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“Eureka Seven” ist das Paradebeispiel für eine Serie mit Startschwierigkeiten, die nach hinten raus aber an Fahrt zulegt und zu begeistern weiß. Wie ihre Figuren hat sie ausgeprägte Stärken und Schwächen, was schlussendlich in einem faszinierenden Charakter mündet.

Vor mehr als zehn Jahren (2005) flimmerte die erste Episode dieses kultigen Animes über die japanischen Bildschirme und kaum zwei Jahre später beglückte Animax auch die deutschen Fans. Es folgten zwei Veröffentlichungen auf DVDs (2007-2008 und 2010). Jetzt hat sich die Nipponart GmbH aus Wölferlingen der Serie angenommen und bringt eine weitere Boxenfassung auf den Markt. Unter anderem tobt sich das Anime hier auf Blu-ray-Disc aus.

Dieses Format ist hervorragend dafür geeignet Bild und Ton auf höchstem Niveau zu präsentieren. Qualitativ kann deswegen kaum gemeckert werden – theoretisch. Tatsächlich hat die Serie bereits ein paar Jahre auf dem Buckel und entspricht damaligen Anforderungen. Die Angabe 16:9, die sich auf der Box befindet, ist deswegen mehr als irreführend. Sie trifft nur auf das für die Blu-ray angelegte Menü zu. Die Serie selber flimmert im Format 4:3 über den Bildschirm. Macht das die Serie schlecht? Auf keinen Fall!

Immerhin zeichnet für “Eureka Seven” das Studio Bones verantwortlich. Und Bones Inc. ist bekannt für hochwertige Arbeiten. Das trifft auch bei “Eureka Seven” zu. Die Konturen sind klar und deutlich, die Zeichnungen detailreich und stets zu erkennen, sämtliche Bewegungen sind fließend und auch auf das Schattenspiel wurde geachtet. Regisseur Tomoki Kyōda hat einfach hervorragende Arbeit geleistet und ein exzellentes Team ins Feld geführt. Deswegen kann sich der Zuschauer entspannt zurücklehnen und die Serie genießen, regelrecht in sie eintauchen. Und das ist auch gut so, denn mit jeder Episode entfaltet sich die komplexe Handlung immer weiter.

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Dabei beginnt die Geschichte ziemlich simpel und ist als waschechter Shōnen konzipiert, scheint sich also an ein junges, männliches Publikum zu richten. Immerhin gibt es einen jugendlichen Helden, es gibt Mechas, Action, Abenteuer und Krieg. Der Themenschwerpunkt verlagert sich aber rasch und stellt eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, ohne allerdings zu schmalzig zu werden.

Held der Geschichte ist Renton Thurston, vierzehn Jahre alt, der bei seinem Großvater aufwächst und Sohn eines Kriegshelden ist. Allerdings leben Großvater und Enkel nicht auf der Erde, sondern auf einer utopischen Welt. Dort gibt es sogenannte Traparwellen, auf denen mit der richtigen Ausrüstung in der Luft gesurft werden kann. Die Technik nutzen auch die LFOs und KLFs (zivile und militärische Mechas). Die Handlung spielt also vor allem in der Luft und auf Boards, es ist ein modernes, ein cooles Setting, voller Technokultur. So werden Gerätschafen nach Bands, Synthesizern oder Plattenspielern benannt, finden die Namen von DJs, Clubs oder Events Einzug in die Serie. Für den wissenden Fan ein großer Spaß, dem Unwissenden fällt es nicht weiter auf und ist deswegen auch niemals störend.

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Renton ist also der Held der Geschichte, als pubertierender Jugendlicher aber erst einmal nervtötend, ein Jammerlappen, der nichts mit sich und seinen Selbstzweifeln anzufangen weiß. Die Figur ist dermaßen überzeugend, dass man Renton in den ersten zwei, drei Episoden einfach nur einen schnellen Tod oder zumindest einen schweren Unfall wünscht. Das ändert sich aber und aus dem dummen Jungen wird schon bald ein junger Mann. Diese Charakterwandlung ist ein zentrales Element und gehört gleichwertig zur komplexen Handlung von “Eureka Seven”.

