Bone Tomahawk

Originaltitel: Bone Tomahawk (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: S. Craig Zahler
Kamera: Benji Bakshi
Schnitt: Greg D’Auria u. Fred Raskin
Musik: Jeff Herriott u. S. Craig Zahler
Darsteller: Kurt Russell (Sheriff Franklin Hunt), Patrick Wilson (Arthur O’Dwyer), Matthew Fox (John Brooder), Richard Jenkins (Chicory), Lili Simmons (Samantha O’Dwyer), David Arquette (Purvis), Sid Haig (Buddy), Fred Melamed (Clarence), Kathryn Morris (Lorna Hunt), Sean Young (Mrs. Porter), Evan Jonigkeit (Hilfssheriff Nick), James Tolkan (Pianospieler), Michael Paré (Mr. Wallington) uva.
Label: Constantin Film
Vertrieb: Highlight Communications
Erscheinungsdatum: 21.01.2016
EAN: 4011976888383 (DVD)/4011976330882 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 127 min. (Blu-ray: 131 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Bright Hope gehört zu jenen Städten des mittleren US-Westens, in denen sich mit dem 19. Jahrhundert die Unrast der Pionierzeit dem Ende zuneigt. Sheriff Hunt bekommt es in der Regel mit betrunkenen Cowboys und kleinen Dieben zu tun, die der alternde aber erfahrene Mann problemlos in Schach hält, obwohl ihm als Deputys nur der greise „Chicory“ und der unerfahrene Nick zur Seite stehen.

Der Tod kommt nach Bright Hope, als der Dieb und Mörder Purvis in die Stadt flüchtet. Mit seinem Kumpan Buddy hat er Reisende überfallen. Das Duo geriet dabei in das Territorium eines urzeitlichen Stammes, den selbst die Indianer hassen und fürchten: Die in Höhlen hausenden „Troglodyten“ sind Menschenfresser und für ihre Erbarmungslosigkeit bekannt. Die Kannibalen verfolgen Purvis und finden so Bright Hope. Sie entführen Purvis, Deputy Nick und Samantha O’Dwyer, die den meist betrunkenen Dorfarzt unterstützt. Sheriff Hunt, Chicory und Cowboy Arthur O’Dwyer – Samanthas Gatte – machen sich an die Verfolgung der Wilden. Sie werden vom Abenteurer John Brooder begleitet, der seinen Hass auf die Ureinwohner des Landes auszuleben gedenkt.

Von Anfang an ist die Expedition in Schwierigkeiten. O’Dwyer hat sich bei einem Unfall das Bein gebrochen und kann nur mühsam mithalten. Brooder ist nicht nur ein Lebemann, sondern auch ein alter Rivale, der sich einst ebenfalls um die schöne Samantha bemüht hat und gern gegen den eifersüchtigen Cowboy stichelt. Nur mühsam können Hunt und Chicory die Streithähne bändigen.

Als eines Nachts Banditen die Gruppe überfallen und sich mit den Pferden davonmachen, ist das Quartett in der Wildnis gestrandet. Zu Fuß setzt man die Reise fort, weshalb O’Dwyer, dessen Bein sich entzündet, bald zurückgelassen werden muss. Als Hunt, Chicory und Brooder das Territorium der Kannibalen erreicht, sind diese längst über ihre Verfolger im Bilde und erwarten sie mit rauchendem Kochtopf …

Der Wilde gegen den urzeitlichen Westen

DAS ist mal eine kuriose Geschichte: Nicht gegen blutrünstige Indianer ziehen der Sheriff und seine Gefährten zu Felde, sondern gegen vorzeitliche Höhlenmenschen, die offenbar eine Nische gefunden haben, in der sie den Aufstieg der Zivilisation gänzlich unbemerkt verschlafen konnten. Sie kennen zwar Pfeil und Bogen, verwenden aber ansonsten weiterhin aus Knochen gefertigte Werkzeuge und Waffen, was diesem Film seinen Titel gab. Damit jagen sie vermutlich auch Wild, doch offensichtlich ziehen diese „Troglodyten“ (= „Höhlenbewohner“) Menschenfleisch vor, das sie am liebsten frisch verzehren.

„Bone Tomahawk“ erzählt die Geschichte einer Befreiungsaktion, wie wir sie aus unzähligen Western-Filmen kennen. Üblicherweise müssen Gefangene aus roten Händen befreit werden. Schon in diesem Punkt setzt Regisseur und Drehbuchautor Steven Craig Zahler alles daran, unsere Erwartungen zu konterkarieren. Der einzige ‚echte‘ Indianer, der in dieser Geschichte auftritt, wird „Professor“ genannt, trägt weißes Hemd, Weste und Gehrock und ist offenkundig gebildeter als die Bürger von Bright Hope.

