Mit „Die Mumie“ aus dem Jahre 1932 wurde der Klassiker schlechthin geschaffen, der auch heute noch zu begeistern weiß. In der Hauptrolle (als Hohepriester Imhotep) agiert Boris Karloff, der ein Jahr zuvor seinen Durchbruch mit „Frankenstein“ hatte. Natürlich zog der Name Karloff damals dann die Zuschauern entsprechend ins Kino, um sich dort zu gruseln.

Nun sind viele Jahrzehnte ins Land gegangen, wurde der Stoff immer wieder einmal neu aufgelegt und hat sich vor allem das Filmemachen weiterentwickelt. Aber dennoch, Freunds „Die Mumie“ weiß mich auch heute noch zu fesseln und zu begeistern. Der Film ist auch gut gealtert, denn alle Tricks und Kulissen mussten ja in Handarbeit erstellt werden. Und wo bombastische Computereffekte fehlen, da müssen die Darsteller heran, um der Geschichte den nötigen Pepp zu verpassen. Und das gelingt hier wunderbar.

Die Handlung ist dabei recht simpel und vielen weitgehend bekannt. Wahrscheinlich aber eher in einer der modernen Fassungen (1999 mit Brendan Fraser und 2017 mit Tom Cruise). Diese weichen vom Original dann doch etwas ab. In der geht es, wie allgemein bekannt, um den Hohepriester Imhotep. Dessen Mumie wird gefunden, erwacht und dürstet nach ewigem Leben an der Seite seiner geliebten Prinzessin Anck-es-en-Amon. Um sie zu einer unsterblichen Kreatur wie er eine ist zu machen, muss er allerdings zuerst die Seele seiner Liebsten in einen sterblichen Körper packen (in diesem Falle die schöne Helen), diesen dann töten und neu erwecken. Als Anck-es-en-Amon als Sterbliche erwacht, hat sie aber keine Lust ihr neues, junges und sterbliches Selbst wieder aufzugeben. Sie macht instant Schluss mit Imhotep, der sie dann zur Opferung zwingen will. Im letzten Augenblick betet die Prinzessin zu Isis und die Göttin zerstört die Schriftrolle, die dem Untoten neues Leben gab. Und damit ist auch Imhoteps Ende besiegelt. Ob Helen dann wieder sie selbst ist oder ob Anck-es-en-Amon die Oberhand im Körper hat, das bleibt schlussendlich offen. Vielleicht teilen sie sich auch die sterbliche Hülle.

Dieser Klassiker ist einfach außergewöhnlich. Man merkt auch schnell, dass Regisseur Karl Freund selbst als Kameramann arbeitete. Er weiß ganz genau, wie sein Film in Szene zu setzen ist. Vor allem das Spiel mit Licht und Schatten ist grandios. Das ist sehr gut in der Tempelszene zu betrachten, wenn sich Imhotep und Anck-es-en-Amon unterhalten. In dieser Einstellung zeichnen sich bewegende Schatten im Hintergrund ab, die im starken Kontrast zum Vordergrund stehen und gleichzeitig beängstigend wirken, da sie die dunkle Anbetung Imhoteps anzeigen. Großartig.

Auch die Maske ist für damalige Verhältnis sehr gelungen. Moderne Materialien standen nicht zur Verfügung. Karloffs Gesicht wurde, um eine alte und rissige Haut darzustellen, mit in Kollodium (eine Mischung aus Ether und Alkohol) getränkte Baumwolle beklebt. Durch diese starre Maske konnte er seinen Mund nicht bewegen. Das macht seine Figur um so gruseliger.

Wer sich etwas mit Film auskennt und den ein oder anderen Horrorstreifen gesehen hat, dem wird die Evolution des Films und Genres auffallen. Heutzutage ist es der Zuschauer gewohnt, dass immer noch eine Schippe daraufgesetzt wird, dass die Musik uns anzeigt was wir zu fühlen haben und das Computereffekte alles mit dem nötigen Glitzer versehen. Das ist hier nicht der Fall, aber tatsächlich ist die Erwartungshaltung vorhanden. Das ist gut am Anfang des Films zu erkennen, wenn der Assistent alleine mit der Kiste ist und diese öffnet, um die Schriftrolle zu entnehmen und zu übersetzen, was wiederum die Mumie erweckt.

Es gibt keine Musik, die uns eine Bedrohung anzeigt oder wie spannend es gerade wird. Der Assistent starrt auf die Kiste, als er den Deckel abnimmt. Heutzutage würde ein Effekt ausgelöst, reckt vielleicht eine Schlange den Kopf heraus oder wuseln Skorpione hervor – möglichst mit einem Jump-Scare, um einen Schockmoment auszulösen. Das geschieht hier nicht, Einzig durch Schau- und Lichtspiel wird die Spannung erzeugt. Das die Mumie zum Leben erwacht ist zwar eindrucksvoll, gleichzeitig auch unspektakulär. Und es gibt dann auch keine blutige Tötungsszene. Nein. Die Mumie nimmt die Schriftrolle und geht einfach. Fertig. Grandios! Ich liebe es.

Wer den Klassikern etwas abgewinnen kann und sich für das filmische Handwerk erwärmt, der sollte sich „Die Mumie“ unbedingt anschauen.

Copyright (c) 2019 by Günther Lietz
Bildmaterial (c) Universal Pictures

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Die Mumie
Originaltitel: The Mummy

Produktionsland USA (1932)
Originalsprache: Englisch
Länge: 73 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12

Regie: Karl Freund
Drehbuch: Nina Wilcox Putnam, Richard Schayer, John L. Balderston
Produktion: Carl Laemmle Jr.
Musik: James Dietrich
Kamera: Charles Stumar
Schnitt: Milton Carruth

Boris Karloff (Ardath Bey/Imhotep), Zita Johann (Helen Grosvenor/Prinzessin Anck-es-en-Amon), David Manners (Frank Whemple), Arthur Byron (Sir Joseph Whemple), Edward Van Sloan (Dr. Muller)