Diese Komplexität zeichnet sich unmerklich bereits in der ersten Episode ab, wenn sich Rentons Traum erfüllt: Aus heiterem Himmel fällt ihm ein Mecha samt ansehnlicher Pilotin ins Bett. Und das ist wörtlich gemeint. Jene Pilotin ist die der Serie namensgebende Euraka, die Anfangs recht sachbezogen und nüchtern ist. Dank Renton und der bestandenen Abenteuer, ändert sich das aber langsam.

Der Ausgangspunkt ist vielversprechend: Renton gelangt an Bord eines berühmten Kriegsschiffes (die Gekko, quasi ein Raumschiff), das unter dem Kommando seines persönlichen Helden steht, der gleichzeitig Anführer der Rebellen ist. Renton bereist die Welt und die Zuschauer entdecken mit ihm gemeinsam wunderbare Orte, schreckliche Geheimnisse und erinnerungwürdige Personen. Und immer wieder steht Rentons Beziehung zu Eureka im Mittelpunkt, die einfach eine bezaubernde Persönlichkeit ist.

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Das liegt vor allem daran, dass sämtliche Figuren in “Eureka Seven” glaubhaft sind und authentisch wirken. Alleine die einzelnen Besatzungsmitglieder der Gekko sind unheimlich sympathisch und ihr Schicksal wächst einem schnell ans Herz. Aber auch die Antagonisten, die Schurken, sind mehr als überzeugend und weisen Charakterentwicklungen auf. Das ist sehr unterhaltsam und zieht auch tief in die Geschichte hinein. Um so dramatischer und packender die späteren Entwicklungen, die in “Eureka Seven” stattfinden. Diese sind aber am Anfang kaum zu bemerken und ziehen nur langsam an. Richtig in Fahrt kommt die Serie deswegen erst ab Folge zehn bis zwölf. Dann gibt sie aber richtig Gas.

Wie bereits angesprochen, ist die komplexe und tiefgründige Handlung der Serie sehr gelungen. Obwohl mit “Eureka Seven – Vol. 1” erst einmal nur die ersten fünfundzwanzig Episoden erzählt werden, gibt es bereits Drama pur und auch kleinere, in sich abgeschlossene Geschichten. Und es ist ersichtlich, dass mit der zweiten Box die Story noch spannender und noch weiter unter die Haut gehen wird.

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Immerhin, was als jugendliches Actionspektakel beginnt, nimmt schon bald ernste Züge an. Mechas abschießen, sich im Kampf beweisen, das sieht nach einem großen Spaß aus. Doch anhand von Renton erfährt die Zuschauerschaft, dass mehr dahintersteckt. Viel mehr. Denn es leiden und sterben Menschen, beginnt die coole, abenteuerliche Fassade bald zu blättern. Und immer wieder gelingt es der Serie einen neuen Twist einzubauen, die bösen Buben auch menschlich darzustellen und zu zeigen, dass Rentons Heimatplanet einige Geheimnisse verbirgt. “Eureka Seven” ist keine reine Abenteuerserie, sondern zeigt deutlich die Schattenseiten des Krieges, spricht sich gegen Gewalt und für die Liebe aus. Und dann ist da natürlich noch Eureka, der Dreh- und Angelpunkt.

