21 Gramm (KINOFILM)

– Darsteller: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro
– Regie: Alejandro González Iñárritu
– FSK: 12
– Musik: Gustavo Santaolalla
– Buch: Guillermo Arriaga Jordan
– Produktion: USA 2003
– Label: Kinofilmverleih: Constantin
Zusatzinformationen:
O-Titel: 21 Grams
Kategorie: Spielfilm
Genre: Drama
Produktionsfirmen: This Is That, Y Prods.
Produzenten: Alejandro González Iñárritu, Robert Salerno
Koproduzenten: Guillermo Arriaga Jordan
Ausf. Prod.: Ted Hope
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Stephen Mirrione
Produktionsdesign: Brigitte Broch, Deborah Riley
Kostüme: Marlene Stewart
Ton: Jose Antonio Garcia
Casting: Francine Maisler
Kinostart: 26. Februar 2004
Laufzeit: 125 Min.
USA-Start: 20. November 2003, bei Focus Features
Boxoffice USA: $ 15.311.855

„Wie viel wiegt Rache?
Wie viel wieget Liebe?
Wie viel wiegt Schuld?
Wie viel wiegt das Leben? – 21 Gramm!“

Drei Jahre hat es gedauert bis Alejandro González Iñárritu (Regie) und Guillermo Arriaga (Drehbuch) nach ihrem oscarnominierten Meisterwerk „Amores Perros“ einen neuen Spielfilm gemacht haben. Wieder ist es ein Film, der von verschiedenen Personen in mehreren Episoden erzählt, wieder ist es ein Film, in dem ein Unfall alle Schicksale verbindet und wieder ist der Tod ein zentrales Thema. Doch das ist es schon fast mit den Gemeinsamkeiten.

Paul Rivers (Sean Penn) ist todkrank. Er wird innerhalb eines Monats sterben, wenn er nicht ein Spenderherz bekommt. Trotzdem will seine Frau Mary (Charlotte Gainsbourg) ein Kind von ihm, vor allem auch, um die kaputte Ehe zu retten, falls Paul überlebt.

Jack Jordan (Benicio Del Toro) hat fast sein ganzes Leben im Gefängnis verbracht. War er mal draußen, fuhr er meistens nur wenige Tage später wieder ein. Vor zwei Jahren hat er Gott gefunden, will nun mit seiner Frau Marianne (Melissa Leo) und seinen beiden Kindern ein ehrliches Leben nach den Regeln Gottes führen. Dabei merkt er nicht, dass er ein fanatischer Christ geworden ist und die Bibel viel zu wortgetreu liest.

Cristina Peck (Naomi Watts) ist glücklich verheiratet. Sie liebt ihren Mann Michael (Danny Huston) und ihre beiden Töchter über alles. Doch ein Unfall wird ihr Leben verändern.

[SPOILER – Nicht lesen, wenn man den Film noch sehen will]
Dieser Unfall wird nicht nur Cristinas Leben verändern, sondern das aller drei Familien. Jack überfährt mit seinem Truck Michael und die beiden Töchter. Er begeht Fahrerflucht, weswegen nicht nur Michael und eins der Mädchen stirbt, sondern auch das zweite Kind, das gerettet worden wäre, hätte er angehalten und es ins Krankenhaus gebracht. Dieser Unfall, der drei Leben beendete, lässt ein anderes beginnen. Paul bekommt Michaels Herz und kann wieder leben.
[SPOILER-ENDE]

„Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem wir sterben … jeder von uns. 21 Gramm. Das Gewicht von fünf Fünfcentmünzen. Eines Schokoriegels. Das Gewicht eines Kolibris. Aber wann verlieren wir die 21 Gramm? Und wie viel gewinnen wir?“

Iñárritu erzählt seine Geschichte(n), wie schon in „Amores Perros“ nicht chronologisch. In „21 Gramm“ ist das Ganze sogar noch deutlich extremer ausgefallen. Die Szenen dauern im Normalfall nur wenige Minuten (oft nicht einmal das) und scheinen zu Beginn einfach wahllos durcheinandergewürfelt zu sein.

