com-for-murder2.com for Murder (DVD)

– Darsteller: Roger Daltrey, Nastassja Kinski, Nicolette Sheridan
– Regie: Nico Mastorakis
– FSK: 16
– Produktion: USA 2001
– Label: Kinowelt
Zusatzinformationen:
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch
• Bildformat: 1.85:1
• Dolby, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 93 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 5. November 2002
DVD Features:
• Trailer
• Making Of: The concept; Casting; Filming: locations, gadgets, equipment, the strippers
• Filmografien
• Fotogalerie
• Interview mit Roger Daltrey (20:28)
• Interview mit Huey Lewis (10:02)
• 3 Music Cues: Hintergrundmusik, v.a. zu „Werther“-Szenen

Regisseur Nico Mastorakis ist schon lange im Filmgeschäft. Dementsprechend viele Filme kennt er und kann sie ungestraft zitieren. Man kann seinen Thriller „.com for Murder“ daher auch als Ansammlung von Zitaten betrachten, als Hommage an die großen Meister des Suspense-Kinos: allen voran Hitchcock. Das macht den Film selbst aber nicht besser.

Zur Handlung:
Im PROLOG endet ein Einbruch genau wie die Duschszene in Hitchcocks „Psycho“. Bereits sehen jetzt wir mit den Augen des Täters.

Sondra (Kinski), die im Rollstuhl sitzende Gattin von Ben, einem vielbeschäftigen Architekten (Daltrey), macht sich nach dessen Abreise im hypermodernen Heim über die Dateien des werten Gatten her. (Der Computer heißt natürlich „HAL“.) Dabei kommt sie ihm auf die Schliche: Er hatte im Cyberspace eine Geliebte, zum Glück nur in einem der erotischen Chatrooms: „American Love Online“ (also ALO statt AOL). Diesen frequentiert auch ein Hacker-Typ namens „Werther“ – so nennt er sich jedenfalls, wenn er nicht auf anderen Erotikangeboten surft (dort sehen wir z.B. Fetisch-Model Julie Strain).

„Werther“ schafft es, sich bei Bens Geliebter Lynn (Kim Valentine), die sich bezaubernderweise „Crème brulée“ nennt, durch Hacken als Ben vorzustellen und sie im Schlaf zu überraschen. Die Mordszene kann „Werther“ live übers Internet übertragen, beispielsweise an Sondras Computer HAL. Sondra sieht hilflos zu, wie ein Fremder Bens echte Geliebte real meuchelt. Zum Glück hat sie die Szene „im Kasten“, also auf Festplatte gespeichert.

Doch was soll sie damit anstellen, fragt sie ihre Schwester Misty, die bei ihr übernachtet. Auch das FBI in gestalt von Agent Derek Matheson (Huey Lewis) weiß keinen Rat, wie die Datei entschlüsselt werden kann. Aber auch „Werther“, der Sondra überwacht, wird Zeuge des Gesprächs und stellt sich wenig später als der zu Hilfe gerufene Computerexperte vor, um die Videodatei zu entschlüsseln und überhaupt. Obwohl HAL sämtliche Überwachungs- und Schutzfunktionen des Hyperheims kontrolliert, gelingt es „Werther“, HAL zu manipulieren und Sondra dazu zu bringen, ihn ins Haus zu lassen. Schließlich ist sie die nächste auf seiner Liste…

Gesamteindruck – der Film:
Wie Nico Mastorakis frank und frei zugibt, stammt das Konzept des Films von Hitchcock, und zwar aus dessen Film „Dial M for Murder“. Dass Sondra aber per Webcam Zeugin eines Mordes wird, ist natürlich die Grundidee aus Hitchs „Fenster zum Hof“. Genau wie James Stewart dort versucht Sondra den nächsten Mord zu vereiteln oder zumindest den Täter verhaften zu lassen.

Angesichts dieser „Hommagen“ fällt die Verwendung von Elementen aus Kubricks „2001 – Odysse im Weltraum“ und Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ schon nicht mehr ins Gewicht. Immerhin entwickelt Mastorakis in Sondras Heim aus Glas, Beton und Elektronik einen Alptraum der physischen und psychischen Bedrohung, in dessen Verlauf Sondra zunehmend die Kontrolle entzogen wird. Ist es Glück oder Zufall, dass es ihr schließlich gelingt, „Werther“ zu besiegen? Nein, es ist ein „göttlicher“ Blitzschlag.

