Zeichentrick- und Animationsfilme sind sehr beliebt, befinden sich aber weitgehend in der Hand weniger Riesen und sind im Grunde genommen nur noch eine Variation des Üblichen. Zwar gibt es es hin und wieder Glanzlichter, aber diese sind eher die Ausnahme als die Regel. Glücklicherweise schafft es auch immer wieder mal eine Produktion den Riesen ein paar Nadelstiche zu verpassen. So auch hier.

Dabei hat Regisseur und Produzent Sergio Pablo seine Wurzeln durchaus bei einem der Riesen. Er war viele Jahre bei Disney angestellt und hat dort an bekannten Filmen wie „Der Glöckner von Notre Dame“, „Tarzan“ oder auch „Der Schatzplanet“ mitgewirkt. Mit seinen spanischen Animation Studios geht er nun eigene Wege. Dabei versucht er die Klassik (den alten Zeichentrick) mit der Moderne (der Computeranimation) zu vereinen. Ähnliches ist auch von bekannten japanischen Animestudios bekannt. Nun etwas aus Spanien.

Im Rahmen einer Weihnachtsgeschichte, verpasst Pablos dem Weihnachtsmann und dessen Ursprung eine Runderneuerung. Er klammert das Thema Religion dabei vollkommen aus (außer man sieht einen Bezug in den verkrusteten und missgünstigen Traditionen der Zwietrachter) und präsentiert eine neue, frische Hintergrundgeschichte. Und diese ist schön erzählt und geht zu Herzen.

Sie beginnt damit, dass der verwöhnte und angehende Postbote Jesper von seinem Vater nach Zwietrachting versetzt wird. Hier muss er eine bestimmte Anzahl an Briefen weiterbefördern, bevor er wieder zurück in sein Luxusleben kann. Das Problem: In dem verschlafenen Städtchen im Norden gibt es zwei verfeindete Lager, die sich schon rein der Tradition wegen hassen und vernünftigen Gründen gegenüber nicht aufgeschlossen sind. Briefe schreibt hier keiner.

Während Jesper nun durch das Tal des Selbstmitleids watet, kommt er durch Zufall an eine Kinderzeichnung, lernt den einsamen alten Holzfäller Klaus kennen und entdeckt, dass dieser einen großen Haufen selbstgebautes Spielzeug besitzt. Ist das erste Geschenk an einen kleinen Jungen noch ein Zufall, legt es Jesper dann aus egoistischen Gründen darauf an, dass die Kinder Briefe schreiben, um Spielzeug zu bekommen. Das Ganze zieht dann einen wahren Rattenschwanz an Veränderungen hinter sich her, die langsam alles in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Um diese wunderschöne Geschichte zu erzählen, werden nun klassischer Zeichentrick mit moderner Computertechnik verbunden. Dadurch wirken die liebevoll karikaturartigen Figuren lebendig und wird eine Lichtstimmung erreicht, die sehr tief geht und sich im Laufe des Films immer weiter verändert. Eine Hauruckmentalität und Holzhammermethode wie bei den großen Studios gibt es nicht. Die Veränderungen in Charakterzeichnung, Motivation und Farben finden langsam und subtil statt. Der Witz an den lustigen Szenen ergibt sich weitgehend aus der Situation selbst und verzichtet, bis auf wenige Ausnahmen, auf billige Anspielungen zur Popkultur oder lakonische Sprüche. Vor allem Letzteres macht die Figuren so liebenswert.

Die Geschichte ist dabei mit wunderbaren Ideen gespickt, woher die bei uns heute in der westlichen Welt bekannten Weihnachtstraditionen stammen. Der Schlitten, die Rentiere, Kakao und Plätzchen, Geschenke, der rote Anzug, der weiße Bart, das der Weihnachtsmann durch die Nacht fliegt und so weiter und so fort. Das ist alles so herzlich gemacht und liebenswert, da bleibt einem glatt die Spucke weg. Und es schwingt sogar etwas Moral mit, den laut dem Film zieht eine gute Tat immer eine weitere nach sich. Was Sergio Pablos zusammen mit Netflix auf die Beine gestellt hat ist famos und macht einfach Spaß. Großartig, dass Pablos den Mut hatte in Bezug auf die Technik neue Wege zu gehen.

Bei der Musik wurden dagegen keine großartigen Neuerungen gewagt. Alfonso G. Aguilar liefert solide ab, setzt aber keine Höhepunkte. Dazu kommt noch etwas aktueller Pop. Hier wäre etwas mehr Experimentierfreude schön gewesen, aber kein Muss. Die Synchronisation ist gelungen und macht Spaß. Vor allem Jesper (Ralf Schmitz) und Klaus (Rufus Beck) passen wie die Faust aufs Auge. Wirklich toll gemacht.

Trotz im allgemeinen tollen Ideen, sympathischen Figuren, witzigen Szenen und einer herzergreifenden Geschichte, gibt es winzige Abzüge in der B-Note. Da wäre einmal Alva, die Lehrerin, die an sich eine tolle Figur ist. Leider setzt sie keine Akzente und dient nur als kleiner romantischer Motivator für Jesper. Das ist sehr Schade, aber im Grunde genommen ist Klaus ein Buddy-Movie. Was wirklich skeptisch betrachtet werden muss ist die Tatsache, dass als großer Motivator des Films schlichtweg der Konsum und die Gier gelten. Die Veränderungen der Menschen zum Guten hin erfolgt durch die Veränderung der Kinderherzen. Und diese erhalten ihren Antrieb wiederum durch den Wunsch nach Geschenken, die sie glücklich machen. Wer die Welt also zum Besseren verändern will, der macht seinen Mitmenschen Geschenke. Wie gut man das findet, muss jeder selbst entscheiden. Auf jeden Fall erklärt es den Brauch der Geschenke an Weihnachten und nimmt dabei die Religion raus.

Trotz kleiner Kritikpunkte ist „Klaus“ für mich der beste Animationsfilm in diesem Jahr. Der Film zieht im Rentiertempo locker an sämtlichen anderen Produktion vorbei und lässt sie in einer wirbelnden Schneewolke zurück. Großartig, „Klaus“!

4 von 5 Zuckerstangen, plus zwei Bonusgeschenke für die tolle Machart und Herz für die Liebenswertigkeit

 

Copyright (c) 2019 by Günther Lietz
Bildmaterial (c) Netflix

Klaus
Originaltitel: Klaus

Produktionsland: Spanien (2019)
Länge: 96 Minuten
Altersfreigabe: FSK 6

Regie: Sergio Pablos
Drehbuch: Zach Lewis, Jim Mahoney
Produktion: Gustavo Ferrada, Mercedes Gamero, Jinko Gotoh, Mikel Lejarza, Sergio Pablos, Marisa Roman, Matthew Teevan
Musik: Alfonso G. Aguilar
Schnitt: Pablo García Revert

Sprecher: Jesper (Ralf Schmitz), Klaus (Rufus Beck), Alva (Josefine Preuß), Mrs. Krum (Uschi Glas), Mr. Ellingboe (Wolfgang Müller), Mogens (Gudo Hoegel)