Tja, “Gantz” zu beschreiben ist keine einfache Sache, dafür ist diese Anime-Serie zu außergewöhnlich. Außerdem bedient sie recht extreme Geschmacksrichtungen, kommt mit einer verdrehten Handlung daher.

In dieser geht es vor allem um die beiden ehemaligen Freunde aus Kindheitstagen Kei und Masaru, die sich irgendwann aus den Augen verloren haben und eines Tages zufällig in einer U-Bahnstation wiedersehen. Allerdings unter dramatischen Umständen, denn Masaru versucht einen Wohnungssuchenden (heutzutage der politisch korrekte Ausdruck für “Obdachloser”) zu retten und bittet Kei dabei um Hilfe. Die Sache geht prompt schlimm und blutig aus.

Mit dem scheinbaren Tod von Kei und Masaru beginnt nun eine Tour de Force. Die beiden erscheinen plötzlich quicklebendig inmitten von Tokyo in einem Apartment. Auch andere Menschen befinden sich hier, von denen einige die beiden Freunde ein Stück des Weges begleiten werden. Allerdings ist das alles Teil eines undurchschaubaren Spiels, in dessen Mittelpunkt Gantz steht. So wird die schwarze Kugel genannt, in der ein Mensch steckt und futuristische Ausrüstung bereithält. Gantz zwingt Kei und Masaru zu einem perfiden Spiel, in dem es darum geht Aliens zu töten und Punkte zu sammeln. Fragen gibt es viele, aber keine Antworten.

Soweit zur Ausgangslage des Animes, die an sich schon ziemlich viel Zündstoff beinhaltet. Bereits in der Pilotepisode wird gezeigt, worum sich alles dreht: Sex, Gewalt, Sozialkritik, Charakterstudien und 3D-Animationen! Das klingt nach einer verdammt heißen Mischung, die sofort Laune auf mehr macht. Allerdings, um tatsächlich Spaß an der Sache zu haben, muss man schon recht hartgesotten sein. Die guten Ansätze laufen nämlich recht schnell gegen die Wand. Leider.

So weisen die Figuren zwar gelegentlich tiefgründige Charakterzüge auf, bleiben trotzdem weitgehend eindimensional. Das gilt auch für die beiden Protagonisten, von denen der eine triebgesteuert ist, während sich der andere als lethargische Heulsuse entpuppt. Als Love Interest dient für Kei und Masaru die propere Kei, die durch einen Suizid in diese merkwürdige Situation gezogen wurde. Anstatt hier jetzt geschickt auf das Thema Selbstmord einzugehen und Kei (die verwirrende Namensähnlichkeit mit dem männlichen Hauptdarsteller ist mehr als unglücklich) genauer zu skizzieren, endet sie als dummverliebtes Ding mit großen Brüsten.

Auch andere Figuren funktionieren ähnlich. Sie bieten einen spannenden Einstieg an, der Zug nimmt langsam Fahrt auf und dann fährt ins Nichts oder ändert die Strecke. Das ist nach hinten raus mehr als ärgerlich, denn von vielen der Figuren war eindeutig mehr zu erwarten.

Ebenso funktionieren die Actionsequenzen. Der Ansatz Aliens zu jagen ist ziemlich großartig, aber dann tauchen die ersten Aliens auf und enttäuschen im Grunde genommen nur. Vor allem ihre relative Motivationslosigkeit und der eigentlich fehlende Sinn ihrer Existenz. Auch hier sind tolle Ansätze zu erkennen, die sich in Nichts auflösen. Wenigstens geschieht das oft in einer blutigen Fontäne. Der Splatterfaktor ist in “Gantz” ordentlich und zeitweise in rasante Action verpackt, die aber andauernd auf Null abgebremst wird, in dem ellenlange, belanglose Dialoge das Feld übernehmen. Und die sind so langweilig, dass man kurz davor steht den Bildschirm anzubrüllen, es möge doch endlich weitergehen.

Diese langweiligen Dialoge beruhen darauf, dass von “Gantz” zwei Fassungen erstellt wurden. Die TV-Version des Animes ist ziemlich entschärft. Und zwar in allen Bereichen. Dort ist jede Episode ziemlich dialoglastig, es gibt weniger Blut und fliegende Körperteile wurden kunstvoll wegretuschiert. Die Disc-Fassung nimmt dagegen keine Rücksicht und zeigt alles – und zwar in dem die Retuschen verschwinden und die Actionszenen wieder zugefügt werden. Allerdings sind die langweiligen Dialoge noch immer vorhanden. Das ist dem Rhythmus extrem abträglich.