Hier zeigt sich allerdings die konservative Seite der Produktion, die heutzutage und in unseren Breitengraden veraltet wirkt und ist. Denn Eureka wird weniger als starke, selbstsichere und eigenständige Person inszeniert, sondern bildet tatsächlich ein negatives, stereotypes Frauenbild ab. Eureka ist die Geliebte, die Mutter, diejenige, die sich dem Mann angleichen, gar anbiedern soll. Das kommt nicht nur auf einer Metabene zu tragen, sondern auch direkt und unverhüllt, in Eurekas Rolle als fürsorgliche Mutter dreier Kinder. Einige Dinge mögen in der Handlung ihren Ursprung haben und sich leicht ändern, im Kern zeigt es das Frauenbild der Produzenten (Bones) und auch von Regisseur Tomoki Kyōda. Das muss man nicht gut heißen, sollte auf alle Fälle hinterfragt werden. Allerdings ist “Eureka Seven” hier kein Ausreißer, sondern folgt der Norm der Animes. So ist es auch nicht Eureka alleine, die einem veralteten Frauenbild entspricht, sondern betrifft es auch andere weibliche Figuren innerhalb der Serie. Sie allesamt sind ihrem Schicksal unterworfen, steigen und fallen mit ihrem männlichen Gegenpart, sind direkt oder indirekt nur Opfer.

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Davon abgesehen macht “Eureka Seven” großen Spaß, ist sehr unterhaltsam und tiefgründig. Man kann die Serie zwar wie Popcorn regelrecht wegknabbern, aber auch kritisch betrachten und die Geschichte reflektieren, um die Komplexität der Handlung vollends zu begreifen. Dabei ist “Eureka Seven” nicht so verwirrend inszeniert wie, zum Beispiel “Neon Genesis Evangelion”. Die Zugänglichkeit bei “Eureka Seven” ist ungleich höher.

Um in den Serienkosmos einzusteigen, ist “Eureka Seven – Vol. 1” bestens geeignet, denn die erste Hälfte der Serie weiß bereits zu überzeugen, selbst mit einigen kleinen Startschwierigkeiten. Technisch gesehen gibt es auch keine großen Meckereien, allerdings erwies sich bei dem vorliegenden Rezensionsexemplar die letzte Blu-ray als empfindlich und kam mit einigen Bild- und Tonstörungen daher, die nach gründlicher und fachgerechter Reinigung der Disc beseitigt waren. Laut Angabe des Herstellers ist aber keine weitere Disc mit dieser Problematik bekannt, handelt es sich wohl um eine Ausnahme.

Unterm Strich ist die Serie einfach großartig und auch die Aufmachung der Box weiß zu gefallen. Box und Discs kommen in einem technoaffinen Look daher, was den Stil hervorragend unterstreicht. Zusätzlich liegen der Box in einem Kuvert drei Postkarten mit grandiosen Motiven bei, die wichtige Persönlichkeiten aus dem Eureka-Universum zeigen – allerdings weder Eureka, noch Renton. Das ist aber genau passend, zieren die beiden doch ausgiebig Box und Digipack.

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Bildmaterial © 2005 BONES / Project EUREKA

Titel als Blu-ray erhältlich bei Amazon.de

Eureka Seven – Vol. 1 Blu-ray-Edition

Produktionsland: Japan (2005-2006)
Originalsprache: Japanisch
Studio: Bones
Länge: je 23 Minuten

Regie: Tomoki Kyōda
Idee: Bones
Musik: Naoki Satō
Deutsche Synchronisation: Circle of Arts
Erstausstrahlung: 17. April 2005 – 2. April 2006 auf MBS, TBS
Deutschsprachige Erstausstrahlung: 5. Juni 2007 auf Animax

Format: Dolby, PAL, Surround Sound
Sprache: Japanisch (PCM 2.0 Stereo), Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 4
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Nipponart
Erscheinungstermin: 29. Januar 2016
Produktionsjahr: 2009
Spieldauer: 650 Minuten

Rollen und ihre Sprecher: Renton Thurston (Yuko Sanpei/Raúl Richter), Axl Thurston (Aono Takeshi/Ernst Meincke), Eureka (Kaori Nazuka/Julia Meynen), Holland (Keiji Fujiwara/Olaf Reichmann), Matthieu (Akio Nakamura/Viktor Neumann), Ken-Goh (Tamio Ohki/Tilo Schmitz), Dominic Sorel (Yamazaki Shigenori/Robin Kahnmeyer), Anemone (Koshimizu Ami/Isabelle Schmidt)