So weit, so gut. Der eigentliche Schwachpunkt dieses B-Movies ist aber der Schurke. „Werther“ soll als „mehrdimensionaler, leidenschaftlicher Killer“ mit einer „Psychose für seine Liebschaften“ (= Lotte) dargestellt werden, zugleich aber androgyn und pervers wirken. Nico Mastorakis hat aber den Charakter dieser Figur nicht ganz verstanden. Goethes „Werther“, der ständig zitiert wird, beging aus sinnloser Leidenschaft Selbstmord, doch Nico Mastorakis‘ „Werther“ wird eher von sterilen Allmachtsphantasien erfüllt, die ihn seine Opfer und alle, die ihm wiedersprechen, töten lassen. Sein „Werther“ tötet also lieber „Lotte“ statt sich selbst. Das ist sicherlich krankhaft. Eigentlich fehlt nur eine Erklärung aus der Kindheit des Schurken. Dann wäre das Klischee perfekt.

Gesamteindruck – die DVD:
Wie man an der Liste der Extras ablesen kann, hat Nico Mastorakis seiner Silberscheibe einiges mit auf den Weg in die weite Welt gegeben. Neben Filmografien und Fotos gehören dazu vor allem die Interviews mit den beiden Rockstars Roger Daltrey (The Who) und Huey Lewis (Musik zu „Zurück in die Zukunft 1“.

Obwohl die Stars aus dem Nähkästchen plaudern, haben sie doch kaum etwas zum Film zu sagen. Darüber erfahren wir am meisten im Making-of, das durch eine stringente Struktur und umfangreiches Bildmaterial beeindruckt. Nico Mastorakis ist ein typischer Selfmademan, wenn es um Filmproduktion geht. Er führte nicht nur Regie, sondern hatte auch die Produktion und den Schnitt unter seiner Kontrolle. Vier Monate sei er am AVID-Schnitt des Films gesessen sowie am Einspielen der Musik. Drei „Music Cues“ belegen, was er mit Musik meint: Die Musik von Ross Levinson untermalt auf passende Weise drei Szenen, in denen „Werther“ die Hauptfigur ist.

Unterm Strich:
Obwohl Nico Mastorakis behauptet, er habe von den Meistern gelernt und viel in die Produktion gesteckt, so vermisst man doch das Qualitätsniveau eines richtigen Spielfilms. Auf weite Strecken wirkt der Streifen wie ein besseres Home-Movie. Und das betrifft nicht nur die zentrale Mordszene, sondern auch die leicht hektischen Szenen in Sondras Superhaus.

Nico Mastorakis wollte das zentrale, durchaus aktuelle Thema „internet-related crime“ mit der entsprechenden Paranoia umgeben, wofür Web, Computer und Hightech-Architektur das passende Ambiente darstellen. Leider nehmen sich selbst Stars wie Nastassja Kinski, Roger Daltrey und Huey Lewis in solchen Kulissen wie die Fremdkörper aus, die sie sind.

Lediglich „Werther“ (Jeffery Dean) ist in diese Pseudo-Welt eingetaucht und hat sie zu seinem Instrument gemacht. Er wäre daher ein richtig guter Killer, würde er nicht laufend diese blöden Goethe-Zeilen zitieren müssen. Gerade in Deutschland, wo man über das Goethe-Buch mutmaßlich etwas mehr weiß als in anderen Ländern, dürfte diese Seite an dem Web-Killer reichlich merkwürdig aussehen. Ist bereits die Handlung an den Haaren herbeigezogen, so erscheint auch der Schurke nicht plausibel. Und mit ihm steht und fällt eigentlich ein Thriller: ein held kann immer nur so gut aussehen, wie es sein Gegner zulässt.

Auf der DVD ist besonders das Making-of von großem Interesse, denn hier verrät Nico Mastorakis einiges über seine Motivation, seine Methode, seine „Ideen“, seine „Stars“ (Julie Strain gehört auch dazu), seine Locations.

Kurzum: Der Thriller verschenkt seine Möglichkeiten. Auf ein Neues, Nico!

(c) 2003 by Michael Matzer

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