht schnell zusammengefasst: Zwei Meldeläufer sollen über die verlassenen feindlichen Schützengräben hinweg zu einem Bataillon vordringen, dass den vermeintlich fliehenden Deutschen nachsetzen und diese dann vernichtend schlagen möchte. Es ist jedoch eine Falle und der bald anlaufende Angriff muss gestoppt werden. Die Zeit drängt also, zudem dient der Bruder eines der Protagonisten in dem Bataillon. Das macht die Sache persönlich – ist aber herzlich egal, da es nicht wirklich aufgegriffen wird.

Handlung und Figuren bleiben nämlich recht blass und flach. Es gibt weder eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Historie oder der Figuren. Stattdessen marschieren die Meldeläufer los und haken dabei eine scheinbar dramatische Situation nach der anderen ab. Schnell kommt hier eine Videospieldynamik auf, denn sobald es auch nur eine kleine Verschnaufpause gab, erscheint die nächste Action am Horizont. Und das in so einem schnellen Intervall, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese aneinandergereihten Zufälle die Glaubwürdigkeitsblase platzen lassen. Spätestens bei den abstrusen Ereignissen auf dem Bauernhof sollte der Geduldsfaden eigentlich reißen (wobei, bereits die erste Rattensprengfalle ist eine wahre Zerreißprobe der Glaubwürdigkeit), da die einzelnen Elemente nicht nur in schneller Taktzahl auftauchen, sondern es ihnen auch an Plausibilität und Intellekt fehlt. Wobei, es mag durchaus sein, dass die beiden dümmsten und somit entbehrlichsten Meldeläufer für diese Mission ausgesucht wurden…

Mendes hätte sich die ständige Überspitzung und Überhöhung sparen können. Etwas weniger, dafür aber ausgefeilter und mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung, das wäre um einiges spannender und glaubhafter. Sam Mendes („1917“ ist übrigens sein erster Drehbuchversuch, er sollte es lassen) hat in seinem Kriegsfilm die autobiographischen Geschichten seines Großvaters aufgenommen (diesem ist der Film übrigens gewidmet) und mit noch ein paar weiteren Einfällen garniert. Das Problem ist jedoch, dass sich die Erlebnisse des Großvaters wohl über den ganzen Krieg erstrecken. Im Film passiert alles in einer einzigen, wenige Stunden umfassenden Geschichte. Gespickt mit Logikfehlern.

Der ganze Film ist leider ein unrunde Sache. Selbst die Musik ist oftmals unpassend gesetzt. Mal passt sie nicht zur Szene, dann suggeriert sie Gefahr wenn keine vorhanden ist oder macht auf diese aufmerksam, lange bevor er zu Sache geht. Der Soundtrack spoilert sozusagen die Handlung. Zudem gibt sich Mendes sehr viel Mühe die Konventionen Hollywoods zu erfüllen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Für positive Diversität zu sorgen wirkt recht glaubhaft, dann aber eine Frau unterzubringen, die zudem im Anklang den love interest gibt, das ist schlussendlich doch recht vorhersehbar und gleichzeitig dämlich. Aber was soll man sagen, ein Kind bekommt Mendes auch noch unter. Hach, es ist einfach schrecklich. Außerdem werden die Frau und das namenlose Baby im Abspann aufgeführt, Richard Madden (bekannt aus „Game of Thrones“) dagegen nicht. Kurios.

Was am Ende bleibt sind die reinen Schauwerte. Diese funktionieren gut, solange die Ansprüche runtergeschraubt werden. Wer sich zudem Leichen in deren unterschiedlichen Zerfetzungs- und verwesungszustand anschauen möchte, wird ebenfalls gut bedient. Mendes gibt sich sehr viel Mühe, dass seine Protagonisten auch ja viele tote Körper passieren. Das führt auch schon mal dazu, dass der Held nicht sofort ans nahe und rettende Ufer schwimmt, sondern erst einmal auf eine Barrikade aus Bäumen zuschwimmt an die Leichen angeschwemmt wurden (und die nun recht aufgebläht sind), um sich dann nicht an den toten Körper entlang, sondern auf diese hinaufzuziehen, um dann wiederum über jeden einzelnen Kadaver prustend ans Ufer zu krabbeln. Man möchte aufspringen und dem Helden „Idiot!“ entgegenrufen.

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1917

Originaltitel 1917

Produktion: USA und Vereinigtes Königreich (2019)
Originalsprache: Englisch
Länge: 119 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Krysty Wilson-Cairns, Sam Mendes
Produktion: Sam Mendes, Pippa Harris, Jayne-Ann Tenggren, Callum McDougall, Brian Oliver, Michael Lerman, Julie Pastor
Musik: Thomas Newman
Kamera: Roger Deakins
Schnitt: Lee Smith

Besetzung: George MacKay (Lance Corporal William Schofield), Dean-Charles Chapman (Lance Corporal Tom Blake), Gerran Howell (Private Parry), Michael Jibson (Lieutenant Hutton), Justin Edwards (Captain Ivins), Benedict Cumberbatch (Colonel Mackenzie), Andrew Scott (Lieutenant Leslie), Richard Madden (Lieutenant Joseph Blake), Colin Firth (General Erinmore)