Die sind zwar weniger intellektuell aber längst keine Pioniere mehr. Selbst ein Cowboy wie Arthur O’Dwyer bewohnt mit seiner Gattin ein keineswegs primitives Heim. Die unruhigen Zeiten sind vor allem Erinnerung, weshalb Veteranen wie Hunt und Chicory Schwierigkeiten haben, sich an alte Tricks zu erinnern. Daher ist es Brooder, der daran denkt, das Nachtlager mit einem Stolperdraht zu umgeben, um heimliche ‚Besucher‘ rechtzeitig zu entdecken. Trotzdem werden die Gefährten überfallen.

Ohne moderne Hilfsmittel gegen die primitive Übermacht

Stück für Stück gehen Hunt und seine Gefährten ihrer Pferde, Ausrüstung und Waffen verlustig. Als sie schließlich den Höhlenmenschen gegenüberstehen, ist das Kräfteverhältnis keineswegs ausgeglichen, obwohl die Verfolger ihre Feuerwaffen retten konnten. Sie haben sich dorthin gewagt, wo ihre Gegner jeden Stein kennen. Deshalb kommt es, wie es kommen musste: Die Gruppe gerät in Gefangenschaft.

Bis es soweit ist, haben sie sich durch eine unwirtliche Wildnis geschleppt und dabei ausgiebig gestritten. „Bone Tomahawk“ ist ein Spät-Western, der die Mythen des Genres nicht beschwört, sondern sie höchstens hinterfragt, indem er sie ignoriert. Das Leben im Wilden Westen ist vor allem harter Alltag. Man spricht und streitet über Banales, die Rettungsexpedition ist vor allem heiß, schmutzig und anstrengend. Zahler nimmt sich die Zeit, den Zuschauer unmittelbar miteinzubeziehen.

Kameramann Benji Bakshi unterstützt ihn, indem er sein Arbeitsinstrument nahe bei den Darstellern hält und ihnen – ebenfalls durch das steinige Terrain stolpernd – über die Schultern zu schauen scheint. Nur selten gibt es Bildtotalen, die von der Weite der Landschaft künden. Was vor allen in den klassischen Western à la John Ford immer wieder Anlass für gewaltige Panoramen gab, bleibt hier flach und quasi zweidimensional. Die Farben wurden digital ‚ausgewaschen‘, Gras wirkt braun und dürr, der Erdboden knochenweiß, ausgedörrt und unfruchtbar.

Hunt und seine Begleiter werden von einer Wildnis verschluckt, die meist klaustrophobisch eng und unübersichtlich bleibt. Schluchten, Hohlwege, Engpässe, Dickichte: Wer hinter der nächsten Ecke lauert, hat es leicht, zumal die Reisenden sämtliche Verfolger-Raffinesse vermissen lassen. Sie haben keine Ahnung, wie man sich versteckt oder anschleicht, sind laut und schießen schnell aber schlecht. Man kann die endlich entdeckte Samantha deshalb verstehen, die ihre ebenfalls gefangenen ‚Befreier‘ wütend mit dem Vorwurf konfrontiert, das Leben im Westen sei nicht wegen der Indianer oder des rauen Klimas, sondern wegen „der Idioten“ so schwierig. Hunt hat die Befreiungsaktion nicht wirklich organisiert, und er hat auch keinen Notfallplan, wie er dem mit ihm gefangenen Chicory beschämt gestehen muss. Den so professionell wirkenden Brooder erwischt es gar als ersten.

Das einbeinige As im Ärmel des Schicksals

Hilfe können die Gefangenen ausgerechnet vom verkrüppelten Arthur erwarten, der sie bisher wegen seines gebrochenen Beines immer aufgehalten hat. Buchstäblich auf allen Vieren kriecht er seiner großen Liebe hinterher. Gerade weil ihn selbst die Kannibalen nicht mehr auf ihrem Radar haben, kann er das Schicksal der Gruppe wenden.

Dieser finale Kampf ist wie jede Gewalttat ohne Glanz und Heldentum. Zahler, der mit „Bone Tomahawk“ seinen ersten Spielfilm inszenierte, nutzte die Gelegenheit bzw. die Gunst der Stunde: Er ist auch ein Schriftsteller, dessen Bücher u. a. Kurt Russell gern liest. Der ist ein Hollywood-Veteran mit mehr als fünfzigjähriger Schauspieler-Erfahrung sowie ein echter ‚Star‘, der Investoren anlocken und dazu bringen kann, ihre Geldbörsen zu öffnen. Ebenfalls prominente Darsteller wie Patrick Wilson oder Matthew Fox schlossen sich Russell an. So konnte Zahler seinen Film für ein Budget verwirklichen, das ihm eine Besetzung dieser Güte sonst sicher nicht ermöglicht hätte.

