Mit „Alice im Wunderland“ hat Nick Willing den Märchenklassiker aus der Feder des britischen Autors Lewis Caroll fürs TV remixed, um ein dystopisches Post-Wunderland zu erschaffen. Laut Hülle soll Willings Neuinterpretation für das Web 2.0 gedacht sein. Falls das tatsächlich seine Intention war, dann sollte ihm jemand das Internet erklären und davon abraten, Begriffe wie „Web 2.0“ überzustrapazieren.

Nick Willings versucht sich, in seiner Fassung des Stoffs, als Autor und Regisseur. Seine Geschichte spielt lange nach Carolls Erzählung, wie in diesem Zweiteiler öfters betont wird und worauf die Heldin auch gerne hinweist. Sie ist nicht die Alice, sondern einfach nur Alice. Damit ist auch schon der Grundstein gelegt.

Alice, Judo-Trainerin, frisch verliebt und von Bindungsängsten gepeinigt, hat einen neuen Freund: Jack. Der geht ihr allerdings etwas zu forsch vor und bevor sie sich versieht, schenkt er ihr einen Ring. Nach einer kurzen und ermüdeten Charakterzeichnung wird Jack auf der Straße prompt überfallen und entführt, was Alice beobachtet. Sie verfolgt natürlich die Entführer und landet, nach dem durchschreiten eines Spiegels, prompt im Wunderland.

Und das hat sich weiterentwickelt. Es handelt sich gegenwärtig um einen kalten, lieblosen Ort. Technik hat Magie ersetzt und die Bewohner sind noch abgedrehter als je zuvor. Viele der aus Carolls Geschichte bekannten Figuren fehlen. Und die Figuren, die es in Nick Willings Film geschafft haben, wurden stark verändert.

Das zeigt sich besonders beim verrückten Hutmacher, dem Mad Hatter. Der zeigt wenigstens Herz und lässt sich herab, der neuen Alice zu helfen. Dabei kommen sich die beiden prompt näher und es entwickelt sich echte Zuneigung. Alle anderen Figuren stehen Alice eher abneigend oder gar feindlich gegenüber. Mit dem manchmal gefährlichen, aber trotz allem märchenhaften klassischem Wunderland, hat das neue Wunderland nur wenig gemein. Es fehlen auch viele bekannte Figuren, die den Charme von Lewis Carolls Geschichte ausmachen. Aber schlussendlich geht es hier ja um das Wunderland der Zukunft.

Die Bühne ist jedenfalls bereitet und die Rollen können gespielt werden – gleichwohl im Film, als auch im Wunderland. Denn dort ist eine Revolte im Gang und Alice wird hineingezogen. Es gibt allerlei verrückte Ideen und Abenteuer zu bestaunen, bis sich für Alice und den Zuschauer schlussendlich aufklärt, um was sich eigentlich alles dreht. Und zu einem ordentlichen Happy End gehört auch, dass sich selbst die persönlichen Probleme der Heldin zur Gänze in Luft auflösen. Für einen dermaßen dystopischen Zweiteiler wirkt das Happy End dann doch zu aufgesetzt, um überzeugen zu können.

Obwohl sich Nick Willing bei seiner Inszenierung viel Mühe gibt, und Kulissen, Kostüme und CGI eine glaubhafte Welt vermitteln, bleibt nicht nur die Welt kalt und lieblos, sondern auch sein Hauptdarstellergespann. Caterina Scorsone (Alice) und Andrew Lee Potts (Mad Hatter) wirken wie zwei Eiswürfel in einer Eisdiele. Alle anderen Sorten sind zwar auch unterkühlt, aber dennoch schmackhaft. Scorsone und Potts sind dagegen kühl und trist.

Zwischen den beiden sprühen selten die Funken, gibt es nur wenig Chemie. Vor allem Andrew Lee Potts wirkt wie ein Solist, spielt hauptsächlich für sich alleine und auch nur sich alleine zu. Er ist ein Beispiel für reine Selbstdarstellung. Caterina Scorsone versucht ihm wenigstens die Bälle zuzuspielen, aber ein Rückpass findet nur selten statt. Nick Willing hat es hier versäumt, seine Hauptdarsteller auf Linie zu bringen. Und das ist einer der größten Störfaktoren in „Alice im Wunderland“.

Glücklicherweise rettet die Riege der Nebendarsteller den Zweiteiler vor dem endgültigen Abrutschen. Allen voran Kathy Bates, Tim Curry, Matt Frewer und Harry Dean Stanton. Die sind zudem auch prominent und müssen mit ihren Gesichtern als Zugpferde herhalten. Caterina Scorsone und Andrew Lee Potts sind zwar auch halbwegs bekannt, aber demontieren sich in dieser Produktion ein Stück weit selbst. Vor allem im Bereich Zusammenspiel.

In Verbindung mit diesen Hauptdarstellern und einem derartigen dystopischen Wunderland, verliert der Film leider einen großen Teil seines Unterhaltungsfaktors. Zudem ist die Story selbst schwach geschrieben und plätschert leicht träge vor sich hin. Eingedampft auf einen Teil wäre „Alice im Wunderland“ wahrscheinlich spannender. So bleibt eine manchmal recht zähe Abendunterhaltung, im kühlen trashigen Stil.

Technisch gesehen ist die Blu-ray solider Standard und kommt mit einer guten Ton- und Bildqualität daher. Leider gibt es kein Bonusmaterial, was die Tristesse des Films unetrstützt. Wenigstens liegt eine Postkarte des Splitter-Verlags bei, die Werbung für einen Alice-im-Wunderland-Comic macht. Wenigstens etwas …

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Alice im Wunderland

OT: Alice
Produktionsland,-jahr: Großbritannien / Kanada, 2009
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Spieldauer: 170 Minuten
Label Deutschland : Polyband

Bildformat: AVC 1,78 : 1 (16 : 9 Widescreen) Duallayer Blu-Ray 50GB
Tonformate: Deutsch DTS-HD Master Audio 5.1, Englisch DTS-HD Master Audio 5.1
Untertitel: Deutsch

Regie: Nick Willing
Drehbuch: Nick Willing
Musik: Ben Mink
Schnitt: Peter Forslund, Allan Lee

Darsteller: Caterina Scorsone, Andrew Lee Potts, Matt Frewer, Philip Winchester, Tim Curry, Harry Dean Stanton, Timothy Webber, Zak Santiago, Charlotte Sullivan, Colm Meaney, Kathy Bates, Eugene Lipinski
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