Ein weiteres Kunststück des “toll gemacht, aber leider Mist” sind die 3D-Animationen. Der Anime basiert auf der gleichnamigen Mangareihe des japanischen Zeichners Hiroya Oku. Dieser spekulierte wohl schon auf eine animierte Umsetzung und konnte somit ganze Szenarien bereits fertig für die 3D-Umsetzung vorlegen. Das wurde entsprechend ausgenutzt und so gibt es massig Kamerafahrten durch den freien Raum zu sehen, was meistens ziemlich imposant aussieht, sich aber aber manchmal mit dem Zeichenstil des Animes beißt oder auch dafür sorgt, dass das Bild merkwürdig verzerrt wirkt. Das ist sehr Schade, denn die Zeichnungen selbst kommen erwachsen, regelrecht geerdet daher. Das sorgt an sich für einen düsteren Stil, der gelungen zum mysteriösen, morbiden Hintergrund passt, vor allem in den nachdenklichen Momenten.

Schlussendlich, und auch passend, ist das Ende ziemlicher Quark. Denn leider hat der Anime in der Produktion den Manga überholt und die Trickfilmproduzenten haben sich die Handlung der letzten Episoden selbst aus den Fingern gesogen. Das führt zu einem inkonsequenten Finale, dass den Zuschauer ratlos zurücklässt. Das Finale im Manga ist dagegen weitaus runder.

“Gantz” ist allerdings kein schwaches Werk, denn es gibt auch sehr viele Sachen, die einfach gelungen sind, die Spaß machen, die den Verstand des Zuschauers fordern. Um so größer natürlich immer wieder der Ärger, wenn aufgebaute Erwartungen enttäuscht werden, die Figuren einfach mal wieder nur dumm in der Ecke stehen oder so sinnlos agieren, dass die eigenen Hirnzellen vor Mitleid platzen wollen.

Technisch ist “Gantz – Collectors Edition” ziemlich schick. Das Bild ist sauber und liegt in 16:9 vor, ist also auf dem aktuellen Stand. Auch beim Ton gibt es nichts zu meckern, was vor allem dem tollen Soundtrack zugute kommt. Vorausgesetzt man mag japanischen Hip-Hop, der mit Technoelementen versetzt ist, so wie das Opening dieser Serie.

Bei der Synchronisation gibt es nichts zu beanstanden. Sie zählt eindeutig zu den Highlights und sorgt dafür, dass die Figuren lebendig rüberkommen. Einzig die Aliens nerven, was aber am Drehbuch liegt. Diese Biester haben halt recht wenig zu sagen und lassen keine genaue Rückschlüsse zu, was ihre Dasein auf der Erde und ihre Beteiligung an Gantz’ Spiel angeht.

So bleibt unter dem Strich eine eher durchschnittliche Serie, die allerdings toll aufbereitet wurde. Der Pappschuber sieht einfach klasse aus und das Digibook ist passend gestaltet, ebenso wie die Dics. Darauf sind die Figuren der Serie in ihren futuristischen Kampfanzügen zu sehen. Dazu gibt es ein kleines Booklet, in dem nochmals auf die Handlung und die wichtigsten Figuren eingegangen wird. abgerundet wird der Inhalt der Box durch drei schicke Postkarten. Vom Stil her hat die Box eindeutig die Nase vorne und ist ein Schmuckstück. Auch das Bonusmaterial auf den DVDs kann sich sehen lassen und lässt keine Wünsche übrig. Dank deutschem Untertitel, ist zum Verständnis kein japanisch nötig. Das Bonusmaterial sollte allerdings erst nach der kompletten Serie angeschaut werden, da sonst arg gespoilert wird.

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Gantz
Collector’s Edition

Regisseur: Ichirô Itano

Format: Collector’s Edition, Dolby, DTS, PAL
Sprache: Japanisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 4:3 – 1.33:1
Folgen: 26 Episoden auf 6 Discs
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

Studio: Nipponart
Erscheinungstermin: 12. Dezember 2014
Produktionsjahr: 2007
Laufzeit: ca. 780 Minuten

Extras: Booklet, Postkarten-Set, Interviews mit Regisseur & Seiyû, Artworkgalerie,Talkrunde mit den Hauptdarstellern, Sound-Director und Seiyû, Interview mit Hiroya Oku (Original-Manga-Autor) und Schauspielerin Chiaki Kuriyama (Gogo Yubari in „Kill Bill“), Die 3D-CGI-Erstellung der Buddha-Statuen-Staffel, Animations-Special, „Making of“-Special