Gerade am Anfang macht dies dem Zuschauer sehr zu schaffen. Man bekommt immer wieder neue „Mini-Szenen“ vorgesetzt, die man überhaupt nicht in die Handlung einordnen kann. In der ersten Szene ist Paul mit Cristina im Bett, ein paar Szenen später haben beide plötzliche Ehepartner. Werden sie sich in der Zukunft erst kennen lernen oder haben sie eine gemeinsame Vergangenheit? Eine von vielen Fragen, die den Zuschauer beschäftigen und die man für den optimalen Filmgenuss nicht vorher beantworten sollte, weswegen diese Filmkritik im Gegensatz zu einigen anderen auch nicht darauf eingehen wird.

Es dauert sicher an die dreißig Minuten bis man aus diesem Mosaik von Szenen allmählich einen chronologischen Aufbau erahnen kann, langsam anfängt, wenigstens ein Großteil der Sequenzen zeitlich ungefähr unterbringen zu können, auch wenn es bis zum Ende des Films dauert, bis man alle Szenen einordnen kann. Fast bis dahin dauert es auch bis man merkt, dass Iñárritu mit diesem wilden Aufbau nicht nur übertriebene Kunstfertigkeit unter Beweis stellen will, sondern einen Zweck verfolgt. Die Puzzleteile sind nicht einfach durcheinander gewürfelt, sondern man erkennt einen roten Faden hinter den Szenen und man erkennt, wie sich die Spannungskurve aufgrund dieser Reihenfolge entwickelt. Die Befürchtung, dass das Durcheinander nur dazu diente, die eher schwache Story zu verschleiern, hat sich zum Glück als falsch herausgestellt.

Ganz im Gegenteil. Arriagas und Iñárritus Geschichte ist nicht nur hochinteressant, sondern auch hochdramatisch. „21 Gramm“ ist vor allem auch ein Werk, das den Zuschauer beschäftigt und das wohl noch lange über den Genuss des Films hinaus. Der Tod spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle und er ist das Thema, um das sich die ganze Story dreht. Der Tod eines Nahestehenden, die Tötung eines anderen und der bevorstehende eigene Tod sind die Themen, welche die drei Protagonisten und ihre Angehörigen beschäftigen. Jeder geht anders damit um.

Iñárritu hat für seinen Film ein hervorragendes Team um sich geschart. Die drei Hauptdarsteller agieren alle äußerst beeindruckend. Del Toro und Watts wurden mit einer Oscarnominierung bedacht und hätten beide den Goldjungen verdient. Penn hat die verdiente Nominierung wohl deshalb nicht bekommen, weil er schon für die Rolle in Mystic River für den Oscar vorgeschlagen wurde. Bei Naomi Watts muss man sogar sagen, dass sie ihre Leistung aus Mulholland Drive um Längen in den Schatten stellt. Ihre Darstellung der ganzen Bandbreite von Emotionen, die sie (ebenso wie ihre beiden männlichen Kollegen) hier ausschöpft, ist einfach großartig.

Doch auch hinter der Kamera stimmt alles. Iñárritu hat so ziemlich das gleiche Team hinter der Kamera beisammen wie bei „Amores Perros“ und das ist einfach hervorragend. Prietos Bilder, alle mit einer Handkamera gefilmt, beweisen wieder einmal, dass der Mexikaner zu den besten Kameramännern gehört, Gustavo Santaolallas Score passt phänomenal zu den Bildern und trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass die bedrückende Stimmung des Films fesselt und Dave Matthews Song ist einfach hervorragend.

Fazit:
Es ist sehr schwer in den Film zu finden. Dies dauert ungewöhnlich lange und man darf nicht aufgeben, sondern muss höchst konzentriert bleiben und versuchen das Gesehene einzuordnen und zu verarbeiten. „21 Gramm“ ist deswegen und wegen seines Themas keine leichte Kinounterhaltung und für diese Zwecke auch nicht empfehlenswert. Davon abgesehen ist der Film aber hervorragend, auch wenn er nicht ganz an „Amores Perros“ heranreicht und man Iñárritu berechtigterweise den Vorwurf machen kann, dass er es mit seinem Szenenpotpourri phasenweise etwas übertrieben hat.

(c) 2004 by Björn Becher

Titel bei Amazon.de
21 Gramm
21 Gramm