Die Schauspieler waren außerdem bereit, sich von Zahler in eine Geschichte versetzen zu lassen, die geradezu mutwillig gegen sämtliche Regeln verstößt, die Hollywood für Publikumswirksamkeit geltend macht. Ausschließlich die obskure Story und die Irrfahrt der vier unfreiwilligen Gefährten stehen im Mittelpunkt. Auf explizite Schauwirte verzichtet Zahler ebenso wie auf überraschende Handlungswendungen oder Action-Tempo. „Bone Tomahawk“ läuft mehr als zwei Stunden, die sich zwischenzeitlich durchaus ziehen, wenn die Gefährten wieder einmal Unterhaltungen führen, die in ihrer ernsthaften Sinnlosigkeit an einen Tarantino-Thriller erinnern.

Keine Kompromiss-Gewalt

Ungeachtet der unspektakulären Bilder hatten Zahlers Effektspezialisten gut zu tun: „Bone Tomahawk“ zeigt Gewalt in einer Drastik, die erst recht überrascht, weil man sie in einem Film wie diesem nicht erwartet. Dies ist kein Horror-Splatter und wird als solcher nicht beworben. Außerdem gibt es nicht gerade wenige Szenen, die durch trockenen Witz geprägt werden. Nichtsdestotrotz bietet „Bone Tomahawk“ extreme Grausamkeit; den Höhepunkt stellt zweifellos die Schlachtung und Zweiteilung von Deputy Nick dar. Doch auch sonst wird mit Vehemenz verstümmelt, zerstückelt, gemetzelt. Zahler gelingt die Darstellung einer Unerbittlichkeit, die ohne Regeln oder Erbarmen ein reiner Überlebenskampf ist.

Auffällig ist der Verzicht auf eine tragische Heroisierung der Troglodyten. Sie sind zwar nicht böse aber grausam ohne Sympathiebonus: Den eigenen Frauen werden die Gliedmaßen abgeschnitten und die Augen ausgestochen, um sie in fluchtunfähige Gebärmaschinen zu verwandeln. In der archaischen Welt der Kannibalen gibt es weder Gnade noch die Bereitschaft – oder Fähigkeit – zur Kommunikation: Die Troglodyten sprechen nicht, sondern verständigen sich über eine Art Knochenflöte, die ihnen operativ in die Kehlen einsetzt wird.

„Bone Tomahawk“ ist ein ‚anderer‘ Film und kann schon deshalb auf Publikumsinteresse hoffen. Allerdings wird dieses Vergnügen durch die schon erwähnten Längen gemindert. Ausgeglichen werden solche Durststrecken durch die ausgezeichneten Schauspieler. Russell, Patrick und Fox mindestens ebenbürtig ist Richard Jenkins – u. a. bekannt als geisterhafter Bestatter aus der TV-Serie „Six Feet Under“ – als schwatzhafter, kluger, sensibler Chicory, der Sheriff Hunt eher Freund als Gehilfe ist. S. Craig Zahler ist anscheinend so angesehen, dass selbst in winzigen Nebenrollen bekannte Gesichter auffallen: David Arquette („Scream“ 1-4), Horror-Ikone Sid Haig, Trash-Held Michael Paré, James Tolkan („Zurück in die Zukunft“ 1-3), sogar Sean Young („Blade Runner“, „Der Wüstenplanet“, Air Borne – Flügel aus Stahl“).

Dass „Bone Tomahawk“ von Kritikern und Zuschauern überwiegend positiv aufgenommen wurde, adelt das Werk nicht zum überragenden Film. Zahler bürstet jedoch viele längst verhasste aber notgedrungen für unentbehrlich akzeptierte Hollywood-Klischees gegen den Strich, „Bone Tomahawk“ deutet ein alternatives Kino immerhin an. Inwieweit ihm dies genügt, muss jeder Zuschauer selbst herausfinden.

DVD-Features

Außer dem Trailer gibt es keine Extras; selbst Untertitel spart sich das deutsche Label, das keine besonderen Erfolgshoffnungen auf „Bone Tomahawk“ zu setzen scheint. Wenigstens wurden echte Synchronsprecher eingesetzt.

Kurzinfo für Ungeduldige: Als Menschenfresser eine junge Frau entführen, verfolgen vier Männer ihre Spuren, geraten an Banditen, verlieren ihre Pferde und stehen den Kannibalen schließlich fast wehrlos gegenüber … – Zwar spielt diese seltsame Story im ‚klassischen‘ Wilden Westen, doch werden quasi sämtliche einschlägige Klischees ignoriert oder umgekrempelt; die ausgezeichnete Besetzung überspielt manche Script-Holprigkeiten und Längen: ein ‚anderer‘, seltsamer, leidlich gelungener Film.

[md]

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